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Reflexion über Geschichte als Theoretisierung der historischen Erfahrungen des Proletariats
von Agustín Guillamón 15.05.2026
Was ist Geschichte?
Geschichte ist weder eine neutrale Erzählung noch ein Lagerhaus toter Daten: Sie ist ein Schlachtfeld. Und als solches ist sie durchzogen von Interessen, Schweigen und Verdrehungen. Wer sich ihr ehrlich nähern will, kann das nicht aus der bequemen Distanz des Gelehrten tun, der Dokumente sortiert, sondern muss sich der Tatsache bewusst sein, dass jedes Archiv auch ein Schützengraben ist.
In den letzten Jahren hat sich eine Operation zur Verschönerung der Vergangenheit verstärkt, besonders was die revolutionären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts betrifft. Sie werden ihres Inhalts entleert, auf malerische Anekdoten reduziert oder, schlimmer noch, in die offizielle Erzählung als bloße unvermeidliche Episoden eines Fortschritts integriert, der immer im Staat und im Markt mündet. Dieser Prozess ist nicht harmlos: Er entspricht dem Bedürfnis, jede Erinnerung zu entschärfen, die die bestehende Ordnung in Frage stellen könnte.
Nehmen wir als Beispiel die soziale Revolution. Nicht als abstraktes Konzept, sondern als konkrete Praxis, gelebt auf den Straßen, in den Werkstätten, in den Kollektivitäten. Dort, wo die Arbeiter aufhörten zu gehorchen, wo das Privateigentum de facto abgeschafft wurde und wo das Alltagsleben auf neuen Grundlagen neu organisiert wurde, entstand etwas, das über die üblichen Kategorien der institutionellen Politik hinausgeht. Genau das ist es, was für die vorherrschende Geschichtsschreibung unerträglich ist: der Beweis, dass sich die Gesellschaft ohne auferlegte Hierarchien organisieren kann.
Dennoch bleibt diese Erinnerung bestehen, fragmentarisch, aber hartnäckig. Sie taucht in vergessenen Zeitzeugenberichten auf, in klandestinen Zeitungen, in Protokollen von Vollversammlungen, die eigentlich nie hätten überleben dürfen. Es ist eine unbequeme Erinnerung, denn sie bietet weder einfache Lösungen noch unbefleckte Helden. Sie ist voller Widersprüche, Niederlagen und Fehler. Aber gerade deshalb ist sie zutiefst menschlich.
Das Problem ist nicht, dass die Geschichte komplex ist, sondern dass man sie so weit vereinfachen will, bis sie nicht mehr wiederzuerkennen ist. Angesichts dieser Tendenz besteht die Aufgabe des kritischen Historikers nicht darin, zu beschönigen oder zu verurteilen, sondern zu verstehen. Verstehen bedeutet, Konflikte wiederherzustellen, den Besiegten eine Stimme zu geben und der Versuchung zu widerstehen, die Vergangenheit mit endgültigen Interpretationen abzuschließen.
Letztendlich geht es nicht nur um die Interpretation dessen, was geschah, sondern um die Möglichkeit selbst, Alternativen zu denken. Wenn wir eine domestizierte Geschichte akzeptieren, akzeptieren wir auch eine lückenlose Gegenwart und eine verschlossene Zukunft. Wenn wir hingegen die konfliktreiche Dimension der Vergangenheit wiederbeleben, öffnen wir die Tür, um uns andere Lebensformen vorzustellen – und sie vielleicht sogar zu gestalten.
Denn Geschichte, wenn man sie der Macht entreißt, hört auf, ein Museum zu sein, und wird zu einem Werkzeug. Und jedes Werkzeug kann in den richtigen Händen zu mehr dienen als nur zum Betrachten: Es kann zur Veränderung beitragen.
Kritik am Dogmatismus in il programma comunista1
Weit davon entfernt, den historischen Materialismus als konkrete Forschungsmethode anzuwenden, verwandelt il programma comunista ihn in ein geschlossenes Dogmasystem. Der Spanische Bürgerkrieg wird nicht als realer, widersprüchlicher und dynamischer historischer Prozess analysiert, sondern als ein Fall, der – zwangsläufig – in ein bereits bestehendes theoretisches Schema passen muss.
In diesem Sinne gibt es keine Forschung, sondern ideologische Verifizierung.
Alles, was nicht mit dem bordigistischen Dogma übereinstimmt, wird automatisch aus dem Bereich des Realen ausgeschlossen. Die Konsequenz ist radikal: Was nicht in die Theorie passt, hat nicht existiert, verdient keine Analyse oder wird als irrelevant betrachtet.
