Gefunden auf materiales x la emancipación, Original ist von Internationalist Perspective, die Übersetzung ist von uns.
JA, ES IST EIN KRIEG
8. Mai 2026
Kaum drei Wochen nach Beginn des Gaza-Konflikts erklärte der brasilianische Präsident Lula: „Es ist kein Krieg, es ist ein Genozid. „Beendet den Genozid. Es ist kein Krieg“, sagte Francesca Albanese im November 2024 vor einem UN-Komitee. „Es gibt keinen Krieg. Es ist ein Fehler, es Krieg zu nennen“, sagte der Genozid-Historiker Omer Bartov im April 2025. Mehr als zwei Jahre nach der Verwüstung Gazas ist dieser Refrain zu einer Floskel geworden. Er wird wiederholt von Generälen und Präsidenten, von Juristen und Historikern, von humanitären Helfern, die über den Leichen ihrer Kollegen stehen, von Kolumnisten und Demonstranten auf der Straße. Dieser Refrain soll das Ausmaß des Gemetzels und das Kräfteungleichgewicht verdeutlichen und die beschönigende Sprache von Selbstverteidigung und militärischer Notwendigkeit zurückweisen. Aber der Refrain ist falsch. Gaza ist ein Krieg. Das klar zu erkennen ist Teil davon, die Welt zu sehen, die ihn hervorbringt, und nur von dort aus kann ein echter Kampf gegen diese Welt beginnen.
Die Formel „Es ist kein Krieg“ ist ein Mittel vor Gerichten, bei Sanktionen, bei humanitären Interventionen – gegenüber der internationalen Ordnung, als gäbe es irgendwo darin Staaten, die bereit und fähig wären, das hier zu stoppen. Doch die Staaten, die die Macht zum Handeln haben, sind genau die, die den Krieg ermöglichen: Ihre Diplomaten fordern öffentlich Mäßigung in Gaza, während ihre Verteidigungsministerien Israels Waffenverträge verlängern. Die Ordnung wurde nicht geschaffen, um Gewalt zu verhindern, sondern um zu regeln, welche Staaten sie ausüben dürfen. Zweieinhalb Jahre später und nach mehr als hunderttausend Toten1 hat die Ordnung einige symbolische Einschränkungen, ein paar ministerielle Verurteilungen und keinerlei Bereitschaft hervorgebracht, sich Washington entgegenzustellen. Die Ordnung, auf die sich die Formel beruft, hätte diesen Krieg niemals aufhalten können.
Was die Großmächte nach 1945 davon abhielt, gegeneinander zu kämpfen, war nicht die internationale Ordnung, sondern die nukleare Abschreckung: die Gewissheit, dass ein direkter Krieg zwischen ihnen die totale Vernichtung bedeuten würde. Die Institutionen, die im Schatten dieser Bedrohung entstanden waren, schrieben sich den Verdienst eines Friedens zu, den sie gar nicht erreicht hatten. Die Kriege gingen trotzdem weiter, verlagert auf Stellvertreter und Klientelstaaten auf drei Kontinenten, aber die Großmächte kämpften nicht gegeneinander. Der Zusammenbruch der UdSSR beendete diese Stagnation. Einige Jahrzehnte lang führte die USA das System im Alleingang und führte ihre Kriege unter dem alten humanitären Vokabular. Diese unipolare Ära ist nun vorbei. Die USA macht sich nicht mehr die Mühe, ihre Vorherrschaft in die Sprache des Völkerrechts zu kleiden; sie konkurriert offen um die Hegemonie, und ihre Rivalen tun das auch. Was früher unterdrückte Rivalitäten waren, sind jetzt offene Auseinandersetzungen, und Gaza ist eine davon.
