Kritik und Analyse des Anarchismus heute

Kritik und Analyse des Anarchismus heute

Von Claudio Lavazza und Giovanni Barcia, FIES Gefangene, 16.02.1998

Editorial

Claudio Lavazza und Giovanni Barcia sind die Verfasser dieser kurzen Broschüre. Beide sind unter dem so genannten FIES-Gefängnisregime (Fichero de Internos de Especial Seguimiento) inhaftiert; ein Knastregime, das aufgrund seiner besonderen Grausamkeit den Menschen, die es erleiden, schwere physische und psychische Schäden zufügt (22 Stunden in der Zelle, und wenn sie auf den Hof gehen dürfen, gehen sie allein oder in Begleitung eines anderen Gefangenen; Isolationshaft, ständige Schläge, tägliche Leibesvisitation, …).

Aber weder sie noch andere Gefangene in ihrer Situation haben sich in die Käfige des Staates gebeugt; deshalb haben sie einen unbefristeten Hungerstreik begonnen, der sich auf drei Punkte in ihren Forderungen stützt:

– Das Ende des FIES-Regimes.
– Das Ende der Zerstreuung der Gefangenen.
– Die Entlassung aus dem Knast von todkranken Gefangenen.

Ihr Kampf darf nicht nur in den Kerkern eingeschlossen bleiben, sondern muss auch auf der Straße ausgetragen werden. Deshalb haben die Juventudes Libertarias aus Burgos beschlossen, diesen Text neu zu veröffentlichen, dessen Erlös dem Kampf gegen die Knäste zugute kommt.

Sowohl Claudio als auch Giovanni sind zwei Anarchisten, die in ihrem Leben nie in ihrer Entschlossenheit gezögert haben, und weiterhin nicht zögern, das System zu beseitigen und dabei alle Gefahren auf sich zu nehmen und sogar ihre FREIHEIT zu verlieren.

Im Sinne dieser beiden Revolutionäre kritisieren wir die bequeme Position einiger Anarchisten, die in eine große „demokratisierende“ Strömung eingetaucht sind und es unter anderem vorziehen, nicht auf die Schreie dieser Gefangenen zu hören.

NIEDER MIT DEN GEFÄNGNISMAUERN!
Solidarität mit den FIES-Gefangenen im Hungerstreik.


Kritik und Analyse des Anarchismus heute

Unsere Überzeugungen ermutigen uns, uns ohne Gewissensbisse als Anarchisten zu bezeichnen. Alle AnarchistInnen, weil sie so sind, sind gegen jede Form von Macht, denn dort beginnt die Ausbeutung der Menschen. Diejenigen, die dieses unmenschliche Verhältnis ablehnen, sind also gegen den Staat, weil er die Organisation der Macht in der Gesellschaft darstellt; sie sind gegen die Kirchen, weil sie Institutionen sind, die materielle und geistige Herrschaft ausüben, indem sie die religiösen und moralischen Gefühle der Massen ausnutzen, die die Reichen rechtfertigen, sie verteidigen und mit ihnen Privilegien und Reichtum, Mitschuld und Verantwortung an der Unterdrückung der Bevölkerung teilen. Kurz gesagt, wir AnarchistInnen sind gegen die Institutionen, denn sie sind die ideologischen Ursachen für die Ausbeutung, den Hunger, des Diebstahls mittels des Eigentum, der Lügen, der Degenerationen, der Repressionen und der Massaker an Tausenden von Menschen auf der ganzen Welt. Wir sind davon überzeugt (im Gegensatz zu jeder anderen Ideologie), dass die Gesellschaft, die menschliche Gemeinschaft, so organisiert werden kann, dass das Individuum allein die Freiheit der Selbstbestimmung hat, sich selbst zu regieren, alle seine Möglichkeiten zu entwickeln und zu bereichern, seinen eigenen existenziellen Weg zu wählen, mit der Sensibilität, die es auszeichnet. Dies ist die reine Essenz der Ideen, die vom revolutionären Standpunkt aus nicht in Frage gestellt werden können.

