Ein kritischer Blick auf die spanische Revolution – Ricardo Fuego

Gefunden auf libcom, die Übersetzung ist von uns.


Ein kritischer Blick auf die spanische Revolution – Ricardo Fuego

Ein Essay aus dem Jahr 2010, in dem der Autor die Niederlage der spanischen Revolution nicht auf deren Verrat durch eine naive und inkompetente Führung zurückführt, sondern auf die Tatsache, dass „wenn das spanische Proletariat Abkürzungen und Anführer mehr schätzte als seine eigenen Interessen, dann lag das daran, dass objektive und subjektive Schwierigkeiten seinem Potenzial im Wege standen, ein Maß an Klassenautonomie zu erreichen, das ausreichte, um auf solche Vermittlungen verzichten zu können“.

Ein kritischer Blick auf die spanische Revolution – Ricardo Fuego

Anmerkung des Autors

Dieser Text ist kein Aufsatz eines professionellen Historikers; es handelt sich lediglich um eine Sammlung von Notizen, die ich mir nach der Lektüre einiger Texte zu diesem Thema und nach Gesprächen mit Menschen mit den unterschiedlichsten Ansichten gemacht habe. Er ist auch nicht als Einführung in das Thema gedacht; es wird vorausgesetzt, dass der Leser über gewisse Grundkenntnisse bezüglich dessen verfügt, was als die spanische Revolution bezeichnet wird.

Wie man beim Überfliegen der Überschriften dieses Textes erkennen kann, ist er das Ergebnis politischer Diskussionen und stellt einen Versuch dar, eine politische Debatte anzuregen. Er spiegelt die Position des Autors zu einer historischen Epoche wider – eine Position, die mit der Einnahme einer Haltung gegenüber Organisationen und Formen der politischen (und historischen) Praxis heute zusammenhängt.

Dieser Text ist in seinem polemischen Aspekt eine Stellungnahme gegen die Geschichtsschreibung der CNT-POUM. Da es sich bei Letzterer um eine Abgrenzung innerhalb desselben Klassenlagers handelt, versteht es sich von selbst, dass ich mir weder die Mühe mache, die bourgeoise und stalinistische Geschichtsschreibung zu widerlegen noch darauf einzugehen.

In seinem konstruktiven Aspekt stellt er einen Versuch dar, die Lehren aus der Spanischen Revolution für die proletarisch-revolutionäre Theorie zusammenzufassen.

Gegen die Geschichte der „Täuschungen“ und „Fehler“

Die Geschichte dessen, was in der Vergangenheit geschah, lässt sich nicht durch das erklären, was nicht getan wurde, was nicht getan werden konnte und/oder was „hätte getan werden sollen“; sie erklärt sich durch das, was tatsächlich getan wurde.

Diejenigen, die Thesen über eine Handvoll Revolutionäre vertreten, die manipuliert worden seien und dem Stalinismus zu sehr vertraut hätten, sind daran interessiert, die Komplizenschaft dieser Anführer mit den Prozessen zu vertuschen, die die Entwicklung der revolutionären Bewegung untergruben.

Anstatt solche zeitgenössischen Beispiele politischer Unaufrichtigkeit, die eine klare Bilanz der Spanischen Revolution verhindern, bloß anzuprangern, ist es meine Absicht, über die Frage nach dem „Wie“ hinauszugehen, um die Frage nach dem „Warum“ der historischen Ereignisse zu stellen – auf der Grundlage der unten angefügten Literaturliste und der Diskussionen, die ich mit Anhängern verschiedener Interpretationen und Strömungen geführt habe.

Die Gründe für das Scheitern des Proletariats

Über die Aufdeckung der antirevolutionären Politik der traditionellen Arbeiterorganisationen hinaus ist es für die gegenwärtige und zukünftige revolutionäre Praxis von Interesse zu verstehen, warum das Proletariat diese Organisationen nicht aufgegeben und/oder zerschlagen hat, um stattdessen die im Aufstand entstandenen Organisationen zu stärken und zu koordinieren. Diese Frage ist grundlegend, um nicht einer weiteren falschen Sichtweise zu verfallen: den traditionellen Arbeiterorganisationen als verfluchte Verräter der revolutionären proletarischen Massen darzustellen, die unfähig waren, die Führung dieser Organisationen abzuschütteln.

