Gefunden auf libcom, die Übersetzung ist von uns.
Paul Mattick. 1935 Die Lenin-Legende
Veröffentlicht in International Council Correspondence, Band 2, Nr. 1, Dezember 1935, und nachgedruckt in Western Socialist, Band 13, Nr. III, Januar 1946. 1978 wurde der Text in Paul Matticks Anti-Bolshevik Communism (Merlin Press, London, 1978;) veröffentlicht.
Je gelber und ledriger die Haut des mumifizierten Lenin wird und je höher die statistisch ermittelte Besucherzahl des Lenin-Mausoleums steigt, desto weniger interessieren sich die Menschen für den echten Lenin und seine historische Bedeutung. Immer mehr Denkmäler werden zu seinem Gedenken errichtet, immer mehr Filme gedreht, in denen er die zentrale Figur ist, immer mehr Bücher über ihn geschrieben, und die russischen Konditoren modellieren Süßigkeiten in Formen, die seine Gesichtszüge tragen. Und doch entspricht die Verblassung der Gesichter auf Lenins Schokolade der Unklarheit und Unwahrscheinlichkeit der Geschichten, die über ihn erzählt werden. Auch wenn das Lenin-Institut in Moskau seine gesammelten Werke veröffentlicht, haben diese neben den fantastischen Legenden, die sich um seinen Namen ranken, keine Bedeutung mehr.
Sobald sich die Menschen mit Lenins Kragenknöpfen zu beschäftigen begannen, hörten sie auch auf, sich um seine Ideen zu kümmern. Jeder formt sich also seinen eigenen Lenin, und wenn nicht nach seinem eigenen Bild, so doch jedenfalls nach seinen eigenen Wünschen. Was die Napoleon-Legende für Frankreich und die Legende von Fredricus Rex für Deutschland ist, das ist die Lenin-Legende für das neue Russland. So wie die Menschen einst den Tod Napoleons absolut nicht glauben wollten und so wie sie auf die Auferstehung Friedrichs des Großen hofften, so gibt es in Russland auch heute noch Bauern, für die der neue „kleine Vater Zar“ nicht gestorben ist, sondern weiterhin seinen unersättlichen Appetit stillt, indem er von ihnen immer neue Abgaben fordert. Andere zünden ewige Lichter unter dem Bild Lenins an: Für sie ist er ein Heiliger, ein Erlöser, den man um Hilfe anruft. Millionen von Augen starren auf Millionen dieser Bilder und sehen in Lenin den russischen Moses, den Heiligen Georg, Odysseus, Herkules, Gott oder den Teufel. Der Lenin-Kult ist zu einer neuen Religion geworden, vor der selbst die atheistischen Kommunisten gerne die Knie beugen: Er macht das Leben in jeder Hinsicht leichter. Lenin erscheint ihnen als der Vater der Sowjetrepublik, als der Mann, der den Sieg der Revolution ermöglichte, als der große Anführer, ohne den sie selbst nicht existieren würden. Doch nicht nur in Russland und nicht nur in der volkstümlichen Legende, sondern auch für einen großen Teil der marxistischen Intelligenz weltweit ist die Russische Revolution zu einem Weltereignis geworden, das so eng mit dem Genie Lenins verbunden ist, dass man den Eindruck gewinnt, ohne ihn hätten diese Revolution und damit auch die Weltgeschichte möglicherweise einen ganz anderen Verlauf genommen. Eine wahrhaft objektive Analyse der Russischen Revolution wird jedoch sofort die Unhaltbarkeit einer solchen Vorstellung offenbaren.
