Antworten von Agustín Guillamón auf die Fragen eines Gefährten zu Revolution und Diktatur des Proletariats

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Antworten von Agustín Guillamón auf die Fragen eines Gefährten zu Revolution und Diktatur des Proletariats

Die proletarische Revolution kann nur als Zerstörung des Staates existieren, und jede Form von Macht, die von der Arbeiterklasse getrennt ist, wird letztendlich zur Konterrevolution.

1. Generell halte ich es nicht für angebracht, von einer Komplementarität zwischen Diktatur des Proletariats und sozialer Revolution zu sprechen. Historisch gesehen hat der Begriff der Diktatur des Proletariats als zweideutige Formel gewirkt, die, weit davon entfernt, die soziale Revolution zu stärken, den Wiederaufbau des Staates in vermeintlich vorübergehenden Formen gerechtfertigt hat. Die soziale Revolution bedeutet die sofortige Abschaffung der kapitalistischen und staatlichen Gesellschaftsverhältnisse; die Diktatur des Proletariats hingegen verweist auf eine zentralisierte politische Macht, die dazu neigt, sich über die Klasse zu stellen.

2. Was die Definitionen angeht, mit denen du arbeitest: Die der sozialen Revolution ist insofern passend, als sie den Schwerpunkt auf Selbstorganisation und die gleichzeitige Abschaffung von Staat und Kapital legt. Die Definition der Diktatur des Proletariats gibt jedoch eine Zweideutigkeit wieder, die in bestimmten Formulierungen von Marx vorhanden ist: Von der „Eroberung der politischen Macht“ und vom „Übergang“ zu sprechen, öffnet die Tür zu einer staatlichen Konzeption des revolutionären Prozesses, die die Geschichte auf tragische Weise widerlegt hat. Die Erfahrung der Russischen Revolution zeigt, wie die Gleichsetzung der proletarischen Macht mit der Macht einer Partei und eines Staatsapparats schließlich zum Stalinismus führte.

3. Deine Konzeptualisierung der Grundlage revolutionärer Macht trifft den Kern der Meinungsverschiedenheit. Bei Bakunin ist Macht weder politisch noch repräsentativ, sondern sozial, kollektiv und der proletarischen Selbstorganisation immanente. Bei Marx neigt die Macht – zumindest in einigen seiner problematischsten Überlegungen – dazu, sich als Klassenherrschaft zu verfestigen, also als eigenständige politische Form. Es handelt sich nicht nur um zwei unterschiedliche Strategien, sondern um zwei antagonistische Logiken der Macht.

4. Ich teile nicht die Vorstellung einer analytischen Komplementarität zwischen Marx und Bakunin bei der Interpretation der Kommune. Gerade die Kommune zeigt die Grenzen jeder Lesart auf, die versucht, soziale Selbstorganisation und politische Macht miteinander in Einklang zu bringen. Ihre Niederlage rührt nicht von einem Mangel an staatlicher Macht her, sondern davon, dass sie den Staat nicht vollständig zerstört und die Revolution nicht ausgeweitet hat. Von einer strategischen Komplementarität zwischen sozialer Revolution und Diktatur des Proletariats zu sprechen, erscheint mir noch problematischer: Die historische Erfahrung zeigt, dass Letztere Erstere letztendlich zunichte macht. Ich empfehle dir, mein Buch über die Russische Revolution zu lesen.

5. Im revolutionären Prozess von 1936 können wir eindeutig von einer sozialen Revolution sprechen, aber nicht von einer Diktatur des Proletariats. Was tatsächlich existierte, war eine reale Arbeitermacht, ausgeübt durch Komitees, Kollektivierungen und Milizen, die im Namen des Antifaschismus, der politischen Einheit und des Wiederaufbaus des republikanischen Staates schrittweise abgebaut wurde.

6. Es gibt offensichtliche Analogien zwischen der Pariser Kommune und dem Jahr 1936: das Entstehen proletarischer Machtorgane, die Unfähigkeit oder Weigerung, den Staat zu zerstören, die internationale Isolation und schließlich die Niederlage. In beiden Fällen kam die Konterrevolution nicht nur von außen, sondern auch aus dem Inneren des politisch organisierten Arbeiterlagers selbst.

7. Meine Kritik am Staatsanarchismus ist weder moralischer noch ideologischer, sondern historischer Natur. Der Anarchosyndikalismus übte immense Macht aus, weigerte sich aber, diese als solche anzuerkennen. Er wollte keine Theorie der Macht formulieren, weil er Macht ausschließlich mit dem Staat gleichsetzte. Das ist eine echte theoretische Lücke: Ohne eine Theorie der revolutionären sozialen Macht wird die bestehende Macht letztendlich an die Klassenfeinde abgetreten.

