Bericht von der Solidaritätsveranstaltung mit Deserteuren in Athen am 28. Februar 2026, von Deserters of Capitalist Peace

Gefunden auf der Seite von Tridni Valka, die Übersetzung ist von uns.


Bericht von der Solidaritätsveranstaltung mit Deserteuren in Athen am 28. Februar 2026, von Deserters of Capitalist Peace

Quelle: https://capitalistpeacedeserters.noblogs.org/2026/03/24/report-from-the-solidarity-event-with-deserters-in-athens-on-28-2-2026/

Unsere Veranstaltung, die gemeinsam mit Meetings against War and Peace of the Dominant stattfand und sich mit politischer Unterstützung für Desertion sowie praktischer Hilfe für Deserteure von der russisch-ukrainischen Front befasste, fand in einem der wenigen verbliebenen besetzten Räume statt, die es geschafft haben, der Repression des griechischen Staates standzuhalten. Die Beteiligung war groß und insgesamt hat die Veranstaltung ihr Ziel erreicht. Sie schuf einen Raum, in dem ein Teil des politisierten antiautoritären Milieus – diejenigen, die sowohl die rivalisierenden imperialistischen Lager als auch den Aufruf, sich auf die Seite vermeintlich „unrecht behandelter“ Staaten oder nationaler Befreiungskämpfe zu stellen, ablehnen – zusammenkommen konnte, und sie zeigte, dass echtes Interesse daran besteht, aus einer internationalistischen Perspektive einen Pol der Kriegsverweigerung aufzubauen.

Wir würden sagen, dass die Veranstaltung den Charakter eines Vorbereitungstreffens annahm, eines, das zu praktischeren Schritten und Interventionen im öffentlichen Raum führen könnte. Am selben Tag begannen unterdessen die Bombardements auf den Iran und der Krieg eskalierte weiter. Die Veranstaltung war also sehr stark in die aktuelle Lage eingebettet, und die Entwicklungen seitdem haben sich rasant vollzogen. Einige Aufrufe gegen den Krieg sind bereits in Umlauf gekommen. Ob auch unsere eigene Perspektive öffentlich zum Ausdruck kommen wird – die Perspektive einer proletarisch-internationalistischen Ablehnung aller Kriege, ob sie nun als „defensiv“ oder „offensiv“ bezeichnet werden – bleibt abzuwarten und wird sich in der Praxis entscheiden.

Der Inhalt der Veranstaltung stammte nicht nur aus den Beiträgen von Gefährten und Gefährtinnen aus Gruppen, die Desertion unterstützen, wie Antimilitaristická Iniciativa [AMI] und Vollversammlung, sondern vor allem aus dem Interview, das wir mit Unterstützung der Initiative de solidarité Olga TARATUTA mit einem russischen Deserteur geführt haben. [Die Beiträge und das Interview folgen am Ende.]

Wir glauben, dass die Fokussierung auf die Desertionsbewegung an der russisch-ukrainischen Front und der Versuch, die gelebte Erfahrung der Deserteure selbst zu vermitteln, dazu beigetragen haben, die Diskussion in einer soliden materiellen Realität zu verankern. So konnte die Diskussion von der realen Bewegung ausgehen, von dem, was die Arbeiterklasse heute tatsächlich tut, anstatt in abstrakte Verweise auf den Ersten Weltkrieg, Lenins revolutionären Defätismus und andere historische Formeln abzudriften. Was die mehr als sechzig Teilnehmenden beschäftigte, war die Frage, wie sich der Widerstand gegen Kriegsvorbereitungen – und gegen eine mögliche Ausweitung des Krieges – organisieren lässt, wobei die Unterstützung für Desertion als konkreter Ausgangspunkt dient. Auf das, was vor uns liegt, vorbereitet zu sein, schien die oberste Priorität zu sein.

Die anschließende Diskussion zeigte, dass die Bereitschaft besteht, es nicht bei einer allgemeinen Antikriegshaltung zu belassen. Es stellte sich die Frage, ob und auf welcher Grundlage in der gegenwärtigen Lage eine stabilere internationalistische Antikriegsinitiative aufgebaut werden kann – eine, die in der Lage ist, die Verweigerung der Kriegsvorbereitungen hier mit den realen Formen proletarischer Verweigerung zu verbinden, die anderswo bereits entstehen.


Interview mit einem russischen Deserteur

Bei der Veranstaltung am 28. Februar 2026 im besetzten Prapopoulou Estate haben wir die Antworten eines russischen Deserteurs auf die Fragen vorgelesen, die wir ihm über Gefährten und Gefährtinnen der Olga-Taratuta-Initiative geschickt hatten, und wir veröffentlichen sie hier. Wir möchten darauf hinweisen, dass die Fragen in diesem Interview sowohl an russische als auch an ukrainische Deserteure oder Wehrdienstverweigerer gerichtet sind, auch wenn die Antworten zum jetzigen Zeitpunkt von einem russischen Deserteur stammen.

