Anarchisten aus Spanien und Kuba auf der Internationalen Konferenz in Chicago (1893)

Gefunden auf ser historico, die Übersetzung ist von uns.


Anarchisten aus Spanien und Kuba auf der Internationalen Konferenz in Chicago (1893), von Fran Fernández

„In den letzten zwölf Monaten haben sich in den Vereinigten Staaten mehr als 13.000 Menschen das Leben genommen – Armut und das Leid durch Arbeitslosigkeit waren die einzigen Ursachen. In Philadelphia sind laut Polizeiberichten zudem mehr als 50.000 Männer ohne Arbeit. Ein Telegramm aus Chicago berichtet, dass 2.000 Menschen am Verhungern sind und dass es mehr als 15.000 gibt, die weder etwas zu essen noch ein Dach über dem Kopf haben. Eine kapitalistische Dame hat zwei Häuser gemietet, die früher als Werkstätten dienten: Dort übernachten nachts, zusammengepfercht wie Sardinen, mehr als 1.500 dieser Unglücklichen“

Berlin, Bertha. „Bien Venido” (Willkommen). In: La Alarma (Havanna), 10.01.1894, S. 3.

Im Kontext

Die Rivalitäten, die es Ende des 19. Jahrhunderts zwischen verschiedenen propagandistischen Projekten gab, sowie die doktrinären Streitigkeiten innerhalb einer Ideologie selbst, helfen dabei, viele Ereignisse unserer Vergangenheit zu erklären und zu verstehen. Das Erscheinen eines Artikels in der Barcelonaer Zeitung El Productor mit dem Titel „Manos á la obra“ am 6. April 1893 löste eine Kontroverse unter den spanischen Anarchisten aus, die dem Ansehen der Vorschläge, die aus dem barcelonischen Antiadjektivismus hervorgingen – dessen wichtigster Vertreter diese Zeitung war –, keineswegs zuträglich war.1

Artikel „Manos á la obra“ (El Productor, 06.04.1893). Herunterladen

Der Antiadjektivismus war eine libertäre Strömung, die ihren Ursprung im spanischen kollektivistischen Anarchismus hatte. Im Kontext der Debatten zwischen kollektivistischen und kommunistischen Ansätzen innerhalb des Anarchismus plädierten die Antiadjektivisten dafür, sich zu organisieren und die Debatte über das ökonomische Modell der zukünftigen Gesellschaft in den Hintergrund zu rücken. Im Laufe der Jahre schloss sich die Mehrheit dieser Strömung, obwohl das Thema ökonomisch gesehen zweitrangig war, den Ansätzen des kommunistischen Anarchismus an.

Der Antiadjektivismus, der ursprünglich von der Gruppe „Benevento“ aus Barcelona vorangetrieben wurde und auf herausragende theoretische Argumente wie die von Fernando Tarrida del Mármol zurückgriff, war in der zweiten Hälfte der 80er Jahre die vorherrschende Strömung im Umfeld des revolutionären Syndikalismus mit anarchistischer Prägung, die damals als FTRE bekannt war – gegründet 1881 und Nachfolgerin der Ersten Internationale in Spanien (FRE-AIT). Diese Vorherrschaft trug dazu bei, dass die antiadjektivistischen Ansätze 1888 zum Erfolg führten und sich die FTRE zugunsten zweier Organisationen auflöste: zum einen die Federación de Resistencia al Capital-Pacto de Unión y Solidaridad (Föderation des Widerstands gegen das Kapital – Pakt der Einheit und Solidarität) – (FRC-PUS), die sich auf den Bereich der Arbeit konzentrierte, und zum anderen die Organización Anarquista de la Región Española (Anarchistische Organisation der spanischen Region) (OARE), die eher spezifisch und politisch ausgerichtet war.

Obwohl nicht unumstritten, wurde das antiadjektivistische Projekt von 1888 Realität und stimmte – trotz seiner eigenen Entwicklung – in vielen Aspekten mit den Theorien überein, die der berühmte Anarchist Errico Malatesta zu dieser Zeit zu verbreiten begann. Malatesta, einer der „Erfinder“ und Verbreiter der anarchokommunistischen Theorien, legendär wegen seiner Teilnahme am Aufstand von Benevento 1877, Autor von Werken und Zeitungsartikeln, die neue Anarchisten hervorbrachten, unzählige Male Opfer von Repressalien, derselbe, der die Verbreitung des Anarchismus auf mehreren Kontinenten förderte – neben einer langen Liste weiterer Lobeshymnen –, vertrat die Ansicht, dass dogmatische Diskussionen über die Ökonomie der zukünftigen Gesellschaft nicht dringend seien. Viel wichtiger sei es, die Anarchisten in einer spezifischen Organisation, einer internationalen „anarchistischen Partei“, zu vereinen, um so auf die Revolution hinzuarbeiten. In einer Zeit, in der der anarchistische Kommunismus gleichbedeutend war mit informellen Aktionen von Gruppen, Spontaneität der Massen und aufständischem Streben jenseits von Akronymen, fand Malatestas Ansatz nicht bei allen Individuen der Bewegung Anklang.

