Fredy Perlman, Die Reproduktion des täglichen Lebens (1969)

Fredy Perlman, Die Reproduktion des täglichen Lebens (1969)

Originaltitel: „The Reproduction of Daily Life“

Broschüre von Abbruch-distro, Bremgarten. Übersetzt von Hugin, wir haben diese Version überarbeitet und korrigiert.

Die alltägliche, praktische Tätigkeit von Stammesleuten reproduziert oder bewahrt einen Stamm. Diese Reproduktion ist nicht bloß physisch, sondern auch sozial. Durch ihre alltäglichen Aktivitäten reproduzieren die Stammesleute nicht bloß eine Gruppe von Menschen; sie reproduzieren einen Stamm, also eine bestimmte soziale Form, in welcher diese Gruppe von Menschen spezifische Aktivitäten in einer spezifischen Art und Weise ausübt. Diese spezifischen Aktivitäten der Stammesleute sind nicht das Ergebnis von „natürlichen“ Eigenschaften der Menschen, die sie ausüben, wie die Produktion von Honig das Ergebnis der „Natur“ der Biene ist. Das tägliche Leben, ausgeführt und bewahrt von den Stammesleuten, ist eine spezifische soziale Antwort auf spezifische materielle und historische Bedingungen.Die alltägliche Aktivität von Sklaven reproduziert Sklaverei. Durch ihre täglichen Aktivitäten reproduzieren Sklaven nicht bloß sich selbst und ihre Herren physisch; sie reproduzieren auch die Instrumente, mit welchen ihre Herren sie unterdrücken und sie reproduzieren ihr eigenes Verhalten der Unterwerfung unter die herrschaftliche Autorität des Herren. Für Menschen, die in einer Sklavengesellschaft leben, erscheint die Herr-Sklave Beziehung als eine natürliche und ewige Beziehung. Dies obwohl Menschen nicht als Herren oder Sklaven geboren werden. Sklaverei ist eine spezifische soziale Form und Menschen fügen sich ihr nur unter sehr spezifischen, materiellen und historischen Bedingungen.

Die alltägliche praktische Tätigkeit von Lohnarbeitern reproduziert Lohnarbeit und Kapital. Durch ihre alltäglichen Beschäftigungen reproduzieren „moderne“ Menschen – genau wie die Stammesleute und die Sklaven – die Bewohner, die sozialen Beziehungen und die Ideen ihrer Gesellschaft; sie reproduzieren die soziale Form des alltäglichen Lebens. Wie das Stammes- und das Sklavereisystem ist das kapitalistische System weder die natürliche, noch die endgültige Form der menschlichen Gesellschaft; wie die früheren, sozialen Formen, ist der Kapitalismus eine spezifische Antwort auf materielle und historische Bedingungen.

Im Gegensatz zu den früheren Formen sozialer Aktivität, verändert das alltägliche Leben in der kapitalistischen Gesellschaft systematisch die materiellen Bedingungen denen der Kapitalismus ursprünglich entsprochen hat. Einige der materiellen Grenzen menschlicher Aktivität kommen schrittweise unter menschliche Kontrolle. Auf einer hohen Ebene der Industrialisierung erschafft praktische Tätigkeit ihre eigenen, materiellen Bedingungen, ebenso wie ihre soziale Form. Demnach ist der Gegenstand der Analyse nicht nur wie die praktische Tätigkeit in der kapitalistischen Gesellschaft die kapitalistische Gesellschaft wiedergibt, sondern auch wie diese Aktivität selbst, die materiellen Bedingungen eliminiert, auf welche der Kapitalismus reagiert.

 

DAS ALLTÄGLICHE LEBEN IN DER KAPITALISTISCHEN GESELLSCHAFT

Die soziale Form regulärer, menschlicher Aktivitäten im Kapitalismus ist eine Antwort auf eine spezifische materielle und historische Situation. Die materiellen und historischen Bedingungen erklären die Wurzeln der kapitalistischen Form, sie erklären jedoch nicht, wieso diese Form weiter existiert nachdem diese ursprüngliche Situation verschwunden ist. Das Konzept des „kulturellen Rückstandes“ ist keine Erklärung für das Fortbestehen einer sozialen Form, nach dem Verschwinden der ursprünglichen Bedingungen, auf welche sie Bezug nimmt. Dieses Konzept ist lediglich ein Name für das Weiterbestehen dieser sozialen Form. Wenn das Konzept des „kulturellen Rückstandes“ den Namen gibt für eine „soziale Kraft“, welche menschliche Aktivität bestimmt, dann ist dies eine Verneblung der Tatsachen, die das Auskommen menschlicher Aktivität als eine externe Kraft darstellt, über welche die Menschen keine Kontrolle haben. Dies trifft aber nicht nur auf ein Konzept wie das des „kulturellen Rückstands“ zu. Viele Ausdrücke von Marx zur Beschreibung menschlicher Aktivität, sind in den Status externer oder gar „natürlicher“ Kräfte erhoben worden; Konzepte wie „,Klassenkampf“, „Produktionsbedingungen“ und im Besonderen „die Dialektik“ spielen die selbe Rolle in den Theorien einiger „Marxisten“ wie „die Erbsünde“, „Verhängnis“ und „die Hand des Schicksals“ in den Theorien der mittelalterlicher Mystiker gespielt haben.

Während der Ausführung ihrer täglichen Aktivitäten vollziehen die Angehörigen der kapitalistischen Gesellschaft simultan zwei Prozesse: sie reproduzieren die Form ihrer Aktivitäten und sie eliminieren die materiellen Bedingungen, auf die diese Form der Aktivität ursprünglich reagierte. Sie wissen jedoch nicht, dass sie diese Prozesse ausführen; ihre eigenen Aktivitäten sind für sie nicht transparent. Sie stehen unter der Illusion, dass ihre Tätigkeiten auf natürliche Bedingungen, jenseits ihrer Kontrolle antworten und sehen nicht, dass sie selbst die Erzeuger dieser Bedingungen sind. Die Aufgabe der kapitalistischen Ideologie ist, den Schleier aufrecht zu erhalten, der die Menschen davon abhält zu sehen, dass ihre eigenen Aktivitäten die Form ihres täglichen Lebens reproduziert. Damit ist die Aufgabe kritischer Theorie, die Aktivitäten des täglichen Lebens zu entschleiern, sie transparent zu machen, die Reproduktion der sozialen Form der kapitalistischen Gesellschaft innerhalb der alltäglichen Tätigkeiten der Menschen sichtbar zu machen.

Im Kapitalismus besteht das tägliche Leben aus verwandten Aktivitäten, welche die kapitalistische Form sozialer Aktivität reproduzieren und erweitern. Der Verkauf von Arbeitszeit für einen Preis (einen Lohn), die Verkörperung von Arbeitszeit in Waren (verkaufbare Waren, materielle wie immaterielle), der Konsum von materiellen und immateriellen Waren (wie Konsumwaren und Spektakel) – diese Aktivitäten, die das tägliche Leben im Kapitalismus charakterisieren, sind keine Manifestationen der „menschlichen Natur“, noch sind sie den Menschen von unkontrollierbaren Kräften auferlegt worden.

Wenn behauptet wird, dass der Mensch „von Natur aus“ ein nicht erfinderischer Stammesangehöriger und ein erfinderischer Geschäftsmann, ein unterwürfiger Sklave und ein stolzer Handwerker, ein unabhängiger Jäger und ein abhängiger Lohnarbeiter ist, dann ist entweder die „Natur“ des Menschen ein leeres Konzept, oder die menschliche Natur hängt von materiellen und historischen Bedingungen ab und ist tatsächlich eine Antwort auf diese Bedingungen.

 

ENTFREMDUNG LEBENDIGER AKTIVITÄT

In der kapitalistischen Gesellschaft nimmt kreative Beschäftigung die Form der Warenherstellung an. Genauer gesagt nehmen die Produktion vermarktbarer Waren, und die Ergebnisse menschlicher Aktivität die Form von Waren an. Vermarktbarkeit oder Verkaufbarkeit sind die allgemein gültigen Merkmale aller praktischen Aktivität und aller Produkte. Die Produkte menschlicher Tätigkeit, die für das Überleben notwendig sind, haben die Form verkaufbarer Waren: sie sind nur im Tausch gegen Geld erhältlich. Und Geld ist nur im Tausch gegen Waren verfügbar. Wenn eine große Anzahl der Menschen die Legitimität dieser Abmachung akzeptiert, wenn sie akzeptieren, dass Waren eine Voraussetzung für Geld sind und dass Geld eine Voraussetzung für das Überleben ist, dann sind sie in einem Teufelskreis gefangen. Da sie selbst keine Waren haben, ist ihr einziger Ausweg aus diesem Kreis, sich selbst oder Teile von sich selbst als Waren zu betrachten. Und tatsächlich ist das die eigenartige „Lösung“, die Menschen sich selbst im Angesicht von bestimmten materiellen und historischen Bedingungen aufbürden. Sie tauschen nicht ihre Körper oder Teile davon gegen Geld. Sie tauschen den kreativen Inhalt ihres Lebens, ihre praktische, tägliche Beschäftigung gegen Geld ein.