[Deserters of Capitalist Peace]

1. Zu welchem Zeitpunkt bist du desertiert? Vor der offiziellen Einberufung, aus einem Rekrutierungs-/Ausbildungszentrum oder von der Front? Hattest du deinen Militärdienst vor dem Krieg bereits abgeleistet? Wie lange bist du schon weg?

Ich bin desertiert, nachdem ich bereits in das Kriegsgebiet geschickt worden war. Etwa sechs Monate lang war ich an der Front und habe im Hauptquartier gearbeitet – nicht jeden Tag im Schützengraben, aber dennoch innerhalb des Militärsystems, mitten im Krieg. Ich hatte meinen Wehrdienst bereits vor der groß angelegten Invasion abgeleistet, daher verstand ich zu Beginn des Krieges sehr gut, was die Armee ist und wie sie funktioniert. In diesen sechs Monaten wurde mir alles klar. Man sieht die Realität von innen – nicht die Propaganda, nicht das Fernsehbild. Man sieht, wie Menschen behandelt werden, wie Entscheidungen getroffen werden und was dieser Krieg für einfache Soldaten tatsächlich bedeutet. Von diesem Moment an wartete ich nur noch auf eine echte Chance um abzuhauen. Diese Chance kam mit meinem ersten offiziellen Urlaub nach einem halben Jahr. Es war das erste Mal, dass ich legal und ohne sofortigen Verdacht wegkommen konnte. Ich nutzte diesen Moment, um Russland zu verlassen und nicht zurückzukommen. Meine Desertion war also kein impulsiver Akt – es war eine bewusste Entscheidung, die ich schon monatelang mit mir herumtrug, während ich noch Teil des Systems war. Seitdem bin ich nun schon über ein Jahr weg. Und für mich geht es dabei nicht nur darum, mich selbst zu retten. Es war eine Weigerung, an einem Krieg teilzunehmen, an den ich nicht glaube und den ich in keiner Weise unterstützen wollte. Wegzugehen war der einzige Weg, mir selbst treu zu bleiben und die Kontrolle über mein eigenes Leben zu behalten.

2. Was für eine Arbeit hast du gemacht, bevor du weggegangen bist? Hat sich die Situation in Bezug auf Jobs und Löhne wegen des Krieges in deinem Land verändert? Wie sieht die Lage nach vier Jahren Krieg aus?

Vor dem Krieg hatte ich einen ganz typischen Arbeiterwerdegang, aber gleichzeitig versuchte ich, mir etwas Eigenes aufzubauen. Ich arbeitete im Verkauf, machte Baujobs, reparierte Waschmaschinen, Kaffeemaschinen und Kunststofffenster – alles, was mir erlaubte, Geld zu verdienen und unabhängig zu bleiben. Mein letzter Job vor dem Krieg war eigentlich mein eigenes kleines Unternehmen. Ich verkaufte Kleidung über Instagram. Es war kein großes Unternehmen, aber es war etwas, das ich selbst von Grund auf aufgebaut hatte. Das gab mir das Gefühl, dass meine Zukunft von meiner eigenen Arbeit und meinen eigenen Entscheidungen abhing, nicht vom Staat oder von der Armee. Nachdem der Krieg begonnen hatte, änderte sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt dramatisch. Immer mehr ökonomische Bereiche wurden mit dem Militärsektor verknüpft. Die Rüstungsproduktion begann zu wachsen und wurde vielerorts zum einzigen Bereich, in dem die Löhne stiegen. In der zivilen Industrie geschah das Gegenteil – die Gehälter stiegen nicht mehr, und in manchen Fällen sanken sie sogar. Und das in einem Land, in dem die Realeinkommen bereits seit Jahren stagnierten. Jetzt, nach vier Jahren Krieg, sehen wir eine Ökonomie, die zutiefst militarisiert ist. Eine riesige Zahl von Menschen hängt für ihr Überleben direkt von der Rüstungsproduktion ab. Für viele Familien ist das die einzige verfügbare Arbeit. Und das schafft ein sehr ernstes langfristiges Problem. Wenn der Krieg endet, wird es nicht reichen, einfach nur die Kämpfe einzustellen. Ganze Sektoren müssen verkleinert oder umgestaltet werden, und Millionen von Arbeiterinnen und Arbeitern könnten gleichzeitig ihren Arbeitsplatz verlieren. Das sind Menschen, die plötzlich ohne Einkommen, ohne Stabilität und ohne klare Perspektive dastehen. Der Krieg zerstört also nicht nur Leben an der Front. Er zerstört auch das normale ökonomische Leben und die Möglichkeit für Menschen, sich etwas Eigenes aufzubauen – so wie ich es versucht habe, bevor alles zusammenbrach.

