Irgendwo gefunden. Von uns übersetzt.
Fluchtpunkte in der Arbeiterkultur
Von Miguel Amorós
Um die Bedeutung der Agrupación de los Amigos de Durruti im revolutionären Krieg in Spanien zu verstehen, muss man sie in den Kontext einer grassierenden Konterrevolution einordnen, die verschiedene anarchosyndikalistische Militanten mit langjähriger Erfahrung und bewährtem Mut vor eine radikale Entscheidung stellte: Entweder den Komiteen ihrer Organisation zu gehorchen, die anordneten, nicht auf Angriffe zu reagieren, oder sich offen den konterrevolutionären Kräften entgegenzustellen. Ausgehend von der revolutionären Entschlossenheit und der menschlichen Größe dieser proletarischen Kämpfer lässt sich der Kern der letzten Arbeiterrevolution, die vom 19. Juli 1936 bis zum 8. Mai 1937 dauerte, leicht beleuchten. Wir haben uns auf neun Biografien beschränkt, zu denen man noch weitere hinzufügen könnte – etwa die bereits veröffentlichten von Jaime Balius und Joaquín Pérez Navarro –, ohne damit den Fundus erschöpft zu haben. Die CNT und der Anarchismus waren eine unvergleichliche Quelle von Persönlichkeiten, die sich voll und ganz der Sache der Freiheit und der sozialen Gerechtigkeit – der Sache des Proletariats – verschrieben hatten und von ihren Feinden als „unbeherrschbar“ bezeichnet wurden. Dieses Stigma war eine unfreiwillige Hommage, die die Konterrevolution jenen Revolutionären zollte, die sich der Kontrolle der bourgeoisen und stalinistischen Institutionen entzogen. Wenn die Geschichte eine falsche Wendung nahm, war das nicht ihre Schuld. Alle antihistorischen Kräfte haben sich verschworen, damit es so kam – vom faschistischen Konglomerat bis hin zum republikanischen Mörtel. Die Bourgeoisie hat alle Trümpfe ausgespielt, um in extremis zu gewinnen. Die Veröffentlichung dieses bescheidenen Buches beweist, dass dieser Sieg nicht vollständig war.
Früher glaubten wir, dass die Enthüllung der in den Niederlagen verborgenen Wahrheit genug Wirkung zeigen würde, um die revolutionäre Aktion zu lenken und ihre Akteure aus den Sackgassen der Geschichte herauszuführen. Wir gingen davon aus, dass die Vergangenheit alle notwendigen Lehren enthielt, um die Scheidewege der Gegenwart zu meistern. Doch heute muss die Veröffentlichung eines Buches in einer Gesellschaft, die in einer ewigen Gegenwart lebt, zwangsläufig etwas Anachronistisches, Fehl am Platz sein. Die Erkenntnis der Wahrheit über die Vergangenheit hat keinerlei Auswirkungen auf die tägliche Aktion. Sie stärkt weder die Werte einer potenziell revolutionären Gemeinschaft, noch steigert sie die Kritikfähigkeit der aktiven Leser. In einer Gesellschaft ohne Bewusstsein für Zeit und ohne Erinnerung existiert die Vergangenheit nicht und taucht nur als archäologisches Objekt oder als Spektakel à la „80. Jahrestag des Bürgerkriegs“ wieder auf, wobei ihr üblicher Ort die Universität, im Museum oder in den Kulturbeilagen der offiziellen Presse – Orte, an denen ihre subversive Kraft, sofern sie überhaupt noch vorhanden ist, wirkungslos bleibt. Diese Biografien wären für die Erben der legendären Los Amigos de Durruti bestimmt, aber existieren solche Erben überhaupt?
