Auf den Seite von Les Fleurs Arctiques, Non Fides und Ravage Editions gefunden, die Übersetzung ist von uns. Mit welchen Genuss wir diese Zeilen gelesen und übersetzt haben. Wir haben eine ganze Reihe genialer Kritiken gefunden, die meisten kommen noch, aber einige wurden schon veröffentlicht, die in unserer Reihe Kritik am Apellismus, Unsichtbares Komitee zu finden sind.
Warum der Appel (Aufruf) eine Sackgasse ist
Bericht einer unmöglichen Lesegruppe
Diese Broschüre ist eine gemeinsame Veröffentlichung der Lesegruppe der revolutionären Bibliothek Les Fleurs Arctiques (Paris) und Ravage Editions, einem anarchistischen Verlag für Bücher und Broschüren in Paris.
Vorwort
Im Rahmen der von der Bibliothek Les Fleurs arctiques angebotenen Lesegruppe hatten wir eine gemeinsame Lektüre und Besprechung von L’Appel geplant. Da sind wir nun, ein Dutzend Menschen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Erfahrungen, bereit, uns über diesen Text auszutauschen, wie wir es seit mehreren Jahren wöchentlich mit Texten unterschiedlicher Art und Ausrichtung tun. Es dauert nicht lange, bis uns klar wird, dass wir uns einerseits im Kreis drehen, weil es bei diesem Text vor allem um die Form geht, die im Grunde immer dieselbe bleibt, und dass wir andererseits erkennen, wie sehr es schon eine Unterwerfung ist, diesen Text so ernst zu nehmen, wie wir es bei anderen gewohnt sind, bedeutet, sich ihm bereits zu unterwerfen, da es sich vor allem um einen Text handelt, der versklavt, der rekrutiert, der einbindet. Ansonsten gibt es wenig zu entdecken. Also beenden wir das Experiment, und zum ersten Mal wird ein Leseprojekt abgebrochen, und hier sind die Gründe dafür, warum diese Lesegruppe unmöglich war.
Warum der Aufruf eine Sackgasse ist
Bericht einer unmöglichen Lesegruppe
„Wer hier eintritt, der gebe alle Hoffnung auf“, Dante, Göttliche Komödie, Die Hölle, Gesang III.
Die Verführungskunst
Wir sind nicht alle oder nicht immer gute Schüler, vor allem seit wir die Schule verlassen haben. Ungeduld, Langeweile oder Wut können die Disziplin der Aufmerksamkeit unmöglich machen, die wir doch für Dinge aufbringen können, die uns begeistern oder zumindest interessieren.
Doch angesichts dessen, was heute aus dem politischen Vorschlag geworden ist, den diese kleine Broschüre 2003 gemacht hat (so wie man ein Produkt oder ein politisches Patent auf den Markt bringt), haben wir uns dazu gebracht, das kleine braune Buch mit dem Titel Appel (Aufruf) brav und fleißig zu lesen, obwohl es uns schon bei seinem Erscheinen aus den Händen gefallen ist. Wir haben uns daran gemacht wie an eine Hausaufgabe, nur um dem Ganzen endlich die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, um zu verstehen, was daran so reizvoll sein könnte, und – genau wie in der Schule – in der Hoffnung, endlich nie wieder davon zu hören. Für uns ging es darum, „den Text, seine Worte, seine Art zu behaupten, seine überzeugende Rhetorik, kurz gesagt, durch die Realität, die sich aus ihm herausgebildet hat, zu beleuchten”.1 Wir waren also der Meinung: „Da der politische Vorschlag, den er gemacht hat, jetzt irgendwie ausgereift ist (egal, ob sie es schaffen, politisch links von der Linken zu existieren, oder ob sie scheitern, ab jetzt ist der Weg geebnet …) , [war] es an der Zeit, zu diesem kleinen Buch zurückzukehren und es heute gemeinsam zu lesen.“2 Die Hypothese, dass: „die Konfrontation zwischen der Realität dessen, was aus diesem Vorschlag geworden ist, und der Art und Weise, wie er ursprünglich formuliert wurde, vielleicht ein Verständnis dafür ermöglicht, wie die Verführung funktioniert hat, und eine Analyse dessen, was gesagt wurde, im Hinblick auf das, was daraus geworden ist“3, schien uns also eine Untersuchung wert.
Da sitzen wir nun, bereit für diese unangenehme Viertelstunde, fest entschlossen, uns anzustrengen, Ungeduld, Langeweile und Ärger zu überwinden und es hinter uns zu bringen. Wir lesen. „Vorschlag I. Dem Triumph der Zivilisation fehlt nichts, bla bla bla. Wir gehören zu denen, die sich organisieren“. Okay, wir erinnern uns, das ist anmaßend, apodiktisch, richtig und falsch zugleich, denn für jede Behauptung, die uns vorgesetzt wird, gilt auch das Gegenteil: „Die Wüste kann sich nicht weiter vertiefen, sie kann nur wachsen, wir gehören zu denen, die triumphieren, es fehlt nichts an der Organisation der universellen Sterilität“.
Als gelangweilte schlechte Schüler fangen wir an, uns in oulipischen Verzerrungsspielen zu verlieren. Ungeduld macht sich breit. Und schon ab der ersten „Scolie“ kommt Langeweile auf. Und mit einer Aussage wie dieser: „Wir werden uns nicht die Mühe machen, zu beweisen, zu argumentieren, zu überzeugen. Wir werden uns auf das Offensichtliche stützen. Das Offensichtliche ist nicht in erster Linie eine Frage der Logik, der Argumentation. Es liegt auf der Seite des Sinnlichen, auf der Seite der Welten. Jede Welt hat ihre Evidenzen“ kommt sehr schnell die Wut. Wut über die Ernsthaftigkeit, die diese situationistische Schuljungen-Clownerie im Laufe der Zeit angenommen hat. Wut darüber, dass man etwas mit Sinn erfüllen muss, das buchstäblich keinen hat, aber trotzdem auf begeisterte Leser setzt, die ihm einen geben, Wut angesichts der menschlichen Katastrophen, die dieser politische Vorschlag verursacht hat, seit einige Intellektuelle, die nach Konfrontation, Macht, aber vor allem nach Einfluss suchten, diesen Text ausgeheckt haben. Wut über den Raum, den dieser politische Vorschlag jetzt einnimmt, jetzt, wo er sich als Aushängeschild einer gewissen Radikalität etabliert hat und gleichzeitig einen Platz irgendwo links von der Rechten sucht (zu viel Wüste und zu wenig Macht links von der Linken), als legitimer Gesprächspartner der lokalen und nationalen Behörden. Wut über die Machenschaften, die ihn jetzt begleiten4.