Was uns in diesem Artikel betrifft: Malatesta war zwischen Ende 1891 und Anfang 1892 auf einer Propagandatour durch Spanien unterwegs. Und was hat er hier so gemacht? Er hat diese Ideen und Ansätze verteidigt, und diejenigen, die ihm damals am nächsten standen, waren die spanischen Anti-Adjektivisten, die in dem Italiener einen Verbündeten für ihr eigenes Projekt fanden, da beide Vorschläge sehr ähnlich waren.

Die Realität ist jedoch, dass Malatestas Tour und seine Vorschläge innerhalb des Anarchismus auf Widerstand stießen, vor allem bei den Kommunisten, da sich die Anarchokommunisten bis dahin durch ihre Kritik und Ablehnung des legalen Weges und formeller Organisationen ausgezeichnet hatten. Tatsächlich wurden in Barcelona einige anarchistische Kommunisten bei Malatestas Veranstaltung zum Schweigen gebracht, und auf den Seiten von El Porvenir Anarquista, Paolo Schicchi und andere schütteten ihre Galle über den Italiener aus. Doch die Repressionen infolge der Ereignisse in Jerez und der Bombe auf der Plaza Real in Barcelona im Jahr 1892 ließen diese Debatte unter den Kommunisten vorübergehend abklingen, vor allem, weil Malatestas Tournee abgebrochen wurde und er zusammen mit anderen Spaniern wie Adrián del Valle oder Pedro Esteve ins Londoner Klima ging, das damals nicht so repressiv war wie im Spanien des Jahres 1892. Josep Llunas nutzte die Situation – obwohl enge Gefährten ins Exil gingen –, um bei den Vorträgen und Kundgebungen, die er regelmäßig abhielt, wie zum Beispiel anlässlich des 1. Mai jenes Jahres, die Bombenleger, insbesondere Ravachol, zu verurteilen.

1893 hatte Llunas seine eigenen Vorstellungen von Parteien und so weiter, die sich von denen Malatestas unterschieden, da er auf ein Bündnis mit nicht-arbeiterorientierten Kreisen setzte. Obwohl er an Ansehen verlor, blieb er in den Arbeiterkreisen weiterhin einflussreich. 1893 waren die Debatten und Kontroversen über das Organisationsmodell noch immer brandaktuell; sie waren lediglich durch andere Faktoren wie die Repression in den Hintergrund gedrängt worden.

Manos a la obra (An die Arbeit)

Der Artikel vom April 1893, der die Kontroverse auslöste, war ein einfacher Aufruf zu einer Spendensammlung, um Vertreter zur Internationalen Anarchistischen Konferenz in Chicago zu entsenden, die für September desselben Jahres geplant war und zeitgleich mit der Weltausstellung in dieser Stadt stattfand. Die von der antiadjektivistischen Zeitung vorgeschlagene Methode basierte auf der Wahl einer Delegation durch eine Kommission, die von den Abonnenten verschiedene Vorschläge für Kandidaten sowie finanzielle Mittel dafür erhalten sollte. Der Beitrag oder die Spende war freiwillig, wobei betont wurde, dass damit „die Gruppe, die El Productor inspiriert und unterstützt, in der Überzeugung, die Bestrebungen der spanischen Anarchisten getreu zu interpretieren, und unter Berücksichtigung all dessen, was dargelegt wurde, die Mobilisierung des anarchistischen Proletariats in Spanien einleitet, um direkt an der Konferenz in Chicago teilzunehmen“2.

Das Umfeld hinter diesem Vorschlag von 1893 entspricht im Wesentlichen dem zweier Publikationen: zum einen El Productor und zum anderen La Conquista del Pan, beide aus Barcelona. Letztere war eine offen anarchokommunistische zweiwöchentliche Zeitschrift, die von der Gruppe Benevento, der Gruppe Lingg3, einer gleichgesinnten Affinitätsgruppe aus Mataró sowie einer weiteren anonymen Gruppe unterstützt wurde. Diese Zeitschrift erschien im Sommer 1893, kaum zwei Monate nach dem Vorschlag, der in El Productor4 veröffentlicht wurde, und man muss nicht besonders schlau sein, um zu vermuten, dass die Gruppen, die die Zeitschrift unterstützten, die wichtigsten Kerne der OARE in Katalonien waren. Hinter der Idee, Delegierte für Chicago zu wählen, standen also Persönlichkeiten wie Jaume Torrens Ros, Joan und Francesc Abayà, Fernando Tarrida del Mármol sowie andere, weniger bekannte Anarchisten und einige Kontakte in der Karibik (hauptsächlich Kuba und die USA), wobei es sich bei Letzteren in der Regel um Migranten handelte, die ursprünglich von der Iberischen Halbinsel stammten, wie zum Beispiel Pedro Esteve. Andererseits äußerten sich auch „alte Größen“ der kollektivistischen Bewegung wie Anselmo Lorenzo oder Josep Llunas positiv zu der Initiative und waren höchstwahrscheinlich daran beteiligt.

