MITTELKLASSE UND KLASSENTHEORIE – FRAGEN ZUM 10. SEPTEMBER UND ZUM INTERKLASSISMUS

Gefunden auf artifices, die Übersetzung ist von uns. Kürzlich veröffentlichten wir einen älteren Text von der Grupo Ruptura der die Klassenfrage versuchte zu beantworten. Gerade heutzutage wo viele vom Verschwinden des Proletariats sprechen, oder dass die Gesellschaft von tausend und eine Klassen durchsähet ist, hier ein weiterer Text der dies zu beantworten versucht, wenn aber daran am Ende scheitert. Vor allem mit dem Fokus auf was eine Mittelklasse sein kann und was nicht. Dies alles in Bezug auf Interklassismus und sozialen Bewegungen. Dieser Text dient daher mehr in Form von Fragestellungen und nicht in Form von Antworten. Für eine kommende Debatte.


MITTELKLASSE UND KLASSENTHEORIE – FRAGEN ZUM 10. SEPTEMBER UND ZUM INTERKLASSISMUS

Am 14. Oktober haben wir eine Diskussion über die Frage der Definition sozialer Klassen und insbesondere der rätselhaften Mittelklasse organisiert, in einer Zeit, in der die Beteiligung dieser Bevölkerung mit unklaren Konturen, die zwischen Hammer und Amboss des Proletariats und des Kapitals gefangen ist, regelmäßig hervorgehoben wird, um eine soziale Bewegung zu diskreditieren oder im Gegenteil jede Klassenperspektive im großen, enthusiastischen Bad des „revoltierenden Volkes” aufzulösen. Nach dem 10. September haben wir uns zum Ziel gesetzt, sowohl die reflexartigen als auch die abwartenden Reaktionen auf die Klassenkämpfe in ihrer realen Ausprägung zu hinterfragen. Dieser Text ist also eine Überarbeitung unserer Präsentation, die durch die anschließenden Diskussionen bereichert und angepasst wurde. Diese Arbeit – die noch im Gange ist – ist eine kurze Einführung in die reichhaltigen Debatten zu diesem Thema, die die revolutionäre Theorie beleben, aber auch eine Einladung, die zeitgenössischen Bewegungen im Lichte der Klassenanalyse zu betrachten, die als einzige in der Lage ist, die gewundenen und frechen Formen der Kämpfe unserer Zeit zu verstehen.

Einleitung

Die letzten Episoden des Klassenkampfs in Frankreich – von den Gelbwesten bis zum Aufstand vom 10. September – haben zu intensiven und hitzigen Debatten über ihre soziale Zusammensetzung geführt. Auch wenn viele Leute seit einigen Jahrzehnten lieber von „Volk”, „Staatsbürger”, „Jugend” oder noch schlimmer sprechen, finden wir es immer noch wichtig, eine Klassenanalyse zu entwickeln. Wir denken, dass man die heutige Gesellschaft nur verstehen kann, wenn man anerkennt, dass sie durch eine bestimmte Produktionsweise strukturiert ist: den Kapitalismus. In diesem handeln Klassen entsprechend ihren widersprüchlichen Interessen, je nachdem, welchen Platz sie innerhalb der Produktionsverhältnisse einnehmen. Das nennt man Klassenkampf. Dieser findet täglich statt, überall dort, wo Lohnarbeit herrscht, selbst in Zeiten relativer Ruhe. Außerdem hängen die meisten Kämpfe immer noch mit der Existenz sozialer Klassen zusammen – was in der Soziologie etwas ungeschickt als Ungleichheiten bezeichnet wird –, da der Widerspruch zwischen der Masse der Arbeiterinnen und Arbeiter und dem erzielten Profit weiterhin im Mittelpunkt steht und weltweit die wichtigsten Kämpfe des 21. Jahrhunderts von einer massiven Beteiligung des Proletariats geprägt waren. Dieses war in der Tat unverzichtbar, vom Arabischen Frühling bis zu den Gelbwesten, von den Black-Lives-Matter-Unruhen bis zu den aktuellen Aufständen in Südostasien. Allerdings hat es nicht alleine gekämpft, was sofort die Frage nach der Definition dieses Proletariats aufwirft, das die Revolution vollziehen soll, und damit auch die Frage nach der Definition der Mittelklasse. Mit dieser Frage wollen wir uns hier beschäftigen.

Lange Zeit gab es kaum Probleme mit der Definition der sozialen Klassen, weil die alte Arbeiterbewegung eigentlich alle Fragen beantwortete: Die Arbeiterklasse, die eine klare soziologische und politische Existenz hat und auf den ersten Blick erkennbar1 ist, ist das Proletariat und umgekehrt. Mit dem Zusammenbruch der alten Arbeiterbewegung wurde alles unklar. In den 1970er Jahren fielen viele Dinge zusammen (verstärkte Arbeiterkämpfe in ganz Europa, Rückgang der Kapitalverwertung, Anstieg der Rohstoff- und Energiekosten2), was zu einer Umstrukturierung der Produktionsweise führte. Wir kommen nicht aus dem Kapitalismus heraus, die Gesellschaft basiert weiterhin auf dem Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital, aber das Verhältnis zwischen diesen beiden Begriffen verändert sich.

Wir sollten kurz innehalten, um zu klären, was genau wir unter Umstrukturierung verstehen. Dieser Begriff bedeutet keine grundlegende Transformation der Produktionsweise, da das Hauptverhältnis, auf dem die kapitalistische Gesellschaft basiert, weiterhin der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital ist, zwischen den ausgebeuteten Arbeiterinnen und Arbeitern und den Kapitalisten, die aus der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft Mehrwert ziehen. Aber die historisch-soziale Formation ist nicht mehr dieselbe wie in den vergangenen Jahrzehnten und erst recht nicht mehr dieselbe wie im letzten Jahrhundert. Der Kapitalismus passt sich dem Rückgang der Produktivität an, er reorganisiert die Grundlagen, auf denen er funktionierte, um weiterhin Mehrwert zu schöpfen und sich ständig zu verwerten. Dafür muss man den kurzlebigen Fordismus hinter sich lassen, der nur eine Phase des Kapitals war, aber seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wie ein positiver Kreislauf funktionierte. Technologische Entwicklung und Mechanisierung führten dazu, dass das Kapital Waren mit immer mehr Mehrwert produzierte, was damit zusammenhing, dass die nationale Industrieproduktion und der Binnenmarkt – also der Konsum der französischen Arbeiterinnen und Arbeitern – Hand in Hand gingen. Die Fabriken produzierten Waren, die dann von den Arbeiterinnen und Arbeitern, die sie beschäftigten, konsumiert wurden. Diese erhielten nach und nach mehr Mehrwert, weil die produzierten Waren einen höheren Mehrwert hatten. Der fordistische Kompromiss sicherte den unteren Schichten nicht nur Stabilität, sondern auch einen Anstieg ihres Lebensstandards und damit ihres Konsums. Mit anderen Worten, der Deal lautete: „Wir erhöhen das Arbeitstempo und im Gegenzug erhöhen wir die Löhne”.

