Gefunden auf libcom, die Übersetzung ist von uns. Wir haben diesen Text aus seiner historischen Komponente ausgesucht, weil er die Zusammensetzung des Proletariats im Deutschen Kaiserreich analysiert und seine, auch durchaus tiefe, Verbindungen mit der SPD und den damaligen Gewerkschaften/Syndikaten beschreibt.
Weil eben die Frage um der Entwicklung und der Entstehung der sozialen Revolution keine lineare ist, weil sie aus den gegeben Verhältnissen entsteht, darf man nicht vergessen dass als 1918 die ‚Novemberrevolution‘ ausbricht, viele Teile des revolutionären Proletariats aus der SPD – und der ihr assoziierten Organisationen (Sport-, Jugend-, Wander-, Kulturgruppen, usw.) stammten – zwar im Verlauf des I.Weltkrieges mit ihr brachen (wenn auch nur aus einer Minderheit und dies zögerlich), aber dort beheimatet waren. Wir meinen nicht nur Liebknecht und Luxemburg, sondern auch z.B., Gorter, Rühle, Pannekoek, Korsch und einige mehr.
Die Kritik am ‚Kritik des Gothaer Programms‘ der SPD von Marx war nicht nur verglichen mit der Kritik von Bakunin bei weitem zurückhaltender und freundlicher – um nicht zu vergessen dass der Text dennoch zurückgehalten wurde, weil er für die SPD als viel zu radikal/revolutionär galt – erwies sich die SPD als viel erfolgreicher als politisches Instrument, als jene Strömung innerhalb des Proletariats, gemeint ist die anarchistische, die das Parlament und die Reformen als das entlarvte, anprangerte und angriff, was sie sind, Instrumente der Befriedigung und Integration des Proletariats im Staat und Kapital. Aber sie war nur auf dieser Ebene erfolgreich, also im herrschenden Sinne und wurde zu einem unverzichtbaren Instrument des ökonomischen (also kapitalistischen) und politischen Erfolges des deutschen Standortes. Zwar musste das Kapital auch Zugeständnisse an die Sozialdemokratie machen, denn ansonsten ließ sie das Proletariat ein bisschen toben, um es wieder nachher in Reih und Glied in die Todesfabriken und Todesbergwerke marschieren zu lassen, aber ansonsten auch Gewehr bei Fuß stand.
Denn die Idee des Sozialismus der SPD, Bernstein ganz voran und sein Schoßhund Kautsky immer brav hinterher, war die der – wenn überhaupt – graduellen Eroberung, via Reformen, des Staates um dann, irgendwann, die klassenlosen Gesellschaft zu etablieren. Die SPD war eine, für die Zeit, riesige Partei, mit etlichen Zeitungen, Vereinen, usw., sie hatte sich ihren Platz unter der Sonne und dem Gnaden der herrschenden Klasse und des Staates verdient, man darf dies weder vergessen, noch unterschätzen, aber vor allem nicht überschätzen. Denn genau diese Funktion der Integration der Arbeit (Proletariat) im Kapital (eben diesen Kapital) und ihr Dasein als Garant des sozialen Frieden und als Partei der Ordnung, war es was sie zwang sich am Massaker von Millionen von Proletariern zu beteiligen. Gemeint ist der I. Weltkrieg, den ihre Idee des Sozialismus zu verteidigen, bedeutete unweigerlich den deutschen Standort zu schützen, denn wenn dieser den Krieg verlieren sollte, würden ihre Errungenschaften (die der SPD, die aber an erster Stelle eigentlich die des Kapitals waren, die SPD hat sie nur mitgestaltet um politisch effektiv und erfolgreich zu sein) den Bach runterfließen.
Dieses geschah genauso in anderen Ländern, nur die absolute Minderheit der Mitgliedsparteien der II. Internationale würde gegen den Krieg sein, da war die SPD nicht die Ausnahme, sondern die Norm. Es würde also durch diesen ‚Verrat‘ ein Teil der Sozialdemokratie mit ihr brechen. Aber warum den erst jetzt? Standen denn davor die Sterne des Reformismus so günstig für eine weltweite Revolution um den Kapitalismus, alle Staaten-Nationen, endlich ins Jenseits zu fördern? Natürlich nicht, die anarchistische Kritik war dieser Stelle richtig indem sie – wenn auch leider nicht tiefgehend, wie üblich – das reformistische und konterrevolutionäre Sein der Parteien (Gewerkschaften/Syndikate genauso, wenn im allgemein erst Jahrzehnte später), des Parlamentarismus kritisierte.
Die SPD hat also im I. Weltkrieg nicht wirklich irgendjemand verraten, sondern hat konsequent ihre Linie verteidigt und ist den eingeschlagenen Weg der Verwaltung und Herrschaft des Kapitals weitergelaufen.
Es sollte erst 1920 Pannekoek im Text Weltrevolution und kommunistische Taktik (um ein Beispiel zu nennen) sein der diesen Bruch tiefgreifender erklärt, sowie die warum´s und wieso´s dieser späten Zäsur. Dennoch muss die Aufrichtigkeit all jener Revolutionäre hochgehalten werden, die sich ab 1918 für die richtige Seite der Barrikade entschlossen, die umso vehementer die Parole und Notwendigkeit verteidigten, dass die Emanzipation des Proletariats nur das Werk dieses sein kann und nicht einer Partei, Avantgarde oder Gewerkschaft/Syndikat, geschweige einer Nation.
Die eben dann eine tiefgreifende Kritik an Parteien, an Parlamenten, Gewerkschaften/Syndikate (aller Instrumente die nicht der Befreiung des Proletariats dienen, die eben nicht dienlich für das Beenden der Ausbeutung und der Herrschaft des Menschen durch den Menschen sind) ausübten, die bis zu unsere Zeit immer noch Quelle vieles Wissens und Verständnisses sind.
Nun, diese etwas längere Einleitung ist deswegen wichtig, weil Sergio Bologna auf diese Punkte nicht eingeht, dafür aber auf andere die im Detail noch einiges mehr erklären worauf wir jetzt nicht eingegangen sind, wie die Probleme die genau jene damalige Klassenzusammensetzung/Klassenkomposition ausmachte und auch zu großen Problemen führen würde, wie eben jener handwerklich-versierten Proletarier, die danach vom Massenproletarier (Aufgrund des Fordismus) weggefegt werden würden und die Idee eine Arbeiterrätebewegung so schwierig machen würde, und uns der Text sehr unvollständig vorkam.Zuletzt noch, im Text weißen wir auf mehrere Stellen hin, wo unseren Positionen nach Bologna sich irrt.
Gegen alle Parteien, allen Gewerkschaften/Syndikate, Avantgarden, Intellektuelle, Schlaumeier, Verräter, Spitzel, Nationalisten und ähnliche Konsorten der (radikalen) Linken und (radikalen) Rechten des Kapitals.
Lang lebe die Anarchie!
(Sergio Bologna) Klassenzusammensetzung und Theorie der Partei in den Anfängen der Arbeiterrätebewegung
Struktur der Arbeiterschaft und politische Klassenzusammensetzung in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg
Ein wesentlicher und bedeutender Teil der Führung auf Betriebsebene in der deutschen Arbeiterrätebewegung bestand aus hochspezialisierten Arbeitern der Maschinenbauindustrie.
Da dieser Teil der Arbeiterschaft 1918 eine soziale und politische Dimension annahm, ist es berechtigt zu fragen, ob die Struktur der deutschen Industrie vor dem Ersten Weltkrieg zur Vorherrschaft dieser Art von Arbeitskräften beigetragen hat und ob ein Zusammenhang zwischen der Stellung dieser Arbeiterinnen und Arbeiter in der Produktion und ihrer politischen Zugehörigkeit zum System der Arbeiterräte bestand.
Die deutsche Maschinenbauindustrie hatte vor dem Krieg noch nicht den Grad an Konzentration und Rationalisierung erreicht, der dem im Bergbau, in der Stahlindustrie und im Elektrobereich entsprach. Sie bestand hauptsächlich aus mittelgroßen Betrieben mit 1.000 bis 5.000 Arbeiterinnen und Arbeitern, verteilt auf die traditionellen Zentren des deutschen Industrialismus: Rheinland-Westfalen, Württemberg, Sachsen, die Region Berlin, die Region Hamburg, Oldenburg und Bayern. Es war der jüngste deutsche Industriezweig. Seine Hauptprodukte waren Fahrräder, Motorräder, Werkzeugmaschinen, Büromaschinen, Nähmaschinen, Werkzeuge und Automobile. Die Spezialisierung war noch nicht sehr weit fortgeschritten. Tatsächlich stellten fast alle großen Hersteller von Fahrrädern und später Motorrädern auch Büromaschinen und Nähmaschinen her. Nur die deutsche Niederlassung von Singer in Hamburg begann tatsächlich als reiner Hersteller von Nähmaschinen – und das kam daher, dass es eine Tochtergesellschaft eines US-Konzerns war, der bereits ein Monopol auf dem Markt hatte. Die Autoindustrie hatte noch nicht die Bedeutung erlangt, die sie später erreichen sollte. (In den Vereinigten Staaten geschah dies um 1910–12, in Deutschland kam es erst 1924 mit Opel dazu.) Die Autoproduktion fand in begrenztem Umfang in kleinen bis mittelgroßen Betrieben statt. Was sich hingegen sehr schnell entwickelte und mit eigener Autonomie, war die Zulieferindustrie für die Automobilindustrie; dieser Sektor war durch rasche Konzentration und Rationalisierung gekennzeichnet. In diesem Sektor, und speziell bei der Herstellung von Zündanlagen, machte Robert Bosch sein Vermögen. Bereits 1913 beschäftigte er 4.700 Arbeiterinnen und Arbeiter in seinem Werk in Stuttgart und in anderen kleineren Betrieben. Diese Branche – die es der deutschen Maschinenbauindustrie ermöglichte, vor dem Ersten Weltkrieg eine weltweit führende Position zu erreichen – verfügte über besonders qualifizierte Arbeitskräfte. Sie beschäftigte eine sehr große Zahl spezialisierter Techniker; ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung waren höher als in anderen Branchen, und sie entwickelte einen äußerst dynamischen Vertriebsapparat. Folglich waren auch die Löhne höher. Bosch war der erste deutsche Arbeitgeber, der 1906 als Arbeitgeberzugeständnis den Achtstundentag einführte und 1910 den freien Samstag. Zu dieser Zeit erlebte Deutschland die Entwicklung von Industriezweigen wie dem Leichtmaschinenbau, der Feinwerktechnik, der Optik und der Elektromechanik. Wenn man die Geschichte der in diesen Bereichen tätigen Unternehmen verfolgt, sieht man, wie sie bemerkenswerte Fortschritte machten: Es sind dieselben Unternehmen, die dem Weltmarkt die für deutsche Produkte charakteristische sehr hohe Qualität auferlegten und es sich so ermöglichten, sich ihren britischen und amerikanischen Konkurrenten zu stellen, die von einer solideren finanziellen Basis aus starteten. Dies lag weniger am unternehmerischen Talent einzelner deutscher Kapitalisten als vielmehr an der bemerkenswerten fachlichen Kompetenz einer qualifizierten Arbeiterschaft, die mit modernster Technologie und Spezialwerkzeugen arbeitete und direkt in Fragen zur Umgestaltung der Arbeitssysteme eingebunden war. In solchen Branchen war die vorherrschende Figur die der Arbeiterinnen und Arbeiter-Erfinder oder zumindest der Arbeiterinnen und Arbeiter, die sehr eng mit Technikern und Konstrukteuren zusammenarbeiteten. Ein Ergebnis dieser Situation in Deutschland war der Erfolg der industriellen Mess- und Werkzeugmaschinenindustrie. Während die deutsche Landwirtschaft und die deutsche Textilindustrie in den Wirren von Rezession und Krise steckten, produzierte Deutschland die besten Land- und Textilmaschinen der Welt.
Schauen wir uns mal die Arbeiterinnen und Arbeiter an, die in diesen hochdynamischen Branchen beschäftigt waren: Ihre Metallarbeiten erforderten höchste Präzision; sie waren direkt an der Weiterentwicklung der von ihnen hergestellten Produkte beteiligt und veränderten gleichzeitig ihre eigenen Arbeitstechniken. Das war der Grund für den Erfolg von Branchen wie der deutschen Flugzeugindustrie, die 1913 als weltweit führend galt. So erscheint es nur natürlich, dass es in diesen Branchen eine ganze Reihe paternalistischer Initiativen seitens der Unternehmen gab, die höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und sogar Gewinnbeteiligung betrafen (eine Methode, den Forderungen der Arbeiterinnen und Arbeiter zuvorzukommen, die westdeutsche Arbeitgeber in der Zeit von 1950 bis 1965 ebenfalls praktizieren sollten) .
Individuelle Kapitalisten waren gezwungen, zu zahlen, um sich eine stabile, qualifizierte und spezialisierte Belegschaft zu sichern. Sie begünstigten die Herausbildung von Arbeiteraristokratien und versuchten, die Mobilität ihrer Arbeitskräfte so weit wie möglich zu verringern, insbesondere innerhalb derselben Branche.
In der Folge erhielten einige dieser Unternehmen durch den Krieg einen kräftigen Schub. So entwickelten sich beispielsweise Zeiss aus Jena und das andere große Optikunternehmen, Leitz (Leica) entwickelten sich auf der Grundlage von Regierungsaufträgen zur Herstellung von Zielgeräten; während Bosch in ähnlicher Weise von der Produktion der Akkumulatoren und elektromagnetischen Geräte profitierte, die für die militärische Ausrüstung jener Zeit benötigt wurden. Die optische Industrie war hauptsächlich in Württemberg und in Sachsen angesiedelt, während sich der Leichtmaschinenbau, die Feinmechanik und die elektromechanische Industrie nach und nach um Berlin herum konzentrierten.