„Die Behauptung, dass Geschichte von großen Männern gemacht wird, ist aus theoretischer Sicht völlig unbegründet.“ Mit diesen Worten wendet sich Lenin selbst gegen die Legende, die darauf besteht, ihn allein für den ‚Erfolg‘ oder das ‚Verbrechen‘ der Russischen Revolution verantwortlich zu machen. Er betrachtete den Weltkrieg als entscheidend für die unmittelbare Ursache ihres Ausbruchs und für den Zeitpunkt ihres Geschehens. Ja; ohne den Krieg, sagt er, „wäre die Revolution möglicherweise um Jahrzehnte verschoben worden.“ Die Vorstellung, dass der Ausbruch und der Verlauf der Russischen Revolution in sehr hohem Maße von Lenin abhingen, impliziert zwangsläufig eine vollständige Gleichsetzung der Revolution mit der Machtübernahme durch die Bolschewiki. Trotzki hat eine Bemerkung in diesem Sinne gemacht, dass der gesamte Verdienst für den Erfolg des Oktoberaufstands Lenin gebührt; gegen den Widerstand fast aller seiner Parteifreunde wurde der Beschluss zum Aufstand allein von ihm durchgesetzt. Doch die Machtergreifung der Bolschewiki verlieh der Revolution nicht den Geist Lenins; im Gegenteil, Lenin hatte sich so vollständig an die Erfordernisse der Revolution angepasst, dass er praktisch die Aufgabe jener Klasse erfüllte, die er angeblich bekämpfte. Natürlich wird oft behauptet, dass sich mit der Übernahme der Staatsmacht durch die Bolschewiki die ursprünglich bourgeois-demokratische Revolution sogleich in eine sozialistisch-proletarische verwandelte. Aber kann man wirklich ernsthaft glauben, dass ein einziger politischer Akt eine ganze historische Entwicklung ersetzen kann; dass sieben Monate – von Februar bis Oktober – ausreichten, um die ökonomischen Voraussetzungen für eine sozialistische Revolution in einem Land zu schaffen, das gerade dabei war, seine feudalen und absolutistischen Fesseln abzuschütteln, um den Kräften des modernen Kapitalismus freieren Lauf zu lassen?
Bis zur Revolution und in sehr großem Maße sogar noch heute spielte die Agrarfrage die entscheidende Rolle in der ökonomischen und sozialen Entwicklung Russlands. Von den 174 Millionen Einwohnern vor dem Krieg lebten nur 24 Millionen in Städten. Von tausend Berufstätigen waren 719 in der Landwirtschaft beschäftigt. Trotz ihrer enormen ökonomischen Bedeutung fristete die Mehrheit der Bauern nach wie vor ein elendes Dasein. Die Ursache für ihre erbärmliche Lage war der Mangel an Boden. Staat, Adel und Großgrundbesitzer sicherten sich mit asiatischer Brutalität eine skrupellose Ausbeutung der Bevölkerung.
Seit der Abschaffung der Leibeigenschaft (1861) war der Mangel an Land für die Bauernmassen stets das Thema, um das sich alle anderen Fragen in der russischen Innenpolitik drehten. Er bildete das Hauptziel aller Reformbemühungen, die darin die treibende Kraft der herannahenden Revolution sahen, die es abzuwenden galt. Die Finanzpolitik des zaristischen Regimes mit ihren immer neuen Abgaben an indirekten Steuern verschlimmerte die Lage der Bauern noch weiter. Die Ausgaben für Armee, Flotte und Staatsapparat erreichten gigantische Ausmaße; der größte Teil des Staatshaushalts floss in unproduktive Zwecke, was die ökonomische Grundlage der Landwirtschaft völlig ruinierte.
„Freiheit und Land“ war somit die notwendige revolutionäre Forderung der Bauern. Unter diesem Losungswort kam es zu einer Reihe von Bauernaufständen, die bald, in der Zeit von 1902 bis 1906, beträchtliche Ausmaße annahmen. In Verbindung mit den gleichzeitig stattfindenden Massenstreikbewegungen der Arbeiter verursachten sie eine so heftige Erschütterung im Herzen des Zarismus, dass diese Periode wahrhaftig als „Generalprobe“ für die Revolution von 1917 bezeichnet werden kann. Wie der Zarismus auf diese Aufstände reagierte, lässt sich am besten mit den Worten des damaligen Vizegouverneurs von Tambow, Bogdanowitsch, veranschaulichen: „Wenige verhaftet, die meisten erschossen.“ Und einer der Offiziere, der an der Niederschlagung der Aufstände beteiligt war, schrieb: „Überall um uns herum Blutvergießen; alles geht in Flammen auf; wir schießen, schlagen nieder, stechen zu.“ In diesem Meer aus Blut und Flammen wurde die Revolution von 1917 geboren.