Sobald der Mensch Geld als Gegenwert für Leben akzeptiert, wird der Verkauf lebendiger Aktivität eine Bedingung für sein physisches und soziales Überleben. Leben wird für Überleben eingetauscht. Schöpfung und Produktion werden zu armselig verkaufter Tätigkeit. Die Aktivität eines Menschen ist nur dann „produktiv“, nützlich für die Gesellschaft, wenn sie verkaufte Aktivität ist. Und der Mensch selbst ist nur dann ein produktives Mitglied der Gesellschaft wenn seine alltäglichen Beschäftigungen, verkaufte Beschäftigungen sind. Sobald die Menschen die Bedingungen dieses Tausches akzeptieren, wird ihre alltägliche Beschäftigung zu allgemeiner Prostitution.

Die verkaufte, kreative Kraft oder die verkaufte tägliche Aktivität nimmt die Form von Arbeit an. Arbeit ist eine historisch spezifische Form menschlicher Beschäftigung. Arbeit ist abstrakte Aktivität mit einem einzigen Zweck: sie ist vermarktbar, sie kann für eine gegebene Menge Geld verkauft werden. Arbeit ist indifferente Beschäftigung; indifferent zur bestimmten, ausgeführten Aufgabe und indifferent zu dem bestimmten Ziel, auf welches die Aufgabe ausgerichtet ist. Graben, Drucken und Schnitzen sind verschiedene Beschäftigungen, doch alle drei sind Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft. Arbeit ist schlicht „Geld verdienen“. Lebendige Aktivität, welche die Form von Arbeit annimmt, ist ein Mittel um Geld zu verdienen. Leben wird zu einem Mittel des Überlebens.

Diese ironische Umkehrung ist nicht der dramatische Höhepunkt einer ausgedachten Geschichte; sie ist eine Tatsache des alltäglichen Lebens innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Überleben, genauer gesagt Selbsterhaltung und Reproduktion, sind keine Mittel zu kreativer, praktischer Beschäftigung, jedoch sind sie das genaue Gegenteil. Kreative Beschäftigung in der Form von Arbeit, namentlich verkaufte Aktivität, ist eine schmerzhafte Notwendigkeit für das Überleben; Arbeit ist ein Mittel zur Selbsterhaltung und Reproduktion.

Der Verkauf von lebendiger Aktivität bringt noch eine andere Umkehrung mit sich. Durch den Verkauf wird die Arbeit eines Individuums zum „Eigentum“ eines Anderen, sie wird sich von einem Anderen angeeignet, sie kommt unter die Kontrolle eines Anderen. Mit anderen Worten, die Beschäftigung einer Person wird die Beschäftigung eines Anderen, die Beschäftigung ihres Besitzers; sie wird der Person, die sie ausübt, fremd1. Auf diese Weise werden das eigene Leben, die Leistungen eines Individuums in der Welt, der Unterschied, welcher das eigene Leben im Leben der Menschheit macht, nicht nur in Arbeit, einer schmerzhaften Bedingung für das Überleben, umgewandelt; sie werden in entfremdete Beschäftigung umgewandelt, Beschäftigung die von ihrem Käufer dirigiert wird. In der kapitalistischen Gesellschaft sind die Architekten, die Ingenieure, die Arbeiter nicht die Erbauer; der Mann der ihre Arbeit kauft, ist der Erbauer, ihre Projekte, Berechnungen und Bewegungen sind ihnen fremd; ihre lebendige Beschäftigung, ihre Leistungen sind die Seinen.

Akademische Soziologen, die den Verkauf von Arbeit für selbstverständlich halten, verstehen diese Entfremdung als rein gefühlsmäßig: die Beschäftigung des Arbeiters „erscheint“ dem Arbeiter fremd, sie „scheint“ von einem Anderen kontrolliert zu werden. Allerdings kann jeder Arbeiter den akademischen Soziologen erklären, dass diese Entfremdung weder ein Gefühl, noch eine Idee in seinem Kopf ist, sondern eine Tatsache im täglichen Leben des Arbeiters. Die verkaufte Beschäftigung ist faktisch dem Arbeiter fremd2; seine Arbeit ist faktisch von ihrem Käufer kontrolliert.

Im Tausch für seine verkaufte Beschäftigung erhält der Arbeiter Geld, das herkömmliche, akzeptierte Mittel für das Überleben in der kapitalistischen Gesellschaft. Mit diesem Geld kann er sich Waren kaufen, Dinge, aber er kann nicht seine Tätigkeit zurück kaufen. Dies enthüllt eine bestimmte „Lücke“ in der Idee von Geld als „allgemeiner Gegenwert“. Eine Person kann Waren für Geld verkaufen und sie kann dieselben Waren für Geld kaufen. Sie kann ihre lebendige Aktivität für Geld verkaufen, aber sie kann ihre lebendige Aktivität nicht für Geld zurück kaufen.

Die Dinge, welche der Arbeiter mit seinem Lohn kauft, sind in erster Linie Konsumwaren, welche es ihm ermöglichen zu überleben und seine Arbeitskraft wiederherzustellen, damit er sie weiterhin verkaufen kann; und sie sind Spektakel, Objekte der passiven Bewunderung. Er konsumiert und bewundert die Produkte menschlicher Beschäftigung passiv. Er existiert in der Welt nicht als aktiv Handelnder, welcher sie umgestaltet, sondern als hilfloser impotenter Zuschauer, der seinen Zustand der machtlosen Bewunderung vielleicht als „Glück“ benennt und da Arbeit schmerzhaft ist, wünscht er sich vielleicht sein ganzes Leben lang „glücklich“, also inaktiv, zu sein (ein Zustand der dem totgeboren sein gleich kommt). Die Waren, der Spektakel konsumieren ihn; er benutzt auflebende Energie für passive Bewunderung; er wird von Dingen konsumiert. In diesem Sinne ist er weniger, je mehr er hat. (Ein Individuum kann diesen Tod-im-Leben durch geringe, kreative Beschäftigung überwinden, doch die Gesellschaft als Ganzes kann dies nicht, es sei denn durch die Aufhebung der kapitalistischen Form praktischer Beschäftigung, durch die Abschaffung von Lohnarbeit, um dadurch die Entfremdung von kreativer Aktivität rückgängig zu machen.)

 

DER WARENFETISCHISMUS

Durch die Entfremdung von ihrer Beschäftigung und ihrer Verkörperung in Waren, in materiellen Behältern menschlicher Arbeit, reproduzieren die Menschen sich selbst und schaffen Kapital. Vom Standpunkt der kapitalistischen Ideologie und im spezielleren von dem der akademischen Ökonomie ist es falsch zu sagen; dass Waren „nicht alleine das Produkt von Arbeit“ sind; sie sind produziert von den ursprünglichen „Produktionsmitteln“: Land, Arbeit und Kapital, der kapitalistischen, Heiligen Dreifaltigkeit und das wichtigste „Mittel“, Kapital, ist offensichtlich der Held des Ganzen.

Der Zweck dieser oberflächlichen Dreifaltigkeit ist nicht die Analyse, da Analysen nicht das sind, für was die Experten bezahlt werden. Sie werden dafür bezahlt, die soziale Form praktischer Beschäftigung im Kapitalismus zu verschleiern, zu maskieren. Sie werden dafür bezahlt, die Tatsachen zu verhüllen, dass die Produzenten sich selbst, ihre Ausbeuter und die Instrumente ihrer Ausbeutung reproduzieren. Die Dreifaltigkeitsformel ist jedoch nicht erfolgreich. Es ist offensichtlich, dass das Land nicht mehr Warenproduzent ist, als das Wasser, die Luft oder die Sonne. Des weiteren produziert Kapital welches auf einmal der Name für die soziale Beziehung zwischen Arbeitern und Kapitalisten, für die Instrumente der Produktion im Besitz eines Kapitalisten und für den Geldgegenwert ihrer Instrumente und „immateriellen Werte“ ist, nicht mehr als Ejakulationen, die von akademischen Ökonomen in veröffentlichbare Form gebracht werden. Selbst die Instrumente der Produktion, welche das Kapital eines Kapitalisten darstellen, sind nur dann ursprüngliche „Produktionsmittel“, wenn die eigenen Scheuklappen den Blick auf ein einzelnes, kapitalistisches Unternehmen beschränken, da ein Blick auf die gesamte Wirtschaft enthüllt, dass das Kapital eines Kapitalisten ein materieller Behälter ist, für die Arbeit, welche von einem anderen Kapitalisten entfremdet ist. Obwohl die Trinitätsformel nicht überzeugen kann, erfüllt sie dennoch die Aufgabe der Vernebelung indem sie den Gegenstand der Frage verschiebt; anstatt zu fragen, warum die Beschäftigung der Menschen im Kapitalismus die Form van Lohnarbeit annimmt, werden potentielle Analysten des kapitalistischen Alltags in akademische Hausmarxisten verwandelt, die sich fragen, ob Arbeit das einzige „Produktionsmittel“ ist oder nicht.

