Von uns übersetzt.
(Uruguay) Círculo Anárquico Villa Española.
Sozialer- und Klassenantagonismus in Griechenland (1975–1985)
Nichts entsteht aus dem Nichts – die griechische anarchistische Bewegung stand in letzter Zeit im Fokus aller. Leider auch für die Repressionsapparate. Dass sie nun im Gespräch ist, liegt nicht nur an den langen Haftstrafen und der extremen Repression, die sie erdulden musste, sondern auch an den Kämpfen, die sie geführt hat, an denen sie sich beteiligt und die sie vorangetrieben hat. Die Taktiken der Gefährten und ihr Mut haben uns alle in letzter Zeit dazu gebracht, unsere Aufmerksamkeit auf sie zu richten. Als Teil der jüngsten großen Aufstände im griechischen Staat hat sich die anarchistische Bewegung nicht nur als heterogen, sondern auch als sehr geschickt erwiesen und den Liebhabern der konformistischen Ruhe einmal mehr gezeigt, wie man konsequent ist.
Das hat sich aber nicht von selbst und plötzlich so ergeben – es war ein langer Weg aus Arbeit und direkter Aktion, der die Bewegung zu einer Kraft gemacht hat, die von den Mächtigen und ihren Handlangern gleichermaßen respektiert wie unterdrückt wird.
Deshalb haben wir einen Text übersetzt, der einen Ausschnitt aus der Geschichte der griechischen antagonistischen Bewegung schildert.
„Sozialer und antagonistischer Klassenantagonismus in Griechenland (1975–1985)“ ist ein Text, den wir unseren Lesern und Freunden über die Anfänge dieser anarchistischen Bewegung präsentieren, mit den Feuerproben einiger bedeutender Ereignisse in der Geschichte des Kampfes in diesem Land.
Círculo Anárquico Villa Española.
Montevideo.
23. Juli 1975, 25. Mai 1976: Die Arbeiter sind Provokateure…
Nach dem Sturz der Obristen (Juli 1974) und der Rückkehr zur „demokratischen Normalität“1 waren der soziale und Klassenantagonismus in Griechenland sehr tiefgreifend. Hunderte von Kämpfen – oft außerhalb der gewerkschaftlichen/syndikalistischen Linie – endeten in harten Auseinandersetzungen. Das geschah so um 1980.
In den ersten Jahren nach dem Sturz der Diktatur und bis etwa 1977 waren die Arbeiterkämpfe – in Form von wilden Streiks2, Besetzungen und Demonstrationen – die Spitze des Klassenantagonismus.
Es handelte sich um einen massiven Aufstand der Arbeiter, der sich zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten entwickelte und durch die „politische Lösung“ der Sozialdemokratie sowie die „Produktionsumstrukturierung“ der 80er Jahre ausgelöst wurde – deren Folgen wir seit Ende der 80er Jahre bis heute spüren…
23. Juli 1975: Landesweiter Streik der Bauarbeiter
Der Streik vom 23. Juli fand gegen den Willen der Arbeitergewerkschaft/Arbeitersyndikat statt. Die Streikenden trafen sich im Zentrum von Athen, im Peroké-Theater. Nach dem Treffen wurde ein Marsch zum Arbeitsministerium ausgerufen. Kurz nachdem der Marsch begonnen hatte, verbot die Polizei den Demonstranten, weiterzuziehen. Die Gewerkschafter/Syndikalisten der K.K.E. (Griechische Kommunistische Partei) erreichten durch Vermittlung die Erlaubnis, weiterzuziehen, mussten dafür aber die Route des Marsches auf Nebenstraßen verlegen und durften nicht über die Hauptstraße, die Kostantinou-Allee, gehen. Die Demonstranten beschlossen jedoch, weiter über die Straße Kostantinou zu ziehen, woraufhin der Polizeichef den Befehl gab, den Marsch aufzulösen. Die sofortige Reaktion der Demonstranten war, eine große Menge Steine und Ziegelsteine auf die Polizei zu werfen. Nach zehn Uhr morgens trafen die gepanzerten Fahrzeuge ein und es begann ein Regen aus Tränengasgranaten. Die Demonstranten (Streikende und junge Leute, die gegen die „friedlichen“ Vermittlungsversuche der Parteien waren) bildeten kleine Gruppen, zündeten die ersten Feuer an und errichteten die ersten Barrikaden, während sie „Nieder mit dem neuen Terrorismus!“ riefen.
Die Zusammenstöße breiteten sich über das gesamte Zentrum von Athen aus (in den Straßen Pattisión, Metaxurgio, Kanigos und Stadiou), während die Polizei weiterhin Tränengas einsetzte. Die Leute reagierten mit Steinen und zerstörten mehrere Polizeiautos. Von den Balkonen der Häuser aus warfen die Anwohner Blumentöpfe auf die Polizisten. Viele Demonstranten versuchten, das Erste-Hilfe-Gebäude zu besetzen. Die Studenten der K.N.E. (der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei) verriegelten die Türen der Technischen Hochschule, um die „Provokateure“ nicht reinzulassen (die Jahre vergehen, aber sie wenden immer dieselbe Strategie an)3. Die Zahl der „Provokateure“ stieg. Es kamen sehr viele Menschen in die Innenstadt, um sich den Ordnungskräften entgegenzustellen. Oft trieben die Zusammenstöße die Polizisten in die Flucht, die daraufhin in die Luft schossen. Die Auseinandersetzungen zogen sich bis spät in die Nacht hin. Am nächsten Tag bezeichneten alle Zeitungen die Demonstranten als „Provokateure“. Die Sozialisten unter Papandreou (die nun in der Opposition waren) sprachen von der „historischen Verantwortung“ der rechten Regierung. Der Sekretär der K.K.E., Carliaos Florakis, sprach von einer Aktion einiger „neofaschistischer“ Provokateure…
Eine Woche später wurden zwölf der Festgenommenen zu Haftstrafen zwischen zwei und zweieinhalb Jahren verurteilt.