Es ist kein Zufall, dass die Experimente mit Systemen der Arbeiterräte gerade in diesen drei Regionen – Württemberg, Berlin und Sachsen – ihre ausgeprägtesten politischen und betriebswirtschaftlichen Merkmale annahmen, wo sich die Werkzeugmaschinen-, Elektromechanik- und Optikindustrie stärker konzentrierten, d. h. wo hochspezialisierte Industriearbeiter innerhalb der Gesamtbelegschaft vorherrschten. Diese hochspezialisierten Arbeiterinnen und Arbeiter der Maschinen- und Werkzeugindustrie mit hohem fachlichem Können, die sich mit der Präzisionsbearbeitung von Metallen befassten, sich bestens mit dem Einsatz von Werkzeugen (sowohl Handwerkzeugen als auch Werkzeugmaschinen) auskannten und bei der Umgestaltung des Arbeitsprozesses mit Technikern und Ingenieuren zusammenarbeiteten, waren aufgrund ihrer beruflichen Stellung wesentlich empfänglicher für ein politisch-organisatorisches Projekt wie die Arbeiterräte, d. h. der Selbstverwaltung der Produktion durch die Arbeiterinnen und Arbeiter. Das Konzept der Selbstverwaltung durch die Arbeiterinnen und Arbeiter hätte in der deutschen Arbeiterrätebewegung keine so große Anziehungskraft entfalten können, gäbe es nicht eine Arbeiterschaft, die untrennbar mit der Technologie des Arbeitsprozesses verbunden war, ein starkes Bewusstsein für berufliche Werte besaß und von Natur aus dazu neigte, ihrer Funktion als „Produzenten“ einen hohen Stellenwert beizumessen. Das Konzept der Arbeiterkontrolle als Führungssystem war ein Konzept, das die Arbeiterinnen und Arbeiter als autonome Produzenten und die Belegschaft der Fabrik als eigenständige Einheit betrachtete. Es sah nur die Beziehung zwischen den Arbeiterinnen und Arbeitern und den Individuen, die Arbeitgeber oder Unternehmen repräsentieren, und – wie wir noch sehen werden – misstraute der „Politik“ im weiteren Sinne, d. h. der Beziehung zwischen Organisation und Macht, Partei und Revolution.
Diese Beziehung zwischen beruflichen Strukturen und bestimmten prägenden politisch-ideologischen Haltungen ist keine neue Entdeckung, aber es lohnt sich, sie hervorzuheben – zum einen, weil Deutschland ein sehr anschauliches Beispiel für diese Beziehung liefert, und zum anderen, um diejenigen daran zu erinnern, die eine Vorliebe für verwirrende und ergebnislose Diskussionen über „Klassenbewusstsein“ haben, als wäre dieses eine geistige oder kulturelle Tatsache. Ein weiterer Punkt, der hervorgehoben werden sollte, ist, dass das Element der Selbstverwaltung zwar der bedeutendste Aspekt der deutschen Rätebewegung war, aber keineswegs der einzige bedeutende Aspekt in Bezug auf revolutionäre Praxis und Projektualität. Es stellt lediglich ihr typischstes Merkmal dar.
Ein weiteres Merkmal der deutschen Bewegung, das in direktem Zusammenhang mit dem ersten stand, war die nahezu vollständige Einbindung der Techniker. Auch in diesem Fall führte die materielle Lage eines bestimmten Teils der Arbeitskräfte innerhalb der Maschinenbauindustrie zu einer spezifischen politischen Entscheidung. Zu jener Zeit waren Techniker und Ingenieure noch nicht zu Funktionären der wissenschaftlichen Organisation der Ausbeutung geworden, da der Taylorismus in Deutschland erst in der Nachkriegszeit eingeführt wurde. Allerdings verfügten deutsche Unternehmen im Allgemeinen – und nicht nur jene im Maschinenbausektor – über ein sehr fortgeschrittenes Niveau administrativ-bürokratischer Organisation. Der deutsche Industrieboom vor dem Ersten Weltkrieg war in erster Linie auf zwei objektive Bedingungen zurückzuführen: den Einsatz von Technologie und die Anwendung fortschrittlicher Forschung (die Zahl der angemeldeten Patente war enorm) sowie die extreme Effizienz des bürokratisch-administrativen Apparats. Dies wurde ermöglicht durch die Existenz grundlegender Infrastrukturen wie einer im Vergleich zu anderen Ländern weitaus fortgeschritteneren und besser strukturierten Berufsbildungsorganisation; eine enge Verbindung zwischen universitärer Forschung und industriellen Anwendungen; die Tradition der Verwaltungseffizienz, die für die preußische Bürokratie – sowohl vor als auch nach Bismarck – charakteristisch war und sich während des industriellen Booms vor dem Ersten Weltkrieg auf die Unternehmensebene ausbreitete. Aus Berichten, die Ingenieure für die Arbeiterrätebewegung verfasst und in deren Presse veröffentlicht haben, wissen wir, dass die bürokratische (d. h. administrative und buchhalterische) Organisation deutscher Unternehmen sehr effizient war und in dieser Zeit mit einem höheren prozentualen Anstieg der Beschäftigung von Angestellten im Vergleich zu Arbeiterinnen und Arbeitern einherging.
Traditionell war die deutsche Bürokratie stets ein treuer Vollstrecker von Anordnungen von oben gewesen. Dies galt auch in der Industrie, doch die Führungsposition der technischen und administrativen Belegschaft, verbunden mit der materiellen und technisch bedingten Stellung der technischen Belegschaft in der damaligen Maschinenbauindustrie, führte tendenziell zu einer Homogenität der gesamten Belegschaft im Unternehmen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt (und für kurze Zeit) in politische Einheit verwandeln konnte. In der oben beschriebenen Art von Unternehmen ergibt es keinen Sinn, nach einer Führungsklasse mit Entscheidungsbefugnissen zu suchen, die zwischen den Eigentümern und der Arbeiterklasse angesiedelt ist. Aus dieser Sicht hatte die deutsche Maschinenbauindustrie trotz all ihrer außergewöhnlichen Dynamik eine „rückständige“ Struktur im Vergleich zu dem Stadium der industriellen und technologischen Entwicklung, das durch den Fordismus, d. h. durch die Massenproduktionsindustrie von Konsumgütern, repräsentiert wurde. Diese besondere Beschaffenheit ihrer Belegschaft, die sich durch hohe berufliche Werte auszeichnete, und ihre charakteristische Unternehmensstruktur waren keineswegs eine Avantgarde in Bezug auf die kapitalistische Industrieorganisation. Ein bemerkenswert aussagekräftiges Zeugnis dafür stammt von Henry Ford selbst, der in seiner Autobiografie diese Art von Maschinenunternehmen verachtet und behauptet, dass zu der Zeit, als er im Begriff war, das Fließband und die Montagelinie einzuführen, die Maschinenbauindustrie insgesamt statisch, rückständig und unempfänglich für die Idee von Veränderungen in der Organisation des Produktionsprozesses und in der Modifizierung der organischen Zusammensetzung des Kapitals war. Indem sie sich den von Ford vorgeschlagenen Innovationen widersetzte, brachte die deutsche Maschinenbauindustrie ihre unerschütterliche Entschlossenheit zum Ausdruck, eine bestimmte Art von Arbeiterschaft und damit eine bestimmte Art von „Arbeitsaristokratie“. Dieser Widerstand war auf breiter Front zu beobachten, sowohl bei einzelnen Arbeitgebern als auch bei Technikern und Arbeiterinnen und Arbeitern. Das Modell des mittelständischen Maschinenbauunternehmens, das seine Fähigkeit bewahrte, immer wieder neue Produkte zu entwickeln, und das nach mehr oder weniger langen Phasen des Experimentierens und Planens begann, die Serienproduktion (aber keine Massenproduktion) aufzunehmen, sollte vom Fordismus gerade in seiner grundlegenden Komponente – der der Arbeit – hinweggefegt werden. Fords Innovationen waren lediglich ein qualitativer Fortschritt in Bezug auf die Maschinen; langfristig bedeuteten sie das schrittweise Aussterben jener Art von Arbeiterinnen und Arbeitern, die eine Bindung zu ihrer Maschine, zu ihrem Unternehmen und zu ihrem Handwerk hatten. Der hochqualifizierte Arbeiter der Maschinenbauindustrie sollte dem modernen Fließbandarbeiter weichen, der ungelernte, entwurzelte, hochmobile und austauschbare Arbeitskraft war. Daher ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die deutsche „Arbeiteraristokratie“ schon lange bevor sie zur „revolutionären Avantgarde“ wurde, lange vor ihrer „Feuerprobe“, von den Vorreitern des Kapitalismus objektiv zum Aussterben verurteilt war.
Der Fordismus veränderte nicht nur die interne Struktur der Arbeiterschaft tiefgreifend, indem er den Handwerker oder die „Arbeiteraristokratie“ durch den modernen Fließbandarbeiter, den Massenarbeiter, ersetzte; er veränderte auch sowohl die Lohnstruktur als auch die Sichtweise der Arbeiterinnen und Arbeiter (und der Kapitalisten) auf den Lohn erheblich. Für Taylor war der Lohn als Anreiz direkt mit der Position der einzelnen Arbeiterinnen und Arbeiter im einzelnen Unternehmen verbunden; dies ergab sich aus dem individualistischen und atomisierenden Ansatz, der für Taylors Philosophie typisch war. Für Ford hingegen wurde der Lohn zu einer allgemeinen Einkommensgröße, die als Mittel zur Steuerung der Systemdynamik diente; er war eine Gesamtkapitalmenge, die in einen übergeordneten Rahmen geplanter Entwicklung eingespeist werden sollte. Im Jahr 1911 waren Fords Ideen nichts weiter als die klugen Erkenntnisse eines einzelnen Individuums. Erst die Gefahr einer allgemeinen Umwälzung der Machtverhältnisse in der Fabrik (die Gefahr, die die Arbeiterrätebewegung, selbst in ihrer Mitbestimmungsform, für das Kapital insgesamt darstellte) führte dazu, dass sie zur Strategie des kollektiven Kapitals wurden – also zur keynesianischen „Einkommensrevolution“. Diese Bedrohung rührte nicht daher, dass ihre Projekte für eine industrielle „Neue Ordnung“ besonders fortschrittlich waren, oder dass die Arbeiterrätebewegung eine so starke Basis in der Arbeiteraristokratie hatte, d. h. die geplante Integration der Klasse in das System gefährdete. Die Bedrohung lag vielmehr darin, dass es sich um eine internationale Klassenbewegung handelte. Hier versuchte die Arbeiterklasse als Ganzes zum ersten Mal in der Geschichte, den Trend im Prozess der kapitalistischen Entwicklung umzukehren, sowohl in rückständigen als auch in fortgeschrittenen Sektoren, sowohl auf Betriebsebene als auch auf der Ebene der Gesellschaft als Ganzes. Es war nicht so sehr ihr organisatorischer, politisch-ideologischer oder soziologischer Charakter, sondern ihr internationaler Charakter, der das revolutionäre Merkmal der Arbeiterratsbewegung ausmachte. Es war ein weltweites 1905, in dem nur das schwächste Glied brach.
Um die Arbeiterrätebewegung zu rekonstruieren und politisch zu definieren, müssen wir sowohl die Zyklen des Arbeiterkampfes auf internationaler Ebene als auch die Klassenzusammensetzung innerhalb des kapitalistischen Raums verfolgen.
Kehren wir also zu unserem Beispiel im Falle Deutschlands zurück. Die Diskussion über die Struktur der manuellen und technischen Arbeiterschaft und ihre geografische Verteilung ist völlig unzureichend und läuft Gefahr, falsch und irreführend zu werden, wenn wir nicht zuerst die politische Klassenzusammensetzung untersuchen, wie sie in Deutschland bestand. Als allgemeinen methodischen Hinweis könnte man Folgendes anführen: Rückständigkeit bedeutet nicht zwangsläufig Rückständigkeit in der Arbeiterklasse. Wenn wir bei der Analyse politischer Kämpfe an der üblichen Unterscheidung zwischen fortgeschrittenen (USA, England, Deutschland) und rückständigen kapitalistischen Ländern (Russland, Italien) festhalten, laufen wir Gefahr, Verwirrung und Schematismus zu erzeugen. Auf der Ebene der subjektiven Organisation sind die besonderen Merkmale des Kampfes in Russland genauso fortgeschritten wie in anderen Ländern – wenn nicht sogar noch mehr. Während wir in den Zeiträumen 1904–1906, 1911–1913 und 1917–1920 ein Kapital vorfinden, das durch große Ungleichgewichte zwischen fortgeschrittenen und rückständigen Gebieten gekennzeichnet ist, finden wir in Bezug auf die klassenpolitische Aktivität ein beträchtliches Maß an Klassenhomogenität in allen Ländern. Wir können also von einer Reihe von Kampfzyklen sprechen, die im Zeitraum 1904–1906 begannen und internationaler Natur waren. Das spezifische Merkmal dieses ersten Zyklus lässt sich chronologisch nicht leicht genau festlegen, sticht aber deutlich hervor: Es ist der Massenstreik, der aus einer Situation endemischer Kämpfe hervorgeht und zu gewalttätigen und aufständischen Aktionen führt. Das lässt sich am besten anhand der USA veranschaulichen. Ab 1901 erschüttert eine Reihe gewalttätiger Massenstreiks die gesamte industrielle Struktur der USA. Mit ihrem Zentrum, ihrem Klassenpol, bei den Bergarbeitern in den Rocky Mountains, breiteten sich diese Kämpfe vor allem unter den Arbeiterinnen und Arbeitern in der Stahl-, Textil- und Transportindustrie aus, vor allem aber unter den Bauarbeitern. 1905, auf dem Höhepunkt des Kampfes, während in Russland die Sowjets entstanden, wurde in den USA die International Workers of the World (IWW) gegründet; die radikalste proletarische Organisation, die es je in den USA gab, die einzige revolutionäre Klassenorganisation vor dem Aufkommen der afroamerikanischen Bewegung. Heute gibt es viel über die IWW zu sagen und von ihr zu lernen. Obwohl viele ihrer Militanten Anarchistinnen, Anarchisten und Anarchosyndikalisten waren, die aus Ost- und Westeuropa in die USA eingewandert waren, kann man die IWW nicht einfach als das amerikanische Pendant zum französischen Anarchosyndikalismus abtun.