Demnach behandeln Ökonomen (und die kapitalistische Ideologie im allgemeinen) Land, Geld und die Produkte der Arbeit als Dinge, welche die Kraft haben zu produzieren, Wert zu schaffen, für ihre Besitzer zu arbeiten, die Welt zu verwandeln. Dies ist was Marx als den Fetischismus bezeichnet hat, der die alltägliche Begriffsbildung der Menschen charakterisiert und von den Ökonomen auf die Ebene des Dogmas gebracht worden ist. Für Ökonomen sind lebende Menschen Dinge („Produktionsmittel“) und Dinge leben (Geld „arbeitet“, „Kapital“ produziert).

Der Fetischanbeter ordnet das Produkt seiner eigenen Aktivität seinem Fetisch zu. Als ein Ergebnis daraus hört er auf sein eigenes Feuer zu bemühen (die Kraft seine Umgebung zu gestalten, die Kraft die Form und den Inhalt seines täglichen Lebens zu bestimmen); er wendet nur noch die „Kräfte“ an, die er mit seinem Fetisch verbindet (die „Kraft“ Waren zu kaufen). Mit anderen Worten beraubt sich der fetischistische Fetischanbeter selbst seiner Kraft und ordnet seinem Fetisch Zeugungsfähigkeit zu.

Doch der Fetisch ist ein totes Ding und nicht ein lebendes Wesen, er hat keine Zeugungskraft. Der Fetisch ist nicht mehr als ein Ding, für das und durch welches kapitalistische Beziehungen aufrecht erhalten werden. Die mysteriöse Kraft des Kapitals, seine „Kraft“ zu produzieren, seine Zeugungskraft, wohnt nicht ihm selbst inne, sondern in der Tatsache, dass die Menschen sich von ihrer kreativen Tätigkeit entfremden, dass sie ihre Arbeit an Kapitalisten verkaufen, dass sie ihre entfremdete Arbeit in Waren materialisieren oder vergegenständlichen. Mit anderen Worten die Menschen werden gekauft mit Produkten ihrer eigenen Beschäftigung, jedoch sehen sie ihre eigene Aktivität als die Aktivität des Kapitals und ihre eigenen Produkte als Produkte des Kapitals. Durch, die Zuordnung von kreativer Kraft zum Kapital und nicht zu ihrer eigenen Tätigkeit verzichten sie für das Kapital auf ihre lebendige Aktivität, auf ihr tägliches Leben, was bedeutet, dass die Menschen täglich sich selbst der Verkörperung des Kapitals, dem Kapitalisten, in die Hände geben.

Durch den Verkauf ihrer Arbeit, durch das Entfremden von ihrer Tätigkeit reproduzieren die Menschen täglich die Verkörperungen der herrschenden Formen von Aktivität im Kapitalismus; sie reproduzieren den Lohnarbeiter und den Kapitalisten. Sie reproduzieren diese Individuen nicht nur physisch, sondern genauso auch sozial; sie reproduzieren Individuen, die Verkäufer von Arbeitskraft sind und solche, welche die Besitzer von Produktionsmitteln sind; sie reproduzieren die Individuen, wie auch die spezifischen Tätigkeiten, den Verkauf wie auch den Besitz.

Jedes Mal wenn Menschen eine Tätigkeit ausführen, die sie nicht selbst definiert haben und nicht kontrollieren, jedes Mal wenn sie für Waren bezahlen, die sie mit Geld produziert haben, das sie im Tausch gegen ihre entfremdete Tätigkeit erhalten haben, jedes Mal wenn sie die Produkte ihrer eigenen Aktivität als fremde, von ihrem Geld beschaffte Objekte passiv bewundern, geben sie dem Kapital neues Leben und vernichten ihr eigenes.

Das Ziel dieses Prozesses ist die Reproduktion der Beziehungen zwischen Arbeiter und Kapitalisten. Jedoch ist dies nicht das Ziel der individuell Handelnden, die innerhalb dieses Prozesses beschäftigt sind. Ihre Tätigkeiten sind ihnen nicht transparent; ihre Augen sind auf den Götzen fixiert, der zwischen, der Tat und dem Ergebnis steht. Die individuell Handelnden halten ihre Augen auf Dinge gerichtet, genauer gesagt auf die Dinge, welche kapitalistische Beziehungen begründen. Der Arbeiter als Produzent beabsichtigt seine tägliche Arbeit gegen Geldlohn einzutauschen, er beabsichtigt genau das, was seine Beziehung zum Kapitalisten neu begründet. Der Arbeiter als Konsument tauscht sein Geld für Produkte der Arbeit ein, genauer gesagt für Dinge welche der Kapitalist verkaufen muss um, sein Kapital zu verwerten.

Die tägliche Verwandlung von lebendiger Tätigkeit in Kapital ist durch Dinge vermittelt, sie ist nicht durch Dinge ausgeführt. Der fetischistische Götzenanbeter weiß dies nicht; für ihn sind Arbeit und Land, Instrumente und Geld, Unternehmer und Bankiers alles „Faktoren“ und „Handelnde“. Wenn ein Jäger, der ein Amulett trägt, einen Hirsch mit einem Stein tötet, dann wird er das Amulett vielleicht als einen wichtigen „Faktor“ bei der Jagd auf den Hirsch und bar der „Bereitstellung“ des Hirsches als Objekt, das gejagt werden kann, betrachten. Wenn er ein verantwortungsvoller und gut erzogener Fetischanbeter ist, dann wird er seine Aufmerksamkeit dem Amulett widmen, es mit Fürsorge und Bewunderung nähren, um die materiellen Bedingungen seines Lebens zu verbessern. Er wird die Art, wie er seinen Fetisch trägt verbessern und nicht die Art, wie er den Stein wirft, ja er wird vielleicht sogar auf seine Art versuchen, sein Amulett für ihn, „jagen“ zu lassen. Seine eigenen, täglichen Beschäftigungen sind ihm nicht transparent: wenn er genügend essen kann, sieht er nicht, dass es seine eigene Handlung des Steinwerfens und nicht die Tat seines Amuletts ist, die ihn mit Nahrung versorgt; wenn er hungert, sieht er nicht, dass er sein Hungern verursacht, wenn er sein Amulett anbetet anstatt jagen zu gehen und dass dies nichts mit dem Zorn seines Fetisch zu tun hat.

Der Fetischismus von Waren und Geld, die Mystifizierung der eigenen, täglichen Beschäftigungen, die Religion des alltäglichen Lebens, die lebendige Tätigkeit auf unbelebte Dinge bezieht, ist nicht eine mentale Laune, die in der Vorstellungen des Menschen geboren wurde, sie hat ihren Ursprung im Charakter der sozialen Beziehungen im Kapitalismus. Menschen beziehen sich tatsächlich aufeinander durch Dinge; der Fetisch ist tatsächlich die Gelegenheit, bei welcher sie kollektiv handeln und durch welchen sie ihre Tätigkeit wiedergeben. Doch es ist nicht der Götze, der die Tätigkeit ausführt. Es ist nicht das Kapital, das Rohstoffe verwandelt, noch ist es das Kapital, welches Waren produziert. Wenn nicht lebendige Tätigkeit diese Materialien verwandelt hätte, wären sie immer noch ungeformte, inaktive, tote Materie. Wären die Menschen nicht dazu genötigt, ihre lebendige Tätigkeit weiterhin zu verkaufen, so würde die Kraftlosigkeit des Kapitals enthüllt; Kapital würde aufhören zu existieren; seine letzte verbleibende Macht wäre die Kraft die Menschen an eine überbrückte Form des täglichen Lebens zu erinnern, die sich durch allgemeine Prostitution charakterisiert hat.

Der Arbeiter entfremdet sein Leben um sein Leben zu erhalten. Wenn er nicht seine lebendige Tätigkeit verkaufen würde, könnte er keinen Lohn erhalten und könnte nicht überleben. Dennoch ist es nicht der Lohn, der Entfremdung zur Bedingung für das Überleben macht. Wenn die Menschen kollektiv nicht dazu bereit wären, ihre Leben zu verkaufen, wenn sie bereit wären, über ihre eigene Aktivitäten die Kontrolle zu übernehmen, wäre allgemeine Prostitution nicht die Bedingung für das Überleben. Es ist die Bereitschaft der Menschen, weiterhin ihre Arbeit zu verkaufen und nicht die Dinge für welche sie sie verkaufen, welche die Entfremdung von lebendiger Tätigkeit notwendig für die Erhaltung des Lebens macht.