25. Mai 1976: Der Generalstreik
Der Streik begann am 24. Mai gegen das Gesetz 3304. Rund hunderttausend Arbeiter nahmen an der Demonstration am 25. Mai teil. Am Morgen trafen sich die Bauarbeiter am Gloria-Theater im Zentrum der griechischen Hauptstadt. Nach der Versammlung machten sie sich auf den Weg zum Arbeitsministerium. Der Minister schloss jede Möglichkeit einer Rücknahme des Gesetzes aus, und die Demonstranten beschlossen, weiter zum Parlament zu ziehen. Kurz vor ihrer Ankunft (auf Höhe der Stadiou-Straße) sperrten Spezialeinheiten der Polizei die Straße ab. Hinter ihnen standen gepanzerte Fahrzeuge in Reih und Glied.
Nach langen Verhandlungen beschlossen die Demonstranten, weiter zu versuchen, die Polizeisperre zu durchbrechen. Doch die gepanzerten Fahrzeuge fuhren auf die Menge zu und begannen, Tränengas abzufeuern. Auf den Hauptstraßen der Gegend (Eolou-, Aristidou-, Kotzia- und Athinas-Straße) wurden die ersten Barrikaden errichtet, während auf dem Omonia-Platz Barrikaden aus Autos aufgebaut wurden. Die Polizei warf weiterhin Tränengasgranaten, doch die Demonstranten kontrollierten ein großes Gebiet rund um den Omonia-Platz und den Kotzia-Platz. In der Eolou-Straße überfuhr eines der gepanzerten Polizeifahrzeuge Anastasia Tsivica und tötete sie.
Spezialeinheiten der Polizei sicherten die Stadiou-Straße ab und griffen den Omonia-Platz an, wo sich der Großteil der Demonstranten versammelt hatte. Diese zogen sich zurück, und die Auseinandersetzungen verlagerten sich in den östlichen (Polytechnikum) und südlichen (Constadinoupoleos-Straße) Teil der Innenstadt. In der Pireos-Straße zündeten die Demonstranten eine große Menge Papier an, die vor dem Sitz der rechtsgerichteten Jugendorganisation „Vradini“ lag. Es wurden neue Barrikaden aus Bussen und Oberleitungsbussen errichtet.
In den frühen Mittagsstunden, während die Auseinandersetzungen weitergingen, suchten Gewerkschafter/Syndikalisten der Baubranche den Polizeichef auf, erklärten, dass sie nicht für die Auseinandersetzungen verantwortlich seien, und distanzierten sich von den gerade geschehenen Ereignissen…
Später beschloss die Polizei, die gepanzerten Fahrzeuge abzuziehen. Doch die Zahl der „Provokateure“ stieg. Mittlerweile waren Tausende von Menschen an den Zusammenstößen beteiligt. Noch vor Mitternacht griffen sie die Polizei an und übernahmen die Kontrolle über die Patisson-Straße im Bereich neben der Technischen Hochschule und dem Stadtteil Exarchia. In den Straßen Aquileos und Lenorman sperrten sie mit Barrikaden den Verkehr auf den Bahnlinien. Die Zusammenstöße dauerten bis spät in die Nacht an und führten zu Dutzenden Verletzten auf beiden Seiten.
Am nächsten Tag gab die Polizei die Namen (und Adressen) der 190 Festgenommenen bekannt … die zweifellos „Provokateure“ waren: etwa 80 Arbeiter und Angestellte, 40 Studenten, 30 Schüler der Sekundarstufe, alle im Alter zwischen 17 und 30 Jahren und alle aus den Arbeitervierteln der Stadt (Egaleo, Colonos, Peristeri, Kalithea, Petroupoli, Piräus, Petralona, Exarchia, Kipseli). Die wahre Zusammenfassung der „provokativen Klasse“.
Die K.K.E. sah in diesen Zusammenstößen erneut die Aktion von „neofaschistischen Elementen und Provokateuren“, die die demokratische Normalität in die Luft jagen wollten.
16. November 1980: Der Aufstieg und das Ende der zehntausend Provokateure
Die späten 70er Jahre waren Jahre harter Kämpfe, aber auch Jahre politischer Veränderungen. Fünf Jahre parlamentarische Demokratie voller Ausbrüche antagonistischer Verhältnisse hatten vieles ans Licht gebracht. Der Parteienstaat hatte begonnen, in der griechischen Gesellschaft als Regulator und Lenker sozialer Forderungen an Einfluss zu gewinnen.
Am Ende des Jahrzehnts war das wichtigste politische Ziel der „rechte Staat“, der „Rechtsextremismus“ usw. Ein solches Ziel stürzte die Oppositionsparteien in eine Krise, und die radikalsten Mitglieder zogen sich zurück. Am auffälligsten war der Austritt, bei dem der Großteil der Jugendorganisationen (vor allem der studentischen) aus der K.K.E. Esotericou austrat (der eurokommunistischen Partei, die mitten in der Diktatur, nach der Spaltung von 1968 und als Gegenpol zur pro-sowjetischen Linie der K.K.E) gegründet wurde). Fast achttausend Menschen verließen die Partei und gründeten die Organisation „B. Panelladiki“.