Unsere Lesegruppe zu „L’Appel“ ist ein Reinfall. Null Punkte im Verhalten, Verwarnung wegen mangelnder Aufmerksamkeit, einwandfreies Benehmen – genau wie in der Schule. Nicht jeder, der will, ist ein guter Schüler von „L’Appel“. Also haben wir aufgehört, auf diese Weise zu lesen, und beschlossen, unsere ganze Aufmerksamkeit auf diesen Effekt der Gegenverführung zu richten. Denn das Risiko ist da: Wenn man sich entscheidet, sich weder die Mühe zu machen, etwas zu beweisen, noch zu argumentieren oder zu überzeugen5, gibt man sich der schlimmsten Rhetorik hin, der der gefälligen Überredung, der Werbekommunikation, die Gefühle manipuliert, und entweder verführt man oder man ekelt an. Wir gehören zu denen, die diese Prosa und das, was daraus folgt, anekelt.
Wir haben die Weigerung (vielleicht aus Mangel an Alternativen) verstanden, zu überzeugen, und die explizite Entscheidung für eine streng überzeugende Rhetorik (überzeugen vs. überreden: Gemeinplätze aus dem Französisch-Abitur). Für die Alten versucht die Rhetorik immer, in unterschiedlichem Maße, zu gefallen, zu lehren und zu bewegen. Hier geht es vor allem darum, zu gefallen, und diesem quasi kommerziellen, auf jeden Fall marketingorientierten Ziel sind Lehren und Bewegen völlig untergeordnet.
Abgesehen von der Möglichkeit, die sich dadurch eröffnet, zu nichts verpflichtet zu sein, wie rechtfertigt man diese Weigerung zu überzeugen? Es geht darum, sich von den Zwängen des logischen Denkens zu befreien, was als Weg aus dieser Welt dargestellt wird, auf dem der Leser seinem Führer vertrauensvoll (wie Dante mit Vergil) oder gläubig folgen muss (wie die Juden, die mit Moses aus Ägypten flohen, oder Moses mit Gott), da man von ihm zunächst verlangt, das selbstständige Denken aufzugeben. Wie eine Variation dessen, was auf den Toren von Dantes Hölle steht: O du, der du hier eintrittst, du, der du dem l´Appel gefolgt bist, gib alle Vernunft auf! Was die Hoffnung angeht, vertraue diesem Buch, das ihre Konturen umreißt, Hoffnung und Verzweiflung mit der Klugheit dessen vermittelt, der denjenigen, an den er sich wendet, zu fesseln sucht. Das ist ein guter Anfang für sektiererische Propaganda. Jetzt, fünfzehn Jahre später, da die Sekte gegründet ist und ihre Anhänger sich in ihren kleinen Glockentürmen wohlfühlen, bleibt nichts mehr zu tun, um ihre interne Allmacht zu festigen und das offenbarte Wort nach außen zu verbreiten. Die Bedeutung der Rhetorik aufzugeben, den Sinn der Formel der Suche nach der Wahrheit vorzuziehen, sind wesentliche Schritte zur die Gründung einer Gemeinde. Wie eine offenbarte Wahrheit ist dieser Appel kein Aufruf „zu…“ oder ein Aufruf „an…“, sondern der Appel, wahrscheinlich verfasst vom Gott der Subversion selbst, an seine Gläubigen.
Vom Leser wird diese fast schon religiöse (oder zumindest mystische) Abkehr vom vernünftigen Denken verlangt, und zwar im Namen zweier Werte, die zum Horizont aller Erwartungen erhoben wurden: das Sinnliche und die Offenbarung. Zunächst das Sinnliche, das als Bedingung für die Möglichkeit der „Kommunikation“ dargestellt wird. Ausgehend von einem bereits gemeinsamen, von vornherein unterscheidenden Sinnlichen kann man miteinander sprechen und sich verstehen. Jeder hat seine eigene Welt und seine eigene Sinneswahrnehmung. Wenn du mich liest, bist du bereits in meine Welt eingetreten. Aber Vorsicht, die Tür hat sich hinter dir geschlossen, sobald du deine Urteilsfähigkeit aufgegeben hast. So entsteht das „Wir” (der versprochenen Subversion), das MAN gerne dem „MAN” (der Macht) gegenüberstellt, von Anfang an als eine Art Erpressung. Das Sinnliche ist der Ort der Evidenz, die man sofort teilt oder auch nicht. Und wenn man sie nicht teilt, ist man ein „Bloom”. Es ist eine Variante von „mit oder gegen uns”.
Diese Selbstverständlichkeit nimmt auch die Form einer Offenbarung an, einem zweiten Wert, der an die Stelle der Vernunft tritt. Diesen Text zu lesen bedeutet, die Offenbarung, die dargelegte Selbstverständlichkeit, anzunehmen. Es ist ein Akt des Glaubens. Man wird also von Anfang an gewarnt: Hier ist kein Platz für Reflexion, Zweifel oder Nuancen, es geht darum, daran zu glauben. Dieser Status, den sich der Text gibt, wird durch die Rhetorik von Katastrophe und Erlösung verstärkt, die sich wie ein Refrain wiederholt (wir kommen darauf zurück): „wir wurden in die Katastrophe hineingeboren“, sich davon zu befreien ist ein Akt der Gemeinschaft: „wir haben begonnen“. Von da an wird die Offenbarung zum Orakel, verkündet mit den obligatorischen Anaphern und Wiederholungen, und es folgt die Offenbarung eines „revolutionären Programms“, das bereits den Keim für die Veröffentlichung der Ersten revolutionären Maßnahmen6 einige Jahre später in sich trägt, sobald MAN sich „einen Namen gemacht“ hat. Die Gegenwart der offenbarten Wahrheit, die permanente Behauptung in all diesen Aussagen, die so endgültig sind, dass auch die Negation genauso gut passt, die „es gibt“, „es ist…“ und die Fülle an Superlativen lassen keinerlei Spielraum für eine freie Lesart, keinen Raum, um anders weiterzumachen, abzubiegen, einen Gedanken schweifen zu lassen, den der Text eher befruchten könnte, anstatt ihn in einer Gemeinde einzufrieren.