Traditionelle Gesellschaften geben ihr Erbe mündlich von einer Generation zur nächsten weiter. Die Jungen lernen von den Älteren; es gibt keinen Generationsbruch. Es sind statische Gesellschaften: Die Zukunft der Jugend folgt den Bahnen der Vergangenheit und beschreitet den Weg der vorherigen Generation. Die familiären und territorialen Bindungen sind sehr stark. Die Erinnerung, deren Hüter die Älteren sind, spielt eine wichtige Rolle bei der Bewahrung sozialer Gewohnheiten und der Erhaltung der Identität und ist daher grundlegend für den fortwährenden Fortbestand der Gesellschaft. Das Aufkommen historischer Gesellschaften, die auf ständigem Wandel, Wissensakkumulation, Handel und Schrift basieren, bringt Auflösungsfaktoren mit sich, die zunächst auf die Städte beschränkt sind. Es sind dynamische Gesellschaften mit geschwächten Bindungen und labilen Identitäten, in denen das Gedächtnis gegenüber dem Neuen eine untergeordnete Rolle spielt. Erinnerungen sind kaum von Nutzen, wenn überhaupt. Dennoch blieb der Großteil der Bevölkerung von dieser nihilistischen Dynamik unberührt, da sie auf dem Land lebte und traditionelle Lebensweisen beibehielt, die erst mit der Festigung des Kapitalismus im ländlichen Raum verschwanden. In der voll entwickelten kapitalistischen Gesellschaft lernen junge Menschen aus sich selbst heraus, indem sie universellen Konsummustern folgen, die von den Massenmedien vermittelt werden, nicht von ihren Eltern: Ihre Zukunft hängt von einer Gegenwart ab, die von den Erfahrungen vergangener Generationen abgeschnitten ist, die viel weniger von Technologien geprägt waren, da sie sich größtenteils abseits kapitalistischer Zwänge entwickelt hatten. Die turbokapitalistische Produktion hat eine industrialisierte Lebensweise durchgesetzt, eine neue narzisstische Kultur mit pragmatischen und hedonistischen Werten, die keinerlei Bezug zu denen haben, die früher im Arbeitermilieu vorherrschten, bevor der allgegenwärtige Konsum sie evangelisierte.
In den frühen Phasen des Kapitalismus entstand durch die Auflösung traditioneller Lebensformen eine eigene Welt mit ganz eigenen Merkmalen – eine Gesellschaft innerhalb einer anderen, bestehend aus den Entrechteten, den Parias, den Entwurzelten, die vom Land oder aus den Zunftwerkstätten vertrieben wurden; kurz gesagt: aus den Arbeitern. Die proletarische Welt, die auf der Familie als Keimzelle beruhte und deren einzige Verbindung zur sie umgebenden Industriegesellschaft die Arbeit war, entwickelte gemeinschaftliche Züge, die ihr eine besondere, stabile Identität verliehen – eine Klassenidentität, eine spezifische Kultur. In gewisser Weise gab es eine Arbeitertradition, die die Arbeitsgesellschaft prägte und eigene, beständige Werte besaß: das Bedürfnis nach Assoziation, die föderative Idee, das Streben nach Bildung, Solidarität, die Würde des Handwerks, die Zukunft der Kinder, der Klassenstolz, der Internationalismus, die soziale Revolution … Die militanten Autobiografien, die verfasst wurden, spiegeln diese Mentalität perfekt wider. Denk zum Beispiel an die Memoiren und Erinnerungen von Pierre Joseph Proudhon, Gustave Lefrançais, James Guillaume, Anselmo Lorenzo, Nestor Makhno, Emma Goldman, Victor Serge, Manuel Pérez, José Peirats usw., wertvolle Porträts rebellischer Leben im Dienste der Arbeiterbewegung.