3. Welche Mittel wurden zur Rekrutierung eingesetzt, als du weggegangen bist? Waren sie digital oder eher „traditionell“? Wie kann man es vermeiden, rekrutiert zu werden? Wie versteckt man sich?

Zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass es derzeit keine offene Massenmobilisierung in derselben Form wie 2022 gibt. Stattdessen sehen wir einen ständigen und wachsenden Druck auf verschiedene Bevölkerungsgruppen, Militärverträge zu unterschreiben. Dieser Druck ist besonders stark bei Studierenden. Ihnen wird oft eine künstliche „Wahl“ gestellt: Entweder du unterschreibst einen Vertrag oder du hast plötzlich ernsthafte Probleme mit deinem Studium – du kannst exmatrikuliert werden, du kannst deinen Wohnheimplatz verlieren, du kannst deinen zukünftigen Beruf verlieren. Formal sieht es freiwillig aus, aber in Realität wird eine ganze Infrastruktur aufgebaut, in der das Unterzeichnen eines Vertrags der einzige Weg ist, um Konflikte mit der Universität, mit deiner Familie und mit der Gesellschaft zu vermeiden. Für einen jungen Menschen ist dieser psychologische Druck extrem stark. Die Rekrutierung erfolgt sowohl über traditionelle als auch über digitale Kanäle. Auf den Straßen sieht man Plakate, Banner, Flugblätter – die visuelle Präsenz des Krieges ist allgegenwärtig. Gleichzeitig gibt es online eine enorme Menge an gezielter Werbung und Propaganda, die den Militärdienst als etwas Prestigeträchtiges, Heroisches und gesellschaftlich anerkanntes darstellt. Die Leute werden also normalerweise nicht direkt von der Straße weggeholt – das System funktioniert auf raffiniertere Weise. Es schafft Lebensbedingungen, unter denen eine Verweigerung riskant und sozial schmerzhaft wird. In manchen Fällen haben Menschen auch Angst vor erfundenen Strafanzeigen oder administrativem Druck, bei dem ihnen gesagt wird: Gefängnis oder ein Vertrag. Auch wenn das nicht jedem passiert, erzeugt allein die Möglichkeit Angst und drängt die Menschen zu dem, was als die „sichere“ Option dargestellt wird. Aus diesem Grund gibt es keinen allgemeingültigen Weg, sich zu „verstecken“. Alles hängt von der Situation eines Individuums ab – seiner Bildung, seinem Job, seiner Familie, seinem Zugang zu Dokumenten. Für viele Menschen besteht die Hauptstrategie einfach darin, sich außerhalb der Strukturen aufzuhalten, in denen dieser Druck direkt wird. Bei der Rekrutierung geht es heute also weniger um physische Gewalt als vielmehr um ökonomischen Druck, soziale Kontrolle und Propaganda. Und das macht sie in gewisser Weise sogar noch effektiver, weil sie die Illusion erzeugt, die Entscheidung sei freiwillig.

4. Mit welchen Konsequenzen musst du im Alltag und bei der Arbeit rechnen, wenn du der Rekrutierung ausweichst?

Im Alltag führt die Vermeidung der Rekrutierung nicht immer zu einer sofortigen strafrechtlichen Verfolgung – zumindest noch nicht. Der Druck ist meist sozialer, ökonomischer und psychologischer Natur. Du kannst auf Ablehnung von Menschen in deinem Umfeld stoßen. Jemand sagt dir vielleicht, dass du ein normales Leben führst, während „echte Männer“ an der Front sind. Diese Art von moralischem Druck ist sehr verbreitet und wirkt sich auf Familien, Arbeitsplätze und soziale Kreise aus. Es entsteht das Gefühl, dass du deine Entscheidung ständig rechtfertigen musst, nur um ein ziviles Leben führen zu können. Das ernstere Problem ist der indirekte Druck. Wenn der Krieg weitergeht, entwickelt sich die ökonomische Lage zunehmend so, dass der Militärdienst zu einer der wenigen stabilen Einkommensquellen wird. Für viele Menschen ist die Wahl nicht zwischen Krieg und Frieden – sie ist zwischen der Unterzeichnung eines Vertrags und der Unmöglichkeit, die eigene Familie zu ernähren. Selbst ohne formelle Zwangsmaßnahmen drängt das System die Menschen also in Richtung Armee. Momentan können diejenigen, die es vermeiden, Verträge zu unterschreiben, noch versuchen, im zivilen Leben zu bleiben. Aber es herrscht das starke Gefühl, dass dieser Spielraum immer kleiner wird. Viele Menschen glauben, dass die sogenannte „freiwillige“ Rekrutierungsbasis nicht unbegrenzt ist und dass der Staat irgendwann wieder zu härteren Formen der Mobilisierung übergehen könnte. Und diese Erwartung allein prägt bereits den Alltag. Die Menschen leben mit dem ständigen Gefühl, dass sich die Regeln jeden Moment ändern können – dass das, was heute technisch erlaubt ist, morgen strafbar sein könnte. Die Hauptfolge ist also nicht nur das Risiko künftiger Repression. Es ist die Atmosphäre der Unsicherheit, des sozialen Drucks und der ökonomischen Abhängigkeit, in der es immer schwieriger wird, Zivilist zu bleiben, und die ständigen persönlichen Widerstand erfordert.