Aber der Zusammenbruch der Binnenmärkte und ihre schnellere Öffnung für die Konkurrenz haben dieses sorgfältig aufgebaute Gleichgewicht ins Wanken gebracht: Durch die Globalisierung des Kapitals sehen wir einen direkten Rückgang der Kapitalwertsteigerung in jedem Land. Einfach und schematisch ausgedrückt: Aus den westlichen Arbeiterinnen und Arbeitern lässt sich weniger Mehrwert herausholen als zuvor, zumal viele Länder ihren industriellen Rückstand mit Hochdruck aufholen und damit Arbeitskräfte anbieten, die in Bezug auf den unmittelbaren Profit zwangsläufig attraktiver sind. Diese doppelte Bewegung wird zusammen mit dem Druck der proletarischen Angriffe in den alten kapitalistischen Zentren das Kapital dazu bringen, sich weiter zu globalisieren und seine Produktionsmittel zu verlagern.

Wenn man außerdem von einer Umstrukturierung des Kapitalismus in den 1970er Jahren spricht, dann ist das auch zum großen Teil auf den Verlauf des Klassenkampfs zurückzuführen. Ab dem Wendepunkt im Mai 1968 rebellierte das Proletariat an vielen Orten und forderte eine bessere allgemeine Umverteilung der Gewinne, einen allgemeinen Zugang zu höherer Bildung und Spezialisierung außerhalb der Arbeiterwelt für ihre Kinder usw. Da klar wurde, dass die Reproduktion einer stabilen und dauerhaften Arbeiterklasse in den alten westlichen Zentren sozial und politisch nicht mehr aufrechtzuerhalten war, blieb dem Kapital kaum eine andere Wahl, als sie anderswo zu suchen.

Die konkreten Folgen dieser Entwicklung sind für das Proletariat, seine Kämpfe und seine politischen Sprecher katastrophal. Die Verlagerungen zerstören die westeuropäische Industrielandschaft, was die Gewerkschaften/Syndikate machtlos macht. Die prekären Arbeiterinnen und Arbeiter ersetzten den Facharbeiter als Symbolfigur des Proletariats, die Massenparteien brechen zusammen, das Proletariat ist gespalten, zersplittert, es gibt keine Basis mehr, auf der seine Einheit aufgebaut werden könnte. Letztendlich erscheint die Klasse der Revolution nicht mehr deutlich durch massive und organisierte Kämpfe.

Ab dieser Zeit lassen sich die Entwicklungen der revolutionären Theorien in drei Kategorien zusammenfassen.

Die erste umfasst diejenigen, die sich in Verleugnung befinden, die den Wandel innerhalb der Produktionsweise nicht anerkennen und vergeblich versuchen, die glorreiche Arbeiterklasse von einst wiederherzustellen, indem sie die Bedingungen, die ihre Existenz ermöglichten, nicht mehr vorhanden sind.

Dann gibt’s noch all die Theorien, die die Kategorie „Klasse” komplett weglassen und stattdessen das Volk, die Staatsbürger, die Jugend, die Clique vom Comité Invisible oder auch die 99 % (im Gegensatz zu den 1 % Oligarchen) nehmen, von denen wir vor ein paar Jahren noch ständig gehört haben. Wir lehnen sie nicht aus Dogmatismus ab, sondern weil sie uns nicht erklären können, warum sich dieser oder jener Teil der Bevölkerung wann und wie mobilisiert und was seine Kämpfe bewirken können. Sie greifen dann auf Analysen zurück, die sich auf die Wünsche und den Willen einer Summe von Individualitäten stützen – und verzichten damit komplett auf eine Gesamtanalyse, um sich bestenfalls in psychologisieren, schlimmstenfalls in vitalistischen Irrtümern zu verlieren – oder sie fantasieren unermüdlich von einer Gesamtheit, der Arbeiterklasse, als der einzig möglichen Identität des Proletariats. In jedem Fall scheitern diese Ansätze an der tatsächlichen Bewegung des Klassenkampfs. Die einzige Erklärung, die uns gegeben wird, ist, dass „die Menschen“ (oder die gewerkschaftliche/syndikalistische Basis) entfremdet und/oder manipuliert sind, aber wenn man überzeugend genug ist, werden sie irgendwann doch erkennen, dass die Welt besser laufen würde, wenn man auf die Revolutionäre hören würde.

In einer dritten und letzten Kategorie finden wir also die Thesen, die uns heute interessieren: diejenigen, die versuchen, die sozialen Klassen ausgehend vom aktuellen Kontext neu zu denken.

Die jüngsten sozialen Bewegungen haben zu einer Vielzahl von Analysen unterschiedlicher Qualität über die Rolle geführt, die die Mittelklasse (oder einer ihrer Aliasnamen, ohne dass sie als solche benannt wird) dabei gespielt hat, sei es, um sich darüber zu freuen oder es zu beklagen. Diese Debatten finden in Blogs, in Uni-Seminaren oder in jeder Diskussion zwischen Militanten statt, in denen man sich gegenseitig als Kleinbourgeois oder Lehrer bezeichnet, wenn der Ausdruck „Mittelklasse” nicht einfach als Synonym für „Bobos” verwendet wird. Auch wenn viele Verwendungen des Begriffs zumindest begrenzt erscheinen, zeigt diese sprachliche Wiederkehr doch, wie aktuell und wichtig diese Frage ist, um zu verstehen, was zum Teufel in diesem verdammten Klassenkampf vor sich geht.

Interklassismus und soziale Bewegungen

Dass in unseren Kreisen so viel über die Mittelklasse gesprochen wird, liegt an zwei gleichzeitig auftretenden Phänomenen: dem Verfall der alten Arbeiterbewegung und dem Interklassismus als aktuelle Form eines Teils des Klassenkampfs. Wie oben erwähnt, markieren die 1970er Jahre den Beginn des Niedergangs der organisierten Arbeiterbewegung, die die Form der Klassenkämpfe, vor allem am Arbeitsplatz, bestimmte, was zur Entstehung der interklassistischen Form der „sozialen Bewegungen” führte, an die wir gewöhnt sind. Vom Kampf gegen den Juppé-Plan 1995 über die Bewegung gegen den CPE 2006 bis hin zum 10. September dieses Jahres und den Rentenreformen von 2010 oder auch 2023 konzentrierten sich die Mobilisierungen auf politische Forderungen, d. h. gegenüber dem Staat (Aufhebung eines Gesetzes; Widerstand gegen die Anwendung von Artikel 49.3; manchmal Forderung nach einer Maßnahme, dem Sturz einer Regierung oder sogar eines Präsidenten).

Diese Verlagerung der Forderungen von Produktion und Arbeit hin zu den aktuellen Forderungen gegenüber dem Staat – also der nachträglichen Verteilung des sozialen Mehrwerts – ist ein direktes Ergebnis der Veränderungen der kapitalistischen Produktionsweise (KPV).