Was war an der IWW so außerordentlich modern? Obwohl sie auf einem alten Klassenkern basierte, der Western Federation of Miners, bestand der Verdienst der IWW darin, dass sie versuchte, das amerikanische Proletariat entsprechend seinen eigentlichen Merkmalen zu organisieren. Es handelte sich in erster Linie um ein Einwandererproletariat und somit um eine Mischung aus ethnischen Gruppen, die nur auf eine bestimmte Art und Weise organisiert werden konnte. Zweitens war es ein mobiles Proletariat, eine Tatsache, die einer Identifikation mit einem bestimmten Beruf oder einer bestimmten Qualifikation sehr entgegenstand und die auch dagegen sprach, dass Arbeiterinnen und Arbeiter Bindungen zu einzelnen Fabriken aufbauten (und sei es nur, um diese zu übernehmen). Die IWW machte den Begriff der sozialen Fabrik zu einer konkreten Realität und baute auf dem außergewöhnlichen Maß an Kommunikation und Koordination auf, das im Rahmen der Kämpfe einer mobilen Arbeiterschaft möglich war. Der IWW gelang es, einen absolut originellen Typus von Agitator zu schaffen: nicht den Maulwurf, der jahrzehntelang in einer einzigen Fabrik oder einem proletarischen Viertel gräbt, sondern der Agitator, der im Strom proletarischer Kämpfe schwimmt, der sich von einem Ende zum anderen des riesigen amerikanischen Kontinents bewegt und der auf der seismischen Welle des Kampfes reitet, nationale Grenzen überwindet und die Ozeane überquert, bevor er Kongresse organisiert, um Schwesterorganisationen zu gründen. Das Interesse der Wobblies an Transportarbeitern und Hafenarbeitern, ihre unerschütterliche Entschlossenheit, das Kapital als internationalen Markt anzugreifen, ihr intuitives Verständnis des mobilen Proletariats – heute beschäftigt, morgen arbeitslos – als Virus sozialer Auflehnung, als Triebkraft des „sozialen Wildcat“-Streiks: All das macht die IWW zu einer Klassenorganisation, die heutige heutige Kampfformen vorwegnahm und völlig unabhängig von der Tradition der Zweiten und Dritten Internationale war. Die IWW ist das direkte Bindeglied zwischen Marx’ Erster Internationale und der postkommunistischen Ära.
Die Heftigkeit und die Kontinuität der amerikanischen Streiks in den ersten beiden Jahrzehnten des Jahrhunderts zeigen, wie politisch richtig Marx’ Intuition dreißig Jahre zuvor war, als er wollte, dass der Hauptsitz „seiner“ Internationale nach New York verlegt wird. Es ist schwer, den Höhepunkt dieser Kämpfe zu bestimmen, aber der Verlauf des Zyklus ist in etwa analog zu dem in Europa und dem des russischen Proletariats. Ein besonders denkwürdiger Moment war der Kampf von 5.000 Fuhrleuten in Chicago im Jahr 1905, der in Zusammenstößen mit der Polizei endete und 20 Tote sowie 400 Verletzte forderte.
Im Jahr 1904 kam es in Italien zum ersten Generalstreik.
Am 3. Januar 1905 traten die Arbeiterinnen und Arbeiter der Putilow-Fabrik in St. Petersburg in den Streik, und die russische Revolution von 1905 begann.
In den ersten Monaten desselben Jahres brach der große Streik der deutschen Bergleute im Bergwerk an der Bruchstraße aus und breitete sich im gesamten Ruhrgebiet aus. Diesem Kampf in Deutschland waren die Streiks der Textil- und Papierarbeiter in den Jahren 1903 und 1904 vorausgegangen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter in diesen Branchen hatten die schlechtesten Arbeitsbedingungen und die niedrigsten Löhne in der deutschen Industrie. In der Papierindustrie gab es die höchste Rate an dauerhaften Erwerbsunfähigkeiten aufgrund von Arbeitsunfällen, und die berühmten deutschen Gewerkschaften/Syndikate waren im Textil- und Papiersektor so gut wie nicht vertreten: Diese Arbeiterinnen und Arbeiter sollten ihren ersten Tarifvertrag erst 1919 erhalten, nach dem Sturz der Monarchie. Der Streik war spontan ausgebrochen, ebenso wie der Bergarbeiterstreik von 1905.
In der Klassenzusammensetzung des Vorkriegsdeutschlands stellten die Ruhrbergleute den fortschrittlichsten Sektor dar. Dieser Kern der Arbeiterklasse war vielleicht der einzige, der in der Lage war, das gesamte soziale Gefüge in Bewegung zu setzen, wenn er in den Kampf trat. Ein typisches Beispiel dafür war der plötzliche und spontane Streik von 1889, der sich sofort zu einem Massenstreik entwickelt hatte. Die Gewerkschaften/Syndikate hatten sich erst im letzten Moment eingeschaltet. Der Kaiser und Bismarck mussten direkt eingreifen, um den Kampf angesichts der Verhandlungs- und Organisationsunfähigkeit der Gewerkschaften/Syndikate und den hartnäckigen Widerstand der Kohlebarone. Den Bergleuten gelang es, die Arbeitgeber dazu zu zwingen, alle ihre Forderungen zu akzeptieren – bis auf die wichtigste, nämlich den Achtstundentag, der die Zeit für den Weg zur und von der Arbeitsstelle einschließen sollte. Tatsächlich begann der Kampf von 1905 genau mit dieser Forderung. Durch den großflächigen Bergbau waren die Stollen tiefer geworden, und die Zeit, die man für den Abstieg und Aufstieg benötigte, hatte sich praktisch verdoppelt.
Die Krise der Bergbauindustrie hatte etwa 9.000 Bergleute gezwungen, das Gebiet zu verlassen; die Zahl der Berufskrankheiten war erschreckend gestiegen; vor allem aber waren die Bergleute nicht bereit, die Anwesenheit von Vorarbeitern zu tolerieren. Die Gewerkschaft/Syndikat hatte aus der Niederlage von 1889 gelernt – die sie auf organisatorischer Ebene viel gekostet hatte (nur noch 40 % der Bergleute waren nun Mitglieder der Gewerkschaft/Syndikats) – und versuchte zunächst, den Kampf lokal zu begrenzen. Doch der Streik griff sehr schnell auf andere Gebiete über: Innerhalb von 10 Tagen streikten 220.000 Bergleute von insgesamt 270.000 im Bezirk. Die Forderungen waren von den Baronen mit ihrer üblichen Arroganz zurückgewiesen worden. Sie wollten keine Infragestellung ihres „Hier habe ich das Sagen“-Prinzips dulden. Die Merkmale des deutschen Bergarbeiterstreiks nahmen die Merkmale der großen Kämpfe der Arbeiterrätezeit vorweg. Zwei davon stechen besonders hervor: die Gewaltlosigkeit des Kampfes (sogar die bourgeoise Presse lobte das ordentliche Verhalten der Arbeiterinnen und Arbeiter) und die Forderungen bezüglich der Machtverhältnisse am Arbeitsplatz. Einerseits sehen wir die extreme Sozialität des Kampfes (der auch in dieser Hinsicht mit den leicht übertragbaren Massenstreiks in den Vereinigten Staaten, Italien und Russland übereinstimmte), und andererseits richteten sich die Forderungen immer noch an einzelne Kapitalisten oder Gruppen von Kapitalisten in einem bestimmten Sektor. Das bedeutete, dass für die deutschen Bergleute die Macht vor allem am Ort der Produktion verändert werden musste. Mit anderen Worten: selbst im fortschrittlichsten Klassenpol begegnen wir dem gleichen Merkmal, subversive Aktivitäten streng an den Produktionsort zu binden. Es ist interessant festzustellen, dass die eigentliche Kraft in den Verhandlungen erneut die Regierung war, vertreten durch den Staatssekretär Graf von Posadowsky. Als treuer Anhänger Bismarcks und seines „Staatssozialismus“ erließ der Graf umgehend gesetzliche Maßnahmen, die den Forderungen der Bergleute hinsichtlich der Arbeitszeiten im Wesentlichen entsprachen, und richtete „Arbeiterkomitees“ in Bergwerken mit mehr als 100 Beschäftigten ein. Diese Einrichtung ging nur kurze Zeit vor ähnlichen „internen Komiteen“ in Italien voraus. Im gesamten Verhalten der Regierung lassen sich Merkmale erkennen, die später wieder auftauchen sollten. In Deutschland wurden die Interessen des kollektiven Kapitals vom Staat geschützt oder, im Jahr 1918, durch den Machtantritt der Sozialdemokratie. Im Jahr 1905 ging die Initiative zur Einführung von Arbeitervertretungen in den Fabriken vom Kapital aus. Das war weit entfernt von so etwas wie Mitbestimmung: Es handelte sich lediglich um Komitees, die lokale Streitigkeiten regeln sollten, um zu verhindern, dass diese in offene Kämpfe ausarteten, die schließlich zu einem allgemeinen Kampf hätten führen können. Ähnlich sollte 1920 unter dem Druck der revolutionären Bewegung die sozialdemokratische Koalitionsregierung mit dem Gesetz über die Betriebsräte gegen Sozialisierungsvorhaben eingreifen, die darauf abzielten, die gesamte Macht in den Fabriken den Arbeiterräten zu übertragen.
Der Ruhrstreik beendete nicht die Zeit der Massenstreiks in Deutschland: Im Januar 1906 legte ein allgemeiner politischer Streik die Fabriken und den Hafen von Hamburg lahm – dies war der Streik, den Luxemburg als „allgemeinen Test für den Aufstand” bezeichnete.
Wir haben uns ausführlich mit dem Bergarbeiterstreik befasst, um den fortschrittlichsten Klassenpol in Deutschland in der Vorkriegszeit zu identifizieren. Leider konnten wir keine nach spezifischen Industriezweigen aufgeschlüsselten Statistiken heranziehen, um die gesamte deutsche Klassenzusammensetzung im Verhältnis zu den Kampfbewegungen zu rekonstruieren. Die folgenden absoluten Zahlen zu den Streiks bestätigen zumindest die Aussage, dass der Zeitraum 1904–1906 einen ganz eigenen Kampfzyklus darstellt: 1903 gab es 1.347 Streiks, 86.000 Streikende und 7.000 betroffene Fabriken; 1904 gab es 1.870 Streiks mit 113.000 Streikenden und 10.000 betroffenen Fabriken. 1905 gab es 2.400 Streiks mit 400.000 Streikenden, die 14.000 Fabriken betrafen; 1906 gab es 3.000 Streiks, 270.000 Streikende und 16.000 betroffene Fabriken; 1907 gab es 2.200 Streiks mit 190.000 Streikenden und 13.000 betroffenen Fabriken. Im folgenden Jahr gingen all diese Zahlen um zwei Drittel zurück. Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Situation im Laufe der Jahre 1905–1906 veränderte: Im Vergleich zu 1905 fehlt bei der Gesamtzahl der Streikenden im Jahr 1906 die massive Präsenz von 200.000 Streikenden aus dem Ruhrgebiet; dennoch stieg die Zahl der Streiks um 30 % und die Zahl der betroffenen Fabriken um etwa 13 %. Ähnlich verhält es sich 1907: Während die Zahl der Streikenden im Vergleich zu 1905 um etwa 52 % gesunken ist, ging die Zahl der Streiks nur um 8 % zurück und die Zahl der betroffenen Fabriken ebenfalls um 8–9 %. Das bedeutet, dass sich der Kampf von dem großen Klassenpol, den die Ruhrbergleute darstellten, auf mittelgroße Fabriken ausgeweitet hatte und so das gesamte soziale Gefüge des deutschen Kapitals beeinflusste. Es war der anfängliche Impuls der Bergleute, der es schaffte, den Kampfmechanismus in den Maschinenfabriken in Gang zu setzen, die von Paternalismus und einer Arbeiteraristokratie geprägt waren.
Die überwältigende Präsenz von 200.000 Ruhrbergleuten in der deutschen politischen Klassenzusammensetzung und die dominierende Stellung des Kohle- – und Stahlsektors in der deutschen Industrielandschaft lässt sich mit der Stellung vergleichen, die die FIAT-Arbeiterinnen und Arbeiter und das FIAT-Kapital in Italien einnahmen. In den Jahren nach 1905 erlebte jedoch eine ganze Reihe von Sektoren einen Aufschwung, und die Dominanz dieser 200.000 Bergleute aus dem Ruhrgebiet wurde ausgeglichen, vor allem durch die Entstehung riesiger Industriezentren in der Region Berlin, im Dreieck Leipzig-Dresden-Chemnitz, in Wartheim sowie in der Nähe der Häfen von Hamburg, Kiel und Bremen. So sollten im dritten Kampfzyklus, den entscheidenden Kämpfen der Jahre 1917–20, diese anderen Klassenpole als erste den Kampf vorantreiben, zuerst Berlin und die Häfen, dann Sachsen, und schließlich würde sich das Ruhrgebiet anschließen.