5. Wie hast du vor dem Krieg über die Armee und Desertion gedacht? Was hat dich dazu bewogen, zu gehen?

Vor dem Krieg war meine Einstellung zur Armee und zur Regierung bereits ziemlich skeptisch. In Russland muss jeder Mann ein Jahr Pflichtdienst leisten, wenn er achtzehn wird. Ich habe diesen Dienst vollständig abgeleistet, und diese Erfahrung hat meine Sichtweise sehr stark geprägt. Ich sah eine Institution, die die Menschen nicht auf echte Verteidigung vorbereitete, keine sinnvolle Ausbildung bot und weder die Zeit noch die Würde der Soldaten respektierte. Ein ganzes Jahr lang haben wir hauptsächlich nutzlose Routinen absolviert, die nichts mit tatsächlicher militärischer Professionalität zu tun hatten. Es fühlte sich an wie ein verlorenes Lebensjahr. Gleichzeitig bin ich in einer politischen Realität aufgewachsen, in der sich nichts wirklich geändert hat. Ich wurde geboren, als Putin bereits an der Macht war, und er ist auch heute noch an der Macht. Mein Misstrauen gegenüber dem Staat ist also nicht etwas, das 2022 plötzlich auftauchte – es hatte sich über viele Jahre hinweg gebildet. Aber vor dem Krieg habe ich nie über Desertion nachgedacht. Wie viele andere sah ich das als etwas Abstraktes an, als etwas, das anderen passiert. Als die Invasion begann, betrachtete ich das zunächst noch sehr rational und sogar technisch. Aus meiner früheren Erfahrung kannte ich den tatsächlichen Zustand der russischen Armee und glaubte nicht an das Bild eines schnellen und leichten Sieges. Als ich mich später innerhalb des Systems an der Front wiederfand, wurde mir absolut klar, wie unvorbereitet, unorganisiert und ineffizient es war – trotz aller Ressourcen. Man sieht, dass die Armee sich nicht richtig versorgen kann, sich nicht organisieren kann und sehr oft keine klare Taktik hat, außer immer mehr Leute nach vorne zu schicken. Und in diesem Moment wird die Frage nicht mehr politisch, sondern zutiefst persönlich: Was ist deine Rolle dabei? Meine Entscheidung zu gehen fiel nicht an einem einzigen Tag. Sie war das Ergebnis von allem, was ich zuvor gesehen hatte – meinem Wehrdienst, meinem Misstrauen gegenüber dem System und dann der direkten Erfahrung des Krieges von innen heraus. Schritt für Schritt wurde mir klar, dass ein Bleiben bedeutete, Teil von etwas zu werden, an das ich nicht glaubte und das ich in keiner Weise unterstützen wollte. Das Aussteigen war der einzige Weg, mir selbst treu zu bleiben.