Unter Missachtung jeglicher konsequenter Kritik an der Partei hyperprogrammiert MAN in der Zukunft. Seit der Zeitschrift Tiqqun 2, in der MAN behauptete: „Dies ist kein Programm“, hat MAN zweifellos den brennenden Busch gesehen, und jetzt weiß MAN, und es ist nicht einmal mehr ein Programm, es ist eine Prophezeiung. Das Wort verkündet die versprochene strahlende Zukunft: „So wird sich die Partei aufbauen, wie eine Spur bewohnbarer Orte, die jede der Ausnahmesituationen hinterlässt, denen das Imperium begegnet. Man wird dann sicher feststellen, wie die revolutionären Subjektivitäten und Kollektive weniger brüchig werden, je mehr sie sich eine Welt geben“. Dank diesem kleinen Buch ist diese Welt, die denen versprochen ist, die sich darauf einlassen, zum Greifen nah, sie passt sogar in die Hosentasche und ihre braune Farbe passt zu allem.
Auf der Grundlage dieser Weigerung, sich die Mühe zu machen, zu überzeugen, wird das Gebäude errichtet, das den Leser in widersprüchliche Gebote einengt. Der Widerspruch ist nur in der traurigen rationalen Welt ein Problem, zum Beispiel in der Welt dieser „metropolitanen Subjektivitäten”, die „keine Welt haben ”7. In der verzauberten Welt, die der Appel seinem Leser vor Augen führt, ist der Widerspruch zweifellos eine Offenbarung. Der erste und auffälligste Widerspruch betrifft die Partei (die als „imaginär” bezeichnet wird). Die Imaginärisierung ermöglicht es, sie aufzubauen und gleichzeitig zu dekonstruieren, die im Laufe der Seiten immer deutlicher wird. Ein Effekt verbaler Allmacht, der, zum Beispiel in der ZAD verkörpert wird, nichts anderes hervorbringt als eine Partei, die nicht imaginärer ist als die Ligue Communiste Révolutionnaire (heute NPA) oder die ehemalige Gauche Prolétarienne, mit ihrer politischen Linie, ihren eifrigen Militanten, ihrer internen und externen Repression… Sobald man verhandeln und unterdrücken muss, verlässt MAN die Fantasie und die Vorstellungskraft; Schnur, Klebeband, Schläger, Kofferräume und Knochenbrüche gehören sehr wohl zur traurigen realen Welt, in der MAN als guter Leninist kein Omelett macht, ohne Eier zu zerbrechen8.
Ein weiterer großer Widerspruch: die kollapsologische Dringlichkeit des Katastrophismus (die die aktuellere Haltung von Sekten wie Extinction Rebellion vorwegnimmt) und die Gelassenheit des Bourgeois. In diesem Text wird man ständig in die Dringlichkeit der Katastrophe hineingeworfen, doch die Rettung erwartet man gelassen: „wir sehen ihr gelassen entgegen“, S. 18, doch auf S. 32 „wir haben aufgehört zu warten“. Es ist ein Blindekuh-Spiel, das nur funktioniert, weil MAN dem Leser zunächst eine schwarze Augenbinde angelegt hat – eine hypnotische Beziehung zur Sprache, jenseits jeglicher Vernunft. Auch in Bezug auf die Wissenschaft bewegt sich MAN mühelos im Widerspruch: Auf Seite 85 schlägt MAN uns in einem einzigen Atemzug Abspaltung und Bündnis vor. Außerdem, ganz allgemein, egal wie die Lage gerade ist, „überall sind Bündnisse möglich”: der Pragmatismus gewinnt, die angeblich befreiende und libertäre Vorstellung von Verführung wird entmachtet, die Partei etabliert sich, langsam aber sicher.
Das Spiel mit Pronomen und Zeiten ist übrigens genauso heimtückisch wie in einem Predigtleitfaden der Zeugen Jehovas: MAN wechselt zwischen „jeder“ und „wir“, gegenüber dem „MAN“ der imperialen Autorität. „Jeder“ ist elend, zersplittert, leidet unter dem verschwörungstheoretisch anmutenden „MAN“. „Jeder“ hat den Appel noch nicht gehört. Sobald der Appel gehört ist, entsteht das „wir“. MAN lässt es entstehen, indem man es als bereits geschehen verkündet, denn wie in der Bibel (dem einzigen Pamphlet, das besser funktioniert hat als der Appel?) ist das Wort Gesetz9. „Wir haben begonnen“. Es ist eine Genesis, die Allmacht des Wortes. Dieses „wir“ setzt sich selbst in Szene, wie in einer Autofiktion, indem es sich eine imaginäre Biografie gibt: „wir haben erfahren […] wir erinnern uns […] wir desertieren […] wir haben begonnen, usw. “, bis dieses „wir“ genug Substanz gewonnen hat, um zu behaupten: „wir sagen, dass…“, zu befehlen: „wir müssen…“, und zu prophezeien: „so wird sich die Partei aufbauen“. Die imaginäre Partei ist in der Tat eine Autofiktion, an die MAN uns glauben lassen will. Die religiöse Funktion spielt voll durch: MAN ist gerade dabei, zu dritt in einem Zimmer, eine Kirche zu gründen.
Das ist also der Grund, warum uns diese Prosa abstößt, warum wir aufgehört haben, sie gemeinsam zu lesen, warum wir uns nicht mehr in die Falle locken lassen – weil diese Prosa Gesetz und Religion ist, weil sie sich in der Allmacht des Wortes (Verbe, siehe Fußnote) etabliert, um tatsächlich Welt und Macht zu schaffen.
Der Rest, also der Inhalt, ist fast nebensächlich angesichts der rhetorischen Dampfwalze, die sich hier in Gang setzt. Da einige von uns das kleine Werkchen jedoch bis zum Ende gelesen haben, wollen wir nun, nachdem wir diese plumpe rhetorische Falle erkannt haben, einmal schauen, woraus diese Welt besteht, die l’Appel auf jeder seiner kleinen Seiten verspricht und errichtet, und wie er sie verkauft. Wir werden diese rhetorische Konstruktion jedoch nicht so ernst nehmen, dass wir nach philosophischen Referenzen suchen, über kritische Metaphysik und Metaphysikkritik zu diskutieren oder den Hegelianismus oder Heideggerianismus an sich und für sich im Text abzuwägen (und doch gibt es zu dieser spezifischen Frage der Wiederbelebung und Legitimierung des militanten Nazi-Philosophen Heidegger als Quelle revolutionärer Inspiration einiges zu sagen…), oder auch seinen beschämenden „Negrismus“ (von Toni Negri, ehemaliger italienischer Operaist, später Abgeordneter, Philosoph, Erfinder und Vermittler der Möglichkeit der Abspaltung auf den Trümmern des italienischen „schleichenden Mai“). Wir werden so weit gehen, wie es dieser Text unserer Meinung nach verdient, oder vielmehr so weit, wie es die Ereignisse der rund fünfzehn Jahre, die uns nun von ihm trennen, und die Formen, die dieser politische Vorschlag in dieser Zeit angenommen hat, erfordern.