In dieser Zeit tauchte in der griechischen Realität zum ersten Mal die ideologische Strömung des Anarchismus auf, die einen Teil der Spannungen unter Jugendlichen und in den Großstädten aufgriff.
1980 war ein sehr heißes Jahr. Nach dem großen kapitalistischen Aufschwung während der Diktatur und in den folgenden Jahren wuchs der Wunsch nach einer Umverteilung des Reichtums zugunsten der Arbeiter und der Kleinbourgeoisie.
Wie schon in den Jahren zuvor kam es auch 1980 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, sowohl in der Arbeiterbewegung als auch in den Stadtvierteln und auf dem Land (zum Beispiel die Zusammenstöße im Hafen von Rhodos gegen das Einlaufen amerikanischer Militärschiffe). Gleichzeitig herrschte auch innerhalb der Universität eine angespannte Stimmung. So entstand ein Bündnis zwischen den Jugendlichen der B. Panelladiki und einer rebellischen Strömung gegen die „Demokratie“ der Parteien, den politisch-sozialen Konservatismus und die universitäre Disziplin. Dieses Bündnis dominierte in den universitären Kreisen und provozierte den Zorn der K.K.E.; fast alle Universitäten wurden monatelang besetzt, und es kam auch zu Zusammenstößen zwischen den „anarcho-autonomen“5 und den Kommunisten der K.K.E..
Die Demonstration vom 16. November 1980 zur amerikanischen Botschaft
Am Vorabend des Jahrestags des 17. November untersagte der Ministerpräsident der rechtsgerichteten Regierung, Georgios Rallis, die Durchführung des Marsches, dessen Ziel die amerikanische Botschaft war6. Die E.F.E.E. (die Nationale Vereinigung griechischer Studierender, Anm. d. Übers.), deren Mitglieder mehrheitlich der K.K.E. angehören, stimmte dieser Regierungsentscheidung zu. Die außerparlamentarische Mehrheit an der Universität besetzte daraufhin die Universität und beschloss, dass ein Verstoß gegen das Verbot zum Höhepunkt der Kämpfe der letzten Jahre gegen die Rechte und den Imperialismus werden könnte. Die Minderheit der E.F.E.E. entschied sich für den Marsch zur Botschaft.
Am Mittag des 16. November 1980 versammelte sich eine außergewöhnlich große Zahl von Demonstranten, bereit, das Verbot des Ministerpräsidenten zu missachten, vor der Technischen Hochschule.
Mitglieder der extremen Linken, Anarchisten und Autonome bildeten zusammen einen großen und mächtigen Block. Es waren zehntausend „Provokateure“. Doch abgesehen von den Anarchisten waren alle anderen nicht für eine Konfrontation mit den Ordnungskräften ausgerüstet. Sie gingen davon aus, dass Rallis es vermeiden würde, gegen so viele Menschen vorzugehen. Eine solche Annahme muss man der extremen Linken zuschreiben, die die Absprachen, die dem Parteienstaat zugrunde lagen, nicht erkannt hatte.
Später, nach den üblichen Zusammenstößen mit den Jugendlichen der K.K.E., erreichten die zehntausend „Provokateure“ den Syntagma-Platz. Auf dem gesamten Platz standen die „legalen“ Demonstranten der Parteien. Dem Demonstrationszug gegenüber standen etwa zwanzig Demonstrantenketten. Ihnen gegenüber die Polizeiketten, die sich nach einem ersten Ansturm zurückzogen. Der Demonstrationszug zog über die Vassilissis-Sofias-Straße in Richtung Außenministerium, wo die Spezialeinheiten der Polizei (MAT) in Reih und Glied standen und den Durchgang versperrten. Der Abstand zwischen der ersten Demonstrantenreihe und den Polizisten betrug weniger als einen Meter. Hinter den Hunderten von weißen Helmen standen die gepanzerten Fahrzeuge. Der Staatsanwalt forderte die Auflösung des Demonstrationszugs.
Die Antwort aus den vorderen Reihen des Zuges lautete: „Schafft die Polizei weg oder wir machen das selbst!“ Der Slogan „Alle marschieren zur Botschaft!“ hallte über den ganzen Platz.
Wenige Sekunden später griffen die Sicherheitskräfte mit ihren Schlagstöcken an. Auch die vorderen Reihen schlugen zurück, gaben ihre Positionen nicht auf und drängten weiter gegen die Sicherheitskräfte. Gleichzeitig brach hinten in der Menge eine sinnlose Panik aus. Der mittlere Teil des Zuges begann sich aufzulösen, wahrscheinlich weil der Vorstoß von Hunderten von Menschen denen in der Mitte den Atem raubte. Die vorderen Reihen blieben allein zurück, und nach den Zusammenstößen rückten die Polizisten langsam in Richtung Hotel „Gran Bretagne“ (Syntagma-Platz) vor. Es gelang ihnen nicht, die Straße zu erobern, und sie rückten vor, während sie die gepanzerten Fahrzeuge vor sich hertrieben. Am Anfang der Panepistimiou-Straße errichteten die Demonstranten Barrikaden, während die Polizei die ersten Tränengasgranaten abfeuerte. Die zehntausend „Provokateure“ zogen sich ungeordnet und verwirrt zurück.
Die Polizisten und die gepanzerten Fahrzeuge griffen erneut an. Viele Demonstranten, die auf die Solidarität der „Kommunisten“ hofften, rannten zum Gebäude der K.K.E., um dort Zuflucht zu suchen, doch der „kommunistische“ Ordnungsdienst erfüllte seine Aufgabe effektiv und schlug auf alle ein, die sich näherten.
