Herman Gorter und Franz Pfempfert gegen „Lenins Kinderkrankheit“

Auf libcom gefunden, und vom Original abgeschrieben. Dieser Text erschien im Sommer 1920 in der Publikation ‚Die Aktion‘, wurde von Franz Pfempfert verfasst und es handelt sich um eine schon frühere Kritik an Lenin. Wir haben, weil sie im Text erwähnt werden, quasi als Ergänzung auch die Kritik an Lenin von Herman Gorter ‚Offener Brief an den Genossen Lenin‘ auch aus dem Jahr 1920, sowie die ‚Leitsätze über die Bedingungen der Aufnahme in die Kommunistische Internationale‘ veröffentlicht, die für jeden Strammen leninistischen Anwärter das Herz zum rasen bringt, während der Rest von uns an dystopische Gedanken kommt, oder anders formuliert, ein Beispiel an Kretinismus welches sich als Internationale präsentiert, die Pfempfert schon damals sehr früh zu kritisieren wusste.

Bei den ersten beiden Texten handelt es sich wie gesagt um frühere Kritiken an Lenin und sie müssen auch als solche gelesen werden, so brillant und zutreffend sie waren, handelt es sich aus der Kritik heraus betrachtet um unvollständige Texte, was den Umständen und der Zeit zuzurechnen ist. Außerhalb Russlands war vielen, trotz der Berichte/Kritiken/Warnungen die es seid der ersten Stunde gab, die Geschehnisse nicht genaustens bekannt. Erst ab den 1920 wurden die Stimmen die die Bolschewiki kritisierten immer lauter, aber da war es teilweise schon zu spät, weil jegliche revolutionäre Opposition gegen die Bolschewiki schon liquidiert war. Erst einige Jahre später würden einige revolutionäre Strömungen komplett mit der UdSSR und ihrer Staatsideologie den Leninismus/Bolschewismus brechen und diese offen angreifen. Die Texte von Pfempfert und Gorter gelten als Vorläufer dieser Kritik.


Lenins Kinderkrankheit . . . und die Dritte Internationale – Franz Pfempfert

Einleitung

Als Lenin im April 1920 seinem Werk „Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ den letzten Schliff gab, wusste er noch nichts von der Gründung der KAPD, die ihn in seiner Entschlossenheit bestärken würde, eine politische Strömung zu zerschlagen, die ihm als Verleugnung der Realität erschien. Um den Kontakt zu den Massen nicht zu verlieren, muss man dorthin gehen, wo sie sich aufhalten. Das ist der Kernpunkt, um den sich alle Argumente in Lenins Buch drehen, was das Buch zu einer Theorie der Manipulation macht: Wir werden die Uneinigkeit in den Reihen des Feindes ausnutzen, wir werden die Anführer der Arbeiterpartei vor den Augen ihrer Mitglieder entlarven, indem wir Vorschläge machen, die sie nicht erfüllen können, wir werden den Raum, den uns die bourgeoise Demokratie bietet, gegen diese Demokratie nutzen. . . .

Die KAPD versuchte durch die Feder Gorters, der im Juli seinen Offener Brief an den Genossen Lenin1 veröffentlichte, noch immer, einen Dialog zu eröffnen. Gorter betonte, dass im Gegensatz zur Situation in Russland in den Ländern der alten Bourgeoisie mit tief verwurzelten demokratischen Traditionen keine Methode die Parlamente in Waffen verwandeln könne und man keine Sozialdemokratie und eine Handvoll Gewerkschaften/Syndikate entlarven müsse, die keine „Verrätereien“ begingen, sondern eine bestimmte Funktion erfüllten.

Der „Offene Brief“ war ein Versuch, den Bolschewiki zu zeigen, dass sie sich irrten, wenn sie versuchten, die Kommunisten überall dazu zu bringen, ihnen nachzueifern. Gorter argumentierte, als hätte die KAPD ein klareres Bewusstsein für die wahren Interessen der Internationale und des russischen Staates als Lenin, Trotzki oder Sinowjew. Bis Mitte und sogar bis Ende 1920 sahen sich die deutschen Linkskommunisten nicht als echte Opposition zu den Bolschewiki; im Gegenteil, es war die Führung der Spartakisten, die ihnen gegenüber den Prinzipien, die sie mit den Bolschewiki gemeinsam zu haben glaubten, untreu schien. Pfemfert argumentiert von einer deutlich anderen Position aus, da er wie Rühle2 jede positive Rolle einer Partei ablehnt. Allerdings argumentiert er, genau wie Gorter, aber noch deutlicher, als ob sich eine revolutionäre Situation gerade entwickeln würde und als ob alles, was man bräuchte, ein passender Slogan wäre, den eine entschlossene Minderheit am richtigen Ort, nämlich in der Fabrik, „der Keimzelle der neuen Gesellschaft”, ausrufen müsste.

Die politische Stabilisierung, die sich nach 1920 immer deutlicher abzeichnete, nahm der von Gorter und Pfempfert befürworteten „Eigeninitiative” ihren praktischen Spielraum. Um nur ein Beispiel zu nennen: Entgegen den Hoffnungen der Befürworter eines Wahlboykotts spielte die Wahlenthaltung kaum eine Rolle. In dieser verwirrenden und turbulenten Zeit waren die Massen weit davon entfernt, ihre Ablehnung gegenüber der Wahlurne zu zeigen, vor allem bei den Wahlen zur Verfassungsvollversammlung, die über das politische System nach dem Kaiserreich entscheiden sollte (26. Januar 1919). Sie gingen in Scharen zur Wahl: zweieinhalb Mal mehr Wähler als 1912, von denen zwei Drittel zum ersten Mal an der Wahl teilnahmen.

Gorters „Offener Brief an den Genossen Lenin“ blieb ohne öffentliche Widerlegung. Es sollte zehn Jahre dauern, bis die erste französische Ausgabe erschien, herausgegeben von den Gruppen Kommunistischer Arbeiter (zu deren Mitgliedern André Prudhommeaux3 gehörte), und weitere neununddreißig Jahre, bis die zweite französische Ausgabe veröffentlicht wurde.

(Die Aktion, August 7, 1920 ) DIE „KINDERKRANKHEIT“ UND DIE DRITTE INTERNATIONALE

I

Die Dritte Internationale soll sein: die Vereinigung des revolutionären Proletariats aller Länder, das gegen die Diktatur des Kapitalismus kämpft, gegen den bürgerlichen Staat, für die Herrschaft der arbeitenden Menschheit, für den Kommunismus. Dass sie in einem Lande geboren worden ist, in dem die Arbeiter sich diese Herrschaft bereits erkämpft haben, das hat der Dritten Internationale geholfen, sich die Sympathien des Weltproletariats zu erringen. Die Begeisterung für den neuen Weltbund der Ausgebeuteten ist identisch mit der Begeisterung für Sowjetrussland, für den unvergleichlichen Heldenkampf des russischen Proletariats. Das junge Gebilde Dritte Internationale allein hat noch nicht Zeit und Gelegenheit gehabt, sich als Organisation moralische Wirkungen zu verschaffen.

Die Dritte Internationale kann und wird eine moralische Kraft sein, wenn sie den Willensausdruck des revolutionären Weltproletariats darstellen wird, sie wird unzerstörbar und unersetzbar sein als Internationale der kämpfenden proletarischen Klasse. Die Dritte Internationale aber wäre unmöglich und hohle Phrase, wollte sie das Propagandainstrument einer einzelnen Partei sein oder einzelner Parteien.

Ist die Dritte Internationale der Bund des revolutionären Weltproletariats, dann wird sich dieses Proletariat eins fühlen mit ihr, ganz gleich, ob es schon formell angeschlossen ist oder nicht. Tritt die Dritte Internationale jedoch auf mit der Vollmacht der Zentralgewalt eines Landes, dann tragt sie den Todeskeim in sich und wird die Weltrevolution hemmen.

Die Revolution ist die Angelegenheit des Proletariats als Klasse; die soziale Revolution ist keine Parteisache!

Ich muss noch deutlicher werden:

Sowjetrussland geht zugrunde ohne die aktive Hilfe aller revolutionären Kampfer. Alle wirklich klassenbewussten Arbeiter (hierzu gehören z. B. unbedingt auch die Syndikalisten!) sind bereit, aktiv zu helfen. Die Dritte Internationale würde verbrecherisch, gegenrevolutionär wirken, wollte sie — im Interesse einer Partei! — etwas tun, was geeignet wäre, das heilige Feuer brüderlicher Solidarität, das für Sowjetrussland (noch immer nicht: für die Dritte Internationale als Organisation an sich!!) in den Herzen aller Proletarier glüht, zu löschen!

Ist das denn so schwer zu begreifen? Ist es eine Dummheit, Genosse Lenin, wenn ich Ihnen zurufe: nicht wir brauchen im Augenblick die Internationale, sondern die Dritte Internationale braucht uns?

II

Lenin ist heute der Meinung, es sei eine Dummheit. In der Schrift: „Der ,Radikalismus‘ — die Kinderkrankheit des Kommunismus“, die er soeben dem revolutionären Proletariat entgegenschleuderte, geht Lenin von der Ansicht aus, die Dritte Internationale habe sich an das Parteistatut der Kommunistischen Partei Russland (Bolschewiki) zu halten und das revolutionäre Proletariat aller Länder habe untertan zu sein der Obrigkeit „Dritte Internationale“ und somit der Taktik der Bolschewiki. Die Bolschewiki hatten darüber zu entscheiden, welche Waffen das kämpfende Proletariat der übrigen Welt zu benutzen habe. Und nur die unbedingt gehorchenden Proletarier seien auserwählt, dem Weltbund anzugehören. In den Leitsätzen zum II. Kongress der Dritten Internationale hat Lenin das noch eindeutiger formuliert: er hat nicht bloß Richtlinien allgemeiner Art gegeben, sondern alle Einzelheiten der Taktik, der Organisation und sogar — den Namen vorgeschrieben, den die Parteien in allen Ländern fuhren müssten. Und als Gipfel:

„ Alle Beschlüsse der Kongresse der Kommunistischen Internationale, wie auch die Beschlüsse ihres Exekutivkomitees sind für alle, der Kommunistischen Internationale angehörigen Parteien bindend.“4

Ist das auch Methode, so ist es dennoch Wahnsinn!

In einem so kleinen Lande wie Deutschland haben wir es wiederholt, zuletzt im März 1920, erlebt, dass eine Taktik, die z. B. für das Ruhrgebiet Siege brachte, in anderen Gebieten unmöglich war; dass der Generalstreik der Industriearbeiter in Mitteldeutschland für das Vogtland, wo seit November 1918 das Proletariat feiern muss, ein Witz blieb. Und Moskau soll uns und allen anderen Ländern Generalstab sein?