Kehrt man nun von der politischen Klassenzusammensetzung zur Struktur der Arbeitskräfte zurück, muss betont werden, dass die Bergleute im Ruhrgebiet und die qualifizierten Maschinenarbeiter ein gemeinsames Element teilten, das besonders wichtig war, vor allem im Hinblick auf die Probleme, die mit der Veränderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals und dem für die kapitalistische Entwicklung notwendigen Innovationsprozess verbunden waren. Die Arbeit im Bergbau ließ sich nicht ohne Weiteres mechanisieren. Kurz- und mittelfristig war es undenkbar, dass eine technologische Lösung wie die Mechanisierung die Beschäftigungs- und Qualifikationsstruktur des Bergbaus drastisch verändern könnte. Mit anderen Worten: erkannten die Kohle- und Stahlbarone, dass sie mit diesen Arbeiterinnen und Arbeitern leben mussten, denn angesichts der Vollbeschäftigung konnten sie diese nicht einfach entlassen und durch eine andere Art von Arbeiterinnen und Arbeitern ersetzen: Eine fordistische Lösung war im Bergbau (und in der Stahlindustrie) nicht ohne Weiteres umsetzbar. Ebenso wollten die Arbeitgeber im Maschinenbau ihre eigenen Arbeiterinnen und Arbeiter behalten und neigten zu paternalistischen Lösungen, um sowohl bei den Löhnen als auch bei den Arbeitsbedingungen Privilegieninseln zu schaffen. Weder die autoritären und arroganten Barone des Kohle- und Stahlsektors noch die aufgeklärten und paternalistischen Arbeitgeber des Maschinenbausektors waren in der Lage, eine kurz- oder langfristige Arbeitspolitik in Gang zu setzen, die sich von der unterschied, die sie verfolgten. Mit anderen Worten: Die besondere Entwicklungskonjunktur der beiden Sektoren stellte sehr starre Grenzen, die den Handlungsspielraum der Kapitalisten stark einschränkten und ihnen bestimmte Entscheidungen aufzwangen. Die Arbeitgeber hätten daran arbeiten können, alle anderen Aspekte der kapitalistischen Politik zu verändern, wie zum Beispiel die Finanzstruktur ihrer Unternehmen zu verbessern; die Konzentration zu beschleunigen, ihre technische Struktur und die eingesetzten Technologien zu verbessern; neue Märkte zu erschließen; neue Produkte zu entwickeln; mit den Gewerkschaften/Syndikaten und der Regierung zusammenzuarbeiten (oder auch nicht); mehr unternehmerische Dynamik zu zeigen; eine externe Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten in der Regierung zu befürworten oder abzulehnen usw. Doch selbst wenn sie all dies getan hätten, wären sie nicht in der Lage gewesen, wesentliche Veränderungen an den strukturellen Merkmalen ihrer Arbeitskraft vorzunehmen. Meiner Meinung nach ist dies sehr wichtig, denn es zeigt, wie die Starrheit des deutschen Industriesystems eines der Elemente war, die die gesamte Arbeiterschaft zu einer unabhängigen Variablen machten, die allein durch die objektive Tatsache ihres Fortbestehens eine ernsthafte Bedrohung für die weitere kapitalistische Entwicklung in Deutschland darstellte.
Die obigen Überlegungen dienen dazu, jene Art von Interpretation zu korrigieren, die vom reformistischen Charakter des Selbstverwaltungsprojekts der Arbeiterräte ausgeht und dann leugnet, dass die Kämpfe irgendeine echte revolutionäre Bedeutung gehabt hätten – außer im Sinne einer Wiederbelebung der kapitalistischen Entwicklung. Während diese Position aus theoretischer Sicht korrekt ist und als strategische Position, aus der man Schlussfolgerungen bezüglich der Arbeiterkämpfe ziehen kann, gültig bleibt, führen uns Korrekturen aus historischer Sicht – oder besser gesagt, die historische Bestimmung dieser Position – zu dem Schluss, dass die Nachkriegsbewegung einen subversiven Charakter hatte. Eine Arbeiterorganisation, die lediglich die Struktur der gesamten Belegschaft in der Fabrik widerspiegelte und die für die Arbeiterinnen und Arbeiter nur in ihrer Stellung und Funktion als Produzenten eintrat – eine Organisation, deren allgemeine Forderungen lediglich darauf abzielten, die Arbeiterinnen und Arbeiter in ihrer bisherigen Position innerhalb der Fabrik zu halten –, war für das deutsche Kapital potenziell tödlich: letztendlich hätte sie dessen Handlungsspielraum blockiert, indem sie dem System das Element der Flexibilität entzogen hätte, das so entscheidend notwendig war, um die kapitalistische Entwicklung durch eine Veränderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals zu retten. Genau mit dieser Art von Engpass sah sich der italienische Kapitalismus in der Zeit vor dem Faschismus konfrontiert, und zwar in mehr oder weniger identischer Form. Daher muss die revolutionäre Tragweite einer Bewegung auf der Grundlage eines Verständnisses des historisch bedingten Entwicklungsstadiums in einer konkreten Situation berechnet werden. Die kurzfristige Unmöglichkeit des deutschen Kapitals, über einen Zeitraum von zwanzig oder dreißig Jahren die Struktur der Belegschaft, der Lohnstruktur und der organischen Zusammensetzung des Kapitals ließ ihm kaum Wahlmöglichkeiten und Alternativen, was sich schon vor der revolutionären Welle von 1918 in einer Unfähigkeit niederschlug, alternative politische Lösungen zu finden – oder vielmehr in einem Mangel an Lösungen, die durch rein ökonomische Entwicklungsinstrumente oder durch eine reformistische Vereinnahmung des Arbeiterkampfes erreicht werden konnten. Warum erwies sich in Deutschland sogar eine sozialdemokratische organisatorische Vereinnahmung der Arbeiterräte als unmöglich? Warum war die deutsche Sozialdemokratie unfähig, eine reformistische Lösung für die politische Krise des Systems zu finden, und warum musste sie sich rein als Apparat zur Repression der Kämpfe und der Arbeiterräteorganisationen präsentieren? Warum musste die deutsche Sozialdemokratie 1918 Kautsky den Rücken kehren und sich für Noske entscheiden?1 Eine Kombination aus Sozialdemokratie und Repression, also die sozialfaschistische Lösung, erwies sich als die Antwort auf ein derart hohes Niveau subversiver Kämpfe.2 Um die Dinge zu verdeutlichen, lohnt es sich, einen Blick auf die ganz anderen Lösungen zu werfen, die die amerikanische herrschende Klasse nach der durch die Kämpfe von 1904–05 ausgelösten Krise gewählt hat. Eines der Elemente, das die siegreiche Reaktion des Kapitalismus in den USA stark begünstigte, war der radikale Wandel, der sich in den Beschäftigungsstrukturen und der Zusammensetzung der Arbeiterschaft vollzog. Von 1905 bis 1914 nahmen die USA nicht weniger als 10 Millionen Einwanderer auf. Man kann sich leicht vorstellen, was diese Masse an Subproletariern im Hinblick auf die Reservearmee der Arbeitskräfte und die Untergrabung der Beschäftigungsstrukturen bedeutete. Die halbe Million ausländischer Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland (hauptsächlich Italiener und Polen) war im Vergleich dazu eine relativ geringe Zahl. Es steht außer Frage, dass Fords Eingreifen genial war und seine Projekte strategisch wichtig waren, um die Mechanisierung voranzutreiben und den Lohn als Funktion des Konsums zu organisieren. Doch der Hauptbeitrag der fordistischen Lösung bestand darin, dass sie eine gewaltsame Konterrevolution in den USA als einzigen Ausweg überflüssig machte. Durch eine massive Veränderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals gelang es dem Fordismus zudem, einen tiefgreifenden Wandel in der Qualifikationsstruktur der Arbeitskräfte herbeizuführen. Der Fließbandarbeiter bei Ford unterschied sich stark vom Facharbeiter in der deutschen Maschinenbauindustrie. Gerade seine Austauschbarkeit (er hätte ein Italiener sein können, der gerade erst angekommen war und noch nicht einmal „Lohn“ auf Englisch sagen konnte) bedeutete, dass er nicht jene Bindung an die einzelne Fabrik hatte, die noch typisch war für jene soziale Figur, die die Arbeiterrätebewegung in Deutschland ins Leben gerufen hatte, in der Überzeugung, dass Selbstverwaltung ausreiche, um die sozialistische Gesellschaft zu schaffen.
In Deutschland war die Lage also anders. Die Starrheit des Systems schränkte den Handlungsspielraum ein, und selbst die bernsteinianische Sozialdemokratie stellte vor dem Krieg eine objektive Gefahr dar (das – und nicht der „Autoritarismus“ des Kaisers – war der Grund, warum sie vor Kriegsausbruch nicht in die Regierung kooptiert wurde). Diese Engpässe innerhalb des Systems zwangen das deutsche Kapital, seine ohnehin schon vorhandene Tendenz zur aggressiven Expansion auf ausländischen Märkten zu verstärken, um einen Ausweg aus der Krise zu finden, was zu den interkapitalistischen Konflikten führte, die Lenin in seiner Broschüre über den Imperialismus so treffend beschrieben hat3. Wenn die SPD in die Regierung eintreten wollte, hätte sie alle Zwischenlösungen aufgeben und den Sozialimperialismus voll und ganz akzeptieren müssen. Dies geschah 1914 mit der Zustimmung der Sozialdemokraten zur Verabschiedung der Kriegskredite. Doch selbst hier sind die Dinge, wie wir sehen werden, nicht so einfach, wie sie von den offiziellen Historikern der Arbeiterbewegung dargestellt werden, wenn sie von einem „Verrat“ der Sozialdemokraten sprechen.
Nach dieser Zusammenfassung der Ereignisse von 1905 unter Bezugnahme auf die Höhepunkte der internationalen Arbeiterbewegung gibt es wenig hinzuzufügen, wenn wir uns dem Kampfzyklus der Jahre 1911–13 zuwenden. Dieselben Klassenkerne initiieren den Kampf und bringen die Arbeiterklasse in den verschiedenen Ländern in Bewegung. Nur um ein paar Daten in Erinnerung zu rufen: 1911, Streik der Harriman-Eisenbahnarbeiter in den USA; 1911–12, Streiks der Bergarbeiter in West Virginia und der denkwürdige Kampf der Textilarbeiterinnen und Arbeiter in Lawrence (schon damals gab es eine Welle der Repression gegen IWW-Militanten); 4. April 1912: Massaker an den Edelmetallbergarbeitern von Lena in Russland; im Juni 1912 schreibt Lenin seinen Artikel über die „Wiederbelebung der Revolution“ in Russland; 1912: der dritte Massenstreik der Ruhrbergleute in Deutschland.
Diesmal fand der Kampf in einer Phase hoher ökonomischer Aktivität statt und nachdem die Stahl- und Kohlebarone eine Vereinbarung unterzeichnet hatten, die den einzelnen Kapitalisten verpflichtete, vier Jahre lang keinem Arbeiterinnen und Arbeiter Arbeit zu geben, der aus politisch-disziplinarischen Gründen von anderen Arbeitgebern derselben Branche entlassen worden war. In Deutschland steigt die Zahl der Streikenden von 155.000 im Jahr 1910 auf 400.000 im Jahr 1912 und 250.000 im Jahr 1913. Dies ist die Zeit, in der die Arbeiterinnen und Arbeiter die Gewerkschaften/Syndikate am intensivsten nutzen. Die Zahl der Mitglieder der Gewerkschaften/Syndikate steigt von 1.800.000 im Jahr 1910 auf 2.300.000 im Jahr 1912. Das war die höchste Zahl seit der Jahrhundertwende. Aber die Arbeiterinnen und Arbeiter nutzten die Gewerkschaften/Syndikate, ohne die Organisation zu einem Fetisch zu machen. Zur Veranschaulichung: 1911 betrug die Zahl der Stahl- und Metallarbeiterinnen und Arbeiter, die Mitglieder der sozialistischen Gewerkschaft/Syndikats waren, 133.000; ein Anstieg um 40.000 gegenüber 1910. Aber die Zahl der Mitglieder, die dann 1912 aus der Gewerkschaft/Syndikat austraten, lag bei ganzen 67.000, d. h. eine negative Fluktuation von 75 %. Drei Viertel der Mitglieder waren Neumitglieder. Diese Zahlen müssen angeführt werden, um den Mythos vom Organisationsfetischismus der deutschen Arbeiterinnen und Arbeiter zu entmystifizieren: Auf jedes Mitglied, das blieb, kamen drei, die gingen. Zudem organisierte die Stahl- und Metallarbeitergewerkschaft mit 133.000 Mitgliedern nur 25 % der in diesem Sektor beschäftigten Arbeiterinnen und Arbeiter, verglichen mit 1905, als sie 7 % organisierte. Wenn man sich die große Zahl von Streiks in denselben Jahren vor Augen führt, wird sofort klar, dass die große Mehrheit dieser Kämpfe spontan war.
2. Die theoretische Diskussion in der internationalen Arbeiterbewegung
Das Jahrzehnt um die Jahrhundertwende war eine Zeit intensiver und leidenschaftlicher theoretischer Debatten innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung. Natürlich ist es hier unmöglich, jedes zentrale Thema zu behandeln. Ich werde mich darauf beschränken, einige herauszugreifen, insbesondere jene, die der Diskussion und der politischen Planung der Arbeiterrätebewegung zugrunde lagen: das Verhältnis zwischen Spontaneität und Führung, zwischen Taktik und Strategie sowie das Verhältnis zwischen Gewerkschaften/Syndikaten und Partei. Dies sind die Themen, um die der Kampf zwischen den drei großen Strömungen in der Arbeiterbewegung tobte: der revisionistischen, der revolutionären und der anarchosyndikalistischen. Nachdem ich mich hauptsächlich mit den Kämpfen in Russland, Deutschland und den USA befasst habe, werde ich mich auf das Denken von Bernstein, Rosa Luxemburg, Daniel DeLeon und Lenin konzentrieren. Man sollte bedenken, dass fast alle grundlegenden Werke zu diesen Problemen vor der Russischen Revolution von 1905 geschrieben wurden.
