Prudhommeaux, Berneri und Spanien: zwei kritische Blickwinkel auf einen Klassenkrieg

Gefunden auf contretemps, die Übersetzung ist von uns.


Prudhommeaux, Berneri und Spanien: zwei kritische Blickwinkel auf einen Klassenkrieg

À contretemps, Nr. 42, Februar 2012

von F.G.

Auf einem Kontinent, der unaufhaltsam in Richtung Nazifaschismus abrutschte, stellte das Spanien des Jahres 1936 eine doppelte Ausnahme dar. Einerseits war es das Sandkorn, das versuchte, diesen abwendbaren Aufstieg aufzuhalten; andererseits entsprang die Leidenschaft, mit der es diesen Kampf führte, eher dem Wunsch nach sozialer Emanzipation als einem strikten Antifaschismus. Im Gegensatz zur deutschen Arbeiterbewegung, die doch so mächtig war, gelang es der stark libertär geprägten spanischen Arbeiterbewegung im Juli jenes Jahres, diesen Vormarsch aufzuhalten, indem sie einen revolutionären Prozess von großem Ausmaß in Gang setzte. Man versteht daher, dass dieses leidenschaftliche Spanien zahlreiche ausländische libertäre Militante anziehen konnte. Um an der Seite ihrer spanischen Brüder zu kämpfen, die „mit dem Werkzeug in der Faust und dem Gewehr über der Schulter zu Schöpfern einer neuen Ordnung [wurden]“1. Oder einfach nur, um dabei zu sein, um zu sehen und mitzumachen.

Im spanischen Labyrinth

Camillo Berneri und André Prudhommeaux gehörten zu diesen Leuten. Der erste überquerte am 29. Juli 1936 die französisch-spanische Grenze, der zweite ein paar Tage später. Beide ließen sich in Barcelona, der Hauptstadt der Revolution, nieder und besuchten regelmäßig den Sitz des Regionalkomitees der CNT. Ein paar Wochen später schloss sich Berneri dem ersten Kontingent italienischer Freiwilliger an, das in die Ascaso-Kolonne an der Front bei Huesca integriert wurde, bevor er Anfang September nach Barcelona zurückkehrte, mit dem Vorhaben, Guerra di Classe herauszugeben, eine Zeitung für italienische Libertäre. Auf Vorschlag des Regionalkomitees der CNT sorgte Prudhommeaux seinerseits für das Erscheinen von L’Espagne antifasciste. Er wirkte auch bei den französischsprachigen Sendungen von Radio CNT-FAI mit.

Man weiß, dass Berneri und Prudhommeaux sich schätzten: Sie hatten sich in den Kämpfen einer Minderheit gegen eine schwerfällige anarchistische Unbeweglichkeit und die Neigung einiger ihrer Anhänger zur Wiederholung alter Dogmen zusammengetan; sie hatten sich in der Verteidigung von Marinus Van der Lubbe zusammengetan, der seinen Verleumdern ausgesetzt war; sie begeisterten sich für dieses libertäre Spanien, das einen titanischen Kampf gegen den Faschismus und für die Revolution führte; beide waren von einem gemeinsamen Willen zur Offenheit und demselben Geist der Unabhängigkeit getragen. Man weiß auch, dass sie sich trotz ihrer anspruchsvollen Tätigkeiten in unterschiedlichen Bereichen gelegentlich trafen. Manchmal sogar ohne besonderen Anlass, wie Prudhommeaux berichtete: „Im Regionalkomitee der CNT-FAI in Barcelona, dem ehemaligen Palast des spanischen Arbeitgeberverbands und des Milliardärs Cambo, erlosch das Licht in der Redaktion von Guerra di Classe oft die ganze Nacht über nicht. Und genau wie sie wachte und brannte ununterbrochen die Seele von Camillo Berneri. Ich erinnere mich, dass ich mich eines Nachts, während ich auf die Radiosendung wartete, in die dunkle Eingangshalle vor dem Kongresssaal schlich und auf dem großen, verlassenen Klavier herumtastete, das dort schlummerte, um Fetzen verlorener Musik wiederzufinden. Nachdem ich so meine Nerven beruhigt hatte, sah ich, dass Berneris Tür einen Spalt offen stand, und aus Angst, ihn gestört zu haben, entschuldigte ich mich und wünschte ihm eine gute Nacht. Er sagte mir, er danke mir im Gegenteil, denn der Gedanke, dass hier jemand in der Musik Frieden finden könne, sei ihm äußerst kostbar und habe ihm seinen Mut zurückgegeben2.“