Wenn man den Anschein einer regelbasierten internationalen Ordnung aufgibt, bleibt nur noch der Krieg. Die Formel „Es ist kein Krieg“ entzieht sich diesem Krieg nicht, sondern ergreift Partei darin. Sie entzieht dem Konflikt auf besondere Weise seinen politischen Inhalt: Israel wird auf eine Tötungsmaschine reduziert, Gaza auf seine Opfer. Die Hamas löst sich in der Masse des Leidens der Menschen in Gaza auf. Bewaffnete Fraktionen, Klassenunterschiede, ausländische Geldgeber verschwinden, und was bleibt, sind Babys, Mütter, Familien, das Volk als solches. Dieses Bild beruht auf einer Mystifizierung: dass die Regierten und ihre Regierenden in einem einzigen nationalen Interesse und politischen Willen vereint sind. Doch die Hamas ist die Regierung und die Armee, die Gaza regiert, mit ihren eigenen Kriegszielen, eigenen Anhängern und der eigenen Bereitschaft, diejenigen zu opfern, die unter ihrer Kontrolle stehen.
Die militante Form dieser Mystifizierung erhebt die Hamas, anstatt sie aufzulösen; ihre Gewalt wird zur authentischen Selbstbehauptung eines unterworfenen Volkes. Das Spiegelbild der israelischen Selbstverteidigungsdoktrin ist die bereits etablierte Linie, dass eine unterdrückte Nation das Recht hat, mit allen Mitteln den Status eines Staates zu erlangen, und dass der Tod von tausend Israelis2 daher ein revolutionärer Akt war. „Das ist kein Krieg“, sagte IDF-General Itai Veruv wenige Tage nach dem Angriff vom 7. Oktober. „Das ist kein Schlachtfeld. Das ist ein Massaker.“ Beide Seiten setzen die Hamas mit Gaza als Ganzes gleich: die eine, um den bewaffneten Widerstand zu rechtfertigen, die andere, um die kollektive Bestrafung zu rechtfertigen. Es ist dieselbe nationalistische Ideologie, nur in einer anderen Uniform. Die eine Seite kämpft für die nationale Sicherheit, die andere für die nationale Befreiung. Beide verlangen, dass die Ausgebeuteten für die Ziele ihrer Herrscher sterben, und wünschen sich die Vernichtung des Feindes als das eigentliche Ziel des Sieges. Die Arbeiterklasse – in Gaza, in Israel, im Libanon, im Iran – hat bei keiner der Seiten dieses Krieges etwas zu gewinnen.
Ein Krieg also. Nicht, weil seine Gewalt legitim, symmetrisch oder den Normen unterworfen wäre, deren Einhaltung das humanitäre Völkerrecht vorgibt. Krieg ist kein Duell unter Gentlemen. Die erdrückende Asymmetrie macht ihn nicht zu etwas anderem als einem Krieg, ebenso wenig wie die Tatsache, dass die meisten Toten nie ein Gewehr in der Hand gehalten haben. Krieg ist ein bewaffneter Konflikt, der von Staaten und den ihnen dienenden oder sie herausfordernden bewaffneten Organisationen zu politischen Zwecken organisiert wird. Gaza entspricht dieser Beschreibung in jeder Hinsicht. Es als Krieg zu bezeichnen, hilft Israel nicht. Es ist eine Zurückweisung der Behauptung, dass dieser systematische Massenmord zu irgendeiner anderen unverständlichen Katastrophe gehört, zu irgendeinem katastrophalen Bruch mit dem normalen Lauf dieser Welt.
Und das ist der normale Lauf der Welt. Gaza als „keinen Krieg“ zu bezeichnen, bedeutet, es als etwas Außergewöhnliches zu behandeln, als ob sich die Massaker dort grundlegend von denen unterscheiden würden, die diese Welt als normal betrachtet. Ökonomische Sanktionen verurteilen Hunderttausende Kinder im Irak und in Syrien unter dem Deckmantel der Diplomatie zum Hungertod.3 Die Drohnenangriffe des „Kriegs gegen den Terror“ – rechtlich als Anti-Terror-Maßnahmen umklassifiziert, um das reibungslose Verwalten des Todes zu erleichtern – haben über zwei Jahrzehnte hinweg viele Menschen in Pakistan, Jemen, Somalia und Afghanistan getötet. Die Grenzpolitik tötet jedes Jahr Tausende von Migranten und verwandelt Wüsten und Meere gezielt in Friedhöfe. Menschen werden in Lagerhäusern eingepfercht und auf den Feldern, auf denen sie ernten, ermordet, vergiftet durch die Luft, die sie atmen, und das Wasser, das sie trinken, und dazu verdammt, an den alltäglichen Krankheiten der Entbehrung zu sterben – und nichts davon zählt als Gewalt, weil niemand eine Waffe abgefeuert hat. Nichts davon ist eine Anomalie. Es ist der Frieden des Kapitalismus.