Das Elend von Bloom, die Größe des Wehrpflichtigen von l’Appel
Alles geht von der – im Übrigen nachvollziehbaren – Feststellung aus, dass eine Trennung von der Welt besteht und es schwerfällt, die Worte zu finden, um dies auszudrücken: „Uns fehlen die Worte, wenn wir schreien wollen“. Die Frage, was MAN aus dieser Feststellung macht, könnte alle möglichen Wege eröffnen, von den subversivsten bis zu den reaktionärsten. Die Antwort von L’Appel wird typisch sektiererisch ausfallen: diesen Mangel durch eine andere Welt zu füllen, deren Türen MAN uns hier öffnet, und das natürlich in einer vorgefertigten und gebrauchsfertigen Form. Die Beruhigung durch die religiöse Hinterwelt also, ermöglicht durch die nebulöse „Theorie der Welten“ , die bereits in Tiqqun ausgearbeitet wurde und dem Gefühl der Verlassenheit des Geschöpfes entspricht, das MAN entsprechend inszeniert hat – so wie die Jesuiten dem einfachen Volk die Aussicht auf Hölle, Vorhölle und Fegefeuer vor Augen führten, um die Notwendigkeit des Schutzes durch die Kirche besser durchzusetzen. Was die Worte angeht, „die uns fehlen, wenn wir schreien wollen “, so wird der Appel dafür sorgen, indem er eine Semantik liefert mit Begriffen, die hier und da entlehnt sind, aber in diesem Kontext eine eigenwillige Bedeutung annehmen (der bloom, das junge Mädchen, die Welten, die Konsistenz-Ebenen, die Entmachtung, das Imperium, MAN usw.) und sogar eine einzigartige Syntax (bestehend aus kategorischen Behauptungen, Urteilen und Prophezeiungen) sowie eine Reihe von Aussagen oder Slogans, die eine der Besonderheiten dieser Propaganda ausmachen. Wenn man hingegen die konkreten Vorschläge für eine Intervention in dieser Welt hinterfragt – die Welt von dir und mir, gegen die es zu kämpfen gilt –, muss der Text keine Stellung beziehen, da er sich bewusst dafür entscheidet, sich nicht im Bereich der Realität zu positionieren. Dazu reicht es ihm, das Bestehende so umzugestalten, dass er den Leser in die Zeit danach versetzt, wie ein schlechter Drehbuchautor, der, nachdem er seine Figur in einer ausweglosen Situation zurückgelassen hat, das nächste Kapitel erst eine Weile später beginnt, wenn sie sich da wieder herausgewunden hat. Er sagt nicht: „Wir denken, dass dies in diesem Kontext getan werden muss, weil die Situation so ist.“ MAN befindet sich vielmehr im exemplarischen Charakter der Parabel: „Wir tun dies“ oder „Es wird so sein“, und ebnet damit den Weg für die Möglichkeit, ganz einfach Befehle zu erteilen und seine Figuren zu platzieren.
Die Gesamtlogik ist einfach, funktional, wenn man sich darauf einlässt, und vor allem typisch sektiererisch: MAN schürt die Unruhe, um sich selbst als einzige mögliche Beruhigung zu etablieren.Die Zensur eines der möglichen Entwürfe von Pascals Pensées, kurz gesagt, was zweifellos auch – was jedoch nichts an der Relevanz der hier nicht wiedergegebenen Analyse von Pascal ändert – ein Rekrutierungstext (im Auftrag der Jansenisten) ist: „Elend des Menschen ohne Gott, Größe des Menschen mit Gott“, größenwahnsinnig umgedeutet zu „Elend des Menschen ohne uns, Größe des Menschen mit uns“. Der messianische Gedanke verliert seltsam an Reiz und wird seltsam lächerlich, wenn Gott man selbst ist! Die Gedanken, aber irgendwie von Père Ubu…
„Die Unruhe verallgemeinern“10
Was gibt es Beunruhigenderes als „die Wüste“, in einer Zeit, in der tatsächlich alle Formen der Trennung und Isolation herrschen. Es ist also in der Wüste, „die nicht mehr wachsen kann (…), sondern sich vertiefen kann“ (oder „die sich nicht mehr vertiefen kann, sondern nur noch wachsen kann“, das würde auch passen…), in die MAN den Leser gleich zu Beginn des Textes versetzt. Zunächst die existenzielle Wüste, zweifellos die tatsächlich beunruhigendste, und dann die politische Wüste. Es ist „der politische Terror“, „das emotionale Elend“, „die universelle Unfruchtbarkeit“, „die Offensichtlichkeit der Katastrophe“, „das Desaster“, „die grenzenlose Ausweitung der Kontrolle“, „der Abgrund“, „die Vernichtung“ usw. Eine mehr als nur katastrophale, fast schon millenaristische Rhetorik ist in vollem Gange, und vor allem aus Angst vor der Wüste, die uns verschlingen wird, sollen wir uns unter den beruhigenden Schutz der vorgeschlagenen Gemeinschaft begeben. Die moderne demokratische und kapitalistische Gesellschaft versucht, sich als historisches Absolutum durchzusetzen; das von L’Appel gezeichnete Bild ist nichts als die bodenlose Negation dieses Absolutums: eine unbestreitbare „Wüste“ aus massivem Bronze, die aus dem Nichts gekommen ist und niemals aufzuhören scheint. Doch weiß man doch ganz genau, dass diese Welt nicht aus dem Nichts kommt, sich nicht ohne Anstrengung aufrechterhält und dass es etwas bringt, zu versuchen, sie zu verstehen…
Aussagen, die nicht gerade an Banalität mangeln, werden inszeniert, um eine einzigartige Resonanz zu entfalten, sobald sich die Wüste ausgebreitet hat. Man erfährt zum Beispiel, dass die Macht darauf aus ist, „jede Gemeinschaft zu ruinieren“. Diese Feststellung ist schon fragwürdig, jedenfalls in ihrer übertrieben absoluten Behauptung. Im Gegenteil, alle Mächte haben immer versucht, sich auf bestimmte Gemeinschaftsformen (religiöse oder andere) zu stützen, um sich dank der Festigkeit dieser zwingenden Form zu erhalten, die jeden in einen unterwürfigen und befriedeten inneren Zusammenhalt einbindet. Der Subtext ist zudem sehr schädlich, da er eine Art goldenes Zeitalter voraussetzt, in dem MAN (MAN hat die Kommune erlebt, MAN könnte genauso gut das Goldene Zeitalter und Atlantis erlebt haben) sich ohne Staat in glücklichen Gemeinschaften entfaltete, wie eine Art „Urkommunismus“, ein marxistisch-primitivistisches Paradise Lost. MAN spielt also mit den Ängsten verlassener Kinder, um die Sehnsucht nach einem Paradies zu wecken, zu dem MAN sofort den Weg zurückfindet, indem MAN vorgibt, den Schlüssel dazu zu besitzen. Es spielt keine Rolle, dass MAN sich, was die Argumentation angeht, in einem perfekten Syllogismus befindet, der uns stillschweigend akzeptieren lässt: Weil die Macht alles trennt, was vereint war, untergräbt alles, was vereint, die Macht. L’Appel will dem Existentialismus und seiner unkontrollierbaren Freiheit, die auf der Beobachtung des Absurden beruht, ein Ende bereiten. Nichts ist absurd in der Partei, die mit ihren ideologischen Straßenlaternen die angebliche Dunkelheit der Welt erhellt. Der Appelismus ist ein Sophismus.