Das „Wie“ der Frage, betrachtet aus der Perspektive der Organisationen, die das Proletariat vertraten, ist folgendes: Sie legten den Schwerpunkt ganz auf ihre eigene Entwicklung und nicht auf die Bewegung, die während des Juli-Aufstands entstanden war. Die Parteianführer und Anführer der Gewerkschaften/Syndikate sowie deren Apparate widmeten sich, sobald sie sich von ihrem anfänglichen Schock erholt hatten, der Aufgabe, den Einfluss zurückzugewinnen, den sie während der revolutionären Ereignisse über „ihre“ Arbeiter verloren hatten. Als ob das noch nicht genug wäre, taten sie dies im Bündnis mit dem Stalinismus und der Bourgeoisie, was sie dazu veranlasste, eine Politik zu verfolgen, die den Bedürfnissen der Revolution noch mehr zuwiderlief. Die anarchistische Führung, die sich für den libertären Kommunismus einsetzte, wurde letztendlich zum Komplizen bei der Auflösung der Komitees und Kollektive in den Betrieben zugunsten einer staatlich gelenkten Kriegsökonomie sowie bei der Entwaffnung der proletarischen Milizen, um eine professionelle bourgeoise Armee aufzubauen, die die alten hierarchischen Verhältnisse innerhalb ihrer Einheiten wiederherstellte.

Das „Wie“ der Frage, aus der Perspektive des Proletariats selbst betrachtet, sieht folgendermaßen aus: Das Proletariat handelte nur dann revolutionär, wenn es sich seinen traditionellen Anführern widersetzte und die Grenzen von Doktrinen und Abkürzungen überwand, wobei es den Schwerpunkt ganz auf die praktische revolutionäre Einheit legte. Diejenigen, die in die Reihen ihrer traditionellen Organisationen zurückkehrten, verließen den Weg der revolutionären Klasseneinheit, der ursprünglich eingeschlagen worden war, als die autonomen Institutionen für Produktion und Selbstverteidigung erstmals geschaffen wurden, und besiegelten damit ihr Schicksal.

Aber wie sieht es mit dem „Warum“ dieser Aktion aus? Wenn die Arbeiterorganisationen in der Lage waren, ihre Führung über das revolutionäre Proletariat wieder durchzusetzen, dann lag das daran, dass sie ihren Einfluss auf dieses nicht verloren hatten. Wenn das spanische Proletariat Akronyme und Anführer höher schätzte als seine eigenen Interessen, dann lag das daran, dass objektive und subjektive Schwierigkeiten seinem Potenzial im Wege standen, ein Maß an Klassenautonomie zu erreichen, das ausreichte, um auf solche Vermittlungen verzichten zu können.

Von diesem Zeitpunkt an verurteilten die objektiven historischen Bedingungen die isolierte spanische revolutionäre Bewegung zur Niederlage. Das militärische Kräfteverhältnis war schon ohne die Unterstützung, die Hitler und Mussolini Franco in Form von Truppen und Waffen gewährten, schlecht genug. Hinzu kamen die besonderen Merkmale des spanischen Kapitalismus, der sich in einem Land entfaltete, dessen Ökonomie, Politik und Kultur noch immer wesentliche Züge halbfeudaler Verhältnisse aufwiesen, und in dem das Proletariat – trotz großer Konzentrationen in Industriezentren wie Barcelona (was für seine Herausbildung als bewusstes soziales Subjekt mit eigener Subkultur von Vorteil war) – landesweit verstreut war und in den meisten Teilen des Landes in der Minderheit stand. Nur der Ausbruch einer revolutionären Bewegung in anderen Ländern Westeuropas hätte seine schwierige Lage ausgleichen können, doch dazu kam es nicht, und die spanische revolutionäre Bewegung wurde ihrem Schicksal überlassen.

Sie war auch nicht in der Lage, die Chancen zu nutzen, die eine antikoloniale Politik hätte bieten können. Hätte sie das Ende der spanischen Kolonien verkündet, hätte dies höchstwahrscheinlich eine wichtige gesellschaftspolitische Bewegung in diesen Gebieten gestärkt, die im besten Fall ein Verbündeter der Revolution hätte sein können und im schlimmsten Fall ein weiterer subversiver Brennpunkt gewesen wäre, den die Faschisten hätten bekämpfen müssen. Das hätte zweifellos einen militärischen Vorteil für die republikanische Seite bedeutet und den Druck, unter dem sie im Krieg stand, bis zu einem gewissen Grad gemildert.

