Die Syndikate erobern oder sie zerstören? – Faut-il conquérir les syndicats ou les détruire?

Einleitung der Soligruppe für Gefangene,

wir haben diesen Text aus dem Spanischen und dem Französischen übersetzt, die spanische Übersetzung ist bis dato noch nicht komplett und soll in drei Teilen erscheinen, bis jetzt waren es nur zwei, wir denken, dass es in kommender Zeit erscheinen wird. Wir haben ein Teil der Einleitung aus dem Spanischen übernommen, weil darin einige historische Daten vorhanden waren, die wir für bereichernd empfinden. Alle Fußnoten aus dem Spanischen sind auch als solche markiert, der Rest ist aus unserer Hand.

Hier handelt es sich um eine Textreihe, die in den Ausgaben Nr.1; 2; 3; 4 und 5, von August bis November 1929 in L’Ouvrier Communiste erschien. L’Ouvrier Communiste war das Organ der Groupes ouvriers communistes – Kommunistischen Arbeitergruppen. Hierbei handelt es sich um eine Gruppe, die sich mehrheitlich aus italienischen Kommunisten bildete, die Italien nach der Machtergreifung der Faschisten das Land verließen. Diese Gruppe, am Anfang noch den Positionen von Amadeo Bordiga1 nahe, löste sich peu à peu von der PCd´I (Partito Comunista d´Italia) und gründete ihr eigenes Organ, bei dem man sich dem Rätekommunismus, nach der gegenwärtigen Sprache, näherte und eine scharfe Kritik an die noch junge Sowjetunion übte.

Aus den verschiedenen Spaltungen oder eher Brüchen mit der PCd´I folgten auch Le Réveil communiste und 1933 schließlich Bilan2.

Bei den Urhebern des Textes, den wir übersetzt haben, waren u.a. Michelangelo Pappalardi3, André und Dori Prudhommeaux4, Jean Dautry5 usw. aktiv.

Der Titel dieses Textes lautet im Original Faut-il conquérir les syndicats ou les détruire?, was uns zu zwei Entscheidungen bei der Übersetzung führte. Erstere lag, wir wurden freundlicherweise darauf hingewiesen, in der Übersetzung des Begriffs conquérir, was nicht nur als erobern, sondern auch als einnehmen, erwerben, aber auch vereinnahmen, zumindest im Kontext des Textes, verstanden werden könnte. Genauso taucht im Text das Nomen dieses Verbs auf, nämlich conquête, sprich Eroberung. Stellte sich die Frage in wie weit erobern-Eroberung „real zulässig“ ist, weil, ohne diesen fahlen und muffigen Mundgeruch nach Entrismus, ein Syndikat ja nicht wirklich erobert werden kann, als ob hier die Rede von einer Burg wäre. Wir trafen aber diese Entscheidung, weil im Verlauf des Textes mehrfach die Rede von théorie de la conquête léniniste ist, sprich, die Theorie der leninistischen Eroberung. Wir haben nach diesem spezifischen Begriff gesucht und diesen nicht gefunden, als weder in Schriften von Lenin, noch in ähnlicheren. Daher haben wir es dabei gelassen, also die Verwendung von erobern-Eroberung, weil der, zumindest für uns, Hinweis auf die Eroberung politischer und staatlicher Organisierung durchaus zutreffend ist, zumindest was die Strategien des Herrn Lenins betreffen, wir weisen auf die russische Revolution von 1917 hin. Es handelt sich also hier um semantische und nicht syntaktische Fragen, die wir erwähnen wollten und wir uns strikt an dem, ja schon fast militärisch klingenden, Begriff welches das Original verwendet, halten. Das heißt, man kann dieses erobern-Eroberung auch als ein Einnehmen, Erwerben und Vereinnahmen verstehen.

Bei der zweiteren geht es darum, dass in romanischen Sprachen die Rede von syndicats(fr)/sindicatos(sp)/sindacto(it) bzw. syndicalimse(fr)/sindicalismo(sp)/sindacalismo(it), was jeweils Gewerkschaft und/oder je nach Quellenangabe auch Gewerkschaftsbewegung und auch (sic) als Syndikalismus übersetzt wird, ist. Wir haben uns für die Begriffe Syndikat, Syndikalismus und syndikalistisch entschieden. Warum wir uns dafür entschieden haben, wollen wir erklären.

Nicht nur dass der Ursprung der Gewerkschaft/Syndikat in Frankreich liegt, in allen von uns erwähnten Ländern, die die Begriffe teilen, zumindest etymologisch affin sind, ist eine Gewerkschaft ein Syndikat. Es gibt keine politische Differenzierung, wie sie hierzulande geübt wird, indem suggeriert wird, dass der Syndikalismus oder die unterschiedlichen Syndikate im deutschsprachigen Raum, die FAU und die Wobblies weit voran, eine revolutionäre Art und Weise der Gewerkschaft seien. Nun wir teilen dies nicht, sondern weisen darauf hin, dass die vermeintliche Differenzierung nur eine Rauchwand ist. Denn indem wir nur über Gewerkschaften (als Übersetzung) schreiben würden, würde man andersrum denken, dass die hier als syndikalistisch bezeichneten Organisationen (FAU-Wobblies, etc) nicht in der Kritik miteinbegriffen sind. Im romanischsprachigen Raum wird evtl. nur mit dem Adjektiv revolutionär zwischen diesen Gewerkschaftsformen-Syndikaten unterschieden, dennoch wird der Begriff des Syndikats und des Syndikalismus verwendet. Wir hoffen, dass unsere boshaften Intentionen ein weiteres Mal verstanden werden.

Worum es hier aber eigentlich geht, ist ob Gewerkschaften/Syndikate Werkzeuge des Proletariats für seine Befreiung gegen das Kapital überhaupt sein können, oder ob diese nur Werkzeuge die zwischen dem Widerspruch Kapital und Arbeit nur eine vermittelnde Rolle spielen können, spielen werden und seit Anbeginn gespielt haben. Die Linke des Kapitals reduziert entweder das revolutionäre Handeln des Proletariats auf rein ökonomische Fragen, wie Leninisten aller Couleur es machen, oder zwingen das revolutionäre Handeln des Proletariats im Korsett der syndikalistischen/gewerkschaftlichen spezifische Organisation (Verdi, FAU, Wobblies, etc.) und erdrosseln jegliche Form der Spontaneität und aufständischen Praxis dieser mit einem Würgegriff an der Gurgel. Nun dieser Text aus dem Jahr 1929, weitere zu der Thematik werden folgen, kritisiert beide erwähnte Beispiele. Aus diesem Grund, sowie aus dem historischen Kontext in dem der Text geschrieben wurde, der vieles an Aktualität nicht verloren hat, haben wir ihn übersetzt.


Die Syndikate erobern oder sie zerstören? – Faut-il conquérir les syndicats ou les détruire?

Vorwort der spanischen Übersetzung:

1929 veröffentlichten die Groupes ouvriers communistes [kommunistische Arbeitergruppen] in ihrem Organ L’Ouvrier Communiste [Der kommunistische Arbeiter] eine Reihe scharfsinniger Notizen über die nicht nur reformistische, sondern konterrevolutionäre Rolle der Syndikate.

Die Groupes ouvriers communistes entstanden aus einem Bruch mit der linken Fraktion der Kommunistischen Partei Italiens, die die Zeitschrift Prometeo herausgab. Sie war eine der ersten Gruppen, die versuchte, die marxistische Praxis und die theoretischen Positionen der italienischen („bordigistischen“6) Linken mit denen der nicht-leninistischen kommunistischen Linken (vor allem in Deutschland und den Niederlanden, aber auch in England und Russland) und sogar mit denen mit anarchistischen Wurzeln zusammenzubringen (wenn nicht gar zu verschmelzen). Gavriil Miasnikov7, Michelangelo Pappalardi und André Prudhommeaux schrieben unter anderem für diese Zeitung. Wie Miasnikov und bestimmte anarchistische und linkskommunistische Einzelpersonen und Gruppen charakterisierten die Groupes ouvriers communistes die UdSSR als (das System des, A.d.Ü.) „Staatskapitalismus“. L’Ouvrier Communiste kritisierte auch immer wieder die Ideologie und Praxis von Gruppen, die die „nationale Befreiung“ unterstützten (oder anstrebten).

Wer in der argentinischen Region die Geschichte der FORA (Federación Obrera Regional Argentina – Argentinische Regionale Arbeiter Föderation) kennt, wird in dem hier übersetzten Text eine gewisse Vertrautheit mit den kommunistischen Positionen finden, die die genannte Föderation im selben Jahrzehnt in Bezug auf den nichtrevolutionären Charakter der Syndikate vertreten hat. So lesen wir in „La FORA frente a los acuerdos de la conferencia celebrada en Berlín por los socialistas revolucionarios e industriales“8 (Juni 1922):

„Der Syndikalismus ist die Waffe, die die Ausgebeuteten in der gegenwärtigen Ordnung der monopolisierten Produktion führen müssen, und dieser Syndikalismus, der eine Notwaffe ist, kann keine zukunftsträchtigere Schöpfung haben als die, die ihm von den Menschen gegeben werden kann, die ihn benutzen. Abgesehen von dem Dienst, den der Syndikalismus allen Arbeitern leistet, um sich gegen die kapitalistische Plünderung zu verteidigen, dienen seine Organe den Anarchisten als wirksames Mittel zur Verbreitung ihrer Ideale, aber die Anarchisten dürfen nicht ihre Pflicht vergessen, alle Institutionen zu kritisieren, und der Syndikalismus wäre, wenn er die Aufgabe übernähme, um eine neue Gesellschaftsordnung zu reorganisieren, nicht mehr und nicht weniger als eine Institution, die an die Stelle der gefallenen tritt. […] Mit der Abschaffung der kapitalistischen Produktionsordnung und der staatlichen Herrschaft haben die ökonomischen syndikalistischen Organe ihre historische Rolle als spezifische Waffe gegen die Ordnung der Ausbeutung und der Tyrannei erfüllt. Daher müssen sie der freien Assoziation und dem freien Zusammenschluss von freien Produzenten- und Verbraucherverbänden Raum geben.“

Sechs Monate später (Dezember 1922) erklärte FORA in dem Bericht, der der IAA ( Internationale Arbeiterassoziation) auf ihrem Kongress in Berlin vorgelegt wurde:

„Angesichts der Stimmen, die „alle Macht den Syndikaten“ fordern, antwortet die Federación Obrera Regional Argentina, die weiß, wie schlecht alle Macht in den Händen derer ist, die ihre Postulate der integralen Befreiung bekräftigen wollen: „Keine Macht für niemanden“. Und angesichts solch fragwürdiger Behauptungen wie der, dass der Syndikalismus sich selbst genügt, dass es ihm an doktrinären Werten fehlt, die ihn lebendig machen, kann sich der Syndikalismus nicht damit rühmen, sich selbst zu genügen. Einige werden sich über diese Vorbehalte gegenüber dem Syndikalismus wundern, aber in diesem Moment, in dem revolutionäre Ideen das Ende der bourgeoisen Zivilisation ankündigen, ist die Diskussion über Werte notwendiger denn je; in diesem Moment, in dem bekräftigt wird, dass der Syndikalismus die führende Rolle in der nächsten Revolution und sogar die Aufgabe der Neuorganisation der Gesellschaft nach der Zerstörung der Bourgeoisie übernehmen muss, hält es die Federación Obrera Regional Argentina für notwendiger denn je, auf die Gefahren hinzuweisen, die der Syndikalismus mit sich bringt.“9

In einem nationalen und internationalen „proletarischen“ politischen Milieu, das emotional – aber auch „ökonomisch“10 – mit der untergegangenen „Arbeiterbewegung“ verbunden ist, in dem immer noch Handlungsbedarf innerhalb der bourgeoisen Institution des Syndikats besteht (durch „Rekuperation11 des Syndikats“ und/oder „Eroberung der Führung“, und darin sind sich Gruppen, die sich als marxistisch und anarchistisch bezeichnen, einig), sind Texte wie der hier vorliegende von großer Aktualität.