Daher beschränken sich AnarchistInnen nicht auf die mystische Betrachtung der hypothetischen Gesellschaft von morgen. Deshalb fühlen wir uns berechtigt, diejenigen zu kritisieren, die angesichts konkreter Sabotageakte und Angriffe auf das System der Unterdrückung alle GefährtInnen anklagen und kriminalisieren, die mit der libertären Praxis übereinstimmen; GefährtInnen, die aus dem Mut der Freiheit heraus den Mut haben, unsere Ideen zu bekräftigen, mit der Kohärenz der Zeiten des sozialen Friedens, Zeiten des Kompromisses für die einen, und der Realität des sozialen Krieges für die anderen. Im heterogenen anarchistischen Universum gibt es leider eine Gruppe von Individuen, die gut im System etabliert sind, mit dem sie autoritäre Tendenzen und Privilegien teilen und diese nennen sich AnarchistInnen. Es gibt einige, die einen großen Verstand haben, und andere, die über ein beachtliches Bankkonto und sozialen Status verfügen; andere sind Professoren und unterstützen die Institutionen. Kurzum, sie alle manifestieren ihren besonderen Anarchismus mit perfekten und prächtigen Artikeln in Zeitungen oder in gut gepflegten und sehr teuren Büchern. Sie haben außerdem die Besonderheit, dass sie sehr darauf bedacht sind, sich klar gegen Staat und Kapital zu äußern. Sie haben Angst, ihre Privilegien zu verlieren, die Ehrlichkeit ihrer Bankkonten, den Seelenfrieden, den sie gewonnen haben. Sie teilen die Mentalität und die Verhaltensweisen der politischen Menschen der bestehenden Macht. In der Presse des „demokratischen Regimes“ werden sie als die guten AnarchistInnen dargestellt, die mit einem großen „A“, weil sie eine ideale Gesellschaft predigen, die die anderen erreichen müssen, und für die sie nicht bereit sind, sich mit den Herrschenden anzulegen: sie sind krank vor Angst vor ihren HerrInnen und schreien wie verrückt ihre Verurteilung gegen jeden Angriffs gegen die Unterdrückung aus. Sie verteidigen die Strukturen und die TrägerInnen der Macht, sie verkaufen diesen, der auferlegten sozialen Befriedung, „Gewehre und Koffer“.

Auf der anderen Seite gibt es anarchistische GefährtInnen, die ein Konzept des Anarchismus haben, das weder die Notwendigkeit eines verallgemeinerten Aufstandes noch die Notwendigkeit einer unmittelbaren individuellen Revolte leugnet; sie sind es, die die wahre libertäre Kultur, die authentische Anarchie, verteidigen, ohne Angst vor den Konsequenzen ihrer Ideen; deshalb verstehen sie nicht nur das Bedürfnis der Massen nach einem Aufstand, sondern auch das Bedürfnis jedes Einzelnen, der sich in der heutigen Gesellschaft unterdrückt, verstümmelt, in seiner eigenen Würde beleidigt fühlt, frei zu sein, und dass angesichts dieser Situation eine Rebellion stattfindet. Es ist sicherlich nicht möglich, das riesige anarchische Universum auf einen einzigen Standpunkt zu reduzieren, da es aus vielen Standpunkten besteht, so vielen wie die Individuen, die es bilden. Wir werden daher versuchen, einige Charakterisierungen vorzunehmen, mit der klaren Absicht, eine lebendige und konstruktive Debatte zu erreichen: die Notwendigkeit, aus der derzeitigen Apathie und dem Mangel an Initiative auszubrechen.

Wir sind der festen Überzeugung, dass jeder von nun an seine Selbstbestimmung nicht wegen eines falschen Versprechens eines nicht existierenden sozialen Friedens aufgeben muss; oder wegen der Angst vor dem Knast; oder wegen der historischen Illusion, dass nur die Kräfte der Massen der Ausgebeuteten, der Unterdrückten, der Ausgeschlossenen eines Tages den Traum von einer Welt frei von der Präsenz des Kapital-Staates, der unser Leben und unsere Zukunft kontrolliert, verwirklichen können.

Aber was verstehen wir unter individueller Selbstbestimmung? Nun, wenn du kein Haus hast, dann besetze eines; und wenn die Polizei kommt und dich vertreibt, dann besetze ein anderes; wenn du keine ökonomischen Ressourcen hast, dann gehe zur Verteilung des in den kapitalistischen Zentralen akkumulierten Reichtums über, in dem Bewusstsein, dass der Reichtum allen gehört und uns entrissen wurde, was sich in Angriffen auf Banken und Zentralen äußert, wo sich der Reichtum, das Produkt der Ausbeutung der Bevölkerung, weiter anhäuft. Wir denken, dass es notwendig ist, sich eine ausreichende Würde anzueignen, die uns dazu bringt, die Haltung des Mitleids aufzugeben und das Kapital anzugreifen, ohne Angst zu haben, das Elend zu verlieren, das es uns gewährt. Hausbesetzungen und Enteignungen sind Reaktionen und Haltungen, die nicht von AnarchistInnen erfunden wurden, sondern Tatsachen, die heute so weit verbreitet sind, dass das System sie inmitten vieler Schwierigkeiten kaum eindämmen kann.