Der Leser findet sich ebenfalls in einer politischen Wüste wieder, die offensichtlich den zweiten Teil der Argumentation vorbereitet, jenen, in dem man sich – wie jeder gute Messias, der etwas auf sich hält – als einzige Möglichkeit der Erlösung etablieren wird. Bei dieser Frage verzichtet MAN auf jede historische Analyse (MAN hat ja bereits gesagt, dass MAN keine Argumente brauche…) . „Fakten“ (wie „die Wüste rückt vor“) werden genannt, ohne dass sie jemals mit Phänomenen oder Dynamiken in Verbindung gebracht werden, die helfen könnten, sie zu verstehen. MAN kritisiert den Aktivismus, ein Mittel, mit dem MAN alle potenziell konkurrierenden Vorschläge zu Fall bringen kann. Die Kritik am Aktivismus ist natürlich ein Klischee: Niemand hält es für sinnvoll, wie ein kopfloses Huhn herumzurennen. Was der Appel dem entgegenstellt, bleibt jedoch ziemlich vage: „[die] Befreiung von jeglicher Rücksicht auf Legalität oder Legitimität“, der „Aufbau einer siegreichen revolutionären Bewegung in ihrer ganzen Tiefe“ auf lange Sicht: eine vernünftige Perspektive, kurz gesagt, frei und siegreich zu werden, warum nicht, sogar konsensfähig, könnte man sagen. Bleibt die Frage, wie – eine Frage, auf die es wie seit Beginn des Textes nur eine Antwort gibt: indem man auf den Appel reagiert. Übrigens ist es auch ein Gemeinplatz, dass die Kritik am Aktivismus allen theoretischen und programmatischen Betrügereien sowie anderen selbstverwaltungsorientierten und autoritären Visionen der Revolution den roten Teppich ausrollt. Sich davor zu schützen, kommt hingegen nie in Frage… und das aus gutem Grund, denn die Imaginäre Partei ist bereits als die kommende Organisation vorgesehen.
Die Wüste ist auch historisch und geht durch die Konstatierung revolutionärer Niederlagen. Die Wüste ist auch historisch und führt über die Erkenntnis revolutionärer Niederlagen. Das ist zwar ein weiterer Klischee, doch diese Tatsache verschwindet hinter der Selbstinszenierung als „diejenigen, die es verstanden haben zu sehen“ – und immer wieder hinter dem Versprechen einer anderen Welt, die zum Greifen nah ist. „Wir erinnern uns an die Anfänge der Arbeiterbewegung“ eröffnet den einzigen (und kurzen…) Abschnitt, der die Geschichte dieser revolutionären Bewegung berücksichtigt (die MAN hier, als gute Arbeiteristen, die „Arbeiterbewegung“ nennt), über die MAN eine Vielzahl von Meinungen und kategorischen Urteilen äußert. MAN unterscheidet zwischen der amerikanischen Bewegung (wo die Organisation angeblich mit Kriminalität einherging: Diebstahl, Sabotage usw.) und der europäischen Bewegung (wo sich Strategie und Selbstorganisation angeblich in Gewerkschaftswesen/Syndikalismus und Genossenschaftswesen aufgespalten hätten, was angeblich der Grund für die Befriedung des Protests sei, verkörpert in der Form der Linken). In einer sehr fragwürdigen Vereinfachung werden die Formen von Gemeinschaften, die „außerhalb“ der Macht neu geschaffen wurden (aber gibt es das überhaupt?), direkt mit Selbstorganisation in Verbindung gebracht (so kann die Legalisierung der ZAD von Notre-Dame-des-Landes als Vollendung der Revolution im 21. Jahrhundert durchgehen). Die ideologische Lesart der Geschichte der „Arbeiterbewegung“, wie sie von l’Appel vorgenommen wird, läuft also darauf hinaus, „kriminelle“ Praktiken von „legalistischen“ Praktiken zu unterscheiden; was nicht gerade hilft, die historische Komplexität der letzten beiden Jahrhunderte zu verstehen, noch die Gründe für die Wechselfälle dieser sogenannten Bewegung. Aber MAN muss nicht zurückblicken, wenn man sich der Richtung, die man einschlägt, so sicher ist. Und sobald diese Zweiteilung so vereinfacht ist, von dieser „Arbeiterbewegung“, an die MAN sich so gut erinnert und deren ganze Komplexität MAN zynisch (und imaginär) beherrscht (nichts überrascht UNS, weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart, noch in der Zukunft…), behält MAN nur „die kriminellen Praktiken“ (so viel zur schönen Pose). Also vergisst MAN natürlich nie, radikal zu sein, also radikalisiert MAN alles wie Gärtner, was die Haltung angeht, versteht sich. MAN kritisiert die am wenigsten konfrontativen Formen, die sich durch die Kämpfe ziehen, MAN „befreit sich von allen Überlegungen zu Legalität und Legitimität“, MAN hat verstanden, dass Forderungen eines der Mittel sind, mit denen die Macht das Revolutionäre in einer Bewegung absaugt, indem sie sie in ihren Begriffen sprechen lässt, während wir doch gerade wollen, dass MAN in den Begriffen des Appels spricht, was zweifellos ausreichen würde, um sie vor jeder reformistischen Versuchung zu bewahren. Und vielleicht liegt genau darin das Visionäre an diesem Text, und MAN versteht, wie er (und vielleicht immer noch?) verführen konnte: 20 Jahre später steht er im Einklang mit dieser Suche nach einer Haltung der Radikalität, die mit jedem Opportunismus vereinbar ist und die den schädlichen Nährboden bildet, auf dem sich dieser politische Vorschlag etabliert.