Mit Tränengas und so viel Gewalt rückten die Spezialeinheiten der Polizei vor und schlugen in der Panepistimou-Straße, vor der Bäckerei „Folia“, die Arbeiterin Stamatina Kanelopoulou zu Tode. Nur wenige Meter weiter töteten sie auf dieselbe Weise den Studenten Iacovos Koumis.
Die Demonstranten setzten ihren Rückzug fort, zerschlugen und plünderten dabei die Schaufenster der Geschäfte, bauten aber keine Barrikaden auf, um die gepanzerten Fahrzeuge aufzuhalten und so die Neuformierung des Demonstrationszuges zu ermöglichen. Die Polizei rückte weiter vor, und die Demonstranten zogen sich in Richtung der Technischen Hochschule und des Stadtteils Exarchia zurück. Die Polizisten fingen an zu schießen, und es gab die ersten Verletzten. Die gepanzerten Fahrzeuge rückten die Pattission-Straße entlang vor. Die Demonstranten, die noch nicht weg waren und sich in die Technische Hochschule geflüchtet hatten, rannten unter einem Regen aus Tränengas in Richtung des Stadtteils Nea Filadelfia (etwa sieben Kilometer vom Zentrum Athens entfernt). Außerhalb der Technischen Hochschule gingen die Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei weiter. Die Polizisten schossen in die Luft und auf die Menschen. Viele wurden verletzt, zwei davon schwer.
Unter den Menschen herrschten Angst und Wut, die Nachricht von den zwei Toten und den Hunderten von Verletzten verbreitete sich. Mit solcher Gewalt hatten weder die Organisatoren noch die Teilnehmer des Marsches gerechnet.
Manche warteten vergeblich auf die „Politik“: Um 22 Uhr warf der „Sozialist“ A. Papandreou der Regierung vor, keinen geeigneten Plan zur Bekämpfung der „Provokateure“ umgesetzt zu haben und somit dafür verantwortlich zu sein, dass „unschuldige Staatsbürger“ verletzt worden seien. Die anderen Parteien schlugen in die gleiche Kerbe. Klar ist, dass alle Parteien sich einig gegen die Provokateure und deren Motive waren…
Am Polytechnikum gab es keinen ernsthaften Vorschlag als Reaktion auf die gerade geschehenen Ereignisse. Am späten Abend drängte die Polizei die Absperrung zurück und viele Leute schafften es, reinzukommen. Aber es herrschte eine Atmosphäre der Angst und Verwirrung. Die einzige logische und entschlossene Haltung kam von der O.P.A. (Organisation der proletarischen Linken), die eine Demonstration für den nächsten Morgen vor dem Polytechnikum vorschlug. Am nächsten Morgen war das Polytechnikum halb leer. Die Regierung bezeichnete einige Organisationen der extremen Linken als „moralische Urheber der Zusammenstöße“, und es verbreitete sich das Gerücht, dass diese Organisationen verboten werden sollten. Das veranlasste viele der an der Demo beteiligten Organisationen, sich zurückzuziehen. In der Zwischenzeit übernahm die K.N.E. die Kontrolle über die Technische Hochschule, vertrieb die wenigen verbliebenen „Provokateure“ und schloss die Türen. Im Gegensatz dazu versammelten sich viele Leute vor der Technischen Hochschule. Tatsächlich hatten die Abendnachrichten noch nicht über die Toten berichtet, und so erfuhren viele erst am nächsten Morgen (aus den Zeitungen, von den besprühten Wänden und den Flugblättern, die in der Nacht von der O.P.A. gedruckt und verteilt worden waren) davon. Gegen Mittag waren schon viele Leute vor der Technischen Hochschule versammelt und wütend. In den frühen Nachmittagsstunden beschlossen Anarchisten und Autonome, zu versuchen, die Technische Hochschule zu besetzen, die zu diesem Zeitpunkt von den K.N.A.T.7 überfüllt war. Sie griffen den Eingang an der Stournara-Straße an, und während das Tor aufgebrochen wurde, trafen mit Helmen und Stöcken bewaffnete Verstärkungen der „Kommunisten“ von K.N.E und ESAK (Universitätsorganisation der Kommunistischen Partei, Anm. d. Übers.) ein. Diese lieferten sich Auseinandersetzungen mit den „Provokateurn“, drängten sie zurück und schafften es, die Kontrolle über die Stournara-Straße zu übernehmen. In der Zwischenzeit befand sich der Großteil der Anarchisten in einer Vollversammlung an der Fakultät für Chemie. Schließlich wurde ein Marsch organisiert, der von der Panepistimou-Straße aus zum Polytechnikum führte. An diesem Marsch nahmen etwa tausend Menschen teil, und er endete mit verbalen Auseinandersetzungen zwischen Anarchisten und „Kommunisten“.
Die Nacht des 16. November 1980 wurde in den „sozialen Annalen“ als eines von vielen Verbrechen des rechten Staates beschrieben. Da keine politische Kraft die bei der Demonstration Getöteten „für sich beanspruchte“, gerieten Kanelopoulou und Koumis in Vergessenheit – ebenso wie die Ereignisse jener Nacht. Es scheint, als sei jede Veränderung im sozialen Antagonismus keiner Erinnerung würdig. Selbst wenn Blut vergossen wurde.
1984–1986: Der Aufstand der Metropolitaner (Großstdtbewohner)
Die ersten Jahre der „sozialistischen“ Regierung der PASOK (Panhellenische Sozialistische Bewegung, Anm. d. Übers.) waren Jahre des Wohlstands und des sozialen Friedens, der „nationalen Versöhnung“ und des Konsums, der Entwicklung der Kleinbourgeoisie und der Demokratie.