So werden entscheidende Phänomene von 1936 – wie:
- die revolutionären Komitees
- die Kollektivierungen
- die Formen lokaler Arbeitermacht
- der anfängliche Bruch mit dem Staatsapparat
ihres revolutionären Inhalts beraubt oder direkt ignoriert, nicht nach einer kritischen Prüfung, sondern weil sie der Grundprämisse widersprechen: der Nicht-Existenz einer Revolution ohne Partei.
Dieses Prozedere kehrt den historischen Materialismus komplett um. Anstatt von der Realität auszugehen, um theoretische Kategorien zu entwickeln, geht man von starren Kategorien aus, um die Realität zu leugnen, wenn diese über sie hinausgeht.
Aus einer materialistischen Perspektive – wie sie Agustín Guillamón in seinen Thesen zum Spanischen Bürgerkrieg entwickelt hat – ist dieser Ansatz nicht nur unzureichend, sondern zutiefst problematisch. Beim historischen Materialismus geht es nicht darum, universelle Schemata anzuwenden, sondern konkrete soziale Beziehungen, reale Konflikte und spezifische historische Prozesse zu analysieren.
Die spanische Revolution auf eine „Nicht-Revolution“ zu reduzieren, nur weil sie nicht dem Idealmodell von Partei und Staatsmachtübernahme entspricht, kommt darauf hinaus, Geschichte durch politische Theologie zu ersetzen.
Letztendlich verfällt der Bordigismus genau dem, was er zu bekämpfen vorgibt: einer Form des Idealismus. Nicht den demokratischen oder antifaschistischen Idealismus, sondern einen Idealismus umgekehrten Vorzeichens, bei dem die Idee (das Programm) über die historische Realität triumphiert.
KRITIK AN DEN TEXTEN VON IL PROGRAMMA COMUNISTA ZUM SPANISCHEN BÜRGERKRIEG (2016–2026)
Die Texte, die von der sogenannten „Internationalen Kommunistischen Partei“ in den Ausgaben 53 bis 56 von 2018 bis 2024 von El Programa Comunista zum Spanischen Bürgerkrieg veröffentlicht wurden, sind ein Paradebeispiel dafür, wie eine erstarrte politische Doktrin die konkrete historische Analyse durch die rituelle Wiederholung zuvor festgelegter ideologischer Schemata ersetzen kann.
Wir haben es hier weder mit originären historischen Untersuchungen noch mit relevanten dokumentarischen Beiträgen zu tun, nicht einmal mit einer kritischen Überarbeitung der klassischen Werke der Italienischen Fraktion aus den 1930er Jahren. Wir haben es mit einer katechetischen Lesart der spanischen Revolution zu tun, die vollständig den Bedürfnissen der doktrinären Selbstbestätigung des zeitgenössischen Bordigismus untergeordnet ist.
Die Schlussfolgerung steht schon fest, noch bevor die Fakten überhaupt geprüft wurden: Der Bürgerkrieg war ausschließlich ein imperialistischer Krieg zwischen zwei bourgeoisen Fraktionen; das Proletariat war unfähig, autonom als Klasse zu handeln; der Antifaschismus war von Anfang an eine totale Mystifizierung; und das Fehlen der revolutionären kommunistischen Partei machte die Niederlage unvermeidlich. Die gesamte historische Komplexität des spanischen Revolutionsprozesses wird auf die pädagogische Veranschaulichung einer bereits bekannten These reduziert.
Diese Methode ist kein Marxismus. Sie ist Scholastik.
Die Aufgabe des historischen Materialismus besteht nicht darin, die Realität zu verzerren, um sie in abstrakte Kategorien zu pressen, sondern gerade darin, die widersprüchliche Bewegung der sozialen Klassen in konkreten historischen Situationen zu verstehen. Und die spanische Revolution von 1936 war eine konkrete Situation, die sich nicht auf ein mechanisches Schema über den „Weg zum imperialistischen Krieg“ reduzieren lässt.
Das spanische Proletariat war keine passive Masse, die vom ersten Tag an vom Antifaschismus mitgerissen wurde. Der Aufstand der Arbeiter am 19. Juli 1936 zerstörte in zahlreichen Städten teilweise den Staatsapparat, enteignete Fabriken und Werkstätten, organisierte Milizen, gründete revolutionäre Stadtteilkomitees, kontrollierte Versorgung, Transport und Produktion. Wochenlang herrschte eine echte revolutionäre Situation.
Dies zu leugnen oder herunterzuspielen bedeutet, die tatsächliche historische Erfahrung des spanischen Proletariats zu ignorieren.