Für diejenigen von uns, die sich auf den Geist der revolutionären Bewegungen der Vergangenheit berufen, weil wir diese politische Perspektive in der Gegenwart vertreten, sind nicht die Ursachen für die Niederlage der spanischen revolutionären Bewegung von größtem Interesse, sondern die Gründe für ihr Scheitern. Niederlage bedeutet, von einem Feind besiegt zu werden, während Scheitern bedeutet, von (dem rückständigsten Teil) der eigenen Seite besiegt zu werden. Die Gründe für ihr Scheitern sind daher weniger offensichtlich als die Gründe für ihre Niederlage. Gerade die Untersuchung dieser letzteren Gründe ist für unsere aktuelle Praxis am relevantesten, denn der entscheidende Faktor in unserer Praxis sind nicht nur unsere Umstände, sondern auch unser Handeln. Vor der Niederlage der republikanischen Seite durch die nationalistische Seite gab es eine Niederlage des revolutionären Proletariats durch die Volksfront, und die Grundlage für diese letztere Niederlage war die Niederlage der spanischen revolutionären Bewegung.

Der spanische Kapitalismus

Um den Prozess zu analysieren, der zur spanischen revolutionären Bewegung führte, müssen wir ihn in den Kontext der vorangegangenen Periode des Klassenkampfs einordnen, die wiederum im Kontext des damaligen Kapitalismus auf der Iberischen Halbinsel betrachtet werden muss. Ich halte die historisch-materialistische Analyse der italienischen Gruppe Bilan in „La lección de los acontecimientos en España“1 für eine hervorragende Quelle zu diesem Zweck. Der spanische Kapitalismus war geprägt von all den für die Arbeiterklasse und die bäuerlichen Massen verheerendsten Merkmalen des Kapitalismus, ohne dabei auch nur einen seiner Vorteile zu bieten. Das Landproblem war natürlich für die Mehrheit der Bevölkerung das dringlichste. Die industrielle Unterentwicklung hingegen verhinderte die Integration des Proletariats in die Staatsbürgerschaft. Und dieser Kapitalismus war nicht einmal für die Bourgeoisie zufriedenstellend, die durch die von der Monarchie, der Armee, dem Klerus und der Staatsbürokratie auferlegten vorkapitalistischen Verhältnisse eingeengt wurde.

Mein persönlicher Beitrag zu dieser Debatte besteht darin, darauf hinzuweisen, dass der Erfolg des Anarchosyndikalismus unter dem Proletariat und der Bauernschaft auf der Verarmung beruhte, die aus Spaniens ökonomischer Rückständigkeit resultierte. Die CNT war, obwohl sie viele anarchistische Elemente in ihren Reihen hatte, in Realität eine radikale syndikalistische Organisation, in der sich die Proletarier versammelten, die in ihr den konsequentesten Verteidiger ihrer Interessen sahen – im Gegensatz zur PSOE und ihrer sozial-liberalen Politik als linkem Flügel des bourgeoisen Republikanismus. Abgesehen davon, dass sie eine Kampfgemeinschaft für Arbeiter und Bauern bildete, bildete die CNT auch eine kulturelle Gemeinschaft, die von Solidarität und militantem Engagement geprägt war – ein Zufluchtsort für klassenbewusste Proletarier. Die CNT vereinte eindeutig das Proletariat, das sich dem halbfeudalen spanischen Kapitalismus widersetzte.

Diese Situation erklärt sowohl die Radikalisierung der spanischen Arbeiterbewegung als auch ihre feste Verbundenheit mit den Formen syndikalistischer/parteilicher Aktivität, mit denen sie erst seit Kurzem Erfahrungen gesammelt hatte – und das unter dem Druck schwerer staatlicher und parastaatlicher Repression. Da die Arbeiterorganisation zudem nicht nur ein Instrument des Kampfes, sondern auch eine kulturelle Gemeinschaft war, entstand dadurch ein Identifikationsband zwischen dem Individuum und seiner Organisation. Die Organisation war seine Großfamilie, seine Heimat.