In einer Artikelserie in der „Neuen Zeit“ und in seinem Hauptwerk „Der evolutionäre Sozialismus“ sprach Bernstein einen sehr wichtigen Punkt an. Er vertrat die Ansicht, dass der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit im Zusammenhang mit dem Verhältnis von Löhnen und Profiten gesehen werden müsse. Aus dieser richtigen Beobachtung zog er eine Reihe von Konsequenzen, die dazu führten, dass die Arbeiterbewegung die Klassenperspektive in Bezug auf die Machtergreifung verlor. Es ist unmöglich zu verstehen, warum seine Werke so viel Aufruhr verursachten, wenn man nicht bedenkt, dass seine ursprüngliche Formulierung richtig war. Daraus zog Bernstein zwei Konsequenzen: 1) dass der gewerkschaftliche/syndikalistische Kampf, verstanden als ökonomischer Kampf, Vorrang vor dem politischen Kampf haben sollte, sodass die Gewerkschaften/Syndikate über der Partei standen; und die Kampfformen mussten Aktionen der Massen ausschließen, um im Bereich konkreter Vertragsverhandlungen zu agieren; und 2) dass sich der politische Kampf ausschließlich mit dem Wachstum der ökonomischen Macht der Arbeiterschaft befassen und sich darauf beschränken sollte, einen institutionellen Rahmen für dieses Wachstum zu schaffen, oder, mit anderen Worten, dessen rechtliche Absicherung zu sein. Man könnte sagen, dass Bernsteins Position bedeutete, das Endziel des Sozialismus aus den Augen zu verlieren und bestehende Machtstrukturen unangetastet zu lassen, aber gleichzeitig muss man sagen, dass sie über den Fatalismus, Determinismus und das mechanistische Denken hinausging, die für frühere Positionen der Zweiten Internationale typisch waren. Bernsteins Position war „Ökonomismus“ als allgemeine Theorie der Klassenbewegung. Gerade deshalb verkörperte sie jedoch eine Dynamik und die Möglichkeit zur unmittelbaren Anwendung. Dies erkannten sofort die Anführer der großen deutschen Arbeiterorganisationen, die sie aufgriffen und damit den zögerlichen Hohepriestern der Partei (Kautsky) einen Schritt voraus waren, die nervös waren, von der orthodoxen Linie abzuweichen. Aufgrund des Gewichts, das die deutschen Organisationen innerhalb der Zweiten Internationale hatten, verschaffte diese sofortige Akzeptanz durch die Gewerkschaften/Syndikate Bernsteins Lehren umgehend Popularität und Verbreitung, auch wenn die Gewerkschaften/Syndikate in einigen Ländern stark von den Theorien des Anarchosyndikalismus beeinflusst waren (der jedoch mit dem Bernsteinismus die Ablehnung der „Parteiorganisation“ oder die Vorstellung teilte, dass diese überwunden werden müsse). Die offizielle Trennung der deutschen Gewerkschaften/Syndikate von der Sozialdemokratie erfolgte 1903. In Realität handelte es sich lediglich um eine Erklärung der Autonomie der Gewerkschaft/Syndikate gegenüber der Partei. Für die Revolutionäre wurde das politische Element – oder die Bedeutung des Faktors „Politisierung“ in den Arbeiterkämpfen – eindeutig zu einem grundlegenden Aspekt bei der Bekämpfung des Bernsteinismus. Sie sahen die Notwendigkeit, eine strategische Vision wieder einzuführen und gleichzeitig eine Organisationsform, ein Entscheidungszentrum, zu schaffen, das Taktik und Strategie fest im Griff behalten konnte. Dies musste jedoch die Spontaneität betonen, als Mittel, um die institutionellen Möglichkeiten der Gewerkschaften/Syndikate in Frage zu stellen, den Kampfprozess sowohl in Bezug auf einzelne Aktionen (tägliche Taktik) als auch in seiner Gesamtlinie zu kontrollieren. Aber von Spontaneität zu sprechen, bedeutete, einen Begriff zu verwenden, der der Schlachtruf des Anarchosyndikalismus gewesen war. Es galt, den Begriff „Spontaneität“ von seinem anarchistischen Inhalt zu befreien und den Begriff „Politik“ von seinen bürokratischen und unmilitanten Konnotationen. Zu diesem Zeitpunkt begannen nicht nur gewerkschaftliche/syndikalistische Anführer, sondern auch sozialdemokratische Parteiführer, Bernsteins Perspektive zu akzeptieren. Vor allem war es notwendig, über die Arbeiterinnen und Arbeiter nicht einfach als Arbeitskraft, sondern als autonome politische Klasse zu sprechen. Es war schwierig, diese theoretisch-politische Debatte durch Mehrheiten in den Parteiorganisationen oder durch bessere politische Argumente zu gewinnen. Was gebraucht wurde, war ein entscheidendes politisches Ereignis, das den Ausschlag geben würde, und für alle Revolutionäre bot das Jahr 1905 genau das: die Aussicht auf einen Sieg über den Revisionismus.
Die ersten revolutionären Antworten auf Bernstein stammen aus der Zeit vor 1905. Sie beginnen mit Luxemburg und ihrer Broschüre „Reform oder Revolution?“ von 1899, die ein für alle Mal das spezifische Tätigkeitsfeld der Gewerkschaft/Syndikat und ihren institutionellen Wirkungsbereich definiert. Laut Rosa Luxemburg beschränkt sich diese Tätigkeit „im Wesentlichen auf Bemühungen, die kapitalistische Ausbeutung“ den Marktbedingungen entsprechend zu regulieren, und „kann den Produktionsprozess selbst in keiner Weise beeinflussen“. Dennoch betont sie, wie die ökonomische Tätigkeit der Gewerkschaften/Syndikate zu einer Erstickung der kapitalistischen Entwicklung führen könnte und damit die Voraussetzungen für eine Krise des Systems schafft. An diesem Punkt „muss der politische und sozialistische Klassenkampf mit neuer Kraft wieder aufgenommen werden“. Was das Verhältnis zwischen Löhnen und Profiten angeht, sagt Luxemburg Folgendes: „Tatsache ist, dass Gewerkschaften am wenigsten in der Lage sind, eine ökonomische Offensive gegen den Profit zu starten. Gewerkschaften sind nichts anderes als die organisierte Verteidigung der Arbeitskraft gegen die Angriffe des Profits. Sie sind Ausdruck des Widerstands der Arbeiterklasse gegen die Unterdrückung durch die kapitalistische Ökonomie.“ Der Kampf zwischen Löhnen und Profiten „findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern innerhalb des klar definierten Rahmens des Lohngesetzes. Das Lohngesetz wird durch Aktivitäten der Gewerkschaften/Syndikate nicht zerschlagen, sondern vielmehr angewendet. Der andere wichtige Punkt, den Luxemburg anspricht, betrifft das Verhältnis zwischen politischem Kampf und dem Kampf für Demokratie: „Heute ist die sozialistische Arbeiterbewegung der einzige Rahmen für Demokratie und muss es auch sein… Die sozialistische Bewegung ist nicht an die bürgerliche Demokratie gebunden, sondern im Gegenteil: Das Schicksal der Demokratie ist mit der sozialistischen Bewegung verbunden.“
So wichtig Luxemburgs Argumentation auch war, um Bernsteins Theorien zu entmystifizieren und zu entlarven, so ließ sie doch, wie alle rein entmystifizierenden Argumente, zu viel außer Acht: Sie war im Wesentlichen negativ und nicht konstruktiv. Rosa verstand, dass der Bernsteinismus eine Krise sowohl in der revolutionären Linie als auch in der Parteitheorie ausgelöst hatte. Eine der erfolgreichsten Parolen Bernsteins lautete: „Die Partei ist nichts, die Bewegung ist alles“. In dem Kontext, in dem er entwickelt worden war, hatte dieser Slogan den Übergang von einer Kaderpartei hin zu einer Meinungspartei bedeutet. Doch der Slogan hatte den Verdienst, die Organisation zu zwingen, sich dem Problem ihrer Beziehung zu den Massenbewegungen zu stellen und sich von einer übermäßigen Beschäftigung mit den inneren Abläufen des Parteilebens und einer Fetischisierung der Selbsterhaltung zu lösen. Bernstein brachte ein dynamisches Element in das Parteileben und in die bürokratische Planung eines autarken organisatorischen Wachstums ein. Ein weiterer seiner Lieblingsslogans lautete: „Es lebe die Ökonomie, nieder mit der Politik“, was sehr an den französischen anarchosyndikalistischen Slogan „M’efiez-vous des politiciens!“ erinnert. Rosa Luxemburg erkannte, dass ihre Kritik an der SPD-Linie und an den Gewerkschaften/Syndikate Theorien Auftrieb geben könnte, die auf die Abschaffung der Partei – oder jeder Partei, ob alt oder neu – abzielten. Dies hätte zu einer revisionistischen Version des anarchosyndikalistischen Spontaneismus führen können. Andererseits war sie nicht bereit, weder ihre Kritik an der Bürokratie noch ihre Einschätzung der positiven Rolle der Spontaneität aufzugeben. Hätte ihre antibürokratische Polemik nicht denen in die Hände gespielt, die Politik und die Parteiform in jeglicher Ausprägung kritisierten? Und hätte ihre positive Haltung gegenüber dem Spontaneismus nicht den anarchistischen Spontaneismus gestärkt?
Es waren Überlegungen dieser Art, die Luxemburg dazu veranlassten, eine Zwischenlösung vorzuschlagen, die sie zu dem führte, was Lenin als die Theorie der „Organisation als Prozess“ und der „Taktik als Prozess“ definierte. Tatsächlich bekräftigte sie in ihrem Artikel „Organisatorische Probleme der russischen Sozialdemokratie“ von 1904 die Idee, dass die Massen über die Partei hinausgehen, betonte aber gleichzeitig, dass nicht alles an der alten Organisation über Bord geworfen werden sollte. Bei der Ausarbeitung ihrer politisch-organisatorischen Linie muss Luxemburg die Bedingungen berücksichtigt haben, unter denen sich eine revolutionäre Strömung in Deutschland bewegen müsste, d. h. einen Ansatz des „Durchbohrens von innen“ innerhalb der SPD. So zielten ihre soziologischen Bemühungen darauf ab, jene Schicht von Kadern an der Basis der Partei ausfindig zu machen, die aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Vorbereitung am besten die Lektion der Spontaneität lernen und die Tendenzen und Richtungen der Kämpfe verstehen konnte, die außerhalb oder unabhängig von der Organisation stattfanden. Ein neuer revolutionärer Ausbruch wäre nötig, um die interne Situation der Partei zu entblocken. Tatsächlich ist es kein Zufall, dass einige der Vorbehalte in ihrer Position von 1904 im Jahr 1906 fallen gelassen wurden – dem Jahr von „Der Massenstreik, die politische Partei und die Gewerkschaften/Syndikate“, in dem sie ihre Analyse der Revolution von 1905 in Russland vorstellte. Nachdem sie die Phänomenologie der russisch-polnischen Massenstreiks nachgezeichnet hat, stellt sie das wichtigste Problem – die Frage nach Führung und Organisation. Ihre Vorschläge sind jedoch noch zu allgemein. Was wir hier haben, sind im Grunde genommen Leitlinien für die Aufrechterhaltung eines korrekten Verhältnisses zur Spontaneität. Bislang enthalten sie keine genauen Hinweise darauf, wie man Spontaneität organisieren und lenken soll. Wieder einmal befindet sich Rosa im Spannungsfeld zwischen Organisationssoziologie und Parteitheorie. Mit anderen Worten: Die Führung liegt weiterhin bei den fabrikbasierten Kadern der Partei. Tatsächlich zitiert sie in ihrer Analyse der russischen Streiks mit Nachdruck den Bericht der Petersburger Gewerkschaften/Syndikate als Vorbild in Sachen Organisation und Führung. Doch während wir auf diese Grenzen in Luxemburgs Denken hinweisen können, sollten wir nicht vergessen, dass praktisch alle jungen und aus der Arbeiterklasse stammenden Kader, die der Arbeiterrätebewegung Leben einhauchten, ihre grundlegende praktisch-theoretische Orientierung in ihren Werken gefunden hatten. Für die Arbeiterinnen und Arbeiter sowie die Intellektuellen der neuen Generation, die gerade der Partei beigetreten waren, war die russische Erfahrung von 1905 entscheidend. Die „Linke“ der SPD übte einen starken Einfluss auf sie aus, sowohl durch die Führungsrolle, die Karl Liebknecht in der Jugendorganisation spielte – die später zu einem solchen Streitpunkt wurde, dass die Führung sie auflösen musste –, als auch durch Rosas herausragende Stellung in der Parteikaderschule.
Ein weiterer wichtiger Punkt in Luxemburgs Aufsätzen von 1906 ist ihre abschließende Analyse der Klassenzusammensetzung in Deutschland, die – und das ist kein Zufall – bei den Bergarbeitern beginnt, oder besser gesagt bei dem, was sie als das Elend der Bergarbeiter bezeichnet. Indem sie die Sozialität des Kampfes in den Massenstreiks hervorhebt, weist sie auf die Bedeutung der politischen Vereinigung hin, die zwischen der Arbeiterklasse, dem armen Proletariat und dem Subproletariat erreicht wurde.
Da für Lenin die Spontaneität die unterste und nicht, wie bei Luxemburg, die höchste Stufe des Kampfes war, von der aus man eine Diskussion über politische Organisation beginnen konnte, stand er, als er „Was tun?“ schrieb, bereits jenseits einer ganzen Reihe von Problemen, in denen Rosa noch verstrickt war. Ohne eine detaillierte Analyse von Lenins Broschüre vorzunehmen, werde ich die grundlegenden Elemente des Hintergrunds für die großen Unterschiede zwischen dem Bolschewismus und der Bewegung der Arbeiterräte skizzieren.
A) Jede organisatorische Diskussion ist der politischen Linie untergeordnet, daher fordert Lenin zunächst eine Neubewertung der Theorie, um sich aus den Fängen des „empiristischen Aktivismus“ befreien zu können. Zweitens zieht er so präzise wie möglich die Trennlinie zwischen Bernsteinismus/Ökonomismus und der revolutionären Position. Schließlich geht er das Problem des Verhältnisses zwischen Führung und Spontaneität an und wirft dem Ökonomismus vor, der Spontaneität nachzugeben und sich daher auf eine agitatorische Rolle in spontanen Kämpfen zu beschränken.