Die lebendige Tätigkeit, verkauft vom Arbeiter, wird vom Kapitalisten gekauft. Und es ist nur diese lebendige Tätigkeit die Leben ins Kapital haucht und es „produktiv“ macht. Der Kapitalist, ein „Eigentümer“ von Rohstoffen und Instrumenten der Produktion, gibt natürliche Objekte und Produkte anderer Leute Arbeit als sein „privates Eigentum“ aus. Doch es nicht die mystische Kraft des Kapitals, welche das „private Eigentum“ des Kapitalisten erschafft; lebendige Tätigkeit schafft dieses „Eigentum“, und die Form dieser Tätigkeit lässt es „privat“ bleiben.

 

DIE VERWANDLUNG VON LEBENDIGER TÄTIGKEIT IN KAPITAL

Die Verwandlung von lebendiger Tätigkeit in Kapital geschieht täglich durch Dinge, doch sie wird nicht von Dingen ausgeführt. Dinge, die Produkte menschlicher Aktivität sind, scheinen aktiv Handelnde zu sein, weil Tätigkeiten und Kontakte für und durch Dinge etabliert werden und weil die Tätigkeiten der Menschen ihnen nicht transparent sind; sie verwechseln das vermittelnde Objekt mit der Ursache.

Im kapitalistischen Produktionsprozess vergegenständlicht oder materialisiert der Arbeiter seine entfremdete Lebensenergie in einem unbelebten Objekt, indem er Instrumente benutzt, welche die Vergegenständlichung der Tätigkeiten anderer sind. (Hochentwickelte, industrielle Instrumente verkörpern die intellektuelle und manuelle Tätigkeit von unzählbaren Generationen von Erfindern, Verbesserern und Produzenten aus allen Ecken der Welt und aus verschiedenen Formen der Gesellschaft.) Die Instrumente selbst sind unbelebte Objekte; sie sind zwar die materiellen Verkörperungen lebendiger Tätigkeit, sie selbst sind jedoch nicht lebendig. Der einzige, aktiv Handelnde ist der lebendige Arbeiter. Ex benutzt Produkte anderer Leute Arbeit und erfüllt sie, so zu sagen, mit Leben, jedoch ist das Leben sein eigenes; er ist nicht dazu in der Lage, die Individuen, die ihre lebendige Tätigkeit eingelagert haben, in seinem Instrument wiederzubeleben. Das Instrument ermöglicht ihm vielleicht, mehr in einer gegebenen Zeitspanne zu tun und in seinem Verständnis wird es vielleicht seine Produktivität erhöhen. Doch nur der lebende Arbeiter, der in der Lage ist zu produzieren, kann auch produktiv sein.

Zum Beispiel wenn ein Industriearbeiter eine elektrische Drehbank bedient, benutzt er Produkte von Generationen von Physikern, Erfindern, Elektroingenieuren, Drehbankbauern. Er ist offensichtlich produktiver als ein Handwerker, der das selbe Objekt von Hand schnitzt. Es ist jedoch in keiner Weise das „Kapital“, das dem Industriearbeiter zur Verfügung steht, welches produktiver ist, als das „Kapital“ des Handwerkers. Wenn sich nicht Generationen von intellektueller und manueller Beschäftigung in der elektrischen Drehbank verkörpert hätten, wenn der. Industriearbeiter Drehbank, Elektrizität und die elektrische Drehbank hatte erfinden müssen, dann hätte es ihn ein vielfaches seiner Lebensspanne gekostet, um ein einziges Objekt auf einer elektrischen Drehbank zu drehen und keine Menge an Kapital kann seine Produktivität über diejenige des Handwerkers, der dieses Objekt von Hand schnitzt, erheben.

Der Begriff der „Produktivität des Kapitals“ und besonders die detaillierte Messung dieser „Produktivität“ sind Erfindungen der „Wissenschaft“ der Ökonomie, dieser Religion des kapitalistischen Alltags, welche die Energie der Menschen für die Verehrung, Bewunderung und Schmeichelei an den zentralen Fetisch der kapitalistischen Gesellschaft verbraucht. Die mittelalterlichen Kollegen dieser „Wissenschaftler“ erhoben detaillierte Messungen der Höhe und Breite der Engel im Himmel, ohne sich je zu fragen was Engel oder der Himmel überhaupt seien und sie nahmen die Existenz von beidem als selbstverständlich an.

Das Ergebnis der verkauften Beschäftigung des Arbeiters ist ein Produkt, welches ihm nicht gehört. Dieses Produkt ist eine Verkörperung seiner Arbeit, eine Materialisierung von einem Teil seines Lebens, ein Behälter, der seine lebendige Beschäftigung enthält, doch es ist nicht Seins; es ist ihm so fremd wie seine Arbeit. Er hat sich nicht dafür entschieden, es zu machen und wenn es gemacht ist, verwendet er es nicht. Wenn er es will, muss er es kaufen. Was er gemacht hat, ist nicht einfach ein Produkt mit bestimmten, nützlichen Eigenschaften; dafür hatte er nicht seine Arbeitskraft an einen Kapitalisten im Tausch für einen Lohn verkaufen müssen; er hätte nur die nötigen Materialien und Werkzeuge suchen müssen, er hätte nur diese Materialien nach seinen Zielen und limitiert durch sein Wissen und seine Fähigkeiten formen müssen. (Es ist offensichtlich, dass ein Individuum dies nur geringfügig tun kann; menschliche Aneignung und Nutzung von Materialien und Werkzeugen, die ihnen zur Verfügung stehen, kann nur nach der Überwindung der kapitalistischen Form von Beschäftigung stattfinden.)

Was der Arbeiter unter den kapitalistischen Bedingungen produziert, ist ein Produkt mit einer sehr spezifischen Eigenschaft, der Eigenschaft der Verkäuflichkeit.. Was seine entfremdete Beschäftigung produziert, ist eine Ware.

Weil kapitalistische Produktion eine Warenproduktion ist, ist die Behauptung, dass das Ziel dieses Prozesses die Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen sei, falsch; das ist eine Vereinfachung und eine Entschuldigung. Die „Befriedigung menschlicher Bedürfnisse“ ist nicht das Ziel des Kapitalisten oder der Arbeiter, die an der Produktion beteiligt sind, noch ist sie ein Resultat aus dem Prozess selbst. Der Arbeiter verkauft seine Arbeit um einen Lohn zu erhalten; der spezifische Inhalt seiner Arbeit ist ihm gleichgültig; er entfremdet seine Arbeit nicht für einen Kapitalisten der ihn im Austausch nicht bezahlt, ganz gleichgültig wie viele menschliche Bedürfnisse die Produkte dieses Kapitalisten befriedigen mögen. Der Kapitalist kauft Arbeit und verpflichtet sie zur Produktion, damit Waren daraus hervorgehen, die er verkaufen kann. Ihm sind die spezifischen Eigenschaften gleichgültig, wie ihm die Bedürfnisse der Menschen gleichgültig sind; alles was ihn am Produkt interessiert, ist für wie viel er es verkaufen kann und alles was ihn an den Bedürfnissen der Menschen interessiert, ist wie viel sie „benötigen“ und wie sie durch Propaganda und psychologische Konditionierung davon überzeugt werden können, dass sie noch mehr „benötigen“. Das Ziel des Kapitalisten ist es, seinen Bedarf an Kapital zu reproduzieren und es zu Erhöhen und das Ergebnis dieses Prozesses ist die erweiterte Vermehrung von Lohnarbeit und Kapital (welches keine „menschlichen Bedürfnisse“ sind).

Die Ware, welche vom Arbeiter hergestellt wurde, wird vom Kapitalisten gegen eine spezifische Menge Geld ausgetauscht; die Ware ist ein Wert, welcher gegen einen entsprechenden Wert ausgetauscht wird. Mit anderen Worten kann die lebendige und die vergangene Arbeit, materialisiert im Produkt, in zwei von einander verschiedenen, jedoch gleichwertigen Formen sein, entweder in Form von Waren oder in Form von Geld, also in dem ihnen innewohnenden gleichen Wert. Das bedeutet nicht, dass der Wert, gleichbedeutend mit der Arbeit ist. Der Wert ist die soziale Form vergegenständlichter Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft.