Man stellt sich diese Szene gerne vor, um nur das Essentielle festzuhalten: die Nacht in Barcelona der ersten Zeit, das Klavier im Palais Cambo, Prudhommeaux’ angespannte Nerven und Berneris feurige Seele. Diese zufällige Begegnung, eine Momentaufnahme der Verbundenheit vor dem Hintergrund beruhigender Musik,

war sicherlich eine der letzten zwischen den beiden Freunden. Denn Prudhommeaux’ Aufenthalt in Barcelona dauerte nicht lange. Kaum zwei Monate. Gerade genug Zeit, um zu begreifen, dass die besten Absichten noch lange nicht den sichersten Erfolg garantieren. Da sein Espagne antifasciste schneller als erwartet auf die bürokratischen Schikanen seiner konföderierten Geldgeber stieß, beschloss er im Laufe des Septembers, zurückzukehren, mit dem Gedanken, den Kampf in Frankreich fortzusetzen – frei und ungebunden. Ein Kampf für die Revolution, natürlich, eine Revolution, wie er sie versteht und sich wünscht. Bevor er Barcelona verlässt, bringt Prudhommeaux Berneri und seine Gefährten von Guerra di Classe mit der Genossenschafts-Druckerei in Kontakt, die bis dahin den Druck von L’Espagne antifasciste übernommen hatte. Und er wünscht ihnen viel Glück, auch wenn man annehmen kann, dass ihn seine eigene Erfahrung als militanter Journalist unter der Kontrolle der CNT-FAI-Gremien bereits skeptisch gemacht hat.

Von „Guerra di Classe“ zu „L’Espagne nouvelle“

Zurück in Frankreich nimmt Prudhommeaux etwas Abstand, denkt aber nicht weniger darüber nach. Der Kurswechsel der CNT-FAI zugunsten der antifaschistischen Einheit gefällt ihm überhaupt nicht, zumal er überzeugt ist, dass dieser zwangsläufig auf Kosten der revolutionären Errungenschaften vom Juli gehen wird. Ohne dass er sich wirklich daran beteiligt, erscheint L’Espagne antifasciste nun in Paris, zweimal pro Woche unter der Schirmherrschaft eines anarchosyndikalistischen Komitees zur Verteidigung und Befreiung des spanischen Proletariats (CASDLPE – Comité anarcho-syndicaliste pour la défense et la libération du prolétariat espagnol), das die drei wichtigsten Strömungen der französischen libertären Bewegung vereint: die Union anarchiste (UA), die Fédération anarchiste de langue française (FAF) und die CGT-SR. Finanziert von den Instanzen der CNT-FAI – die auch die Kontrolle darüber anstreben –, erscheint die zweimal wöchentlich erscheinende Zeitung in einer Auflage von 20.000 Exemplaren und plant, zur Tageszeitung zu werden. Doch da wurden die Meinungsverschiedenheiten nicht berücksichtigt, die bald zum Zusammenbruch der CASDLPE führen sollten. Die interne Trennlinie verlief entlang der Einschätzung der berühmten „Umstände“, die die CNT-FAI dazu veranlasst hatten, sich für die antifaschistische Einheit des republikanischen Lagers zu entscheiden: Die UA akzeptierte sie, die FAF und die CGT-SR lehnten sie ab. Letztendlich und trotz eines Schlichtungsversuchs der Spanier ist der Bruch im November 1936 vollzogen. Die UA konzentriert ihre Kräfte daraufhin auf eine neue Organisation, die sich an den Instanzen der CNT-FAI orientiert: das Comité Espagne libre, die Keimzelle dessen, was später die französische Sektion der Solidarité internationale Antifasciste (SIA) unter der Leitung von Louis Lecoin werden sollte. Was L’Espagne antifasciste betrifft, eine Zeitung, die unter der Kontrolle der FAF und der CGT-SR blieb, sind ihre Tage umso gezählter, als die zunächst zweimal, später dreimal -Wochenzeitschrift immer kritischer gegenüber einer CNT-FAI wird, die schließlich zugestimmt hatte, ohne jegliche Rücksprache mit ihrer Basis vier Minister in die Regierung von Largo Caballero zu entsenden. Die Antwort ist dem Vergehen angemessen und so hart wie ein Urteil: Die Spanier drehen den Hahn zu. „In der Erwägung, dass L’Espagne antifasciste ihr Ziel erreicht hat, hat die CNT-FAI beschlossen, dass dieses Propagandaorgan ab der vorliegenden Ausgabe nicht mehr erscheinen wird“, heißt es in der dreißigsten Ausgabe vom 1. Januar 1937.

