Biopolitik des Krieges und verzerrte bipolare Sichtweise

Die Übersetzung ist von uns.


Biopolitik des Krieges und verzerrte bipolare Sichtweise

Wenn ein Krieg ausbricht, treten Tendenzen, die bereits existierten, aber verborgen oder geleugnet werden konnten, vollends zutage. Vor dem Krieg ist es leicht, etatistische Attitüden mit antiautoritärer Rhetorik zu verschleiern, doch in Kriegszeiten wird deutlich, wie falsch und heuchlerisch diese Rhetorik sein kann. Im folgenden Kommentar zeigen wir dies am Beispiel von Solidarity Collectives und ihren Unterstützern auf.

In einem Artikel der Solidarity Collectives finden sich Passagen, die sich auf Foucaults These zur Biopolitik beziehen: „Die Biopolitik des modernen Staates beschränkt sich nicht auf Straf- oder Verbotsfunktionen; sie überwacht Geburten- und Sterberaten, schreibt Impfungen vor, erzwingt Quarantänen und Mobilisierungsmaßnahmen.“

Diese Aussage ist zwar wahr, wird im Fall von Solidarity Collectives jedoch auf manipulative und selektive Weise nur auf die einfallende russische Armee und die russischen Staatsbehörden angewendet. Ihr Artikel lenkt die Aufmerksamkeit auf die Entführung von Kindern und ihre erzwungene Assimilation. Allerdings widmet weder dieser noch irgendein anderer ihrer Artikel den Entführungen von Männern durch die ukrainische Armee und deren Zwangseinsatz an der Front, wo sie oft sterben, obwohl sie lieber weggehen und sich in Sicherheit bringen würden, die gleiche Aufmerksamkeit.

Solidarity Collectives setzt seine Kriegspropaganda fort, indem es behauptet: „Dank einer Studie der Yale University, die im Rahmen der Kampagne ‚Bring Kids Back UA‘ durchgeführt wurde, wissen wir derzeit von 19.546 Kindern, die gewaltsam in das Gebiet der Russischen Föderation gebracht oder deportiert wurden – doch die tatsächliche Zahl der Kinder lässt sich unter den Bedingungen der Besatzung und aktiver Feindseligkeiten nicht berechnen.“

Warum nennen wir das Kriegspropaganda? Weil dabei Informationen selektiv verwendet werden, um einen kriegführenden Staat als Aggressor und andere staatliche (oder pro-staatliche) Akteure als unschuldige Opfer darzustellen. Sie sprechen von 19.546 gewaltsam vertriebenen Kindern. Obwohl die Zahl der Männer in der Ukraine, die gewaltsam an die Front verschleppt wurden, diese Zahl übersteigt, erwähnen sie diese Zahl nicht und schreiben auch nicht darüber, dass dies geschieht und dass es notwendig ist, dagegen anzukämpfen, genauso wie es notwendig ist, gegen die Entführung von Kindern durch die Russische Föderation anzukämpfen.

Solidarity Collectives fahren fort: „Dies ist ein Lehrbuchbeispiel für Biopolitik im totalitären Stil: Unter dem Vorwand der ‚Rettung‘ oder ‚Evakuierung‘ wird das Kind zum Objekt staatlicher Politik – sein Leben wird geplant, verändert und instrumentalisiert, als wäre es kein Mensch, sondern ein Werkzeug. Im Grunde ist es die Kolonisierung der Zukunft.“

Auch hier kann man zustimmen. Und wieder kann man die Frage stellen: Warum nehmen Solidarity Collectives nicht dieselbe Perspektive ein gegenüber den Proletariern, die in der Ukraine zum Gegenstand der ukrainischen Staatspolitik werden – deren Leben geplant, verändert und instrumentalisiert wird, als wären sie keine Menschen, sondern Werkzeuge?

Es gibt viele Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart dafür, dass Krieg Menschen nicht nur durch Auslöschung zerstört, sondern auch durch den Druck, den Charakter derer zu verändern, die es schaffen zu überleben. Opfer des Krieges werden oft selbst zu Aggressoren oder zu offenen oder „stillen“ Unterstützern von Aggressoren. Sie sind sensibel für bestimmtes Leid, bleiben aber anderen gegenüber gleichgültig. Zum Beispiel drücken sie Mitgefühl für Kinder aus, die von der Invasionsarmee entführt wurden, aber Männer, die von der „heimischen“ Armee entführt und in den Tod geschickt werden, erhalten kein solches Mitgefühl. Hier herrscht eine verzerrte bipolare Sichtweise: Die Invasionsarmee ist das absolut Böse, die Armee des besetzten Staates das reine Gute. Es werden nur zwei Pole gesehen, nichts dazwischen. Zudem werden diese Pole oft in abstrakter Rhetorik von Gut gegen Böse beschrieben oder durch die Reproduktion falscher Gegensätze wie Faschismus gegen Antifaschismus, Diktatur gegen Demokratie, Imperialismus gegen Antiimperialismus usw.