6. Wenn der Krieg endet, denkst du darüber nach, zurückzukehren? Wenn ja, wie stehst du zu einer Rückkehr?

Das ist eine Frage, über die ich viel nachdenke, und die ehrliche Antwort ist, dass es von vielen Dingen abhängt. Die wichtigste Voraussetzung wäre ein echter politischer Wandel und eine vollständige Amnestie für alle, die sich geweigert haben, am Krieg teilzunehmen. Ohne das würde eine Rückkehr einfach bedeuten, ins Gefängnis zu gehen. Aber selbst wenn solche Veränderungen eintreten würden, ist auch die Zeit ein entscheidender Faktor. Wenn es zehn Jahre dauert, wird mein Leben bis dahin schon woanders aufgebaut sein. Ich werde eine neue Sprache, eine neue Arbeit und neue soziale Kontakte haben. Zurückzugehen würde nicht „nach Hause kommen“ bedeuten – es würde bedeuten, noch einmal bei Null anzufangen. Ich musste mein Leben bereits einmal neu aufbauen, und das ist ein sehr schwieriger Prozess. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Kraft oder den Wunsch hätte, das noch einmal zu tun. Da ist auch die Frage des Vertrauens. Russland ist ein sehr unberechenbares Land. Selbst wenn offiziell eine Amnestie verkündet wird und sich die politische Lage ändert, gibt es keine Garantie, dass diese Entscheidungen dauerhaft sind oder in der Praxis tatsächlich eingehalten werden. Für jemanden in meiner Lage ist diese Unsicherheit nicht theoretisch – sie ist ein direktes persönliches Risiko. Emotional ist der Gedanke an eine Rückkehr nach Hause natürlich wichtig. Heimat ist nicht nur ein Ort – es ist deine Sprache, deine Erinnerungen, deine Vergangenheit. Aber wenn ich ganz realistisch und praktisch darüber nachdenke, wird mir klar, dass ich höchstwahrscheinlich keine sichere und realistische Möglichkeit zur Rückkehr haben werde. Und das ist eine der schwersten Folgen dieses Krieges – er nimmt dir nicht nur deine Gegenwart, sondern auch deine Zukunft und deine Verbindung zu dem Ort, an dem du geboren wurdest.

7. Gibt es über die Desertion hinaus eine aktive kollektive Antikriegsbewegung – derzeit in Russland oder in der Ukraine? Wenn ja, in welchen Städten ist sie am stärksten präsent, und was sind ihre Hauptmerkmale? Weißt du, ob Frauen Anti-Kriegs-Proteste organisieren? Was fordern sie normalerweise? Spielen sie eine bedeutende Rolle bei der Verhinderung der Militarisierung, z. B. im Fall der Ukraine?

Ganz zu Beginn des Krieges gab es in Russland eine sichtbare und aktive Anti-Kriegs-Bewegung. In vielen Städten – Moskau, Sankt Petersburg und anderen – gab es massive Straßenproteste und zahlreiche öffentliche Stellungnahmen von Aktivisten, Journalisten und einfachen Menschen. Doch der Staat reagierte extrem schnell und sehr hart. Tausende Menschen wurden festgenommen, viele wurden strafrechtlich verfolgt, unabhängige Organisationen wurden zerschlagen, und öffentliche Antikriegsaktivitäten wurden fast unmöglich. Deshalb ist die Bewegung nicht verschwunden – sie hat nur ihre Form geändert und ist viel weniger sichtbar geworden. Heute ist offener Protest auf der Straße aus rechtlicher Sicht praktisch selbstmörderisch. Eine einzige öffentliche Aktion kann sofort zu einem Strafverfahren und einer langen Haftstrafe führen. Deshalb finden die meisten Anti-Kriegs-Aktivitäten heute individuell, lokal, anonym oder im Exil statt. Eine der wichtigsten und sichtbarsten Initiativen im Land während des Krieges war die Bewegung der Ehefrauen und Angehörigen von mobilisierten Soldaten. Das waren keine politischen Aktivistinnen im klassischen Sinne – es waren ganz normale Frauen, die Rotation, angemessene Ausbildung, Ausrüstung und die Rückkehr ihrer Ehemänner forderten. Ihre Proteste zeigten, wie tief die sozialen Spannungen sitzen. Aber selbst diese sehr vorsichtige und begrenzte Form des Protests wurde nach und nach unterdrückt und aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Frauen haben also eine bedeutende Rolle gespielt – nicht durch große politische Organisationen, sondern durch diese Basisinitiativen, die auf Fürsorge, Überleben und dem Schutz ihrer Familien beruhten. Wenn wir heute über öffentliche Antikriegsstrukturen innerhalb Russlands sprechen, sind diese extrem zersplittert und gezwungen, unter Bedingungen von Angst und Repression zu agieren. Der Preis für offene Opposition ist Gefängnis, und das versteht jeder. Deshalb bedeutet das Fehlen von Massenprotesten keine Unterstützung für den Krieg. Es bedeutet, dass der Staat offene kollektive Aktionen fast unmöglich gemacht hat.

8. Mit welchen Problemen hast du als Flüchtling aus der Ukraine/Russland zu kämpfen? Gibt es dort, wo du jetzt bist, ein Solidaritätsnetzwerk unter Flüchtlingen? Oder ein Netzwerk von Einheimischen, die Flüchtlinge aus Russland/der Ukraine wie dich unterstützen?