Im Kapitalismus bilden sich soziale Beziehungen nicht direkt, sie werden durch den Wert gebildet. Alltägliche Tätigkeiten werden nicht direkt ausgetauscht; sie werden als Wertform ausgetauscht. Konsequenterweise kann das, was mit lebendiger Tätigkeit im Kapitalismus geschieht, nicht durch das Beobachten der Tätigkeit selbst verfolgt werden, sondern nur durch die Beobachtung der Wertveränderung.

Wenn lebendige Beschäftigung von Menschen die Form von Arbeit (entfremdeter Aktivität) annimmt, eignet sie sich die Fähigkeit der Austauschbarkeit an; sie eignet sich die Form des Wertes an. Mit anderen Worten kann Arbeit gegen eine „entsprechende“ Menge Geld (Löhne) ausgetauscht werden. Die bewusste Entfremdung von lebendiger Beschäftigung, welche von den Mitgliedern der kapitalistischen Gesellschaft als für das Überleben notwendig erachtet wird, reproduziert die kapitalistische Form, in welcher Entfremdung notwendig für das Überleben ist. Da lebendige Aktivität ein Wert ist, müssen die Produkte dieser Aktivität ebenfalls ein Wert sein: sie müssen austauschbar gegen Geld sein. Dies ist offensichtlich, denn wenn die Produkte von Arbeit nicht die Form eines Wertes annehmen würden, sondern zum Beispiel die Form von nützlichen Objekten, die der Gesellschaft zur Verfügung stehen, dann würden sie entweder in der Fabrik bleiben oder sie würden von den Mitgliedern dieser Gesellschaft frei genutzt werden, wann immer eine Notwendigkeit dafür bestünde. In beiden Fällen hätten die Geldlöhne der Arbeiter keinen Wert mehr und die lebendige Aktivität könnte nicht mehr für eine „entsprechende“ Menge Geld verkauft werden; lebendige Aktivität könnte nicht mehr entfremdet werden. Konsequenterweise nehmen die Produkte lebendiger Aktivität einen Wert an, sobald diese lebendige Aktivität einen Wert annimmt, und die Reproduktion des alltäglichen Lebens geschieht durch die Veränderungen dieses Wertes.

Der Kapitalist verkauft die Produkte von Arbeit auf einem Markt; er tauscht sie gegen eine entsprechende Summe von Geld; er setzt einen festgelegten Wert um. Die spezifische Größe dieses Wertes auf einem bestimmten Markt ist der Preis der Waren. Für einen Ökonomen ist der Preis der Petrusschlüssel zu den Toren des Himmels. Wie Kapital selbst, bewegt sich auch der Preis in einer wundervollen Welt, die vollständig aus Objekten besteht. Diese Objekte haben menschliche Beziehungen miteinander und sie sind lebendig; sie verändern einander, kommunizieren miteinander, sie heiraten und haben Kinder. Natürlich sind nur durch die Gnade dieser intelligenten, mächtigen und kreativen Objekte, die Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft so glücklich.

Ökonomen stellen die Arbeiten im Himmel so dar, dass die Engel alles tun und der Mensch nichts; der Mensch genießt nur, was diese überlegenen Kreaturen für ihn tun. Es ist nicht nur so, dass Kapital produziert und Geld arbeitet, andere mysteriöse Wesen haben ähnliche Gaben. So legen Angebot – eine Menge von Dingen die verkauft werden – und Nachfrage – eine Menge Dinge die gekauft werden – zusammen den Preis fest, also eine Menge von Geld. Wenn Angebot und Nachfrage sich an einem bestimmten Punkt im Diagramm vereinigen, erschaffen sie das Gleichgewicht des Preises, welches einem universellen Zustand von Glück entspricht. Die Tätigkeiten des alltäglichen Lebens werden von Dingen ausgeführt, Menschen werden während ihrer Arbeitszeit zu Dingen („Produktionsfaktoren“) und während ihrer „Freizeit“ zu passiven Konsumenten von Dingen reduziert. Die Gabe des Ökonomen besteht in der Fähigkeit, das Resultat der alltäglichen Beschäftigungen der Menschen Dingen zuordnen zu können und in seiner Unfähigkeit die lebendige Tätigkeit der Menschen als etwas anderes als ein Ding zu sehen. Für den Ökonomen sind die Dinge, durch welche die Tätigkeit der Menschen im Kapitalismus reguliert werden, selbst die Mütter und Söhne, die Ursachen und Wirkungen ihrer eigenen Tätigkeit.

Die Größe des Wertes, namentlich der Preis einer Ware, die Menge an Geld für die sie getauscht wird, ist nicht durch Dinge festgelegt, sondern durch die täglichen Tätigkeiten der Menschen. Angebot und Nachfrage, vollkommener und unvollkommener Wettbewerb sind nicht mehr als soziale Formen von Produkten und Tätigkeiten in der kapitalistischen Gesellschaft; sie selbst haben kein Leben. Die Tatsache, dass Aktivität entfremdet ist, namentlich dass Arbeitszeit für eine spezifische Summe an Geld verkauft wird, dass diese Aktivität einen bestimmten Wert hat, führt zu mehreren Konsequenzen für die Größe des Wertes der Produkte dieser Arbeit. Der Wert der verkauften Waren muss mindestens gleich groß sein wie der Wert der Arbeitszeit. Dies ist offensichtlich vom Standpunkt eines einzelnen, kapitalistischen Unternehmens wie auch vom Standpunkt der Gesellschaft als Ganzes. Wenn der Wert der von einem Unternehmen verkauften Waren kleiner wäre, als der Wert der von ihr angeheuerten Arbeit, dann wären ihre Ausgaben größer als ihre Einnahmen und sie würde innerhalb kürzester Seit bankrott gehen. Sozial gesehen könnte die Arbeitskraft sich selbst nicht reproduzieren, wenn der Wert der Produktion der Arbeiter kleiner wäre als der Wert ihres Konsums, ganz zu schweigen von der Klasse der Kapitalisten. Wenn der Wert der Waren knapp gleich groß wäre, wie derjenige der für sie aufgewendeten Arbeitszeit, so würden die Warenproduzenten sich auch nur knapp reproduzieren und ihre Gesellschaft wäre keine kapitalistische Gesellschaft; ihre Tätigkeit würde vielleicht immer noch aus Warenproduktion bestehen, aber es wäre keine kapitalistische Warenproduktion.

Wenn Arbeit Kapital erzeugen soll, so muss der Wert der Produkte dieser Arbeit größer sein, als der Wert der Arbeit. Mit anderen Worten muss Arbeitskraft einen Mehrwert-Produkt erzeugen, eine Menge an Waren, die sie selbst nicht konsumiert und dieser Mehrwert muss in einen Mehrwert umgewandelt werden, eine Form von Wert, die nicht von der Arbeitern als Löhne, sondern von Kapitalisten als Profit angeeignet wird. Des weiteren muss der Wert der Produkte von Arbeit noch größer sein, da lebendige Arbeit nicht die einzige Art von Arbeit ist, die sich in diesen Produkten materialisiert. Während der Produktion verbrauchen Arbeiter ihre eigene Energie, aber auch die gelagerte Arbeit anderer in Form von Werkzeugen und sie bearbeiten Materialien, auf welche schon früher Arbeit verbraucht wurde.

Dies führt zu dem merkwürdigen Ergebnis, dass der Wert der Produkte eines Arbeiters und der Wert seines Lohnes verschiedene Größen sind, namentlich dass die Summe an Geld, die der Kapitalist erhält, wenn er Waren verkauft, die von den von ihm bezahlten Arbeitern produziert wurden, verschieden ist von der Summe, die er seinen Arbeitern zahlt. Diese Differenz kann nicht durch die Tatsache erklärt werden, dass die verbrauchten Materialien und Werkzeuge bezahlt werden müssen. Wenn der Wert der verkauften Waren gleich dem Wert der lebendigen Arbeit und der Werkzeuge wäre, dann gäbe es immer noch keinen Platz für Kapitalisten. Tatsache ist, dass die Differenz zwischen den beiden Werten groß genug sein muss, um die Klasse der Kapitalisten zu unterstützen – nicht nur die Individuen, sondern auch die spezifischen Tätigkeiten, welche diese Individuen ausführen, namentlich der Kauf von Arbeit. Die Differenz zwischen dem totalen Wert der Produkte und dem Wert der für ihre Produktion aufgewendeten Arbeit ist Mehrwert, die Wurzel des Kapitals.

Um den Ursprung des Mehrwertes zu finden, muss untersucht werden, wieso der Wert der Arbeit kleiner als der Wert der von ihr produzierten Waren ist. Die entfremdete Tätigkeit des Arbeiters verwandelt Materialien mit Hilfe von Instrumenten und produziert dadurch eine bestimmte Anzahl Waren. Jedoch wird, nachdem diese Waren verkauft und die verbrauchten Materialien bezahlt worden sind, den Arbeitern nicht der verbleibende Wert ihrer Produkte als Löhne gegeben, sie erhalten weniger. Mit anderen Worten führen die Arbeiter an jedem Arbeitstag unbezahlte Arbeit aus; erzwungene Arbeit für die sie keinen Gegenwert erhalten.