Ungeachtet der Niederlagen wurde der Druck der Bauern immer bedrohlicher. Er führte zu den Stolypin-Reformen, die jedoch nur leere Gesten waren, bei Versprechungen stehen blieben und die Agrarfrage in Wirklichkeit keinen einzigen Schritt voranbrachten. Aber sobald man den kleinen Finger herausstrecken musste, wird bald nach der ganzen Hand gegriffen. Die weitere Verschlechterung der Lage der Bauern während des Krieges, die Niederlage der zaristischen Armeen an den Fronten, die wachsende Revolte in den Städten, die chaotische zaristische Politik, bei der jegliche Vernunft über Bord geworfen wurde, das allgemeine Dilemma, in das alle Klassen der Gesellschaft gerieten, führten zur Februarrevolution, die vor allem endlich die gewaltsame Lösung der Agrarfrage herbeiführte; eine Frage, die im vergangenen halben Jahrhundert brennend aktuell gewesen war. Ihr politischer Charakter wurde dieser Revolution jedoch nicht von der Bauernbewegung aufgezwungen; diese Bewegung verlieh ihr lediglich ihre große Kraft. In den ersten Verlautbarungen des Zentralen Exekutivkomitees der Petersburger Arbeiter- und Soldatenräte wurde die Agrarfrage nicht einmal erwähnt. Doch die Bauern drängten sich der neuen Regierung bald auf. Da sie es leid waren, darauf zu warten, dass diese in der Agrarfrage eine Aktion startete, begannen die enttäuschten Bauernmassen im April und Mai 1917, sich das Land selbst anzueignen. Die Soldaten an der Front, die befürchteten, bei der neuen Verteilung nicht ihren gerechten Anteil zu erhalten, verließen die Schützengräben und eilten zurück in ihre Dörfer. Sie nahmen jedoch ihre Waffen mit und ließen der neuen Regierung somit keine Möglichkeit, sie daran zu hindern. All ihre Appelle an das Nationalgefühl und die Unantastbarkeit russischer Interessen waren machtlos gegen das Verlangen der Massen, endlich für ihre eigenen ökonomischen Bedürfnisse zu sorgen. Und diese Bedürfnisse gipfelten in Frieden und Land. Es wurde damals berichtet, dass Bauern, die angefleht wurden, an der Front zu bleiben, da sonst die Deutschen Moskau besetzen würden, ziemlich verwirrt waren und den Regierungsgesandten antworteten: „Und was geht uns das an? Wir kommen doch aus dem Tambow-Gebiet.“
Lenin und die Bolschewiki haben die erfolgreiche Parole „Land den Bauern“ nicht erfunden; vielmehr haben sie die echte Bauernrevolution akzeptiert, die sich unabhängig von ihnen entwickelte. Die Bolschewiki nutzten die schwankende Haltung des Kerenski-Regimes aus, das immer noch hoffte, die Agrarfrage auf dem Wege friedlicher Diskussionen lösen zu können; sie gewannen das Wohlwollen der Bauern und konnten so die Kerenski-Regierung vertreiben und selbst die Macht übernehmen. Doch dies war ihnen nur als Vertreter des Willens der Bauern möglich, indem sie deren Aneignung von Land billigten, und nur durch deren Unterstützung konnten sich die Bolschewiki an der Macht halten.
Die Parole „Land den Bauern“ hat nichts mit kommunistischen Prinzipien zu tun. Die Aufteilung der Großgrundbesitze in eine Vielzahl kleiner, unabhängiger landwirtschaftlicher Betriebe war eine Maßnahme, die dem Sozialismus direkt entgegenstand und sich nur mit taktischer Notwendigkeit rechtfertigen ließ. Die späteren Änderungen in der Bauernpolitik Lenins und der Bolschewiki konnten nichts an den unvermeidlichen Folgen dieser ursprünglichen opportunistischen Politik ändern. Trotz aller Kollektivierungen, die sich bislang weitgehend auf die technische Seite des Produktionsprozesses beschränken, wird die russische Landwirtschaft auch heute noch im Wesentlichen von privaten ökonomischen Interessen und Motiven bestimmt. Und das bedeutet, dass es auch im industriellen Bereich unmöglich ist, über eine staatskapitalistische Ökonomie hinauszukommen. Auch wenn dieser Staatskapitalismus darauf abzielt, die bäuerliche Bevölkerung vollständig in ausbeutbare landwirtschaftliche Arbeiter zu verwandeln, ist es angesichts der neuen revolutionären Auseinandersetzungen, die mit einem solchen Unterfangen verbunden sind, keineswegs wahrscheinlich, dass dieses Ziel erreicht wird. Die gegenwärtige Kollektivierung kann nicht als Verwirklichung des Sozialismus angesehen werden. Das wird deutlich, wenn man bedenkt, dass Beobachter des Geschehens in Russland wie Maurice Hindus es für möglich halten, dass „selbst wenn die Sowjets zusammenbrechen sollten, die russische Landwirtschaft kollektiviert bliebe, wobei die Kontrolle vielleicht eher in den Händen der Bauern als der Regierung läge“. Doch selbst wenn die bolschewistische Agrarpolitik zum gewünschten Ziel führen würde, nämlich zu einem sich auf alle Zweige der Ökonomie erstreckenden Staatskapitalismus, bliebe die Lage der Arbeiter dennoch unverändert. Auch könnte eine solche Vollendung nicht als Übergang zum echten Sozialismus angesehen werden, da jene Teile der Bevölkerung, die nun durch den Staatskapitalismus privilegiert wären, ihre Privilegien gegen alle Veränderungen genauso verteidigen würden, wie es zuvor die Kapitalbesitzer zur Zeit der Revolution von 1917 taten.
