Über die üblichen alten – geliebten – Themen

Über Kommunismus und Individualismus (mit einem Blick auf den Nihilismus)

Per Mail erhalten, auch erschienen auf la nemesi, die Übersetzung ist von uns. Ein Antwort darauf in kommender Zeit.


Über die üblichen alten – geliebten – Themen

Über Kommunismus und Individualismus (mit einem Blick auf den Nihilismus)

Es gibt Themen, die den Anarchismus beschäftigen und immer wieder auftauchen. Das klassischste davon ist die ewige Debatte über Kommunismus und Individualismus. Wenn ich von Kommunismus und Individualismus spreche, meine ich natürlich den anarchistischen Kommunismus und den anarchistischen Individualismus. Ich werde das Adjektiv „anarchistisch” nicht immer hinzufügen, sondern fast nie, um Worte zu sparen und das Lesen zu erleichtern. Man sollte es also als selbstverständlich ansehen (außerdem scheint es mir eine gute Methode zu sein, um den Verlust, die Entfremdung und die Enteignung dieser schönen Worte zu verhindern).

Und es ist ein Glück, dass man das tut, denn die Ergebnisse der Debatte sollten niemals als gegeben vorausgesetzt werden, sondern jede Generation und jeder einzelne Gefährte und Gefährtin sollte sie jedes Mal in seiner eigenen Ausbildung neu erobern.

Die Gelegenheit, wieder darüber zu sprechen, bieten mir einige Kritiken, die zu ein paar Artikeln in der Ausgabe Nr. 7 der anarchistischen Zeitschrift „Vetriolo” eingegangen sind, der achten (weil wir bei Nr. 0 angefangen haben) und letzten Ausgabe, die wir veröffentlicht haben. Gut, dass auch diese letzte Ausgabe im Sommer 2022 veröffentlicht wurde, die auf die Repression folgte, von der wir im November 2021 betroffen waren, denn weit davon entfernt, ein verzweifelter Versuch zu sein, zu sagen „die Repression wird uns nicht zum Schweigen bringen” (um dann aus Trotz nach nur einer weiteren Ausgabe zu schließen), sondern es gelang uns, die theoretische Arbeit, die wir in mehreren Jahren der Veröffentlichung geleistet hatten, zusammenzufassen und neu zu beleben, so dass wir bis heute Kommentare und Kritik zu Artikeln dieser letzten Ausgabe der Zeitung erhalten.

Zusammenfassend wurden in den letzten Monaten folgende Beiträge veröffentlicht:

  • Ein Text von Juan Sorroche, geschrieben in der Abteilung AS2 des Gefängnisses von Terni, wo er inhaftiert ist, in Kontroverse zu dem Artikel „Der revolutionäre Anarchismus gegen die Resignation“, veröffentlicht in der Ausgabe Nr. 7 der anarchistischen Zeitschrift „Vetriolo“: Anarchistischer Individualismus gegen anarchistischen Kommunismus? Oder anarchistischer Kommunismus mit anarchistischem Individualismus? Erschienen in der Ausgabe Nr. 15 der anarchistischen Zeitschrift „i giorni e le notti” im Juni 2024 (datiert auf März 2024).
  • Zwei neue Texte, ebenfalls von Juan, mit den Titeln „Die gegenseitige Übereinkunft des nicht-systemischen revolutionären Anarchismus” und „Eine falsche Interpretation des Konzepts des anarchistischen Individualismus”, beide vom 30.01.2025 und ein paar Wochen später veröffentlicht. Wie der vorherige Text (auf den wir, wie wir zugeben müssen, noch nicht geantwortet hatten), sind auch die neuen Beiträge kritisch gegenüber dem Artikel „Der revolutionäre Anarchismus gegen die Resignation”. Sie können unter diesem Link gelesen werden: https://ilrovescio.info/2025/03/05/il-mutuo-accordo-dellanarchismo-rivoluzionario-non-sistemico-di-juan-sorroche/
  • In der Zwischenzeit kam in diesen Wochen ein anonymer Beitrag mit dem Titel „Ein paar kritische Gedanken zu ‚Die nihilistische Phase‘“ raus. Offensichtlich eine Kritik an unserem Text „Die nihilistische Phase“, der in der Ausgabe Nr. 7 der anarchistischen Zeitschrift „Vetriolo“ veröffentlicht wurde. Der Beitrag wurde ursprünglich anlässlich der Debatte geschickt, die in Foligno im Rahmen des theoretischen Workshops geplant war, der zum Programm der mittlerweile traditionellen Initiativen der „Befana” gehörte. Leider haben wir die E-Mail damals nicht rechtzeitig gelesen und konnten daher nicht darüber diskutieren; dies ist also die erste öffentliche Antwort an den Gefährten. Später wurde er auch auf den Websites der anarchistischen Bewegung veröffentlicht und kann zum Beispiel unter diesem Link gelesen werden: https://lanemesi.noblogs.org/post/2025/02/06/alcune-considerazioni-critiche-su-la-fase-nichilista/
  • Schließlich hat die deutschsprachige Website https://panopticon.noblogs.org/ kürzlich die Übersetzung von La fase nichilista veröffentlicht, die mit einer kurzen, aber prägnanten kritischen Anmerkung eingeleitet wird. Auf Italienisch kann man sie unter diesem Link lesen: https://lanemesi.noblogs.org/post/2025/07/25/breve-introduzione-critica-alla-traduzione-e-pubblicazione-in-lingua-tedesca-dellarticolo-la-fase-nichilista-contenuto-nel-numero-7-del-giornale-anarchico-vetriolo/, dort gibt’s auch Links zum deutschen Original und anderen Übersetzungen (die Leute von Panopticon haben auch das anonyme kritische Dokument übersetzt, das im Januar auf Italienisch veröffentlicht wurde).