Drei Monate zuvor war in Barcelona die erste Ausgabe von Guerra di Classe erschienen. In seinem Eröffnungsleitartikel machte Berneri keinen Hehl aus den Absichten der Macher dieser italienischsprachigen anarchistischen Wochenzeitung. Sie sollten, so erklärte er, umso „aufmerksame “ – und wenn nötig „kritisch“ – gegenüber den Ereignissen in Spanien sein, da diese „zum ersten Mal“ in der Geschichte zu einem großen Teil von den „konstruktiven Fähigkeiten“ einer libertären Bewegung abhingen, die angesichts der Massen, die sie mitriss, „hier“ an der Spitze der revolutionären Hoffnung stand3.

Diesen schmalen Grat zwischen Aufmerksamkeit und Kritik wird Guerra di Classe konsequent beschreiten – auch auf die Gefahr hin, sich erneut den Zorn seiner Geldgeber zuzuziehen, derselben wie bei L’Espagne antifasciste, die keinen Moment zögerten, einen Monat nach der Einstellung von L’Espagne antifasciste erneut finanzielle Vergeltungsmaßnahmen zu ergreifen. Um diesmal den sowjetischen Konsul in Barcelona, Antonov-Ovseenko, zufrieden zu stellen, der die CNT-FAI-Behörden gebeten hatte, die Angriffe von Guerra di Classe gegen die UdSSR einzustellen! Ab der achten Ausgabe – 1. Februar 1937 –, die eine Zeit lang von der CNT-Zensur blockiert wurde, sah Guerra di Classe sein Budget erheblich gekürzt, was es fortan daran hinderte, wöchentlich zu erscheinen.

Aus einer kritischen Perspektive, die der von Guerra di Classe ziemlich ähnlich ist, erscheint drei Monate nach der Einstellung von L’Espagne antifasciste unter der Leitung von Prudhommeaux die Zeitschrift L’Espagne nouvelle, deren erste Ausgabe auf den 19. April 1937 datiert ist. Um möglichst nah am spanischen Zeitgeschehen zu bleiben, gibt die Zeitschrift ab September das ursprünglich gewählte thematische Konzept auf und erscheint abwechselnd mit Terre libre, dem Organ der FAF unter der Leitung von Voline. Zu diesem Zeitpunkt erscheint die Zeitung Guerra di Classe weiterhin – bis Ende November –, allerdings ohne Berneri, der am 5. Mai 1937 von den Stalinisten ermordet wurde. Die Leitung hat nun Virgilio Gozzoli übernommen.

Zwei Zeit-Räume der Dissidenz

Mit der Zeit hat die Geschichtsschreibung zur Spanischen Revolution schließlich der unverzichtbaren kritischen Rolle etwas Aufmerksamkeit geschenkt, die jene spielten, die am Rande, aber in vivo, die rasche Unterwerfung der Revolution unter eine antifaschistische Kriegslogik anprangerten, deren erste Auswirkung darin bestand, ihre eigenen Bestrebungen zu untergraben. Lange Zeit als vernachlässigbare Größe oder ohne wirklichen Einfluss auf den Verlauf der Ereignisse betrachtet, sind diese libertären Dissidenten heute Gegenstand einer offensichtlichen Neubewertung, was man natürlich nur begrüßen kann. Vorausgesetzt allerdings, man verwechselt sie nicht, indem man fälschlicherweise annimmt, sie hätten – im Zusammenschluss mit anderen „revolutionären“ Kräften wie der POUM und Los Amigos de Durruti – die Umrisse einer beliebigen Front des Widerstands vorwegnehmen können. Dafür gab es viel zu viele Unterschiede in der Einschätzung und Positionierung zwischen ihnen, wie eine vergleichende Lektüre von Guerra di Classe und L’Espagne nouvelle zeigt.

