Gefunden auf der Seite von Grupo Germinal, die Übersetzung ist von uns.
Das Interview mit Durruti, das es nie gab, und der Satz, den er nie gesagt hat
Agustín Guillamón
Barcelona, 23. April 2022
Denn bitter ist die Wahrheit / ich will sie aus meinem Mund herausbringen
Und wenn sie die Seele mit Galle berührt / ist es Torheit, sie zu verbergen
Francisco de Quevedo
1. Das Interview mit Durruti, das es nie gab
1963 veröffentlichte die Universität Toronto die Forschungsarbeit von Ross Harkness über Leben und Werk des Chefredakteurs des The Star aus Toronto, J. E. Atkinson, der die Leitlinien der Zeitung vorgab. Seine Arbeit befasst sich indirekt mit dem Korrespondenten dieser Zeitung in Paris, nämlich dem Journalisten Pierre Van Paassen.
Van Paassen war seit März 1932 Europa-Korrespondent für den The Star. Er warnte vor dem Aufstieg des Nationalsozialismus und Hitlers zur Macht. Er sah die Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung voraus. Bereits im März 1934 schrieb Van Paassen in „The Star“, dass die deutschen Juden zum Tode, zur Sklaverei oder ins Exil verurteilt würden, und prognostizierte obendrein – noch bevor es überhaupt passiert war – das Bündnis zwischen Deutschland, Italien und Japan. Er hatte die „Ehre“, der erste Pressekorrespondent zu sein, der von den Nazis in Deutschland mit einem Einreiseverbot belegt wurde.
Im August 1936 beauftragte „The Star“ Van Paassen mit der Berichterstattung über den Spanischen Bürgerkrieg, immer von Paris aus. Ross Harkness kam nach Prüfung der Visumstempel in Van Paassens Reisepass zu dem Schluss, dass dieser während des Bürgerkriegs nie in Spanien war, geschweige denn in Barcelona oder an der Front in Aragón, weshalb das berühmte und verehrte Interview mit Durruti komplett erfunden war. Diese magischen Worte des Revolutionärs Buenaventura Durruti kamen nie über seine Lippen, sondern entsprangen der fantasievollen Feder des niederländisch-kanadischen Journalisten Pierre Van Paassen, der zweifellos Informationen über Durruti und die Geschehnisse in Barcelona hatte. Doch das wunderschöne Interview, so genial und magisch es auch war, war erfunden.
Diese so schönen und eindringlichen Sätze, wie zum Beispiel „Wir tragen eine neue Welt in unseren Herzen“, kamen nicht aus dem Mund von Buenaventura Durruti, sondern entsprangen der blühenden Fantasie des Journalisten Pierre Van Paassen.
Es ist sehr interessant, wie Abel Paz einige Ungereimtheiten in Van Paassens gefälschtem Interview mit Durruti entdeckte und entschuldigte: „das Dröhnen der Kanonen“ in einem Barcelona, das die aufständischen Militärs bereits besiegt hatte. Er blieb einen halben Schritt davon entfernt, die Echtheit des Interviews in Frage zu stellen.
Es ist sehr amüsant, in dem Buch Durruti en el laberinto (Durruti im Labyrinth) zu lesen, wie Amorós dieses Interview, das es nie gab, im Metallsyndikat ansiedelt, während Durruti die Lastwagen inspizierte, die am nächsten Tag (24. Juli 1936) zur Eroberung von Zaragoza aufbrechen sollten. Das sind die Sackgassen eines marxistisch-situationistischen Labyrinths, das uns in die Irre führt, wenn es die Geschichte in einen Comic aus Superhelden, Verrätern und Bösewichten verwandelt.
Siehe den treffenden Artikel von Manel Aisa in der Zeitschrift „Orto“, hier: https://revistaorto.net/blog/2021/10/25/pierre-van-passen
Na ja, die Wahrheit ist bitter, also besser, sie einfach auszusprechen.