Die wichtigste theoretische Unzulänglichkeit der bordigistischen Texte besteht in ihrer Unfähigkeit, die nach der militärischen Niederlage des faschistischen Putsches in Barcelona und anderen republikanischen Gebieten entstandene Machtdualität zu begreifen. Während der republikanische Staat formal überlebte, lag die tatsächliche Macht teilweise in den Händen der Arbeiterkomitees. Dieser Widerspruch war der Kern des revolutionären Prozesses.
Die entscheidende Frage war nicht nur das „Fehlen der Partei“, das vom Bordigismus zur universellen Erklärung jeder historischen Niederlage gemacht wurde, sondern das konkrete Problem der vollständigen Zerstörung des kapitalistischen Staates und der Zentralisierung der revolutionären proletarischen Macht.
Los Amigos de Durruti erkannten diese Notwendigkeit erst spät (im Sommer 1937), als sie vorschlugen, das Comité Central de Milicias Antifascistas (Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen) durch einer Junta Revolucionaria (Revolutionären Junta) zu ersetzen, die in der Lage war, die Macht der Arbeiterkomitees zu koordinieren und zu zentralisieren.
Die Texte von Programa Comunista ignorieren diese reale Problematik fast vollständig. Sie sprechen ständig vom „Proletariat“, beschäftigen sich aber kaum mit den konkreten Formen proletarischer Organisation, die im Juli 1936 entstanden sind. Sie sprechen von „imperialistischem Krieg“, verschweigen aber die revolutionären Erfahrungen der Verteidigungskomitees, der Arbeiterpatrouillen, der Kollektivierungen und der Barrikaden vom Mai 1937.
Die lebendige Geschichte verschwindet unter der doktrinären Abstraktion.
Es gibt noch ein weiteres grundlegendes Problem: die völlige Unfähigkeit, zwischen Staatsanarchismus und revolutionärem Anarchismus zu unterscheiden.
Für den Bordigismus verschmilzt die gesamte libertäre Bewegung zu einer einzigen undifferenzierten Kategorie. Die ministerielle CNT, García Oliver, Federica Montseny, die höheren Komitees, die Stadtteilkomitees, die Juventudes Libertarias und Los Amigos de Durruti werden unter einer vagen allgemeinen Verurteilung des „Anarchismus“ subsumiert.
Dieses Prozedere ist keine historische Analyse: Es ist ideologische Vereinfachung.
Die Regierungsbeteiligung der CNT stellte tatsächlich eine konterrevolutionäre Politik dar. Aber genau deshalb entstanden revolutionäre libertäre Strömungen, die diese Politik aus klassenpolitischen Positionen heraus bekämpften. Diese interne Spaltung zu ignorieren bedeutet, nichts von der tatsächlichen Dynamik des spanischen Revolutionsprozesses zu verstehen.
Der heutige Bordigismus ist nach wie vor in einer teleologischen Sichtweise der Geschichte gefangen. Alles wird rückblickend durch die endgültige Niederlage erklärt. Da Franco siegte und die Revolution scheiterte, lässt sich daraus ableiten, dass von Anfang an alles verloren war. Aber so funktioniert Geschichte nicht. Revolutionäre Niederlagen sind offene Prozesse, voller Widersprüche, Alternativen und realer Möglichkeiten.
Die spanische Revolution war weder eine kleinbourgeoise Illusion noch eine bloße Vorstufe des Zweiten Weltkriegs. Sie war der letzte große revolutionäre Versuch des europäischen Proletariats vor 1939.
Ihre Niederlage macht ihre Existenz nicht ungültig.
Die wichtigste historische Lehre aus dem Jahr 1936 ist auch heute noch die Notwendigkeit, den kapitalistischen Staat durch revolutionäre Organe, die aus der Arbeiterklasse selbst hervorgegangen sind, vollständig zu zerstören. Und gerade weil diese Revolution tatsächlich existierte, auch wenn sie besiegt wurde, ist es nach wie vor unerlässlich, sie ohne Dogmen, ohne Katechismen und ohne doktrinäre Scheuklappen zu untersuchen.
Die revolutionäre Geschichte braucht keine Priester der Orthodoxie.
Sie braucht ein kritisches Verständnis der realen Erfahrungen des Proletariats.
Agustín Guillamón
Barcelona, Mai 2026
1A.d.Ü., hier handelt es sich um die Zeitung der Internationalen Kommunistischen Partei, ursprünglich aus Italien, also einer linkskommunistischen (bordigistische) Strömung.