Beide stehen zwar für dieselbe kritische Haltung gegenüber den pragmatischen Entgleisungen der Anführer der CNT-FAI und deren verhängnisvollen Auswirkungen auf den revolutionären Prozess, doch bewegen sich diese beiden Publikationen in einem anderen zeitlichen und räumlichen Kontext. Die erste – die, wie gesagt, in Barcelona erschien – entfaltete unter der Leitung von Berneri zwischen Oktober 1936 und April 1937 ihre kritische Kraft. Die zweite, die von Prudhommeaux aus Nîmes herausgegeben wurde, trat die Nachfolge von L’Espagne antifasciste an und deckte den Zeitraum von April 1937 bis zum Ende des Spanischen Bürgerkriegs ab4. Für den Berneri von Guerra di Classe, der mitten im Konflikt steckt, ist die Partie noch nicht verloren. Für den Prudhommeaux von L’Espagne nouvelle, der den Konflikt von außen betrachtet, ist sie hingegen so gut wie verloren. Zwischen diesen beiden Perspektiven haben die Ereignisse vom Mai 37 – letzter Aufschwung einer an Schwung verlierenden Revolution und erstes ernstes Anzeichen ihrer Vernichtung – zugegebenermaßen die Karten endgültig neu gemischt.

Es wäre jedoch falsch, sich allein auf diese räumlich-zeitliche Erklärung zu beschränken – die offensichtliche Diskrepanz zwischen der Guerra di Classe von innen und vor dem Mai ’37 und L’Espagne nouvelle von außen und (vor allem) nach dem Mai ’37 –, um zu verstehen, warum sich Berneri und Prudhommeaux trotz ihrer anfänglichen analytischen Nähe so offensichtlich unterschiedliche Ansätze – beim Ersteren entschlossen, aber maßvoll, beim Zweiten radikal kompromisslos – bei der Ausübung ihrer kritischen Funktion verfolgten. Sicherlich eine Frage des Charakters, aber auch der politischen Wahrnehmung. Im Gegensatz zu Prudhommeaux, der schnell in einen offenen Konflikt mit den Instanzen der CNT-FAI und deren Vertretern in Frankreich gerät, nimmt Berneri eine Haltung loyaler Dissidenz ein, die also nicht – wie bei Prudhommeaux oder den Amigos de Durruti – zu einer direkten Konfrontation mit der „Komitee-Bürokratie“ führt5. Bei Berneri lässt sich diese Zurückhaltung – die zwar die Schärfe seiner Kritik nicht mindert, aber deren mögliche Folgen abmildert – durch sein ständiges Bestreben erklären, „eine aufrichtige und wirksame Verständigung zwischen allen echten Antifaschisten zu fördern [indem er] die engste Zusammenarbeit zwischen all jenen ermöglicht, die aufrichtig sozialistisch sind“6. Mit anderen Worten: Berneri bewegt sich im Bereich der vernünftigen Überzeugungsarbeit und hütet sich stets vor verbalen Übertreibungen oder sprachlichen Auswüchsen. In seinen Texten ist nie die Rede – wie in L’Espagne nouvelle – von „Verrat“, „verkommenen Anführern“ oder „unheimlichen Marionetten“. Bewusst frei von jeglicher Sentimentalität und den Rückgriff auf Emotionen wie die Pest meidend, bleibt seine Kritik stets politisch. Äußerst politisch und ernsthaft begründet.

Abgesehen davon, dass es immer unangebracht – und fehl am Platz – ist, die Toten sprechen zu lassen, deutet nichts darauf hin, dass sich seine konkret kritische Haltung, die er vor Mai 37 vertrat, im Falle seines Überlebens zu dem sehr ideologischen und etwas abstrakten Radikalismus seines Alter Egos aus L’Espagne nouvelle hätte entwickeln können. Und das umso mehr, als sie trotz der persönlichen Sympathie, die sie füreinander empfanden, zahlreiche und tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Analyse und Deutung des spanischen Konflikts hatten.