B) Nach Kautskys Formulierung haben bourgeoise Intellektuelle die Aufgabe, das sozialdemokratische Bewusstsein von außen einzubringen, da es unter den Massen der Arbeiterklasse, deren natürliche Tendenz zu den Gewerkschaften/Syndikaten geht, nicht spontan entsteht.
Ausgehend von Engels’ Definition ökonomischer und gewerkschaftlicher/syndikalistischer Kämpfe als „Widerstand gegen den Kapitalismus“ skizziert Lenin die institutionellen Grenzen zwischen Gewerkschaft/Syndikat und Partei. Die Aufgabe der Gewerkschaft/Syndikate besteht darin, gegen den einzelnen Kapitalisten in einem bestimmten Sektor zu kämpfen, während „die Sozialdemokratie die Arbeiterklasse nicht in ihrer Beziehung zu einer bestimmten Gruppe von Arbeitgebern vertritt, sondern in ihrer Beziehung zu allen Klassen der modernen Gesellschaft, zum Staat als organisierte politische Kraft.“ [Anm. 15: W. I. Lenin, op. cit., S. 56.] Somit müssen die Aufgaben der politischen Agitation und Anprangerung nicht nur auf die ökonomischen Kämpfe der Arbeiterinnen und Arbeiter ausgeweitet werden, sondern auf alle möglichen Bereiche.
D) Die terroristische Lösung ist ebenfalls ein Fehler, da sie in keiner Weise zur politischen Organisation und Führung der Spontaneität beiträgt, sondern diese vielmehr ausdrücklich ablehnt.
E) Gerade wenn es um den „Primitivismus“ der sozialdemokratischen Organisation in Russland geht, scheint Lenin sich mit den technischen Aspekten der klandestinen Organisation zu beschäftigen. Er betont den seiner Meinung nach spezifisch politischen Aspekt der Arbeit, im Gegensatz zu Agitation und Intervention in Arbeiterkämpfen, die nur Aspekte dieser Arbeit sind – wenn auch die „wesentlichsten“ –, und schlägt der Partei eine Art von klar strukturierter und facettenreicher Intervention vor, ähnlich der der deutschen Sozialdemokratie.
F) Die Wirkung von „Was tun?“ rührte von der extremen Offenheit her, mit der Lenin Probleme wie die Rolle der Intellektuellen und der Arbeiterinnen und Arbeiter ansprach. Auch wenn Lenin es in diesem Werk nicht ausdrücklich sagt, fällt doch am meisten die große theoretische Kluft und die historische Rückständigkeit der mitteleuropäischen revolutionären Strömungen im Vergleich zur russischen Erfahrung auf. In dem kurzen historischen Überblick über die bolschewistische Partei, den Lenin 1920 in „Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ verfasste, zeigt er auf, wie bereits 1902 sowohl er als auch seine Freunde mit einer gewissen Distanz die ersten Formulierungen einer neuen europäischen Linken beobachteten, die noch immer in Fragen feststeckte, die die russische Erfahrung bereits hinter sich gelassen hatte. Die taktische Unterstützung für Luxemburg kann ihre gravierenden Differenzen nicht verbergen, insbesondere was das Parteiverstehen und das Verhältnis zwischen Führung und Spontaneität betrifft. Bis 1918 beschränkte sich Lenin darauf, sich mit dem Bernstein’schen Opportunismus auseinanderzusetzen. Später, nach der Festigung der Sowjetmacht, konnte er sich mit Pannekoek, Daumig und, indirekt, mit Rosas Theorie der Organisation als Prozess, die er erneut als Unterwerfung unter die Spontaneität betrachtete, als Verschmelzung der Partei mit den spontanen Bewegungen und als Verursacher von Verwirrung zwischen politisierten Arbeiterinnen und Arbeitern, kämpfenden Arbeiterinnen und Arbeitern und professionellen revolutionären Kadern.
G) Eines war besonders klar, nämlich dass es für Arbeiterinnen und Arbeiter beispielsweise nicht ausreichte, eine richtige Sicht auf den Fabrikkampf oder auf den Kampf zu haben, an dessen Organisation sie materiell beteiligt waren, um sie zu revolutionären Kadern, zu professionellen Revolutionären zu machen. Es reichte nicht aus, die soziale Funktion, die das System den Individuen in der Produktion zuweist, umzukehren und sie in eine politische Funktion als Minderheit am Produktionsort zu verwandeln, um einen bolschewistischen Kader zu erhalten. Andererseits stellte die Luxemburgsche Organisation ein koordiniertes Netzwerk handelnder Minderheiten dar, die schließlich in der Lage waren, die reformistische Führung in den Klassenorganisationen zu stürzen.
Aber ist das schon der ganze Unterschied zwischen Lenin und Rosa? Bisher haben wir ihn auf die allergrößten formalen Grundzüge reduziert und konnten ein weiteres Schlüsselelement von Lenins Position noch nicht erfassen: nämlich dass die Unterscheidung zwischen einem Netzwerk handelnder Minderheiten und einem Netzwerk professioneller Revolutionäre schlicht eine Frage der historischen Stadien des Klassenkampfes und damit der unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Spontaneität ist. Es geht nicht darum, die Funktion der handelnden Minderheiten zu leugnen, um die der professionellen Kader zu bevorzugen. Vielmehr müssen beide als Ausdruck des Entwicklungsstands der Bewegung gesehen werden: die ersteren als rückständiger als die letzteren. Wenn dem so ist, gibt es dann Gesetze, die das Wachstum der Bewegung bestimmen? Ist es möglich, eine wissenschaftliche Theorie der Partei zu formulieren? Lenins Antwort darauf lautete, dass der wissenschaftliche Charakter dieser Theorie ganz und gar davon abhängt, wie korrekt die Machtverhältnisse zwischen den Klassen in einem bestimmten historischen Moment analysiert werden.
Es geht nicht darum, eine organisatorische Ausprägung einer anderen vorzuziehen, sondern darum, das genaue Niveau zu bewerten, das der Kampf erreicht hat, sowie den Entwicklungsstand der Partei. Gerade die Unterscheidung zwischen Massenstreik, politischem Streik und aufständischem Streik ist ein praktisches Beispiel für drei verschiedene Ebenen der Spontaneität oder der Organisation des Kampfes sowie der Machtverhältnisse zwischen den Klassen. Und wenn es irgendwelche Gesetze gibt, dann sind sie in der historischen Erfahrung des Proletariats zu finden: in erfolglosen Revolutionen. So wie der Deichbau immer auf den höchsten von der Flut erreichten Pegel basiert, muss die Wissenschaft der Partei theoretisch alle bisher erreichten Ebenen des Kampfes und der Organisation erfassen, um sie gleichzeitig wiederzugewinnen und zu überwinden. Jede neue und fortgeschrittenere Ebene des Kampfes geht mit einer Neuorganisation des kapitalistischen Systems einher, als dialektische Antwort auf die Klassenkonfrontation. So wird die Wissenschaft der Partei immer an den historischen Stufen gemessen, die die kapitalistische Organisation erreicht hat.
Die revolutionäre Hypothese versucht, jene Phasen des Kampfes theoretisch vorwegzunehmen, die in der Praxis herbeigeführt werden müssen. Doch selbst die besten Hypothesen werden von unvorhergesehenen Ebenen des Kampfes übertroffen. In einer solchen Situation befand sich Lenin 1905 mit dem Aufkommen der Sowjets während der sowjetischen Phase der Parteientwicklung, in der sich die Arbeiterklasse als „Macht“ präsentierte.
Es wurde viel über die Polemik zwischen Lenin und Luxemburg bezüglich des Problems der Zentralisierung und des Rechts der Minderheit auf Dissens gesagt: In der Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung wird Luxemburg regressiver Demokratismus vorgeworfen, oder sie wird von antistalinistischen Gruppen dafür gepriesen, den Kampf gegen Repression und opportunistische Bürokratien vorweggenommen zu haben. Diese Polemik wurde vor allem von linken Sozialisten auf konterrevolutionäre Weise genutzt. Vielleicht sollte man diese ganze Geschichtsschreibung über Bord werfen, um die Bedeutung von Luxemburgs Positionen besser zu verstehen. Obwohl sie stark an die russisch-polnische Erfahrung gebunden war, sah sie sich mit dem Problem konfrontiert, eine revolutionäre Fraktion innerhalb einer massenbasierten Partei voller Möglichkeiten wie der SPD zu schaffen. Rosa erkannte, dass es unmöglich war, die Führung der Arbeiterkämpfe der opportunistischen Politik der SPD zu entreißen, indem man sich lediglich auf politische und minoritäre Mittel stützte, ohne das Verhältnis zwischen Klasse und Gewerkschaften/Syndikate umzukehren. Sie erkannte, dass dies in einer konfliktreichen Gesellschaft wie der von Kaiser Wilhelms Deutschland nicht mit Lenins Mitteln zu bewerkstelligen war. Außerdem war sie sich der immer größer werdenden Kluft zwischen „Arbeitern und Politik“ – zwischen dem kämpfenden Proletariat und den Berufspolitikern – vollkommen bewusst. Das war kein Phänomen, das sich nur auf den französischen Anarchosyndikalismus beschränkte. Auf dem Gründungskongress der IWW hatte Heywood gerufen: „Alle in die IWW! Weg mit den Politikern!“ Rosa Luxemburg erkannte, dass politische Organisation innerhalb der Arbeiterklasse nur durch die Arbeiterkader der Partei zustande kam und dass im subversiven Kampf nur sie einen totalen Bruch zwischen vollständiger Arbeiterkontrolle und politischer Führung hätten verhindern können. Nur diese Kader hätten den gewerkschaftlichen/syndikalistischen Gradualismus und den Opportunismus der Parlamentarier und bezahlten Funktionäre besiegen können. Aber wahrscheinlich war ihr nicht klar, dass zu diesem Zeitpunkt das Problem eher darin bestanden hätte, die Gewerkschaften/Syndikate zu zerschlagen als die Partei.
Wie Lenin und alle europäischen Politiker zur Zeit der Zweiten Internationale betrachtete Rosa Gewerkschaften/Syndikate als heilig und wiederholte bis zum Überdruss, dass selbst die opportunistischsten europäischen Gewerkschaften/Syndikate dennoch „Arbeiter“-Organisationen seien und keine Bande von Gangstern wie Gompers’ Gewerkschaft/Syndikat in den USA. Die Fraktion, die Rosa gründen wollte, war also im Wesentlichen ein Netzwerk politischer Arbeiterkader, das eng mit den Fabrikkämpfen verbunden war und eine zwiespältige Beziehung zu den Gewerkschaften/Syndikaten unterhielt. Auf Lenins Motto „zuerst die Partei und dann die Revolution“ antwortete sie: „zuerst die Kontrolle der Arbeiter über die Partei und dann die Revolution“. Was für Luxemburg ein Problem der sozialen Zusammensetzung der Partei war, war für Lenin ein Problem des Programms oder der Politik der Partei. Für Lenin sollte die revolutionäre Führung der Arbeiterinnen und Arbeiter dadurch erreicht werden, dass man die Militanten an dieses Programm band und sie so zur Zentralisierung disziplinierte. Rosa und Lenin sprachen zu zwei verschiedenen Arten von Arbeiterklasse: Sie sprachen sich gegen zwei verschiedene Arten von Reformismus aus.
Die Bedingungen für die Organisation einer politischen Arbeiterbewegung in den USA waren deutlich anders. Vor diesem Hintergrund müssen wir DeLeons Position und die Praxis der IWW bewerten. Die Beziehung zwischen DeLeon und der IWW muss jedoch vorab geklärt werden. Obwohl er als Ideologe der Bewegung galt und in gewissem Maße als derjenige, der die Organisation der Arbeiterräte vorwegnahm, nahm DeLeon innerhalb der IWW tatsächlich eine Minderheitsposition ein. Tatsächlich wurde er drei Jahre nach der Gründung als Anführer einer politischen Partei aus der IWW ausgeschlossen. In Detroit gründete er eine andere IWW, die sich zunehmend den Realitäten der Bewegung beugte – vor allem hinsichtlich der Probleme des politischen Kampfes – und sich allmählich von jeglicher Form des Wahlkampfs entfernte. Sein Ruhm unter den europäischen Anführern der Revolution, der ihm nach der Revolution Lenins Anerkennung einbrachte, war wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass sein Ansatz eine größere Affinität zur europäischen Situation hatte. Doch seine wichtigsten „theoretischen“ Beiträge leistete er gerade dann, als er den Ansatz und die Traditionen der Zweiten Internationale ablehnte, um sich mit der gewaltigen Realität des Klassenkampfs in den Vereinigten Staaten auseinanderzusetzen. Es ist unmöglich, die Reife der amerikanischen Unternehmerklasse und ihren Stand der produktiven Organisation mit den entsprechenden europäischen zu vergleichen. Die USA sahen sich mit einem gigantischen Zustrom von Arbeitskräften in direkt produktive Arbeit konfrontiert. Die größten Anstrengungen konzentrierten sich auf die Organisation der Arbeit: Alle technischen Mittel für einen effizienten Apparat waren bereits vorhanden.