Wenn wir uns einen Moment auf La Conquista del Pan konzentrieren, ist das hilfreich, denn im Kontext des Anti-Adjektivismus zeigen sowohl der Name als auch der Inhalt dieser Zeitung, dass schon damals unter den Anti-Adjektivisten selbst offen diejenigen mit anarchokommunistischer Tendenz vorherrschten. Erinnern wir uns daran, dass „La Conquista del Pan“ (Die Eroberung des Brotes) ein legendäres Buch des anarchokommunistischen Piotr Kropotkin ist, das 1892 auf Französisch erschien (und im selben Jahr auch in einer spanischen Ausgabe), obwohl es sich eigentlich um eine Sammlung von Artikeln handelte, die er bis dahin in affinen Zeitungen geschrieben hatte.

Zeitung „La Conquista del Pan“, Barcelona, 1893. Hier herunterladen.

Die Anti-Adjektivisten und Malatestianer waren 1893 in dem mit Barcelona per Eisenbahn verbundenen Katalonien ziemlich stark verwurzelt, wobei Barcelona selbst das Zentrum ihres Einflusses war, während Gràcia, in der Ebene von Barcelona, das Zentrum für das eher informelle Umfeld des anarchistischen Kommunismus darstellte.

Wenn wir uns noch einmal der Veröffentlichung von La Conquista del Pan zuwenden, sehen wir, dass sie während ihrer Erscheinungszeit mehr als zwanzig Kontakte zu katalanischen Ortschaften unterhielten und im Fall von Barcelona aktiv in den wichtigsten Treffpunkten der Arbeiterbewegung präsent waren, wie zum Beispiel in der Gesellschaft der Maurer ( gemeint ist eine Art Gewerkschaft/Syndikat), den der Tischler und Schuhmacher, oder durch eigene Initiativen wie den „Círculo Obrero de Estudios Sociales“ (Arbeiterkreis für Sozialstudien) und dessen Vorträge. Das zeigt, dass sie trotz der damals bestehenden taktischen Unterschiede eine minimale und stabile Struktur aufrechterhielten – sowohl die mit der OARE verbundene (die den Ansätzen Malatestas nahestand) als auch die des „Pacto de Unión y Solidaridad“ (im gewerkschaftlichen/syndikalistischen) in Katalonien.

Im Rest des Landes gab es Kontakte zu etwa dreißig Orten, darunter stachen Persönlichkeiten wie Miguel Rubio in Sevilla hervor (der bald nach Barcelona ziehen wird), die Berkman-Gruppe aus Algeciras5, die hinter der Zeitung El Oprimido standen, sowie Francisco Ruiz in Madrid, der berühmt dafür war, dass er noch im selben Jahr 1893 ein erfolgloses Attentat auf Cánovas del Castillo verüben würde. Als Kuriosität: In derselben Ausgabe von El Productor, in der der hier analysierte Artikel („Manos á la obra“) erschien, schrieb er einen Einzelbeitrag. Er gehörte zum Umfeld von La Anarquia aus Madrid, einer „Schwesterzeitschrift“ von El Productor. Der Rest waren verschiedene Kontakte in Orten mit einer festen anarchistischen Präsenz, viele davon in Andalusien und an konkreteren Orten im Rest des Landes, wie Zaragoza, Sestao, Tafalla, El Ferrol oder die Gefährten von El Corsario aus La Coruña.

Nach den Angaben von Antonio López Estudillo6, erhielt der antiadjektivistische Vorschlag die Vertretung von etwa 4.000 Arbeitern und Arbeiterinnen, und schließlich war der Delegierte für Spanien und Kuba auf der Konferenz in Chicago der Anarchist Pedro Esteve, der zu dieser Zeit bereits in den Vereinigten Staaten lebte7, was vermuten lässt, dass das während der Kontroverse gesammelte Geld für die Entsendung von Delegierten nicht für diesen Zweck verwendet werden konnte8.

