Sasha K., Dreizehn Notizen zum Klassenkampf zur Diskussion

Gefunden auf anarchist library, die Übersetzung ist von uns.

Ursprünglich veröffentlicht in „Green Anarchy“, Ausgabe Nr. 18 – Herbst/Winter 2004


Sasha K., Dreizehn Notizen zum Klassenkampf zur Diskussion

I. Klassen gibt es seit Beginn der Zivilisation. Die Zivilisation war schon immer eine Klassengesellschaft.

II. Klasse ist nicht nur eine ökonomische Kategorie, sondern eine soziale. Klassenverhältnisse strukturieren und disziplinieren die gesamte Gesellschaft, nicht nur die Ökonomie.

III. Soziale Klassenverhältnisse waren schon immer mit einer Reihe anderer Unterdrückungsformen verbunden, wie zum Beispiel patriarchalischen sozialen Verhältnissen und verschiedenen Formen von Rassismus.

IV. Klassen sind eine der primären Strukturen, die seit Beginn der Zivilisation alle Gesellschaften organisieren, auch wenn sich die Form der Klasse im Laufe der zivilisatorischen Entwicklung verändert hat. Diese Entwicklung der Klassengesellschaft und der sozialen Beziehungen war schon immer eng mit der technologischen Entwicklung verbunden (deshalb bezeichne ich die Gesellschaft als „soziotechnologisches Regime“). So wie sich die Klassengesellschaft entwickelt, entwickeln sich auch die soziale Spezialisierung und ihre Technologien. Eine tiefgreifende Gesellschaftskritik sollte immer eine Kritik der sozialen Klassenbeziehungen und ihrer Verbindungen zur vorherrschenden materiellen Kultur dieser Gesellschaft beinhalten, einschließlich der Technologien, die sie sowohl ermöglicht als auch durch sie ermöglicht werden.

V. Klassenkampf gibt es, seit es Klassen gibt.

VI. Klassenkampf existiert auch dann, wenn die Menschen nicht erkennen, dass sie daran beteiligt sind. Er ist im gesamten Alltag präsent. Eine Möglichkeit, wie Revolutionäre in den Klassenkampf eingreifen können, besteht daher darin, den Menschen zu helfen, zu erkennen, dass sie genau das tun. Es gibt viele Wege, dies zu tun, und wir müssen kreativ sein.

VII. Wenn die revolutionäre, enteignete Klasse darum kämpft, die Existenz aller Klassen zu beenden, versuchen linke Anführer/Verwalter der Revolte oft, den Klassenkampf zu rekuperieren – ihn für kapitalistische Zwecke zu vereinnahmen –, um sich selbst die Macht über andere zu sichern und in eine Position zu bringen, in der sie materiell profitieren können. Für echte Revolutionäre – diejenigen, die wirklich versuchen, die Herrschaft des Staates, des Kapitalismus und aller Warenbeziehungen über das Leben zu beenden, sowie die Disziplin der Arbeit, das Patriarchat und das soziotechnologische Regime – ist die Selbstzerstörung des Proletariats/der Enteigneten als Klasse das Ziel, nicht dass eine Klasse (die Enteigneten/das Proletariat) die Position einer anderen Klasse (der Kapitalisten oder der herrschenden Klasse) einnimmt. Beim Klassenkampf geht es nicht darum, zu behaupten, Arbeiterinnen und Arbeiter seien bessere Menschen als Kapitalisten, jede Klasse moralisch zu beurteilen oder eine Klasse gegenüber einer anderen zu bevorzugen, sondern darum, die soziale Institution der Klassen als Ganzes zu zerstören. Der Klassenkampf entspringt dem Widerspruch zwischen unseren Sehnsüchten und der Art und Weise, wie Klassenstrukturen unser Leben einschränken, kontrollieren, ausschließen und ausbeuten. Unser Kampf beginnt mit unserem Wunsch, anders zu leben und der disziplinierenden Kontrolle der Klassengesellschaft zu entkommen. Doch die Rekuperation des Klassenkampfs wird in verschiedenen Formen weitergehen, solange Klassenverhältnisse bestehen. Das sollte uns jedoch nicht dazu bringen, den Klassenkampf aufzugeben, sondern uns dazu veranlassen, in unserer Analyse sorgfältiger und im Kampf um unser Leben kreativer zu sein.