Der Stil, der sich bewusst vage, emotional und beschreibend gibt, verschleiert das Fehlen echter Stellungnahmen des Textes zu Fragen, die seit jeher von der revolutionären Bewegung behandelt werden und daher meist eine kontroverse Geschichte, praktische und theoretische Implikationen usw. haben. MAN macht reinen Tisch mit all diesem Reichtum, indem man vorgibt, die revolutionäre Haltung aus einem fiktiven Nichts heraus zu erfinden, und MAN wird so zum Heilsbringer.
Der Leser, der so in das kochende Wasser der Unruhe getaucht wird, taucht als noch heiße Schnecke wieder auf, bereit, sich einem der „Zentren der Desertion, Pole der Sezession, Sammelpunkte (…) eine Reihe von Orten, an denen man sich dem Imperium einer Zivilisation entziehen kann, die dem Abgrund entgegengeht“, die damals noch imaginär waren (das Wort lässt sie als existent erscheinen und zwingt die Realität, sich seinen Projektionen zu unterwerfen, wie bei einem Kind), die sich tatsächlich etablieren werden, zunächst in Tarnac, dann in der Umgebung mehrerer „Metropolen“ (die MAN natürlich verabscheut). Die „Sezessionszentren“ sind anfangs eher so etwas wie ein Landhaus, das man unter „Freunden“ – Degrowth-Anhängern, Alternativern und Neo-Ländlern – herrichtet, aber die Realität zu verzaubern ist eine der Methoden, um glauben zu machen, dass man sie verändert … und um neue Anhänger zu gewinnen.
Beruhigung bieten: Der Messias? Das bin ich!
Es ist dieselbe Bewegung, die in die Unruhe stürzt und den Weg aus ihr heraus weist. Auf den Appel zu antworten, der „Gemeinschaft“ beizutreten, wird die gerade entstandene Wüste sofort wieder bevölkern und als Talisman gegen die Katastrophe dienen. Es ist die Unmittelbarkeit, die hier auffällt. MAN hat die „ Arbeiterbewegung “ als Ganzes verachtet, die „ Aktivisten “, die sich umsonst abrackern, und jetzt heilt MAN mühelos alle Übel, die MAN versprochen hat, wie eine magische Bio-Tablette, die alle Nebenwirkungen einer Chemotherapie wegspülen würde. Das ist die Magie der Erlösung. Eine Oase in der Wüste, zum Greifen nah. Das Wesen muss beunruhigt und im selben Atemzug beruhigt werden, vorausgesetzt, es wählt den richtigen Weg. Und wer außer einer wahrhaft messianischen Figur ist so in der Lage, Klarheit über das Desaster zu schaffen und gleichzeitig den Weg aus ihm heraus aufzuzeigen? Dieses „wir“ aus dem „wir haben begonnen“ etabliert sich selbst als rettende Macht, die schon existiert, bevor sie überhaupt zu bestehen beginnt, bevor sich irgendetwas anderes als dieser Text manifestiert. Die verbale Offenbarung reicht aus. Es ist dieses „wir“, dem wir uns durch diese Lektüre in jenem Anderswo anschließen können, wo es „begonnen“ hat: „Wir hätten uns in unserer Loslösung gerne einen Ort zum Zusammenkommen gewünscht, eine Partei, der wir uns anschließen könnten, eine Richtung, die wir einschlagen könnten“. Partei, Ort, Richtung – das sind in wenigen Worten die „Lebensformen“, die MAN uns verspricht.
Denn die Erlösung ist zunächst einmal verbal. MAN verbindet Versprechen existenzieller Erlösung (die „Lebensform“ zu ändern) mit dem Versprechen einer revolutionären und globalen Konfrontation („diese neuen Lebensformen werden auch ‚Kampfformen‘ sein“). Die Offensichtlichkeit wirkt voll und ganz und befriedigt ganz unmittelbar wie ein schmackhafter Hamburger, da die Fragen und Überlegungen, die Widersprüche, die diese Vorschläge aufwerfen könnten (und das wäre das Interessanteste, was sie bewirken könnten…), durch die Magie der Offenbarung hinweggefegt werden; das Wort (Verb) wird zur ausreichenden Lösung für die Angst, in die es einen stürzt, und zur Befriedigung des Verlangens, das es weckt. Das Wort (Verb) wird zur Wahrheit, zur Tat. Auf die traurige reale Welt angewendet, wird es schnell zu Gesetz, Kontrolle, Repression und Staat.
Der vorgeschlagene Weg ist der der „Sezession“, des schwindelerregenden Strudels, der uns an Ort und Stelle bewegt, der Trennung von dieser Welt, die trennt, der Flucht aus der Wüste. Es ist eine Art post-postmoderne Umkehrung des Stigmas: Lasst uns die Wüste verlassen, weil sie vorrückt, oder eine falsche Tautologie: Trennen wir uns von dem, was trennt, um zusammen zu sein. Das Ziel wird gleich zu Beginn des Textes klar formuliert: „diejenigen, die sich organisieren“ zusammenbringen und verbinden, wie alle Religionen (vom lateinischen religare), Gesellschaft bilden, Gemeinschaft bilden. Es herrscht völlige Unklarheit darüber, auf welcher Grundlage diese Zusammenführung stattfinden soll, und übrigens scheint die Frage schon überflüssig, da sich diejenigen, die sich versammeln, bereits sich organisieren. Es kommen widersprüchliche Präzisierungen hinzu, mit dem ziemlich klaren Ziel, die unterschiedlichsten Bestrebungen zu befriedigen, denn es gilt, einen möglichst großen Marktanteil abzudecken, und da das alles sehr vage und rein verbal bleibt, ist MAN nicht mehr zu irgendeiner Kohärenz verpflichtet. Jeder, der das hier liest, soll ein potenzieller Kunde des Vorschlags sein: der Appel ist sozusagen inklusiv. Das heißt, hier werden verschiedene Suppen mit widersprüchlichen Aromen verkauft, um sich (im Voraus!) von der bevorstehenden Katastrophe zu erholen. Die radikale Kritik am Aktivismus verschont zum Beispiel nicht einmal den Revolutionär davor, dass ihm „Aufgaben“ zugewiesen werden, MAN ist antiautoritär, aber MAN baut die Partei auf, ist anti-programmatisch mit einem Programm, und die Alternative, genannt „ die Kommunisierung des Wissens derer, die sich organisieren“, koexistiert mit ihrer Ablehnung, da es vor allem darum geht, Zeit und Raum für die revolutionäre Konfrontation freizumachen… Da ist wirklich für jeden etwas dabei!