Dort vertrat Esteve 38 katalanische Orte mit 1.631 Stimmen, fast die Hälfte davon aus dem Raum Barcelona, 1.180 Stimmen aus Andalusien sowie zwischen 200 und 300 Stimmen aus Galicien, Valencia und Aragón. Im Rest des Landes waren die Stimmenzahlen praktisch symbolisch und erreichten lediglich im Baskenland knapp hundert. Wenn man bedenkt, dass einige dieser Stimmen Arbeitervereine mit mehreren hundert oder Dutzenden von Mitgliedern repräsentierten – die nicht unbedingt Anarchisten waren –, ergibt sich ein eher dürftiges Bild von der Stärke des anti-adjektivistischen Projekts, verglichen mit den Zahlen der Kongresse der inzwischen aufgelösten FRE-AIT oder FTRE.

Aus Esteves Bericht über die Konferenz geht hervor, dass es viele Schwierigkeiten gab, das Treffen in Chicago auf die Beine zu stellen, und dass ein Großteil dessen, was in jenem September erarbeitet wurde, aus verschiedenen Gründen verloren ging, obwohl der Bombenanschlag in Barcelona von 1893 und die darauf folgenden Zeitungsverbote, Verhaftungen, Inhaftierungen, die Beschlagnahmung von Postsendungen und andere repressive Maßnahmen die Gründe dafür nahelegen, warum ein Großteil von Esteves Schlussfolgerungen aus Chicago verschwunden ist:

„Außerdem, als wäre das nicht schon genug Ärger, ging auch die gesamte Korrespondenz verloren, die ich von Chicago an El Productor in Barcelona geschickt hatte, da sie dort ankam, als die Verfolgungen wegen der heldenhaften Aktion von Pallás gerade ihren Höhepunkt erreichten, und sie ging ebenfalls verloren, während ich in Kuba war, das Original des Manifests der Konferenz sowie die Schlussfolgerung der von mir dargelegten Zusammenfassung der Prinzipien, der Organisation und der Taktik, die ich in New York zur Veröffentlichung in El Despertar zurückgelassen hatte.“

Pedro Esteve. A los Anarquistas de España y Cuba. Memoria de la Conferencia Internacional Anarquista de Chicago, Paterson: Imprenta de El Despertar, 1900, S. 21.

An die Anarchisten Spaniens und Kubas. Bericht über die Anarchistiche Konferenz von Chicago 1893 / Pedro Esteve_Download

Nach dem erwähnten Artikel in „Manos á la obra“ im April 1893 tauchten kritische Stimmen zu dem Vorschlag auf, die besonders in der valencianischen Zeitung La Controversia Anklang fanden. Dort veröffentlichten Informalisten aus der Ebene von Barcelona, verschiedene Gruppen aus Andalusien und sogar Redakteure der Zeitung selbst harte und schlagkräftige Texte darüber, warum der antiadjektivistische Vorschlag ungeeignet sei.

In einem internationalen Kontext, in dem angesichts der Einberufung der Konferenz Zeitungen wie El Perseguido aus Buenos Aires empfahlen, keinen Cent für die Reisekosten der Delegierten zu geben – unter dem Verdacht, diese würden nach Chicago kommen, um Geschäfte zu machen oder Urlaub zu machen –, klang das nicht gerade gut. Betrachten wir es mal aus der damaligen Perspektive: Arme Leute, die ihre eigenen Publikationen finanzierten, sollten nun Geld aufbringen, um Delegierte zu entsenden. Man darf nicht vergessen, dass damals die Armut weit verbreitet war und viele Arbeiter und Arbeiterinnen Hunger und Not litten. Daher war es heikel, Geld in beträchtlicher und unbestimmter Höhe zu verlangen, um die Reise von ein oder zwei Delegierten zu bezahlen – und wenn man die historischen Hintergründe derjenigen betrachtet, die die Initiative vorantrieben, wäre das sicherlich genau das, was die „Kommission“ wollte, unabhängig von den Vorlieben der Spender und deren Stimmen, und dass dieser Delegierte höchstwahrscheinlich im Wesentlichen die Standpunkte des Umfelds der Benevento-Gruppe vertreten würde – vor allem, weil hinter der Initiative nicht viel Spielraum für Debatten und die Einigung auf Vorschläge blieb –, führte dazu, dass El Productor und die Benevento-Gruppe beschuldigt wurden, sich eine Reise auf Kosten der übrigen Anarchisten Spaniens finanzieren zu wollen, während man ihnen gleichzeitig vorwarf, nicht repräsentativ zu sein. Angesichts dieser Vorwürfe ging die Zeitung aus Barcelona in die Defensive und versicherte, dass der Vorschlag in gutem Glauben gemacht worden sei und die Kritik auf Übertreibungen zurückzuführen sei. Sie bekräftigte dabei die im Artikel „Manos á la obra“ dargelegten Standpunkte zur Notwendigkeit, sich zu organisieren und an dieser Konferenz teilzunehmen.