VIII. Der Klassenkampf ist ebenso wie der Kapitalismus immer global, wird aber oft durch nationalistische Formen rekuperiert. Wir müssen herausfinden, wo der revolutionäre Inhalt des Klassenkampfs darauf drängt, mit der nationalistischen Form zu brechen, und unsere Kraft hinter eine solche Bewegung stellen. Es geht also nicht einfach darum, nationale Befreiungsbewegungen zu ignorieren – und schon gar nicht, sie zu feiern –, sondern um kritische und revolutionäre Solidarität mit der Kraft des Klassenkampfs, die auf die vollständige Zerstörung der Klassenverhältnisse drängt.

IX. Die Wurzel des Klassenkampfs liegt nicht in der Ökonomie. Auch die Produktion ist nicht nur ökonomischer Natur: Sie findet nicht nur in Fabriken statt, sondern erstreckt sich als Prozess der sozialen Produktion und Reproduktion über die gesamte Gesellschaft und umfasst die Kontrolle und Disziplinierung der Arbeiterinnen und Arbeiter sowie aller anderen Mitglieder der Gesellschaft. Es ist diese gesamte soziale Fabrik – die soziale Rollen, Beziehungen und Subjektivitäten hervorbringt, unsere Körper und unseren Geist diszipliniert und das Leben selbst verändert und kontrolliert –, die wir zerstören wollen. Die selbsternannten linken Anführer/Verwalter des Klassenkampfs versuchen meist, den Klassenkampf in einen ökonomischen Kampf zu verwandeln – einen Kampf um mehr ökonomische Macht, um ein größeres Stück vom Kuchen, um eine leichte Umgestaltung der Ökonomie. Das ist die Grundlage für die Entstehung linker Bürokratien, Parteien und Gewerkschaften/Syndikate – das ist ihr Lebenselixier. Da Klassen jedoch weniger ökonomisch als vielmehr sozialer Natur sind, muss sich der Klassenkampf, um wirklich radikal zu sein und auf die Abschaffung der Klassen als solche hinzuarbeiten, von ökonomischen Zielen und von den linken Anführern/Verwaltern, die diese vorantreiben, lösen. Die Synthese aller Kämpfe unter einer Organisation macht den Kampf besonders anfällig für die Kontrolle durch linke Anführer/Verwalter. Damit der Klassenkampf also seine radikale Kraft bewahrt, muss er autonom, selbstverwaltet und selbstorganisiert bleiben, er muss unkontrolliert und unkontrollierbar werden, und er muss sich gesellschaftlich ausbreiten und vertiefen. Das Ziel der Revolution der Enteigneten ist niemals ökonomisch – es ist anti-ökonomisch, es drängt darauf, aus der Ökonomie auszubrechen und sie zu zerstören, ebenso wie den gesamten Warenaustausch und die Vermittlung von Beziehungen durch alle Formen von Geld, Ideologie und Moral.

X. Arbeit ist ein diszipliniertes Verhalten innerhalb der Ökonomie. Als Tätigkeit ist sie von anderen Aspekten des Lebens getrennt und in den Bereich der Ökonomie verlagert. Im Zuge der Entwicklung und des Wandels der Klassengesellschaft wurde die Arbeit immer weiter von unserem Leben und unseren Wünschen entfremdet. Sie wird zu einer Tätigkeit, die uns diszipliniert und unterdrückt, zu einer Tätigkeit, die wir nicht kontrollieren können, die stattdessen uns kontrolliert. Der revolutionäre Klassenkampf der Enteigneten kämpft dafür, alle Trennungen zu durchbrechen, die uns die Klassengesellschaft auferlegt: die Trennung zwischen uns selbst und unserer Tätigkeit, zwischen Arbeit und Freizeit und zwischen uns selbst und denen, mit denen wir interagieren.