Bevor es zu dieser berühmten Umstrukturierung kam, brachte der industrielle Kapitalismus eine Arbeiterklasse mit greifbarer soziologischer Existenz hervor (große Fabriken, Arbeiterkultur und -städte usw.). Aus dieser Klasse konnte ein „natürliches” politisches Subjekt hervorgehen: die Arbeiteridentität, die die Klassenkämpfe begründete und prägte. Heute richten sich die Forderungen nach Kaufkraft ausschließlich an den Staat, der als Regulator der Einkommenspolitik fungiert. Er ist somit sowohl Zielscheibe der Kritik als auch Hauptgesprächspartner, über den sich der Klassenkampf abspielt. Man kritisiert die Absprachen zwischen der Regierung und den Wirtschaftsmächten, die den Staat von seiner eigentlichen Aufgabe ablenken würden: dem Allgemeinwohl zu dienen und den „gesellschaftlichen Reichtum” fair zu verteilen. Darin liegen die Wurzeln aller Forderungen nach sozialer, steuerlicher, ökologischer „Gerechtigkeit” usw.: Man muss die Uhren wieder richtig stellen, auf die Zeit, als alles (mehr oder weniger) gut lief! Die Klassen, die wirklich kämpfen, tun dies in Form einer Zivilgesellschaft, die sich aus „ehrlichen Staatsbürgern” zusammensetzt, die sich gegen einen „neoliberalen Staat” und „abgehobene Eliten” auflehnen. Auch wenn es sich hierbei um eine Frage der Ideologie handelt, darf man nicht vergessen, dass diese Ideologie durch die gegenwärtige Konfiguration des Klassenkampfs hervorgebracht wird. 
Die Gewerkschaften/Syndikate haben die Umstrukturierung und ihre langfristige Überflüssigkeit zur Kenntnis genommen. Sie haben daher nach und nach aufgehört, das institutionelle Sprachrohr der Arbeiterbewegung zu sein, um sich für die Interessen einer „Arbeitswelt” mit unscharfen Konturen einzusetzen. Diese Neudefinition eines politischen Themas prägt den historischen Rahmen, in dem noch (selten) mit der Kapitalistenklasse und ihren Vertretern über die Bedingungen der Ausbeutung verhandelt werden kann. Nur ist Einheit nicht mehr selbstverständlich und muss daher durch die „Konvergenz der Kämpfe” aufgebaut werden – insbesondere durch endlose Vollversammlungen, bei denen alle eingeladen sind, ihre Empörung in den großen Topf der Unzufriedenheit der Bevölkerung einzubringen.

Eines der Hauptmerkmale der aktuellen Militanz (Militantisme) ist die Betonung der Selbstorganisation, ein magisches Prinzip, das durch die Verbreitung von Telegram-Kanälen und Quartiers-Vollversammlungen, die sich mit den „lokalen Realitäten”3 beschäftigen, zum Leben erweckt wird – und das natürlich vor parteipolitischer „Aneignung” geschützt werden muss. Wenn aber Selbstorganisation gegen die Parteien ausreichen würde, um die proletarische Revolution herbeizuführen, hätte Nuit Debout das Ende von mehr als zwei Jahrhunderten Kapitalismus eingeläutet4. Das Spektakel, das wir in den Generalvollversammlungen erleben – wo die Berichte der verschiedenen Akteure (die Streikenden eines bestimmten Unternehmens, die Studenten einer bestimmten Universität) aufeinanderfolgen, ohne dass wirklich erkennbar ist, wie all diese Leute koordiniert zusammenarbeiten könnten – zeigt, dass diese von der sozialen Bewegung vorgeschlagene Einheit eine Illusion ist: Sie hat keinen eigenen Kern, sondern entsteht nur durch die Summe ihrer Teile. Alle Spaltungen, die das „Volk” (und sogar die verschiedenen Klassenfraktionen) zerteilen, untergraben diese künstliche Summe von Wut bis zur Implosion.

Selbst innerhalb des als „radikal” geltenden Flügels der sozialen Bewegung, dem vordersten Teil des Demonstrationszuges, waren es die Mittelklassen, die sich ihrer Zukunft bewusst waren, die den Kampf führten, auch unter Einsatz von Gewalt, zumindest symbolischer Gewalt5. Während wilde Streiks zu Zeiten der italienischen Autonomie noch Gegenstand von Fantasien sein konnten, ist vielen Militanten heute klar, dass etwas nicht stimmt. Die Lösung ist dann schnell gefunden und wird mit einer vagen marxistischen Analyse ummantelt: Da der Kapitalismus überall ist, die Industriezentren jetzt außerhalb unserer Grenzen liegen und das Proletariat zersplittert ist, findet der Kampf nicht mehr im Bereich der Produktion statt, sondern im Bereich des Verkehrs. Auf den Blockaden und Streikposten blüht das „alle zusammen” auf, ohne dass das Kriterium der Lohnarbeit als Hindernis für die Aktion auftritt.

Letztendlich kämpfen wir nicht im Namen des Proletariats, sondern einfach als Staatsbürger. Das bleibt nicht ohne Folgen: Die Mittelklasse verschafft sich einen Platz in der Führung der sozialen Bewegungen und drückt allen mobilisierten Klassenfraktionen ihre Parolen auf. Es geht darum, die Missstände der republikanischen Demokratie zu beheben (möglicherweise durch die Verabschiedung einer brandneuen Verfassung), den „öffentlichen Dienst“ wiederzubeleben, kurz gesagt, den Staat wieder in den Mittelpunkt der Gesellschaft zu rücken.

Man sieht also, dass die Stimmung interklassistisch ist. Auf der linken Seite wird der Kapitalismus vor allem als Machtverhältnis gesehen, wobei die Ökonomie als separater und objektiver Bereich betrachtet wird, der je nach aktuellem Avatar umgestaltet werden kann: früher waren es die Arbeiterinnen und Arbeiter, jetzt sind es die „Regierten” oder eine beliebige Variante davon, solange die Mittelklasse dabei ist. Man kann diesen Zustand beklagen – manche haben sich darauf spezialisiert –, aber wir finden es sinnvoller, zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren und die Klassen, die auf der Bühne stehen, und das, was sie antreibt, ernst zu nehmen.

Die Mittelklasse auf der Kippe

Über die Definition der Mittelklasse ist schon viel geschrieben worden, vor allem seit den 1970er Jahren, als ihre Präsenz in der Gesellschaft und in den Kämpfen von keinem Kommentator mehr ignoriert werden konnte. Wir werden hier nicht alle Versuche einer Definition aufzählen, sondern uns auf die konzentrieren, die wir am interessantesten finden. Wir wollen gleich klarstellen, dass die Kleinbourgeoisie im üblichen Sinne – also Selbstständige, Handwerker usw. – hier nicht unser Thema ist. Sie gehört nämlich zu den alten, heute nur noch residualen Produktionsformen, die sich angesichts der Kapitalkonzentration nur schwer behaupten können. Zu einem prekären Überleben am Rande des Marktes verdammt, neigt dieser soziale Teil entweder dazu, unter dem Druck der Konkurrenz zu verschwinden oder vom Kapital absorbiert zu werden.