Allerdings verstärkte die Tatsache, dass Publikationen aus dem antiadjektivistischen Umfeld wie La Anarquía aus Madrid oder El Productor aus Barcelona den Austausch mit informellen und kommunistisch orientierten Publikationen abgelehnt hatten, die Kritik am Delegiertenvorschlag – tatsächlich hätte jeder Vorschlag aus diesem Umfeld auf denselben Widerstand gestoßen. Ein Anarchist aus Reus, vermutlich Juan Montseny, brachte seinen Unmut über den Ton zum Ausdruck, den die Kontroverse annahm, denn:

„weder ‚El Productor‘ noch ‚La Anarquía‘ noch ‚El Corsario‘ haben sich so viel Hass verdient; denn wenn es, um so sehr gehasst zu werden, wie euer Korrespondent aus San Martín de Provensals [Sebastiá Sunyer] sie hasst, nur ausreicht, dass sie keine Kommunisten sind, könnte er aus denselben Gründen von den Kollektivisten gehasst werden“.9

Montseny – oder wer auch immer diesen Artikel aus Reus schrieb – behauptete, dass ein Großteil der Kontroverse auf den sektiererischen Hass zurückzuführen sei, der auf beiden Seiten herrschte und sich schon seit Jahren hinzog: einerseits der der ersten Kommunisten und andererseits der der ehemaligen Kollektivisten oder derer, die noch 1893, wie Josep Llunas, offen Anhänger dieser Doktrinen waren. Diese Sichtweise auf die Kontroverse hatte etwas für sich, und in diesem Gleichgewicht entwickelten Juan Montseny und sein Umfeld ein eigenes Profil, das – zusammen mit der Veröffentlichung der damals als Las preocupaciones de los despreocupados10 bezeichneten Propagandaschrift, die bereits eindeutig kommunistisch geprägt war – dazu beitrug, dass das Paar Montseny-Gustavo unter Anarchisten aller Tendenzen Ansehen erlangte und so aus vielen Kontroversen ungeschoren davonkam.

Im Verlauf dieser Kontroverse, besonders wenn man an die Debatten in La Controversia denkt, waren die ersten, die in Verruf gerieten, die möglichen Anstifter derselben: die alten Anarchokommunisten aus Gracia und junge Leute wie Sebastià Sunyer oder der damals gerade aus dem Gefängnis entlassene Paul Bernard. Sie alle waren Informalisten und standen den Anti-Adjektivisten sowie der damaligen internationalen Rolle von Malatesta kritisch gegenüber. Damals sabotierten sie oft die Veranstaltungen dieser „Rivalen“, obwohl es auch üblich war, dass ihnen bei Veranstaltungen das Wort verweigert wurde, ihre Artikel nicht auf El Productor oder in anderen Medien veröffentlicht wurden usw. Doch dank der Resonanz in den Seiten von La Controversia oder El Oprimido aus Algeciras konnten sich Persönlichkeiten wie Martín Borràs äußern und fanden Verständnis bei ehemaligen, distanzierten Kameraden, wobei ihre Standpunkte auf ruhige Weise verständlich gemacht wurden. Andere Vertreter des Informalismus wie Sebastián Sunyer hingegen wurden, nachdem man ihn wegen des Tons seiner Anschuldigungen und seiner Beiträge in der valencianischen Zeitung ermahnt hatte, eher als Fanatiker abgestempelt, wie aus den zuvor zitierten Worten von Montseny hervorgeht. Aber auch das Umfeld der Gruppe Benevento hatte keinen Erfolg mit ihrer Spendensammlung und ihrem Vorschlag, nach Chicago zu fahren, so wie sie es sich vorgenommen hatten.

Tatsächlich behauptete der Verfasser des Briefes aus Reus, möglicherweise Juan Montseny, dass ein Schreiben, das bei der Redaktion von La Controversia eingegangen war, im Namen des Geschäftsführers von El Productor und unterzeichnet von anderen Anarchisten aus diesem Umfeld, in dem die Mitglieder von La Controversia bedroht und beleidigt wurden, nicht wahr sein könne, da er nicht glaube, „dass ein solches Dokument von der Person verfasst wurde, die ihr vermutet, noch glaube ich, dass es von einem Anarchisten stammt. Wenn ich das glauben würde, hätte ich keinerlei Verständnis für die Auswirkungen, die die Idee der Anarchie auf den Menschen hat11. Dieser Drohbrief, der als Beilage zur Zeitung veröffentlicht wurde, war eine Ansammlung von Ungereimtheiten und grundlosen Beleidigungen, was mich dazu neigen lässt, Montsenys Hypothese hinsichtlich der Böswilligkeit des Verfassers als zutreffend anzusehen, den Brief selbst jedoch als Fälschung zu betrachten. Obwohl dem Brief aufgrund der Darstellungen in der valencianischen Zeitung durchaus Bedeutung beigemessen wurde, reagierte man darauf mit Drohungen gegen den namentlich nicht genannten Geschäftsführer der Zeitung aus Barcelona.