Auch Gaza ist kein isolierter Krieg. Es ist eine Front unter vielen. Israel zerstört gerade gleichzeitig Gaza, verstärkt seine Kontrolle über das Westjordanland, marschiert im Libanon ein und bombardiert den Iran. Der Angriff vom 7. Oktober trug dazu bei, die Normalisierungsabkommen zwischen Israel und den Golfstaaten zu torpedieren. Die eiserne Kontrolle des Iran über die Straße von Hormus bedroht die Weltökonomie; das Bestreben der USA, ihre Hegemonie im Nahen Osten aufrechtzuerhalten, wird gleichzeitig in der Ukraine auf die Probe gestellt; Russland und China untersuchen jede Risse in demselben instabilen Feld. Dieser Krieg wird von anderen Orten aus vorangetrieben: in Hauptstädten, Märkten und Verhandlungsräumen weit jenseits des Gazastreifens. Das, was anderswo geschieht, ist nicht der Hintergrund. Dort wird über den Mord entschieden. Das ist es, was es bedeutet, wenn man sagt, dass der moderne Krieg interimperialistisch ist. Die Staaten, die innerhalb des globalen Kapitalsystems konkurrieren, bringen ihr Gewicht in jeden lokalen Konflikt ein und machen ihn zu einem Knotenpunkt, zu einem weltweiten Kampf um die Kontrolle. Sie bewegen sich über Waffenverträge, Stützpunktabkommen, Geldströme und die Kalküle von Generalstabsoffizieren in fernen Hauptstädten und enden in einem konkreten Wohnblock in Khan Younis.
Nichts davon bedeutet, zu leugnen, dass das, was in Gaza geschieht, ein Genozid ist. Aber die juristische Maschinerie, die Genozid von Krieg unterscheidet, existiert nicht, um die Menschen zu schützen, die getötet werden. Diese Definition existiert, um Gräueltaten zu klassifizieren – um zu bestimmen, welche Massenmorde strafrechtlich verfolgt und welche als routinemäßige Kosten des Geschäfts toleriert werden. Die politischen Ziele, die die Zerstörung Gazas vorantreiben, die Staaten und Blöcke, die sie unterstützen, die Kriegsökonomie, die sie aufrechterhält – nichts davon ändert sich, je nachdem, ob ein Gericht den Tod als Krieg oder Genozid einstuft. Es ist derselbe Konflikt, der auf dieselbe Weise vorangetrieben wird und dieselben Toten fordert. Die Gründe sind nicht rechtlicher, sondern historischer Natur.
Im 20. Jahrhundert verflochten sich Krieg und Genozid durch die Entwicklung der rasant wachsenden Zerstörungskraft des Kapitalismus. Die Infrastruktur des industriellen Krieges war seit den 1860er Jahren gewachsen.4 Was der Erste Weltkrieg hinzufügte, war nicht die Technologie, sondern das Ausmaß. Zum ersten Mal entschied die Produktionskapazität einer ganzen Ökonomie darüber, ob ein Land weiterkämpfen konnte. Die Front verbrauchte Munition schneller, als die Industrie in Friedenszeiten sie produzieren konnte5, und alle kriegführenden Länder waren gezwungen, ihre zivile Ökonomie in einen Munitionsbetrieb umzuwandeln, Arbeitskräfte zu rekrutieren und die Produktion in beispiellosem Ausmaß zu lenken.6 Die militärische Schlussfolgerung ergab sich direkt daraus: Wenn der Kriegseinsatz in der Fabrik und in der Bäckerei beginnt, dann sind sowohl der Maschinist als auch der Bäcker Ziele.