Die Arbeiter bildeten immer noch eine sehr kleine Minderheit der Bevölkerung und waren dementsprechend nicht in der Lage, der Russischen Revolution einen Charakter aufzudrücken, der ihren eigenen Bedürfnissen entsprach. Die bourgeoisen Elemente, die ebenfalls gegen den Zarismus kämpften, schreckten bald vor der Natur ihrer eigenen Aufgaben zurück. Sie konnten der revolutionären Lösung der Agrarfrage nicht zustimmen, da eine allgemeine Enteignung des Bodens allzu leicht die Enteignung der Industrie nach sich ziehen könnte. Weder die Bauern noch die Arbeiter folgten ihnen, und das Schicksal der Bourgeoisie wurde durch das vorübergehende Bündnis zwischen diesen beiden Gruppen besiegelt. Nicht die Bourgeoisie, sondern die Arbeiter brachten die bourgeoise Revolution zu Ende; den Platz der Kapitalisten übernahm der bolschewistische Staatsapparat unter der leninistischen Parole: „Wenn schon Kapitalismus, dann machen wir ihn.“ Natürlich hatten die Arbeiter in den Städten den Kapitalismus gestürzt, aber nur, um nun den bolschewistischen Parteiapparat zu ihren neuen Herren zu machen. In den Industriestädten ging der Kampf der Arbeiter unter sozialistischen Forderungen weiter, scheinbar unabhängig von der gleichzeitig stattfindenden Bauernrevolution und doch in entscheidender Weise von dieser bestimmt. Die ursprünglichen revolutionären Forderungen der Arbeiter waren objektiv nicht durchführbar. Zwar gelang es den Arbeitern mit Hilfe der Bauern, die Staatsmacht für ihre Partei zu erringen, doch nahm dieser neue Staat bald eine Haltung ein, die den Interessen der Arbeiter direkt entgegenstand. Eine Opposition, die schon heute Formen angenommen hat, die es tatsächlich ermöglichen, von einem „roten Zarismus“ zu sprechen: Unterdrückung von Streiks, Deportationen, Massenhinrichtungen und damit auch das Entstehen neuer illegaler Organisationen, die eine kommunistische Revolte gegen den gegenwärtigen Scheinsozialismus führen. Das Gerede von gerade eben über eine Ausweitung der Demokratie in Russland, der Gedanke, eine Art Parlamentarismus einzuführen, der Beschluss auf dem letzten Sowjetkongress über die Abschaffung der Diktatur – all das ist lediglich ein taktisches Manöver, das die jüngsten Gewalttaten der Regierung gegen die Opposition kompensieren soll. Diese Versprechen sind nicht ernst zu nehmen, sondern ein Auswuchs der leninistischen Praxis, die stets darauf ausgelegt war, im Interesse ihrer eigenen Stabilität und Sicherheit gleichzeitig in beide Richtungen zu wirken. Der Zickzackkurs der leninistischen Politik entspringt der Notwendigkeit, sich ständig den Verschiebungen der Klassenkräfte in Russland so anzupassen, dass die Regierung stets Herr der Lage bleibt. Und so wird heute akzeptiert, was gestern noch abgelehnt wurde, oder umgekehrt; Prinzipienlosigkeit wurde zum Prinzip erhoben, und die leninistische Partei kümmert sich nur um eines, nämlich die Ausübung der Staatsmacht um jeden Preis.
An dieser Stelle geht es uns jedoch nur darum, deutlich zu machen, dass die Russische Revolution nicht von Lenin oder den Bolschewiki abhängig war, sondern dass das entscheidende Element darin die Revolte der Bauern war. Und übrigens hatte Sinowjew, der zu dieser Zeit noch an der Macht und auf Lenins Seite stand, noch auf dem 11. Parteitag der Bolschewiki (März–April 1921) erklärt: „Nicht die proletarische Avantgarde auf unserer Seite, sondern der Überlauf der Armee zu uns, weil wir Frieden forderten, war der entscheidende Faktor für unseren Sieg. Die Armee bestand jedoch aus Bauern. Hätten uns nicht die Millionen bäuerlicher Soldaten unterstützt, wäre unser Sieg über die Bourgeoisie undenkbar gewesen.“ Das große Interesse der Bauern an der Landfrage und ihr geringes Interesse an der Regierungsfrage ermöglichten es den Bolschewiki, einen siegreichen Kampf um die Regierung zu führen. Die Bauern waren durchaus bereit, den Kreml den Bolschewiki zu überlassen, vorausgesetzt nur, dass man sie in ihrem eigenen Kampf gegen die Großgrundbesitzer nicht behinderte.