Rossoinero

Buenos Aires, 21. Juni 2021


Sollen wir die Syndikate erobern oder sie zerstören?

(Originaltitel: Faut-il conquérir les syndicats ou les détruire?)

Übersetzung, Bearbeitung und Anmerkungen (aus dem Spanischen) von Rossoinero, der Rest von der Soligruppe für Gefangene

Im letzten Jahrhundert, zu Beginn der Arbeiterbewegung, war Karl Marx geneigt, Organisationen als Formen zu betrachten, durch die der Klassenkampf in einen politischen und revolutionären Kampf münden könnte. Insbesondere die Erfahrungen des Chartismus12 haben die Auffassung von Marx, dass die Syndikate, die Schule des Sozialismus, der Schauplatz der Revolution sind, historisch untermauert. Diese Charakterisierung ist nicht zu verurteilen, wenn wir den historischen Zeitraum berücksichtigen, in dem sie formuliert wurde.

Wenn wir jedoch in die heutige Zeit zurückgehen, müssen wir feststellen, dass die Syndikalisten in unwürdiger Weise auf die alte Meinung von Karl Marx spekuliert haben, um den syndikalistischen Formen die Exklusivität der revolutionären Rolle zuzuschreiben. Es ist eine in Frankreich und Italien allgemein ignorierte Tatsache, dass Marx als gewissenhafter Beobachter der Entwicklung des Klassenkampfes und als unermüdlicher Gegner jeglicher dogmatischer Schlussfolgerungen seine Auffassung im Lichte der historischen Erfahrung revidierte. Er erkannte, dass die Syndikate, die im Sand des ökonomischen Widerstands stecken geblieben waren, nicht mehr die natürlichen Organe des Klassenkampfes waren, wie die Epigonen der leninistischen Schule (Trotzkisten, Bordigisten, Brandleristen13 usw.) immer noch behaupten, sondern dass sich ihre Funktion auf den Widerstand gegen die Tendenz der Kapitalisten beschränkte, die Kosten der kapitalistischen Existenz auf ein Minimum zu reduzieren.

Es ist eine Tatsache, dass ein solcher Widerstand der Syndikate keine wirkliche und allgemeine Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse bewirken kann. Der ökonomische Kampf innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Gesellschaft ermöglicht es dem Arbeiter nur, sein Leben in Sklaverei fortzusetzen, selbst wenn die Arbeitslosigkeitskrisen nicht die Lebensgrundlage großer Massen wegnehmen würden.

Andererseits stellte Marx fest, dass die Syndikate nicht die Rolle der revolutionären Erzieher des Proletariats spielten, eine Rolle, die seiner Meinung nach für die Entwicklung des Klassenkampfes zum Sieg des Sozialismus unerlässlich war. Es versteht sich von selbst, dass kein Revolutionär diesen grundlegenden Gesichtspunkt aus den Augen verlieren darf, der die Befreiung des Proletariats und der gesamten Gesellschaft in sich trägt.

Was Marx noch nicht sehen konnte, war, dass die syndikalistischen Organisationen in den Sumpf der Klassenkollaboration geraten würden: Das haben wir während und nach dem Krieg gesehen14.

Nach dem Weltkrieg und der russischen Revolution standen sich in der kommunistischen Bewegung zwei Tendenzen gegenüber, die völlig unterschiedliche Lösungen für das syndikalistische Problem anboten. Einige – die Leninisten – verteidigten die Notwendigkeit, die Syndikate zu erobern, d.h. die reformistischen Anführer durch kommunistische Anführer zu ersetzen oder die reformistischen Syndikate zu revolutionieren. Andere – Extremisten in Deutschland, Tribunisten15 in Holland – traten für die Zerschlagung der Syndikate ein, die sich als Instrumente des direkten Kampfes der proletarischen Klasse den revolutionären Räten entgegenstellten, die in Deutschland während der Aufstandsbewegungen von 1918-1919 spontan entstanden waren.

Es ist klar, dass sich diese beiden Tendenzen nicht ohne Zwischenakte manifestiert haben. Es gab immer noch Elemente – Kommunisten oder Syndikalisten -, die für den Austritt aus den reformistischen Syndikaten eintraten, um revolutionäre Syndikate zu bilden.

Es ist anzumerken, dass der Leninismus bereits, insbesondere während des Krieges, den konterrevolutionären Charakter der Syndikate und den bourgeoisen Charakter ihres Bürokratismus erkannt hatte: Es ist sehr merkwürdig, dass diese Erkenntnis ihn nicht zu radikalen Positionen gedrängt hat. 1920 führte die leninistische Schule, die die Sympathie der Massen gewinnen musste, die revolutionäre Bewegung in den Teufelskreis der Eroberung der Syndikate. Die Theorie, dass die Syndikate die natürlichen Organe des Proletariats seien, hatte in der Tat keine historische Berechtigung. Wenn sie es ursprünglich hätten sein können, hatten sie ihre Degeneration bereits während und nach dem Krieg unter Beweis gestellt. Sie waren nicht mehr nur nicht-revolutionäre Organe – wie Marx sie definiert hatte – sondern auch Organe, die zur Klassenkollaboration und zum Sieg der konterrevolutionären Kräfte geführt hatten. Deshalb waren wir empört, als wir in Bordigas Rede zur parlamentarischen Anfrage auf dem 2. Komintern-Kongress lasen, dass „die Syndikate, auch wenn sie korrupt ist, immer ein Zentrum der Arbeiter bleiben“. Die Aussage ist so kindisch, dass jeder ihre Inkohärenz nachvollziehen kann. Indem Bordiga die leninistische Eroberungstheorie legitimieren will, legitimiert er die Möglichkeit einer solchen Eroberung auch in reaktionären syndikalistischen Organen und faschistischen Korporationen. Diese Betrachtungsweise des syndikalistischen Problems ist im Übrigen abstrakt und unhistorisch. Wenn die Syndikate korrupt sind, dann sicher nicht, weil es Reformismus gibt. Im Gegenteil, der Reformismus ist ein Produkt der Entwicklung der Syndikate in eine konterrevolutionäre Richtung. Der Revisionismus entwickelt sich in Deutschland innerhalb der Sozialdemokratie und dominiert diese, aber er hat seine Wurzeln, seine Kraft, in den Syndikaten. Die Eroberungstheorie, die die syndikalistische Regeneration zulässt, geht offensichtlich von dem Standpunkt aus, dass es die äußeren Kräfte sind, die die Organisationen des proletarischen Widerstands korrumpiert haben und die vertrieben werden müssen, um die revolutionären Kräfte an ihre Stelle zu setzen. Wenn man davon ausgeht, dass die syndikalistische Korruption als historisches Phänomen ihre Daseinsberechtigung in der Natur des Syndikats findet, kann man nicht versuchen, die neuen revolutionären Formen mit den alten und korrupten Formen des Klassenkampfes in Einklang zu bringen. Die revolutionären politischen Eliten, deren Keimzelle bereits vor und während des Krieges in der internationalen Sozialdemokratie lag und die sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit in den kommunistischen Kernen und Parteien manifestierten, sind jedoch nach der Eroberungstheorie die Organe, die zur Revolutionierung der Massen im alten syndikalistischen Organ entstanden sind. Aber das ist noch nicht alles! Die Fabrikräte, die nicht das Produkt einer Aktion zur Manipulation der Massen sind (vor allem die, die in Deutschland nach dem Krieg gebildet wurden) und die in ihrer revolutionären Form und Tätigkeit in Konflikt mit den Syndikaten treten, sind für die Theoretiker der Eroberungstheorie ohne Bedeutung. Indem die Eroberungstheorie den Konflikt zwischen den Syndikaten und den Räten ausblendete, degradierte sie letztere zu legalisierten Organen, die sich der konterrevolutionären Linie der deutschen CGT16 unterordneten.

Die antidialektische Natur der Eroberung ergibt sich also aus der historischen Erfahrung der deutschen Bewegung. Sie leugnet den Konflikt zwischen den revolutionären Räten und den Syndikaten, d.h. zwischen den proletarischen Kräften in der Fabrik und der syndikalistischen Bürokratie. Sie gibt vor, die neuen politischen Kräfte zu nutzen, um die Syndikate zu erneuern; aber alle Aktivitäten der Eroberer verhindern nicht, dass diese zu erneuernden Formen immer mehr korrumpiert werden. Sie verhindert nicht die Anwendung der obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit: tatsächlich sind die Kräfte der Eroberung gezwungen, inmitten der Klassenkollaboration zu manövrieren. Der Leninismus, der sich immer damit brüstete, für die Zerstörung des Staates zu sein, hat nicht verstanden, dass auch die korrupten Organe zerstört werden müssen. In Bezug auf die Syndikate ist der Leninismus völlig reformistisch, wenn nicht gar reaktionär. Die revolutionäre Tätigkeit der politischen Eliten des Proletariats darf niemals dem historischen Prozess im Wege stehen, sie darf niemals darin bestehen, die Konflikte zu verbergen und so zu tun, als ob sie durch ein System der umgekehrten Strategie gelöst werden.

Der Bankrott dieser leninistischen Tragödie scheint uns heute unbestreitbar, niemand kann ihn leugnen, wenn wir die Ergebnisse berücksichtigen, die wir gerade hervorgehoben haben. Und um die Ungereimtheit zu vervollständigen, klammern sich die Eroberer weiterhin wie ein Rettungsanker an diese Theorie, die von der historischen Erfahrung endgültig verurteilt wurde. Korrupte Organisationen werden nicht erobert, sie werden zerstört.

Der infantile Extremismus, gegen den der Leninismus, ermutigt durch diese zeitweiligen Erfolge, 1920 seine Kritik richtete, änderte seine Zerstörungstheorie nicht, trotz der Welle der Begeisterung, die damals den Verstand vieler Revolutionäre verblendete. Es handelte sich nicht um eine abstrakte, antidialektische Theorie, und es wurde auch nicht versucht, harmlose/unbedeutende Systeme auf die Geschichte anzuwenden. Dem Leninismus gelang es, durch die weite Verbreitung seiner Theorien und Vorstellungen eine Karikatur des Extremismus zu verbreiten. Und Bordiga selbst trug zur Entstellung des Extremismus bei, als er ihn in seiner Rede vor dem 2. Kongress der Komintern mit dem Syndikalismus gleichsetzte. Nun ist die „destruktive“ Theorie des Extremismus geradezu antisyndikalistisch. Der Syndikalismus idealisiert die syndikalistischen Formen und sieht in ihnen die ewige Erneuerung der revolutionären Kräfte. In dem Syndikat erreicht der Sozialismus sein Ziel, seine vollkommene Form.