Was uns zur Dritten Internationale führt, ist das gemeinsame Ziel der Weltrevolution: die Diktatur des Proletariats, der Kommunismus. Die Dritte Internationale soll den kämpfenden Proletariern aller Länder dadurch zur Seite stehen, dass sie ihnen die verschiedenen Situationen und Arten des revolutionären Bürgerkriegs zeigt. Die Kampfer müssten Esel sein und nicht Kämpfer, wollten sie es unterlassen, die Waffen zu untersuchen, mit denen die Brüder da und dort kämpfen. Aber die Kämpfer waren Schafe, wollten sie sich auf Wege drängen lassen, die sie längst als für sie unbenutzbar erkannt und deshalb verlassen haben.

Lenins Angriff auf uns ist in der Tendenz und in den Einzelheiten einfach ungeheuerlich. Oberflächlich ist die Schrift Unsachlich. Ungerecht. Massiv nur in den Ausdrücken. Von der Schärfe des Denkers Lenin, die sich sonst besonders in Polemiken zeigt, keine Spur.

Was will Lenin? Der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands und dem revolutionären Proletariat aller anderen Länder sagen, dass sie Dummköpfe, Idioten und Schlimmeres seien, da sie sich nicht willig den Bonzenweisheiten beugen, da sie sich nicht stramm zentralistisch von Moskau herab (über Radek und Levi) gängeln lassen. Wenn Deutschlands revolutionäre Avantgarde sich gegen die Teilnahme an bürgerlichen Parlamenten wendet, wenn diese Avantgarde die reaktionären Gewerkschaftsverbände zu zertrümmern beginnt, wenn sie den politischen Führerparteien den Rücken kehrt gemäß dem Wort: die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der Arbeiter sein, dann besteht diese Avantgarde aus Dummköpfen, dann verübt sie ,,radikale Kindereien“, dann wird sie (und das ist das Ergebnis der Broschüre) eben nicht — in die Dritte Internationale hinein dürfen! Nur falls die Arbeiter der KAPD als reuige Sünder in den alleinseligmachenden Spartakusbund zurückkehren, können sie zur Dritten Internationale kommen. Also: Zurück zum Parlamentarismus!

Hinein in Legiens Gewerkschaften! Hinein in die sterbende Führerpartei KPD! — das ruft Lenin dem selbstbewussten deutschen Proletarier zu!

Ich sagte schon: ein ungeheuerliches Buch! Damit ist auch die Belanglosigkeit der Argumente gemeint, die Lenin aus dem Staub der achtziger Jahre hervorholt, um den deutschen Radikalen die Überzeugung beizubringen, daß er die Gänsefüßchen mit Recht gegen sie anwendet. Auf dem Niveau der USP bewegen sich alle Ausführungen in Sachen des Zentralismus und des Parlamentarismus. Und was Lenin zu Gunsten der Arbeit in den Gewerkschaften schreibt, das ist so famos opportunistisch, dass die Gewerkschaftsbonzen nichts Eiligeres zu tun wussten, als es sofort in Flugblättern nachzudrucken und zu verbreiten! Skandalös flach, sträflich loddrig ist die Polemik, die Lenin gegen die KAPD fuhrt. An einer Stelle heißt es zum Beispiel :

„Die deutschen, Radikalen‘ haben, wie bekannt, schon im Januar 1919 den Parlamentarismus für ,politisch‘ überwunden gehalten, im Gegensatz zur Meinung hervorragender politischer Führer wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Es ist klar, daß die, Radikalen‘ geirrt haben. Schon dies all ein stößt die These bis auf den Grund um, daß der Parlamentarismus sich „politisch“ überlebt habe.“

Das schreibt der Logiker Lenin! Wodurch, bitte,ist „klar“ geworden, daß wir geirrt haben? Etwa durch die Tatsache, daß die Nationalversammlung neben den Crispienleuten nicht auch Levi und Zetkin zeigte? Etwa durch den Reichstag, in dem jetzt dieses kommunistische Duett sitzt? Wie kann Lenin leichtfertig, ohne einen Schatten von Beweis anzuführen, niederschreiben, unser ,,Irrtum“ sei klar, und daran die Forderung knüpfen: „Schon dies allein stößt die These usw.“? Ungeheuerlich! Ungeheuerlich auch, wie Lenin die Frage; „Muß man sich an den bürgerlichen Parlamenten beteiligen?“ bejaht:

„Kritik — und zwar die schärfste, schonungsloseste, unversöhnlichste Kritik — muß nicht am Parlamentarismus oder an der parlamentarischen Tätigkeit, sondern an den Führern geübt werden, die Parlamentswahlen und Parlamentstribune nicht auf revolutionäre kommunistische Art auszunutzen verstehen und mehr noch an denjenigen, die sie nicht ausnutzen wollen.“

Das schreibt Lenin! Lenin will plötzlich die ,,Ausnutzung der Demokratie“, die er selbst (in ,,Staat und Revolution“, in „Renegat Kautsky“, in „Bürgerliche Demokratie und proletarische Diktatur“) als „Renegatenforderung“ abgetan hat!

Das revolutionäre Proletariat Deutschlands hat sich vom „käuflichen und versumpften Parlamentarismus der bürgerlichen Gesellschaft“ abgewandt, vom „ System der Täuschung und des Betrugs“. Das Proletariat hat die Kampfparole; „AlIe Macht den Räten!“ voll erkannt Es hat einsehen müssen, daß der bürgerliche Parlamentarismus nicht „auszunutzen“ ist. Es hat die Gewerkschaften als Institutionen erkannt, die eine Arbeitsgemeinschaft zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten herbeiführen müssen und damit den Klassenkampf sabotieren, ganz gleichgültig, ob die Mitglieder dagegen kritisieren oder nicht. Das revolutionäre Proletariat Deutschlands hat mit Gebirgen von Arbeiterleichen büßen müssen, daß es sich dem Führertum ausgeliefert hatte. Die letzte Illusion vernichtete die berüchtigte „Zentrale“ des Spartakusbundes. Da von hat das Proletariat für alle Zeit genug!

Und jetzt kommt Lenin daher und sucht die bitteren Lehren der deutschen Revolution und seine eigenen Lehren vergessen zu machen? Sucht vergessen zu machen, daß Marx gelehrt hat, nicht Personen seien verantwortlich? Der Parlamentarismus und nicht das Einzelgeschöpf Parlamentarier ist zu bekämpfen!

Wir haben ja eben Monate hinter uns, wo „Kommunisten“ im Reichstage wirkten. Man lese die Parlamentsberichte aus den Tagen, da Levi-Zetkin „auf revolutionäre kommunistische Art“ (übrigens eine sinnlose Zeitungsphrase!) die Tribune „ausnutzten“! Sie haben die Berichte gelesen, Genosse Lenin. Wo bleibt ihre „schärfste, schonungsloseste, unversöhnlichste Kritik“? Oder sind Sie befriedigt worden? …

Es ist leicht nachzuweisen; die KAPD hat den „Wahlkampf“ im Sinne revolutionärer Agitation wirksamer ausgenutzt und wirksamer ausnutzen können als die Parlarmentskommunisten, eben weil sie keine „Kandidaten“ hatte, die Stimmvieh suchten. Die KAPD hat den parlamentarischen Schwindel entlarvt und bis in die entlegensten Dörfer hinein die Räteideen getragen. Die Mandatsjäger aber haben in den paar Monaten ihrer Tätigkeit im Parlament bestätigt, daß wir Antiparlamentarier recht haben.

Ist Ihnen, Genosse Lenin, nie der Leninsche Gedanke in die Quere gekommen, daß es in einem Lande mit vierzigjähriger Parlamentsfaxerei der Sozialdemokratie (die ja anfangs die Tribune auch nur propagandistisch ,,ausnutzen“ wollte!) eine stockreaktionäre Handlung ist, ins Parlament zu gehen? Ist Ihnen nicht begreiflich, daß ein Land des parlamentarischen Kretinismus den Parlamentarismus nur durch Boykott brandmarken kann? Es gibt keine schärfere Brandmarkung, keine, die tiefer ins Bewusstsein der Arbeiter dringt! Ein von Proletariern durch Boykott demaskiertes Parlament wird Proletarier nie tauschen und betrugen können. Aber eine korrekte „programmatische“ Rede, die Clara Zetkin unter dem Beifall bürgerlicher und sozialdemokratischer Blätter halt und aus der die Presse das wiedergibt, was der Presse zusagt, eine solche Rede schafft dem bürgerlichen Parlament Beachtung im Proletariat! — Wären die USP-Herrschaften nicht in die Nationalversammlung gegangen, die Selbstbewusstseinsentwicklung der deutschen Proletarier wäre heute schon weiter vorgeschritten!

III

Lenin ist fur „straffste Zentralisation“ und für „eiserne Disziplin“. Er will, daß die Dritte Internationale dies proklamiere und alles fernhalte, was, wie die KAPD, der Führerallmacht kritisch gegenübersteht.

Militärische Parteiherrschaft wünscht Lenin in allen Ländern.

Ein wenig anders lauteten die Richtlinien des ersten Kongresses der Dritten Internationale! In diesen Richtlinien wird gegen die Unabhängigen, als gegen nicht absolut zuverlässige Kämpfer empfohlen:

„die Taktik des Absplittems der revolutionären Elemente, erbarmungslose Kritik und Entlarvung der Führer.“

Und im übrigen wird gesagt:

„Auf der anderen Seite ist ein Block mit den Elementen der revolutionären Arbeiterbewegung notwendig, die, obgleich sie früher der sozialistischen Partei nicht angehörten, jetzt im großen und ganzen auf dem Standpunkt der proletarischen Diktatur in der Form der Rätemacht stehen. Solche sind an erster Stelle die syndikalistischen Elemente der Arbeiterbewegung.“

Davon ist nicht mehr die Rede. Im Gegenteil: Nieder die Syndikalisten! Nieder die gegen Bonzen unbotmäßigen „Dummköpfe“! Das Exekutivkomitee befehle, und seine Befehle seien bindend!

Lenin hat Karl Liebknecht gegen die „Radikalen“ zitieren zu können geglaubt. Ich zitiere Karl Liebknecht gegen Lenin:

„Das ist der verhängnisvolle Zirkel, in dem sich die großen zentralisierten, mit fest besoldeten und von ihrem bisherigen Klassenniveau aus gut besoldeten Funktionären versehenen Organisationen bewegen, daß sie in dieser Berufsbürokratie eine den revolutionären Interessen des Proletariats geradewegs feindliche Schicht nicht nur erzeugen, sondern zu ihrem bevollmächtigten Führer und gar leicht Tyrannen machen, die ein energisches Interesse gegen eine revolutionäre Politik des Proletariats haben, während die geistige und moralische Selbständigkeit, der Wille, die Initiative, die Eigenaktion der Massen zurückgedrängt oder ganz ausgeschaltet wird. Zu dieser Bürokratie rechnen auch die besoldeten Parlamentarier.