1974 versuchten Baudelot, Establet und Malemort6 (die wir kurz BEM nennen), drei Soziologen der Kommunistischen Partei Frankreichs, eine „neue Kleinbourgeoisie” zu definieren, ein indirekter Weg für die Partei, etwas mit den großen Teilen der Bevölkerung zu machen, die man nicht mehr in das klassische Bourgeoisie/Proletariat-Schema des orthodoxen Marxismus einordnen kann. Dazu berechnen sie das Gehalt, das nötig ist, um die Arbeitskraft zu erhalten (genug Geld, um sich Essen, Nahrung und ein Minimum an Unterhaltung zu kaufen, damit man am nächsten Tag wieder arbeiten kann), und finden heraus, welche Berufe mehr verdienen. Sie teilen sie in drei Gruppen ein, denen sie ein bestimmtes politisches Verhalten zuordnen:

1. Selbstständige und Handwerker: Reaktion/Poujadismus

2. Staatsbeamte: Progressismus/Allianz mit dem Proletariat

3. Führungskräfte in der Privatwirtschaft: Zentrismus/Allianz mit dem Kapital.

Auf dieser Grundlage schlagen Astarian und Ferro 20197 eine Definition der lohnabhängigen Mittelklasse als Klasse vor, die ein Überlohn bekommt. Sie lassen die ursprüngliche Klassifizierung von BEM fallen und stellen die Relevanz ihrer Trennung zwischen öffentlich und schließen Selbstständige und Handwerker aus. Für die beiden Autoren bekommen bestimmte Lohnabhängige zusätzlich zu dem Lohn, der ihnen die Reproduktion ihrer Arbeitskraft ermöglicht, einen zusätzlichen Anteil am gesamten sozialen Mehrwert als Gegenleistung für die Führungsaufgaben, die sie für das Kapital übernehmen. Der Zugang zu diesem Mehrlohn erfolgt über Schulabschlüsse, daher ist der Kampf um den Zugang zur Universität für diese lohnabhängige Mittelklasse so wichtig. Die lohnabhängige Mittelklasse (LMK) vereint somit die klassischen Führungsfunktionen des produktiven Bereichs (die Vorarbeiter) mit denen des reproduktiven Bereichs, die ständig wachsen und sich institutionalisieren. Dazu gehören Lehrer, Manager, Ingenieure usw. Aufgrund ihrer Definition kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Mittelklasse ein Interesse an der Aufrechterhaltung des Kapitalismus hat, aus dem sie ihre Herrschaft über das Proletariat bezieht. Auch wenn sie sich manchmal gegen das Kapital stellt, um die Höhe ihres Überlohns auszuhandeln, bleibt die LMK letztendlich konterrevolutionär. Die beiden Autoren zeigen dann anhand einer Reihe von Beispielen aus aller Welt und aus dem letzten Jahrzehnt, wie die Mittelklasse dazu neigt, sich während Aufständen gegen das Proletariat zu wenden und so zur Niederlage der Bewegung beiträgt – oder zumindest daran beteiligt ist. Diese Definition macht zwar richtig deutlich, dass ein Teil der Lohnabhängigen ein Interesse daran hat, dass die Ausbeutung weitergeht, die ihren Urlaub im Club Med finanziert, aber ihre Schlussfolgerungen sparen sich eine genaue Analyse der Bewegungen und ihrer Zusammensetzung zugunsten mechanistischer Schlussfolgerungen. Wie bereits erwähnt, ist Interklassismus kein Gift oder ein Risiko, das es einzudämmen gilt, sondern die Realität der heutigen Kämpfe. Denn auch wenn Klassenkämpfe nie rein waren, verschärft der Zerfall des Proletariats diese Tendenz.

Nach der Diskussion, die Astarian und Ferro gestartet haben, haben die Gefährten von Temps Libre aus Quebec in der zweiten Ausgabe ihrer Zeitschrift8 mit einer langen Erklärung zur Definition der Klassen geantwortet. Für sie ist das Proletariat die Gruppe, die produktive Arbeit macht, also Mehrwert schafft. Man geht also nicht mehr von einem Eigentumsverhältnis (dem Besitz oder Nichtbesitz der Produktionsmittel) aus, sondern vom Kern der KPW (kapitalistische Produktionsweise): dem sozialen Ausbeutungsverhältnis, das das Kapital mit dem Proletariat verbindet. Diese Definition hat den Vorteil, dass sie präzise ist und es ermöglicht, jederzeit zu unterscheiden, wer zum Proletariat gehört – und wer nicht. Konkret bedeutet das, dass der Arbeiterinnen und Arbeiter, die an der Herstellung eines Autos beteiligt sind, Proletarier sind, der Vorarbeiter, der vom Chef angestellt ist, um ihn zu überwachen, aber nicht. Der Deliveroo-Lieferant ist ein Proletarier, weil er an der Produktion der Ware beteiligt ist, in diesem Fall der gelieferten Mahlzeit, aber die Kassiererin im Supermarkt macht keine produktive Arbeit, weil ihre Aufgabe darin besteht, die Ware in Geld für das Kapital umzuwandeln, und sie somit im Bereich des Geldverkehrs und nicht im produktiven Bereich tätig ist. Dazu sagt Temps Libre, dass sich ein Arbeiter und/oder Arbeiterin, die eine vom Kapital delegierte Herrschaftsaufgabe erfüllen, aus dem Proletariat ausgeschlossen sind, auch wenn der Rest ihrer Arbeit produktiv ist.

Die Mittelklasse wird dagegen negativ definiert: Sie hat kein eigenes Wesen und daher aufgrund ihrer Heterogenität keine vorbestimmte Rolle im Klassenkampf. Um das zu verdeutlichen, stellt Temps Libre eine Reihe von fünf Funktionen auf, die verschiedene Gruppen der Mittelklasse ausüben:

1. Die erste umfasst Aufgaben der Repression. Dazu gehören alle Berufe, deren Ziel es ist, Kämpfe zu unterdrücken, einzudämmen und zu zerschlagen, also logischerweise das Militär, die Polizei und alle Arten von Geheimdiensten.

2. Dann gibt’s die Führungs- und Überwachungsarbeit am Arbeitsplatz, die von Managern, aber auch von Ingenieurn gemacht werden, deren Ziel es ist, die Prozesse zu optimieren – also die Ausbeutung zu maximieren.

3. Innerhalb der Mittelklasse gibt es auch die Arbeit der ideologischen Produktion und Reproduktion der Gesellschaft als Ganzes (über den Bereich der eigentlichen Produktion hinaus). Zu dieser Gruppe gehören Essayisten, Leitartikler, Journalisten und alle anderen Priester oder Lehrende und Forschende. Auch wenn diese einen gewissen Spielraum haben, hängt dieser vom Stand des Klassenkampfs ab, und ihre radikale Produktion beschränkt sich heute auf die ständige Wiederentdeckung der Gemeingüter.