Es waren diese Faktoren – und nicht die Unterstützung für das libertär-kommunistische Programm der Anarchisten –, die den Erfolg der CNT als Anziehungspunkt für das fortgeschrittene Proletariat ausmachten. Diese radikalisierte Arbeiterbewegung hätte sich auflösen können, wenn die Rückständigkeit des spanischen Kapitalismus überwunden worden wäre, doch dazu kam es nicht, weil die republikanische Bourgeoisie, die mehr Angst vor dem Proletariat hatte als vor der Reaktion, nie den Entschluss fasste, sich für nationaldemokratische Forderungen (Agrarreform, republikanische Gewaltenteilung, Abschaffung der Monarchie, Enteignung des Klerus) einzusetzen und das Land aus seiner ökonomischen, politischen und kulturellen Rückständigkeit zu befreien.

Die Spannungen zwischen den Interessen der herrschenden Klassen (Oligarchie, Großgrundbesitzer, Klerus und Monarchie), den Interessen der republikanisch-bourgeoisen Partei und den Interessen eines Proletariats, das die republikanische Bourgeoisie nicht für ihre Sache gewinnen konnte, führten schließlich zu dem reaktionären Militärputsch, der in einigen Teilen des Landes den revolutionären Aufstand des Proletariats auslöste und in anderen Teilen zu einem regelrechten Bürgerkrieg führte.

Die CNT Führung: Von der Nachhut der proletarischen Revolution zur extremen Linken der Volksfront

Alle Dokumente, die ich gelesen habe, lassen mich zu dem Schluss kommen, dass der Einfluss der Führung der CNT-FAI auf ihre Mitglieder und Sympathisanten entscheidend dazu beitrug, die Einheit des revolutionären Teils des spanischen Proletariats2 auf der Grundlage der Komitees, Milizen und Kollektive zu verhindern, die nach dem Aufstand gegen den Militärputsch spontan entstanden waren.

Während es die Republikaner und vor allem die Stalinisten waren, die ihre Hände mit dem Blut des Proletariats befleckten, waren es die Führungen der CNT-FAI und der POUM3, die dazu beitrugen, in politischer und moralischer Hinsicht den Boden für das Massaker und die Entwaffnung des Proletariats zu bereiten (die Ereignisse vom Mai 1937 waren in dieser Hinsicht beispielhaft), indem sie die Tendenzen zur Klassenversöhnung und das Vertrauen in die Hierarchie der Spezialisten verstärkten, und trugen somit dazu bei, dass sich die für die ersten Monate typische Euphorie und Initiative allmählich in das normale Verhalten des Proletariats unter einem stabilen kapitalistischen Staat verwandelten. Das heißt: die Übertragung seiner Angelegenheiten an eine Schicht von Spezialisten, die abgestandene Routine des prä-revolutionären Gewerkschaftswesens/Syndikalismus, Lokalismus, die unkritische Akzeptanz der Politik der Führung usw.

Anstatt die revolutionäre Bewegung des spanischen Proletariats zu unterstützen (eine Bewegung, deren Teilnehmer größtenteils aus der Basis der CNT-FAI stammten), verfolgten die Führung und der institutionelle Apparat der CNT-FAI eine Politik, die sich an der Organisation statt an der Klasse orientierte. Unter dem Banner der antifaschistischen Einheit verfolgte sie eine Politik der Abkommen/Vereinbarungen mit den bourgeoisen und stalinistischen Kräften. Die Anführer der CNT schwenkten von einem intransigenten Apolitismus zu einer furchtbar naiven politischen Praxis um, in der sie alles aufgaben – und dafür praktisch nichts bekamen. Diese Katastrophe war die direkte Folge des dogmatischen politischen Indifferentismus, der seit Bakunins Zeiten gepflegt worden war. Als sie einmal in dieser Spirale des Opportunismus gefangen war, befürwortete die Führung der CNT-FAI schließlich die Erpressung, die Revolution aufzuschieben – oder direkt darauf zu verzichten –, bis „nach dem Sieg im Krieg“.

Die Verwandlung der Führung der CNT-FAI in den extrem linken Flügel der Volksfront begann, als sie – anstatt es zu wagen, die spontanen Selbstorganisationsprozesse des aufständischen Proletariats (Komitees, Milizen, kollektivierte Betriebe) zu stärken – unter dem Vorwand, keine „anarchistische Diktatur“ aufzwingen zu wollen, beschloss, die Macht mit den antiproletarischen Kräften zu teilen. In Katalonien nahm dieser Prozess die Form der Gründung des Zentralkomitees der antifaschistischen Milizen (CCMA) an.