Ein Übel, gegen das organisatorisch nur ein Kraut gewachsen ist: Beseitigung der besoldeten Bürokratie, oder ihre Ausschaltung von allen Beschlüssen, ihre Einschränkung auf technische Hilfsarbeit. Verbot der Wiederwahl aller Funktioniere nach bestimmter Dauer, wodurch zugleich die Zahl der organisationstechnisch bewanderten Proletarier vermehrt wird; jederzeitige Initiative Absetzungsmöglichkeit während der Amtsdauer; Beschränkung der Zuständigkeit der Instanzen; Dezentralisation; Urabstimmung für wichtige Fragen (Veto und Initiative). Bei der Wahl der Funktionäre muß das entscheidende Gewicht auf ihre Erprobung im entschlossenen schlagfertigen, revolutionären Handeln, im revolutionären Kampfgeist, in rücksichtsloser Opferwilligkeit unter bereitwilliger Einsetzung der grenzen Existenz gelegt werden. Die Erziehung der Massen und jedes Einzelnen zur geistigen und moralischen Selbständigkeit, zur Autoritäts-Ungläubigkeit, zur entschlossenen Eigen-Initiative, zur freien Aktionsbereitschaft und -fähigkeit, bildet wie die einzige sichernde Grundlage für die Entwicklung einer ihren historischen Aufgaben gewachsenen Arbeiterbewegung überhaupt, so die wesentliche Voraussetzung für die Austilgung der bürokratischen Gefahren.

Jede Organisationsform, die die Schulung im internationalen revolutionären Geist und die selbständige Aktionsfähigkeit und Initiative der revolutionären Massen hemmt, ist zu verwerfen … Keine Verbindung, die der freien Initiative Fesseln anliegt. Diese Initiative in den Massen zu fordern, ist gerade in Deutschland, dem Land des passiven Massen-Kadavergehorsams, die dringendste Erziehungsaufgabe, die gelöst werden muß, selbst auf die Gefahr hin, daß vorübergehend alle ,Disziplin‘ und alle , strammen Organisationen‘ zum Teufel gehen(!). Dem Individuellen ist weit größerer Spielraum zu geben, als in Deutschland bisher Tradition. Auf das Wortbekenntnis ist geringstes Gewicht zu legen … Alle abgesplitterten radikalen Elemente werden zu einem nach den immanenten Gesetzen des Internationalismus bestimmten Ganzen zusammenschießen, wenn Intransigenz gegen allen Opportunismus, Weitherzigkeit gegen alle Bemühungen eines gärenden revolutionären Kampfgeistes geübt wird.“

IV

Ich weiß, Lenin ist kein ,,Renegat“ und nicht Sozialdemokrat geworden, wenn auch die ,,Kinderkrankheit“ rein sozialdemokratisch wirkt (1878 haben die deutschen Führer fast wörtlich so gesprochen). Aber wie ist das Zustandekommen seiner Schrift gegen die Weltrevolution zu erklären?

Monarchisten pflegen für Dummheiten (und Verbrechen) ihrer Monarchen stets als Entschuldigung anzuführen, die Majestäten seien „schlecht unterrichtet“ worden. Revolutionäre können (und dürfen) für ihre Genossen solche Entschuldigung nicht gelten lassen. Gewiss wissen wir genau, daß Karl Radek und der Spartakusbund, um von den Ursachen ihres politischen Bankrotts abzulenken, Lenin bewusst die Unwahrheit berichtet haben über die Situation und über das revolutionäre Proletariat in Deutschland. Karl Radeks freches Schreiben an die Mitglieder der KAPD zeigt, wie die Dinge dem Genossen Lenin dargestellt worden sind. Doch das rechtfertigt Lenin keinesfalls! Eine Rechtfertigung ist überhaupt zwecklos, denn die Tatsache, daß Lenin dem revolutionären Proletariat Deutschlands den Kampf erschwert hat mit der dummen Broschüre, wird damit noch nicht beseitigt.

Und Lenin ist zwar in Sachen des Spartakusbundes und der KAPD wüst angelogen worden, aber er hatte doch sehr wohl sich sagen müssen, daß es Unfug ist, deutsche Verhältnisse mit russischen Verhältnissen zu identifizieren. Lenin ist sehr wohl in der Lage gewesen, trotz Radek, zu unterscheiden zwischen deutschen Gewerkschaften, die stets ein gegenrevolutionäres Dasein geführt haben, und den russischen Gewerkschaften. Lenin weiß sehr wohl, daß die russischen Revolutionäre nicht gegen parlamentarischen Kretinismus zu kämpfen hatten, da das Parlament in Russland weder Tradition noch Ansehen im Proletariat besaß. Lenin weiß (oder musste es wissen), daß in Deutschland das Führertum in Partei und Gewerkschaften durch „Ausnutzung“ des Parlaments zum 4. August 1914 kommen musste! DaBßder autoritative militärische Charakter der Partei mit dem Kadavergehorsam Jahrzehnte hindurch die revolutionären Kräfte in der Arbeiterbewegung Deutschlands geknebelt hat. Das alles hätte Lenin sich überlegen müssen, bevor er gegen die ,,Radikalen“ zu kämpfen begann. Das Verantwortlichkeitsgefühl hatte Lenin dann gehindert, die unverzeihliche Schmähschrift zu schreiben.

V

Um das Weltproletariat davon zu überzeugen, daß er in der ,,Kinderkrankheit“ den richtigen Weg zur Revolution für alle Länder freilegt, führt Lenin ihm den Weg vor Augen, den die Bolschewiki gegangen sind und der zum Siege geführt habe, weil er der rechte Weg war (und ist).

Lenin befindet sich auch hier auf völlig unhaltbarem Posten. Wenn er den Sieg der Bolschewiki als Beweisargument erwähnt dafür, daß seine Partei in den fünfzehn Jahren ihrer Existenz ,,richtig“ gearbeitet habe, dann ist das irreführend! Der Sieg der Bolschewiki im November 1917 ist kein Sieg der revolutionären Kraft der Partei all ein gewesen! Die Bolschewiki sind mittels der bürgerlich-pazifistischen Parole: ,,Friede!“ zur Macht, zum Sieg gekommen! Diesee Parole allein hat die Nationalmenschewiki niedergezwungen, hat den Bolschewiken die Armee gesichert!

Also nicht der Sieg an sich kann uns überzeugen, daß die Bolschewiki im Sinne der Prinzipienfestigkeit „richtig“ gearbeitet haben. Eher schon die Tatsache, daß sie nun beinah drei Jahre lang diesen Sieg zu verteidigen wissen!

Aber — und das ist eine Frage der ,,Radikalen“ — haben die Bolschewiki in diesen Jahren ihrer Parteidiktatur immer so manövriert, wie Lenin in der ,,Kinderkrankheit“ es vom revolutionären Proletariat Deutschlands fordert? Oder ist die Lage der Bolschewiki derart, daß sie Lenins „Bedingung“ nicht zu beachten brauchen, die von der revolutionären Partei verlangt:

„daß sie es versteht, sich mit der breiten Masse der Werktätigen, in erster Linie mit der proletarischen, aber auch mit der nicht proletarischen werktätigen Masse zu verbinden, zu vereinigen, und wenn man will, bis zu einem gewissen Grade zu verschmelzen“ („Kinderkrankheit“, Seite 6).

Die Bolschewiki haben bisher nur eins durchfuhren können und durchgeführt : die militärisch-straffe Parteidisziplin, die „eiserne“ Diktatur des Partei-Zentralismus. Oder haben sie es verstanden, sich „zu verbinden, zu vereinigen, und wenn man will, bis zu einem gewissen Grade zu verschmelzen“ mit der von Lenin genannten ,,breiten Masse“? . . .

VI

Es ist eine lokale Angelegenheit der russischen Genossen, welche Taktik sie anwenden. Wir haben dagegen protestiert und ihn als Gegenrevolutionär bezeichnen müssen, als Herr Kautsky sich erlaubte, die Taktik der Bolschewiki zu infamieren, Wir haben es den russischen Brüdern zu überlassen, sich ihre Waffen auszuwählen. Aber das eine wissen wir: in Deutschland ist eine Parteidiktatur unmöglich, in Deutschland kann (und wird!) nur die Klassendiktatur, die Diktatur der revolutionären Arbeiterräte siegen und (das Wichtigste) den Sieg verteidigen können.

Ich könnte nun, nach Lenins „Kinderkrankheits“-Rezept, niederschreiben: „Das ist klar“ und dann vom Thema abschwenken. Wir haben jedoch nicht nötig, auszuweichen.

Deutschlands Proletariat ist in verschiedenen politischen Parteien organisiert, die Führerparteien mit scharf autoritativem Charakter sind. Die reaktionären Gewerkschaften, durch die streng zentralistische Art ihres Aufbaus der Gewerkschaftsbürokratie ausgeliefert, sind für „Demokratie“, für den Wiederaufbau der kapitalistischen Welt, ohne die sie nicht leben können. Parteidiktatur in diesem Deutschland heißt: Arbeiter gegen Arbeiter. (Die Noske-Epoche begann als SPD-Parteidiktatur!) Eine Parteidiktatur der KPD (Spartakusbund) (und eine andere hat Lenin nicht im Auge!) müsste sich durchsetzen gegen USP-Arbeiter, SPD-Arbeiter, Gewerkschaften, Syndikalisten, Betriebsorganisation und gegen die Bourgeoisie. Solche Parteidiktatur hat Karl Liebknecht mit dem Spartakusbund nie angestrebt, wie seine ganze Revolutionsarbeit bewies (und wie die Ausführungen zeigen, die ich in diesem Aufsatz zitiert habe).

Es ist unbestreitbar, daß alle Arbeiter (auch die von Legien und Scheidemann genasführten Arbeiter!) die Träger der kommunistischen Neuordnung sein müssen, soll nicht Selbstzerfleischung die Niederhaltung der Bourgeoisie unmöglich machen. Wollen wir auf den jüngsten Tag warten, bis alle oder auch nur ein paar Millionen Proletarier in der KPD vereinigt sein werden (die heute nur noch aus einem kleinen Häuflein von Angestellten und ein paar Gutgläubigen besteht)? Will etwa (wie Karl Radek und Herr Levi es sich ausgeklügelt haben) die Dritte Internationale das Pressionsmittel sein, das die revolutionären Arbeiter in die KPD hineinzwingen soll? Wird der Führeregoismus die Tatsache ignorieren dürfen, daß schon heute die Mehrzahl der Industriearbeiter und des Landproletariats für eine Klassendiktatur reif und zu gewinnen sind?

Wir brauchten‘ eine Parole für die Zusammenfassung des deutschen Proletariats. Wir haben sie: „Alle Macht den Arbeiterräten!“ Wir brauchen einen Sammelplatz, auf dem sich alle klassenbewussten Arbeiter vereinigen können, ohne durch Parteibonzen gestört zu werden. Wir haben den Platz: es ist der Betrieb. Der Betrieb, die Keimzelle der neuen Gemeinschaft, er ist auch der Boden der Sammlung, Wir brauchen für die siegreiche Durchführung der proletarischen Revolution in Deutschland nicht Bonzen, sondern selbstbewusste Proletarier. Ob sich die nun Syndikalisten oder Unabhängige nennen: haben sie mit uns das Ziel gemein: den kapitalistischen Staat zu zertrümmern und die kommunistische Menschengemeinschaft zu verwirklichen, dann gehören sie zu uns, dann werden wir uns mit ihnen in den revolutionären Betriebsorganisationen, verbinden, vereinigen, verschmelzen“!