Die Ausführung dieser unbezahlten Arbeit, diese erzwungene Arbeit ist eine weitere „Bedingung für das Überleben“ innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Jedoch ist diese Bedingungen, genauso wie die Entfremdung, nicht durch die Natur gegeben, sondern entsteht durch die kollektive Praxis der Keuschen, durch ihre alltäglichen Tätigkeiten. Vor der Entstehung von Gewerkschaften akzeptierte ein einzelner Arbeiter jede erzwungene Arbeit die zu haben war, denn die Ablehnung von Arbeit hätte bedeuten, dass andere Arbeiter die vorhandenen Bedingungen akzeptiert hätten und der einzelne Arbeiter keinen Lohn erhalten hätte. Arbeiter konkurrierten untereinander um die Löhne, welche von den Kapitalisten geboten wurden, wenn ein Arbeiter wegen eines untragbar tiefen Lohnes kündigte, war schon ein arbeitsloser Arbeiter zur Stelle, um ihn zu ersetzen, denn für den Arbeitslosen war ein niedriger Lohn immer noch besser, als gar kein Lohn. Diese Konkurrenz unter den Arbeitern wurde von den Kapitalisten als „freie Arbeit“ bezeichnet und sie unternahmen große Anstrengungen um die Freiheit der Arbeiter aufrecht zu erhalten, denn genau diese Freiheit erhielt den Mehrwert für den Kapitalisten und ermöglichte es ihm sein Kapital zu vermehren. Es war nicht das Ziel eines Arbeiters, mehr Waren zu produzieren, als er dafür bezahlt wurde. Sein Ziel war es, einen Lohn zu erhalten, der so hoch als möglich war. Jedoch machte die Existenz von Arbeitern, die gar keinen Lohn erhielten und deren Vorstellungen von einem hohen Lohn klarerweise bescheidener waren, als diejenigen von, angestellten Arbeitern, es dem Kapitalisten möglich, Arbeit für einen niedrigeren Lohn zu kaufen. Tatsächlich machte die Existenz von arbeitslosen Arbeitern es dem Kapitalisten möglich, den niedrigsten Lohn zu zahlen, für den Arbeiter noch bereit waren zu arbeiten. Daher war das Ergebnis der kollektiven, alltäglichen Tätigkeit der Arbeiter, die alle individuell auf der Suche nach dem höchstmöglichen Lohn waren, dass alle niedrigere Löhne erhielten; der Effekt des Wettstreits Alle gegen Alle war, dass alle den kleinstmöglichen Lohn erhielten und der Kapitalist den größtmöglichen Mehrwert.

Die tägliche Praxis von allen hebelt das Ziel jedes einzelnen aus. Jedoch wussten die Arbeiter nicht, dass ihre Situation das Produkt ihres täglichen Verhaltens war. Für sie erschienen niedrige Löhne als natürlicher Bestandteil des Lebens, wie Krankheit und Tod und fallende Löhne schienen somit als Naturkatastrophe, wie eine Flut oder ein harter Winter. Die sozialistische Kritik und die Analysen von Marx, sowie eine Zunahme der industriellen Entwicklung, die mehr Zeit für Reflektion ermöglichte, entfernte einige der Schleier und machte es den Arbeitern möglich, ihre Aktivitäten bis zu einem gewissen Punkt zu durchschauen. Jedoch wurden alle Arbeiter in Westeuropa und den Vereinigten Staaten die kapitalistische Form des täglichen Lebens nicht los; sie gründeten Gewerkschaften. Und auf Grund der anderen materiellen Gegebenheiten der Sowjet Union und Osteuropas ersetzen die Arbeiter (und Bauern) die kapitalistische Klasse durch eine Staatsbürokratie, welche entfremdete Arbeit kaufte und Kapital vermehrte, im Namen von Marx.

Mit Gewerkschaften ist das tägliche Leben ähnlich zu dem vor den Gewerkschaften, tatsächlich ist es fast genau gleich. Das tägliche Leben besteht weiterhin aus Arbeit, aus entfremdeter Aktivität und aus unbezahlter oder erzwungener Arbeit. Der gewerkschaftlich organisierte Arbeiter handelt nicht länger selbst die Bedingungen seiner Entfremdung aus, Gewerkschaftsfunktionäre tun dies für ihn. Die Bedingungen zu welchen die Tätigkeit des Arbeiters entfremdet wird, sind nicht länger durch die individuelle Notwendigkeit für den Arbeiter, zu akzeptieren was vorhanden ist, bestimmt, sondern durch die Notwendigkeit für den Gewerkschaftsbürokraten seine Position als Zuhälter zwischen den Verkäufern und den Käufern von Arbeit zu sichern.

Mit oder ohne Gewerkschaften ist Mehrwert weder ein Produkt der Natur noch eines des Kapitals; er wird durch die täglichen Aktivitäten der Menschen geschaffen. Bei der Durchführung ihrer alltäglichen Tätigkeiten sind die Menschen nicht nur dazu bestimmt, ihre Aktivitäten zu entfremden, sie sind zudem noch dazu bestimmt, die Bedingungen zu reproduzieren, welche sie dazu zwingen ihre Aktivitäten zu entfremden, Kapital zu reproduzieren und damit die Kraft des Kapitals Arbeit zu kaufen. Dies ist nicht etwa so, weil die Menschen nicht wissen „was die Alternative ist“. Eine Person, die behindert ist auf Grund chronischer Magenbeschwerden durch zu viel Fett, hört nicht damit auf Fett zu essen, weil sie die Alternative nicht kennt. Entweder zieht sie ihre Behinderung dem Aufgeben einer fettreichen Nahrung vor oder aber es ist ihr nicht klar, dass ihr täglicher Konsum von fettreichem Essen ihre Behinderung verursacht. Und wenn ihr Arzt, Priester, Lehrer und Politiker ihr erzählen, dass erstens das Fett sie am Leben hält und zweitens, dass sie schon alles für sie erledigen, was diese Person selbst erledigen würde, wenn sie gesund wäre, dann ist es nicht erstaunlich, dass die Aktivität dieser Person ihr nicht transparent ist und sie auch keine großen Versuche unternehmen wird, sie transparent zu machen.

Die Produktion von Mehrwert ist eine Bedingung für das Überleben, nicht für die Bevölkerung aber für das kapitalistische System. Mehrwert ist der Teil des Werts von Waren, die von Arbeitern produziert wurden, der nicht an die Arbeiter zurückgegeben wird. Er kann sich entweder als Waren oder als Geld ausdrücken, (genau wie Kapital sich sowohl als eine Menge von Geld oder als eins Menge von Dingen ausdrücken kann), was aber nichts an der Tatsache ändert, dass er ein Ausdruck der materialisierten Arbeit ist, die in einer gegeben Menge Waren gelagert wird. Da die Produkte für eine „gleichwertige“ Menge Geld eingetauscht werden können, steht das Geld für denselben Wert wie derjenige der Produkte. Das Geld kann wiederum für eine andere Menge Produkte mit einem „gleichen“ Wert eingetauscht werden. Das Zusammenkommen dieser Tauschgeschäfte, welche während des kapitalistischen Alltags simultan ablaufen, bildet den kapitalistischen Prozess eines Wirtschaftskreislaufs. Durch diesen Prozess entsteht die Umwandlung von Mehrwert in Kapital.

Der Anteil des Wertes, der nicht wieder in die Arbeit fließt, also Mehrwert, erlaubt es dem Kapitalisten zu existieren und es erlaubt ihm noch weit mehr, als nur zu existieren. Der Kapitalist investiert einen Teil dieses Mehrwertes; er heuert neue Arbeiter an oder kauft neue Produktionsmittel; er weitet seine Herrschaft aus. Das heißt, der Kapitalist akkumuliert neue Arbeit, sowohl in Form von lebendiger Arbeit, die er anheuert, als auch in Form von vergangener Arbeit (bezahlt und unbezahlt), die in den Materialien und Maschinen, die er kauft, angehäuft ist.