Zentrismus“ versus „Maximalismus“

Wenn Berneri sich selbst als „Zentrist“ oder „Verfechter eines gerechten Mittelwegs“7 bezeichnet, dann liegt das daran, dass er zutiefst davon überzeugt ist: In diesem Spanien, in dem der Wunsch nach Emanzipation teilweise – aber eben nur teilweise – über den Rahmen des Widerstands gegen den Faschismus hinausgeht, erfordert der Weg zu einer möglichen libertären Zukunft, „die ‚Notwendigkeiten des Krieges‘, den ‚Willen‘ zur Revolution und die ‚Bestrebungen‘ des Anarchismus8“ in Einklang gebracht werden muss. Nachdem die Zeit der revolutionären Begeisterung der ersten Tage vorbei war, führte ihn eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Realität vom Juli 1936 und ihren unmittelbaren Folgen zu der Erkenntnis, dass er es nicht mit einer anarchistischen Revolution zu tun hatte, sondern mit einer Volksrevolution, in der die CNT-FAI eine entscheidende Rolle spielte. Mit anderen Worten: Dieses „rot-schwarze“ Spanien, das sich in weiten Teilen des Landes aus der Niederlage des Militärputsches herausgebildet hat, ist nicht das Ergebnis einer von der CNT-FAI geplanten revolutionären Strategie, sondern die Folge einer kollektiven und spontanen Übernahme des eigenen Schicksals durch das Proletariat im Zuge der Ereignisse. Aus dieser Realität entstehen völlig neue Machtformen, für die das Zentralkomitee der antifaschistischen Milizen Kataloniens (CCMA) das Paradebeispiel ist.

So vertritt der italienische Anarchist ganz klar eine antifaschistische Perspektive, die eine Dynamik des Bündnisses und der Kollaboration mit anderen sozialistischen und republikanischen Kräften beinhaltet. Im Namen der politischen Klugheit und vor dem Hintergrund der Erfahrungen der ersten ausländischen Kampfeinheit an der Front von Aragon – der Abteilung der italienischen Freiwilligen, in der so unterschiedliche antifaschistische Strömungen wie die Republikaner von Randolfo Pacciardi, die „Giellisten“9 von Carlo Rosselli und die Anarchisten vereint waren –, fordert er seine spanischen Gefährten auf, sich dieser Dynamik anzuschließen. Für Berneri, der für das Thema Faschismus besonders sensibel war, da er die präventive Konterrevolution der Schwarzhemden am eigenen Leib erlebt hatte, würde die von ihm angestrebte Einheit – auch wenn sie mit Konflikten verbunden wäre – den Anarchisten zudem den Vorteil bieten, sich anderen revolutionären oder demokratisch-sozialistischen Strömungen zu öffnen. Dieser Ansatz entspringt der tiefen Überzeugung, dass es auf der Grundlage dieses aktiven Antifaschismus – und unter der Voraussetzung, jeglichen Hegemonieanspruch aufzugeben – mögliche Annäherungen zwischen dem anarchosyndikalistischen Block und anderen linken Kräften gibt – unabhängige Sozialisten, progressive Republikaner und antistalinistische Marxisten –, die sich einer ähnlichen Perspektive der revolutionären Transformation verschrieben haben.

Trotz unbestreitbarer Schwankungen zwischen der Zeit, als er L’Espagne antifasciste als Herausgeber leitete, und der Zeit, als er die Verantwortung für L’Espagne nouvelle übernahm, bleibt Prudhommeaux seinerseits dem Antifaschismus gegenüber weitaus misstrauischer. Wenn er sich darauf beruft, dann eher notgedrungen und nur, weil der Antifaschismus im Spanien des Juli 1936 durch seine Massencharakteristik zweifellos eine treibende Kraft bei der Auslösung des revolutionären Prozesses war. Wenn der Antifaschismus hingegen anderen Interessen als denen der Revolution selbst dient und – wie es seiner natürlichen Neigung entspricht – eine „heilige patriotische Union“ (union sacrée patriotique) begünstigt, in der die Revolutionäre zu „Kanonenfutter für eine Sache werden, die nicht ihre eigene ist“10, wird Prudhommeaux zu seinem unversöhnlichen Gegner. Denn er ist der Ansicht, dass keine wirklich emanzipatorische Revolution – also eine, die vom „gesamten Proletariat, ohne Unterschied von Partei, Beruf, Nationalität oder Branche“11 getragen wird – sich mit der demokratischen und klassenübergreifenden Ideologie, auf der der Antifaschismus beruht, arrangieren kann, ohne sich selbst zu verleugnen. In diesem Punkt steht der Prudhommeaux der Spanien-Zeit, trotz seiner Adhäsion zum Anarchismus zwei Jahre zuvor, der „Ultra-Linken“ noch ziemlich nahe. Als hätte das libertäre Spanien, indem es seine alte Arbeiterbewegung-Ader wiederbelebte, auf ihn gewirkt wie die letzte Gelegenheit, diesmal als Anarchist den Nervenkitzel des „Maximalismus“ seiner Jugend zu erleben. Denn genau als Anarchist – und zwar als Anarchist, der sehr an der Verteidigung bestimmter Prinzipien festhält – mischt sich Prudhommeaux in die Debatte über deren angeblichen Verrat ein.