Die Erwartung der Führung der CNT, die – sowohl aus mangelnder Erfahrung als auch aufgrund ihrer Doktrin – nicht einmal in Betracht ziehen wollte, die politische Macht an sich zu reißen,4 aber gleichzeitig der Bildung von Organen der proletarischen Macht, die unabhängig von ihrem Apparat waren, skeptisch gegenüberstand, ging davon aus, dass sie wieder in die Opposition zurückkehren würde, sobald die Nationalisten besiegt wären.

Gerade in dieser schwankenden Haltung, die sie zu ihrer Kollaborationspolitik führte, kommt der praktische Bankrott der anarchistischen Theorie in Bezug auf die politische Macht zum Ausdruck. Ihre Phobie vor politischer Macht veranlasste sie dazu, die angeschlagene Autorität der bourgeoisen politischen Kräfte erneut aufzubauen, anstatt die Autorität der während des Aufstands geschaffenen Institutionen der proletarischen Macht zu stärken. Durch ihre Ablehnung der „ autoritären“ Perspektive der proletarischen Macht trugen sie zum Wiederaufbau der Macht der Bourgeoisie bei.

Es war diese Beteiligung der Anführer der CNT-FAI und der POUM an der Entwaffnung der aufständischen Bewegung, die deren anschließende Repression durch die Republikaner und die Stalinisten erleichterte.

Zusammenfassung der vorangegangenen Beobachtungen

1. Die Führungen der wichtigsten Arbeiterorganisationen verfolgten eine Politik der Kollaboration mit den kleinbourgeoisen und den großbourgoisen „Antifaschisten“, was jede Möglichkeit zunichte machte, eine proletarische Macht aufzubauen, die den Herausforderungen der sozialen Revolution und des Kampfes gegen den Faschismus wirksam hätte begegnen können.

2. Das spanische Proletariat war in einer relativ jungen Arbeiterbewegung ohne demokratische Erfahrung organisiert. Einerseits erklärt das seine Radikalität, andererseits aber auch die politische Unerfahrenheit, die es damals an den Tag legte. Es gab eine starke individuelle Identifikation mit den traditionellen Organisationen, was den Prozess der Bewusstwerdung über den von Natur aus konterrevolutionären Charakter den Formen der Parteien und der Gewerkschaften/Syndikate verzögerte.5

3. Der spanische Kapitalismus wies halbfeudale Züge auf, sodass die Aufgaben der revolutionären Abschaffung des Kapitalismus mit den Aufgaben zur Abschaffung der in Spanien bestehenden besonderen Form des Kapitalismus verflochten waren. Diese ökonomische Rückständigkeit ging einher mit einem über das gesamte Staatsgebiet verstreuten Proletariat und nur einer Handvoll industrieller Ballungszentren.

Schlussfolgerungen zur Klassenautonomie, zur Machtfrage und zur revolutionären Theorie

Frontale Zusammenstöße mit dem Staat sind manchmal entscheidend, um das Kräfteverhältnis zwischen der herrschenden Klasse und den ausgebeuteten Klassen zu kippen, doch liegt das eigentliche Rückgrat des gesellschaftlichen Lebens im persönlichen Leben, in der Produktion und in der Verwaltung gemeinschaftlicher Angelegenheiten.

Die Geschichte der spanischen Revolution liefert dafür ein klares Beispiel: Das Proletariat erhob sich zu den Waffen und übte seine Macht auf den Straßen aus; die Arbeiter kollektivierten die Fabriken und die Bauern das Land (die größtenteils von der Bourgeoisie bzw. den Großgrundbesitzern aufgegeben worden waren); es bildete Kontrollpatrouillen, Milizen und Komitees. Da es jedoch seine Klassenmacht in der Ökonomie und in öffentlichen Angelegenheiten nicht durch eine strukturelle Koordination zwischen den Institutionen ausübte, die es im Aufstand selbst geschaffen hatte, wurden diese Aufgaben nach und nach an Spezialisten des Apparats seiner traditionellen Organisationen delegiert, die zudem eine Politik der Unterordnung unter die antiproletarischen Kräfte (Bourgeoisie und Stalinisten) verfolgten. Auf diese Weise konnte sich die bourgeoise (republikanische) Regierung wieder erholen, und nach und nach wurden die Errungenschaften vom Juli 1936 sowohl in den Städten als auch auf dem Land zunichte gemacht – sei es durch Gegenreformen, die von den „revolutionären“ Organisationen bejubelt wurden, sei es durch bewaffnete stalinistisch-bourgeoise Gewalt.