Die kapitalistische Klasse als Ganzes akkumuliert den Mehrwert der Gesellschaft, doch dieser Prozess läuft auf einer sozialen Ebene ab und kann dadurch nicht erkannt werden, wenn nur die Aktivitäten eines einzelnen Kapitalisten beobachtet werden. Es muss klar sein, dass die Produkte die ein bestimmter Kapitalist kauft, dieselben Eigenschaften haben, wie diejenigen die er verkauft. Ein erster Kapitalist verkauft Werkzeuge an einen zweiten Kapitalisten für eine gegebene Summe an Wert und nur ein Teil dieses Wertes geht zurück an die Arbeiter in Form von Löhnen; der übrige Teil ist Mehrwert, mit welchem der erste Kapitalist neue Werkzeuge und Arbeit kauft. Der zweite Kapitalist kauft Werkzeuge für einen gegeben Wert, das heißt er zahlt für die gesamte Menge an Arbeit, die für den ersten Kapitalisten erbracht wurde; für die Menge, die entlohnt wurde, wie auch für die Menge, die unentgeltlich ausgeführt wurde. Demnach beinhalten die Werkzeuge, die der zweite Kapitalist akkumuliert hat, die unbezahlte Arbeit, die für den ersten Kapitalisten ausgeführt wurde. Der zweite Kapitalist wiederum verkauft seine Produkte für einen gegeben Wert und gibt nur einen Teil davon an seine Arbeiter zurück; er benutzt den Rest für neue Werkzeuge und Arbeit.

Wenn dieser ganze Prozess in eine Zeitperiode gezwängt würde und alle Kapitalisten in einen vereinigt würden, könnten wir sehen, dass der Wert mit welchem sich der Kapitalist neue Werkzeuge und Arbeit aneignet gleich dem Wert der Produkte ist, den er den Produzenten vorenthält. Dieser akkumulierte, Mehrwert-Arbeit ist Kapital.

Auf die kapitalistische Gesellschaft als Ganzes bedeutet dies, dass das gesamte Kapital gleich der Summe von unbezahlter Arbeit ist, ausgeführt von Generationen von Menschen, deren Leben aus der täglichen Entfremdung von ihren alltäglichen Tätigkeiten bestanden hat. Mit anderen Worten ist Kapital, angesichts dessen die Menschen ihre Lebenszeit verkaufen, das Produkt der verkauften Aktivität der Menschen und wird mit jedem Tag an dem ein Mensch einen weiteren Arbeitstag verkauft, mit jedem Moment in dem er sich dazu entscheidet, weiterhin in der kapitalistischen Form des täglichen Lebens zu leben, reproduziert und erweitert.

 

LAGERUNG UND AKKUMLIERUNG VON MENSCHLICHER AKTIVITÄT

Die Umwandlung von Mehrwert-Arbeit in Kapital ist eine spezifische Form eines allgemeineren Prozesses, dem Prozess der Industrialisierung, die permanente Umwandlung der materiellen Umgebung des Menschen.

Bestimmte essentielle Merkmale dieser Konsequenz aus menschlicher Aktivität im Kapitalismus können mit Hilfe einer vereinfachten Illustration verdeutlicht werden. In einer imaginären Gesellschaft verbringen die Menschen die meiste Zeit mit der Produktion von Nahrung und anderer, lebensnotwendiger Dinge; nur ein Teil ihrer Zeit ist „Mehrweit-Zeit“ im Sinne von Zeit, die von der Produktion von lebensnotwendigen Dingen ausgenommen ist. Diese Mehrwert-Aktivität wird vielleicht für die Produktion von Nahrung für Priester und Krieger, die nicht selbst produzieren verwendet; sie wird vielleicht für die Produktion von Opfergaben, die bei Ritualen verbrannt werden, verwendet; sie wird vielleicht für die Durchführung von Ritualen oder sportlicher Ertüchtigung verwendet. In all diesen Fällen ist es unwahrscheinlich, dass sich die materiellen Bedingungen dieser Menschen von einer Generationen zur Nächsten verändern, dies ist das Resultat ihrer täglichen Beschäftigung. Nichts desto trotz kann eine Generation dieser imaginären Gesellschaft ihre Mehrwert-Zeit lagern anstatt sie zu verbrauchen. Zum Beispiel wenn sie ihre Mehrwert-Zeit dafür verwenden, Federn aufzuziehen. Die nächste Generation wird dann vielleicht die Energie, die in den Federn eingelagert ist, für andere notwendige Aufgaben verwenden oder sie benutzen diese Energie dazu weitere Federn aufzuziehen. In beiden Fällen wird die eingelagerte, Mehrwert-Arbeit der früheren Generation, die neue Generation mit einer größeren Menge an Mehrwert-Arbeitszeit ausstatten. Die neue Generation wird nun vielleicht auch diesen Mehrwert in Federn oder anderen Gefäßen einlagern. In einer relativ kurzen Zeitspanne wird die Arbeit, die in den Federn eingelagert ist, die einer Generation verfügbare Arbeitszeit übersteigen; mit dem Aufwand von sehr wenig Energie sind die Menschen dieser imaginären Gesellschaft dazu in der Lage, die Federn für viele notwendige Tätigkeiten zu verwenden, auch für die Aufgabe weitere Federn für die nächste Generation aufzuziehen, Die meiste Zeit, die die Menschen früher dazu aufwendeten, lebensnotwendige Dinge zu produzieren, wird nun für Aktivitäten zur Verfügung stehen, die nicht von Notwendigkeit diktiert, sondern von Phantasie entworfen worden sind.

Auf den ersten Blick erscheint es unwahrscheinlich, dass Menschen ihre Zeit damit verbringen, Federn aufzuziehen. Es erscheint ebenso unwahrscheinlich, dass sie diese Federn für folgende Generationen aufsparen, da ja das Abspulen der Federn vielleicht ein großartiges Spektakel an Festtagen sein könnte.

Wenn jedoch die Menschen nicht im Besitz ihrer eigenen Leben wären, wenn ihre Tätigkeit nicht ihre eigene wäre, wenn ihre praktische Tätigkeit aus erzwungener Arbeit bestünde, dann könnte die menschliche Aktivität durchaus daraus bestehen, Federn aufzuziehen, sie könnte daraus bestehen, Mehrwert-Arbeitszeit in materielle Gefäße einzulagern. Bis historische Rolle des Kapitalismus, eine Rolle die von Menschen übernommen wurde, welche akzeptierten, dass andere ihre Leben lenken, bestand genau daraus, menschliche Aktivität mit Hilfe von erzwungener Arbeit in materiellen Behältnissen einzulagern.

Sobald Menschen sich der „Macht“ des Geldes unterwerfen, indem sie gelagerte Arbeit und lebendige Aktivität kaufen, sobald sie das fiktionale „Recht“ der Geldbesitzer akzeptieren, die eingelagerte wie auch die lebendige Aktivität einer Gesellschaft zu kontrollieren und zu benutzen, verwandeln sie Geld in Kapital und die Besitzer des Geldes in Kapitalisten.

Die doppelte Entfremdung, die Entfremdung von lebendiger Aktivität in Form von Lohnarbeit und die Entfremdung der Aktivitäten vergangener Generationen in Farm von eingelagerter Arbeit (Produktionsmittel), ist kein einzelner Akt, der irgendwann in der Geschichte geschehen ist. Die Beziehung zwischen Arbeitern und Kapitalisten ist nicht etwas, dass sich selbst an einem Punkt der Vergangenheit ein für. allemal der Gesellschaft aufgezwungen hat. Zu keiner Zeit hat der Mensch einen Vertrag unterschrieben oder nur eine mündliche Abmachung getroffen, in dem er all seine Bestimmung über seine lebendige Tätigkeit. und die Selbstbestimmung über die lebendige Aktivität aller künftigen Generationen in allen Teilen der Welt aufgegeben hat.

Gas Kapital trägt die Maske einer natürlichen Kraft; es erscheint so solide wie die Erde selbst; seine Bewegungen erscheinen so unumkehrbar wie die Gezeiten; seine Krisen erscheinen so unvermeidbar wie Erdbeben und Fluten. Selbst wenn eingestanden wird, dass die Macht des Kapitals durch den Mensch geschaffen wird, wird dieses Eingeständnis vielleicht höchstens dazu führen, dass eine noch eindrucksvollere Maske geschaffen wird, die Maske einer vom Menschen gemachten Kraft, ein Frankenstein-Monster, dessen Macht mehr Ehrfurcht auslöst, wie die jeder natürlichen Kraft.

Kapital ist jedoch weder eine Naturkraft noch ein von Menschen gemachtes Monster, das irgendwann in der Vergangenheit geschaffen wurde und seither das menschliche Leben dominiert. Die Macht des Kapitals liegt im Geld, denn Geld ist eine soziale Konvention, die nicht mehr „Macht“ hat, als das der Mensch bereit ist, ihr zu geben; wenn die Menschen es ablehnen, ihre Arbeit zu verkaufen, kann das Geld nicht einmal die einfachsten Aufgaben erfüllen, denn Geld „arbeitet“ nicht.