Humanitäre Vorwände und autoritäre Arroganz waren der amerikanischen Kapitalistenklasse völlig fremd. Es handelte sich um einen Massenprozess, der sich nicht nur auf einige wenige Industrieinseln beschränkte. Eine solche Gesellschaft schien frei von jeglichen Rückständen produktiver oder institutioneller Rückständigkeit zu sein. Anders als in Europa war der Kampf zwischen Arbeiterinnen und Arbeitern, zwischen Arbeiterklasse und gesellschaftlichen Eigentümern, nicht durch eine Barriere politischer Institutionen getrennt. Ein extrem hohes Maß an sozialer Zusammenarbeit, ein globaler Ansatz bei der sozialen Arbeitsteilung, eine unerschöpfliche Fähigkeit, Konflikte in Rationalisierung und Entwicklung umzuwandeln, eine direkt vom Produktionsapparat ausgeübte Kontrolle über die Arbeitskräfte ohne die Vermittlung von Gewerkschaften/Syndikate, eine politische Nutzung der Massenmobilität: All diese Dinge verliehen dem amerikanischen System so markante Merkmale, dass Europa in die Rolle einer lästigen Provinz gedrängt wurde. Da alle politischen und bourgeoisen Freiheiten auf die eine und einzige kapitalistische Freiheit – die Freiheit zu arbeiten – reduziert worden waren, führte dies zu einer vollständigen Verschmelzung von Fabrik und Gesellschaft. Folglich kam es zu einer erheblichen Verengung des politischen Raums im traditionellen Sinne von Repräsentation und Vermittlung. Und all dies geschah unter dem Druck eines frontalen Kampfes der Arbeiterinnen und Arbeiter.
Der Primitivismus, die Oberflächlichkeit oder die Offensichtlichkeit von DeLeons Schriften, die sich so sehr vom prätentiösen Geschwätz so vieler europäischer Anführer unterscheiden, ist eine europäische Verzerrung. DeLeon und vor ihm die „Arbeiter“-Agitatoren, die die IWW anführten, verstanden sehr gut, dass in dieser Situation eine revolutionäre politische Linie und Organisation spezifische Massenmerkmale annehmen muss und dass daher die Institutionalisierung einer Avantgarde insgesamt fragwürdig war. Noch weniger praktikabel war eine zentralisierte Führung, verstanden als militärische Organisation, die Befehle über hierarchische Kanäle erteilt. Tatsächlich war das Verhältnis zwischen Führung und Spontaneität umgekehrt, da es darum ging, die kollektiven Arbeiterinnen und Arbeiter in die Lage zu versetzen, automatisch oder vielmehr autonom zu handeln. Das erklärt das Programm, das den Kampf als einzigen kollektiven Organisator einer gigantischen kulturellen Revolution auf der Grundlage einiger weniger Prinzipien sah: Lohn und Arbeitszeit, wilde Streiks, keine direkten Verhandlungen, direkte gewaltsame Massenaktionen, keine Bindung an Agitation oder die Mobilität der Agitatoren und Egalitarismus.
Vielleicht liegt der Unterschied zwischen DeLeons Europäismus und dem der IWW-Anführer ganz in seiner verzweifelten Suche nach einer „politischen“ Ebene jenseits des reinen Massenkampfes. Hier war er den anderen wahrscheinlich überlegen. Wie alle sozialistischen Intellektuellen hatte er zunächst begonnen, diese Ebene im Sinne von Wahlen zu begreifen. Aber der Penner oder Wobbly antwortete ihm, das sei bourgeoiser Kram für Leute mit Brille und Spitzbart. Für ihn, der nichts als ein Proletarier war, war Politik ein Machtverhältnis zum Chef. Kein Wobbly machte sich jemals die Mühe, darüber nachzudenken, wie die zukünftige Gesellschaft aussehen würde. Dies war jedoch für DeLeon von großem Interesse – einen Intellektuellen, der wissen wollte, wie sein Amt nach der Machtübernahme aussehen würde: Deshalb fantasierte er so viel über die zukünftige Gesellschaft auf der Grundlage der Gewerkschaften/Syndikate. Deshalb hielt Gramsci ihn fälschlicherweise für einen Vorläufer der Arbeiterräte.
Begriffe wie Partei, Ideologie und Utopie, die die Schlagworte der Zweiten und später der Dritten Internationale waren, sind dem amerikanischen Klassenkampf völlig fremd. Sie tauchen bei DeLeon nur als nebensächliche Elemente auf, überlagert von einer Realität des sozialen Kampfes, die von den unzähligen namenlosen Agitatoren auferlegt und gewollt wurde, die alle Schichten des amerikanischen Proletariats in Bewegung setzten. Bei DeLeon erlebt man diesen allmählichen Verlust der Autonomie der Theorie: das Aussterben einer bestimmten politischen Ebene. Dies ist ein Fall, in dem uns die Analyse der Schriften eines Theoretikers weniger sagt als die Beschreibung der Kämpfe der IWW.
Neben der Verweigerung von Verhandlungen ist das Auffälligste an der Erfahrung der IWW die Ablehnung jeglicher Institutionalisierung des Konflikts, die Weigerung, Verträge zu unterzeichnen, um den Kampf zu periodisieren, und die Weigerung, den Kampf als eine Fabrikangelegenheit zu betrachten, die in erster Linie darauf abzielt, die Möglichkeiten der sozialen Kommunikation im Kampf zu entwickeln. Das Ergebnis war eine Organisation, die, ähnlich wie die italienischen Camere del Lavoro, auf territorialen Prinzipien beruhte. Doch all dies ähnelt grundlegend den europäischen Kämpfen und dem Ansatz der Arbeiterräte. Dieses gemeinsame Prinzip besteht nämlich darin, dass der Kampf und die Organisation ihre Basis darin finden, die materiellen Bedingungen zu überwinden, in die das Kapital das Proletariat zwingt: in Europa, indem die Arbeiteraristokratien in politische Avantgarden umgewandelt werden, und in den USA, indem Mobilität zu einem Vektor der Arbeiterorganisation wird. Warum war Landstreicherei der Hauptvorwurf, aufgrund dessen die IWW-Kader ins Gefängnis geworfen wurden? Warum orientierte sich der Arbeitsstil der Wobbly-Agitatoren am Leben eines mobilen Proletariats, das heute auf dem Bau arbeitet, morgen arbeitslos ist, übermorgen als Saisonarbeiter, dann als Textilarbeiterinnen und Arbeiter oder als Zugbegleiter? Die Organisatoren der Saisonarbeiter folgten ihnen auf ihren Wanderungen von der mexikanischen Grenze nach Kanada. So entspringt Fords Vorstellung vom Soziallohn diesem proletarischen Ansatz zum Einkommen, der keine sektoralen Trennungen festigt, sondern einen egalitären Ansatz zum Einkommen verfolgt.
Daher sind die beiden Säulen der IWW-Organisation Internationalismus und Egalitarismus. Völlig fremd ist das, was wir Fabrikmacht nennen, gerade weil eine Fabrik, die nicht die soziale Fabrik war, der Welt der Wobblies fremd war. Ebenfalls fremd ist jeglicher Bezug zu Qualifikationen. So war der Massenarbeiter vor der Einführung der Massenarbeit durch das Fließband eine subjektive Realität, die von Wobbly-Agitatoren geprägt wurde. Es war ein Programm der totalen Konfrontation mit der sozialen Fabrik und dem sozialen Kapital. Im Gegensatz zu allen europäischen Beispielen ist die Geschichte der amerikanischen Kämpfe wahrscheinlich die einzige, in der die Arbeiterbewegung weder eine Remodernisierung der Produktionsstrukturen noch eine Organisation der Produktivkräfte anstrebt, die rückständiger ist als die des Kapitals selbst in einer bestimmten Entwicklungsphase. Wahrscheinlich zielte die von den Wobblies projizierte Arbeitermacht darauf ab, die Unternehmensführung den Bossen zu überlassen und die Arbeiterinnen und Arbeiter die gesellschaftlich notwendige Arbeit und das Einkommen bestimmen zu lassen. Deshalb legten sie, anstatt eine Liste von Beschwerden aufzustellen, die am Verhandlungstisch behandelt werden sollten, einseitig Löhne und Arbeitszeiten fest, schrieben sie auf ein Blatt Papier vor den Fabriktoren und überließen es den Chefs, herunterzukommen und ihre Notiz entgegenzunehmen, um sie zu respektieren und damit die Anordnungen der Arbeiterinnen und Arbeiter auszuführen. Wie viele europäische Arbeiterinnen und Arbeiter, beraten von Intellektuellen, die sich als ihre Freunde ausgaben, und verführt von der Vorstellung, hinter einem Schreibtisch zu sitzen und Büroangestellte an die Werkbänke zu schicken, fanden sich danach nach acht Stunden in der Fabrik an den Tischen der Abendschule wieder und bereuten, dass sie nicht zur Waffe gegriffen hatten oder dass genau diese Intellektuellen sie ihnen aus den Händen genommen hatten?
Abgesehen von der anti-egalitären Ideologie der Arbeit liegen die Hauptunterschiede zwischen der Welt der Wobblies und der der europäischen bolschewistischen Kader genau in der Beziehung zwischen Kampf, Revolution und Macht. Was der IWW fehlte, war genau die Vorstellung von der Revolution als einem Akt der Machtausübung: die Ersetzung einer Staatsmaschinerie durch eine andere. Mit anderen Worten: es ist die Diktatur des Proletariats und der proletarischen Partei über die Gesellschaft. Wann gewann das kommunistische Modell die Oberhand über die Wobbly-Organisation? Es sei darauf hingewiesen, dass Männer wie Foster, der spätere Sekretär der Kommunistischen Partei Amerikas, aus der IWW hervorgingen und dass er dort seinen Fraktionskampf im Zusammenhang mit der Diskussion über die Zentralisierung begann. Doch das war noch nicht der entscheidende Punkt: Die wesentliche Frage war, ob die IWW ihre anti-institutionelle Praxis hätte fortsetzen sollen oder ob sie die spezifischen Grundlagen von Verhandlungen, vertraglichen Normen und damit eine statischere und stabilere Organisation hätte akzeptieren sollen. Mit anderen Worten: Es ging darum, ob die IWW als erster Schritt hin zu einer Annäherung an die AFL zu einer traditionellen Gewerkschaft/Syndikat hätte werden sollen, um so die Voraussetzung für eine einheitliche Arbeiterorganisation in den USA zu schaffen und die Tür für eine spezifische Parteiorganisation offen zu lassen. Als der Kampfzyklus nachließ, tauchten Probleme der Verteidigung gegen Repression auf, sodass der Widerstand Vorrang vor dem Angriff erhielt und das kommunistische Modell als einzig mögliche Lösung erschien. Der Kommunistischen Partei der USA gelang es, einen Großteil des Erbes der Wobblies zu übernehmen und es in die große CIO-Bewegung der Roosevelt-Ära zu integrieren.
Ein letztes, aber äußerst wichtiges Problem ist das der Beziehung zwischen der IWW und den schwarzen Amerikanern. Wahrscheinlich muss man hier bis in die Zeit zwischen der Plantagenära und dem Ende des Bürgerkriegs zurückgehen, um die Avantgarde zu finden, die die ersten Kämpfe in den USA auslöste. Die soziale Figur im Zentrum dieses ersten Zyklus der Auflehnung ist der entlaufene Schwarze und später der schwarze Bergarbeiter im Süden sowie die schwarze Arbeiterin und der schwarze Arbeiter in den ersten großen Stahlwerken in Birmingham, zusammen mit den weißen Strafgefangenen. Weder die Knights of Labour noch die AFL näherten sich diesen proletarischen Schichten, geschweige denn den schwarzen Massen, die durch die Krise der Plantagenwirtschaft in Leibeigenschaft gedrängt worden waren.
Die kapitalistische Repression um die Jahrhundertwende richtete sich genau gegen diese Schichten. Die IWW nahm nie Kontakt zu diesen Massen auf, gerade weil die schwarze Arbeitskraft nie freie gesellschaftliche Arbeitskraft gewesen war. Sie blieb in der Armut des Südens gefangen und durfte bis zum Zweiten Weltkrieg nicht in die großen industriellen Zentren im Norden und Osten strömen. Wenn ein Schwarzer in einem Kohlebergwerk in Pennsylvania, Alabama oder Kentucky arbeitete, trat er der United Mine Workers bei. Die Western Federation of Labour, aus der die IWW hervorging, setzte sich aus den Kupfer- und Eisenbergarbeitern von Utah, Arizona und Montana zusammen. Daher stellen die zehn Millionen Einwanderer, die die IWW erfolgreich zu organisieren versuchte, für das amerikanische Kapital den Strom aus Menschenfleisch dar, der die Schwarzen des Südens von den Fabriken des Nordens trennte und getrennt halten musste. Ein Damm aus zehn Millionen weißen Proletariern hinderte die Schwarzen daran, die Ausbeutung in den Metropolen anzugreifen. Die IWW ist historisch an diese kolossale Verteidigungsanstrengung des weißen Kapitals gebunden. Das erklärt die Funktion der revolutionären Initiative der IWW innerhalb dieses taktisch-strategischen Plans des US-Kapitals.
Krieg und Revolution
Im August 1914 spaltete der imperialistische Krieg die Arbeiterbewegung in drei große Strömungen: die Sozialdemokraten, die Patriotismus und Klassenkollaboration als taktischen Übergang zur späteren Gestaltung der Gesellschaft in der Zeit des Wiederaufbaus befürworteten; die revolutionären Pazifisten, einschließlich der gesamten Zimmerwald-Bewegung, die in der Frage des Klassenwiderstands gegen Krieg und Ausbeutung geschlossen auftraten; und die Bolschewiki, oder besser gesagt Lenin und einige andere, die die Möglichkeit sahen, den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln. Hier übernahm der bolschewistische Militante seine spezifische militärische Rolle im Aufstand. Es wurde immer vom sozialdemokratischen Verrat gesprochen. Tatsächlich handelte es sich um einen klaren und zynischen Plan der gemeinsamen Verwaltung zwischen Kapital und Gewerkschaften/Syndikate, zwischen dem bourgeoisen Staat und der sozialdemokratischen Partei. Kurz nachdem sie für die Kriegskredite gestimmt hatten, schufen die „Arbeitervertreter“ in Deutschland eine Reihe gemeinsamer Gremien, sowohl auf Betriebsebene als auch auf übergeordneter Ebene, als erstes Glied jener Kette, die mit der Arbeitsgemeinschaft von 1918 der Arbeiterklasse an die Gurgel greifen sollte, um die Arbeiterratbewegung zu ersticken.