Aber selbst in den Städten war Lenin nicht der entscheidende Faktor in den Konflikten zwischen Kapital und Arbeit. Im Gegenteil, er wurde hilflos im Sog der Arbeiter mitgerissen, die in ihren Forderungen und konkreten Maßnahmen weit über die Bolschewiki hinausgingen. Nicht Lenin führte die Revolution, sondern die Revolution führte ihn. Obwohl Lenin noch während des Oktoberaufstands seine früheren und radikaleren Forderungen auf die Kontrolle der Produktion beschränkte und sich mit der Vergesellschaftung der Banken und Verkehrseinrichtungen begnügen wollte, ohne das Privateigentum generell abzuschaffen, schenkten die Arbeiter seinen Ansichten keine Beachtung mehr und enteigneten alle Betriebe. Es ist interessant, daran zu erinnern, dass sich das erste Dekret der bolschewistischen Regierung gegen die wilden, nicht genehmigten Enteignungen von Fabriken durch die Arbeiterräte richtete. Doch diese Sowjets waren immer noch stärker als der Parteiapparat und zwangen Lenin, das Dekret zur Verstaatlichung aller Industriebetriebe zu erlassen. Erst unter dem Druck der Arbeiter willigten die Bolschewiki in diese Änderung ihrer eigenen Pläne ein. Allmählich, durch die Ausweitung der Staatsmacht, schwächte sich der Einfluss der Sowjets ab, bis sie heute nicht mehr als dekorative Zwecke erfüllen.
In den ersten Jahren der Revolution, bis zur Einführung der Neuen Ökonomischen Politik (1921), gab es in Russland natürlich tatsächlich einige Experimente im kommunistischen Sinne. Dies ist jedoch nicht Lenin anzurechnen, sondern jenen Kräften, die ihn zu einem politischen Chamäleon machten, das mal eine reaktionäre, mal eine revolutionäre Farbe annahm. Neue Bauernaufstände gegen die Bolschewiki treiben Lenin zunächst zu einer radikaleren Politik, zu einer stärkeren Betonung der Interessen der Arbeiter und der armen Bauern, die bei der ersten Landverteilung zu kurz gekommen waren. Doch dann erweist sich diese Politik als Fehlschlag, da die armen Bauern, deren Interessen auf diese Weise bevorzugt werden, sich weigern, die Bolschewiki zu unterstützen, und Lenin „sich wieder den Mittelbauern zuwendet“. In einem solchen Fall hat Lenin keine Skrupel, die privatkapitalistischen Elemente erneut zu stärken, und die früheren Verbündeten, die sich nun unwohl fühlen, werden mit Kanonen niedergeschossen, wie es in Kronstadt der Fall war.
Die Macht und nichts als die Macht: Darauf läuft schließlich die gesamte politische Weisheit Lenins hinaus. Die Tatsache, dass die Wege, auf denen sie erlangt wird, die Mittel, die zu ihr führen, wiederum die Art und Weise bestimmen, wie diese Macht angewendet wird, war eine Angelegenheit, die ihn kaum interessierte. Der Sozialismus war für ihn letztendlich nur eine Art Staatskapitalismus nach dem „Vorbild der deutschen Post“. Und diesen Staatskapitalismus überholte er auf seinem Weg, denn tatsächlich gab es nichts anderes zu überholen. Es ging lediglich darum, wer der Nutznießer des Staatskapitalismus sein sollte, und hier räumte Lenin niemandem den Vorrang ein. Und so hatte George Bernard Shaw, als er aus Russland zurückkehrte, völlig Recht, als er in einem Vortrag vor der Fabian Society in London erklärte, dass „der russische Kommunismus nichts anderes ist als die Praxis des Fabian-Programms, das wir seit vierzig Jahren predigen“.