Die Macht des Kapitals liegt genauso wenig in materiellen Behältnissen, in denen die Arbeit früherer Generationen gespeichert ist, denn die potentielle Energie, die in diesen Behältnissen liegt, kann durch die Aktivität lebender Menschen befreit werden, ob nun die Behältnisse Kapital, namentlich fremdes Eigentum, sind oder nicht. Ohne lebendige Aktivität wäre die Sammlung von Objekten, die das Kapital einer Gesellschaft bilden, nicht mehr als ein verstreuter Haufen von verschiedenen Artefakten ohne eigenes Leben und die Besitzer von Kapital wären nicht mehr als eine verstreute Ansammlung ungewöhnlich unkreativer Menschen (durch Training), die sich selbst, im eitlen Versuch die Erinnerungen einer vergangenen Erhabenheit wiederzubeleben, mit Papierfetzen umgeben. Die einzige „Macht“ des Kapitals liegt in den täglichen Aktivitäten von lebenden Menschen; diese „Macht“ besteht aus der Bereitschaft der Menschen ihre täglichen Beschäftigungen im Tausch gegen Geld zu verkaufen und die Kontrolle über die Produkte ihrer eigenen Aktivität und die Aktivitäten früherer Generationen aufzugeben.

Sobald eine Person ihre Arbeit an einen Kapitalisten verkauft und akzeptiert, dass sie nur einen Teil ihres Produkts als Bezahlung für die Arbeit erhält, schafft, sie Bedingungen für den Kauf und die Ausbeutung anderer Menschen. Kein Mensch würde freiwillig seinen Arm oder sein Kind im Tausch gegen Geld hergeben; jedoch wenn ein Mensch absichtlich und andauernd sein Arbeitsleben verkauft, um lebensnotwendige Ding zu beschaffen, reproduziert er nicht, nur die Bedingungen, welche den Verkauf seinem Lebens zu einer Notwendigkeit für seinen Erhalt machen, er schafft damit auch die Bedingungen, die den Verkauf von Leben zu einer Notwendigkeit für andere Menschen machen. Spätere Generationen werden es zwar vielleicht ablehnen ihr Arbeitsleben zu verkaufen, aus dem selben Grund aus dem er seinen Arm nicht verkauft hat; doch jeder gescheiterte Versuch entfremdeter und aufgezwungener Arbeit zu widerstehen, vergrößert den Bestand an gelagerter Arbeit mit dem das Kapital arbeitende Leben kaufen kann.

Um Mehrwert-Arbeit in Kapital umzuwandeln muss ein Kapitalist Wege finden, sie in materiellen Behältnissen, in neuen Produktionsmitteln einzulagern und er muss neue Arbeiter anheuern, um die neuen Produktionsmittel zu aktivieren. Mit anderen Worten muss er sein Unternehmen vergrößern oder neue Unternehmen in einer anderen Branche gründen. Dies setzt das Vorhandensein von Material voraus, das zu neuen, verkaufbaren Waren geformt werden kann, es setzt auch das Vorhandensein von Käufern für diese Produkte voraus und von Menschen, die arm genug sind um freiwillig ihre Arbeit zu verkaufen. Diese Voraussetzungen sind von der kapitalistischen Tätigkeit selbst geschaffen und Kapitalisten anerkennen keinerlei Grenzen oder Hindernisse für ihre Tätigkeit; die Demokratie des Kapitals erfordert absolute Freiheit. Imperialismus ist nicht bloß die „letzte Stufe“ des Kapitalismus; er ist auch seine erste.

Alles, was in ein vermarktbares Gut verwandelt werden kann, ist Schrot für die Mühlen des Kapitals, ob es nun auf dem Land des Kapitalisten liegt oder auf dem seines Nachbarn; ob es nun auf dem Boden oder darunter liegt; Boote auf dem Meer oder Schnecken auf seinem Grund; ob begrenzt auf andere Kontinente oder andere Planeten. Alle menschlichen Entdeckungen der Natur, von der Alchemie bis zu Physik, werden dazu benutzt, neue Materialien zu suchen, um Arbeit darin zu speichern; werden gebraucht, um neue Objekts zu finden, die zu kaufen. jemand gelehrt werden kann.

Käufer von alten und neuen Produkten werden mit wirklich allen verfügbaren Mitteln geschaffen und neue Mittel werden weiter entdeckt. „Freie Märkte“ und „offene Türen“ werden mit Gewalt und Betrug etabliert. Wenn Menschen nicht über die Mittel verfügen, die Produkte der Kapitalisten zu kaufen, werden sie von Kapitalisten angeheuert und werden dafür bezahlt die Waren zu produzieren, die sie sich selbst wünschen; wenn lokale Handwerker etwas schon produzieren, das auch ein Kapitalist verkauf, dann werden die Handwerker ruiniert oder aufgekauft; wenn Gesetze oder Traditionen die Benutzung eines bestimmten Produkts verbieten, werden die Gesetze und Traditionen zerstört; wenn die Menschen nicht über die Objekte verfügen, für die sie die Produkte der Kapitalisten brauchen könnten, dann werden sie dazu „erzogen“, diese Objekte zu kaufen; wenn die Menschen keine weiteren physischen oder biologischen Bedürfnisse mehr haben, dann „befriedigen“ die Kapitalisten ihre „spirituellen Bedürfnisse“ und heuern Psychologen an, um diese zu schaffen; wenn die Menschen übersättigt, sind von den Produkten der Kapitalisten, sodass sie keine neuen Produkte mehr benutzen, dann werden sie dazu erzogen“ Objekte und Spektakel zu kaufen, die keinen Nutzen haben und nur noch beobachtet und bewundert werden können.

Arme Menschen können in vorlandwirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Gesellschaften auf jedem Kontinent gefunden werden; wenn sie nicht arm genug sind, um ihre Arbeit freiwillig zu verkaufen, wenn die Kapitalisten erscheinen, dann werden sie durch die Aktivitäten der Kapitalisten selbst verarmt. Das Land der Jäger wird schrittweise zu „Privateigentum“ der „Besitzer“, welche die „Staatsmacht“ dazu benutzen, die Jäger in „Reservate“ zu sperren, die nicht über genügend Nahrungsmittel verfügen, um die Jäger am Leben zu halten. Die Werkzeuge von Bauern werden schrittweise nur noch bei einem Händler erhältlich sein, der ihnen auch noch freigiebig das Geld leiht, um sich diese Werkzeuge kaufen zu können, solange bis die „Schulden“ der Bauern so groß sind, dass sie dazu gezwungen, sind das Land zu verkaufen, das weder sie noch ihre Vorfahren je gekauft haben. Die Käufer von handwerklichen Produkten werden zu Kunden des Händlers reduziert, der die Produkte verkauft; bis eines Tages der Händler entscheidet, „seine Handwerker“ unter einem Dach unterzubringen und sie mit den Instrumenten auszustatten, weiche es ihnen ermöglichen, ihre Aktivität nur noch auf Produktion der profitabelsten Waren zu konzentrieren Unabhängige wie abhängige Jäger, Bauern und Handwerker, freie Menschen wie Sklaven werden in angeheuerte Arbeiter verwandelt. Jene, die früher ihre eigenen Leben im Angesicht von rauen materiellen Bedingungen bestimmt haben, hören auf über ihre eigenen Leben zu bestimmen, wenn sie damit beginnen, ihre materiellen Bedingungen zu verändern; jene, die frühe bewusste Schöpfer ihrer spärlichen Existenz waren, werden zu unbewussten Opfern ihrer eigenen Tätigkeit, selbst während der Beseitigung der Armseligkeit ihrer Existenz. Menschen die viel waren, und wenig hatten, haben nun viel und sind wenig.

Die Produktion neuer Waren, die „Öffnung“ neuer Märkte, die Schaffung neuer Arbeiter, dies sind nicht drei verschiedene Aktivitäten; es sind drei Aspekte ein und derselben Aktivität. Eine neue Arbeitskraft wird genau dann erschaffen, wenn eine neue Ware produziert wird; die Löhne, bezogen von diesen Arbeitern, sind selbst die neuen Märkte; ihre unbezahlte Arbeit ist die Quelle neuer Expansion. Weder natürliche noch kulturelle Barrieren halten die Ausbreitung des Kapitals auf, die Verwandlung der menschlichen Beschäftigung in entfremdete Arbeit, die Verwandlung ihrer Mehrwert-Arbeit in „Privateigentum“ der Kapitalisten. Dennoch ist Kapital keine Naturkraft; es ist eine Reihe von Tätigkeiten, die von Menschen jeden Tag ausgeführt werden; es ist eine Form des täglichen Lebens; seine weitere Existenz und Expansion setzt nur eine essentielle Bedingung voraus; die Bereitschaft der Menschen weiterhin ihre Arbeitsleben zu entfremden und dadurch die kapitalistische Form des täglichen Lebens zu reproduzieren.

 

1Anm. d. a., in dem Sinne ist sie entfremdent.

2Anm. d. Red., siehe Fußnote Nr. 2.

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