In diesem Kontext suchte die außerparlamentarische Opposition – oder was auch immer von der politischen Strömung des vorangegangenen Jahrzehnts übrig geblieben war – nach einer Daseinsberechtigung, indem sie ideologisierte und über Politik redete, wie man es früher eben so machte. Die einzigen nennenswerten Aktionen waren die, die mit dem Wehrdienst zu tun hatten.
Die wichtigsten Tendenzen und Gruppen der extremen Linken scharten sich um die „Kommission für die Armee“ und gründeten eine Bewegung, die die Sozialdemokratie nicht dulden konnte. Forderungen wie der einjährige Wehrdienst, die Anerkennung von Kriegsdienstverweigerern aus Gewissensgründen und die gewerkschaftlichen/syndikalistischen Rechte der Soldaten haben schon lange viele Menschen vereint. Und genau gegen diese Bewegung ging die „sozialistische“ Regierung 1983 mit Gewalt vor und verstieß damit schamlos gegen ihre Versprechen gegen Repression und für Demokratie.
In einem anderen sozialen Kontext hingegen, fernab der Politik – sei es der offiziellen oder der alternativen –, zeichneten sich tiefgreifende und unkontrollierbare Veränderungen ab. Die Jugendlichen – ein Begriff, der als soziale Kategorie vereinbart wurde – strömten massenhaft in die Welt des Konsums. Doch sie taten dies auf unregelmäßige und chaotische Weise. Der Wind der „Marktfreiheit“ verwandelte sich in einen Sturm, während Familie, Schule und Mainstream-Kultur der Hitze des Massenkonsums mit der Kälte traditioneller Regeln begegneten. In den Stadtvierteln und kleinen Vororten wollten die Jugendlichen ihren Anteil am Abenteuer dieser neuen „sozialistischen Freiheit“. Sie gaben auf verschiedene Weise an – abseits von Familie, Schule und Parteijugend – und bewegten sich in den dunklen Ecken des Alltags. Rock, Drogen, Jugendstile – alles stand zur Verfügung. Es gab Dinge, die nicht in Ordnung waren, aber sie waren verschwommen und undefiniert. Alles außer diesen Schatten der Ordnung, die auf den Straßen patrouillierten, auf denen sich die Jugendlichen aufhielten. Die Wachen wurden zum Feind Nummer eins und zur konkreten Verkörperung des abstrakten Staates. Die Schaufenster der Banken wurden zum symbolischen Ausdruck eines brüchigen sozialen Gleichgewichts. Zwischen der Verlockung schnellen Reichtums und den gesellschaftlichen Zwängen brodelte der Kessel…
Viele kleine Auseinandersetzungen, sei es in Athen oder in Thessaloniki, zeigten einen abstrakten Drang zur Auflehnung. Die Sozialdemokratie richtete, um dem Unheil vorzubeugen, ein Unterministerium für Jugend ein. Nach dem Sommer 1984 wurde das Problem der Polizei anvertraut, die – um Eltern und „friedliche Staatsbürger“ erneut in Aufruhr zu versetzen – mit ihren sogenannten „Tugendaktionen“8 auf den Straßen aktiv wurde. Die Nacht der Punks am 25. Oktober desselben Jahres war nur ein Vorgeschmack9.
4. Dezember 1984: Der Angriff auf den internationalen faschistischen Kongress
Der Auftakt der Revolte fand am 4. Dezember 1984 vor dem Hotel Caravel statt. Zweitausend Demonstranten der extremen Linken, Anarchisten und andere junge Leute aus der Hauptstadt griffen das Hotel an, in dem sich die Vertreter des internationalen Faschismus zu einem Kongress versammelt hatten: Le Pen, Almirante, (die griechische Partei, Anm. d. Übers.) E.P.EN..
Die überraschten Sicherheitskräfte ließen den Zusammenstößen freien Lauf und griffen den Demonstrationszug auf dem Rückweg an. Ein Großteil der Demonstranten war auf eine solche Konfrontation vorbereitet. Sie besetzten für einige Stunden die juristische Fakultät, und die Auseinandersetzungen mit den Polizeikräften flammten erneut auf. Am Ende wurden sechzehn Personen festgenommen. Vier von ihnen wurden wegen Hochverrats und Beleidigung, Provokation und Auflehnung gegen die Staatsgewalt angeklagt. War das eine Machtdemonstration seitens des Staates oder vielleicht eine Reaktion, die seine Überraschung und Angst zeigte?
Am nächsten Tag verbot die Polizei (und damit die Regierung), verängstigt und misstrauisch, jegliche Demonstration, und mittags stellten sich die Spezialeinheiten (M.A.T.) der „sozialistischen“ Polizei im Zentrum von Athen auf, innerhalb des sogenannten „heißen Dreiecks“ (Polytechnikum, Fakultät für Chemie, juristische Fakultät).
Alle Fakultäten wurden geschlossen, doch die Polizeidiktatur zeigte keine Angst, sondern provozierte vielmehr.
Es versammelten sich viele Menschen und demonstrierten im „heißen Dreieck“, entlang der Temistokleous-Straße, wo sich die Hauptquartiere der Ergatiki Enosi (Arbeiterunion, Anm. d. Übers.) und der Riksi (Bruch, Anm. d. Übers.) befinden – die beiden außerparlamentarischen Gruppierungen, die den Angriff auf das Hotel Caravel organisiert hatten. Die Zusammenstöße begannen, als Männer der M.E.A. (eine weitere Spezialeinheit der griechischen Polizei, Anm. d. Übers.) mit Hilfe von „empörten Staatsbürgern“10, die der PA.SO.K. angehörten, versuchten, den Verlauf der Demonstration zu verhindern.