Die proletarische Gesellschaft stand in ständigem Konflikt mit der Bourgeoisie, weshalb die Erfahrungen aus vergangenen Kämpfen eine große Rolle spielten und folglich diejenigen, die diese Kämpfe angeführt hatten, darin ein beträchtliches Gewicht besaßen. Es war eine Statusgesellschaft. Die Zukunft der Klasse gründete sich auf die Erinnerung an die Kämpfe der Vergangenheit und auch auf die Erinnerung an diejenigen, die sich in ihnen hervorgetan hatten, die beliebt waren und große moralische Autorität genossen. Niedergeschrieben bildete sie die Arbeiterkultur, eine Kultur des Widerstands, die typisch historisch war – das heißt, sie fand ihren Sinn und ihr Wesen in der Geschichte, da sie den endgültigen Sieg in sich trug –, aber auch eine traditionelle Kultur, die auf tief verwurzelten kollektiven Werten beruhte, die dem Lauf der Zeit standhielten. Die Kinder ahmten ihre Eltern sogar in der Kleidung nach und traten in deren Fußstapfen in einem stabilen sozialen Umfeld. Paradoxerweise hingen ihr Sinn und ihr Wesen auch von den unveränderlichen Bräuchen der Klasse ab. Die Geschichte der Arbeiter, die die Geschichte ihrer Kämpfe ist, obwohl sie die Geschichte einer Gemeinschaft ist, hatte Vor- und Nachnamen. Diese gehörten zu Menschen, die das Verhalten und die Werte verkörperten, die die Klasse am besten repräsentieren konnten; daher waren individuelle Züge nicht relevant und verblassten mit der Zeit. Solche waren zum Beispiel im spanischen Staat Salvador Seguí, Francisco Maroto und Buenaventura Durruti, die drei letzten mythischen Figuren des iberischen Proletariats (mythisch nicht im Sinne Sorels). In ihnen wurde die Identität der Arbeiterklasse bekräftigt und vor der zersetzenden Wirkung des vom Kapitalismus bestimmten historischen Wandels geschützt.
Die anarchistisch geprägte spanische Arbeiter- und Bauernbewegung legte größeren Wert auf den traditionellen Aspekt, da sie sich nicht gegen einen entwickelten Kapitalismus wandte, sondern gegen die Existenz des Kapitalismus an sich, der noch in den Kinderschuhen steckte. Der Glaube an den Fortschritt berührte sie nur oberflächlich, in Form von wissenschaftlichem Optimismus – einem bourgeoisen Einfluss, von dem sie sich nicht ganz befreien konnte. Franz Borkenau wies in seinem während des spanischen Bürgerkriegs verfassten Buch „El Reñidero Español“ (Kampfplatz Spanien) darauf hin, dass „was das Bewusstsein der spanischen Arbeiter- und Bauernbewegung erschüttert, nicht die Vorstellung eines Kapitalismus ist, der sich auf unbestimmte Zeit fortsetzen würde, sondern das Auftauchen dieses Kapitalismus an sich. Darin liegt für mich der Schlüssel zur privilegierten Stellung des Anarchismus in Spanien.“ Die für eine Industriegesellschaft typischen Vorstellungen von privatem Gewinn, Quantität, Erfolg, Mechanisierung, Utilitarismus usw. waren kaum in ein Milieu vorgedrungen, das sich durch Prinzipien wie Solidarität, Brüderlichkeit, Freundschaft und Bildung selbst regierte.