Die Kommunistische Arbeiterpartei ist deshalb keine Partei im üblen Sinne, weil sie nicht Selbstzweck Ist! Sie propagiert die Diktatur des Proletariats, den Kommunismus, Sie formiert die Kämpfer in den Betriebsorganisationen, in denen die Kräfte aufgespeichert sind, die die kapitalistische Gesellschaft beseitigen, die Herrschaft der Räte errichten und den Aufbau der neuen kommunistischen Wirtschaft ermöglichen werden. Die Betriebsorganisationen sind in der Union zusammengeschlossen. Die Betriebsorganisationen werden die Herrschaft des Proletariats als Klasse gegen alle Führermachinationen, gegen alle Veräter zu sichern wissen. Nur eine Klassenherrschaft (das zeigte der Kapitalismus!) gibt ein breites, festes Fundament.

VII

Die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands hat die „Kinderkrankheit“ Lenins und den Fluch Radeks und die Verleumdungen des Spartakusbund es und alter Führerparteien erleben müssen, weil sie für die Klassenherrschaft des Proletariats kämpft, weil sie Karl Liebknechts Auffassungen über Zentralismus teilt. Die KAPD wird die „Kinderkrankheit“ gut überleben und alles andere. Und ob es nun Karl Radek einsieht oder nicht, ob Lenin eine Broschüre gegen uns (und gegen sich) schreibt oder nicht: die proletarische Revolution wird in Deutschland andere Wege gehen als in Russland. Wenn Lenin uns „Dummköpfe“ nennt, dann kompromittiert er sich und nicht uns. Denn in diesem Falle sind wir — die Leninisten. Wir wissen; mögen nationale oder Internationale Kongresse noch so spezialisierte Reiserouten ihr vorschreiben, die Weltrevolution wird in jedem Lande den Gang gehen, den die Geschichte bestimmt! Mag der II. Kongress der Dritten Internationale versuchen, der KAPD zugunsten einer Führerpartei das Verdammungsurteil zu sprechen: die revolutionären Kommunisten Deutschlands werden das leicht zu tragen wissen und nicht, wie die USP-Bonzen, flennen. Wir gehören zur Dritten Internationale, denn die Dritte Internationale ist nicht Moskau, nicht Lenin, nicht Radek, sondern das um seine Befreiung kämpfende Weltproletariat !

Franz, Pfemfert


OFFENER BRIEF AN DEN GENOSSEN LENIN.

Eine Antwort auf Lenins Broschüre:
Der Radikalismus, eine Kinderkrankheit des Kommunismus

(Herman Gorter – 1920)

Vorwort

Ich möchte, Genosse Lenin, Ihre und der Leser Aufmerksamkeit darauf lenken, dass dieser Brief geschrieben wurde während des siegreichen Aufmarsches der Russen nach Warschau.

Auch möchte ich mich bei Ihnen und den Lesern entschuldigen wegen der vielen Wiederholungen. Da die Taktik der „Linken“ den Arbeitern in den meisten Ländern noch unbekannt ist, waren diese nicht zu vermeiden.

H.G.

1. Einleitung

Lieber Genosse Lenin!

Ich habe Ihre Broschüre über den Radikalismus in der Kommunistischen Bewegung gelesen. Ich habe daraus, wie aus allen Ihren Schriften, viel gelernt. Ich bin Ihnen, wie gewiss viele andere Genossen, dankbar dafür. Manche Spur und manchen Keim dieser Kinderkrankheit, die auch in mir ohne Zweifel haust, hat sie vertrieben und wird sie gewiss noch vertreiben. Auch was Sie über die Verwirrung sagen, die durch die Revolution in vielen Köpfen verursacht worden ist, ist ganz richtig. Ich weiss das. Die Revolution kam so plötzlich und so ganz anders als wir erwarteten. Und Ihre Schrift wird mir ein neuer Antrieb sein, um wieder, noch mehr als früher, mein Urteil in allen Fragen der Taktik, auch in der Revolution, abhängig zu machen nur von der Realität, von den wirklichen Klassenverhältnissen, wie sie sich politisch und ökonomisch offenbaren.

Als ich Ihre Broschüre gelesen hatte, dachte ich: Das ist alles richtig. Als ich mich dann aber hinsetzte und lange Zeit darüber nachgedacht hatte, ob ich nun diese „Linke“ nicht mehr unterstützen und keine Artikel für die KAPD und die oppositionelle Partei in England mehr schreiben sollte, da musste ich dies ablehnen.

Dies scheint sich zu widersprechen. Aber es wird dadurch verursacht, Genosse, dass Ihr Ausgangspunkt in der Broschüre nicht richtig ist. Sie urteilen, wie ich glaube, nicht richtig über die Übereinstimmung der westeuropäischen Revolution mit der russischen, über die Bedingungen der westeuropäischen Revolution, d.h. über die Klassenverhältnisse – dadurch beurteilen Sie den Grund, aus dem die Linke, die Opposition hervorkommt, verkehrt. – Daher scheint die Broschüre richtig, wenn man Ihren Ausgangspunkt annimmt; verwirft man diesen (wie man es tun muss), dann ist die ganze Broschüre falsch. Da alle Ihre unrichtigen, teilweise unrichtigen und teilweise gewiss ganz falschen Urteile zusammenkommen zu Ihrer Verurteilung der linken Bewegung, besonders in Deutschland und England, und da ich, trotzdem ich nicht in allen Punkten einverstanden bin mit dieser Bewegung, wie die Führer wissen, doch fest entschlossen bin, sie zu verteidigen, glaube ich am besten zu tun, Ihre Schrift mit einer Verteidigung der Linken zu beantworten. Dies wird mir Gelegenheit geben, nicht nur den Grund zu zeigen, woraus sie entsteht, ihr Recht und ihre Vorzüge jetzt und hier in Westeuropa, in diesem Stadium, zu beweisen, sondern auch, und dies ist vielleicht gleich wichtig, die verkehrten Vorstellungen, die besonders in Russland über die westeuropäische Revolution herrschen, zu bekämpfen. Beides ist wichtig, da sowohl die westeuropäische wie auch die russische Taktik abhängt von der Vorstellung der westeuropäischen Revolution.

Gerne hätte ich dies auf dem Moskauer Kongress getan, ich war aber nicht imstande zu kommen.

An erster Stelle muss ich zwei Ihrer Bemerkungen widerlegen, die das Urteil der Genossen und Leser fälschen können. Sie schreiben mit Hohn und Spott über den lächerlichen und kindischen Unsinn des Kampfes in Deutschland, über „Diktatur der Führer oder der Massen“, „oben oder unten“ usw. Dass dies keine Fragen sein sollen, damit sind wir ganz einverstanden. Mit dem Hohn aber nicht. Denn leider sind es in Westeuropa noch Fragen. Wir haben nämlich in Westeuropa in vielen Ländern noch Führer, wie sie in der zweiten Internationale waren, wir suchen noch die richtigen Führer, die nicht über die Massen herrschen wollen und die sie nicht verraten, und solange wir diese nicht haben, wollen wir alles von unten auf und durch die Diktatur der Massen selber. Wenn ich einen Bergführer habe, und er führt mich in den Abgrund, so habe ich lieber keinen. Sobald wir die richtigen haben, werden wir dieses Suchen fahren lassen. Denn dann werden Masse und Führer wirklich eins sein. Das, und nichts anderes, meinen die deutsche und englische Linke und wir mit diesen Worten.5

Und dasselbe gilt für Ihre zweite Bemerkung, dass Führer mit Klasse und Masse ein einheitliches Ganzes sein sollen. Wir sind ganz mit Ihnen einverstanden. Nur gilt es, solche Führer zu finden, zu erziehen, die wirklich mit der Masse einig sind. Und sie finden und erziehen, das können die Massen, die politischen Parteien und die Gewerkschaften nur durch schwersten Kampf, auch nach innen. Dasselbe gilt von der eisernen Disziplin und der strengsten Zentralisation. Wir wollen sie schon, aber erst nachdem wir die richtigen Führer haben, nicht vorher. Auf diesen schwersten Kampf, der jetzt in Deutschland und England, als den der Verwirklichung des Kommunismus nächsten Ländern, schon mit der grössten Anstrengung geführt wird, kann Ihr Hohn nur nachteilig wirken. Sie arbeiten mit diesem Spott den opportunistischen Elementen der Dritten Internationale In die Hände. Denn es ist eins der Mittel, mit denen Elemente im Spartakusbund und in der BSP in England, und auch in den kommunistischen Parteien mancher anderen Länder, die Arbeiter betören, wenn sie sagen, dass die ganze Frage über Masse und Führer eine unsinnige Frage, „Unsinn und kindisch ist“. Mit dieser Phrase vermeiden sie und wollen sie vermeiden, dass man sie selbst, die Führer, kritisiert. Mit dieser Phrase von eiserner Disziplin und Zentralisation zerschmettern sie die Opposition. Diesen opportunistischen Elementen arbeiten Sie in die Hände.

Das sollten Sie nicht tun, Genosse. Wir sind in Westeuropa noch im Vorstadium. Da sollte man lieber den Kämpfern als den Herrschern das Wort reden.

Dies aber hier nur beiläufig. Ich komme darauf im Laufe meines Schreibens noch zurück. Es liegt ein tieferer Grund vor, warum ich mit Ihrer Broschüre nicht einverstanden sein kann. Das ist der folgende:

Wenn wir westeuropäische Marxisten Ihre Broschüren, Aufsätze und Bücher lasen, dann gäb es mitten in der Bewunderung und der Zustimmung, die fast alles, was Sie schrieben, bei uns fand, doch immer einen Punkt, bei dem wir im Lesen plötzlich ganz vorsichtig wurden, über den wir nähere Aufklärung erwarteten, und den wir, wenn wir diese nicht fanden, auch nachher, nachdenkend, nur mit sehr grossem Vorbehalt annahmen. Es war dies dort, wo Sie sprachen über die Arbeiter und die armen Bauern. Sie tun das sehr, sehr oft. Und überall sprechen Sie von diesen beiden Kategorien als revolutionären Faktoren auf der ganzen Welt. Und nirgends, wenigstens soweit ich gelesen habe, betonen Sie klar und deutlich den sehr grossen Unterschied, der In dieser Frage zwischen Russland (und einigen osteuropäischen Ländern) und Westeuropa (d. h. Deutschland, Frankreich, England, Belgien, Holland, der Schweiz und den skandinavischen Ländern, vielleicht sogar Italien) besteht. Und doch liegt, meines Erachtens, der Grund der Differenz Ihrer Auffassung über die Taktik in den gewerkschaftlichen und parlamentarischen Fragen und der der sogenannten Linken in Westeuropa im Unterschied zwischen Russland und Westeuropa in diesem Punkte.