Kurzum: Für diese Theorie ist das Syndikat die einzige Form, die ewige Form, die sich im Klassenkampf immer wieder verjüngt. So identifiziert der Syndikalismus den Klassenkampf mit dem Syndikat. Und in diesem Punkt wäre er nicht weit vom Leninismus entfernt, wäre da nicht die Frage der Partei, die sie trennt.

Der Radikalismus oder Extremismus hatte die Veränderungen erkannt, die der historische Prozess in den Formen des Klassenkampfes mit sich brachte. Er hat wohl erkannt, dass das, was verdorben ist, niemals geheilt werden kann. Er ist das Produkt der Erfahrungen aus der Geschichte des Klassenkampfes in Deutschland; er ist eine lebendige Kraft, die aus der Entwicklung der Revolution hervorgeht. Er ist keine abstrakte Theorie, wie der Syndikalismus; er ist kein Anachronismus in der proletarischen Revolution Westeuropas, wie der Leninismus.

In Deutschland hatte der Revisionismus die Klassenkollaboration gefördert und war, ausgehend von den syndikalistischen Organisationen, in alle sozialdemokratischen Kreise eingedrungen. Der Krieg brach aus, der Revisionismus triumphierte. Die syndikalistische Bürokratie und die Arbeiteraristokratie hatten die Sozialdemokratie und die Syndikate bereits infiziert. Sie waren das Produkt der kapitalistischen Entwicklung und gleichzeitig der rein ökonomischen Formen, die der Klassenkampf angenommen hatte. Diese rein ökonomischen Formen des Kampfes für Teilforderungen hatten den Sozialchauvinismus in der Arbeiterklasse genährt, den Glauben, dass Verbesserungen für das Proletariat unter kapitalistischer Herrschaft möglich seien. Offensichtlich führte dieses Vorurteil dazu, dass die Arbeiter glaubten, ihr Wohlergehen sei hauptsächlich auf die Vormachtstellung ihres kapitalistischen Vaterlandes zurückzuführen (dieses Vorurteil ist unter französischen Arbeitern auch heute noch weit verbreitet). So hatte der Kampf um die Existenzmittel in seinen syndikalistischen Formen an die Schwelle der Klassenzusammenarbeit geführt. Der Krieg integrierte den bürokratischen Apparat der Syndikate in den Regierungsapparat der Bourgeoisie (was in Frankreich mit der CGT geschah). Die Klassenkollaboration wurde offiziell von den syndikalistischen Organen verkündet, die die Möglichkeit eines Klassenkampfes während des Krieges leugneten und die Arbeiter als treue Diener des Imperialismus in den kapitalistischen Krieg trieben.

Die deutsche Arbeiterklasse sah sich also mit einem historischen Phänomen konfrontiert, das die ursprünglichen Klassenorgane zu gefügigen Waffen in den Händen des Kapitalismus machte. Gewiss, die Syndikate hatten für den Achtstundentag und für Lohnerhöhungen gekämpft, sie hatten Momente ökonomischer Konjunktur ausnutzen können, um dem Kapitalismus Zugeständnisse abzuringen, die auch in Krisenzeiten eingehalten wurden. Doch diese Zugeständnisse waren angesichts der gigantischen Entwicklung des Kapitalismus und seiner Profite nur relativ; sie waren, wie die späteren Ereignisse gezeigt haben, äußerst prekär. Die Ergebnisse des Kampfes um den Lebensunterhalt führten zur Gründung von Syndikaten, die Millionen von Arbeitern umfassten. An der Spitze dieser Organismen (Organisationen, A.d.Ü.) wurde ein zentralisierter und umfangreicher/vielköpfiger bürokratischer Apparat gebildet. Diese bürokratische Schicht, die ihre Kräfte vor allem aus dem privilegiertesten Teil der Arbeiterklasse, der Arbeiteraristokratie, schöpfte, die nie die Bestrebungen der unteren Schichten des Proletariats verstand, konnte den revolutionären und klassenkämpferischen Geist nicht bewahren. Im Gegenteil, sie hat sich in ihren Gewohnheiten und Vorstellungen völlig von der Klasse gelöst, die sie hervorgebracht hat. So wurde ihre Ideologie kapitalistisch und konservativ. Die Erhaltung dieser sozialen Schicht war und ist nur durch die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Regimes möglich. Die proletarische Revolution hat die Beseitigung alles Parasitären in der Gesellschaft zum Ziel. Nun ist der Bürokratismus nichts anderes als ein parasitäres Phänomen, das sich durch den Aufstieg des Kapitalismus entwickelt hat und das die Ausbeuterklassen in ihrem eigenen Interesse begünstigt und aufrechterhalten haben. Der Staatsbürokratismus ist unter der bourgeoisen Herrschaft enorm gewachsen, selbst in Ländern, in denen er zunächst nur ein unbedeutendes Element war. Der syndikalistische Bürokratismus ging in seiner Entwicklung mit dem staatlichen Bürokratismus einher. In Deutschland, England und den Vereinigten Staaten gibt es zwischen diesen beiden sozialen Elementen keinen Unterschied. Es ist nicht außergewöhnlich, dass die syndikalistische Bürokratie die bourgeoise Ideologie aufgesogen hat, und auch nicht, dass sie – manchmal erfolgreich – versucht hat, die proletarische Ideologie zu mystifizieren und die Arbeiterklasse selbst zu korrumpieren.

In ihrer Entfremdung von der Arbeiterklasse als revolutionärer historischer Kraft, in ihrer Kollaboration mit dem Kapitalismus, idealisierte die syndikalistische Bürokratie ihre soziale Lage in einer Theorie der Kollaboration zwischen den Klassen. Es war nur natürlich, dass sie diese Theorie auf die gesamte Arbeiterklasse ausdehnte.

Manche erklären das Phänomen der Zusammenarbeit zwischen Syndikaten und Staat als vorübergehendes Phänomen, als Folge der Flaute im Klassenkampf. Diese Elemente idealisieren das Syndikat; sie machen das Syndikat zu einer ewigen Form des Klassenkampfes. Sie begreifen nicht den Unterschied zwischen dem gesamten Prozess des Klassenkampfes und seinen Formen, die nicht immer gleich sind. Diese Leute glauben sogar, dass wir den Klassenkampf verleugnen, weil wir die Idealisierung der Formen (die ihre sind) ablehnen!

Trotzki selbst hat nicht erkannt, dass die natürlichen Formen des Klassenkampfes lange Zeit nicht die Syndikate waren. In seinem Dokument von 1917 stellt er fest, dass außerhalb Russlands, in den verschiedenen Ländern, die Organe der Revolution wahrscheinlich die Fabrikkomitees und sogar die Syndikate sein werden. Seine Verwirrung ist offensichtlich.

Der Eklektizismus bringt Trotzki dazu, zuzugeben, dass diese beiden Formen des Klassenkampfes identisch sind. In dieser Konzeption vermischt sich der reine Syndikalismus mit dem Radikalismus; der historische Gegensatz zwischen diesen beiden Formen verschwindet und die bürokratische Ideologie wird der rein proletarischen Ideologie gleichgestellt. Der Reformismus bildet eine gemeinsame Front mit der Revolution.

Es ist erstaunlich, dass die Elemente der „Révolution prolétarienne“ dieses Argument, das Leo Trotzki ihnen so leichthin zur Verfügung stellt, noch nicht verstanden haben17. Heute haben diese Elemente durch die Idealisierung der Syndikate zu einer Idealisierung des Labourismus18 geführt. Louzon, der theoretische Anführer der Ligue syndicaliste19, fand auf der Grundlage eines geographischen Determinismus (der nichts mit dem historischen und materialistischen Determinismus zu tun hat) im englischen und belgischen Labourismus den Punkt der Vereinigung von Ökonomie und Politik. Auf dem ideologischen Terrain löste die Ligue syndicaliste auf praktische und konsequente Weise die Probleme der Revolution, die Loriot in seinem Pamphlet theoretisch aufgeworfen hatte; sie gab dem ideologischen Phantom Loriots eine lebendige Form. Chambeland hat noch mehr getan: In der Praxis hat er die Ligue syndicaliste näher an den Labourismus herangeführt und im Nachhinein eine sehr diplomatische Entschuldigung für die Zwangsschlichtung abgegeben. Pierre Naville, der noch keine präzise Form für seinen revolutionären Surrealismus gefunden hat, fügt diesem Bild des Labourismus eine apologetische Note hinzu: revolutionäre Ehrlichkeit!

Man kann sich nichts Groteskeres vorstellen, als dem Syndikat die Rolle der Führung in der Revolution zuzuschreiben: das Syndikat, das mit seinem kolossalen und ansteckenden Bürokratismus alle revolutionären Bewegungen gebrochen hat! Das Syndikat, das heute in Russland die Waffe des bonapartistischen Staates ist, um das Dreiecksregime in den sowjetischen Fabriken aufrechtzuerhalten! Das Syndikat, das in Italien keinen Platz hat, außer in den Formen der reinen Unterdrückung des Proletariats, in den Korporationen!