Die Rekrutierungsgrundlagen sind mehr als offen, denn jeder, der bereit ist, durch diese Tür zu gehen, wird Teil von „denen, die dabei sind “. Der Teaser liegt in der Form: offen unter der Hand verbreitet, ist diese Publikation nur auf fiktiv geheimnisvolle Weise erreichbar, und jede Menge weltliche Werbemittel sorgen dafür, dass alle, die wollen, der heiligen Partei durch einen Kauf beitreten können – oder besser gesagt kostenlos, da der himmlische Segen für den Druck von Tausenden von Exemplaren gesorgt hat.
Man wird auch durch die Verpflichtung beruhigt, die mit der Antwort auf den Appel einhergeht, denn „kämpfen“ sind existenzielle Aspekte, die sich letztlich leicht im Alltag umsetzen lassen – und die übrigens im Alltag vielleicht gar nichts ändern, da es im Wesentlichen darum geht, die Normalität anders zu betrachten. Es ist eine Art Vorschlag zur Selbstüberzeugung, eine „Coué-Methode“: MAN kümmert sich weiterhin um seine Gefühle, seine Freundschaften und seine Karriere, aber MAN tut dies, ohne „sich ganz der Macht hinzugeben“ (die Tür steht allen Kompromissen offen). Mit seinen Kumpels einen trinken, bedeutet jetzt, sich von seinen Freunden abzuspalten, die als imaginäre Komplizen einer Geheimgesellschaft verstanden werden, die den aufregendsten Fantasien würdig ist. Diese Vorschläge haben in Wirklichkeit mit Coaching, Selbstverwaltung (des Ichs) und persönlicher Entwicklung zu tun, mit allem, was es jedem ermöglicht, mit und in dieser Welt zu überleben, in der Illusion, dass sich alles verändert hat. Pimp deine Lebensform mit dem Appel. Yoga findet endlich einen ebenbürtigen Konkurrenten. Die Leser haben die Befriedigung, mit einem Zauberstab und ohne jegliches Aufwärmen zu potenziellen kleinen Revolutionären zu werden, während der Rest der Welt aus verdummten Kreaturen besteht, die sich mit Leib und Seele dem Kapitalismus, dem Imperium und Darth Vader verkauft haben. Befriedigend und sicher nicht teuer.
Dabei etabliert sich der Erzähler, der sich im Laufe der Seiten herausbildet – jener, der „sich an die Arbeiterbewegung erinnert“ – als „denkende Kraft“ und Wegweiser einer revolutionären Bewegung, die bereits durch Worte geformt wurde. Er gibt die Richtung vor und sorgt dafür, dass die Gemeinschaft, die vor dem Desaster rettet, möglich wird. Die im Übrigen relativ banalen Nebenfragen, die das Lesen des Textes aufwerfen könnte – wie das Vergessen des Sinnlichen, die Trennung, die revolutionäre Apathie seit 1968 usw. – werden von vornherein durch diese selbstgewählte Position verzerrt, die keinerlei Bezug zur Realität des Seins hat. MAN befindet sich also zwischen mystischer Offenbarung, kindischer Laune und psychotischem Wahn (die sich in ihrer Ausprägung nicht wesentlich unterscheiden), diskursiv von der Welt abgeschnitten und bereits anderswo angesiedelt, und zwangsläufig, sobald sich die Tür hinter uns geschlossen hat, fühlt man sich dort besser.
Wenn man nach Anzeichen für die Realität des konkret Versprochenen sucht, sobald man die Rhetorik der Verzauberung beiseite lässt, ist das nicht sehr neu und nicht wirklich toll: In der Gemeinschaft, der man beitritt, geht es um territoriale (die Wüste besiedeln, indem man sie kolonisiert) und moralische Verwurzelung (die guten alten Volksweisheiten wiederfinden, die durch diese kalte und böse kapitalistische Welt verloren gegangen sind, wie das Wissen der Vorfahren und die Heilung durch Pflanzen). Außerhalb der Gemeinschaft geht es darum, soziale Bindungen wiederzufinden (das versprechen doch schon alle Nachbarschafts- oder Stadtteilvereine… ), zum Beispiel durch den Lebensmittellieferservice auf dem Land, und dann anderswo, vor allem in den Großstädten, ist es die Politik, die auf die Ebene eines identitären In-der-Welt-Sein gehoben wird, sobald der Aufbau von„ Allianzen “ mit dem Machtzentrum (und insbesondere in der extrem zynischen Passage über die Wissenschaft) bestätigt wird.
Letztendlich ist es zwanzig Jahre später immer noch Scheiße, und das wird immer normaler und selbstverständlicher. Außerhalb des Wortes11 (das sich, seien wir beruhigt, trotz der Realität nach derselben Logik weiter entfaltet) existiert die Realität, und die ist kein schöner Anblick. Mehr als alles andere wird bei diesem Übergang ins Reale diese Ausgangsannahme entscheidend sein – und sie wird die Gesamtkohärenz eines Ansatzes gewährleisten, dem es nicht an widersprüchlichen Aspekten mangelt: dass es die Blooms und „die anderen“ gibt, dass wir, anders als Pascal denkt (und das ändert alles) „wir nicht alle mit dabei sind“, sondern dass es von vornherein „uns“ und „die anderen“ gibt, verbunden mit der Tatsache, dass der Übergang von „den anderen“ zu „uns“ durch einfache Anziehung und Verführung erfolgt, wenn man das in diesem Text (und anderen) offenbarte Wort aufnimmt. Ausgehend von dieser Ausgangshypothese sind alle möglichen theoretischen und praktischen Schweinereien möglich, wie die Veröffentlichung des wahrhaft abscheulichen Textes La Guerre véritable im Presseorgan der Imaginären Partei, „Lundi matin“, kurz nach den Anschlägen vom 13. November in Paris zeigt.12 Diejenigen, die dem Appel nicht gefolgt waren, saßen auf der Terrasse – Pech für sie, sie hatten eine existenzielle Strafe verdient, die, wie man so hört, von den Kalaschnikows gottesbesessener Fanatiker vollstreckt wurde.