Sie kennen natürlich so gut wie ich diesen Unterschied, aber Sie haben daraus nicht die Folgerungen für die Taktik in Westeuropa gezogen, wenigstens nicht, soweit ich Ihre Arbeiten gelesen habe. Sie haben diese Folgerungen ausser Betracht gelassen, und dadurch wird Ihr Urteil über diese westeuropäische Taktik ein falsches6. Dies war und ist desto gefährlicher, weil überall in Westeuropa dieser Ihr Satz in allen kommunistischen Parteien gedankenlos nachgeplappert wird, sogar von Marxisten. Es erweckt sogar in allen kommunistischen Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren und in öffentlichen Veranstaltungen den Schein, als sei plötzlich eine Revolte der armen Bauern in Westeuropa nahe! Es wird nicht auf den grossen Unterschied zu Russland hingewiesen. Dadurch wird das Urteil, auch des Proletariats, gefälscht. Dadurch, dass Sie in Russland eine gewaltige Klasse von armen Bauern hatten und mit ihrer Hilfe siegten, stellen Sie es so vor, dass wir in Westeuropa auch diese Hilfe haben werden, Dadurch, dass Sie in Russland nur durch diese Hilfe siegten, stellen Sie es so vor, dass man hier auch durch diese Hilfe siegen wird. Durch Ihr Schweigen Über diese Frage, wie sie sich verhält in Westeuropa, stellen Sie es so vor, und Ihre ganze Taktik kommt hervor aus dieser Vorstellung.

Diese Vorstellung ist aber nicht die Wahrheit. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen Russland und Westeuropa. Im allgemeinen wird die Bedeutung der armen Bauern als revolutionärer Faktor immer kleiner. In Teilen Asiens, Chinas, Indiens, wäre diese Klasse, wenn dort Revolution ausbräche, absolut ausschlaggebend, in Russland bildet sie für die Revolution den unentbehrlichen, einen Hauptfaktor, in Polen und einigen Staaten des südöstlichen und Mitteleuropas ist sie für die Revolution noch bedeutend, aber je mehr man dann nach Westen geht, desto feindlicher steht sie der Revolution gegenüber.

Russland hatte ein industrielles Proletariat von 7 bis 8 Millionen. Aber die armen Bauern zählten zirka 25 Millionen. (Sie werden mir etwaige Fehler in den Zahlen verzeihen, denn ich muss aus dem Kopfe zitieren, weil dieses Schreiben Eile hat.) Als Kerenski diesen armen Bauern den Boden nicht gab, da wussten Sie, dass sie sehr bald zu Ihnen kommen müssten, sofort nachdem sie dies bemerkt haben würden. Das ist in Westeuropa nicht der Fall und wird auch nicht der Fall sein, eine solche Lage besteht in den westeuropäischen Ländern, die ich genannt habe, nicht.

Die Lage der armen Bauern in Westeuropa ist eine andere als die in Russland. Wenn auch oft schrecklich, ist sie nicht so schrecklich hier wie dort. Die armen Bauern haben als Pächter oder Eigentümer ein Stückchen Land. Durch die ausgezeichneten Verkehrsmittel können sie oft etwas verkaufen. Sie können sich im schlimmsten Fall oft selbst ernähren. Die letzten Jahrzehnte brachten ihnen etwas Besserung. Sie können jetzt, während und nach dem Krieg, hohe Preise fordern. Sie sind unentbehrlich, denn Lebensmittel werden nur sehr spärlich importiert. Sie werden also fortwährend hohe Preise machen können. Sie werden vom Kapitalismus unterstützt. Das Kapital wird sie oben halten, solange es selbst oben bleiben kann. Die Lage der armen Bauern bei Ihnen war viel entsetzlicher. Dadurch hatten bei Ihnen die armen Bauern auch ein politisches, revolutionäres Programm und waren in in einer politischen, revolutionären Partei organisiert: bei den Sozial-Revolutionären. Das sind sie hier nirgends. Ausserdem gab es in Russland eine enorme Menge Güter, die verteilt werden konnten, Grossgrundbesitz, Krongüter, Staatsländereien, Klostergüter. Was können aber die Kommunisten Westeuropas den armen Bauern bieten, um sie zur Revolution, um sie auf ihre Seite zu bringen?

Es gab in Deutschland (vor dem Krieg) vier bis fünf Millionen arme Bauern (bis 2 Hektar). In wirklichem Grossbetrieb (über 100 Hektar) waren nur acht bis neun Millionen Hektar. Wenn die Kommunisten diese alle verteilten, wären die armen Bauern noch immer arme Bauern, denn auch die sieben bis acht Millionen Landarbeiter wollen etwas haben. Aber sie können sie nicht einmal alle verteilen, denn sie werden sie selbst als Grossbetriebe brauchen7.

Also die Kommunisten in Deutschland haben, einzelne relativ kleine Gegenden ausgenommen, nicht einmal ein Mittel, um die armen Bauern zu locken. Denn die Mittel- und kleinen Betriebe wird man doch gewiss nicht enteignen. Sehr ähnlich steht es mit den vier bis fünf Millionen französischen armen Bauern und ähnlich auch in der Schweiz, Belgien, Holland und zwei skandinavischen Ländern8. Überall herrschen Klein- und Mittelbetriebe vor. Und sogar in Italien ist die Sache nicht ganz sicher. Ganz zu schweigen von England, wo es nur ein- bis zweihunderttausend arme Bauern gab.

Die Zahlen zeigen auch, dass arme Bauern in Westeuropa verhältnismässig sehr wenige sind. Dass also die Hilfstruppen, wenn sie da wären, nur gering sein würden.

Auch das Versprechen, dass sie unter dem Kommunismus keine Pacht und Hypothekenrente zu zahlen haben werden, kann sie nicht locken. Denn‘ mit dem Kommunismus sehen sie den Bürgerkrieg, Verschwinden der Märkte und Verwüstung kommen.

Die armen Bauern in Westeuropa werden also, wenn nicht eine Krise kommt, viel fürchterlicher noch als jetzt in Deutschland, eine Krise, die an Fürchterlichkeit alles je dagewesene übertrifft, zum Kapitalismus stehen, so lange dieser noch einigermaassen Leben hat9.

Die Arbeiter in Westeuropa stehen ganz allein. Denn auch nur eine ganz dünne Schicht des niedrigen Mittelstandes wird ihnen helfen., Und diese ist ökonomisch unbedeutend. Die Arbeiter werden ganz allein die Revolution machen müssen. Das ist der grosse Unterschied zu Russland.

Vielleicht, Genosse Lenin, werden Sie sagen, dass dies auch in Russland der Fall war. Auch in Russland hat das Proletariat die Revolution allein gemacht. Erst nach der Revolution kamen die armen Bauern. Das ist wahr, aber der Unterschied bleibt ein gewaltiger.

Sie wussten, Genosse Lenin, dass die Bauern mit Sicherheit und schnell zu Ihnen kommen würden. Sie wussten, dass Kerenski ihnen den Boden weder geben wollte noch konnte. Sie wussten, dass sie Kerenski nicht lange helfen würden. Sie hatten ein Zaubermittel „Der Boden den Bauern“, womit Sie sie sofort in einigen Monaten zum Proletariat bringen konnten. Wir dagegen sind sicher, dass sie vorläufig überall auf dem westeuropäischen Kontinent dem Kapitalismus helfen werden.

Vielleicht werden Sie sagen, dass zwar in Deutschland keine grosse Masse armer Bauern bereit steht zur Hilfe, dass aber die Millionen Proletarier, die jetzt noch zur Bourgeoisie halten, gewiss herüber kommen werden. Dass also die Stelle der russischen armen Bauern hier von Proletariern eingenommen werden wird. Dass also doch Hilfe kommt.

Auch diese Vorstellung ist in ihrem Wesen falsch. Der Unterschied zu Russland bleibt enorm.

Die russischen Bauern kamen nämlich nach dem Sieg über den Kapitalismus zum Proletariat. Aber wenn die deutschen Arbeiter, die jetzt noch zum Kapitalismus stehen, zum Kommunismus kommen, dann fängt der Kampf gegen den Kapitalismus erst recht an.

Dadurch, dass die armen Bauern da waren, dadurch, nur dadurch siegten die russischen Genossen. Und der Sieg wurde fest und stark, als sie hinüberkamen. Dadurch, dass die deutschen Arbeiter in den Reihen des Kapitalismus stehen, dadurch kommt der Sieg nicht, wird er auch nicht leicht, und wenn sie hinüberkommen, fängt der Kampf erst recht an. –

Die Revolution in Russland war während ihrer langjährigen Entwicklung schrecklich für das Proletariat. Und furchtbar ist sie jetzt, nachdem sie gesiegt hat. Aber sie war, als sie stattfand, leicht, eben durch die Bauern.

Bei uns ist das ganz anders, gerade umgekehrt. Vorher war sie leicht und nachher wird sie leicht sein. Aber sie selbst wird furchtbar sein. Wahrscheinlich furchtbarer als je eine Revolution. Denn der Kapitalismus, der bei Ihnen schwach war, und nur so ein bisschen oben auf den Feudalismus, das Mittelalter und sogar auf die Barbarei geklebt, ist bei uns stark, gewaltig organisiert und fest gewurzelt. Und die niedrigeren Mittelklassen und die kleinen und armen Bauern, die immer bei den Stärksten stehen, werden, mit Ausnahme einer dünnen, ökonomisch nicht bedeutenden Schicht, bis zum wirklichen Ende des Kapitalismus zu ihm halten.

Die Revolution in Russland siegte durch die Hilfe der armen Bauern. Das muss man hier, in Westeuropa und überall in der Welt, in Gedanken festhalten. Aber die Arbeiter in Westeuropa stehen allein, das muss man in Russland immer in Gedanken festhalten.

Das Proletariat in Westeuropa steht allein. Das ist die Wahrheit. Und darauf, auf dieser Wahrheit, muss unsere Taktik begründet sein. Jede Taktik, die darauf nicht begründet ist, ist falsch und führt das Proletariat zu gewaltigen Niederlagen.

Dass diese Behauptung die Wahrheit ist, wird auch durch die Praxis bewiesen. Denn nicht nur haben die westeuropäischen kleinen Bauern kein Programm, forderten sie nicht das Land, sondern auch jetzt, da der Kommunismus naht, regen sie sich nicht. Diese Behauptung soll aber natürlich nicht vollkommen absolut aufgefasst werden. Es gibt, wie ich schon sagte, Gegenden in Westeuropa, wo Grossgrundbesitz vorherrscht, und wo also die armen Bauern für den Kommunismus zu haben sind. Es gibt auch andere Gegenden, wo, durch die lokalen Verhältnisse usw., sie zu gewinnen sein werden. Aber diese Gegenden sind relativ gering. Und sie soll auch nicht bedeuten, dass ganz am Ende der Revolution, wenn alles zusammenfällt, keine armen Bauern zu uns kommen werden. Das ist unzweifelhaft. Darum müssen wir auch fortwährend Propaganda unter ihnen machen. Aber wir haben unsere Taktik zu bestimmen für den Anfang und für den Gang der Revolution. Was ich also sagte, ist die allgemeine Art, die allgemeine Tendenz der Verhältnisse. Und auf dieser allein kann und soll eine Taktik begründet sein10.