Hochladen von „La Controversia“, Valencia, 1893. Hier

Trotz der versöhnlichen Worte aus Reus glaubte ein Großteil der Mitarbeiter der valencianischen Zeitung immer noch, dass hinter den erhaltenen Drohungen und anderen umstrittenen Ereignissen die Hand des Anti-Adjektivismus aus Barcelona steckte. In derselben Ausgabe, in der der Brief von El Productor im Abschnitt für den administrativen Briefwechsel abgedruckt wurde, hieß es in drohendem Ton an den „Verwalter von ‚El Productor‘: Wenn du leugnest, bestätigen wir es. Wir sehen uns in Barcelona“.12 Eine regelrechte Drohung für Persönlichkeiten wie Anselmo Lorenzo, einen Anarchisten, der vom ursprünglichen anarchokommunistischen Umfeld zutiefst gehasst wurde, sei es wegen seiner zwielichtigen Rolle in den letzten Jahren der FRE-AIT, als er sich mit dem aufständischen José García Viñas anlegte, oder weil ihm vorgeworfen wurde, die Stimmenauszählung auf dem Kongress der FRE-AIT von 1880 gefälscht zu haben, was ihm den Ausschluss aus der Organisation einbrachte. Es waren Jahre, an die sich Lorenzo selbst in seinen Memoiren als eine Zeit erinnern wird, in der ihm sogar alte Freunde auf der Straße den Gruß verweigerten. Obwohl er in seinem hohen Alter im 20. Jahrhundert und heute im 21. Jahrhundert als der Großvater der spanischen Anarchisten gilt, mit Sympathie in Erinnerung bleibt und sogar eine mit der CNT verbundene Stiftung für historische Studien seinen Namen trägt, ist es doch so, dass der Ruf und das Ansehen dieser Persönlichkeit in den frühen 90er Jahren nicht besonders gut waren, auch wenn er nach Jahren der Ächtung zu dieser Zeit in den libertären Reihen wieder an Einfluss gewann. Tatsächlich veröffentlichte er 1893 unter der redaktionellen Schirmherrschaft von Josep Llunas den Roman „Justo Vives“, der in einigen anarchistischen Zeitungen jener Zeit sehr harte Kritik erntete.

Ausschnitt aus der Beilage zur Ausgabe Nr. 3 von „La Controversia“, in der ein angeblicher Brief von El Productor mit drohendem Ton veröffentlicht wurde.

Von da an verschärfte sich der Ton gegen den Vorschlag von El Productor, und Kommunisten, die bis dahin Verbündete des antiadjektivistischen Lagers waren – wie sich das baskische Umfeld um Vicente García, Manuel Díaz und aktiven Gruppen wie der aus Sestao herausstellte –, stellten sich gegen die Leitlinien von El Productor und positionierten sich in diesem Zusammenhang öffentlich für die Zeitung aus Valencia ein und stellten alle personellen und ökonomischen Mittel, die sie eigentlich für die Gründung einer neuen Publikation im Baskenland vorgesehen hatten, für den Fortbestand des valencianischen Blattes zur Verfügung. Die Anarchokommunisten aus Zaragoza tendierten – aus einer ähnlichen Perspektive wie die Valencianer – schnell dazu, den Vorschlag von El Productor nicht zu unterstützen, während in ihren Publikationen, trotz der dort herrschenden Vielfalt, Artikel informellen Charakters vorherrschten, was uns einen Eindruck von der Art der anarchistischen Positionierung in dieser Stadt in der Mitte der 90er Jahre vermittelt. Im konkreten Fall von Vicente García ist es wichtig zu erwähnen, dass er in der Geschichtsschreibung üblicherweise als das andere Mitglied der spanischen Delegation bei der Konferenz von Chicago 1893 bezeichnet wurde; daher ist die Kritik an dem Vorschlag wenige Wochen vor dem Treffen überraschend, auch wenn letztendlich nur Pedro Esteve diese Funktion ausübte.