Um ehrlich zu sein, hat sich die Realität hier als viel besser herausgestellt, als ich es mir vorgestellt hatte, als ich meine Flucht noch plante. Vor meiner Abreise erwartete ich ständige Schwierigkeiten, Feindseligkeit und Isolation. Aber als ich ankam, entdeckte ich eine enorme Solidarität. Ich habe viele Menschen getroffen, die bereit waren, mir zu helfen, mich zu unterstützen und mich einfach als Menschen zu behandeln. Ich bin wegen meiner Geschichte nie offen verurteilt oder angegriffen worden. Die größten Herausforderungen sind nicht sozialer Natur – sie sind bürokratischer Art. Zu lernen, wie das System funktioniert, wie man mit Behörden kommuniziert, wie man mit Dokumenten umgeht – all das war am Anfang schwierig, weil es sich sehr von Russland unterscheidet. Man hat das Gefühl, sein Leben in einer völlig neuen Umgebung von Null an neu aufbauen zu müssen. Gleichzeitig gibt es ein echtes Netzwerk der Solidarität. Unter russischen Flüchtlingen, unter Ukrainern und unter Einheimischen spüre ich ständig Unterstützung. Es herrscht ein gemeinsames Verständnis, dass dieser Krieg für alle eine Tragödie ist, und ein gemeinsamer Wunsch, denen zu helfen, die sich geweigert haben, daran teilzunehmen. Das schafft einen Raum, in dem man sich nicht allein fühlt. Für ukrainische Deserteure ist die Situation komplizierter. Nicht wegen der einfachen Leute – im Gegenteil, auf menschlicher Ebene gibt es viel Empathie –, sondern wegen der rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen in vielen europäischen Ländern. Für sie ist es viel schwieriger, Schutz zu erhalten, und viele sind gezwungen, unsichtbar zu bleiben und in Angst zu leben. Das macht ihre Lage weitaus prekärer. Mein Hauptproblem ist also nicht Feindseligkeit – es ist der lange und schwierige Prozess, sich ein neues Leben im Exil aufzubauen. Was das aber möglich macht, ist die Solidarität, die ich jeden Tag erlebe, von verschiedenen Seiten und von ganz unterschiedlichen Menschen.


Erklärung der AMI zur Unterstützung einer Antikriegsveranstaltung und Spendenaktion in Athen

Im September 2022 gründeten einige Anarchistinnen und Anarchisten aus Mitteleuropa die Antimilitaristische Initiative [AMI]. Alles begann mit der Veröffentlichung des Textes „Anarchistischer Antimilitarismus und Mythen über den Krieg in der Ukraine“.

Kurz nach der Veröffentlichung dieses Textes fand eine anonyme symbolische Aktion statt, bei der die ukrainische Botschaft in Prag mit roter Farbe überschüttet wurde. Begleitend zur Aktion wurde eine Erklärung veröffentlicht, in der es hieß: „Es ist verständlich, dass Putin und seine Anhänger für die Verbrechen kritisiert werden, die sie gegen die Bevölkerung der Ukraine begehen. Die Rolle von Selenskyj und der ukrainischen Regierung bei diesen Massakern sollte jedoch nicht vergessen werden. Während Putins Armee ukrainische Städte bombardiert, verbietet Selenskyjs Regierung Männern, das Land zu verlassen, um Sicherheit zu suchen. Unter Androhung von Strafen werden sie in zerbombten Gebieten festgehalten, und manche werden gegen ihren Willen gezwungen, an der Front ihr Leben zu riskieren. Um es klar zu sagen: Selenskyj ist genauso ein Arschloch wie Putin! Beide haben das Blut von Zivilisten an den Händen.“

AMI war nie eine formelle Gruppe oder Organisation, sondern eher ein informelles Netzwerk. Die meisten Unterstützer haben wir in der Tschechischen Republik, der Slowakei, Ungarn und Österreich. Von Anfang an standen wir der Kriegspropaganda sehr kritisch gegenüber, die dazu dient, mehr Unterstützer und Ressourcen für die Kriegspolitik des ukrainischen Staates zu gewinnen. Diese pro-ukrainische Propaganda ist in den Regionen, in denen wir leben, vorherrschend, sogar in Kreisen, die sich offiziell zum Anarchismus oder Kommunismus bekennen. Das macht es für AMI und andere antimilitaristische Gruppen schwierig, öffentliche Aktionen zu organisieren. Unsere Aktionen werden oft von „kriegsbefürwortenden Linken“ sabotiert, die im Grunde dieselbe Agenda verfolgen wie die EU-Staaten und die NATO-Mitgliedsländer.