Es folgt hieraus nun an erster Stelle – und es soll mit Nachdruck und klar und deutlich gesagt sein -, dass in Westeuropa die wirkliche Revolution, d. h. die Umwerfung des Kapitalismus und die Errichtung und dauerhafte Instandhaltung des Kommunismus, jetzt allein noch möglich ist in den Ländern, wo das Proletariat allein stark genug ist allen Klassen gegenüber, also in Deutschland und England, und, weil doch die Hilfe der armen Bauern möglich, in Italien. In den anderen Ländern ist nur die Vorbereitung der Revolution möglich. Durch Propaganda, Organisation und Kampf. Sie selbst kann nur stattfinden, nachdem die Wirtschaft so durch die Revolution in den grössten Staaten (Russland, Deutschland und England) erschüttert ist, dass die bürgerlichen Klassen genügend schwach geworden sind. Denn Sie werden mir doch gewiss zugeben, dass wir unsere Taktik nicht einstellen können auf Ereignisse, die vielleicht kommen, doch auch vielleicht ausbleiben werden (Hilfe der russischen Armeen, indischer Aufstand, furchtbare Krise, wie sie noch nie da war, usw.).

Dass Sie diese Wahrheit über die Bedeutung der armen Bauern also nicht eingesehen haben, das ist Ihr erster grosser Fehler, Genosse. Und gleichfalls der der Exekutive in Moskau und des internationalen Kongresses.

Was bedeutet nun weiterhin das Alleinstehen (so ganz anders als das russische Proletariat), das Keine-Aussicht-Haben auf Hilfe irgendwoher, von keiner anderen Klasse, in bezug auf die Taktik?

Es bedeutet erstens, dass die Forderungen, die hier an die Massen gestellt werden, noch viel grösser sind als in Russland. Dass also die Bedeutung der proletarischen Masse in der Revolution eine viel grössere ist. Und zweitens, dass die Bedeutung der Führer entsprechend kleiner ist.

Denn die russischen Massen, die Proletarier, hatten die Gewissheit, und sahen, schon im Kriege – teilweise vor ihren Augen -, dass die Bauern bald an ihrer Seite stehen würden. Die deutschen Proletarier, um nur erst von ihnen zu reden, wissen, dass sie den ganzen deutschen Kapitalismus mit allen Klassen gegen sich haben.

Wohl zählten die deutschen Proletarier vor dem Kriege schon 19 bis 20 Millionen wirklich Arbeitender bei einer Bevölkerung von 70 Millionen, aber sie stehen allen anderen Klassen gegenüber.

Sie stehen einem ungleich stärkeren Kapitalismus gegenüber als die Russen, unbewaffnet. Die Russen waren bewaffnet.

Die Revolution fordert also von jedem deutschen Proletarier, von jedem einzelnen, noch viel grösseren Mut und Opfersinn als von den russischen.

Das folgt aus den ökonomischen und Klassenverhältnissen Deutschlands und nicht aus irgend einer Theorie oder Einbildung von Revolutionsromantikern oder Intellektuellen!!

Wenn nicht die ganze Klasse oder wenigstens die übergrosse Mehrheit sich persönlich mit fast übermenschlicher Kraft für die Revolution gegen alle anderen Klassen einsetzt, dann siegt sie nicht. Denn Sie werden mir doch einmal zugeben, dass wir bei der Einstellung unserer Taktik auf unsere eigenen Kräfte rechnen müssen und nicht auf fremde, z. B. russische Hilfe.

Das Proletariat, fast unbewaffnet, allein, ohne Hilfe einem so einheitlichen Kapitalismus gegenüber, das bedeutet in Deutschland: jeder Proletarier, die grosse Mehrheit, ein bewusster Kämpfer, jeder Proletarier ein Held. – Und so ist es in ganz Westeuropa.

Die Mehrheit des Proletariats, die zu bewussten, fest entschlossenen Kämpfern wird, zu wirklichen Kommunisten, muss hier, absolut und relativ, grösser, viel grösser werden als in Russland.

Und wiederum: dies nicht infolge der Vorstellungen, der Träume eines Intellektuellen oder Poeten, sondern auf Grund reinster Realitäten.

Und wie die Bedeutung der Klasse steigt, so sinkt, relativ, die Bedeutung der Führer. Das will nicht sagen, dass wir nicht die allerbesten Führer haben sollen. Die allerbesten sind noch nicht gut genug, wir suchen sie gerade. Das will nur besagen, dass im Vergleiche mit der Bedeutung der Massen diejenige der Führer kleiner wird.

Wenn man, wie Sie, mit 7 oder 8 Millionen Proletariern ein Land von 160 Millionen gewinnen soll, ja, dann ist die Bedeutung der Führer enorm! Denn, um mit so wenigen so viele zu besiegen, da kommt es an erster Stelle auf die Taktik an. Wenn man, wie Sie, Genosse, mit einer so kleinen Schar, aber mit fremder Hilfe, ein so grosses Land gewinnt, dann kommt es an erster Stelle auf die Taktik des Führers an. Als Sie, Genosse Lenin, mit der kleinen Schar von Proletariern den Kampf begannen, da war es an erster Stelle Ihre Taktik, die im geeigneten Moment die Schlachten schlug und die armen Bauern gewann.

Aber in Deutschland? Da schafft die klügste Taktik, die grösste Klarheit, das Genie sogar des Führers nicht sehr viel, nicht das meiste. Unerbittlich stehen dort die Klassen einander gegenüber, eine gegen alle anderen. Die proletarische Klasse muss dort selbst entscheiden. Durch ihre Macht, durch ihre Zahl. Ihre Macht aber ist, da der Feind so gewaltig und so unendlich besser als das Proletariat organisiert und bewaffnet ist, besonders In Ihrer Qualität begründet.

Sie standen den russischen besitzenden Klassen gegenüber wie David dem Goliath. David war klein, aber er hatte eine Waffe, die todsicher war. Das deutsche, das englische, das westeuropäische Proletariat steht dem Kapitalismus gegenüber als Riese gegen Riese. Bei ihnen kommt es nur auf die Kraft an. Die Kraft des Körpers und besonders die des Geistes.

Haben Sie nicht bemerkt, Genosse Lenin, dass es in Deutschland keine „grossen“ Führer gibt? Es sind alles ganz gewöhnliche Männer. Das deutet schon darauf hin, dass diese Revolution an erster Stelle das Werk der Massen, nicht der Führer sein soll.

Nach meiner Auffassung etwas Grossartiges, Grösseres, als je da war. Und ein Hinweis auf das, was der Kommunismus sein wird.

Und so, wie es in Deutschland ist, so ist es in ganz Westeuropa. Denn überall steht das Proletariat allein.

Die Revolution der Massen, der Arbeiter – einzig der Massen der Arbeiter zum ersten Male in der Weit.

Und dies nicht, weil es so gut oder so schön ist oder von jemandem erdacht, sondern weil es durch die ökonomischen‘ und Klassenverhältnisse so bedingt ist.11

Aus dieser Differenz zwischen Russland und Westeuropa folgt nun weiter:

1. Dass wenn Sie oder die Exekutive in Moskau oder die euch folgenden opportunistischen Kommunisten Westeuropas, des Spartakusbundes oder der englischen Kommunistischen Partei, sagen: Ein Kampf über die Frage Führer oder Masse ist Unsinn, dies nicht nur uns gegenüber deshalb falsch ist, weil wir noch die Führer suchen, sondern auch, weil diese Frage bei Ihnen eine ganz andere Bedeutung hat.

2. Dass, wenn Sie zu uns sagen: Führer und Masse sollen ein untrennbares Ganzes sein, dies nicht nur verkehrt ist, weil wir ja eine solche Einheit suchen, sondern auch, weil diese Frage bei uns eine andere Bedeutung hat als bei Ihnen.

3. Dass, wenn Ihr sagt: Es soll eine eisenstarke Disziplin und absolute militärische Zentralisation in der Kommunistischen Partei sein, dies nicht bloss verkehrt ist, weil wir eine eiserne Disziplin und starke Zentralisation suchen, sondern auch, weil diese Frage bei uns eine andere Bedeutung hat als bei Ihnen.

Es folgt daraus 4., dass, wenn Ihr sagt: Wir handelten so und so in Russland (zum Beispiel nach der Korniloff-Offensive oder sonst einer Episode), oder wir gingen damals in dieser oder jener Periode ins Parlament, oder wir blieben in den Gewerkschaften und deshalb soll das deutsche Proletariat auch so handeln, dass dies dann noch absolut nichts besagt, darum noch nicht zutreffend sein kann oder zu sein braucht. Denn die westeuropäischen Klassenverhältnisse im Kampf, in der Revolution, sind ganz andere als in Russland.

Und schliesslich folgt 5., dass, wenn Sie oder die Exekutive in Moskau oder die opportunistischen Kommunisten in Westeuropa uns eine Taktik aufzwingen wollen, die in Russland ganz richtig war – z. B. die darauf, bewusst oder unbewusst, berechnet ist und darauf, bewusst oder unbewusst, sich stützt, dass die armen Bauern oder andere werktätige Schichten hier bald mittun werden -, mit anderen Worten, dass das Proletariat nicht allein steht -, dass dann Eure Taktik, die Ihr vorschreibt oder die hier befolgt wird, das westeuropäische Proletariat ins Verderben und zu fürchterlichen Niederlagen führen wird.

Und schliesslich folgt hieraus 6., dass, wenn Sie oder die Exekutive in Moskau oder die opportunistischen Elemente in Westeuropa, wie die Zentrale des Spartakusbundes in Deutschland und die BSP in England, uns hier in Westeuropa zwingen wollen zu einer opportunistischen Taktik (der Opportunismus stützt sich immer auf fremde Elemente, die das Proletariat im Stich lassen!), Sie Unrecht haben.

Dies: das Alleinstehen, das keine Hilfe zu erwarten haben, die grössere Bedeutung der Masse also und die relativ kleinere der Führer – dies sind die allgemeinen Gründe, auf denen die westeuropäische Taktik sich gründen muss.

Diese wurden von Radek, als er in Deutschland war, von der Exekutive der Internationale in Moskau und von Ihnen, wie aus Ihren Worten erhellt, nicht gesehen.

Und auf diesen Gründen – dem Alleinstehen des Proletariats und der grösseren Bedeutung der Massen und der Individuen – beruht die Taktik der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der Kommunistischen Partei Sylvia Pankhursts12 und der Mehrheit der Amsterdamer Kommission, so wie sie von Moskau ernannt war.