Diejenigen, die das Syndikat so sehr idealisiert haben, dass sie es als das sensibelste und sogar revolutionärste Organ während der Diktatur des Proletariats ansehen, haben die Ergebnisse eines Jahrhunderts des Klassenkampfes nicht berücksichtigt. Sie haben nicht gesehen und sehen immer noch nicht, dass der Klassenkampf zwar das Syndikat hervorgebracht hat, dass aber heute die höchsten, revolutionären Formen nicht mehr durch syndikalistische Organisationen realisiert werden können. Sie verstehen nicht, dass, wenn der Ausgangspunkt des Klassenkampfes rein ökonomisch ist, die Entwicklung des proletarischen Bewusstseins historisch über den rein ökonomischen Impuls hinausgeht. Ihre Auffassung senkt die materialistische Dialektik auf das Niveau einer rein utilitaristischen Theorie. Sie haben nicht verstanden, dass die ökonomischen Formen des Klassenkampfes in einen Kontrast zu den revolutionären Formen treten, gerade weil die ersteren dazu neigen, den letzteren eine Grenze zu setzen. Gewiss, der ökonomische Kampf bot und bietet ein immer begrenzteres Feld für Experimente. Auch ökonomische Agitationen sind oft (nicht immer) der Ausgangspunkt für revolutionäre Agitationen. Diese Tendenz, dass ökonomische Bewegungen zu politischen Bewegungen werden, ist ein Phänomen, das seinen Grund in der Natur der Klassen hat. Aber diese spontane Tendenz konnte nicht von sich aus der Verwirklichung der Revolution dienen, sonst wäre die Revolution schon längst verwirklicht worden. Das Element der revolutionären Spontaneität fand seine Grenzen in der mangelnden Erfahrung der Arbeiterklasse. Und diese Grenzen haben die Massen wieder in ihre ökonomische Ausgangsposition gebracht. Die Syndikate waren und sind der organisierte Ausdruck dieser Grenzen. Die Spontaneität des Klassenkampfes, seine Bewegungen, neigen in der Tat dazu, sich zu verallgemeinern, und in bestimmten Perioden erreichen sie ein immer stärkeres Crescendo. Und diese Spontaneität führte in Deutschland und Italien (in der Zeit des intensivsten revolutionären Aufruhrs) zur mehr oder weniger unvollständigen Bildung von Fabrikräten. In Italien nahm die Spontaneität der revolutionären Bewegung aus historischer Sicht eine originelle Form an. Bei der Besetzung der Fabriken führte die Spontaneität der Bewegung die Arbeiterklasse zur direkten Enteignung der Fabriken, die nicht durch das Dekret einer konstituierten Regierung, sondern durch die Aktion der fortgeschrittensten Arbeitermassen durchgeführt wurde. Im Übrigen darf diese revolutionäre Aktion nicht mit einer rein syndikalistische Aktion verwechselt werden, die nie über die Lohnskala und die Tarifpolitik hinausging, die aus revolutionärer Sicht unsinnig ist. Die Bewegung der italienischen Metallarbeiter geht genau über die Grenzen dessen hinaus, was man gewöhnlich als Ökonomie bezeichnet. Man könnte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass aus marxistischer Sicht nichts rein ökonomisch ist, dass jede ökonomische Bewegung eine embryonale politische Bewegung ist. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass jede ökonomische Bewegung des Proletariats die Tendenz hat, zu einer politischen Bewegung zu werden, und wir haben auch darauf hingewiesen, dass es Kräfte gibt, die diese Bewegungen an die Grenzen des Ökonomischen zurückdrängen. Da das ökonomische Element einen doppelten Aspekt hat, entwickelt es sich auf der Grundlage eines Dilemmas: der Kampf um die Existenzmittel oder der Kampf um die Revolution. Bislang gibt es nur sehr wenige Beispiele dafür, dass dieses Dilemma eine revolutionäre historische Lösung gefunden hat, und wenn, dann immer außerhalb der syndikalistischen Organisationsformen. Das Beispiel der Fabrikbesetzungen zeigt uns den Weg, den die Revolution in Italien in naher Zukunft nehmen wird. Sie übertraf in ihrer Spontaneität alle bisherigen Kampfmethoden. Darüber hinaus handelt es sich um ein Phänomen echter Einheit: Es ist anzumerken, dass diese Bewegung zunächst eine Initiative der Metallarbeiter war und sich dann auf die anderen Bereiche ausbreitete. Und wenn diese Bewegung nicht gestoppt worden wäre, hätte sie die gesamte Arbeiterklasse erreicht. Viele sind der Meinung, dass er auf die syndikalistischen Aktionen des Metallarbeiterverbandes zurückzuführen ist. In ihren Memoiren versucht Angelica Balabanoff20, die Bedeutung dieser Bewegung herunterzuspielen, indem sie auf eine analoge Bewegung anspielt, die von den Faschisten vor der Besetzung der Fabriken im September 1920 ausgelöst worden wäre. Sie misst der großen Septemberbewegung keine Bedeutung bei und unternimmt keinen Versuch, deren Ursachen und Entwicklung zu analysieren. Es ist klar, dass es sich für sie, wie für so viele andere, lediglich um eine syndikalistische Aktion handelte. Es sei darauf hingewiesen, dass der September-Besetzung zwei sehr bedeutende Bewegungen vorausgingen: die der Betriebsräte in Turin und die der Besetzung der Miani- und Silvestri-Fabriken21 in Neapel. Die erste wurde von den kommunistischen Elementen des Ordine Nuovo22 in das rein reformistische Terrain der Produktionskontrolle getragen. Die Besetzung der Fabriken Miani und Silvestri23 war in ihrer Isolation – wenn man bedenkt, dass sie in Neapel stattfand, etwas weiter entfernt vom eigentlichen industriellen Zentrum – ein sehr bedeutendes Symptom für die revolutionären Tendenzen, die die italienischen Massen bewegten. Er wurde durch den Widerstand der Arbeiter gegen die Polizei und durch die Ermordung eines Mitglieds des Sowjets24, der sich in der besetzten Fabrik gebildet hatte, gelöst.

Die große Besetzung vom September 1920 wurde durch die spontane Besetzung einiger Fabriken in Ligurien und Mailand durch die Arbeiter ausgelöst. Nach diesen spontanen Bewegungen ergriff die Fédération des Métallurgistes (Metallarbeiterverband) die Initiative zur Besetzung der Fabriken (eine Besetzung, die sich im Übrigen über den Willen der syndikalistischen Anführer hinweg entwickelt hätte). Und es waren nicht nur die Arbeiter dieser Organisation, sondern die Gesamtheit der Metallarbeiter, die an dieser Bewegung teilnahmen… Die Anführer der Föderation erklärten, dass der Charakter der Bewegung rein ökonomisch sei. Die Bewegung der Räte, die sich im Zuge der Fabrikbesetzungen entwickelte, war für die syndikalistischen Anführer, die wie die Turiner Ordinovisten25 die reformistische Rolle der Produktionskontrolle spielen wollten, von großer Bedeutung. Es ist ziemlich seltsam und widersprüchlich, dass Bordiga dieses Argument nicht nur verwendet, um den „Ordinovismus“ zu verurteilen, sondern auch, um die klassische Rolle der italienischen CGT26 zu rechtfertigen. Unter diesen Umständen erwies sich, dass Bordiga die Realität des Konflikts, der sich während der Besetzung der Fabriken in Italien abspielte, nicht begriffen hatte. Für ihn war es offensichtlich, dass die Klassentradition der italienischen CGT auf die Räte übertragen wurde, die ihm sogar als reformistische Organe erschienen. Es versteht sich von selbst, dass die Form, die die italienischen Ordinovisten und Reformisten den Fabrikkomitees zu geben versuchten, reformistisch war. Aber ihre reele Form tendierte dazu, sich als politische Hegemonie zu verwirklichen, und in dieser Form war sie revolutionär. Die weitere Entwicklung der Fabrikbesetzungen hätte den Fabrikräten die Rolle der politischen Führung gegeben. Ungeachtet der ökonomischen Grenzen, die nicht nur von der Fédération Métallurgiste und der italienischen CGT, sondern von allen syndikalistischen Organisationen (Union Syndicale Italienne, Fédération des Dockers, Syndicat des Cheminots, etc. – Italienische Syndikalistische Vereinigung, Hafenarbeiterverband, Eisenbahnersyndikat usw.) vertreten wurden, haben alle politischen Organisationen der Bewegung ökonomische Grenzen gesetzt oder sie widerstandslos akzeptiert, was dasselbe ist. Unter ihnen befanden sich auch die Elemente, die vier Monate später die Kommunistische Partei in Livorno gründeten.

Die Bewegung vom September 1920 in Italien beweist einmal mehr, dass, wenn der ökonomische Ausgangspunkt das Proletariat zu spontanen revolutionären Positionen führen kann, die Syndikate dazu neigen, es zum Ausgangspunkt zurückzubringen. Der Sieg der Räte in Italien wäre das Ende der syndikalistischen Organisationen gewesen. Allerdings ist zu bedenken, dass die Entwicklung der Arbeiteraristokratie in Italien äußerst schwach war. Und die syndikalistische Bürokratie war im Vergleich zu der anderer Länder relativ klein, wenn auch nicht weniger korrupt und nicht weniger gerissen.

Die syndikalistische Organisationen – an deren Spitze linksextreme Sozialisten, Anarchisten und revolutionäre Syndikalisten standen – waren nichts anderes als Organe, die sich dem Vormarsch der Revolution entgegenstellten, die sie an die Grenzen des Ökonomischen zurückdrängten, die die reaktionäre Offensive und die Niederlage des Proletariats provozierten. Diese Organisationen – bei denen der verbale Maximalismus der Anführer im Allgemeinen die Angst vor den revolutionären Massen zum Ausdruck brachte – waren im revolutionären Prozess des Klassenkampfes in Italien konterrevolutionäre Organismen. Der Weg der Revolution ist in Italien, wie auch anderswo, nicht der der Syndikate. Der Versuch, die syndikalistische Erfahrung nach dem schmachvollen Ende dieser Bewegung zu erneuern, ist ein konterrevolutionärer Anachronismus. Die Mitarbeit an der Wiederherstellung von Organen, in denen die Revolution bereits Feinde entdeckt hat, bedeutet, in Richtung Konterrevolution zu arbeiten.

„Prometheus“27 stellte zu Recht fest, dass wir jede Form von Massenorganisation in Italien ablehnen. Wir werden darauf hinweisen, dass wir, seit wir die bordigistische Fraktion verlassen haben, begonnen haben, mit einem freieren Kopf zu denken, zu reflektieren. Ohne jegliche disziplinäre Verpflichtung, die uns in dogmatischen Kretinismus zwang, mussten wir der Realität ins Auge sehen: Sie erschien uns etwas anders als die, die wir zu sehen gelernt hatten. Und die Realität, die wir gesehen und untersucht haben, war nicht der Traum unseres Denkens, sondern die Geschichte der Klassenbewegung in Italien. Nun, es gibt Massenorganisationen in Italien: es sind die faschistischen Korporationen, die, wie die Syndikate in Deutschland, Russland usw., die Gefängnisse des Klassenbewusstseins, des proletarischen Geistes sind. Die Korporationen sind für die Syndikate das, was der Faschismus für den Reformismus ist. Das heißt, es handelt sich um zwei vollkommen analoge und komplementäre Dinge. Dies sind die neuesten Elemente, die aus der spontanen Erfahrung gezogen wurden: wo die Syndikate sich nicht durch eine mächtige syndikalistische Bürokratie und Arbeiteraristokratie auszeichneten, gelangten sie nach und nach zur Klassenkollaboration oder zum ökonomischen Faschismus und spielten eine konterrevolutionäre Rolle.

Um die Frage nach der Notwendigkeit der Zerschlagung der Syndikate zu klären, um die Bedeutung und die historische Tragweite des Konflikts zwischen Syndikaten und revolutionären Räten zu verdeutlichen, ist es nicht unnötig, sich den enormen Einfluss vor Augen zu führen, den die Fabrikrätebewegung auf die ideologischen Strömungen in Deutschland ausübte.

Zunächst einmal sollten wir anerkennen, dass Rosa Luxemburg bereits vor dem Krieg den Konflikt zwischen dem Kampf um ein Stück Brot und dem Kampf um die Revolution betrachtet hat (insbesondere in der Broschüre „Sozialreform oder Revolution“). Die Theorie allein ist nicht in der Lage, Probleme a priori zu lösen, und Luxemburg konnte die konkreten Formen dieses Kampfes nicht vorhersehen. Im Gegenteil, die Räte haben in ihrer Entwicklung in den Fabriken als Organe des revolutionären Kampfes die historische Lösung geliefert, und zwar nicht, weil sie einfach organisatorisch den Syndikaten vorzuziehen waren, sondern weil sie das Produkt eines hohen historischen Bewusstseins waren.