Wir organisieren derzeit praktische Unterstützung für Deserteure und Kriegsflüchtlinge aus Russland und der Ukraine. Die Aktivitäten finden hauptsächlich hinter verschlossenen Türen statt, damit wir effektiver arbeiten können und uns nicht gegen die oben genannten Angriffe verteidigen müssen. Wir sammeln und verteilen Geld und Sachspenden und helfen beim Transport und der Unterbringung von Flüchtlingen. Außerdem veröffentlichen wir Artikel und Interviews mit Menschen, die aus Kriegsgebieten geflohen sind oder den Krieg aktiv sabotiert haben.

Generell wird Desertion mit großer Ambivalenz betrachtet, besonders in Mitteleuropa. Ein Teil der Bevölkerung unterstützt theoretisch Deserteure aus der russischen Armee, bekundet aber keine Solidarität mit Deserteuren aus der ukrainischen Armee. Diese Tendenz steht im Einklang mit der Kriegspolitik des EU-/NATO-/US-Imperialismus. Befürworter dieser Linie argumentieren, dass die Unterstützung von Deserteuren aus der ukrainischen Armee dem russischen Imperialismus hilft. Wir argumentieren jedoch, dass „einseitige“ Unterstützung für Deserteure und die Unterstützung für die Bewaffnung der Ukraine zur Eskalation des Krieges und zur Ausweitung zwischenstaatlicher Konflikte zu einem globalen Krieg beitragen.

Revolutionärer Defätismus, also der Kampf gegen alle Staaten und all ihre Armeen, wird derzeit nur von militanten Minderheiten vertreten. Wir glauben jedoch, dass sich das Kräfteverhältnis bald ändern könnte, da immer mehr Proletarier auf beiden Seiten der Kriegsfront der Mobilisierung entgehen oder desertieren. Diese Menschen haben oft keine Erfahrung mit Selbstorganisation, aber es ist unbestreitbar, dass sie in diesem Moment die Kriegsanstrengungen „ihrer“ Staaten praktisch sabotieren. Revolutionäre Minderheiten müssen Kontakt zu ihnen aufnehmen. Auf diese Weise können sich derzeit isolierte Minderheiten in Massenbewegungen verwandeln.

Generell lässt sich auch sagen, dass die meisten Deserteure Länder wie die Tschechische Republik, die Slowakei oder Ungarn nur durchqueren oder sich dort nur sehr kurz aufhalten. Diese Länder haben eine sehr schlechte Migrationspolitik. Deserteure ziehen es daher vor, in Ländern wie Österreich, Deutschland, Frankreich, der Schweiz oder Belgien zu leben, wo es einfacher ist, Asyl und rechtlichen Schutz vor Abschiebung oder Verfolgung durch die ukrainischen und russischen Behörden zu erhalten. Hier können sie auch relativ hohe Beihilfen, Unterkunft oder großzügige materielle Unterstützung von Hilfsorganisationen beantragen.

Wir sehen jedoch, dass die staatliche Politik versucht, Flüchtlinge als billige Arbeitskräfte in die kapitalistische Ökonomie zu integrieren und sie zu domestizieren, damit sie keine subversiven Tendenzen zeigen. Als Alternative versuchen wir, ein starkes Solidaritätsnetzwerk aufzubauen, das Deserteure und Flüchtlinge dazu ermutigt, sich im Widerstand zu organisieren.

Wenn du unsere Aktivitäten unterstützen möchtest, besuche bitte unsere Website für weitere Informationen und Kontaktdaten. https://antimilitarismus.noblogs.org/


Bericht von der Vollversammlung bei der Solidaritätsveranstaltung in Athen für Deserteure von der russisch-ukrainischen Front am 28.2.2024

Es gibt bereits breiten Widerstand gegen die Wehrpflicht in der Ukraine, den wir kürzlich in unserem Artikel „Von Minneapolis bis zur Ukraine: Nur Widerstand auf der Straße kann die staatliche Menschenjagd stoppen“ mit dem Widerstand gegen die ICE verglichen haben.

Das Problem ist, dass sie – genau wie in den Vereinigten Staaten – nicht stark genug ist, um die Gesamtsituation zu verändern. Nach der vollständigen Zerstörung unseres revolutionären Feldes durch den Stalinismus ist die Tradition der massenhaften Straßenbewegungen in der Ukraine verschwunden, außer zur Unterstützung einiger rechter Politiker (1991, 2004, 2014…). Sie von Grund auf wieder aufzubauen, braucht viel Zeit und ist nun seit zwei Jahren im Gange, seit am 11. April 2024 das Gesetz zur Verschärfung der Mobilmachung verabschiedet wurde. Dieser Prozess wird jedoch durch extrem ungünstige Bedingungen verzögert, darunter staatliche Brutalität, ökonomischer Ruin und Massenvertreibung. Genau deshalb ist Desertion zur Hauptform des Widerstands gegen den Krieg geworden. Sie erfordert keine breite Organisation und führt viel seltener zu Strafen als Straßenaktionen. Eine der bekanntesten Kriegsprofiteurin, Alina „Mercedes“ Mykhailova, gab vor einem Monat zu, dass 20.000 der 30.000 Menschen, die jeden Monat mobilisiert werden, fliehen.