XI. Innerhalb des sich wandelnden kapitalistischen Systems haben verschiedene Regime der Akkumulation organisiert, wie die Kapitalistenklasse Kapital durch die Ausbeutung der Arbeit und Energie der Ausgebeuteten, Ausgeschlossenen und Enteigneten akkumuliert. Akkumulationsregime sind verschiedene Formen kapitalistischer Arbeitsdisziplin und -organisation. In den USA und weiten Teilen Europas funktionierte der Großteil des 20. Jahrhunderts unter dem fordistischen Akkumulationsregime (benannt nach Fords Produktionsmodell, dessen Ideologie der Keynesianismus war). Ab den 1970er Jahren wurde dieses Regime durch das Regime der flexiblen Akkumulation abgelöst (Zeitarbeit, keine Gewerkschaften/Syndikate, flexible Arbeitszeiten, keine garantierte Beschäftigung oder Rente, Outsourcing, das Ende der Sozialhilfe, keine Kontrollen des grenzüberschreitenden Kapitalverkehrs, die zunehmende Bedeutung des globalen Handels sowie von Kommunikations-, Überwachungs- und Kontrolltechnologien usw.; seine vorherrschende Ideologie ist der Neoliberalismus und es wird oft als „Globalisierung“ bezeichnet). Viele andere Länder werden dazu gedrängt, die aus dem Fordismus ausgemusterten Arbeitsplätze zu übernehmen, ohne die fordistischen Garantien für die Arbeiterinnen und Arbeiter (das gilt zum Beispiel für einen Großteil der Dritten Welt). Doch der Niedergang des Fordismus in einigen Ländern bedeutet nicht das Ende des Klassenkampfs, sondern lediglich dessen fortgesetzte globale Transformation. Das heißt, wir müssen solche Transformationen und unsere Reaktionen darauf analysieren, anstatt den Klassenkampf einfach aufzugeben, wie es manche im antizivilisatorischen Milieu anzudeuten scheinen. Das Regime der flexiblen Akkumulation ging einher mit einer zunehmenden Finanzialisierung und Privatisierung aller Formen des sozialen Lebens und der zunehmenden Kommodifizierung des Lebens selbst sowie einer neuen Ausbeutung der Dritten Welt. Dies hat den Charakter des heutigen Klassenkampfs geprägt. Diese Transformation des Kapitalismus und der Klassenverhältnisse sollte neue Ansatzpunkte für Interventionen (sozial, materiell, technologisch usw.) und neue Widersprüche der Klassengesellschaft aufzeigen, die es auszunutzen gilt.

XII. Als Anarchistinnen und Anarchisten oder Revolutionäre ist es nicht unsere Aufgabe, den Klassenkampf zu erfinden, zu produzieren oder zu verwalten. Der Klassenkampf wird weitergehen, ob wir ihn anerkennen oder nicht. Wir können in den Klassenkampf intervenieren, aber wir können ihn nicht vollständig gestalten. Die Frage ist daher nicht, ob wir den Klassenkampf anerkennen sollen oder nicht, sondern immer: Wie intervenieren wir in den Klassenkampf, der weitergehen wird, ob wir intervenieren oder nicht?

XIII. Da die Zivilisation trotz all ihrer Transformationen immer eine Klassengesellschaft war, wird die Zerstörung der Klassen als solche durch den revolutionären Klassenkampf der Enteigneten immer ein zentrales Ziel des antizivilisatorischen Anarchismus sein. Dies ist ein Aspekt, der revolutionäre Aktivität von den langweiligen linken Anführeren/Verwaltern der Revolten unterscheidet, die oft in revolutionären Bewegungen herumhängen, in der Hoffnung, die Kraft des Klassenkampfes zu ihren eigenen Zwecken zu disziplinieren und zu kanalisieren, und dabei den Kapitalismus und all seine Spaltungen und Entfremdungen zu retten.

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