Aus diesen Gründen versuchen sie vor allem die Massen, als Ganzes und als Individuen, auf eine viel höhere Stufe zu bringen, sie, Person pro Person, zu revolutionären Kämpfern zu erziehen dadurch, dass sie ihnen deutlich machen (nicht allein durch die Theorie, sondern besonders durch die Praxis), dass auf sie alles ankommt, dass sie von fremder Hilfe anderer Klassen nichts, von Führern wenig, von sich selbst aber alles erwarten sollen.

Theoretisch also ist, abgesehen von privaten Auslassungen, kleineren Fragen und Auswüchsen, die, wie diejenige von Wolffheim und Laufenberg, im Anfang einer Bewegung unvermeidlich sind, die Auffassung dieser Parteien und Genossen ganz richtig und Ihre Bekämpfung durchaus falsch.13

Wenn man vom Osten Europas her nach Westen wandert, überschreitet man an einer gewissen Stelle eine ökonomische Grenze. Sie läuft von der Ostsee nach dem Mittelmeer, ungefähr von Danzig nach Venedig. Diese Linie scheidet zwei Welten voneinander. Denn westlich dieser Linie herrscht das Industrie-, Handels- und Finanzkapital, vereinigt im höchst entwickelten Bankkapital, fast absolut. Das landwirtschaftliche Kapital sogar ist diesem Kapital untergeordnet oder hat sich mit ihm schon verbinden müssen. Dieses Kapital ist in höchstem Maasse organisiert und faßt sich in die festesten Staatsregierungen der Weit zusammen.

Östlich dieser Linie besteht weder diese riesige Entwicklung des konzentrierten Industrie-, Handels-, Transport-, Bankkapitals, noch seine fast absolute Vorherrschaft, noch infolgedessen der festgefügte moderne Staat.

Es wäre schon in sich selbst ein Wunder, wenn die Taktik des revolutionären Proletariats westlich dieser Grenze dieselbe sein würde als die im Osten.


Leitsätze über die Bedingungen der Aufnahme in die Kommunistische Internationale.

Der erste Kongress der Kommunistischen Internationale hat keine genauen Bedingungen für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale aufgestellt. Bis zum Augenblick der Einberufung des 1. Kongresses existierten in den meisten Ländern bloß kommunistische Richtungen und Gruppen.

Unter anderen Verhältnissen tritt der II. Kongress der Kommunistischen Internationale zusammen. Zurzeit gibt es in den meisten Ländern nicht nur kommunistische Strömungen und Richtungen, sondern kommunistische Parteien und Organisationen.

An die Kommunistische Internationale wenden sich nun oft Parteien und Gruppen, die noch vor kurzem zur II. Internationale gehörten, die jetzt in die Kommunistische Internationale eintreten wollen, aber nicht in der Tat kommunistisch geworden sind. Die II. Internationale ist endgültig zerschlagen. Die Zwischenparteien und die Gruppen des „Zentrums”, die die völlige Aussichtslosigkeit der II. Internationale einsehen, versuchen sich an die immer kräftiger werdende Kommunistische Internationale anzulehnen. Sie hoffen jedoch dabei eine solche „Autonomie” zu bewahren, die ihnen die Möglichkeit gewährt, ihre frühere opportunistische oder “Zentrumspolitik” weiterzuführen. Die Kommunistische Internationale wird gewissermaßen Mode.

Das Verlangen einiger führenden Gruppen des „Zentrums”, in die Kommunistische Internationale einzutreten, ist eine indirekte Bestätigung dessen, dass die Kommunistische Internationale die Sympathien der überwiegenden Mehrheit der klassenbewussten Arbeiter der ganzen Welt erobert hat und dass sie eine mit jedem Tage immer mehr wachsende Macht wird.

Der Kommunistischen Internationale droht die Gefahr, durch wankelmütige und durch Halbheit sich auszeichnende Elemente, welche die Ideologie der II. Internationale noch nicht endgültig abgestreift haben, verwässert zu werden.

Außerdem verbleibt in einigen großen Parteien (Italien, Schweden, Norwegen, Jugoslawien u. a.), deren Mehrheit auf dem Standpunkt des Kommunismus steht, bis zum heutigen Tage ein bedeutender reformistischer und sozialpazifistischer Flügel, der nur auf den Augenblick wartet, wieder das Haupt zu erheben, mit der aktiven Sabotage der proletarischen Revolution zu beginnen und dadurch der Bourgeoisie und der II. Internationale zu helfen.

Kein einziger Kommunist darf die Lehren der ungarischen Räterepublik vergessen. Die Verschmelzung der ungarischen Kommunisten mit den so genannten „linken” Sozialdemokraten ist dem ungarischen Proletariat teuer zu stehen gekommen.

Infolgedessen erachtet es der II. Kongress der Kommunistischen Internationale für notwendig, die Bedingungen der Aufnahme von neuen Parteien ganz genau festzulegen und diejenigen Parteien, die in die Kommunistische Internationale aufgenommen sind, auf die ihnen auferlegten Pflichten hinzuweisen.

Der II. Kongress der Kommunistischen Internationale stellt folgende Bedingungen der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale auf:

1. Die gesamte Propaganda und Agitation muss einen wirklich kommunistischen Charakter tragen und dem Programm und den Beschlüssen der Kommunistischen Internationale entsprechen. Alle Presseorgane der Partei müssen von zuverlässigen Kommunisten geleitet werden, die ihre Hingebung für die Sache des Proletariats bewiesen haben, Von der Diktatur des Proletariats darf nicht einfach wie von einer landläufigen, eingepaukten Formel gesprochen werden, sondern sie muss so propagiert werden, dass ihre Notwendigkeit jedem einfachen Arbeiter, jeder Arbeiterin, jedem Soldaten und Bauern verständlich wird aus den Tatsachen des täglichen Lebens, die von unserer Presse systematisch beobachtet und die Tag für Tag ausgenützt werden müssen.

Die periodische und nicht periodische Presse und alle Parteiverlage müssen völlig dem Parteivorstand unterstellt werden, ohne Rücksicht darauf, ob die Partei in ihrer Gesamtheit in dem betreffenden Augenblick legal oder illegal ist. Es ist unzulässig, dass die Verlage ihre Selbständigkeit missbrauchen und eine Politik führen, die der Politik der Partei nicht ganz entspricht.

In den Spalten der Presse, in Volksversammlungen, in den Gewerkschaften, in Konsumvereinen — überall, wohin sich die Anhänger der Kommunistischen Internationale Eingang verschaffen, ist es notwendig, nicht nur die Bourgeoisie, sondern auch ihre Helfershelfer, die Reformisten aller Schattierungen, systematisch und unbarmherzig zu brandmarken.

2. Jede Organisation, die sich der Kommunistischen Internationale anschließen will, muss regelrecht und planmäßig aus allen mehr oder weniger verantwortlichen Posten der Arbeiterbewegung (Parteiorganisationen, Redaktionen, Gewerkschaften, Parlamentsfraktionen, Genossenschaften, Kommunalverwaltungen) die reformistischen und Zentrumsleute entfernen und sie durch bewährte Kommunisten ersetzen, ohne sich daran zu stoßen, dass besonders am Anfang an die Stelle von „erfahrenen” Opportunisten einfache Arbeiter aus der Masse gelangen.

3. Fast in allen Ländern Europas und Amerikas tritt der Klassenkampf in die Phase des Bürgerkrieges ein. Unter derartigen Verhältnissen können die Kommunisten kein Vertrauen zu der bürgerlichen Legalität haben. Sie sind verpflichtet, überall einen parallelen Organisationsapparat zu schaffen, der im entscheidenden Moment der Partei behilflich sein wird, ihre Pflicht gegenüber der Revolution zu erfüllen. In all den Ländern, wo die Kommunisten infolge des Belagerungszustandes und der Ausnahmegesetze nicht die Möglichkeit haben, ihre gesamte Arbeit legal zu führen, ist die Kombinierung der legalen mit der illegalen Tätigkeit unbedingt notwendig.

4. Die Pflicht zur Verbreitung der kommunistischen Ideen schließt die besondere Verpflichtung zu einer nachdrücklichen systematischen Propaganda im Heere in sich. Wo diese Agitation durch Ausnahmegesetze unterbunden wird, ist sie illegal zu führen. Der Verzicht auf eine solche Arbeit würde einem Verrat an der revolutionären Pflicht gleichen und mit der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale unvereinbar sein.

5. Es ist eine systematische und planmäßige Agitation auf dem flachen Lande notwendig. Die Arbeiterklasse vermag nicht zu siegen, wenn sie nicht die Landproletarier und wenigstens einen Teil der ärmsten Bauern hinter sich und sich die Neutralität eines Teils der übrigen Dorfbevölkerung durch ihre Politik gesichert hat. Die kommunistische Arbeit auf dem flachen Lande gewinnt gegenwärtig hervorragende Bedeutung. Sie muss vornehmlich mit Hilfe der revolutionären, kommunistischen Arbeiter der Stadt und des Landes geführt werden, die mit dem flachen Lande Verbindung haben. Der Verzicht auf diese Arbeit oder deren Übergabe in unzuverlässige, halbreformistische Hände gleicht einem Verzicht auf die proletarische Revolution.

6. Jede Partei, die der Kommunistischen Internationale anzugehören wünscht, ist verpflichtet, nicht nur den offenen Sozialpatriotismus, sondern auch die Unaufrichtigkeit und Heuchelei des Sozialpazifismus zu entlarven: den Arbeitern systematisch vor Augen zu führen, dass ohne revolutionären Sturz des Kapitalismus keinerlei internationale Schiedsgerichte, keinerlei Abkommen über Einschränkung der Kriegsrüstungen, keinerlei „demokratische” Erneuerung des Völkerbundes imstande sein werden. neue imperialistische Kriege zu verhüten.

7. Die Parteien, die der Kommunistischen Internationale anzugehören wünschen, sind verpflichtet, den vollen Bruch mit dem Reformismus und mit der Politik des „Zentrums” anzuerkennen und diesen Bruch in den weitesten Kreisen der Parteimitglieder zu propagieren. Ohne das ist eine konsequente kommunistische Politik nicht möglich.

Die Kommunistische Internationale fordert unbedingt und ultimativ die Durchführung dieses Bruches in kürzester Frist. Die Kommunistische Internationale vermag sich nicht damit abzufinden, dass notorische Opportunisten, wie sie jetzt durch Turati, Modigliani, Kautsky, Hilferding, Hillquith, Longuet, Macdonald u. a. repräsentiert werden, das Recht haben sollen, als Angehörige der Kommunistischen Internationale zu gelten. Das könnte nur dazu führen, dass die Kommunistische Internationale in hohem Maße der zugrunde gegangenen II. Internationale ähnlich werden würde.