4. Danach finden wir alle Aktivitäten wieder, die darauf abzielen, die Kapitalumschlagzyklen durch die Erleichterung des Handels und des Warenabsatzes zu beschleunigen. Anders gesagt, sind das alle Aufgaben, die es ermöglichen, von der Form Kapital-Ware zur Form Geld und von dieser zur Form produktives Kapital überzugehen: die Berufe der Werbung, des Marketings und des Verkaufs.

5. Und schließlich die Arbeit zur direkten Reproduktion der Arbeitskraft. Dieser Teil, der hauptsächlich von Frauen ausgeübt wird, umfasst alle Berufe, die dazu dienen, die Arbeitskraft auszubilden, zu versorgen und verfügbar zu machen (Kinderbetreuung). Dazu gehören Krankenschwestern, Lehrer bis zur Sekundarstufe9 usw. Während die anderen Funktionen vom Kapital delegiert werden, ist diese anders, weil ihre Mitglieder historisch von der Mehrwertproduktion ausgeschlossen waren.

Diese Funktionen sind weder erschöpfend noch voneinander abgegrenzt. Tibo in Shape ist ebenso ein Akteur der ideologischen Reproduktion der Gesellschaft, wenn er mit Gabriel Attal Vlogs dreht, wie er in seiner Rolle als moderner Werbeträger zur Beschleunigung der Kapitalumlaufzyklen beiträgt.

Diese Definition stößt jedoch schnell auf die Komplexität der Lebenserfahrung der Arbeiterinnen und Arbeiter. Für dieselbe Aufgabe kann dieselbe Person – je nachdem, ob sie Teil eines produktiven Verhältnisses ist oder nicht – Proletarier sein oder auch nicht. Zum Beispiel ist der Arbeiter, der in einer nationalen Granatenfabrik arbeitet, ein Proletarier, wenn die Waffe an ein Drittland verkauft wird, oder kein Proletarier, wenn sie direkt vom betreffenden Staat verwendet wird. Eine weitere Schwierigkeit: Eine Person kann an einem Tag Proletarier sein und am nächsten Tag nicht mehr, je nachdem, ob sie als Zeitarbeiter arbeitet oder ob sich der Bestimmungsort der von ihr hergestellten Ware ändert. Das größte Problem ist schließlich, dass in dieser Definition ein großer Teil der Menschen ohne Reserven aus dem Proletariat ausgeschlossen wird, seien es Arbeitslose, prekär Beschäftigte, Arbeiter, deren Arbeit vom Verkehr abhängt, usw. Temps Libre versucht, dieses Problem zu lösen, indem es aufzeigt, dass Frauen historisch gesehen insgesamt von produktiven Berufen ausgeschlossen und mit reproduktiven Aufgaben betraut wurden. Tatsächlich haben marxistische Feministinnen10 gezeigt, wie Frauen beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus durch eine Reihe von Maßnahmen aus den Fabriken und ganz allgemein aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden. Dieser Ausschluss führte dazu, dass sie in den privaten Bereich abgeschoben wurden, wo sie mit der gesamten Reproduktionsarbeit betraut wurden, also mit allem, was es den Arbeitern ermöglichte, am nächsten Tag fit in der Fabrik zu erscheinen, um wieder zu arbeiten, und durch eine neue Generation von Arbeitern ersetzt zu werden, wenn ihr Körper am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt war. Wenn Temps Libre zu Recht anerkennt, dass feministische Kämpfe besonders subversiv sind, weil sie – durch die Destabilisierung der Geschlechterrollen – einen wesentlichen Punkt der Produktionsweise (die Reproduktion der Arbeitskraft) angreifen, warum sollte man sie dann vom Proletariat trennen? Inwiefern wäre das Kapital durch einen Angriff auf die Produktion stärker bedroht als durch einen Angriff auf die Reproduktion der Bedingungen, die diese Produktion ermöglichen?

Denn genau hier liegt der Kern des Problems: Das Proletariat ist die einzige Klasse, die in der Lage ist, den Kapitalismus zu stürzen. Eine so restriktive Definition schließt viele Gruppen aus, die jedoch nicht weniger geneigt scheinen, den Kapitalismus abzuschaffen. Allgemeiner gesagt ist es schwer zu erkennen, welchen Nutzen diese strenge und individuelle Unterteilung für die Analyse von Bewegungen hat: Bei einem Aufstand ändert die Tatsache, dass einer der beiden Arbeiter, die ihre Autofabrik anzünden, für die Reinigung zuständig war, während der andere in der Motorenfertigung arbeitete, nichts an ihrem Verhältnis zum Kapital oder ihrer Aktivität im revolutionären Prozess.

Was macht das Proletariat zu einer revolutionären Klasse?

Wenn es so wichtig ist, die sozialen Klassen genau zu definieren, dann nicht, um sich so nah wie möglich an das alte marxistische revolutionäre Subjekt anzulehnen, das im Pantheon der revolutionären Mythologie thront. Es geht nicht darum zu behaupten, dass alles, was proletarisch ist, gut ist, zwangsläufig im Sinne der Geschichte liegt und den bevorstehenden großen Umbruch ankündigt, und dass umgekehrt alles, was nicht den phantasmagorischen Vorstellungen entspricht, die man sich von der russischen Revolution macht (die übrigens ohne die Mitwirkung des sogenannten Proletariats stattfand, aber das ist ein anderes Thema) weggeworfen werden muss. Für uns ist jede Klassentheorie, gerade weil sie dynamisch ist und sich nicht mit einer soziologischen Typologie zufrieden gibt11, eine Theorie der Revolution. Sie muss den Zusammenhang zwischen dem täglichen Verlauf des Klassenkampfs (vor allem der Ausbeutung) und der Explosion des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit erklären: Die Revolution entsteht durch die spezifische Aktivität der kämpfenden Klassen und nicht durch Gesellschaftsprojekte, die man sich hier und jetzt ausgedacht hat und für die man um uns herum Propaganda machen müsste.

Wir kommen wieder auf die gleiche Frage wie bei der Mittelklasse zurück: Wie definiert man das Proletariat? Die Frage ist schwieriger, als es scheint. In Marx‘ Gesamtwerk findet man keine genaue und systematische Definition, einfach weil das damals nicht nötig war. Wir haben das schon oft gesagt: Früher wurde das Proletariat mit der Arbeiterklasse gleichgesetzt. Man hatte ein schönes, gebrauchsfertiges revolutionäres Subjekt, das räumlich in der Fabrik zusammengefasst war (was für die Organisation sehr praktisch ist), sich seiner Interessen bewusst war und über klare politische Organe (Partei, Gewerkschaften/Syndikate, Arbeiterräte usw.) agierte. Einfach gesagt, das Proletariat waren diejenigen (vor allem Männer), die gegen ihren Chef rebellierten.