Wenn die spanische Revolution also irgendetwas beweist, dann ist es, dass es nicht darauf ankommt, wer die Waffen hat, sondern zu welchem Zweck sie eingesetzt werden. Die Bewaffnung der Volksmassen (und die Gewinnung von Teilen der Polizei und/oder der Armee für ihre Sache) mag aus militärischer Sicht für den Aufstand entscheidend sein, doch für die Verteidigung der sozialen Errungenschaften des Aufstands und für den Aufbau einer neuen Gesellschaft werden die Hauptaufgaben nicht mit Waffen, sondern durch Selbstverwaltung der Produktion und des Gemeinschaftslebens bewältigt. Eine erfolgreiche proletarische Revolution braucht ein Proletariat, das mit individueller und klassenbezogener Autonomie bewaffnet ist, mehr als eines, das mit Gewehren bewaffnet ist.

Dem aufständischen spanischen Proletariat fehlte nicht nur eine organisierte Klassenmacht, sondern sogar eine Theorie darüber, wie diese Macht aufzubauen sei, wie die Ökonomie zu verwalten sei, wie mit nicht-proletarischen politischen Kräften umzugehen sei und was auf dem Gebiet der Kultur zu tun sei. Zusammengefasst: Es fehlte eine wirksame revolutionäre Theorie.6

Die anarchosyndikalistische Doktrin war in dieser Hinsicht zu rückständig, um mitten in den Ereignissen den Versuch zu unternehmen, auf dieser Grundlage eine revolutionäre politische Theorie zu entwickeln. Und zu allem Überfluss wurde der antiautoritäre Dogmatismus auf die für die proletarischen Interessen schädlichste Weise angewandt, als wäre genau das sein Zweck. In der Frage der proletarischen Macht wurde auf sektiererischen Antiautoritarismus zurückgegriffen, während in der Frage der sozialen Ordnung „pragmatischer“ Autoritarismus herangezogen wurde, um die antifaschistische Front zu erhalten.

Die anarchistischen Anführer in Barcelona sahen keine anderen Alternativen als entweder ihre eigene Diktatur durchzusetzen oder mit den antifaschistischen bourgeoisen Kräften zusammenzuarbeiten, doch es gab eine dritte Alternative: die Errichtung einer proletarischen Macht, organisiert auf der Grundlage der unzähligen Komitees und Milizen, die gebildet worden waren. Für sie schien diese Option jedoch der „Diktatur des Proletariats“ zu sehr zu ähneln und hätte zudem die Auflösung des Apparats der CNT und deren Eingliederung in die neu gebildete Klassenmacht bedeutet. Wir müssen darauf hinweisen, dass diese Alternative auch von den Massen nicht vorgebracht wurde; sie wurde lediglich von einem avantgardistischen Sektor („La Agrupación Los Amigos de Durruti“) vorgeschlagen, wenn auch viel zu spät (nach der Niederlage im Mai 1937).

Schlussfolgerungen zur revolutionären Motivation

Alle Analysen, die ich zu diesem Thema gefunden habe, sind auf dem Terrain dessen geblieben, was wir als die „technischen“ Aspekte einer sozialen Revolution bezeichnen könnten (politisch, militärisch, organisatorisch, ideologisch). Jede Analyse konkurriert mit den anderen darum, welcher Aspekt betont wird und unter welchem dogmatischen Blickwinkel die Frage untersucht wird.7 Aber keine von ihnen hat die revolutionäre Motivation der Proletarier und Bauern als den wichtigsten Punkt identifiziert: Für welche Art von Gesellschaft kämpften sie, wie stellten sie sich ihr Leben in dieser neuen Welt vor und was waren sie bereit, an sich selbst in ihrem Alltag zu ändern?

Die Reflexion über die Motivation der Massen wurde sowohl aufgrund von Oberflächlichkeit als auch aufgrund von CNT-Demagogie umgangen. Letztere besagt, dass die Motivation der revolutionären Arbeiter bereits im Programm des libertären Kommunismus der CNT enthalten war. Erstere geht davon aus, dass heldenhaftes Verhalten, begleitet von einigen schönen idealistischen Parolen, impliziert, dass dieses Verhalten von dem Streben nach einem Leben in Freiheit bestimmt war.