150 Menschen verbarrikadierten sich im Hauptquartier der Riksi und weitere 70 in dem der Ergatiki Enosi. Alle anderen Demonstranten wurden in das benachbarte Viertel Exarchia zurückgedrängt. Das Kommando über die Polizeieinsätze wurde M. Georgakakis übertragen, dem ehemaligen Polizeichef, Gründer der Anti-Terror-Einheit und Mörder des Arztes Spiros Tsironis11. Er leitete die Provokation ein, indem er erklärte: „Gebt auf, ihr seid sowieso alle verhaftet.“ Unter den Menschen, die sich im Hauptquartier der Riksi verbarrikadiert hatten, zwangen die Gemäßigteren den entschlosseneren Teil (diejenigen, die bereit waren, gewaltsam auf den Angriff der Polizei zu reagieren) dazu, das Gebäude über die Dächer der umliegenden Häuser zu verlassen.
Das war eine „Riksi“ (ein Bruch…), der Narben hinterlassen hat, die in den internen Beziehungen der antagonistischen Bewegung nicht verheilen. Die Leute hingegen, die sich im Hauptquartier der Ergatiki Enosi verschanzt hatten, gaben nicht auf und riskierten damit den Vorwurf des passiven Widerstands. Aber die Polizei war mit 160 Festnahmen mehr als zufrieden und verließ das Gebiet einige Stunden später.
Am nächsten Tag verkündeten die Zeitungen genüsslich die „Niederlage des Terrorismus“ und berichteten, dass die Polizei 60 Personen festgenommen habe, die das Stadtzentrum angegriffen hätten.
Wenige Tage später, während die linke Jugend – oder zumindest das, was davon übrig war – erschauerte, weil sie ahnte, dass der Aufstand begonnen hatte, fand die letzte antagonistische Massendemonstration statt. Zehntausend Menschen der extremen Linken zogen durch die Athener Innenstadt und demonstrierten gegen die PASOK-Regierung und gegen die Polizei, was die sogenannten „empörte Staatsbürger“ verblüfften. Diese fragten sich: „Aber sind das wirklich so viele?“ Es war das letzte Mal, dass „so viele“ auf die Straße gingen, um zu demonstrieren…
Der Winter ging weiter mit „Hit-and-Run“-Angriffen auf Wachpersonal und Banken, Brandanschlägen auf faschistische Parteizentralen und Zusammenstößen mit den Naziskins. Im Frühjahr spitzte sich die Lage weiter zu. Die Polizei setzte Spezialeinheiten ein, schaffte es aber nicht, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Es ging nicht darum, gegen hundert oder zweihundert vereinzelte Personen vorzugehen. Sie musste sich tatsächlich vielen Aufständischen stellen, die zumindest in Bezug auf die Repression vereint waren. Wenn die Sicherheitskräfte jemanden angriffen, der „Unruhe stiftete“, mussten sie gleichzeitig Angriffe (auch wenn diese nur verbal waren) von vielen Menschen ertragen.
Mai 1985: Die Besetzung der Fakultät für Chemie
Am 9. Mai 1985 organisierten Gruppen von Jugendlichen aus der Hauptstadt in Exarchia eine Demo gegen die Polizeidiktatur. Der Polizeichef Coctoulas, dem mehrere Polizisten unterstanden, verkündete: „Löst die Demo auf, sonst werden wir euch niederschlagen.“ Die zweihundert Demonstranten zogen sich über die Trikoupi-Straße zurück und erreichten nach Zusammenstößen mit den Beamten die Fakultät für Chemie.
Als Aktion gegen das Demonstrationsverbot besetzten sie das Universitätsgebäude und bereiteten sich auf die Auseinandersetzung vor. Nach einigen Stunden umzingelten Spezialeinheiten der Polizei (M.E.A.) das gesamte Areal rund um die Fakultät und eröffneten so zwei Fronten: eine in Richtung des Universitätsgebäudes und die andere rund um das abgesperrte Gebiet, wo viele junge Leute mit Zivilpolizisten, Faschisten und „Sozialisten“ der PASOK aneinandergerieten. Die ganze Nacht über versuchte die Polizei, sich der Fakultät zu nähern, doch die Besetzer reagierten mit Molotowcocktails. Am Ende des Tages gab es vierzehn Festnahmen.
10. Mai: Am Morgen danach stellte sich die Polizei, die mit einer Racheaktion rechnete, vor dem Block auf, ohne das Areal zu verlassen. Die Besetzer forderten unter anderem die sofortige Freilassung der vierzehn Festgenommenen und gaben eine Erklärung ab, in der es hieß: „Wir laden alle ein, Stellung zu beziehen. Die Spezialeinheiten der Polizei schlagen nicht nur auf Anarchisten und Antiautoritäre ein, sondern auch auf die Streikenden bei Mobil, die Bauarbeiter und all jene Menschen, die sich des Wesens des Staatsapparats bewusst sind und ihre Unzufriedenheit durch direkte Aktionen zum Ausdruck bringen.