Wir sind der festen Überzeugung, dass der so genannte „soziale Rebell“, der seine Würde gegen eine Macht verteidigt, die ihn in die Sklaverei und die Erniedrigung der Lohnarbeit zwingen will, stark ist. In diesem Zusammenhang haben wir AnarchistInnen die Pflicht und die Kohärenz, an ihrer Seite zu stehen und ihnen eine Rechtfertigung und einen Grund für ihre Aktionen zu geben, um morgen vereint im entscheidenden Kampf für die revolutionäre soziale Emanzipation anzukommen.

Wir sind der festen Überzeugung, dass die anarchischen RebellInnen mehr tun müssen, als die Rebellion der Ausgeschlossenen für eine angenehmere Lebensweise zu fordern. Der Angriff auf den Staat-Kapital ist von unschätzbarem Wert, weil er die Gesellschaft in ständigen Konflikten hält, die die Projekte des sozialen Friedens der demokratischen Doktrinen und derjenigen herausfordern, die die Bewegung immer zurückgehalten haben, in der Überzeugung, dass der Staat und das Kapital unbesiegbar sind. Deshalb ist es notwendig, die Methoden zu verstehen und anzuwenden, die weder dem Gesetz der Reichen und Mächtigen noch ihren Kodizes oder dem elenden Diskurs gehorchen, der im demokratischen Rahmen umschrieben wird…

Daher haben wir eine breite Palette von Methoden: von Flugblättern über das Anpöbeln von Politikern, die Besetzung verlassener Räume, Sabotage, militärische oder soziale Totalverweigerung, die Enteignung des in Banken oder Supermärkten akkumulierten Reichtums, die Ablehnung von Steuern, mit denen Dinge finanziert werden, die wir nicht wollen, bis hin zu den Kämpfen von Gefangenen. Für anarchistische RebellInnen gibt es keinen Dialog mit der Macht und ihren Institutionen: Es kann keinen Dialog geben, es gibt nur Konflikt und Konfrontation. Es gibt einen gemeinsamen Horizont für alle, nämlich die ideale Spannung, die Ethik eines Verhaltens, das die Existenz jedes Einzelnen erfüllt, der sich in diesem Anarchismus wiederfindet, der sich nicht auf die „Staatsräson“ reduzieren lässt, ein Konzept der Revolte in verstreuter Ordnung, weit entfernt von einer Vision, die sich den Zahlen und dem zahlenmäßigen Wachstum einer politischen und opportunistischen Vernunft unterordnet. Ein Konzept des qualitativen Wachstums in völlig neuen Formen der Assoziation, der Beziehung zu anderen Individuen mit einem Prinzip der Selbstbestimmung von Wesen, die in sich selbst die Gründe für ihre Existenz finden, und von Angriffen auf den Staat und das Kapital. Wir sind uns bewusst, dass wir in einem Kriegszustand leben, einem sozialen Krieg, in dem es keinen Raum und keine Zeit mehr für eine Vermittlung gibt, denn die Macht hat seit unserer Geburt keine Sekunde damit verschwendet, sich zu unserem natürlichen Feind zu erklären.

Wir sind fest davon überzeugt, dass es unsere GefährtInnen sind, die jeden Tag an Drogen oder vergleichbaren Krankheiten sterben, Opfer eines schmutzigen Geschäfts, das kriminelle Gruppen (Mafia-Knäste) ernährt, die überall auf dem Planeten etabliert sind und eindeutige Beziehungen zu Regierungen und Bankensystemen unterhalten. Es sind unsere GefährtInnen, die jeden Tag in den Gefängnissen die für die Armen reserviert sind, als Opfer der sozialen Verhältnisse und der Schläge und Folterungen der HenkerInnen, die von den MachthaberInnen bezahlt werden, sterben. Unsere GefährtInnen sind diejenigen, die bei Arbeitsunfällen ums Leben kommen, die Opfer auf den Schlachtfeldern der Arbeit, die Opfer der Lohnarbeit. Wir sind mit dem Herzen und mit dem Materialismus der Existenz von Tausenden von Menschen, die leiden und kämpfen, um die Fahne der Würde der freien Individuen hochzuhalten, überzeugt, dass mit unseren Feinden nicht über die Freiheit verhandelt wird: sie wird genommen. Wer heute nicht frei ist, kann morgen frei sein?

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