Was jedoch nicht nur das Scheitern der spanischen Revolution, sondern auch einige ihrer Errungenschaften zeigen, ist die Tatsache, dass die Motivation der ausgebeuteten Massen von der Art des rückständigen Kapitalismus des spanischen Staates bestimmt wurde. Nur die fortschrittlichste Form des Kapitalismus kann die tiefgreifendsten revolutionären Motivationen hervorbringen, denn innerhalb des Kapitalismus gibt es nichts mehr zu fordern, da alle Forderungen jenseits des Kapitalismus liegen. Das Streben nach einem erfüllten Leben – einem Leben, das uns nicht einmal das „humanisierteste“ aller kapitalistischen Regime bieten kann – ist die einzige Forderung, die der Kapitalismus nicht rekuperieren kann.

Damit sich Autonomie als Lebensweise etablieren kann, braucht es eine dauerhafte Motivation für die harmonische Entfaltung menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften. Genau das fehlte in den revolutionären Bewegungen der Vergangenheit, einschließlich der spanischen Bewegung. Sowohl die Ideale der sozialen Gerechtigkeit und Gleichheit als auch der Klassenhass, der die extreme Linke und den Anarchismus in den Revolutionen der Vergangenheit beflügelte, haben sich als unzureichend erwiesen, um die revolutionäre Motivation aufrechtzuerhalten.8

Damit Autonomie gleichzeitig Ausgangspunkt und Zielhorizont ist, muss sie als unverzichtbare Notwendigkeit für ein erfülltes Leben wahrgenommen werden. Letzteres ist ein positives Ziel, das sich nicht auf die klassischen negativen und oppositionellen Formeln der Linken und des Anarchismus reduzieren lässt (eine Welt ohne Ausbeutung, ohne Staat, ohne Autorität, ohne Geld usw.). Ein erfülltes Leben ist ein Leben der Selbstverwirklichung; eine integrale und integrierte Entwicklung menschlicher Bedürfnisse und Fähigkeiten.

Ricardo Fuego

2011


Spanischer Text ursprünglich veröffentlicht in Huellas de la Historia, Nr. 22, Bd. 2, Juli 2011.

Quelle: http://www.huellasdelahistoria.com/ampliar_contenido.php?id_noti=481.


Literaturempfehlungen

Enric Mompó, „El Comité Central de Milicias Antifascistas de Cataluña y la situación de doble poder en los primeros meses de la guerra civil española“, http://www.somnisllibertaris.com/libro/el_comite_central_de_la/index_comite.htm.

José Peirats, Anarchists in the Spanish Revolution, Freedom Press, London, 1998.

Carlos Semprún Maura, Revolución y contrarrevolución en Cataluña, http://www.somnisllibertaris.com/libro/revolucionycontrarevolucion/index02.htm.

Agustín Guillamón, The Friends of Durruti Group: 1937–1939, http://www.somnisllibertaris.com/libro/friends/index10.htm.

Los Amigos de Durruti, Towards a Fresh Revolution, http://www.somnisllibertaris.com/libro/towardfresh/index09.htm. (Auch auf unseren Blog)

BALANCE. Cuadernos de historia del movimiento obrero (2001), „Theses on the Spanish Civil War and the revolutionary situation created on July 19, 1936“, http://libcom.org/library/theses-spanish-civil-war-revolutionary-situation-created-july-19-1936-balance-agust%C3%ADn-gu.

Paul Mattick, „‚The Barricades Must Be Torn Down’: Moscow-Fascism in Spain“, http://libcom.org/library/the-barricades-must-be-torn-down-moscow-fascism-in-spain-mattick. (Auch auf unseren Blog)

Gruppe internationaler Kommunisten, „Revolution und Konterrevolution in Spanien“, http://libcom.org/library/revolution-counterrevolution-spain-groep-van-internationale-communisten. (Auch auf unseren Blog)

Helmut Wagner, „Anarchismus und die spanische Revolution“, http://contentdm.warwick.ac.uk/cdm/ref/collection/scw/id/16987. (Auch auf unseren Blog)


1Siehe: http://es.internationalism.org/libros/1936/cap1/1_leccion. Siehe den Abschnitt unter der Überschrift „La sociedad española es capitalista“. Eine englische Übersetzung findest du unter: „Lessons of Spain 1936“, http://en.internationalism.org/node/2547.