8. In der Frage der Kolonien und der unterdrückten Nationen ist eine besonders ausgeprägte und klare Stellung der Parteien in denjenigen Ländern notwendig, deren Bourgeoisie im ‘Besitz von Kolonien ist und andere Nationen unterdrückt. Jede Partei, die der Kommunistischen Internationale anzugehören wünscht, ist verpflichtet, die Kniffe „ihrer” Imperialisten in den Kolonien zu entlarven, jede Freiheitsbewegung in den Kolonien nicht nur in Worten, sondern durch Taten zu unterstützen, die Verjagung ihrer einheimischen Imperialisten aus diesen Kolonien zu fordern, in den Herzen der Arbeiter ihres Landes ein wirklich brüderliches Verhältnis zu der arbeitenden Bevölkerung der Kolonien und zu den unterdrückten Nationen zu erziehen und in den Truppen ihres Landes eine systematische Agitation gegen jegliche Unterdrückung der kolonialen Völker zu führen.

9. Jede Partei, die der Kommunistischen Internationale anzugehören wünscht, muss systematisch und beharrlich eine kommunistische Tätigkeit innerhalb der Gewerkschaften, der Arbeiter- und Betriebsräte, der Konsumgenossenschaften und anderer Massenorganisationen der Arbeiter entfalten. Innerhalb dieser Organisationen ist es notwendig, kommunistische Zellen zu organisieren, die durch andauernde und beharrliche Arbeit die Gewerkschaften usw. für die Sache des Kommunismus. gewinnen sollen. Die Zellen sind verpflichtet, in ihrer täglichen Arbeit überall den Verrat der Sozialpatrioten und die Wankelmütigkeit. des „Zentrums” zu entlarven. Die kommunistischen Zellen müssen der Gesamtpartei vollständig untergeordnet sein.

10. Jede der Kommunistischen Internationale angehörende Partei ist verpflichtet, einen hartnäckigen Kampf gegen die Amsterdamer „Internationale” der gelben Gewerkschaftsverbände zu führen. Sie muss unter den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern die Notwendigkeit des Bruches mit der gelben Amsterdamer Internationale nachdrücklichst propagieren. Mit allen Mitteln hat sie die entstehende internationale Vereinigung der roten Gewerkschaften, die sich der Kommunistischen Internationale anschließen, zu unterstützen.

11. Parteien, die der Kommunistischen Internationale angehören wollen, sind verpflichtet, den persönlichen Bestand ihrer Parlamentsfraktionen einer Revision zu unterwerfen, alle unzuverlässigen Elemente aus ihnen zu beseitigen, diese Fraktionen nicht nur in Worten, sondern in der Tat den Parteivorständen unterzuordnen, indem von jedem einzelnen kommunistischen Parlamentsmitglied gefordert wird, seine gesamte Tätigkeit den Interessen einer wirklich revolutionären Propaganda und Agitation zu unterwerfen.

12. Die der Kommunistischen Internationale angehörenden Parteien müssen auf der Grundlage des Prinzips des demokratischen Zentralismus aufgebaut werden. In der gegenwärtigen Epoche des verschärften Bürgerkrieges wird die kommunistische Partei nur dann imstande sein, ihrer Pflicht zu genügen, wenn sie auf möglichst zentralistische Weise organisiert ist, wenn eiserne Disziplin in ihr herrscht und wenn ihr Parteizentrum, getragen von dem Vertrauen der Parteimitgliedschaft, mit der Fülle der Macht, Autorität und den weitgehendsten Befugnissen ausgestattet wird.

13. Die kommunistischen Parteien derjenigen Länder, in denen die Kommunisten ihre Arbeit legal führen, müssen von Zeit zu Zeit Säuberungen (Neuregistrierungen) des Bestandes ihrer Parteiorganisation vornehmen, um die Partei von den sich in sie einschleichenden kleinbürgerlichen Elementen systematisch zu reinigen.

14. Jede Partei, die der Kommunistischen Internationale anzugehören wünscht, ist verpflichtet, jeder Sowjetrepublik in ihrem Kampfe gegen die konterrevolutionären Kräfte bedingungslosen Beistand zu leisten. Die kommunistischen Parteien müssen eine unzweideutige Propaganda führen zur Verhinderung des Transports von Kriegsmunition an Feinde der Sowjetrepubliken; ferner müssen sie unter den zur Erdrosselung von Arbeiterrepubliken entsandten Truppen mit allen Mitteln legal oder illegal Propaganda treiben usw.

15. Parteien, die bisher noch ihre alten sozialdemokratischen Programme beibehalten haben, sind verpflichtet, in möglichst kurzer Zeit diese Programme zu ändern und entsprechend den besonderen Verhältnissen ihres Landes ein neues kommunistisches Programm im Sinne der Beschlüsse der Kommunistischen Internationale auszuarbeiten. In der Regel muss das Programm jeder zur Kommunistischen Internationale gehörenden Partei von dem ordentlichen Kongress der Kommunistischen Internationale oder dem Exekutivkomitee bestätigt werden. Im Fall der Nichtbestätigung des Programms einer Partei durch das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale hat die betreffende Partei das Berufungsrecht an den Kongress der Kommunistischen Internationale.

16. Alle Beschlüsse der Kongresse der Kommunistischen Internationale wie auch die Beschlüsse ihres Exekutivkomitees sind für alle der Kommunistischen Internationale angehörenden Parteien bindend. Die unter den Bedingungen des schärfsten Bürgerkrieges tätige Kommunistische Internationale muss bei weitem zentralisierter aufgebaut werden, als das in der II. Internationale der Fall war. Dabei müssen selbstverständlich die Kommunistische Internationale und ihr Exekutivkomitee in ihrer gesamten Tätigkeit den verschiedenartigen Verhältnissen Rechnung tragen, unter denen die einzelnen Parteien zu kämpfen und zu arbeiten haben, und Beschlüsse von allgemeiner Gültigkeit nur in solchen Fragen fassen, in denen solche Beschlüsse möglich sind.

17. Im Zusammenhang damit müssen alle Parteien, die der Kommunistischen Internationale angehören wollen, ihre Benennung ändern. Jede Partei, die der Kommunistischen Internationale angehören will, hat den Namen zu tragen: Kommunistische Partei des und des Landes (Sektion der Kommunistischen Internationale). Die Frage der Benennung ist nicht nur eine formelle, sondern in hohem Masse eine politische Frage von großer Wichtigkeit. Die Kommunistische Internationale hat der ganzen bürgerlichen Welt und allen gelben sozialdemokratischen Parteien den Krieg erklärt. Es ist notwendig, dass jedem einfachen Werktätigen der Unterschied zwischen den kommunistischen Parteien und den alten offiziellen „sozialdemokratischen” oder „sozialistischen Parteien, die das Banner der Arbeiterklasse verraten haben, klar ist.

18. Alle führenden Presseorgane der Parteien aller Länder sind verpflichtet, alle wichtigen offiziellen Dokumente des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale abzudrucken.

19. Alle Parteien, die der Kommunistischen Internationale angehören oder einen Antrag auf Beitritt gestellt haben, sind verpflichtet, möglichst schnell, aber spätestens 4 Monate nach dem II. Kongress der Kommunistischen Internationale einen außerordentlichen Kongress einzuberufen, um alle diese Bedingungen zu prüfen. Dabei müssen die Zentralen dafür sorgen, dass allen Lokalorganisationen die Beschlüsse des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale bekannt werden.

20. Diejenigen Parteien, die jetzt in die Kommunistische Internationale eintreten wollen, aber ihre bisherige Taktik nicht radikal geändert haben, müssen vor ihrem Eintritt in die Kommunistische Internationale dafür sorgen, dass nicht weniger als zwei Drittel der Mitglieder ihrer Zentralkomitees und aller wichtigsten Zentralinstitutionen aus Genossen bestehen, die sich noch vor dem II. Kongress der Kommunistischen Internationale unzweideutig für den Eintritt der Partei in die Kommunistische Internationale öffentlich ausgesprochen haben. Ausnahmen sind zulässig mit Zustimmung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale. Die Exekutive der Kommunistischen Internationale hat das Recht, auch für die im § 7 genannten Vertreter der Zentrumsrichtung Ausnahmen zu machen.

21. Diejenigen Parteiangehörigen, welche die von der Kommunistischen Internationale aufgestellten Bedingungen und Leitsätze grundsätzlich ablehnen, sind aus der Partei auszuschließen.

Dasselbe gilt namentlich von Delegierten zum außerordentlichen Parteitage.


1Anm., wir haben im Anhang den gesamten Text hinzugefügt.

2Anm., Texte von Otto Rühle sind auf unseren Blog hier zu finden: https://panopticon.noblogs.org/post/category/texte-2/otto-ruhle/

3Anm., Texte von André und Dori Prudhommeuax – wir arbeiten noch am Projekt viele seiner Schriften zu veröffentlichen – auf unseren Blog hier zu finden: https://panopticon.noblogs.org/post/category/texte-2/andre-und-dori-prudhommeaux/

4Anm., wir haben im Anhang den gesamten Text hinzugefügt.

5Anmerkung der Herausgeber: Die KAPD will allerdings noch mehr, sie verlangt In Immer steigendem Maasse das: Von unten auf.

6Sie schreiben z. B. in „Staat und Revolution“ (S. 67): Die vorwiegende Majorität der Bauernschaft ist In jedem kapitalistischen Lande, das eine Bauernschaft überhaupt aufweist, von der Regierung unterdrückt und lechzt nach deren Sturz, nach einer wohlfeilen‘ Regierung. Das zu verwirklichen, ist allein das Proletariat berufen.“ . . . Die Schwierigkeit ist aber, dass die Bauernschaft nicht lechzt nach dem Kommunismus.

7Die agrarischen Thesen von Moskau geben dies zu.

8Für Schweden und Spanien habe Ich die statistischen Daten nicht.

9In der Broschüre „Die Weltrevolution“ habe Ich schon mit sehr grossem Nachdruck auf diesen Unterschied zwischen Russland und Westeuropa hingewiesen. Die Entwicklung der deutschen Revolution hat mich gelehrt, dass mein Urteil noch zu optimistisch war. In Italien werden die armen Bauern vielleicht mit dem Proletariat gehen.

10Sie, Genosse, werden gewiss nicht, wie die kleinen Geister, dadurch einen Kampf zu gewinnen suchen, dass Sie Behauptungen Ihres Gegners zu absolut auffassen. Meine obige Bemerkung ist daher nur für jene bestimmt.

11Ich schweige hier ganz davon, dass durch dies andere Zahlenverhältnis (20 Millionen auf 70 Millionen in Deutschland!) die Bedeutung der Masse und der Führer und das Verhältnis von Masse, Partei und Führer auch im Gange und am Ende der Revolution hier andere sein werden als in Russland. Eine Besprechung dieser Frage, die an sich äusserst wichtig ist, würde mich jetzt zu weit führen.

12Bis jetzt wenigstens.

13Es Ist mir aufgefallen, dass Sie bei Ihrer Bekämpfung fast immer von privaten, nicht von offiziellen gegnerischen Auffassungen Gebrauch machen.

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