In den fortgeschrittensten Phasen des Kapitalismus – jenen, in denen Niederlagen, gefolgt von unaufhörlichen, tiefgreifenden, größtenteils technologischen Veränderungen, die Arbeitergesellschaft sprengten und sie in die Welt der Waren integrierten – bricht das proletarische Heute mit seiner Vergangenheit, trennt sich von ihr und identifiziert sich nicht mehr mit ihr. Mit der Arbeiterfamilie, die auf ihren kleinsten Kern reduziert ist und die vor dem Fernsehbildschirm sitzt, existiert der Arbeiter nur noch als konsumierende Individualität, nicht als Mitglied des proletarischen Kollektivs. Er leitet seine Normen nicht mehr aus der Vergangenheit ab – die von gewerkschaftlichen/syndikalistischen Bürokraten und Politikern an sich gerissen wurde –, sondern aus der vom Fernsehen vermittelten Gegenwart und ahmt dabei das unberechenbare und konsumorientierte Verhalten seiner zeitgenössischen Vorbilder aus der Mittelklasse nach, die den Parolen des Spektakels treu sind. Die Arbeiterkultur ist in einer homogenisierten, klassenübergreifenden Kultur aufgelöst worden, die maßgeschneidert für den Kapitalismus ist. Es hat ein regelrechter kultureller Genozid stattgefunden, eine Auslöschung proletarischer Werte. Der Generationsbruch hat besondere Folgen für eine im Niedergang begriffene Arbeiterklasse, da diese am Ende deformiert, ausgehöhlt und zu einem Schatten ihrer selbst wird. Sie ist unfähig, dem geringsten Ansturm zu widerstehen, geschweige denn, Veränderungen zu verkraften, ohne dabei Schaden zu nehmen. Sie ist oberflächlich betrachtet eine Klasse, aber ihr Inneres ist zerrüttet, aufgelöst, kolonisiert. Es ist so, dass die alten Proletarier kein Wissen und keine Werte weitergeben können, mit denen man der neuen, sich ständig wandelnden Situation begegnen könnte – vor allem, wenn sie sich vom kleineren Übel haben leiten lassen und ihre Interessen in die falschen Hände gelegt haben. Ihr familiärer, genügsamer, bodenständiger, strenger und moralistischer Lebensstil passt nicht in eine Welt der Konsumenten – eine Welt, die utilitaristisch, unruhig, unterhaltsam, komplett motorisiert, verdinglicht und massenhaft ist. Die Regeln der Not sind nicht dieselben wie die des Überflusses an Waren und Spektakeln: Was gegen den Hunger hilft, hilft nicht gegen die Langeweile. Eine Klassenkultur konkurriert unter deutlich ungünstigeren Bedingungen nicht gegen eine bourgeoise Kultur, sondern gegen eine Kulturindustrie und eine allgegenwärtige gewerkschaftliche/syndikalistische und politische Inszenierung. So stirbt die Arbeiterkultur mit der Institutionalisierung ihrer Organisationen und der Verbreitung der Massenkultur.
Die Vergangenheit stirbt mit dem Verschwinden einer ganzen Generation von Besiegten aus, denn die alten Arbeiter können keine praktischen Verhaltensvorbilder mehr bieten; man muss sie ausgehend von einer anderen, extrem dynamischen Realität ohne feste Anker neu entwickeln. Die Lebensbedingungen der jungen Lohnarbeiter von heute unterscheiden sich radikal von denen früherer Generationen. Die Kinder der Arbeiter werden von öffentlichen Einrichtungen erzogen, nicht von den Eltern, und diese vermitteln andere Regeln, losgelöst von vergangenen Erfahrungen und im Einklang mit den Reproduktionsbedürfnissen des Kapitals, die durch neue Technologien bestimmt werden. Die Entfremdung von der Vergangenheit treibt dazu, nach Verhaltensvorbildern in einer von Waren dominierten Gegenwart und unter Bedingungen extremer Isolation zu suchen. Der Arbeiter im Ruhestand ist für den jungen Arbeiter ein Fremder, und beide nehmen sich gegenseitig nicht ernst oder begegnen sich sogar mit Misstrauen. Der Ältere erzählt nicht die ganze Wahrheit, was – angesichts des tatsächlichen Mangels an Gemeinschaft – den Generationsbruch, den Verlust des Gedächtnisses und folglich den Identitätsverlust noch weiter verschärft. Ohne Erinnerung und ohne Vergangenheit bleibt kein Klassenbewusstsein bestehen. Der Konflikt zwischen den Generationen, der Zusammenprall der Mentalitäten, verhindert ein Wiederaufleben. Die abstrakte und willkürliche Bekräftigung der alten Konzepte der Arbeiterkultur, die längst zu Klischees verkommen sind, löst das Problem nicht, sondern macht es lächerlich.