In Frankreich wird der Einfluss der Rätebewegung auf die besten revolutionären Theoretiker und Kämpfer, auf Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, übersehen oder ignoriert. Im „Discours sur le Programme“, den Rosa am 30. Dezember 1918 auf dem Gründungskongress des Spartakusbundes hielt28 – die Übersetzung findet sich in den Nummern 11 und 12 von „Lutte de Classes“ -, lesen wir folgende Einschätzung der revolutionären Rätebewegung:

„Parteigenossen, das ist ein gewaltiges Feld, das zu beackern ist. Wir müssen vorbereiten von unten auf, den Arbeiter- und Soldatenräten eine solche Macht geben, daß, wenn die Regierung Ebert-Scheidemann oder irgendeine ihr ähnliche gestürzt wird, dies dann nur der Schlußakt ist. (…) Wir müssen die Macht ergreifen, wir müssen uns die Frage der Machtergreifung vorlegen als die Frage: Was tut, was kann, was soll jeder Arbeiter- und Soldatenrat in ganz Deutschland? (…) Auch die Leitung der ökonomischen Auseinandersetzung und die Hinüberleitung dieser Auseinandersetzung in immer größere Bahnen soll in den Händen der Arbeiterräte liegen.“29

Hat Rosa Luxemburg nicht die Rolle der Syndikate im Klassenkampf geleugnet, indem sie den Fabrikräten selbst die Führung des ökonomischen Kampfes zuschrieb? Hat sie nicht aus den Lehren des Ersten Weltkriegs und der offenen Kollaboration der Syndikate mit der Regierung, aus ihren Erklärungen „kein Klassenkampf in Kriegszeiten“ gelernt? Sah sie nicht in den Räten den unmittelbaren Ausdruck der Universalität der Arbeiterklasse, geführt von ihren ausgebeutetsten und revolutionärsten Elementen, den Ersatz als Klassenorganismus für die Repräsentation eines Apparats von Syndikatsmönchen, die sich von korporativen Privilegien nähren? Und stimmte ihr nicht Karl Liebknecht zu, als er rief:

Und stimmte Karl Liebknecht nicht mit ihr überein, als er ausrief: „Die deutsche Sozialdemokratie und die Gewerkschaften haben sich in ihren Anführern vom Kopf bis zu den Füßen befleckt … Sie haben das einst so prächtige Gebäude der Arbeiterorganisationen vernichtet. Sie haben die proletarische Bewegung vor die Notwendigkeit eines mörderischen inneren Kampfes gestellt, der Jahre dauern wird… Ein Kampf, der die revolutionären Kräfte des Proletariats nicht lähmen wird, der sie auch nicht schwächen wird, denn die Kräfte der revoltierenden Elemente, die vom Fetisch der Disziplin und der bürokratischen Organisation befreit sind, werden den Marsch zur Revolution erzwingen…“?

Und später, am Vorabend seines Todes, schrieb der proletarische Held gegen die Reformisten Legien und Kirdorf in den„Politische Anmerkungen“:

„Einheitlicher Kampfgeist? Ja, und zwar für immer; eine Einheit der toten Form, die den Kampfgeist töten würde? Niemals. Die Zerstörung einer Organisation, die eine Kette für die Arbeiterklasse darstellt“ (das ist die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands) „hat zur Folge, dass die Arbeiterklasse ihre Kampfkraft zurückerhält. Die Erhaltung und Stärkung dieser Kette führt die Arbeiterklasse ins Unglück.“

Karl Liebknecht proklamiert hier nicht nur die Notwendigkeit der Zerschlagung der reformistischen Syndikate, er greift auch die Befürworter der Eroberung [der Syndikate] im Vorfeld an. Wenn Lenin über den deutschen „Infantilismus“ höhnisch lachte, meinte er damit auch Liebknecht und Rosa, denn er sprach zu den weitsichtigsten und mutigsten Vertretern des bewusstesten Teils des Weltproletariats. Die Geschichte hat dieser unaufhaltsamen Entwicklung bereits Rechnung getragen. Es waren die Leninisten selbst, die auf der letzten Sitzung der Komintern-Exekutive den Bankrott der Eroberung erkennen mussten. Heute geben sie zu, dass die reformistischen Syndikate völlig mit dem Staatsapparat der Bourgeoisie verschweißt sind, dass die Millionen Mitglieder des Deutschen Gewerkschaftsbundes unter der absoluten zahlenmäßigen und ideologischen Herrschaft der Arbeiteraristokratie stehen.

Die Leninisten der Dritten Internationale erkennen dies nicht, weil sie aufrichtige Revolutionäre sind, die ihre Fehler eingestehen, sondern weil der russische bonapartistische Staat seinen Einfluss auf die internationale Arbeiterklasse nur unter denjenigen Elementen ausüben kann, deren Situation und Organisation nicht tief und verstärkend mit den verschiedenen Nationalstaaten der anderen Bourgeoisien verbunden ist, wie es bei den aristokratischen Arbeitern und der reformistischen Bürokratie der Fall ist. Der Stalinismus gibt Positionen auf, die ihm keinen Handlungsspielraum mehr lassen. Der Linksruck des russischen Neokapitalismus, der der sowjetischen Bürokratie die Rolle der Liquidierung des Leninismus zuschreibt, ist nicht die letzte Überraschung, die auf uns wartet. Gleichzeitig behauptet die sowjetische Bürokratie, leninistisch zu sein, eine Taktik, die nach den jüngsten Ereignissen vor Ort in Westeuropa endgültig aufgegeben wurde.

Heute streben die Theoretiker und Apologeten der Eroberung, die Verteidiger der Tradition und der syndikalistischen Einheit, gestützt auf die Unzufriedenheit der aristokratisierten und reformistischen Elemente der westlichen Sektionen der Dritten Internationale, eine fruchtbarere Zusammenarbeit an als die, die sie an Moskau bindet, eine Zusammenarbeit mit ihrer eigenen Bourgeoisie und ihrer eigenen Regierung. Die Rechten aller Länder, angeführt von vom Leninismus entlassenen Bürokraten, verherrlichen die syndikalistische Neutralität und streben den Labourismus an. Mit viel Glück finden wir in der rechten Opposition, im letzten Stadium einer langen Degeneration, den ehemaligen Linken Paul Frölich, der 1919 in der „Correspondance Communiste des Conseils30“ (Nr. 11) proklamierte:

„Die Syndikate haben weder heute noch morgen die geringste Rolle zu spielen. Sie sind zu einem Hindernis für die Revolution geworden, und deshalb bleibt nichts anderes übrig, als sie zu zerstören… Die für den revolutionären Kampf notwendige Organisation ist die Organisation der Fabriken, die die deutsche KP aufbauen muss“.

Es ist absolut unmöglich, nicht zu erkennen, dass die Situation in Deutschland 1919 einen vollständigen Bruch mit dem Allgemeinen Gewerkschaftsbund und eine revolutionäre Aufgabe auf der Grundlage der Fabrikräte erforderte. Dies war in der Tat die ursprüngliche Ausrichtung des Spartakusbundes und der Kommunistischen Partei. Im dritten „Bulletin de Combat“31 der Partei (6. Mai 1920) wurde verkündet, dass die Arbeiterräte keine Verbindungen mit Organisationen (dem Allgemeinen Bund [der Arbeit]) unterhalten können, die den Bossen gegen die revolutionäre Arbeiterklasse dienen. Auf der Vollversammlung der Fabrikräte der Berliner Vororte (Oktober 1920) wurde unter dem überwiegenden Einfluss der Kommunistischen Partei einstimmig eine Resolution verabschiedet, in der es u.a. hieß, dass „Organisationen, die nicht auf dem reinen System der Fabrikräte beruhen, kein Platz eingeräumt werden soll“. Gegen diese spontane Strömung des revolutionären Bewusstseins in Deutschland nutzte die Internationale unter der Führung Lenins die Autorität der Oktoberhelden, die Wankelmütigkeit der Massen, die Unterstützung der sozialdemokratischen Versammlungen und vor allem das uneingeschränkte Ansehen der russischen Revolution und zwang die deutsche Kommunistische Partei zu einem völligen Kurswechsel. Sie ist der reformistischen Organisation in die Arme gelaufen, um sie zu erobern, und hat die Räte als Aktionsbasis verlassen. Die Scheidung zwischen der Rätebewegung und der Kommunistischen Partei, die Eingliederung der Räte in die reformistische Bewegung und den Staat mit der Komplizenschaft der offiziellen Kommunisten, die Isolierung der Kerne des revolutionären und proletarischen Widerstands, die überlebt haben und sich weiterhin auf die Fabrikräte stützen, all dies geschah ab 1921, einer Phase der Degeneration, in der die Arbeiterräte legalisiert, syndikalisiert und ihres ursprünglichen revolutionären Inhalts beraubt werden. Es hat sich einmal mehr gezeigt, dass keine Organisation aufgrund ihres Ursprungs oder Struktur eine Garantie gegen Degeneration sein kann. Auch die Syndikate hatten ihre Epoche gesunder und nützlicher Arbeit, aber während sie von den kommunistischen Anführern selbst künstlich vor dem revolutionären Aufstieg der Massen geschützt wurden, wurden die Räte in Deutschland im Gegenteil von eben diesen Kommunisten künstlich in die Degeneration geführt.

Es sind noch keine zwölf Jahre seit der Entstehung der revolutionären Rätebewegung vergangen, und sie fiel zeitlich mit dem revolutionären Aufschwung und der Blütezeit in Westeuropa zusammen. Es ist wahrscheinlich, dass dieselbe Bewegung in verschiedenen, aber analogen Formen dazu bestimmt ist, in Zukunft das revolutionäre Werk zu vollbringen, das sie sich 1919 vorgenommen hatte: die Zerstörung der Syndikate und die Machtergreifung in Form der direkten Diktatur der Arbeiterklasse.

Um den Erfolg des nächsten Impulses der europäischen Arbeiterklasse vorzubereiten, führt die Elite der deutschen proletarischen Kämpfer, vereint in der Kommunistischen Arbeiterpartei und in anderen Organisationen wie dem Allgemeinen Arbeiterbund32 (der offenbar und leider einen Teil seiner Unnachgiebigkeit aufgegeben hat), seit zehn Jahren den Kampf gegen den Leninismus auf der Grundlage der Fabrikorganisationen und auf dem Terrain des revolutionären Marxismus fort.

Was uns betrifft, so erheben wir keinen Anspruch auf Originalität für unsere Position: Wir haben an einer weniger vollständigen revolutionären Erfahrung teilgenommen als unsere deutschen Gefährten, und natürlich war es für uns besonders schwierig, die Schlussfolgerungen der Geschichte zu übernehmen, soweit sie uns nicht durch die Praxis auferlegt wurden, und uns von der Autorität und Disziplin der Bosse zu befreien. In der bordigistischen Tradition verankert, mussten wir große Anstrengungen unternehmen, um das System der Vorurteile aus unserem Denken zu verbannen, das uns die Realität verbarg, die direkt aus dem Kampf unserer deutschen Gefährten stammt. Es ist eine große Freude für uns, dass uns das gelungen ist.