Feuer auf das Hauptquartier … und was dann?

„Vielleicht […] liegt die Hauptursache für ihre Inkonsequenz und ihren Verzicht in einem Charakterfehler, in einer Schwächung des Willens, in einer Erschlaffung der Seelenstärke bei den Männern der CNT.12“ Unter all den Worten, die aus Prudhommeaux’ scharfer Feder flossen, um „diejenigen zu beschreiben, die sich weigerten, als Anarchisten zu siegen, und bereit sind, als Regierungsanhänger zu sterben“13, sind diese wahrscheinlich die mildesten. Ein Beweis wohl dafür, dass zum Zeitpunkt ihrer Entstehung – 1938 – die offensichtliche Aussicht auf eine Niederlage seine Unnachgiebigkeit mittlerweile gemildert hatte. Denn wenn man die Gesamtheit der Texte betrachtet, die Prudhommeaux zwischen 1936 und 1938 verfasste, wird deutlich: Kein anderer Begriff passt besser zu seinen Standpunkten als dieser. Unnachgiebig ist er aus Neigung, aus Willenskraft und aus Überzeugung. So unnachgiebig wie der Anarchismus, auf den er sich beruft.

Vergleicht man auch hier die – scheinbar übereinstimmende – Art und Weise, wie Prudhommeaux und Berneri den „ministerialistischen“ Kurswechsel der CNT-FAI im Herbst 1936 analysieren und kritisieren, so ist der Ansatz, den die beiden verfolgen, doch sehr unterschiedlich. Für den Ersten – wahrscheinlich unter dem Einfluss von Voline, seinem Alter Ego bei Terre Libre – ist vor allem die Abweichung von den antistaatlichen Prinzipien des Anarchismus das Problem. Für den Zweiten ist nicht so sehr diese Abweichung besorgniserregend, sondern der grundlegende Analysefehler, der dahintersteckt. Im einen Fall ist der Ansatz ideologisch, im anderen pragmatisch. Während der eine die Kanonen der Orthodoxie donnern lässt, bemüht sich der andere, die gewählte Strategie in Frage zu stellen – nicht so sehr, weil sie unantastbaren anarchistischen Prinzipien widersprechen würde – Berneri weiß, dass jedes theoretische Werk angesichts der Fakten überprüft werden kann (muss)14 –, sondern einfach, weil er sie intellektuell als „dumm“ und politisch als selbstmörderisch empfindet15.

Bleibt noch der Kontext, der von Fall zu Fall unterschiedlich ist und in dem sich die Kritik entwickelt. So entschlossen Prudhommeaux im Kampf für die spanische Revolution auch sein mag, sein Engagement geht nicht über den Rahmen einer französischen anarchistischen Bewegung hinaus, die mehrheitlich der von der Union anarchiste vertretenen Idee anhangt, dass man im Namen der wohlverstandenen Interessen des Antifaschismus jegliche Meinungsverschiedenheiten mit den Spaniern verschweigen müsse. Im Gegensatz dazu lässt die in der Minderheit befindliche Fédération anarchiste de langue française, der er angehört und die L’Espagne nouvelle unterstützt, keine Gelegenheit aus, diese Ja-Sager-Haltung zu Recht anzuprangern. In einer so klar polarisierten Situation – und so aufrichtig die Kritik auch sein mag – ist die Gleichsetzung des „Ministerialismus“ mit einem endgültigen Verrat an den anarchistischen Prinzipien offensichtlich Teil einer Logik der internen Überbietung, die sich sowohl gegen die Führung der CNT-FAI als auch gegen ihre bedingungslosen Unterstützer in der Union anarchiste richtet. Auf Berneris Seite hingegen gibt es keine derartigen Streitpunkte und folglich auch keinen Grund, die Kritik überzutreiben. Der Italiener weiß außerdem, dass – abgesehen von einigen sehr bewussten Kerngruppen von Militanten – die Basis der CNT-FAI – die sich seit Juli 1936 erheblich vergrößert hat, und zwar nicht immer nach links16 – der neuen „allgemeinen Linie“ ohne große Fragen folgt. Aus Antifaschismus und in der Hoffnung auf die Vorteile, die sie ihr angeblich bringen soll. Aus spanischer Sicht lässt sich diese beunruhigende Realität natürlich nicht in die Ideologie einordnen.