Im Zweiten Weltkrieg wurde diese Erkenntnis in die Tat umgesetzt. Städte und ihre Bevölkerung wurden gezielt zerstört, um die Produktionsbasis des Feindes zu zerstören – eine Linie, die von Gernika über Hamburg und Tokio bis nach Hiroshima reicht. Bis 1945 schränkte die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten die Art und Weise, wie Kriege geführt wurden, nicht mehr ein. Die strategische Doktrin konnte zwar eine ganze Gesellschaft zum Ziel erklären, doch um den gesellschaftlichen Willen für diese Zerstörung zu erzeugen, bedurfte es noch mehr. Hier erreichte die Logik des Nationalismus ihren Höhepunkt: Ganze Gesellschaften wurden anhand rassistischer Kategorien als existenzielle Feinde dargestellt, deren Vernichtung nicht nur zu einer strategischen, sondern auch zu einer moralischen Notwendigkeit wurde. Derselbe Prozess schweißt die angreifende Bevölkerung zusammen: Der gemeinsame Hass auf den rassistischen Feind ist einer der wirksamsten Mechanismen, um die nationale Einheit zu schaffen, die der totale Krieg erfordert. Der genozidale Rassismus und die Auslöschung sind keine Abweichungen vom normalen Funktionieren des Kapitalismus. Konzentrationslager sind die Hölle einer Welt, deren Paradies der Supermarkt ist.7
Diese Hölle ist noch nicht vorbei. Gaza ist nicht allein. Die Lager vermehren sich. Im Sudan haben rivalisierende Militärfraktionen einen Krieg um die Kontrolle über den Staat in ethnische Auslöschung in Darfur verwandelt, wobei Hunger als Waffe eingesetzt und ganze Gemeinschaften ausgelöscht wurden. In Tigray hat die äthiopische Regierung eine ganze Region belagert und einen Vernichtungskrieg gegen die Tigrayaner geführt. In Myanmar vertreibt und tötet die Armee seit Jahren die Rohingya. Keiner dieser Kriege wurde von den Institutionen gestoppt, die sich für Genozid und Kriegsverbrechen zuständig erklären. Sie alle werden schon lange als das bezeichnet, was sie sind: Krieg, Genozid, massive Gräueltaten. Die Benennung hat weder zu Interventionen noch zu Strafverfolgung oder zum Ende der Morde geführt. Zusammen mit Gaza zeigen sie, dass sich die im 20. Jahrhundert entstandene Verbindung zwischen Krieg und Vernichtungsgewalt nur noch weiter vertieft hat. Die Weltmächte konkurrieren härter, um immer geringere Vorsprünge, mit mehr Waffen, und die Kriege, die sie führen, werden immer zerstörerischer.
Der Krieg mit dem Iran macht das unmissverständlich. Die Ausrede der Bevölkerungsdichte in Gaza bricht im Iran zusammen, einem Land mit 80 Millionen Einwohnern, weit verstreuten Städten und einer stehenden Armee, wo dieselben Methoden dasselbe Gemetzel anrichten. In Minab traf am ersten Kriegstag eine US-Bombe eine Grundschule und tötete mindestens 175 Menschen, die meisten davon Kinder.8 Russland hat die zivile Infrastruktur der Ukraine zu einem Hauptmilitärziel gemacht. Israel hat zwei Jahre lang Krankenhäuser und Schulen in Gaza dem Erdboden gleichgemacht. Jetzt macht die USA dasselbe im Iran, und ihr Verteidigungsminister hebt die institutionellen Beschränkungen auf, die das eigentlich verhindern sollten: Er entlässt die wichtigsten militärischen Rechtsberater, schließt die Büros, die für die Reaktion auf zivile Opfer zuständig sind, und prahlt damit, die „dummen Einsatzregeln“ abzuschaffen. Diese Beschränkungen werden bewusst abgebaut, weil sie Hindernisse für die Art von Kriegen darstellen, die diese Staaten führen wollen.