Wie wir bereits angedeutet haben, manifestierte sich die revolutionäre Entwicklung in Italien in einem Konflikt zwischen dem Syndikat und der Fabrik, aber sie fand keinen starken Ausdruck in der ideologischen Bewegung. In Deutschland ging sie über die Grenzen des rein Objektiven oder Spontanen hinaus und schlug sich mit besonderer Energie in der Ideologie nieder. Der Arbeiterrat dominiert sowohl im revolutionären Kampf als auch im Denken der proletarischen Ideologen. In letzteren gibt es keinen Dogmatismus, keinen Aspekt der endgültigen Stabilität, da diese Entwicklungen des marxistischen Denkens die Widerspiegelung einer reinen revolutionären und proletarischen Realität sind, was genau den Konflikt mit dem leninistischen Eklektizismus erklärt.

Der Ursprung der syndikalistischen Bewegung wird von Karl Marx wie folgt charakterisiert: „die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Produktion ist, den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu heben, sondern zu senken oder den Wert der Arbeit mehr oder weniger bis zu seiner Minimalgrenze zu drücken.“33 Um sich gegen die „Aggression des Kapitals“, die sich gegen das Existenz-Niveau der Arbeiterklasse richtet, zu verteidigen, ist das Proletariat geneigt, der allgemeinen Tendenz des Kapitalismus Widerstand entgegenzusetzen. Für Marx führte dieser ökonomische Widerstand des Proletariats 1864 insofern zu positiven Ergebnissen, als die Erhöhung der Löhne den Preis der Waren insgesamt nicht verändert und daher einer allgemeinen Verringerung der kapitalistischen Profite entspricht. Marx bekämpfte die These des Engländers Weston, dass die Löhne den Preis der Waren regulieren (wenn die Löhne steigen, steigen die Preise, sagte Weston), indem er feststellte, dass diese These auf eine Tautologie hinausläuft, und ihr seine Tauschwerttheorie entgegenstellte. Es ist offensichtlich, dass dies für einen „freien“ Markt uneingeschränkt gilt. Aber wenn Marx 1864 Recht hatte, als das Monopol nur eine bloße Tendenz war, so ist es dennoch wahr, dass der monopolistische und trustifizierte Kapitalismus (der nicht Bucharins Kapitalismus ohne Wettbewerb ist) in seinen Händen das Mittel hat, sich einem Preisrückgang zu widersetzen oder sich durch ihren Anstieg einem Rückgang des Profits im Falle eines Anstiegs der Nominallöhne zu widersetzen. In der Tat gibt es seit vielen Jahren keine Reallohnerhöhungen mehr für die gesamte Arbeiterschaft. Der Kampf um die Tarife hat aufgehört, ein positives Ziel darzustellen, das allen Arbeitern gemeinsam ist. Er bringt nur für begrenzte Arbeiterschichten Ergebnisse, und das auch nur in dem Maße, wie er nicht durch die Verallgemeinerung des Erfolgs die Reaktion des Kapitalismus in Form von Preissteigerungen … (Koalition34, Inflation) … nach sich zieht.

Für das Proletariat als Klasse ist die syndikalistische Bewegung im gegenwärtigen Zustand des Kapitalismus eine Sackgasse. Während die Syndikate im letzten Jahrhundert die Organe der Vereinigung des Proletariats im Widerstand gegen Lohnsenkungen darstellten, sind sie heute die Organe, durch die ungleiche Bedingungen und Verhältnisse in die proletarische Klasse eingeführt werden. Für viele sind sie ein nutzloses Instrument, für andere ein Mittel, um sich Privilegien zu verschaffen und diese durch Klassenkompromisse zu sichern…

Die syndikalistische Bewegung an sich kann weder der ganze „Klassenkampf“ noch die ganze „Schule des Sozialismus“ sein. Marx selbst wies in seinem bereits zitierten Buch darauf hin, dass die Syndikate, „Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, d.h. zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.“35 Heute, da die Entwicklung der Situation die Syndikate zu Organisationen gemacht hat, deren reaktionäre Rolle angesichts der Weltrevolution nicht verschleiert werden kann, klammern sich die Rechten an eine Erklärung, die sich auf das Wesen der Syndikate als „elementare“ Bewegung der Arbeitermassen bezieht. Anstatt davon auszugehen, dass die ideologischen Formen einer Epoche nur für diese gültig sind und dann konterrevolutionär werden – und dass dies auf den Syndikalismus zutrifft, der seit seiner Legalisierung Ende des letzten Jahrhunderts einen kontinuierlichen Rückschritt erlitten hat -, behaupten sie, den Bankrott der Syndikate zum Bankrott der Initiative und Spontaneität der Arbeiter zu machen, sie identifizieren das Ökonomische mit dem Spontanen, die archibürokratische36 Struktur der Gewerkschaften mit einer autonomen Schöpfung des Proletariats… Sie behaupten mit Lenin, dass „(…) daß die Arbeiterklasse ausschließlich aus eigener Kraft, nur ein trade-unionistisches Bewußtsein hervorzubringen vermag (…)“37. Das Proletariat sei also nur für eine Seite der Realität empfänglich, es reagiere nur auf bestimmte Elemente seiner eigenen Lage, es systematisiere seine Reaktionen nur auf eine so unvollständige Weise, dass sie eine endgültige Ohnmacht implizieren würde, wenn nicht der „Berufsrevolutionär“ von der Vorsehung her eingreifen würde. In „Was tun“ trennt Lenin die kommunistische politische Ideologie von der historischen Entwicklung des Proletariats. Für ihn ist das revolutionäre Bewusstsein des Proletariats ein Spiegelbild der sozialistischen Ideologie, die „entstand als natürliches und unvermeidliches Ergebnis der ideologischen Entwicklung der revolutionären sozialistischen Intelligenz“38 ist. Für Lenin ist der Sozialismus daher „von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes“39.

Auf dieser theoretischen Grundlage lässt sich sehr gut verstehen, warum Lenin 1919 zur Theorie der Eroberung gelangte. Er wollte die Ideologie, das sozialistische Bewusstsein, von außen in die Syndikate einführen. Lenin sieht also keinen Grad (A.d.Ü., auch als Stufe zu verstehen) des revolutionären Bewusstseins. Dieses Bewusstsein ist ein Apriori, das sich nicht mit der Entwicklung des Klassenkampfes weiterentwickelt. In ihrer Substanz bleibt die sozialistische Ideologie etwas Unbewegliches. Hätte Lenin die beiden Prozesse der sozialistischen Ideologie und des Klassenkampfes einfach als getrennte, sich parallel entwickelnde Prozesse betrachtet (auch das wäre ein Fehler), hätte er nicht von einem von außen eingeführten Element sprechen können. Wie kann man ein Element von außen einführen, wenn es nicht präzise ist, wenn es immer wiederkehrt? Aber es ist klar, dass bei Lenin das sozialistische Denken bereits etwas Vollständiges ist, eine exakte Wissenschaft, zu der das Proletariat in keiner Weise beiträgt. Der Grad des revolutionären Bewusstseins wird daher von den Massen ferngehalten. Die Massen hätten lediglich die Möglichkeit, das sozialistische Bewusstsein, das über ihnen schwebt, in Stufen zu absorbieren. Lenin sah nicht, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Entwicklung des Klassenkampfes und der sozialistischen Ideologie, die eben Grade hat, und dem sich entwickelnden proletarischen Bewusstsein, das die Entwicklung der sozialistischen Ideologie beeinflusst. Lenin verfällt damit in die Metaphysik und in absolute Wahrheiten. Dies ist im Übrigen der Kern seines philosophischen Denkens! In seinem Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“, in dem er sehr treffende Argumente gegen den Machismus40 vorbringt, ignoriert er die Relativität der gegenwärtigen Realität im Subjektiven und im Objektiven. Es mag nur widersprüchlich erscheinen, dass in diesem Buch vor allem das Objektive zur Unbeweglichkeit verurteilt wird. Ähnlich verhält es sich in „Was tun? Der grundlegende Fehler der Eroberungstheorie liegt hier. Er rührt von dieser metaphysischen Starrheit in Lenins Denken her, die wiederum aus den objektiven Bedingungen Russlands resultiert, wo die Revolution nicht rein proletarisch sein konnte. Dies sind deutliche Spuren der zweideutigen Natur von Lenins halbbourgeoiser und halbproletarischer Ideologie.

Die marxistische Basis hat nur dies eine: die Liquidierung des Endgültigen, der metaphysischen Unbeweglichkeit. Sie denkt nicht an eine Eroberung der proletarischen Masse von oben. Sie untersucht die Formen des Klassenkampfes und zieht daraus Schlussfolgerungen, die nichts mit der sogenannten apriorischen Strategie des Leninismus zu tun haben. Sie zwingt uns keine dogmatischen Formeln auf, die dann zu Waffen der Reaktion werden. Im Übrigen kann die Arbeiterklasse für Marx ihre Fesseln nur durch ihre eigene Initiative und Kraft sprengen. Es ist offensichtlich, dass Marx die Entwicklung der proletarischen Ideologie mit dieser Kraft identifizierte. Die kommunistische Ideologie ist nicht einfach eine Tradition bourgeoiser Intellektueller, die die ökonomische und politische Struktur der bourgeoisen Gesellschaft analysiert und verurteilt haben, sondern eine Kraft, die sich immer weiterentwickelt, die immer mit neuen Elementen angereichert wird. Diese Fortschritte der revolutionären Ideologie sind der Entwicklung des Klassenkampfes untergeordnet. Es ist nicht wahr, dass die Arbeiterklasse, die ihren eigenen Kräften überlassen ist, nur zum trade-unionistischen Bewusstsein gelangen kann. Das italienische Beispiel, wo alle politischen Kräfte, die sich auf die Arbeiterklasse beriefen, eine konterrevolutionäre Rolle spielten, beweist, dass die Spontaneität der Arbeiterklasse in der Aktion alle ideologischen Elemente übertroffen hat. In Deutschland, ja sogar in Russland, sind die Räte ein schlagender Beweis dafür. Und die künstliche Bildung kommunistischer Parteien in Frankreich und anderswo hat das ideologische Niveau des Proletariats in keiner Weise angehoben. Die Ideologie unterliegt den Einflüssen des proletarischen Kampfes, sie wird durch die Dialektik der antagonistischen Kräfte bedingt. Möge die proletarische Klasse aggressiv sein, mögen ihre Angriffe immer wütender werden, und es wird zu einer neuen Blüte der sozialistischen Ideologie kommen. Sicherlich ist die Kraft, die Dynamik der Massen auch in der Periode des Rückflusses der revolutionären Kräfte noch spürbar, wo die Waffe der Kritik ihre unaufhörliche Untersuchung fortsetzt. Aber wenn der Rückfluss zu einer langen Periode der Stagnation wird, erleben wir einen immer stärkeren Zerfall der politischen Organisationen und deren Abbröckeln41.