Warum dienen andere weiterhin? Aus denselben Gründen, aus denen manche Zivilisten den Krieg unterstützen: das Stockholm-Syndrom (das hast du vielleicht schon oft bei Anarchistinnen und Anarchisten beobachtet), ein naiver Glaube an die Versprechen einer anderen Karriere als der eines Sturmtrupplers, die alltägliche Gewohnheit, jeder Autorität zu gehorchen… Ein einfaches Beispiel aus der Arbeiterklasse: Das Gehalt einer städtischen Arbeiterin oder eines städtischen Arbeiters beträgt 12.000 Hrywnja, das eines Maschinenbedieners in einer Fabrik 20.000, aber ein Betonierer beim Festungsbau verdient zwischen 60.000 und 100.000! Bestimmten Gruppen Privilegien zu gewähren, behindert natürlich auch die Klassensolidarität. Dabei sind die Hunderttausenden von Staatsbeamten, Polizeibeamten usw. noch gar nicht mitgerechnet, deren Einkommen dank der westlichen Finanzhilfe höher ist als je zuvor. Auch sie haben Familienangehörige…

Seit Ende 2025 beobachten wir jedoch einen neuen Trend: Menschen, die gegen den Krieg sind, gehen von der Selbstverteidigung zum Gegenangriff über. Fast täglich gibt es Nachrichtenberichte über Angriffe mit Messern, Schrotflinten oder Granaten gegen Polizei oder Einberufungsgruppen, meist in Hinterlandregionen wie Odessa oder der Westukraine. Das ist nicht mehr wie in den heutigen Vereinigten Staaten, sondern eher wie während des Vietnamkriegs! Details dazu gibt es in unserem kommenden Artikel.

Schließlich wollen wir auf die Verfolgung und Inhaftierung derjenigen aufmerksam machen, die öffentlich ihre Ablehnung des Krieges zum Ausdruck bringen. Einige dieser Menschen haben sich schriftlich gegen den Krieg ausgesprochen, wie Bogdan Syrotiuk. Andere haben Aktionen gegen die Wehrpflicht durchgeführt. Zum Beispiel riefen die Gefangenen im „Proklamationsfall“ Soldaten dazu auf, sich in „Soldaten-Komitees“ zu vereinen und gemeinsam die Teilnahme an Militäroperationen an der Front zu verweigern. Auch gegen Zivilisten, die sich aktivistisch gegen die Brutalität wehren, mit der Männer verschleppt und an die Front geschickt werden, wird strafrechtlich mit hohen Strafen vorgegangen. Ein solcher Fall ist der von Angela Gurina, der fünf Jahre Gefängnis drohen, die am 9. Dezember 2024 beginnen sollten, aufgrund der falschen Anschuldigung, Militärquartiere entlarvt zu haben, obwohl sie in Wirklichkeit eine Szene der Busifizierung filmte und postete. Laut Urteil zeigt ihr Video, das auf TikTok 8.600 Mal angesehen wurde, eine militärische Einrichtung, den regionalen Sammelpunkt in der Nähe des Militärpolizeidienstes in Tscherniwzi. Das Filmen solcher Einrichtungen ist unter Kriegsrecht verboten. Die Journalistin wurde im August 2024 festgenommen. Ihr Anwalt bestand darauf, dass sie keine militärische Einrichtung gefilmt habe, sondern eine mögliche Menschenrechtsverletzung. Das Video trug den Titel „Einen Mann retten“. Angela löschte es später. Der Anwalt argumentierte zudem, dass der Standort des Objekts öffentlich bekannt war und es sich weder um eine Kampfeinheit noch um eine militärische Ausbildungsstätte handelte. Das Gericht widersprach dem jedoch mit der Begründung: „Die Behauptung der Klägerin, dass sie nicht die Absicht hatte, die innere und äußere Sicherheit der Ukraine zu gefährden, widerlegt nicht die Begehung der mutmaßlichen Straftat.“ Obwohl im Prozess Gurinas doppelte rumänische Staatsbürgerschaft festgestellt wurde, gibt es keine Informationen darüber, dass die rumänische Regierung sich für ihre Freilassung eingesetzt hätte. Das Urteil vom letzten Jahr wies auch darauf hin, dass sie unter psychischen Problemen litt, darunter einer bipolaren Störung. Zum Zeitpunkt ihrer Verurteilung war die Aktivistin 54 Jahre alt.

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