Heute ist nicht mehr alles so klar. Wie gesagt, die Identität der Arbeiterinnen und Arbeiter ist zerfetzt, man kann das Proletariat, das in blauer Arbeitskleidung an einem Fließband steht, nicht mehr so einfach wie früher bewundern. Aber es ist trotzdem nicht verschwunden, es gibt immer noch Ausbeutung im Sinne von Mehrwertabschöpfung, Arbeitsteilung usw. Wir müssen also ein anderes Kriterium finden, um zu verstehen, wie die Klassengesellschaft heute aussieht. Einige haben sich für das Kriterium „ohne Vorbehalt” entschieden: Proletarier ist, wer nichts anderes als seine Arbeitskraft besitzt, um zu leben (und daher gezwungen ist, sich der Lohnarbeit zu unterwerfen). Diese oft sehr oberflächliche Definition wird schnell zu einem Quasi-Synonym für „Arme”, die durch Ungerechtigkeit und Elend zur Revolte getrieben würden. Außerdem wird sie der Vielfalt des Proletariats nicht gerecht, indem sie das Thema „Interesse an einer Revolution” auf eine Frage des Einkommens reduziert, als ob der Chef eines verschuldeten Start-ups die Reihen der „Resourcenlosen” verstärken könnte, im Gegensatz zum Raffineriearbeiter oder Hafenarbeiter, die ein gutes Gehalt bekommen. Auch die Mittelklasse kann arm sein, und genau das ermöglicht es ihr, sich dem „Volk” anzuschließen!

Was also tun mit diesem schwerfälligen Konzept, auf das wir dennoch nicht verzichten können? Für uns ist das Proletariat eine Abstraktion, keine Gruppe, die man soziologisch anhand ihres finanziellen Lebensstandards, ihrer kulturellen Praktiken usw. abgrenzen könnte. Das ist die Aufgabe der Soziologen und das, was sie als „Volksklassen/populäre Klassen” (classes populaires) bezeichnen. Wir beschränken uns auf zwei Thesen, um diesem Interpretationsschema ein Ende zu setzen.

  1. Das Proletariat ist in erster Linie ein Verhältnis zum Kapital und erst in zweiter Linie eine Summe von Individuen. Genauso ergibt es keinen Sinn, die Tätigkeit jedes einzelnen Arbeiters im Detail zu betrachten, um seinen Produktivitätsgrad zu einem bestimmten Zeitpunkt zu messen und zu unterscheiden, was produktiv ist und was nicht. Daraus folgt:
  2. Das Proletariat ist ein kollektiver Arbeiter (es schließt also auch Arbeitslose ein), eine soziale Arbeitskraft, die nur aus der Perspektive des Ganzen verstanden werden kann12. Es ist also nicht möglich oder vielmehr völlig sinnlos, die Proletarier anhand ihrer beruflichen Situation einzeln zu klassifizieren. Und das macht die Sache ziemlich kompliziert.

Was macht diese Abstraktion eigentlich aus? Es ist das Konzept des Widerspruchs, das uns den Schlüssel gibt, um das Proletariat über seine besonderen historischen Erscheinungsformen hinaus verständlich zu machen (sei es das bewaffnete Pariser Volk auf den Barrikaden von 1848, den Arbeiterräten in Deutschland und Italien nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zu den zeitgenössischen Kämpfen, die wir erleben und an denen wir teilnehmen, egal in welcher Form). Was verstehen wir unter „Widerspruch”, der sich so deutlich vom vagen Begriff des Antagonismus, der Opposition (die Armen gegen die Reichen, die Herrschenden gegen die Beherrschten usw.) unterscheidet? Hier müssen wir einen kleinen theoretischen Exkurs machen. Für uns ist ein Widerspruch durch eine doppelte Bewegung von gegenseitigem Ausschluss und gegenseitiger Implikation gekennzeichnet. Um es weniger kompliziert auszudrücken: Ein Widerspruch ist ein konzeptioneller Konflikt, dem man nicht ausweichen kann, bei dem jeder Pol nur durch seine Beziehung zum anderen existiert und diese Spannung durch ihre innere Dynamik ihre eigene Überwindung hervorbringt. Wir wissen genau, dass die innere und grundlegende Dynamik des Kapitalismus in der Produktion von Mehrwert besteht, d. h. im Verkauf einer Ware zu einem Tauschwert, der über ihrem Wert liegt (der für ihre Produktion erforderlichen sozialen Arbeitszeit). Dank der Differenz zwischen dem vom Arbeitenden produzierten Wert und der Vergütung seiner Arbeitskraft (der Mehrarbeit) kann dieser Mehrwert geschaffen werden. Würde alles zu seinem genauen Wert verkauft, gäbe es keinen Mehrwert, keinen Profit und keinen Kapitalismus. Ganz vereinfacht gesagt kann der Kapitalist seinen Mehrwert (der für sein Überleben in der Konkurrenz absolut notwendig ist) auf zwei Arten maximieren: Die erste – und naheliegendste – besteht darin, die Proletarier länger arbeiten zu lassen. Leider hat der Körper der Proletarier physische Grenzen, und der Tag hat nur 24 Stunden. Also muss man irgendwann auf die zweite Möglichkeit zurückgreifen: die Produktivität steigern und die Lohnkosten senken13. Die Lösung besteht also darin, die Arbeiternnen und Arbeiter durch Maschinen zu ersetzen, obwohl nur lebendige Arbeit Mehrwert schafft. Deshalb ist das Proletariat, wie es die „Théorie Communiste” formuliert, „immer notwendig und immer überflüssig”14: Es ist Teil des grundlegenden Widerspruchs der kapitalistischen Produktionsweise. Es gibt nicht nur einen antagonistischen Gegensatz, nämlich zwischen Kapitalisten und Arbeiterinnen/Arbeiter – in dem Sinne, dass sie um die Verteilung des produzierten Werts kämpfen –, sondern auch einen Widerspruch, da diese Dynamik, in der das Kapital das verdrängt, durch das es sich reproduziert, strukturell unlösbar und in sich selbst paradox ist und daher nicht aufgelöst werden kann.