2. Der von Ilya Ehrenburg manipulierte Satz von Durruti
Es war jedoch nicht nur dieses Interview, das am 18. August 1936 in The Star aus Toronto veröffentlicht wurde, das die einzige Manipulation darstellte, der Buenaventura Durruti zum Opfer fiel.
Guillamón erklärt uns: „Vielleicht werden wir nie erfahren, wie Durruti starb, da es sieben oder acht verschiedene und widersprüchliche Versionen gibt; aber es ist interessanter, sich zu fragen, warum er fünfzehn Tage, nachdem er im Radio gesprochen und mit „nach Barcelona zu kommen“. Durrutis Radioansprache wurde als gefährliche Drohung wahrgenommen, die eine sofortige Reaktion bei der außerordentlichen Sitzung des Rates der Generalität hervorrief – und vor allem in der Brutalität von Comoreras Intervention, die von den CNT- und POUM-Anhängern kaum gemildert wurde, da sie sich letztendlich der gemeinsamen Aufgabe verschrieben hatten, alle Dekrete zu befolgen und durchzusetzen. Die heilige antifaschistische Einheit zwischen Arbeiterbürokraten, Stalinisten und bourgeoisen Politikern konnte Unkontrollierte vom Kaliber eines Durruti nicht dulden: deshalb war sein Tod dringend und notwendig. Indem er sich der Militarisierung der Milizen widersetzte, verkörperte Durruti den revolutionären Widerstand gegen die Auflösung der Komitees, die Kriegsführung durch die Bourgeoisie und die staatliche Kontrolle über die im Juli enteigneten Betriebe. Durruti starb, weil er zu einem gefährlichen Hindernis für die voranschreitende Konterrevolution geworden war.“
Und genau aus diesem Grund musste Durruti gleich zweimal getötet werden. Wie es in dem Buch Durruti sin mitos ni laberinto heißt: „Ein Jahr später, anlässlich des Jahrestags seines Todes, lief die allmächtige Propagandamaschinerie der stalinistischen Negrín-Regierung auf Hochtouren, um ihm die Urheberschaft eines Slogans zuzuschreiben, der ursprünglich vom sowjetischen Kriegskorrespondenten Ilja Ehrenburg erfunden, und später von der Bürokratie der obersten Komitees der CNT-FAI unterstützt wurde, in dem man ihm das Gegenteil von dem in den Mund legte, was er immer gesagt und gedacht hatte: „Wir verzichten auf alles, außer auf den Sieg“. Das heißt, Durruti verzichtete auf die Revolution und wurde zum Verfechter des Kollaborationismus…
Uns bleibt nicht einmal eine vollständige und zuverlässige Fassung von Durrutis Rede, die am 4. November 1936 im Radio ausgestrahlt wurde, denn die anarchistische Presse jener Zeit, insbesondere Solidaridad Obrera, hat Durruti zu Lebzeiten beschönigt und zensiert.
„Nach seinem Tod konnte Durruti nun Gott sein und als ‚Held des Volkes‘ auf den Altar erhoben werden. Er wurde sogar zum Oberstleutnant der Volksarmee befördert.“ Man musste ihn ein zweites Mal ermorden, indem man ihn zum Verfechter des Kollaborationismus und der Ideologie der heiligen antifaschistischen Einheit mit der Bourgeoisie und den Stalinisten machte.
3. SCHLUSSFOLGERUNGEN
Das berühmte Interview von Van Paassen mit Durruti war also erfunden, und Durrutis bekanntester Satz war ein Slogan von Ilja Ehrenburg, der am ersten Jahrestag von Durrutis Tod im Radio und in der Presse bis zum Überdruss wiederholt wurde.
Aber das Interview und der Satz werden sicher weiterhin den Durruti-Mythos prägen und nähren. Und zweifellos werden neue Mythomanen, Labyrinthbauer und Schreiberlinge auftauchen, die das Interview, das es nie gab, kommentieren und es sogar an genau den Ort, den Tag, die Stunde und die Minute verorten, an dem es nie stattgefunden hat.
Balance. Cuadernos de historia
Barcelona, 23. April 2022