Niemand hat jedoch bisher den Fabians unterstellt, eine weltrevolutionäre Kraft in sich zu bergen. Und Lenin wird natürlich in erster Linie als Weltrevolutionär gefeiert, ungeachtet der Tatsache, dass die derzeitige russische Regierung, die sein „Erbe“ verwaltet, dies nachdrücklich dementiert, wenn die Presse Berichte über russische Trinksprüche auf die Weltrevolution veröffentlicht. Die Legende von der weltrevolutionären Bedeutung Lenins speist sich aus seiner konsequenten internationalen Haltung während des Weltkriegs. Für Lenin war es damals völlig unvorstellbar, dass eine russische Revolution keine weiteren Auswirkungen haben und sich selbst überlassen bleiben würde. Dafür gab es zwei Gründe: Erstens, weil ein solcher Gedanke im Widerspruch zur objektiven Situation stand, die sich aus dem Weltkrieg ergab; und zweitens ging er davon aus, dass der Ansturm der imperialistischen Nationen gegen die Bolschewiki der russischen Revolution den Garaus machen würde, wenn das Proletariat Westeuropas nicht zu Hilfe eilen würde. Lenins Aufruf zur Weltrevolution war in erster Linie ein Aufruf zur Unterstützung und Aufrechterhaltung der bolschewistischen Macht. Der Beweis, dass es nicht viel mehr als das war, liegt in seiner Unbeständigkeit in dieser Frage: Neben seinen Forderungen nach einer Weltrevolution trat er gleichzeitig für das „Selbstbestimmungsrecht aller unterdrückten Völker“ und für deren nationale Befreiung ein. Doch diese Doppelbuchführung entsprang ebenfalls dem jakobinischen Bedürfnis der Bolschewiki, an der Macht zu bleiben. Mit beiden Parolen wurden die Interventionskräfte der kapitalistischen Länder in russischen Angelegenheiten geschwächt, da ihre Aufmerksamkeit so auf ihre eigenen Gebiete und Kolonien abgelenkt wurde. Für die Bolschewiki bedeutete das eine Atempause. Um diese so lange wie möglich zu machen, gründete Lenin seine Internationale. Sie stellte sich eine doppelte Aufgabe: einerseits, die Arbeiter Westeuropas und Amerikas dem Willen Moskaus unterzuordnen; andererseits, den Einfluss Moskaus auf die Völker Ostasiens zu stärken. Die Arbeit auf internationaler Ebene orientierte sich am Verlauf der Russischen Revolution. Das Ziel bestand darin, die Interessen der Arbeiter sowie der Bauern weltweit zu bündeln und sie durch die Kommunistische Internationale unter der Kontrolle der Bolschewiki zu vereinen. Auf diese Weise erhielt zumindest die bolschewistische Staatsmacht in Russland Unterstützung; und sollte sich die Weltrevolution tatsächlich ausbreiten, sollte die Macht über die Welt errungen werden. Doch während der erste Plan von Erfolg gekrönt war, blieb der zweite unerfüllt. Die Weltrevolution konnte sich als erweiterte Nachahmung der russischen Revolution nicht durchsetzen, und die nationalen Grenzen des Sieges in Russland machten die Bolschewiki zwangsläufig zu einer Kraft der Konterrevolution auf internationaler Ebene. Daher wurde auch die Forderung nach der „Weltrevolution“ in die „Theorie vom Aufbau des Sozialismus in einem Land“ umgewandelt. Und das ist keine Verfälschung des leninistischen Standpunkts – wie beispielsweise Trotzki heute behauptet –, sondern die direkte Folge der pseudoweltrevolutionären Politik, die Lenin selbst verfolgte.
Es war damals selbst vielen Bolschewiki klar, dass die Beschränkung der Revolution auf Russland die Russische Revolution selbst zu einem Faktor machen würde, durch den die Weltrevolution behindert würde. So schrieb beispielsweise Eugene Varga in seinem Buch „Ökonomische Probleme der proletarischen Diktatur“, herausgegeben von der Kommunistischen Internationale (1921): „Es besteht die Gefahr, dass Russland als treibende Kraft der internationalen Revolution ausgeschaltet wird … Es gibt Kommunisten in Russland, die es leid sind, auf die europäische Revolution zu warten, und das Beste aus ihrer nationalen Isolation machen wollen … Mit einem Russland, das die soziale Revolution der anderen Länder als eine Angelegenheit betrachtet, die es nichts angeht, könnten die kapitalistischen Länder jedenfalls in friedlicher Nachbarschaft leben. Ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass eine solche Einengung des revolutionären Russlands den Fortschritt der Weltrevolution aufhalten könnte. Aber dieser Fortschritt würde verlangsamt werden.“ Und angesichts der sich zu dieser Zeit verschärfenden innenpolitischen Krisen in Russland dauerte es nicht lange, bis fast alle Kommunisten, einschließlich Varga selbst, das Gefühl hatten, über das sich Varga hier beklagt. Tatsächlich bemühten sich Lenin und Trotzki schon früher, sogar bereits 1920, die revolutionären Kräfte Europas einzudämmen. Weltweiter Frieden war erforderlich, um den Aufbau des Staatskapitalismus in Russland unter der Führung der Bolschewiki zu sichern. Es war nicht ratsam, diesen Frieden durch Krieg oder neue Revolutionen zu stören, denn in beiden Fällen würde ein Land wie Russland mit Sicherheit hineingezogen werden. Dementsprechend zwang Lenin der Arbeiterbewegung Westeuropas durch Spaltung und Intrigen einen neo-reformistischen Kurs auf, der zu ihrer völligen Auflösung führte. Mit scharfen Worten wandte sich Trotzki, mit Lenins Zustimmung, gegen den Aufstand in Mitteldeutschland (1921): „Wir müssen den deutschen Arbeitern unmissverständlich sagen, dass wir diese Philosophie der Offensive als die größte Gefahr und in ihrer Praxis als das größte politische Verbrechen betrachten.“ Und in einer anderen revolutionären Situation, im Jahr 1923, erklärte Trotzki dem Korrespondenten des Manchester Guardian, erneut mit Lenins Zustimmung: „Wir sind natürlich am Sieg der Arbeiterklasse interessiert, aber es liegt keineswegs in unserem Interesse, dass die Revolution in einem ausgebluteten und erschöpften Europa ausbricht und das Proletariat aus den Händen der Bourgeoisie nichts als Trümmer erhält. Wir sind an der Aufrechterhaltung des Friedens interessiert.“ Und zehn Jahre später, als Hitler die Macht ergriff, rührte die Kommunistische Internationale keinen Finger, um ihn daran zu hindern. Trotzki irrt sich nicht nur, sondern offenbart auch ein Gedächtnisversagen, das zweifellos auf den Verlust seiner Uniform zurückzuführen ist, wenn er heute Stalins Versäumnis, den deutschen Kommunisten zu helfen, als Verrat an den Prinzipien des Leninismus bezeichnet. Dieser Verrat wurde von Lenin und von Trotzki selbst ständig praktiziert. Aber laut einem Diktum Trotzkis kommt es natürlich nicht darauf an, was zu tun ist, sondern wer es tut.
Stalin ist in der Tat der beste Schüler Lenins, was seine Haltung gegenüber dem deutschen Faschismus betrifft. Die Bolschewiki haben sich natürlich auch nicht gescheut, Bündnisse mit der Türkei einzugehen und der Regierung dieses Landes politische und ökonomische Unterstützung zu gewähren, selbst zu einer Zeit, als dort die schärfsten Maßnahmen gegen die Kommunisten ergriffen wurden – Maßnahmen, die häufig sogar die Aktionen eines Hitler in den Schatten stellten.
Angesichts der Tatsache, dass die Kommunistische Internationale, soweit sie noch funktioniert, lediglich eine Agentur für den russischen Tourismus ist, und angesichts des Zusammenbruchs der von Moskau aus gesteuerten kommunistischen Bewegungen in allen Ländern, ist die Legende von Lenin, dem Weltrevolutionär, zweifellos so weit geschwächt, dass man mit ihrem Verschwinden in naher Zukunft rechnen kann. Und natürlich arbeiten selbst heute die Anhänger der Kommunistischen Internationale nicht mehr mit dem Konzept der Weltrevolution, sondern sprechen vom „Arbeiter-Vaterland“, aus dem sie ihre Begeisterung schöpfen, solange sie nicht gezwungen sind, darin als Arbeiter zu leben. Diejenigen, die Lenin weiterhin als den Weltrevolutionär par excellence bejubeln, begeistern sich in Wirklichkeit um nichts anderes als um Lenins politische Träume von weltweiter Macht – Träume, die im Licht des Tages zu Nichts zerflossen sind.