Auch bei vielen anderen Aspekten des spanischen Konflikts findet man dieselbe kritische Kluft zwischen Prudhommeaux und Berneri. Während der eine die Kämpfer dazu auffordert, auf „die extremsten Formen der Anarchie“17 zurückzugreifen, warnt der andere vor „einem sozialistischen Extremismus, der sich nicht an den Erfordernissen des bewaffneten Kampfes orientieren würde“18. Während der eine bedauert, dass die Anarchisten sich nicht mit ausreichender Überzeugung für die „nichtmilitärischen und nichtstaatlichen Methoden der Guerilla und der revolutionären Verbrüderung“19 entschieden haben, mahnt der andere sie, sich zugleich vor „militärischem Formalismus“ und vor „abergläubischem Antimilitarismus“20 zu hüten. Wenn der eine „den passiven Widerstand der kaufmännischen und bürokratischen Schichten“21 gegen den revolutionären Prozess energisch verurteilt, spricht sich der andere für eine Politik „der Toleranz gegenüber der Kleinbourgeoisie“ aus, das aus übertriebenem kollektivistischem Eifer ins Lager der faschistischen Konterrevolution abgleiten könnte22. Während der eine dafür eintritt, dass die „revolutionäre Solidarität“ Vorrang vor dem „diplomatischen Antifaschismus“23 haben soll, weigert sich der andere, sich Illusionen zu machen: „Das französische und das englische Proletariat werden nichts zugunsten des spanischen Proletariats unternehmen“24. Die Liste ließe sich fortsetzen, aber der Platz reicht nicht aus.

Kurz nach der Ermordung Berneris veröffentlichte Prudhommeaux in L’Espagne nouvelle einen bereits zitierten Nachruf, in dem der italienische Anarchist plötzlich dem Lager des „kompromisslosen Anarchismus“ zugeordnet wurde, also seinem eigenen25. Dabei wurde natürlich vergessen, was die Besonderheit seines spanischen Ansatzes ausmachte, den er als „zentristisch“ bezeichnete. In Wahrheit waren Prudhommeaux und Berneri ungebundene Intellektuelle, die sich – jeder auf seine Weise – im kritischen Umfeld des Anarchismus ihrer Zeit bewegten. Trotz ihrer Unterschiede verband sie eine gemeinsame Abneigung gegen propagandistische Lügen und der gleiche Wille, sich ihnen zu widersetzen. In dieser Hinsicht war ihr Zusammenspiel vorbildlich, als sie – mit Belegen untermauert und lange vor allen anderen – die verhängnisvolle Rolle anprangerten, die der Stalinismus in Spanien spielte, auch unter den regierungsnahen Anarchisten. Das war ihre Ehre und für Berneri die Kritik zu viel.

José FERGO


1A. P., „À bas la Guerre ! Vive la Révolution !“, L’Espagne nouvelle, 1. Mai 1937.1

2A. P., „Adieux à un camarade“, L’Espagne nouvelle, 22. Mai 1937.

3„Levons l’ancre“, Guerra di Classe, 9. Oktober 1936, in Camillo Berneri, Guerre de classes en Espagne et textes libertaires, Spartacus, 1977, S. 23–24.

4Die letzte Ausgabe – Nr. 67–69, Juli–September 1939 – erscheint als Sammelband unter dem Titel L’Espagne indomptée.

5Berneri versucht zum Beispiel nicht, organische Verbindungen zu anderen oppositionellen Gruppen der CNT-FAI zu knüpfen. Ebenso führt seine „Verteidigung der POUM“ gegen die „Aufrufe zu Pogromen“ durch das stalinistische Gesindel – „Noi e il POUM“, L’Adunata dei Refrattari, 1.–8. Mai 1937 – zu keiner politischen Annäherung an die POUM.

6Camillo Berneri, „Guerra e rivoluzione“, Guerra di Classe, 21. April 1937.

7Diesen Begriff verwendet Berneri in einem Interview, das er im Februar 1937 Spain and the world gab.