Die Großmächte rüsten in großem Stil auf. Der Krieg in der Ukraine ist zu einem industriellen Zermürbungskrieg geworden, der durch die Produktion von Geschossen entschieden wird, und Russland hat eine Kriegsökonomie aufgebaut, die es nicht demobilisieren kann, ohne eine eigene ökonomische und politische Krise auszulösen. China bereitet sich seit Jahren vor, baut seine Marine massiv aus, verdoppelt sein Atomwaffenarsenal und gestaltet seine zivile Industrie so, dass sie bei Bedarf zu einer Kriegsökonomie wird. Die aktuellen Kriege haben die US-Munitionsvorräte erschöpft, und das Pentagon beeilt sich, die Massenproduktionskapazitäten wieder aufzubauen, die durch jahrzehntelange Bevorzugung von Hightech-Systemen in kleinen Stückzahlen ausgehöhlt wurden. Das Defizit ist so groß, dass die USA ihre Sicherheitsverpflichtungen zurückfahren und ihre Verbündeten dazu drängen, sich in einem seit dem Kalten Krieg nicht mehr gesehenen Tempo wieder aufzurüsten.9 Die Großmächte befinden sich noch nicht im Krieg miteinander, aber sie rüsten auf und bereiten sich vor, als würden sie darauf warten, und die Kriege, die sie bereits führen, zeigen, wozu diese Vorbereitung dient. Die Welt produziert mehr Gazas, schneller, mit weniger Einschränkungen und mit größeren Kriegen am Horizont.
Wir sagen, es ist ein Krieg. Wir sagen das nicht, um das Grauen zu beschönigen oder ihn als einen Konflikt unter vielen abzuhaken. Wir tun es, um jede Haltung abzulehnen, die diesen Krieg als vom System, das ihn hervorbringt, trennbar behandelt. Die parteiische Identifikation mit dem Widerstand verteidigt die lokale Seite eines imperialistischen Blocks. Der institutionelle Appell richtet sich an eine kollektive Autorität, die über keine Durchsetzungsmittel verfügt, die unabhängig von den Staaten sind, die den Krieg führen. Die Forderungen nach Intervention, Sanktionen oder rechtlicher Anerkennung richten sich an die UNO; die Großmächte ignorieren sie einfach.
Jede Seite stellt ihre Zerstörungskampagne als Notwendigkeit, Verteidigung, Rache, Zivilisation oder sogar Frieden dar. Sich dem Krieg zu widersetzen, indem man eine Seite darin wählt, ist kein Widerstand. Es ist Rekrutierung. Die internationalistische Position besteht darin, all diese Seiten abzulehnen. Keine Seite in diesem Krieg, noch in irgendeinem der Kriege, die sich derzeit vermehren, vertritt die Interessen der Menschen, die darin kämpfen und sterben. Keine Armee befreit die Bevölkerung, in deren Namen sie tötet. Die nationalistische Ideologie – ob sie nun Patriotismus, Widerstand, Solidarität oder Sicherheit heißt – ist das Mittel, mit dem die Herrschenden ihre Leibeigenen dazu bringen, freiwillig für sie zu kämpfen und zu sterben.
Die Kräfte, die diese Kriege hervorbringen, sind gewaltig, und die derzeitige Fähigkeit, sie zu unterbrechen, ist so gut wie nicht vorhanden. In einer Zeit geringer Aktivität der Arbeiterklasse nützen strategische Vorschläge wenig. Wir sind pro-revolutionär; wir können von unserem Standpunkt aus nicht sagen, wie der endgültige Kampf beginnen würde, aber wir können sagen, was eine Sackgasse ist. Ein Kampf, der diese Kriege wirklich bedrohen würde, könnte weder eine Kampagne für eine bessere internationale Ordnung sein, noch eine Koalition „progressiver“ Staaten gegen den herrschenden imperialen Block, noch nicht einmal ein „Halb-Arbeiter-Staat“, der das Proletariat10 unter einer roten Fahne vereint. Jedes dieser Elemente hält die Bedingungen aufrecht, die diese Kriege hervorbringen. Nur die Arbeiterklasse kann das beseitigen, was sie hervorbringt: den Staat, das Kapital und das Klassenverhältnis, das beides stützt.