Ein typisches Merkmal der aktuellen sozialen Bewegungen ist die geringe Präsenz von Erwachsenen und im Gegensatz dazu die große Zahl von Jugendlichen. Das wäre das offensichtlichste Beispiel für die Entfremdung von früheren sozialen Kämpfen, sogar von den relativ jüngsten, aber es verdeutlicht auch die enorme Unterwürfigkeit und Skepsis der Menschen im fortgeschrittenen Alter. Es sind geduldete Ghettos, die sich meist innerhalb der ihnen zugewiesenen Grenzen aufhalten. Das Besondere an diesen Bewegungen ist, dass sie bei Null anfangen und den altbekannten plumpen Manövern erliegen, da ihnen naturgemäß die Erfahrung und das historische Wissen fehlen, um diese vorauszusehen. Sie sind von vornherein verloren, mehr noch: Oft wird ihr Protestpotenzial direkt in die erneute Aufrechterhaltung des herrschenden Systems umgelenkt, denn wenn sie ihren gewohnten Raum verlassen und ins öffentliche Rampenlicht treten, dann nur, um den Standpunkt der herdenartigen Mehrheit zu übernehmen und deren Werte fast automatisch zu reproduzieren – Hauptsache, sie modernisieren ihr Äußeres. Rückschrittliche gesellschaftliche Veränderungen spiegeln sich kulturell wider, und die Lehren, die die rebellische Jugend daraus zieht, sind das Ergebnis der Unmittelbarkeit und gehen nicht über den Alltag hinaus. Die meisten von ihnen lesen nicht und informieren sich nicht. Sie lernen weder dazu noch lösen sie sich von der Erziehung, die sie erhalten haben: Sie handeln, ohne nachzudenken. In der spätesten Phase des Kapitalismus ist die Massenkultur so instabil geworden, dass nicht einmal die Gegenwart noch halbwegs dauerhafte Verhaltensvorbilder bieten kann. Die Veränderungen haben sich so sehr beschleunigt, dass der Bruch innerhalb einer einzigen Generation stattfindet. Der Jugendliche von heute wird in wenigen Jahren alt – so lange dauert es, bis sich seine Überzeugungen ändern. Seine Geschichten verlieren im Riesenschritt an Interesse, im Rhythmus der Moden. Zehn Jahre sind ein Abgrund. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konzentrieren sich auf einen einzigen Augenblick. Von da an ist es nicht so, dass Erfahrungen nicht weitergegeben werden könnten – es gibt einfach keine Erfahrungen mehr. Weder einen Bruch im eigentlichen Sinne (alle Generationen sind eine), noch eine Zukunft, nur kurzfristige Ziele. So wird das Verhalten konformistisch, und die institutionelle Politik, die auf die Straße gesetzt wurde, kommt durch das Fenster wieder rein. In dieser Welt gibt es keine andere Utopie als die kapitalistische.