2Mangels eines präziseren Begriffs meine ich mit dem „spanischen Proletariat“ das Proletariat, das innerhalb der Grenzen des spanischen Staates lebte. Denn Spanien ist keine echte Nation, sondern eine Tarnung, die der Madrider Zentralismus nutzt, um die multinationale Realität des von ihm beherrschten Gebiets zu verschleiern. Mit anderen Worten: Ich verwende „Spanien“ oder „spanisch“ als geografische Begriffe, nicht als politische oder kulturelle.

3Da die POUM die unglückliche Rolle übernahm, der Führung der CNT-FAI bei all ihren Fehlern zu folgen – in der Hoffnung, „revolutionären“ Einfluss auf diese auszuüben –, wurde sie zur Komplizin der CNT-Führung bei deren gesamter konterrevolutionärer Politik. Etwas Schlechtes widerwillig zu tun, kommt dem gleichen gleich, wie es eifrig zu tun.

4Was unter den gegebenen Umständen ein Schritt in die richtige Richtung gewesen wäre.

5Im spanischen Staat gab es keine Erfahrung mit sozialdemokratischem Parlamentarismus und starken, zentralisierten Gewerkschafte/Syndikaten, wie es in Deutschland der Fall war. Die CNT war lediglich ein Verband von Gewerkschaften/Syndikaten, der in ständigem radikalem Konflikt mit einer Bourgeoisie stand, die die Gewerkschaften/Syndikate verbot, was zu einem starken Identifikationsgefühl des radikalisierten Proletariats mit der CNT führte. Aufgrund der relativen Jugend der spanischen Arbeiterbewegung fanden die theoretischen Lehren der deutschen Revolution – betreffend den konterrevolutionären Charakter von Parteien und Gewerkschaften/Syndikaten in einer revolutionären Situation sowie die Notwendigkeit, Institutionen der proletarischen Macht auf der Grundlage der Autonomie der Klasse aufzubauen – keinen „Nahrungsboden“ und konnten von den iberischen Revolutionären auch nicht verinnerlicht werden. Ein weiteres Hindernis, das dieser Kommunikation im Weg stand, war die Tatsache, dass der Rätkommunismus (die auf der Grundlage der deutschen Erfahrungen entwickelte Theorie) marxistisch war, und der vorherrschende Antimarxismus im anarchistischen Milieu verhinderte damals – noch mehr als heute – diese theoretische Reifung.

6Ich spekuliere, dass die Theorie des Rätkommunismus mit ihrer radikalen Kritik am letztlich reformistischen und autoritären Charakter von Parteien und Gewerkschaften/Syndikaten und ihrer starken Betonung des Aufbaus proletarischer Macht „von unten nach oben“ auf der Grundlage der Basisorganisationen durchaus von Nutzen hätte sein können. Aber abgesehen davon, dass sie marxistisch ist (was aufgrund des tief verwurzelten Antimarxismus des spanischen Anarchismus ihre Marginalisierung garantiert hätte), stammt sie aus Deutschland, einem Land, das kapitalistisch gesehen viel weiter entwickelt war und kaum Gemeinsamkeiten mit der spanischen Situation gehabt hätte.

7Zu diesem Aspekt der Frage habe ich Behauptungen gelesen wie: „Die anarchistischen Anführer waren nicht anarchistisch genug“; „Nicht die Strategie der CNT war schuld, sondern menschliches Versagen“; „Sie haben den Marxisten zu viel Vertrauen geschenkt“; „Die CNT hat die Macht nicht übernommen“; „Die POUM hat keine bolschewistische Politik verfolgt“; „Montseny und die Treintistas setzten sich gegen Durruti und García Oliver durch“.

8Wenn die Empörung über Ungerechtigkeit und Unterdrückung – die die ursprüngliche Motivation für den Aufstand gegen die etablierte Ordnung darstellt – erschöpft ist, ohne durch das Streben nach einem sinnvollen Leben ersetzt zu werden, hört das Proletariat auf, als Kollektiv von Menschen für seine eigene Befreiung zu handeln, und beginnt, als Subjektklasse zu agieren. Dann endet die Dynamik gleichberechtigter Menschen, die für ihre Befreiung zusammenarbeiten, und die Dynamik von Anführern und Massen setzt wieder ein.

Dieser Beitrag wurde unter Anarchistische/Revolutionäre Geschichte, Spanische Revolution 1936, Texte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.