Der Widerspruch zwischen der tatsächlichen historischen Bedeutung Lenins und dem, was ihm allgemein zugeschrieben wird, ist größer und zugleich undurchschaubarer als bei jeder anderen Persönlichkeit, die die moderne Geschichte geprägt hat. Wir haben gezeigt, dass man ihn nicht für den Erfolg der Russischen Revolution verantwortlich machen kann und dass seine Theorie und Praxis nicht, wie so oft getan wird, als von weltrevolutionärer Bedeutung bewertet werden kann. Auch kann er, trotz aller gegenteiligen Behauptungen, nicht als jemand angesehen werden, der den Marxismus erweitert oder ergänzt hat. In dem kürzlich von der University of Chicago veröffentlichten Werk von Thomas B. Brameld mit dem Titel „A Philosophical Approach to Communism“ wird der Kommunismus immer noch als „eine Synthese der Lehren von Marx, Engels und Lenin“ definiert. Nicht nur in diesem Buch, sondern allgemein und ganz besonders in der parteikommunistischen Presse wird Lenin in ein solches Verhältnis zu Marx und Engels gesetzt. Stalin hat den Leninismus als „Marxismus in der Ära des Imperialismus“ bezeichnet. Eine solche Position leitet ihre einzige Rechtfertigung jedoch aus einer unbegründeten Überschätzung Lenins ab. Lenin hat dem Marxismus kein einziges Element hinzugefügt, das als neu und eigenständig bewertet werden könnte. Lenins philosophische Weltanschauung ist der dialektische Materialismus, wie er von Marx, Engels und Plechanow entwickelt wurde. Darauf bezieht er sich im Zusammenhang mit allen wichtigen Problemen: Er ist sein Maßstab in allem und die letzte Instanz. In seinem wichtigsten philosophischen Werk, „Materialismus und Empiriokritizismus“, wiederholt er lediglich Engels, indem er die Gegensätze der verschiedenen philosophischen Standpunkte auf den einen großen Widerspruch zurückführt: Materialismus vs. Idealismus. Während für die erste Position die Natur primär und der Geist sekundär ist; für die andere gilt genau das Gegenteil. Diese bereits bekannte Formulierung wird von Lenin mit zusätzlichem Material aus den verschiedenen Wissensgebieten untermauert. Und so kann von einer wesentlichen Bereicherung der marxistischen Dialektik durch Lenin keine Rede sein. Auf dem Gebiet der Philosophie ist es unmöglich, von einer leninistischen Schule zu sprechen.
Auch auf dem Gebiet der ökonomischen Theorie kann Lenin keine solche eigenständige Bedeutung zugeschrieben werden. Lenins ökonomische Schriften sind marxistischer als die aller seiner Zeitgenossen, aber sie sind nur brillante Anwendungen der bereits bestehenden, mit dem Marxismus verbundenen Wirtschaftslehren. Lenin hatte absolut nicht die Absicht, in ökonomischen Fragen ein eigenständiger Theoretiker zu sein; für ihn hatte Marx auf diesem Gebiet bereits alles Wesentliche gesagt. Da es seiner Meinung nach völlig unmöglich war, über Marx hinauszugehen, beschäftigte er sich mit nichts anderem, als zu beweisen, dass die marxistischen Postulate mit der tatsächlichen Entwicklung übereinstimmten. Sein Hauptwerk zur ökonomischen Wissenschaft, „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland“, ist ein beredtes Zeugnis dafür. Lenin wollte nie mehr sein als Marx’ Schüler, und so kann man nur in der Legende von einer Theorie des „Leninismus“ sprechen.
Lenin wollte vor allem ein praktischer Politiker sein. Seine theoretischen Werke sind fast ausschließlich polemischer Natur. Sie bekämpfen die theoretischen und sonstigen Feinde des Marxismus, den Lenin mit seinen eigenen politischen Bestrebungen und denen der Bolschewiki im Allgemeinen gleichsetzt. Für den Marxismus entscheidet die Praxis über die Wahrheit einer Theorie. Als Praktiker, der sich bemühte, die Lehren von Marx zu verwirklichen, hat Lenin dem Marxismus vielleicht tatsächlich einen enormen Dienst erwiesen. Was jedoch wiederum den Marxismus betrifft, so ist jede Praxis eine soziale, die von Individuen nur in sehr begrenztem Maße, niemals entscheidend, verändert und beeinflusst werden kann. Es besteht kein Zweifel, dass die Verbindung von Theorie und Praxis, von Endziel und konkreten Fragen des Augenblicks, mit der sich Lenin ständig beschäftigte, als große Leistung gewürdigt werden kann. Doch das Kriterium für diese Errungenschaft ist wiederum der Erfolg, der damit einhergeht, und dieser Erfolg blieb Lenin, wie wir bereits gesagt haben, verwehrt. Sein Wirken hat nicht nur die weltweite revolutionäre Bewegung nicht vorangebracht, sondern es hat auch versäumt, die Voraussetzungen für eine wahrhaft sozialistische Gesellschaft in Russland zu schaffen. Der Erfolg (so wie er war) brachte ihn seinem Ziel nicht näher, sondern schob es weiter in die Ferne.
Die tatsächlichen Verhältnisse in Russland und die gegenwärtige Lage der Arbeiter auf der ganzen Welt sollten eigentlich jedem kommunistischen Beobachter als ausreichender Beweis dienen, dass die gegenwärtige „leninistische“ Politik genau das Gegenteil dessen ist, was ihre Phrasenologie ausdrückt. Und auf lange Sicht muss ein solcher Zustand zweifellos die künstlich konstruierte Lenin-Legende zerstören, sodass die Geschichte selbst Lenin schließlich an seinen richtigen historischen Platz stellen wird.