Selbst in Orten wie Sabadell, wo das antiadjektivistische Milieu aus dem Raum Barcelona historisch gesehen Anhänger gefunden hatte, war das Umfeld 1893 – nach dem Weggang einiger der prominentesten Persönlichkeiten – deutlich weniger affin. Trotz der Meinungsverschiedenheiten, die 1891 zwischen Paul Bernard und einigen Anarchisten aus Sabadell im Zusammenhang mit der Kritik an Malatesta auftraten, ist es doch so, dass sich im folgenden Jahr, nach dem Erscheinen der Zeitung Ravachol und ihres Nachfolgers, El Eco de Ravachol, und unter dem Einfluss von Persönlichkeiten wie Joaquín Pascual, Joan Toronell, Dolors Busquets oder Joan Argemí, eine lokale Realität zeigte, die dem Informalismus viel näher stand als dem antiadjektivistischen Projekt. Tatsächlich zogen einige Mitglieder der Redaktion der Sabadeller Publikationen nach der Repression gegen sie nach Barcelona und in die Orte der Ebene, mit der vergeblichen Absicht, das Projekt fortzusetzen. In diesem Zusammenhang integrierten sie sich größtenteils in das informellere Umfeld.

Schließlich, im Zusammenhang mit dem Bombenanschlag von Paulí Pallàs auf Martínez Campos im September 1893, vergrößerten die Äußerungen des Kollektivisten Josep Llunas, Chefredakteur von La Tramontana, die Kluft zwischen dem formellen und dem informellen Anarchismus noch weiter. Im Grunde diskreditierte Llunas, wie er es schon seit Jahren befürwortet hatte, den Einsatz von Dynamit und ging hart gegen dessen Befürworter vor. In der letzten erschienenen Ausgabe von La Controversia zum Beispiel erschien angesichts dieses Vorfalls auf allen Seiten ein drohender Artikel gegen den katalanischen Kollektivisten, der als personifiziertes Spiegelbild der schlimmsten Jahre und Laster der FTRE galt – jener Organisation, die angeblich Gefährten verriet und Wahlen manipulierte. Und vergessen wir nicht: Llunas war ein persönlicher Freund des damals noch umstrittenen Anselmo Lorenzo und anderer Persönlichkeiten, die hinter dem Vorschlag standen, eine Delegation nach Chicago zu entsenden.

Interessante kubanische Zeitung, in der unter anderem verschiedene Artikel sowie ein Teil der Schriften von Pedro Esteve zur Konferenz von Chicago zu finden sind. Download: hier.

Fazit

Die endgültige Entscheidung in Spanien zu der Debatte, die nach Malatestas Vorschlägen von 1889 entstanden war – die darauf abzielten, sich unter dem Dach einer internationalen anarchistischen Partei zu organisieren –, lässt sich anhand von Zeitungsquellen aus jener Zeit nachvollziehen, wobei die Diskussionen und Debatten in La Controversia über die Konferenz von Chicago und andere doktrinäre Standpunkte, die 1893 zur Sprache kamen, sehr hilfreich sind.

Die gewählte Herangehensweise an die Debatte bestand darin, die Haltung und die Vorschläge des Anti-Adjektivismus aus Barcelona offen zu kritisieren, insbesondere aufgrund von Ereignissen wie den angeblichen Drohungen, die die valencianische Zeitung von El Productor erhalten hatte, obwohl auch die dialektischen Exzesse einiger Vertreter des Informalismus aus Barcelona, wie insbesondere Sebastián Sunyer, gerügt wurden. Andere Persönlichkeiten aus diesem Umfeld, die als dogmatisch abgestempelt wurden, wie Martín Borràs, schafften es hingegen, ihre Ansätze auf versöhnliche Weise einzubringen. Auch einige spanische Malatesta-Anhänger, angeführt von Vicente García, wurden von den antiadjektivistischen Vorschlägen desillusioniert, obwohl sie den Vorschlag, eine Delegation zum Kongress zu organisieren, zu Beginn sicherlich unterstützt haben müssen – daher auch Garcias Erwähnung in den historischen Berichten über die Konferenz und seine Rolle als Delegierter: Er hätte einer der von der Kommission benannten Delegierten sein sollen.

Das relative Scheitern bei der Organisation der Vertretung auf der Konferenz und die erbitterte Debatte, die sich darum entbrannte, sowie andere Themen wie der verhängnisvolle Brief an La Controversia sind Faktoren, um den Zerfall der noch jungen OARE und der „Pactos de Unión y Solidaridad“ zu verstehen, denn hinter dem Vorschlag der Delegation standen diese Organisationen, und im kurzen Verlauf der Umsetzung des Vorschlags – eher aufgrund antagonistischer Beziehungen und unangebrachter Verhaltensweisen als aus anderen Gründen – ging eine Chance verloren, diese Strukturen zu festigen, unabhängig von der Kritik, die vom eher informellen libertären Kommunismus kam.