Die Konsumgesellschaft hat ein Umfeld geschaffen, das für die älteren Generationen immer fremder und feindlicher wird; für die neuen Generationen ist es jedoch ihr eigenes, und sie fühlen sich darin wohl. Sie ähneln eher ihrer Zeit als ihren Eltern. Es ist nicht so, dass die vorherigen Generationen nicht mehr als Wegweiser dienen könnten, sondern: da die Vergangenheit nicht vermittelt werden kann, gibt es keine Möglichkeit zur Orientierung. Nicht nur die verschiedenen Generationen folgen unterschiedlichen Codes und sprechen buchstäblich verschiedene Sprachen, sondern das gilt auch für die Schichten innerhalb derselben Generation. Die Neuankömmlinge wissen nicht mehr als die anderen, aber was diese wissen, interessiert sie nicht, denn dieses Wissen gibt keine Antwort auf ihre äußerst wenigen Fragen. Erfahrung nützt nichts, da sie unter ganz anderen Umständen entstanden ist, noch vor der absoluten Herrschaft der Ware und der vollständigen Etablierung ihrer kulturellen Normen. Und wozu dann die Erinnerung? Doch das hat Konsequenzen: Das Vergessen bedeutet das Verschwinden des Begriffs der Wahrheit. Durch die Loslösung von der Geschichte wird das Wahre relativiert; es gründet sich weder auf eine solide Ursache noch wird es strikt durch eine historische Notwendigkeit bestimmt, sondern hängt ausschließlich von einer zufälligen, willkürlichen und wechselhaften Meinung ab, die den unmittelbaren Lebensumständen des Individuums geschuldet ist, das sie äußert. Das Ende der Ideologien, die die großen kollektiven Anliegen legitimierten, und die absolute Vorherrschaft des pragmatischen Individualismus, des Privatlebens und des flüchtigen Engagements. Und paradoxerweise eine generationsübergreifende Wiedervereinigung in neurotischer Isolation und selbstgefälliger Ignoranz. Die Jungen sind alt, ohne es zu wollen; die Alten werden dazu getrieben, sich wie Junge zu verhalten. Interessanterweise kommt es zu einer Umkehrung der Perspektiven: Die Jungen dienen den Erwachsenen, die mit Veränderungen weniger vertraut sind, als Vorbild. Diese Situation ist mit keiner anderen vergleichbar; sie ist völlig neu. Manche haben sie „flüssige Moderne“ genannt, andere „Postmoderne“. In einem postmodernen Kontext bindet das Denken nicht, sondern türmt sich eher am Rande des von der Technologie asphaltierten Lebensweges auf. Es dient als Kulisse, erklärt nichts, ist selbstreferenziell und hat vor allem keinen Einfluss. Mehr als flüssig wird die Reflexion gasförmig, wie die extrem fließende Realität, an die sie sich anpasst. Ihre Funktion liegt nicht in ihrer Fähigkeit, die Zeit zu erfassen, oder in ihrer Wahrhaftigkeit, sondern vielmehr darin, beides unverständlich zu machen.
Die Verewigung der Gegenwart entwertet nicht nur den Kampf der Vergangenheit, sondern führt auch zur Unbeständigkeit sozialer Gruppen, die sich leicht auf einen Haufen von Individuen reduzieren lassen, deren einzige Verbindung das Bild ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Gemeinschaftsgefühl, das durch einen Schwarm verzweifelter Identitäten ersetzt wird – in unterschiedlichem Maße wahrhaft pathologisch –, die unfähig sind, dem allgemeinen Gefühl der Entwurzelung auf andere Weise entgegenzuwirken. Das System überwindet seine Widersprüche jedoch nur, um in noch größere zu versinken. Durch die Auslöschung des Gedächtnisses und die Entfremdung des Ichs geht die Gesellschaft nicht gestärkt daraus hervor, sondern wird immer unberechenbarer. Der Konflikt reißt nicht ab und ermöglicht sogar die Entstehung von Kampfgemeinschaften, die zwar noch zerbrechlich sind, aber vielleicht irgendwann in einem kritischen Moment, getrieben von der Notwendigkeit zu überleben, in der Lage sein werden, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und ein Projekt für eine radikal egalitäre und gerechte Gesellschaft zu schmieden. Es geht weder darum, in die Vergangenheit zurückzukehren, noch darum, sie neu zu erschaffen, sondern darum, den Kontakt zu ihr wiederherzustellen und daraus zu lernen. Es ist also keine nostalgische Rückkehr zu verlorenen Traditionen, sondern ein Impuls zur Bildung einer neuen Tradition des Kampfes – einer neuen Kultur – durch eine nicht-doktrinäre Wiederaneignung der Vergangenheit und einen Widerstand gegen den wahnsinnigen Wandel der ökonomischen Entwicklung. In diesem Sinne können Bücher wie das, das wir hier vorstellen, lehrreich sein, da sie zu dieser Kultur beitragen. Wenn das geschieht, könnten Los Amigos de Durruti endlich Erben finden.