Aber warum, wenn die Ideologie, wenn die politischen Formen des Klassenkampfes nur ein Teil der revolutionären Entwicklung sind, hat das Proletariat in seiner letzten Offensive gegen den Kapitalismus nicht gesiegt? Diese Frage haben wir bereits an einer anderen Stelle beantwortet. Weil das Proletariat keinen ausreichenden Grad an Erfahrung, an revolutionärem Bewusstsein erreicht hatte. Nicht weil es an einer wirklich revolutionären Partei fehlte, sondern gerade weil es an den Voraussetzungen für eine solche Partei fehlte. Sollte man die Bildung eines politischen Bewusstseins in der Arbeiterklasse als unmöglich ansehen? Rosa Luxemburg betrachtete dieses Problem in einem vor dem Krieg geschriebenen Artikel und antwortete negativ: „Es ist nicht möglich, dass das Proletariat als Klasse das ideologische Niveau erreichen kann, das die französische Bourgeoisie vor der Revolution erreicht hat. Das Proletariat hat nicht die ökonomischen Mittel, um dies zu erreichen. Gewiss, das Proletariat verfügt noch nicht über die materiellen Mittel, um die Wissenschaft so zu entwickeln, wie es die Bourgeoisie vor der Revolution getan hat, es hat nicht die Möglichkeit, seine intellektuellen Kräfte so weit zu entfalten, dass sie zu einem Hebel für eine neue technische und soziale Umwälzung der Gesellschaft werden.“42 Diese Feststellung darf uns jedoch nicht dazu verleiten, die geistigen Kräfte des Proletariats, die ihre Macht bereits unter Beweis gestellt haben, völlig zu negieren. Schon in ihrer Rede zum Programm begann Rosa Luxemburg klar zu sehen, dass die revolutionären Energien ihre Wurzeln in der lebendigen Masse des Proletariats haben. Sie verurteilte auch die „Eroberung“. Das liegt daran, dass ein Jahrhundert ökonomischer Kämpfe uns eine ausreichende Erfahrungsgrundlage gegeben hat, um zu verstehen, dass diese Methode angesichts der internationalen Entwicklung des Kapitalismus an sich keine Lösung bietet, dass Organisationen, die auf dieser Methode beruhen, nur in Klassenkollaboration enden können.

Ein neuer Aspekt der Struktur ist kein ewiger Schutz vor dem Abgleiten in den Opportunismus. Wenn diese Organisationen tatsächlich die Absicht haben, die ökonomischen Kämpfe des Proletariats in eine revolutionäre Bewegung umzuwandeln, dann sollten sie dies tun, ohne das Proletariat in einen Kompromiss mit den Bossen zu treiben. Die Teilnahme an jedem Teilkampf des Proletariats ist unbestreitbar notwendig, aber die Bildung ständiger Organisationen, die auf den niederen Formen des klassenkämpferischen Bewusstseins und Kampfes beruhen, hat in einer Zeit, in der die Revolution jeden Moment ausbrechen kann, keine Berechtigung mehr. Jedes Organ, das die Rettung der Arbeiterklasse in einer Zeit, in der sie nur in der Machtergreifung gefunden werden kann, auf einem trügerischen Weg sucht, ist daher ein Agent der Konterrevolution. Gerade deshalb ist die leninistische Methode, die Massen zu täuschen, ihnen zu helfen, sich zu täuschen, um ihr Vertrauen zu gewinnen und sich an ihre Spitze zu setzen, eine reaktionäre Methode, die das Bewusstsein der Arbeiter an die Fehler der Vergangenheit kettet und der Konterrevolution Bollwerke verschafft. Wir wissen sehr wohl, dass man uns entgegenhalten wird, dass selbst der syndikalistische Reformismus vor den Massen steht, dass die Massen passiv sind und nicht direkt auf das Terrain des politischen Kampfes gebracht werden können. Das bedeutet anzunehmen, dass die Massen nicht von sich aus unter dem Schock der Ereignisse zum Sturm aufbrechen können. Denn dann werden die Bollwerke, die man „vor den Massen“ errichtet, in der Stunde der Revolution nur Hindernisse unter ihren Füßen sein. Wenn die heutigen politischen Parteien und Syndikate vor allem den Teil des Proletariats im Auge haben, der gegenwärtig dem Kapitalismus etwas abgewinnen kann oder sich einbildet, dies tun zu können, warum sollten dann die unteren und tieferen Schichten der Arbeiterklasse, die nichts zu erwarten haben und dies dunkel spüren, heute zur Organisation kommen? Damit sie kommen, müssen sie belogen werden, man muss sie glauben machen, dass sie sich etwas einfangen werden, wenn sie in reformistischer Richtung auf versöhnliche oder sogar aggressive Weise kämpfen. Warum sagen wir ihnen nicht gleich die Wahrheit? Warum sagt man ihnen nicht, dass die Syndikate die Organe der Arbeiteraristokratie sind, dass die Parteien durch ihre Anpassung an das Regime, das sie abschaffen wollen, korrumpiert sind, dass die proletarische Klasse während der tödlichen Krise des Kapitalismus in den Fabrikorganisationen die Ergebnisse ihrer Erfahrung konkretisieren muss, sich selbst der beschleunigten historischen Entwicklungen bewusst werden muss, die sie vor ihre Aufgabe oder ihren Selbstmord stellen, und sich mit vollem Körpereinsatz in ein Handgemenge stürzen muss, in dem die Proletarier „dieser Welt haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen“.

(1929)


1A.d.Ü., Amadeo Bordiga (1899 – 1970) war ein Mitgründer der PCd´I. Anfangs ein Verfechter der Sowjetunion, was sich ab den 1930ern ändern würde, aber bis zum Ende ein Leninist. Nach ihm wird eine kommunistische Strömung genannt.

2A.d.Ü., offiziell auf Französisch: „Bilan. Bulletin Théorique mensuel de la fraction de gauche du PCI“, hierbei handelt es sich um eine Gruppe von Exil-Italiener, die nach der Machtergreifung von Mussolini Italien verließen. Diese Entscheidung war dadurch bedingt, dass sie ihre politische Tätigkeit in der Klandestinität nicht mehr weiterführen konnten, bzw. dass diese dermaßen durch die Illegalität eingeschränkt war.

3A.d.Ü., Michelangelo Raffaele Pappalardi (1895 – 1940) war ein italienischer Kommunist, der anfänglich Mitglied in der PSI (Partito Socialista Italiano) und ab 1921 Mitglied der PCd´I (Partito Comunista d´Italia) war. Er musste Italien nach der Machtergreifung Mussolinis und seiner Inhaftierung verlassen, wo er zuerst nach Österreich reiste und über Deutschland später nach Belgien emigrierte. Auf der Flucht lernte er die links-kommunistischen Positionen kennen, die in den Niederlanden und Deutschland kursierten und er schloss sich diesen trotz seiner Nähe zu Bordiga an. Aufgrund dessen schloss er sich den Groupes ouvriers communistes an.

4A.d.Ü., André Jean Eugène Prudhommeaux (1902 – 1968) war ein libertärer Kommunist, der außerdem Gedichte schrieb sowie selbst bei vielen revolutionären und anarchistischen Publikationen schrieb und selbst übersetzte. Er war ab 1929 Mitglied in den Groupes ouvriers communistes, bis er diese aufgrund von Meinungsunterschieden verließ. Nach dem Reichstagsbrand 1933 gehörte er zu den wenigen die Marinus Van der Lubbe unterstützten. Ab dem Moment nähert er sich anarchistischen Positionen und schrieb unter anderem Artikel in Le Libertaire und La Revue Anarchiste. Er sowie seine Lebensgefährtin Dori, von der wir leider nichts finden konnten, waren für kurze Zeit in Barcelona während der sozialen Revolution von 1936 und würden kurz darauf, zurück in Frankreich, die Beteiligung der CNT in der republikanischen Regierung stark kritisieren. Von ihm wissen wir, dass er die Positionen der Gruppe Los Amigos de Durruti stark verteidigte.

5A.d.Ü., Jean Dautry (1910 – 1968) war ein französischer Historiker, der sich vor allem mit der Geschichte der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung auseinandersetzte. Er war in den Groupes ouvriers communistes aktiv und veröffentlichte später mit André Prudhommeaux die Publikation Spartacus und die Correspondance internationale ouvrière. 1936, verließ er Frankreich, um sich der sozialen Revolution in Barcelona anzuschließen, aufgrund seines schlechten gesundheitlichen Zustandes übernahm er die Verantwortung der französischen Sendungen und Ausstrahlungen für das Radio CNT-FAI ECN1. Bei diesem handelte es sich um einen Radiosender, welcher von Anarchisten und Anarchistinnen enteignet wurde und ins Ausland ausgestrahlt wurde, um über die Situation in der sozialen Revolution zu berichten. Während der Besatzung der Nazis schloss er sich der Résistance an und wurde 1941 Mitglied der PCF.

6A.d.Ü., siehe Fußnote Nr. 1.

7Ein aus der UdSSR Geflohener, wo er und die Mitglieder der „Gruppe der Arbeiter (A.d.Ü., Arbeiteropposition)“ aus der Russischen/Sowjetischen Kommunistischen Partei ausgeschlossen und zunächst vom leninistischen Bolschewismus und seinem Staat und dann vom stalinistischen Bolschewismus und seinem Staat verfolgt wurden.

8A.d.Ü., „Die FORA angesichts der Vereinbarungen der Berliner Konferenz der revolutionären und industriellen (gemeint sind Arbeiter und Arbeiterinnen, A.d.Ü.) Sozialisten“.