Der Krieg brauchte die Mitarbeit der Arbeiterinnen und Arbeiter, und die Sozialdemokraten wurden umso patriotischer und beharrlicher, um sich als alternative politische Gruppe zu präsentieren. Anders lässt sich weder die Eile und Entschlossenheit erklären, mit der Arbeitgeber und die Sozialdemokratische Partei nach 1918 handelten, noch die heftige gewerkschafts-, syndikatsfeindliche Ablehnung der Kader der Arbeiterräte: Während des Krieges hatten die Gewerkschaften/Syndikate die Superausbeutung in den Fabriken verwaltet und garantiert und untergeordnete Arbeiterinnen und Arbeiter bei der Polizei denunziert. In der Nachkriegszeit wird die traditionelle Organisation gerade in ihrer Rolle als politische Gruppe von Funktionären von einer heftigen Rache der Arbeiterinnen und Arbeiter heimgesucht. Die Ideologie der Arbeiterrätebewegung, ihre pauschale Anklage gegen den „Berufspolitiker“, die Gegenüberstellung der sozialen Figur des Gehaltsempfängers und des Parteifunktionärs, also des Intellektuellen in der Politik, verschlang schließlich sowohl die Rechte als auch die Linke. Rosa Luxemburg konnte nicht einmal am ersten Arbeiterrätekongress teilnehmen: Erst nach langem Kampf wurde sie als Beobachterin zugelassen.
Die Autonomie der Arbeiter hat das Problem der Beziehung zwischen ihnen und der engagierten Gruppe professioneller Revolutionäre aufgeworfen. Wir wissen nicht, ob das Schicksal von Luxemburg – die aus dem Kongress jener Arbeiterkader ausgeschlossen wurde, zu dessen Entstehung ihre Schriften maßgeblich beigetragen hatten – und Lenin damit zusammenhing, dass Lenin und seine Gruppe die Arbeiter bewaffnet hatten, während die Spartakusgruppe die Organisation weiterhin als Koordination und Widerstand betrachtete und die Arbeitsverweigerung als die einzig angemessene Waffe der Arbeiter ansah. Das Wesen des Leninismus verlagert sich vom Verhältnis zwischen Spontaneität und Partei hin zum Verhältnis zwischen Partei und Aufstand.
In Deutschland liegt der entscheidende Punkt in der Existenz jener zweideutigen und widersprüchlichen Formation, die die USPD war: die unabhängige sozialdemokratische Partei, der sowohl Kautskianer als auch Anführer der Arbeiterräte, sowohl Zentristen als auch Spartakisten, angehörten. Anders als Liebknecht behauptete, lag die Zweideutigkeit der USPD nicht in ihrer Teilnahme am Parlament (schon 1915 hatte der Spartakusführer in den Spartakusbriefen auf die Notwendigkeit „außerparlamentarischer Massenaktionen“ bestanden), sondern in ihrer Mystifizierung der Arbeiterautonomie. Die Gewerkschafts- und Syndikatskader der Metallarbeiter, die im Januar 1918 die ersten Streiks gegen den Krieg organisierten, standen unter dem Dach der USPD, und innerhalb der USPD fand der ideologische Kampf um die Rätebewegung statt.
Das Programm ist bekannt: die Umwandlung der Arbeiterautonomie in Gegenmacht, d. h. in die demokratische Organisation der Lohnarbeiter, und die Konzeption der Arbeiterräte als Organe der demokratischen Arbeitermacht, die auf direkter Vertretung beruht. Genau das war die Bedeutung von Kautskys Sozialisierung: das formale Schema der bourgeoisen Demokratie, angewandt auf die Arbeiterautonomie. Im Wesentlichen war es Dauemigs Vorstellung von Arbeiterkontrolle über die Produktion, Selbstverwaltung, dem Aufbau einer alternativen Macht, die dem Staat de facto seine Macht entziehen würde – eine Vorstellung von Arbeitermacht, die sich nur auf die Zustimmung oder Verweigerung von Arbeit bezog, also nur auf die Erpressung durch die Arbeiterinnen und Arbeiter. Lenin griff Dauemig gerade als Theoretiker der bloßen Arbeiterautonomie sehr scharf an. Tatsächlich war Dauemig der Einzige unter den Anführern der Räte, der eine politische Perspektive wieder einführen wollte, d. h. eine Taktik, die darauf abzielte, den konkreten Wandel der Machtverhältnisse zu bestimmen.
Es ist ein Irrtum, die Arbeiterrätebewegung als Arbeiterkritik an den Formen der bourgeoisen institutionellen Macht zu betrachten. Das mag ihre Form oder ihr ideologischer Aspekt gewesen sein. Der wahre revolutionäre Charakter der Phase der Arbeiterräte in Deutschland liegt in der Macht der Arbeiterinnen und Arbeiter, die Krise zu provozieren und die kapitalistische Entwicklung zum Stillstand zu bringen. Das haben die alten Füchse in Versailles sehr gut verstanden. Die Auferlegung „dieses“ Vertrags auf Deutschland wurde praktisch von der Notwendigkeit diktiert, der Arbeiterklasse die materiellen Grundlagen ihrer Existenz zu entziehen. Diejenigen, die die Strafklauseln gegen Deutschland entwarfen, agierten genau im Bereich der doppelten Existenz der Arbeiterklasse, d. h. als Arbeitskraft, die untrennbar mit dem materiellen Prozess der Akkumulation verbunden ist, und als Klasse, die dieser Entwicklung unüberwindbar entgegensteht. Zu dieser Zeit war Keynes mit seinen „betrauernden“ Appellen der Stratege, der viel weiter blickte, und nicht der taktische Politiker, der vor allem in der Offensive mit der Arbeiterklasse abrechnen wollte.
In Versailles bewegte sich das internationale Kapital auf Messers Schneide und riskierte, den Prozess der Akkumulation in seiner schwächsten Zone – Deutschland – zum Stillstand zu bringen. Es blockierte den Entwicklungsprozess seiner organischen Zusammensetzung, um das Wachstum der Ware Arbeitskraft zu stoppen. In diesem Sinne betrat es das Schlachtfeld des Arbeiterkampfes, zu dessen Entstehung die Arbeiterratbewegung beigetragen hatte.
Das Kapital selbst zerstörte die monetäre Form der Tauschbeziehungen: Die deutsche Inflation nahm der Klasse die Macht in Form von Löhnen aus den Händen. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass die kapitalistische Krise keinen zyklischen Charakter annahm, sondern die allgemeine Entwicklung einfror. Dies war die erste kapitalistische Krise, die durch den Einfluss der Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Wertschöpfungsprozess bestimmt wurde. Die zukünftigen Möglichkeiten der Arbeiterrätebewegung lagen alle hier. Versailles und die NEP waren letztlich zwei parallele Bewegungen: Die erste war eine Entscheidung des kapitalistischen Verstandes, die Entwicklung anzuhalten, um das Wachstum der Klasse zu ersticken; die zweite war eine Entscheidung des Verstandes der Arbeiterinnen und Arbeiter, die Entwicklung anzukurbeln, um die materiellen Grundlagen für das Klassenwachstum wiederherzustellen.
Daher war die Verteidigung der Institution der Arbeiterräte der Schleier, der diesen tödlichen Kampf zwischen Kapital und Arbeit verdeckte. Für die Bürokratie der Gewerkschaften/Syndikate war es nicht schwer, diese Verteidigung im Sinne einer Demokratisierung der Gewerkschaften/Syndikate zu gestalten. Die Gewerkschafts- und Syndikatsdemokratie stand der Arbeiterautonomie ebenso entgegen, wie sie Teil davon war. So führte Noske beispielsweise zunächst die Bewegung der Militär- und Arbeiter-Meuterei in Kiel an, indem er die Ideologie der Arbeiterräte akzeptierte, und ging dann nach Berlin, um die Weiße Garde zu organisieren. Die Rätebewegung befand sich ab Dezember 1918 sofort in der Defensive. Kaum waren sie entstanden, mussten die Räte schon „verteidigt“ werden: Der Vorstoß der Arbeitermacht und die Massenkritik an der „Politik“ waren im Wesentlichen defensive Haltungen. Die SPD warf in die Rätebewegung – die Bewegung der neuen Vertretungen – all ihre Gewerkschafts- und Parteifunktionäre, Experten für Anträge, Parteitage und das parlamentarische Spiel. Die Räte griffen das Thema der direkten Aktion wieder auf, nachdem sie den Kampf um die Mehrheiten verloren hatten. Die reformistische Politik setzte sich gegen die Arbeitsverweigerung durch. Alte theoretische Parteiköpfe wie Kautsky, Hilferding und Bernstein blieben in der USPD, um Verwirrung im Bereich der Autonomie der Arbeiterinnen und Arbeiter zu stiften. Man ließ sie stillschweigend die Utopie der Arbeiterdemokratie konstruieren, genauso wie das Kapital Rathenau über ähnliche Utopien fantasieren ließ. Was während der gesamten Zeit der Räte fehlte, war die bewaffnete Macht der Arbeiterklasse, die nicht nur Selbstverteidigung war, denn während des Krieges hatten die revolutionären Kader in der Armee lediglich Widerstand gegen den Krieg oder Pazifismus gegen den Militarismus gepredigt und am Ende des Krieges lediglich die Abschaffung der Hierarchien gefordert. In Russland hingegen hatten die Bolschewiki die Aufgabe übernommen, eine Rote Armee aufzubauen.
Als Anführer der Gewerkschaften/Syndikate und Großunternehmer Ende 1918 ein Bündnis schlossen, hatten sie bereits das vollständige Bild der Mechanismen der Revolution in Russland vor Augen. Daher war ihr erstes Anliegen die Organisation und Steuerung der Demobilisierung. Die Arbeiterinnen und Arbeiter müssten die Waffen niederlegen, sagten sie – und so schnell wie möglich an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Ein konkretes Programm zur konterrevolutionären Entwaffnung wurde mit derselben pazifistischen Ideologie, auf derselben antimilitaristischen Grundlage der Zweiten Internationale und zu einem großen Teil von den Zimmerwalder Teilnehmern vorangetrieben. Massenstreiks wurden zugelassen, Aufstände jedoch nicht.
So scheiterte die Arbeiterrätebewegung nicht aufgrund der Selbstverwaltung der produktiven Arbeit durch die Arbeiterinnen und Arbeiter, sondern an der Frage des Verhältnisses zwischen Massenstreiks und Aufstand oder zwischen Arbeitsverweigerung und Aufstand. Man hört immer wieder, dass die Einschätzung der Krise durch die Arbeiterinnen und Arbeiter von 1918 bis 1923 die Arbeitsverweigerung als andauernde, sich langsam ausbreitende Bewegung verlängerte, ohne dass dabei die Partei gegründet wurde. Doch ohne ihre Einschätzung der Krise und ihren Kampf gegen die Entwicklung ist die Partei nicht revolutionär. Das Scheitern der Arbeiterrätebewegungen hat also nicht das Problem des Verhältnisses zwischen Autonomie und der Partei der Berufspolitiker aufgeschoben, sondern vielmehr das des Verhältnisses zwischen dem Kampf gegen die Entwicklung und dem Aufstand einerseits und der bewaffneten Arbeitermacht andererseits. Wir haben in der jüngeren Geschichte gesehen, wie oft der Aufstand stattdessen die Voraussetzung für eine Wiederaufnahme der Entwicklung war. Der Leninismus ist vielleicht die äußerste Grenze, die die aufständische Ebene und die Klassenautonomie erreicht haben, wo die Partei noch eine handelnde Minderheit ist.
Das maoistische Denken ist noch weiter gegangen, indem es die Klasse als Partei, die Partei als Mehrheit des Volkes, die Partei als gesellschaftliche Mehrheit konzipierte und die Grundlage des Aufstands vom kurzen Staatsstreich zum langwierigen Krieg verlagerte. Mit dem Maoismus ist der Aufstand zu einem spontanistischen Begriff geworden.
1A.d.Ü., an dieser Stelle ist die Naivität von Sergio Bologna verblüffend weil er nicht die eigene Kohärenz der SPD verstehen will, so wie deren Strategie als Partei der Ordnung des Kapitals. Sie war ein Organ der Integration des Proletariats in die Werkhallen des Kapitals, die Politik der Reformen und der (vermeintlichen) Verbesserung der Lebensbedingungen des Proletariats kann nur erreicht werden, oder man kann nur erst dann die herrschende Klasse dazu einlenken, wenn gleichzeitig die Profite (Mehrwert) durch die Ausbeutung des Proletariats maximiert wird, als der Modernisierung der Produktionsmittel. Dieser Kuhhandel der im Namen des Sozialismus gemacht wurde, hat aber die SPD gleichermaßen, durch den Parlamentarismus schon davor, in den Kapitalismus integriert. Deswegen musste die Sozialdemokratie ihre respektive Standorte als kapitalistisches Staatsorgan verteidigen.
2A.d.Ü., die (radikale) Linke des Kapitals ist ein Instrument der Integration, der Domestizierung, der Befriedigung und als eine Partei der Ordnung und Verwalter des Gewaltmonopols wird sie immer zu den Waffen greifen um jede revolutionäre Explosion im Keim zu ersticken. Das hat nichts mit Faschismus zu tun, es liegt im Wesen (im ontologischen Sinne) des modernen Staates. Der Faschismus ist eine Variante davon. Wie würde Bologna die Repression der UdSSR gegen Revolutionäre erklären? Waren Lenin und die Bolschewiki den etwas auch Faschisten? Eine absurde Behauptung.
3A.d.Ü., und nicht richtig lag, denn während sich Monopole gründen, fallen die wieder zusammen und neue gründen sich. Seine Vision von der Entwicklung des Imperialismus ist bis heutzutage falsch. Vieles dazu auf unserer Reihe Kritik Imperialismus/Anti-imperialismus.