8. Wenn sich der Anarchismus erneuern will, muss er Dogmatismus und Selbstgefälligkeit hinter sich lassen. Zu seinen Aufgaben gehört eine radikale Kritik am Staat, an den integrierten Gewerkschaften/Syndikaten, am Parlamentarismus und an allen Formen politischer Vermittlung. Vor allem aber muss er sich wieder in der realen Erfahrung der Arbeiterklasse verwurzeln, eine stringente Theorie der proletarischen Macht entwickeln und anerkennen, dass die Revolution kein abstraktes Ideal ist, sondern ein konkreter historischer Prozess mit Fehlern, Niederlagen und Lehren.

9. Andererseits, muss der revolutionäre Anarchismus – der während des Bürgerkriegs durch die „Los Amigos de Durruti“, die Stadtteilkomitees, die Verteidigungskomitees, die Fabrikkomitees, einige Gewerkschaften/Syndikate für kurze Zeit und verschiedene anarchistische Gruppen vertreten wurde – klar und endgültig mit dem Staatsanarchismus brechen, also mit jenen Kreisen, die an den republikanischen Regierungen teilnahmen und sich den Erfordernissen des staatlichen Wiederaufbaus unterwarfen. Während des Bürgerkriegs führten diese Kreise die Organisation in Katalonien auf vertikale und hierarchische Weise von einem „Komitee der Komitees“ aus, das nicht wenige funktionale Ähnlichkeiten mit dem Zentralkomitee einer leninistischen Partei aufwies. Eine Bestandsaufnahme dieser Erfahrung ist nach wie vor eine grundlegende Notwendigkeit; genau das war die Aufgabe von Balance, einer Zeitschrift, die ich jahrelang herausgegeben habe.

10. Es ist wichtig, das Konzept der „Revolutionären Junta“ zu kennen, das von den „Los Amigos de Durruti“ ab März 1937 entwickelt und in der Broschüre Hacia una nueva revolución (1938)1 genauer formuliert wurde. Dieser Vorschlag entstand aus der Erkenntnis des Scheiterns der konföderalen Führung und der fortschreitenden Niederlage der im Juli 1936 entstandenen revolutionären Organe.

Die Revolutionäre Junta war nicht als neuer, von der Arbeiterklasse getrennter Staatsapparat gedacht, sondern als Gremium, das die Aufgabe hatte, die revolutionäre Macht zu koordinieren, zu vereinen und voranzutreiben, die bereits von den Arbeiterkomitees, den Gewerkschaften/Syndikate, den Milizen und den übrigen aus der Revolution hervorgegangenen Organen ausgeübt wurde. Ihre Aufgabe bestand nicht darin, diese Organe der revolutionären Macht zu ersetzen, sondern die Aktionen zu bündeln, um den laufenden sozialen Wandel zu vertiefen: die Enteignung von Fabriken und Unternehmen, die Organisation einer neuen öffentlichen Ordnung unter Arbeiter- und Volkskontrolle sowie die Mobilisierung der Milizen an der Kriegsfront gegen den Faschismus. Letztendlich sollte sie das Instrument sein, um die neuen sozialen Beziehungen und Machtformen, die aus der Revolution hervorgegangen waren, zu festigen, auszuweiten und ihnen eine gemeinsame Richtung zu geben.

Los Amigos de Durruti versuchten, eine Antwort auf das grundlegende Problem zu finden, das der spanische Anarchismus nicht zu lösen vermocht hatte: Wie kann man die Revolution verteidigen und vertiefen, ohne den Staat wieder aufzubauen und ohne die Macht an politische Parteien und republikanische Institutionen abzugeben? Die Revolutionäre Junta war weder als Parteidiktatur noch als traditionelle Regierung gedacht, sondern als organisierter Ausdruck der proletarischen Macht, die direkt von den revolutionären Organen der Klasse ausgeübt wurde. In diesem Sinne stellt sie eine der wichtigsten theoretischen Anstrengungen des revolutionären Anarchismus dar, um die Grenzen zu überwinden, die die CNT-FAI während des Bürgerkriegs aufgezeigt hatte.

Deshalb ist die Debatte über die Revolutionäre Junta auch heute noch ein unverzichtbarer Bezugspunkt, um über die Probleme der revolutionären Organisation, der proletarischen Macht, der Koordination der Basisorganisationen und der Verteidigung der Revolution gegen die Konterrevolution nachzudenken. Ohne eine klare Antwort auf diese Fragen läuft jeder revolutionäre Prozess Gefahr, die Niederlagen der Vergangenheit zu wiederholen.

Grüße von Agustín Guillamón, Juni 2026.


1A.d.Ü. Los Amigos de Durruti – Einer neuen Revolution entgegen

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