Solange der Kapitalismus fortbesteht, wird es noch mehr davon geben. Es wird mehr Gazas geben, mehr Kriege, getarnt als Aktionen der Polizei, Sicherheitsoperationen oder humanitäre Interventionen, mehr Zerstörung ziviler Leben als routinemäßige Methode des Konflikts zwischen Staaten, deren Rivalitäten sich verschärfen und deren Grenzen zunehmend verschwinden. Der Feind ist nicht dieser oder jener Staat, nicht diese oder jene Armee, sondern der Kapitalismus selbst, der Leben sowohl im Krieg als auch im Frieden zerstört. Jeder Krieg hängt von der Bereitschaft der Ausgebeuteten ab, ihn zu führen. Jede kollektive Weigerung – jede Meuterei, jeder Streik gegen den Krieg, jeder Riss in der nationalistischen Ideologie, die die Arbeiterklasse mit den Kriegen ihrer Herrscher verbindet – ist ein Riss in der Kriegsmaschinerie selbst. Der Kampf gegen diese Kriege erfordert die Klarheit, gegen jede Seite und jede Flagge darauf zu bestehen, dass nicht dieser oder jener Krieg bekämpft werden muss, sondern das System, das sie hervorbringt: der Kapitalismus.
HK
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1Die offiziellen Todesregister erfassten oder identifizierten lediglich Todesfälle und lassen zwangsläufig viele Leichen unberücksichtigt, die noch unter Trümmern begraben sind, sowie Todesfälle, die den Gesundheitsbehörden nicht gemeldet wurden, und indirekte Todesfälle durch Hunger, Krankheiten, Trinkwassermangel, Unterkühlung und die Zerstörung der medizinischen Infrastruktur. Im Oktober 2025 meldete das Gesundheitsministerium von Gaza mehr als 67.000 Tote und 169.000 Verletzte. Forscher im Bereich der öffentlichen Gesundheit haben wiederholt argumentiert, dass dies sowohl die gewaltsamen als auch die indirekten Todesfälle erheblich unterschätzt. Eine Studie von Lancet Global Health aus dem Jahr 2026 schätzte mehr als 75.000 gewaltsame Todesfälle allein in den ersten sechzehn Monaten, dazu kommen noch indirekte Todesfälle durch Unterernährung und unbehandelte Krankheiten. Bei jeder Schätzung, die die durch die Belagerung bedingte Sterblichkeit einbezieht, liegt die Zahl der Opfer plausiblerweise weit über 100.000.
2Bei den von der Hamas angeführten Angriffen auf Israel am 7. Oktober 2023 starben etwa 1.200 Menschen, hauptsächlich Zivilisten und Ausländer. Obwohl die große Mehrheit von den Angreifern getötet wurde, beriefen sich die IDF an mehreren Orten auf die Hannibal-Richtlinie, ein Protokoll zur Verhinderung von Entführungen (und dem damit verbundenen Verhandlungsvorteil) „um jeden Preis“. Der Einsatz von schwerem Geschütz gegen Ziele, an denen sich Militante und Geiseln vermischten, führte zum Tod von mindestens vierzehn israelischen Zivilisten durch „Friendly Fire“.
3UNICEF schätzte 1999, dass die UN-Sanktionen gegen den Irak (1990–2003) etwa 500.000 zusätzliche Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren verursacht hatten. Die Sanktionsregime gegen Syrien und andere Länder wurden glaubhaft mit einer massiven humanitären Krise und einer erheblichen übermäßigen Sterblichkeit in Verbindung gebracht, auch wenn die Kausalzuordnung durch die gleichzeitigen Auswirkungen von Krieg, Regierungspolitik und dem Zusammenbruch der Infrastruktur erschwert wird.
4Die industrielle Logistik des modernen Krieges war schon Jahrzehnte vor 1914 sichtbar. Im Krimkrieg (1853–56) kamen gezogene Artillerie, Eisenbahn und Telegraf zum Einsatz, wodurch Nachschub und Informationen mit einer Geschwindigkeit transportiert werden konnten, die die Kriegsführung grundlegend veränderte. Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861–65) wurde zwischen zwei sich unterschiedlich schnell industrialisierenden Ökonomien geführt (die größere industrielle Kapazität des Nordens war entscheidend für seinen Sieg) und endete mit Shermans „March to the Sea“, einem Feldzug, der darauf abzielte, die Produktionsbasis des Südens und die Bereitschaft der Bevölkerung, den Krieg zu unterstützen, zu zerstören. Der Deutsch-Französische Krieg (1870–71) zeigte die preußische Eisenbahnmobilisierung in einem beispiellosen Ausmaß und Tempo. Was der Erste Weltkrieg hinzufügte, waren nicht diese Fähigkeiten, sondern ihre systematische Integration unter staatlicher Leitung.