Wenn die Wahrnehmung der Kriegssituation so verzerrt ist, ist es kein Wunder, dass die Entführung von Kindern durch die russische Armee als Kriegsverbrechen dargestellt wird – was sie zweifellos ist –, während die Entführung von Männern im wehrfähigen Alter als notwendige Verteidigung bezeichnet oder sogar ganz ignoriert wird. Diejenigen, die diese Logik vertreten, werfen ihren Kritikern Putinismus vor oder dass sie pro-russische Propaganda verbreiten. Ihnen zufolge dürfen wir die Entführungen und das erzwungene Opfer von Männern in der Ukraine nicht thematisieren, weil Putin dieses Phänomen in seiner Kriegspropaganda nutzt. Als ob unsere Gründe, über etwas zu sprechen, dieselben wären wie Putins Motive. Wir müssen über wichtige Themen sprechen, auch wenn unser Feind dieselben Themen ausnutzt. Wir müssen unsere unterschiedlichen Beweggründe klar offenlegen und so zu einer umfassenden Lösung beitragen, die neben der Bekämpfung von Entführungen – sowohl durch Russland als auch durch die Ukraine – auch die Bekämpfung von Putins Propaganda und der Praktiken aller imperialistischen Blöcke umfasst.

Wir kritisieren hier etwas, das denjenigen wohlbekannt ist, die auf die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs zurückblicken. Hitler, die Nazis, Gaskammern, der Holocaust, Kriegsexpansion – all das wurde genutzt, um das Schweigen über Stalins Gulags oder die Repression der Arbeiterbewegung in Amerika und Großbritannien zu rechtfertigen. Aber nicht nur, um zu schweigen, sondern auch, um sich im Namen der antifaschistischen Volksfront mit dem amerikanischen, britischen und „sowjetischen“ Imperialismus zu verbünden. Andere Zeiten, andere Kriege, aber immer noch dieselbe Tendenz, die heimische Tyrannei zu „verteidigen“ oder herunterzuspielen, weil der „äußere“ Feind als der größte und bedrohlichste von allen dargestellt wird und darüber hinaus die Tyrannei in bestimmten Gebieten in seiner Propaganda ausnutzt, um seine eigene Tyrannei zu „verteidigen“.

Solidarity Collectives sagen: „Russland tarnt seine Aggression oft als ‚antifaschistischen Kampf‘ und beruft sich dabei auf Befreiungsrhetorik, aber die Praxis der Deportation, der erzwungenen Russifizierung und der Auslöschung der Identität von Kindern ist keine humanitäre Mission. Es ist ein Akt imperialer Gewalt, gerechtfertigt durch die Logik der Biopolitik.“

Dem stimmen wir zu. Wir möchten jedoch eine wichtige Tatsache hinzufügen: Die Ukraine tarnt ihre Aggression oft als „antiimperialistischen Kampf“ und beruft sich dabei auf Befreiungsrhetorik, aber die Praxis von Deportationen, Zwangsrekrutierung und Reiseverboten aus dem Kriegsgebiet ist keine humanitäre Mission. Es ist ein Akt imperialer Gewalt, gerechtfertigt durch die Logik der Biopolitik.

Und all jenen, die diese Gewalt herunterspielen möchten, indem sie ihren imperialistischen Charakter in Frage stellen, möchten wir eine Tatsache in Erinnerung rufen: Die ukrainische Armee ist auf militärische Lieferungen des europäischen und amerikanischen Imperialismus angewiesen, daher lässt sich kaum argumentieren, dass es auf der einen Seite einen imperialistischen Aggressor – Russland – und auf der anderen Seite ein sich verteidigendes, nicht-imperialistisches Opfer – die Ukraine – gibt. Ein Verbündeter der imperialistischen Mächte kann seine Beteiligung an imperialistischer Aggression kaum leugnen. Die imperialistischen Akteure, die die Ukraine mit militärischer Ausrüstung versorgen, beliefern damit auch Israel, das in Gaza einen Genozid begeht. Diese Zusammenhänge zu ignorieren, wird uns sicherlich nicht dabei helfen, eine ernsthafte Analyse zu entwickeln, die es uns ermöglichen würde, die Realität konstruktiv zu verändern. Schlechte Analysen führen zu schlechten Schlussfolgerungen, und schlechte Schlussfolgerungen führen zu tragischen Praktiken.

Anonyme Anarchistinnen und Anarchisten

Februar 2026

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