Lasst uns den Faschisten von E.P.EN und EN.E.K. (die Abkürzungen der beiden bekanntesten nationalistischen und putschfreundlichen Parteien jener Zeit, Anm. d. Übers.) antworten, dass das Volk nicht vergisst, was Faschismus ist. Ihre Provokationen und Drohungen schrecken uns nicht ab, sondern bringen uns eher zum Lachen. Wir laden sie ein, den Faschismus zu bekämpfen, der heute eindeutig ein wesentlicher Bestandteil des Staates ist.“
Während ihre Zahl wuchs, organisierten die Besetzer der Fakultät für Chemie ihre Selbstverteidigung perfekt und nutzten dabei große Mengen an chemischen und ätzenden Substanzen, die in den Labors der Fakultät vorhanden waren.
Die extreme Linke beschloss, zumindest in Bezug auf die Frage der Repression aktiv zu werden. Am Nachmittag des 10. Mai besetzten 500 Menschen unter dem Hauptslogan „Die M.A.T. und die Zivilpolizisten sind Bastarde“ die juristische Fakultät und forderten den sofortigen Rückzug der Polizei aus der chemischen Fakultät und dem gesamten Athener Stadtzentrum. Die Antwort der „sozialistischen“ Regierung war die Verstärkung der ohnehin schon erdrückenden Absperrungen im Stadtzentrum, vor allem rund um die beiden besetzten Fakultäten, indem Dutzende Patrouillen der Polizeispezialeinheiten, Hunderte von Sicherheitskräften und viele „empörte Staatsbürger“ aufgeboten wurden.
In der Umgebung erschöpften mehr als viertausend „Besetzungsbefürworter“, die sich auf die angrenzenden Straßen verteilt hatten, die Polizei, die jedes Mal, wenn sie sich der Fakultät für Chemie näherte, mit riesigen Mengen an Molotowcocktails beworfen wurde. Hier muss betont werden, dass viele der „historischen Anarchisten“ – genau die, die später die jungen Großstädter so fest umarmten, dass ihnen fast die Luft wegblieb – die Besetzung der Fakultät für Chemie nicht gut fanden. Viele von ihnen wurden sofort zu „Anarcho-Vätern“ und bezeichneten die rebellierenden Jugendlichen verächtlich als „Drogensüchtige, die sich als Revolutionäre aufspielten“.
In Thessaloniki kam es in der Nacht des 10. Mai zu Zusammenstößen zwischen 200 Menschen und der Polizei, die die theologische Fakultät besetzten.
Am 11. Mai: Das Zentrum von Athen wurde von einer Flut weißer Helme überschwemmt. Es war klar, dass die PASOK ihre letzte Karte ausspielte. Die ersten Parlamentswahlen unter „sozialistischer“ Führung standen bevor, und die Regierung musste die Öffentlichkeit beruhigen, die wegen der Sicherheit und Ordnung im Land verängstigt und besorgt war.
In der Zwischenzeit ließ der Aufstand nicht nach, sondern wuchs von Tag zu Tag. Die Polizei schaffte es nicht, die Lage unter Kontrolle zu bringen, und da sie zwischen zwei Fronten stand, verlor sie zunehmend ihr Selbstvertrauen. Schließlich wurde der Polizeikordon um das Gebiet herum gelockert, und es wurde Politikern (Miliarakis, Glezos), (zwei der historischen Persönlichkeiten der Linken, Anm. d. Übers.) die Gelegenheit, die Besetzer der Fakultät für Chemie davon zu überzeugen, das Gebäude zu verlassen. Nur wenige Leute – müde oder verängstigt – kamen raus, während andere reinkamen. Unterdessen verließen die Besetzer der juristischen Fakultät mit einem Marsch von etwa tausend Menschendas Gebäude. Die Polizei riegelte die Fakultät für Chemie sofort wieder ab.
Die Zusammenstöße flammten erneut auf, und die Polizei versuchte gewaltsam, sie zu beenden, kam aber nicht näher als hundert Meter heran – und das auch nur, um die verletzten Polizisten zu bergen.
Spät in der Nacht verbreitete sich das Gerücht, dass bei den Zusammenstößen ein Mensch ums Leben gekommen sei. Eine spontane Demonstration von etwa tausend Menschen zog von Exarchia zum Omonia-Platz. Die Parole, die den Marsch anführte, lautete: „Wenn die Gerüchte stimmen, werden wir alles niederbrennen!“ Der Zug umzingelte die Fakultät für Chemie und begrüßte die Besetzer mit mitreißenden Gesängen. Die Besetzer reagierten darauf, indem sie von der Terrasse aus bunte Molotowcocktails warfen. Die Polizei griff nicht ein, um keine dritte Front zu eröffnen.
12. Mai: der vierte Tag der Besetzungen. Die polizeiliche Belagerung ging weiter, ebenso wie die Zusammenstöße – jedes Mal, wenn sich die Polizei einen Weg bahnte, verspürten die Besetzer den Drang, anzugreifen. Die Fernsehbilder dieser Zusammenstöße gingen bereits um die Welt und sorgten wegen ihrer Dauer und Intensität für Entsetzen.
Am nächsten Morgen demonstrierten Anarchisten und die extreme Linke in Propilea und zogen in Richtung Exarchia. In der Nähe der Zoodochou-Pigis-Straße versuchten etwa zwanzig Faschisten, mit Stöcken und provisorischen Schilden anzugreifen. Im letzten Moment wurden sie von den Ordnungskräften gerettet. Ab dem Nachmittag verwandelte sich das gesamte Viertel Exarchia in ein Schauplatz urbaner Guerillakämpfe.