In gewisser Weise vermittelt uns die Lektüre von La Controversia und die Entwicklung der Kontroverse einen Eindruck von der Atmosphäre, die zwischen 1894 und 1896 im spanischen Anarchismus vorherrschen wird – einer Zeit, in der in den bestehenden Publikationen die erbitterten und persönlichen Debatten eher in den Hintergrund treten, während gleichzeitig die Vielfalt der Tendenzen geschätzt wird. Zu diesem Zweck begann man symbolisch, die Rolle und den Einfluss einiger Anarchisten aus Barcelona und Umgebung an den Rand zu drängen, da sie – ob nun formell oder informell – noch immer von alten Streitigkeiten geblendet waren. Dies trug dazu bei, das Klima zu erneuern. Aus dem katalanischen Umfeld gingen Juan Montseny und Soledad Gustavo als Gewinner hervor, die während der gesamten Kontroverse – obwohl sie ihre Sympathien und Affinitäten mit den Anti-Adjektivisten nicht aufgaben – gegenüber allen Strömungen ein eigenes, diplomatisches Profil zeigten. Borrás zeigte sich von seiner dialogorientierten Seite, doch nach der Repression, die durch die Anschläge von Paulino Pallàs und Santiago Salvador ausgelöst wurde, starb er Anfang 1894 durch Selbstmord im Gefängnis. Josep Llunas hingegen befand sich weiterhin in seinem ganz persönlichen freien Fall, geprägt von seiner klassenübergreifenden, provinziellen, pazifistischen Haltung und seinen Anschuldigungen gegen vermeintliche Gefährten, während Anselmo Lorenzo noch einige Jahre vor sich hatte, bis er allgemein als Vorbild angesehen wurde. In gewisser Weise trat während der Debatte im Jahr 1893 die versöhnliche Sichtweise stark in den Vordergrund, die theoretisch den Anti-Adjektivismus und den Malatesta-Kommunismus verkörperte, doch auf organisatorischer Ebene wurden Projekte wie die Spendensammlung und die Delegation nach Chicago, die Vorhaben der OARE und der Pacto de Unión y Solidaridad durch Maßnahmen wie diese praktisch zu reinen Symbolgesten, und in Spanien, Mitte der 1890er Jahre, blieb der kommunistische Informalismus weiterhin von Bedeutung.

Die Anschläge von 1893 in Barcelona haben diese Debatte letztendlich beendet, und – was besonders bemerkenswert ist – nach dem Ende des Tumults und der harten Repression gelang das, was zuvor noch niemandem vollständig gelungen war: die Einheit in den Aktionen eines Großteils der Kreise im Großraum Barcelona und des iberischen Anarchismus im Allgemeinen. In La Controversia war diese Tendenz bereits zu erkennen, doch die Repression und die daraus resultierende Solidarität schweißten diese Einheit zusammen. Für den Staat war jeder Anarchist, egal welcher Richtung er angehörte, eine Gefahr, die es zu bekämpfen galt.


1Die beim IISH in Amsterdam archivierte Korrespondenz ist eine wahre Fundgrube, um solche Kontroversen zwischen Propagandisten zu verstehen.

2„Manos a la obra“. In: El Productor, 06.04.1893, S. 1.

3Möglicherweise dieselbe „Grupo Lingg de Palafrugell“, die in Quellen aus den späten 80er Jahren erwähnt wird.

4Weitere Gruppen, die in jenen Jahren mit der OARE und dem Antiadjektivismus in Verbindung standen, waren die sogenannte „Independiente de Gràcia“, die Gruppe „Hijos del Progreso“, die „Albañiles“-Gruppe sowie das antiadjektivistische Umfeld in Sabadell und der katalanischen Region Bages, mit López Montenegro als prominentestem Propagandisten.

5Eines ihrer möglichen Mitglieder war ein gewisser A. Espinosa Juste.

6LÓPEZ ESTUDILLO, Antonio. Republicanismo y anarquismo en Andalucía. Conflictividad social agraria y crisis finisecular, Córdoba, Stadtverwaltung Córdoba, 1995.

7Er war einer der Anarchisten, die Malatesta auf seiner Tournee begleiteten. Nach deren Abbruch gingen sie zusammen mit Malatesta selbst oder Adrián del Valle ins Exil. Bevor sie nach Amerika aufbrachen, ließen sie sich in London nieder.

8Das würde die Kritik an der klassischen anarchistischen Organisation noch verstärken, da sie viel Geld von ihren Mitgliedern einnahm, dieses aber nicht immer für die Herausgabe von Propagandamaterial verwendet wurde.

9[MONTSENY, Juan]. „Compañeros de ‚La Controversia‘“. In: La Controversia, 19.08.1893, S. 6.

10Die Urheberschaft liegt ebenfalls bei Soledad Gustavo.

11[MONTSENY, Juan]. „Compañeros de ‚La Controversia‘“. In: La Controversia, 19.08.1893, S. 6.

12„Correspondencia“. In: La Controversia, 19.08.1893, S. 8.

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