5Die britische „Geschosskrise“ von 1915 ist ein nützlicher Begriff für den Moment, in dem die industrielle Kapazität sichtbar untrennbar mit dem militärischen Erfolg verbunden wurde. Die Krise folgte auf einen gravierenden Mangel an Artilleriegeschossen an der Westfront und trug dazu bei, die liberale Regierung zu stürzen, machte den Weg frei für eine Koalitionsregierung und führte zur Gründung des Munitionsministeriums unter Lloyd George. Die Lehre, die der Staat daraus zog, war, dass der moderne Krieg weder durch gewöhnliche Marktkoordination noch durch Beschaffung in Friedenszeiten versorgt werden konnte: Arbeitskräfte, Rohstoffe, Fabrikproduktion und ziviler Verbrauch mussten den Bedürfnissen der Front untergeordnet werden. In der damaligen Parlamentsdebatte wurde Munition bereits als nationales Produktionsproblem dargestellt, nicht einfach als Problem der militärischen Versorgung.
6Die staatliche Produktionskontrolle während des Krieges verschwand nicht mit dem Waffenstillstand. Das britische Munitionsministerium, der War Industries Board in den USA, die deutsche Kriegsrohstoffabteilung und ähnliche Apparate aller großen Kriegsteilnehmer leisteten Pionierarbeit bei Techniken der Arbeitslenkung, Preiskontrolle und Industrieplanung, die zu festen Bestandteilen der Diplomatie des 20. Jahrhunderts wurden. Nach 1918 wurden diese Apparate teilweise abgebaut, aber nie vollständig aufgelöst; sie wurden während der Weltwirtschaftskrise zwischen den Kriegen reaktiviert und für den Zweiten Weltkrieg vollständig wieder mobilisiert, woraufhin die staatlich gelenkte Kapitalallokation zum Dauerzustand der kapitalistischen Ökonomien wurde – sei es unter sowjetischer Zentralplanung, faschistischer korporativistischer Lenkung, der liberal-demokratischen Verwaltung des New Deal oder der sozialdemokratischen Nachkriegsentwicklung. Die Tendenzen zu Konzentration, Monopolbildung und staatlicher Eingriff in die Produktion bestanden bereits vor 1914, doch der Erste Weltkrieg erzwang ihre Konsolidierung in den institutionellen Formen, die den Kapitalismus seitdem geprägt haben.
7La Banquise, Nr. 1, 1983
8„Angriffe der USA und Israels haben Hunderte von Schulen und Gesundheitseinrichtungen im Iran beschädigt“, The New York Times, 22. April 2026.
9Die NATO-Standards verlangen, dass die Arsenale der Mitgliedsländer bestimmte Vorgaben erfüllen, was in der Praxis den Kauf amerikanischer Waffen bedeutet. Je mehr sich Europa also aufrüstet, desto größer wird der Markt für den US-Militär-Industrie-Komplex. Trumps verschiedene Drohungen gegen die NATO waren entscheidend dafür, dass Europa sich dazu verpflichtet hat, die Militärausgaben im nächsten Jahrzehnt um 150 % zu erhöhen – auf Kosten der Sozialleistungen. Siehe Sanderr, „Ist er einfach verrückt oder steckt eine Strategie dahinter?“, Internationalist Perspective, Februar 2026 https://internationalistperspective.org/venezuela-greenland-minneapolis/ .
10Die Klasse, die für die Fabrik rekrutiert werden kann, kann auch für die Front rekrutiert werden. Jede Revolution, die Arbeit als Voraussetzung für den Zugang zum gesellschaftlichen Produkt beibehält, bewahrt die Enteignung, die beide Formen der Rekrutierung erst möglich macht.