8Camillo Berneri, „Attenzione, svolta pericolosa!“, Guerra di Classe, 5. November 1936.

9Die „Giellisten“ schließen sich der Bewegung „Giustizia e Libertà“ an, die 1929 in Paris von einer Gruppe italienischer antifaschistischer Exilanten gegründet wurde, deren prägende Figur Carlo Rosselli war. Die von den „Giellisten“ angestrebte Synthese aus Sozialismus und Freiheit interessierte Berneri sehr.

10A. P., „De la Commune de Paris à la Révolution espagnole“, L’Espagne nouvelle, 21. Juli 1937.

11Das ist laut Prudhommeaux die Vorstellung, die sich die „Rätekommunisten“ von der Revolution machen – vgl. „Ceux qu’il nous faut connaître : les communistes de conseil“, Le Libertaire, 29. Mai 1947. Diese Vorstellung teilte Prudhommeaux während der spanischen Revolution fast, auch wenn er a posteriori in dem zitierten Artikel präzisiert: „In Wirklichkeit sind, wie die spanische Erfahrung nach so vielen anderen bewiesen hat, die Formen der revolutionären Selbstbestimmung von Natur aus unvorhersehbar. Ihr Nebeneinander oder ihre Konvergenz (ebenso wie ihre Konkurrenz mit den veralteten und reaktionären Organisationsformen, die die Arbeiter nicht vollständig und auf einen Schlag aufgeben können) muss frei sein.“

12André Prudhommeaux, Terre Libre, Nr. 55, 17. Juni 1938.

13A. P., „De la Commune de Paris à la Révolution espagnole“, L’Espagne nouvelle, 21. Juli 1937.

14Das lässt vermuten, dass Berneri – da er vom Nutzen der Zusammenarbeit mit der Regierung im Hinblick auf die Festigung der revolutionären Errungenschaften und die Kriegsführung überzeugt war – sich mit diesem Verstoß gegen die anarchistischen Prinzipien durchaus abgefunden hätte. Erinnern wir uns daran, dass er selbst von den „Heiligen Schriften der Anarchie“ abgewichen war, als er im Februar 1936 die spanischen Anarchisten dazu aufrief, mit der Wahlenthaltung zu brechen.

15In einem „Offenen Brief an die Gefährte Federica Montseny“, der in der Ausgabe von Guerra di Classe vom 14. April 1937 veröffentlicht wurde, greift Berneri die „Idioten“ an, die die Geschicke der CNT-FAI lenken. Aber auch hier hütet er sich vor jeglichem Verweis auf die Unantastbarkeit von Prinzipien. Was ihm fünf Monate nach dem Eintritt der Anarchisten in die Regierung wichtig ist, ist nicht so sehr die Frage, ob sie verraten haben, sondern sie dazu aufzufordern, zu erklären, warum sie sich vom Status der „Wächterinnen eines fast erlöschenden Feuers“ zu Handlangern mit „phrygischer Mütze“ für „Politiker, die mit dem Feind oder mit den Kräften der Wiederherstellung der ‚Republik aller Klassen‘ flirten“.

16Über diese neuen Anhänger sagte Prudhommeaux, sie würden bewusst „in einem Zustand ideologischen Analphabetismus gehalten, von dem die bewussten und organisierten Demagogen profitieren“ – A. P., „Un an après!“, L’Espagne nouvelle, 21. Juli 1937.

17A. P., „De la Commune de Paris à la Révolution espagnole“, op. cit.

18Camillo Berneri, „Guerre et révolution“, Guerra di Classe, 21. April 1937.

19A. P., „De la Commune de Paris à la Révolution espagnole“, op. cit.

20Camillo Berneri, „Guerre et révolution“, op. cit.

21A. P., „Vers un nouveau 19 juillet ?“, L’Espagne nouvelle, 19. April 1937.

22Camillo Berneri, „Guerre et révolution“, op. cit.

23A. P., L’Espagne nouvelle, 1. Mai 1937.

24Camillo Berneri, „Entre la guerre et la révolution“, Guerra di Classe, 16. Dezember 1936.

25A. P., „Adieu an un camarade“, L’Espagne nouvelle, op. Cit.

Dieser Beitrag wurde unter Anarchistische/Revolutionäre Geschichte, André und Dori Prudhommeaux, Spanische Revolution 1936, Texte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.