9Wir empfehlen die Lektüre von „¿Es ‘anarcosindicalista’ la FORA? – Ist die FORA ‚anarchosyndikalistisch‘?“, die diese Positionen von der FORA mit denen einer syndikalistischen Konföderation, die 14 Jahre später in Spanien sich in dem „antifaschistischen“ demokratischen kapitalistischen Lager integrieren wird, vergleicht: die „anarchosyndikalistische“ CNT, die der IAA angehört, spielte zusammen mit dem „sozialistischen“ Syndikat der UGT – neben der anarchistischen FAI, 100% bourgeoise republikanischen Gruppen (wie Esquerra Republicana) und anderen „proletarischen“ Gruppen, die sich als leninistisch ausgaben (wie die antistalinistische POUM und die stalinistische Kommunistische Partei) – eine konterrevolutionäre Rolle ersten Ranges und trug dazu bei, eine mögliche anarchistisch-kommunistische Revolution in der spanischen Region frühzeitig zu zerschlagen. Das „Ziel“ der FORA – d.h. der „anarchische Kommunismus“ (angenommen auf dem V. Kongress 1905), d.h: der Kongress im Jahr 1904) – und ein Teil ihrer Praxis deckt sich, wenn auch mutatis mutandis, mit dem Ziel und der Aktion der AAU-E (Allgemeine Arbeiter-Union – Einheitsorganisation -, losgelöst von der AAUD – Allgemeine Arbeiter-Union Deutschlands) im deutschen Raum. In der Tat heißt es in den Gründungsthesen der AAU-E (angenommen im Oktober 1921): „Die AAUD kämpft für den Kommunismus (…). Das Endziel der AAUD ist eine Gesellschaft, in der alle Macht abgeschafft wird“. Wie die FORA und die Groupes ouvriers communistes war auch die AAU-E antiparlamentaristisch. Wie die FORA betonte auch die AAU-E, dass die soziale Revolution „weder eine Partei- noch eine Gewerkschaftsangelegenheit sein kann“. Wie die Groupes ouvriers communistes schlug die AAU-E als ihre Aufgabe „die Zerstörung der Gewerkschaften“ vor. Neben anderen bekannten Animateuren waren Otto Rühle und Franz Pfemfert in der AAU-E aktiv. Eine gute Zusammenfassung der kommunistischen Bewegung in Deutschland in den Jahren 1918 und 1922 findet sich in Ni parlamento ni sindicatos: ¡los consejos obreros! (Weder Parlament noch Gewerkschaften – die Arbeiterräte!) (Espartaco Internacional – Spartacus International, 2004), eine Zusammenstellung, die Artikel der Protagonisten (Jan Appel, Hermann Gorter, Anton Pannekoek usw.) und Dokumente verschiedener Organisationen aus jenen Jahren enthält. [Anmerkung von Rossoinero]

10„Ökonomisch“, weil das Syndikat sich rühmt, „die ökonomischen Interessen“ der Lohnabhängigen zu verteidigen, aber auch, weil es sich um eine „Kiste“ ökonomischer Ressourcen handelt, die – oft unter Zwang – den Arbeitern entzogen und vom Staat, zu dem das Syndikat gehört, rechtlich geschlichtet/reguliert werden. [Anmerkung von Rossoinero]

11A.d.Ü., als Rekuperation, wieder einmal, ist die Wiedererlangung, Zurückgewinnung von etwas (eine Idee) oder jemandem zu verstehen. Normalerweise ist dies als ein Akt zu verstehen, wo das rekuperierte seiner ursprünglichen Idee entleert wird, es wird daher neutralisiert und seiner Ontologie beraubt.

12A.d.Ü., unter Chartismus oder Chartisten ist jene Reformbewegung in Großbritannien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt, die unter anderem sich für den Zehn-Stunden-Tag, der Zulassung und/oder Gründung von Syndikaten und für das Wahlrecht einsetzte.

13A.d.Ü., wir nehmen an, dass es sich hier um Heinrich Brandler (1881-1967) handelt, ein Gründungsmitglied der KPD 1918, bis er diese verlässt und die KPD-Opposition 1928-1929 gründet.

14A.d.Ü., hiermit ist der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 gemeint.

15A.d.Ü., hierbei handelt es sich um die niederländische Zeitung „De Tribune“ (daher die Bezeichnung „Tribunisten“) für die unter anderem auch Anton Pannekoek schrieb.

 16A.d.Ü., im Originaltext auf Französisch ist die Rede von der CGT allemande. Nun in Deutschland gab es nie eine Gewerkschaft unter diesem Namen, daher ist es jetzt eine Spekulation unserer Seite, welche genauere Organisation gemeint sein könnte. Evtl. die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands (1890 bis 1919) oder der Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund (1919 bis 1933). Wir tendieren, ohne es genau zu wissen, zu letzteren.

17La Révolution prolétarienne war eine syndikalistische Publikation, die von Pierre Monatte und Robert Louzon gegründet und animiert wurde und zwischen 1925 und 1939 in Paris erschien. Leo Trotzki polemisierte mit Louzon, Monatte und „Révolution prolétarienne“: siehe die Zusammenstellung der Schriften Sobre los sindicatos de Trotsky (1974, Buenos Aires, Pluma). [Anmerkung von Rossoinero]

18A.d.Ü., kurz und knapp lassen sich unter dem Labourismus jene Strömungen der frühen Arbeiterbewegungen verstehen, denen es darum ging, die Interessen der Arbeiter innerhalb des kapitalistischen Systems zu stärken, aber nicht dieses System zu ersetzen bzw. zu zerstören. Marx verstand ihn als gegensätzlich zum Sozialismus. Der Labourismus findet sich wieder in den trade-unions, der Sozialdemokratie, der christlichen Sozialethik und allen anderen reformistischen Teilen der Arbeiterbewegung.

19A.d.Ü., hier handelt es sich um eine 1924 gegründete Organisation, vermutlich eines Syndikates, welches Syndikalisten ansammelte, die aus der PCF rausgeworfen wurden, diese veröffentlichten eine Publikation, die bis heutzutage noch existiert, die den Titel La Révolution prolétarienne trägt.

20Angelica Balabanoff (1878-1965) wurde in der Ukraine geboren und ließ sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Rom nieder, wo sie sich der Sozialistischen Partei Italiens (PSI) anschloss. Sie stieg in der bürokratischen Hierarchie der Partei in wichtige Führungspositionen auf, so dass sie dank ihrer Machtposition als „Beschützerin“ des damals jungen Linken Benito Mussolini gilt, den sie für das PSI-Zentralkomitee nominierte und als Redakteurin des zentralen Presseorgans Avanti! empfahl, das sie bald darauf auch leitete. Nach der russischen Revolution von 1917 ließ sie sich in Russland nieder, wo sie 1919 Sekretärin der Kommunistischen Internationale wurde. Unzufrieden mit dem Verlauf der sowjetischen Ereignisse kehrte sie nach Italien zurück, wo sie dem „maximalistischen“ Sektor (dessen bekanntester Organisator Giacinto Menotti Serrati war) angehörte, der in der „Mitte“ der PSI zwischen der „Linken“ (mit Amadeo Bordiga als Bezugspunkt) und der „Rechten“ (zu der Antonio Gramsci gehörte) angesiedelt war. Sie ging ins Schweizer Exil, als der rechtsgerichtete Mussolini Duce wurde, und lebte dann in Paris und New York: In New York veröffentlichte sie 1938 die Memoiren My life as a rebel – Mein Leben als Rebell, auf die sich L’Ouvrier Communiste hier bezieht. [Anmerkung von Rossoinero]

21„De la“ im Original: „l’occupation de la Miani et Silvestri“. [Anmerkung von Rossoinero].

22L’Ordine Nuovo war die Wochenzeitschrift, die in Turin von der Gruppe um Gramsci (Direktor der Zeitschrift), Palmiro Togliatti und anderen herausgegeben wurde. Im Jahr 1921 wurde die Publikation zu einer Tageszeitung und zum Organ der damals neu gegründeten Kommunistischen Partei Italiens. [Anmerkung von Rossoinero]

23Siehe Anmerkung v. [Anmerkung von Rossoinero] [viii] Mit „Sowjet“.

24Mit „Sowjet“ (der Buchstabe „s“ ist im Original groß geschrieben) meint L’Ouvrier Communiste „Fabrikrat“. Um die politischen Verzweigungen der Begriffe „Fabrikrat“, „Arbeiterrat“ und „Sowjet“ zu verstehen (die damals gegenwärtig waren und auch 2021 noch nachhallen), sollte man die Debatte lesen, die während einiger Monate in den Jahren 1919 und 1920 zwischen Bordiga (dessen Artikel in der von ihm herausgegebenen neapolitanischen Wochenzeitung Il Soviet veröffentlicht wurden) und Gramsci (dessen Artikel in der Zeitschrift L’Ordine Nuovo veröffentlicht wurden) geführt wurde. [Anmerkung von Rossoinero]

25A.d.Ü., Anhänger der Zeitung, die in der Fußnote Nr. 22 erwähnt wird.

26A.d.Ü., wir denken, dass es sich hier um die Confederazione Generale del Lavoro handelt, eines Syndikates welches von 1906 bis 1927 existierte.

27Prometeo war der Name der vierzehntägigen Publikation der Kommunistischen Linken Italiens (im Exil), auch bekannt als die „linke Fraktion der Kommunistischen Partei Italiens“. Die Gruppe, die sich um das Magazin versammelt hatte, wurde auch als „Prometeo“ erkannt. [Anmerkung von Rossoinero]

28A.d.Ü., siehe Fußnote Nr. 29

30A.d.Ü., wir haben weder zu dem Zitat noch zu der erwähnten Publikation was gefunden und haben nach besten Gewissen dies übersetzt.

31A.d.Ü., wir haben zu einer Publikation mit einen solchen Namen, oder einem ähnlichen, nichts auf deutscher Sprache finden können.

32„Allgemeine Arbeiter-Union“ bezieht sich wahrscheinlich auf die Allgemeine Arbeiter-Union Deutschlands, eine Gruppierung, die im Deutschen unter dem Kürzel AAUD bekannt ist. Aus der AAUD ging die AAU-E (Allgemeine Arbeiter-Union – Einheitsorganisation) hervor, die im Oktober 1921 gegründet wurde. Zur kommunistischen Bewegung in Deutschland in den Jahren 1918 und 1922, siehe Weder Parlament noch Gewerkschaften: Die Arbeiterräte! (VV.AA., Spartacus International, 2004), ein Buch, auf das wir bereits in Conquering the unions or destroying them? (erster Teil). [Anmerkung von Rossoinero]

33A.d.Ü., Karl Marx, Lohn, Preis und Profit

34A.d.Ü., auf deutsch findet sich die Übersetzung „Koalitionsfreiheit“ bzw. „Koalitionsverbot“ und meint hier die Koalition von Arbeitern, Bildung von Vereinen. 1791 wurde dies verboten und 1864 wieder aufgehoben.

35A.d.Ü., siehe Fußnote Nr. 33.

36A.d.Ü., wir gehen davon aus, dass das Präfix archi- (aus dem Griechischen) dem Bürokratischen an dieser Stelle einen altertümlichen Sinn und Form beimisst, also erzbürokratisch oder urbürokratisch.

37A.d.Ü., Lenin, Was tun?, Kapitel 2a.

38A.d.Ü., ebenda

39A.d.Ü., Lenin, Was tun?, Kapitel 2b., an dieser Stelle zitiert Lenin seinen Lehrmeister Karl Kautsky.

40A.d.Ü., eine nach Ernst Waldfried Josef Wenzel Mach benannte philosophische Schule oder Strömung auch bekannt als Empiriokritizismus, eigentlich von Richard Avenarius begründet. Dabei handelt es sich um einen erkenntnistheoretischen Ansatz, der auch als subjektivistischer Positivismus bezeichnet wird, der davon ausgeht, dass sich die Wissenschaft nur mit Erfahrungen beschäftigen sollte, also nur aus diesen Erkenntnis gewonnen werden kann, wobei eine unaufhebbare Korrelation zwischen Subjekt und Objekt angenommen wird und durch Ausschaltung aller bloß individuellen und logisch unhaltbaren Elemente aus der „naiven“ Erfahrung, die „reine“ Erfahrung gewonnen wird. Um das ganz zu verstehen, müssen vermutlich die Hauptwerke von Richard Avenarius „Philosophie als Denken der Welt gemäß dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes“ und „Der menschliche Weltbegriff“ gelesen werden.

41A.d.Ü., Zerfallsprozess, Auflösung, Zersetzung, usw.

42A.d.Ü., wir haben dieses Zitat nicht finden können und haben es nach besten Gewissen übersetzt.

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