Die Realität ist das, was seit der Veröffentlichung dieses Textes passiert: hier und da tatsächlich ansässige „Gemeinschaften“, die intern an der wirtschaftlichen Alternative feilen, die Propaganda der Partei und die Allianzen in alle Richtungen nach außen, eine sektiererische Abschottung der inneren Kreise, die zahlreiche menschliche Dramen hervorruft, leninistische Praktiken, um sich überall dort, wo es sich lohnt, kostengünstig durchzusetzen, ein unerschütterlicher und grenzenloser Opportunismus, die Krönung dieser Praktiken in Notre-Dame-des-Landes, mit der bekannt gewordenen öffentlichen Seite (Machtübernahme in den Vollversammlungen, Verhandlungen mit dem Staat und Beitrag zur Aufrechterhaltung der geforderten Ordnung im Austausch für die erhaltenen Krümel), und die weniger öffentliche Seite, die wir ebenfalls kennen (schmutzige Machenschaften gegen diejenigen, die nicht in die Reihen und den Zeitplan der Verhandlungen mit dem Staat passen), usw., die Verbreitung von „Lebensformen“, die der Komplizenschaft den Anschein von Radikalität verleihen können, insbesondere im Verhältnis zur gerichtlichen Repression, wo Komplizenschaft und Unschuldismus theoretisiert und verbreitet werden, auch wenn sie den abenteuerlustigsten (und oft jüngsten, am meisten manipulierten und unerfahrensten) Flügel der Partei in Gefahr bringen und ins Gefängnis schicken, wobei die Radikalität zweifellos in einer spektakulären Fokussierung auf die unmittelbare Konfrontation mit der Polizei besteht, der MAN – sicherlich, um Bakunin endgültig zu erledigen – die Zerstörung entgegenstellt.
Sobald man das Buch zugeschlagen hat, ist der Rest Politik. Und da gibt es nichts Neues unter der Sonne.
Eine unmögliche Lesegruppe.
1Auszug aus der Ankündigung der Lesegruppe zu l’Appel bei Les Fleurs Arctiques im Programm vom Juni 2018, den vollständigen Text findest du hier: lesfleursarctiques.noblogs.org/?p=839
2Ebd.
3Ebd.
4Siehe die verschiedenen Texte, die diese unbeschreiblichen Praktiken beschreiben, analysieren und anprangern, zum Beispiel die Prise de position de la legal team sur les actions de milice à la ZAD, veröffentlicht auf https://nantes.indymedia.org/articles/40672, oder die Broschüren Zadissidences 1, 2 und 3, die auf derselben Website verfügbar sind.
5Erinnern wir uns noch einmal an diese Worte: „ Wir werden uns nicht die Mühe machen, zu beweisen, zu argumentieren, zu überzeugen. Wir werden uns auf das Offensichtliche stützen. Das Offensichtliche ist nicht in erster Linie eine Frage der Logik oder der Argumentation. Es liegt auf der Seite des Sinnlichen, auf der Seite der Welten. Jede Welt hat ihre eigenen Offensichtlichkeiten“
6Premières mesures révolutionnaires, erschienen 2013 bei La Fabrique und verfasst von Eric Hazan und Kamo. In diesem Buch erfährt man, was „der Plan“ ist, der die Revolution „unumkehrbar“ machen wird, nämlich eine Reihe von größenwahnsinnigen Verwaltungsmaßnahmen, die dem schlimmsten Regierungsbolschewismus würdig sind und der Welt von morgen Gestalt geben, wobei man dennoch nachsichtig präzisiert, dass sie von der Kraft, die den fraglichen Plan umsetzt, geändert werden können.
7Zweifellos unter anderem diese „kognitiv-kommunikative Kleinbourgeoisie“, von der ein Text wie La Guerre véritable versteht, dass sie am 13. November 2015 in Paris von Daesh erschossen wurde (siehe weiter unten).
8„Am vergangenen Dienstag, dem 20. März, drangen 5 vermummte Personen, bewaffnet mit Baseballschlägern und Pfeffersprays, in eine besetzte Wohnung auf der ZAD ein. Sie verprügelten die Anwesenden, um eine Person mit gefesselten Händen und Beinen sowie Klebeband über Augen und Mund mitzunehmen. Sie legten die Person in den Kofferraum eines Autos und fuhren sofort davon. Weiter weg schlugen sie sie erneut und brachen ihr ein Bein und einen Arm, um sie schließlich neben einer psychiatrischen Klinik auszusetzen.“ Stellungnahme des Legal Teams zu den Milizaktionen auf der ZAD, siehe Anmerkung 4.
9A.d.Ü., im Original heißt es „dans la Bible (…), le Verbe fait Loi“, nach dem Johannesevangelium heißt es auf Französisch „Au commencement était le Verbe“ (Am Anfang war der Verb), was eine Aktion/Handlung beinhaltet, in deutscher Sprache wird dieselbe Stelle anders benannt, „Am Anfang war das Wort“ (Johannes 1,1). Wir haben es sinngemäß übersetzt, aber die Kritik ist in der Aktion der Aktion/Handlung (Verb) zu verstehen und nicht im Wort selbst (was auch Substantiv sein kann), wir dann es ja im Text erwähnt wird: „wir… haben, …“, wir dies, wir das, usw. Es ist nicht ohne Grund das mit der Kritik auf die Gründung einer Sekte/Kirche hinweißt.
10Hochtrabende Bildunterschrift, die in Tiqqun Nr. 1 stolz das Foto eines armseligen Transparents beschreibt, das von ein paar Leuten gehalten wird, die wahrscheinlich sehr entschlossen und dem großen WIR treu sind (und ganz sicher nicht wegen so bloomesker Freizeitvergnügungen wie einem Bad im Meer) am Strand von Arcachon, auf dem zu lesen war: „Ihr werdet alle sterben und eure armseligen Ferien können nichts dagegen tun“.
11A.d.Ü., an dieser Stelle auch Verb.
12Eine (mehr als notwendige) Kritik dazu findest du unter: Avariances et dix verdissements, verfügbar auf avariances.wordpress.com.