Zum ersten Mal durften Ärzte und Krankenwagen näher herankommen, um den verletzten Besetzern zu helfen…
Am 13. Mai: In Thessaloniki wurde im Morgengrauen, nach der Meldung über einen in Athen getöteten Jugendlichen, die Fakultät für Chemie besetzt. Die Besetzung endete noch am selben Tag, nachdem sich die Meldung als Falschmeldung herausgestellt hatte. In den Städten Ioannina und Patras besetzten antiautoritäre Studentengruppen Universitätsgebäude und demonstrierten gegen die staatliche Repression.
Die Presse und ein Teil der politischen Klasse, die aufgrund der Unfähigkeit der Polizei, diesen von den „Provokateuren der demokratischen Normalität“ verursachten Fall aufzuklären, die Geduld verloren hatten, hielten die Aktionen der Polizei für übertrieben und falsch. Sie ahnten, dass solche Situationen mit entschlossenen Aktionen angegangen werden mussten, und bereiteten zukünftige Taktiken vor…
In diesem Moment blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich zu ergeben. Am Nachmittag trafen die vierhundert Personen, die in der Nacht des 9. Mai festgenommen worden waren, am Parteisitz der E.D.A. ein, die die Rolle des Vermittlers übernommen hatte.
Ihre Freilassung war die Hauptforderung der Besetzung der Fakultät für Chemie gewesen. Manolis Glezos, damals Abgeordneter der E.D.A., begleitete zusammen mit Anwälten und Journalisten die vierzehn Personen zur Fakultät, um den Besetzern die Gewissheit ihrer Freilassung zu geben.
Sofort beschlossen die Besetzer in einer Vollversammlung, das Gebäude zu verlassen. Es war ein Fest. Dreitausend Demonstranten zogen vom Exarchia-Platz los, um zur Fakultät für Chemie zu gelangen und die Besetzer abzuholen. Im ganzen Zentrum von Athen hallte der Slogan: „In der Fakultät für Chemie hat eine Handvoll Anarchisten den Staat und die Repression lächerlich gemacht!“
Es war das erste Mal, dass die Wachen gezwungen wurden, ihre Waffen niederzulegen.
Und das gegen einen unorganisierten Feind. Das Gespenst der Fakultät für Chemie verfolgte sie noch lange in ihren Träumen. Sie mussten sich so schnell wie möglich rächen…
Fortsetzung folgt…
1Die Diktatur der Obristen, die mit dem Militärputsch vom 21. April 1967 errichtet worden war, fiel am 24. Juli 1974. Dieser Sturz schien nicht das Ergebnis des (bewaffneten oder unbewaffneten) Widerstands des Volkes zu sein, sondern war vielmehr darauf zurückzuführen, dass die Militärklasse die Regierung der politischen Klasse des Landes übergab (bzw. an den Rechtspolitiker K. Karamanalis, der die Jahre der Diktatur im goldenen Exil in Frankreich verbracht hatte), Anm. d. Übers.
2Bezeichnung für einen illegalen Streik, Anm. d. Übers.
3Oft nutzen oder versuchen die jungen (und nicht mehr ganz so jungen…) Mitglieder der Kommunistischen Partei bis heute die Taktik, „Provokateure“ aus den Universitätsgebäuden auszuschließen.
4Das Gesetz 330 sieht Einschränkungen der gewerkschaftlichen/syndikalistischen Rechte vor, vor allem des Streikrechts, und erleichtert den Arbeitgebern das Recht auf Entlassung.
5Ein Ausdruck, der vor allem in den 80er Jahren verwendet wurde, um alle antagonistischen Strömungen zu bezeichnen, die außerhalb und/oder gegen die parlamentarische und legalistische Linke standen
6Am 17. November 1974 hatte die Diktatur der Obristen den Aufstand an der besetzten Technischen Hochschule mit gepanzerten Fahrzeugen niedergeschlagen und dabei Hunderte von Menschen massakriert. Der Gedenkmarsch (das „Fest der Demokratie“, wie es alle Liebhaber des Parlamentarismus nennen), der am Polytechnikum beginnt und bei der US-Botschaft endet, war oft Anlass für Zusammenstöße mit der Polizei. Am 17. November 1995 räumte die Polizei die Besetzung der Technischen Hochschule, die aus Solidarität mit den Aufständen in griechischen Gefängnissen und für die Freilassung des Anarchisten Kostas Kalaremas stattgefunden hatte, und nahm dabei 504 Anarchisten und Antiautoritäre fest.
7Begriff, der von der antagonistischen Strömung verwendet wird, um die Zusammenarbeit der Jugend der Kommunistischen Partei mit den Spezialeinheiten der Polizei zu bezeichnen.
8Begriff, der vom Ministerium für öffentliche Ordnung und von den Zeitungen verwendet wird, um die Razzien auf den „sauberen“ Plätzen zu bezeichnen. Diese Aktionen wurden Mitte der 80er Jahre intensiv durchgeführt und dienten im Wesentlichen dazu, junge Punks festzunehmen.
9Ein für den Nachmittag des 25. Oktober 1984 im Polytechnikum geplantes Konzert wurde verschoben, weil die „Kommunisten“ der K.N.E. die Türen des Universitätsgebäudes verschlossen hatten.
10Ein Begriff, den die Medien verwenden, um Faschisten, Zivilpolizisten oder Polizisten außerhalb des Dienstes sowie alle Handlanger der Macht zu bezeichnen, die der Polizei bei Zusammenstößen freiwillig helfen.
11Der Arzt Spiros Tsironis wurde am 11. Juli 1978 von Polizeispezialeinheiten ermordet. Er hatte sich in seiner Wohnung im Athener Vorort Nea Smini verbarrikadiert und diese zum „autonomen Territorium” erklärt.