Ein letzter Punkt: Wenn das Proletariat tatsächlich die Klasse ist, die die Revolution macht, dann nur, weil es die Klasse ist, die im Zentrum dieses Widerspruchs steht, d. h. aufgrund der widersprüchlichen Position, die es innerhalb der Produktionsverhältnisse einnimmt. Tatsächlich war in der Geschichte der Produktionsweisen noch nie eine Klasse gleichzeitig so sehr von der Gesellschaft ausgeschlossen und gleichzeitig deren Motor. Es gab schon immer Randgruppen, deren einzige Existenzmöglichkeit die Abschaffung aller bestehenden Verhältnisse erforderte (zum Beispiel Bettlerinnen und Bettler im Feudalismus), aber nie zuvor waren diese Verdammten dieser Erde die treibende Kraft der Ökonomie. Deshalb gibt es keine proletarische Natur, die automatisch zu Demokratie oder Gleichheit zwischen den Menschen – und noch weniger zwischen Männern und Frauen – tendiert, das Proletariat hat keine historische Mission: Es ist nur eine Klasse der kapitalistischen Produktionsweise, und gerade weil es diese Klasse ist (eine widersprüchliche, instabile Klasse), kann es zur Revolution kommen oder auch nicht. Das ist die Falle der Kritik am Interklassismus: zu denken, dass es ausreichen würde, die Revolution des Proletariats15 auf proletarischer Basis aufzubauen, dass es sich gegen die hinterhältigen Manöver der Mittelklass behaupten könnte, damit endlich die Revolution gemacht wird. Wir denken dagegen, dass man das Proletariat nicht aufgeben darf, sondern dass es dazu gebracht wird, sich selbst abzuschaffen und wichtige Schichten der Mittelklasse mitzureißen, sobald der revolutionäre Prozess in Gang gesetzt ist. Die Revolution wird vom Proletariat gemacht, ist aber nicht proletarisch in dem Sinne, dass es sie nicht als Proletariat macht. In einem Elan, der es selbst übersteigt, löst sich das Proletariat zusammen mit allen anderen Klassen in diesem großen Strudel auf, der durch das Aufbrechen der Widersprüche entsteht.

Fazit: Welche Perspektive(n) hat der Interklassismus?

Der Interklassismus ist nicht das Ergebnis eines perfiden Manövers von Funktionären und Mitgliedern. Er ist das Ergebnis einer besonderen historischen Entwicklung, in der die Veränderungen des Kapitalismus die Segmentierung des Proletariats und das (zumindest scheinbare, d. h. politische) Verschwinden der Klassengrenzen verstärkt haben. Im Rahmen des Prozesses der Neugestaltung des Staates und der herrschenden Klasse, der auf die Umstrukturierung der kapitalistischen Produktionsweise folgt, verändert der Klassenkampf seine Form. Seine Ziele können nicht mehr die Fabriken sein, die ans andere Ende der Welt verlagert wurden, also nimmt man die Symbole des Warenverkehrs und -vertriebs ins Visier: alles, was den Staat in all seinen Formen repräsentiert, und manchmal auch die Verkehrsströme, von der Mautstelle bis zur Ringautobahn. Eine Masse aus jungen Arbeitslosen, Menschen in prekären Verhältnissen oder in der informellen Ökonomie trifft wohl oder übel auf Lohnabhängige, Beamte und Selbstständige, manchmal sogar auf Arbeiterinnen/Arbeiter, die keine Arbeit mehr haben. Dieser Interklassismus ist nicht nur eine Strategie, um das Fehlen starker Arbeiterorganisationen auszugleichen, sondern spiegelt auch die Erfahrungen des Proletariats wider: Es ist leicht, von einer stabilen Karriere in einen Job in der informellen Ökonomie zu wechseln oder sogar arbeitslos zu werden. Außerdem übernimmt der Staat immer mehr die Verantwortung für die Aufrechterhaltung einer kollektiven Arbeitskraft, damit diese von einem Start-up ausgebeutet werden kann, das drei Monate später pleite geht, oder von einer Zeitarbeitsfirma, die sich an den schwankenden Personalbedarf eines multinationalen Unternehmens anpasst. Die zersplitterte Organisation der Arbeit in vielen Branchen und die Zunahme prekärer Arbeitsplätze und Arbeitslosigkeit führen zu einer Schwächung der Gewerkschaften/Syndikate, sodass der Kampf außerhalb der Arbeitsplätze stattfindet, gegen denjenigen, der zum wichtigsten Gesprächspartner geworden ist: den Staat. Man fordert dann eine Anhebung des Mindestlohns, bessere öffentliche Dienstleistungen und warum nicht auch eine Erhöhung – oder zumindest keine Senkung – der Sozialleistungen. Interklassismus ist der Kontext unserer heutigen Zeit, des Kapitalismus nach der Umstrukturierung und der damit verbundenen Entwicklung der politischen und ökonomischen Akteure. Interklassismus ist zwar eine Grenze, aber keine, die wir mit der Kraft unserer Ideen überwinden können. Wir müssen mit den Kämpfen so umgehen, wie sie sind.

Nachdem das gesagt ist, haben wir immer noch keine echte Definition der Mittelklasse. Tatsächlich bleibt diese Definition relativ zu den anderen Klassen: Die Mittelklasse definiert sich negativ durch das, was weder das Proletariat noch das Kapital ist. Sie ergibt sich aus der Einkommenshierarchie als konjunkturelle Verkörperung der Dualität der grundlegenden Elemente im Lohnabhängigenverhältnis und im Kapitalismus im Allgemeinen: einfache und qualifizierte Arbeit, Produktion und Vertrieb usw. Die Legitimität der Mittelklasse – als Schnittstelle der Lohnarbeiterschaft mit ihren Auf- und Abstiegen und der ständigen und harten Arbeit der Positionierung und Hierarchie, die sie erfordert – ist ihre eigentliche Aufgabe, insbesondere innerhalb der politischen Vertretung. Die Mittelklasse verteidigt (manchmal mit allen Mitteln!) ihren Platz in der kapitalistischen Hierarchie und damit ganz allgemein die Reproduktion der Lohnarbeitgesellschaft: den fordistischen Kompromiss, den Wohlfahrtsstaat usw.

Aber das bringt uns auch nicht wirklich weiter. Es ist nämlich unmöglich, die Mittelklasse außerhalb der historischen Abläufe, in denen sie agiert, genau zu definieren. Trotzdem sind wir damit nicht ganz aufgeschmissen. Die von Temps Libre aufgelisteten Funktionen der Mittelklasse helfen uns, uns im tatsächlichen Verlauf des Klassenkampfs zurechtzufinden. Wir können also die wesentlichen Aufgaben auflisten, die die Mittelklasse täglich für das Kapital erfüllt, um ihr Verhalten in einem aufständischen Kontext zu vermuten, aber wir müssen immer in den konkreten Kämpfen schauen, welche Klassen oder Klassenfraktionen auf diese oder jene Weise handeln. Es reicht nicht aus, den Interklassismus in den Bewegungen aufzudecken, man muss auch sehen, wie er sich historisch entwickelt hat. Es geht hier nicht um Hegemonie oder ideologische Kämpfe, die von Vertretern der Mittelklasse geführt werden, sondern immer wieder um die historische Form, die das grundlegende und widersprüchliche Verhältnis zwischen Proletariat und Kapital annimmt. Aber Kämpfe lassen sich nicht nur durch ihren Interklassismus oder Nicht-Interklassismus definieren. Zu sagen, dass das Proletariat heute gespalten ist, heißt zu schauen, wie sich diese Spaltungen in den Kämpfen zeigen, auch wenn es alleine kämpft. Alle Faktoren wie Rasse, Geschlecht, Berufsbereich usw. machen es uns schwer, einfach darauf zu warten, dass es sich in seiner ganzen Reinheit zeigt.

Wir haben also nur wenige Schlüssel zum Verständnis der Realität zur Verfügung, anstatt politische Antworten, die der tatsächlichen Bewegung voraus sind. Es geht darum, ständig die Akteure im Kampf zu beobachten, den Verlauf jeder Bewegung und wie sich die Klassen in diesem Moment definieren, immer in Beziehung zueinander. Das heißt aber nicht, dass wir uns blindlings in jede Aufregung stürzen sollten, in der Hoffnung, den Lauf der Dinge beeinflussen zu können. Die Klassenanalyse ist wichtig, um die Interessen, die im Spiel sind, und damit auch die Grenzen des Kampfes zu verstehen. Man kommt nicht drum herum, zu beschreiben, wie die Klassenteilung tatsächlich aussieht, also die Gruppen nach ihrem Bereich einzuordnen: Produktion, Reproduktion (Lehrkräfte, Beamteinnen/Beamte, allgemeiner die spezifische Funktion des Staates), Verkehr, Management. Diese Kategorien sind wichtig, um die Kämpfe zu verstehen, aber im Rahmen eines klassenübergreifenden Kampfes reicht das nicht aus. Wir müssen uns von starren und mechanistischen Klassifizierungen fernhalten, die für eine Revolutionstheorie nicht interessant sind. Letztendlich ist in Kämpfen nichts festgeschrieben, denn „alle diese sozialen Schichten und Schichten, die auch die Mittelklasse beschreiben, werden sich in dem Widerspruch auflösen, der die eigentliche Dynamik des Kapitals ausmacht, weil es sich um einen Widerspruch zwischen Klassen handelt, in dem eine dieser Klassen ständig in Widerspruch zu ihrer eigenen Klassenexistenz gerät: das Proletariat16.

Dieser Artikel soll eine Einführung in die Frage der Klassen und insbesondere der lohnabhängigen Mittelklasse sein. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und wir wollten nicht in Details gehen, die unsere Lesenden verwirren könnten.

Wenn sie sich jedoch näher mit diesem Thema befassen möchten, empfehlen wir die folgenden Quellen:


1Wir kommen später darauf zurück.

2Man kann hier, in Anlehnung an Jason W. Moore, von „Grands Intrants” sprechen, die die Akkumulation von Kapital ermöglichen. Siehe Jason W. Moore, Le Capitalisme dans la toile de la vie : écologie et accumulation du capital, Editions de l’Asymétrie, 2020.

3Meistens, um den Vereinsmikrokosmos zu schützen, den die Lehrer, die gerade nach Saint-Ouen gezogen sind, mit eiserner Hand führen.

4Das gleiche Unverständnis für den Interklassismus findet sich auch in dem kürzlich erschienenen Text „La Débâcle – Éléments pour une analyse matérialiste du mouvement du 10 septembre”. Die Verfasende zeichnen ein noch vereinfachteres Bild der Mittelklasse, indem sie sie einfach mit den Ausführenden einer Führungsfunktion in Verbindung bringen. Sie würde die Revolten durch Befriedungspraktiken (Forderungen an den Staat und Vollversammlungen) und demokratistische Ideologie sabotieren.

Auch wenn ihre Beschreibung der Mittelklasse die gleichen Probleme hat wie die anderer Autoren, über die wir später sprechen werden, zeigen sich die Mängel ihrer Analysen auch in ihrer Sicht auf den Klassenkampf und das politische Handeln darin.

Die Autoren lehnen jede Beteiligung an traditionellen linken Bewegungen ab, die ihrer Meinung nach vom Staatsbürgertum unterwandert sind, im Gegensatz zu den Bewegungen der „dequalifizierten Proletarier”, die sie für völlig unverdächtig halten. Trotzdem fällt es ihnen schwer, den Demokratismus zu kritisieren, wenn er Teil des Diskurses der Gelbwesten ist. Sie ignorieren Forderungen, die schon vor der Übernahme der Bewegung durch die Linke bestanden, wie die des RIC, und sagen, dass der Unterschied zwischen dem Diskurs der Gelbwesten und dem von Nuit Debout im „Klasseninhalt” liegt, ohne das näher zu erklären. Es gäbe also „guten” und „schlechten” Demokratismus.

5Wir haben diesem Phänomen einen Artikel gewidmet, als es um die Bewegung gegen die Rentenreform von 2023 ging.

6Baudelot, Establet, Malemort, La petite-bourgeoisie en France, Ed. Maspéro, 1974.

7Astarian und Ferro, Le ménage à trois de la lutte des classes. Lohnabhängige, prolétariat und Kapital, Ed. de l’Asymétrie, 2019.

Eine spezielle Website listet alle Debatten auf, die nach der Veröffentlichung des Buches stattfanden.

8Temps Libre II – Contribution à la théorie des classes, Montreal, 2021

9Man kann sich fragen, ob Lehrerinnen und Lehrer der Sekundarstufe wirklich zu dieser Gruppe gehören, vor allem in Frankreich, wo diese – besonders an Gymnasien – viel mehr als Uni-Profs zur ideologischen Dominanz beitragen.

10Siehe Silvia Federici, Caliban et la Sorcière : Femmes, corps et Akkumulation primitive, Entremonde, 2017 und Gerda Lerner, „The Lady and the Mill Girl : Changes in the Status of Women in the Age of Jackson”, American Studies, Band 10, Nr. 1, Frühjahr 1969, S. 5-15.

11Betrachtet man die Klasse nur aus soziologischer Sicht, kommt es zu Streitigkeiten über kulturelle Inhalte, bei denen der Nachweis der Zugehörigkeit zum Proletariat zum Gegenstand aller Fantasien wird. Das Problem der Arbeiterinnen und Arbeiter, die Grillpartys mögen, wäre dann nicht ihr Platz in den Produktionsverhältnissen, ihr Widerspruch zum Kapital, sondern die Diskriminierung, der sie durch die Bobos des Cours Julien ausgesetzt sind.

12Dies spiegelt sich übrigens auch auf der Ebene des Ganzen wider, da der Staat und seine Sozialprogramme die Arbeitskraft kaufen, bevor sie von einem einzelnen Kapitalisten beschäftigt wird.

13Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die auf dem absoluten Mehrwert basierende Akkumulation in letzter Zeit in den zentralen Ländern des Kapitalismus wieder in den Vordergrund zu rücken scheint (Anhebung des Rentenalters, Arbeit von Jugendlichen usw.), aber es ist nicht angebracht, diese noch in den Anfängen steckende historische Tendenz hier zu behandeln.

14Das Kapital als das, was Mehrarbeit schafft, ist gleichzeitig das, was notwendige Arbeit schafft und nicht schafft; das Kapital ist nur insofern, als die Arbeit ist und gleichzeitig nicht ist.” Marx, Grundrisse, Editions Sociales, 2011, S. 361.

15Sei es übrigens das Arbeiterproletariat oder ein Ersatz wie die „dequalifizierten Arbeiterinnen/Arbeiter“, auf die sich der Text der Gefährten des Blogs Sans Trêve bezieht.

16AC, „Notes sur les classes moyennes et l’interclassisme“, Carbure, 2016

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