Ich erinnere daran, dass die Ausgabe Nr. 7 von „Vetriolo” und mehrere der vorherigen Ausgaben noch verfügbar sind und unter dieser Adresse angefordert werden können: vetriolo@autistici.org.

Mehr als eine lineare Antwort – Schläge und Antworten – an die Gefährtinnen und Gefährten, die sich bemüht haben, einen Dialog und eine Kontroverse über unsere theoretischen Hypothesen zu eröffnen, soll das Folgende ein eigenständiges Dokument sein, das allen, die es für nützlich halten, zur Verfügung steht, um die Analysen zu überprüfen und zu aktualisieren und in dem versucht wird, auch auf die an uns gerichteten Bemerkungen zu antworten. Juan Sorroche schreibt, dass er „den Text von ‚Vetriolo‘ als Stütze genutzt hat, um meine Ideen mit einer lineareren Analyse und Kritik, die umfassender ist, zu entwickeln“; Da ich diese Methode teile – weil sie uns meiner Meinung nach ermöglicht, zu wachsen und mehr Dimensionen zu erkunden sowie etwas Interessanteres zu schreiben als eine einfache lineare Diskussion (die immer privat stattfinden kann) –, werde ich genau dasselbe tun.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass ich der Autor von La fase nichilista bin, aber nicht der Autor von L’anarchismo rivoluzionario contro la desistenza. Natürlich übernehme ich die Verantwortung und stimme grundsätzlich allem zu, was im Laufe der Jahre in „Vetriolo” veröffentlicht wurde, aber ich kann mich zu Artikeln, die ich nicht geschrieben habe, nicht in eine zu technische und bibliografische Debatte einmischen (Juan wirft dem Autor zum Beispiel vor, das Werk von Armand nicht wirklich gelesen zu haben; darauf gehe ich natürlich nicht ein).

Kurze Geschichte einer Kritik an „Vetriolo”

Ein Rückblick auf die theoretische Geschichte von „Vetriolo” ist vielleicht angebracht, weil mindestens zwei der fünf kritischen Beiträge, die wir bekommen haben, zeigen, dass sie den Weg, auf dem bestimmte Aussagen entstanden sind, übersehen oder nicht kennen und sie dadurch falsch verstehen.

In den ersten Ausgaben von „Vetriolo” ging es vor allem um eine Debatte, die damals den Anarchismus (vor allem den italienischsprachigen) ziemlich beschäftigt hat, nämlich die Beteiligung von Anarchistinnen und Anarchisten an sozialen Kämpfen. In dieser Debatte standen sich zwei Lager gegenüber: die sogenannten sozialen und die sogenannten antisozialen Anarchistinnen und Anarchisten. Die Debatte, die schon seit einiger Zeit lief, nahm damals neurotische Formen an.

Die Ausgabe Nr. 0 von „Vetriolo” kam im Winter 2017 raus. In dieser ganz internen Auseinandersetzung innerhalb des Anarchismus haben wir eine Art kopernikanische Revolution unterstützt: Es geht nicht darum, sich abstrakt als „sozial” oder „antisozial” zu bezeichnen, sondern als klassenbezogen. Anarchistinnen und Anarchisten sollten daher skeptisch gegenüber klassenübergreifenden (Interklassismus) sozialen Kämpfen, Volkskämpfen, Umweltkämpfen, nationalen Befreiungsbewegungen und Befreiungsbewegungen der sogenannten unterdrückten Gruppen sein (skeptisch zu sein bedeutet nicht unbedingt, sich nicht daran zu beteiligen); sie sollten sich aber nicht vom Klassenkampf fernhalten, sondern sich einmischen, vor allem sollten sie sich nicht einer Klasseninterpretation der Realität verschließen (die auch allgemeine soziale Kämpfe in einem anderen, klareren Licht erscheinen lässt). Umgekehrt ergibt es für Anarchistinnen und Anarchisten keinen Sinn, sich als unsozial zu bezeichnen, weil die ganze anarchistische Kritik, das Wesen der anarchistischen Spannung, mit einem ursprünglichen Bruch zu tun hat, der zutiefst und untrennbar sozial ist.

Deshalb haben wir vorgeschlagen, die Dichotomie zwischen „sozial” und „antisozial” nicht einfach zu beenden, sondern durch eine andere, radikale Dichotomie zu ersetzen: die zwischen Frontismus und Internationalismus. Der Ausdruck „Frontismus”1 bezeichnet die seit den 1930er Jahren angewandte Strategie, angesichts der zunehmenden Gefahr durch Faschismus und Nationalsozialismus breite Volksfronten zu bilden, d. h. Bündnisse zwischen Parteien, Gewerkschaften/Syndikate und anderen großen kollektiven Organisationen verschiedener sozialer Schichten. Mit der Strategie des Frontismus wird also angenommen, dass der Faschismus das absolute Böse ist und dass der Klassenkampf gegen diesen Fluch in den Hintergrund treten muss. Der Frontismus wurde vor allem von marxistischen Parteien verschiedener Couleur, ursprünglich von Stalinisten und Sozialdemokraten, theoretisiert und in die Praxis umgesetzt, gefolgt in der Nachkriegszeit von der Frontpolitik des Maoismus und Guevarismus, die die nationalen Befreiungskämpfe wieder aufgriff, die ursprünglich Ausdruck der Bourgeoisie der unterdrückten Länder waren (nur um die Unwissenden daran zu erinnern, dass die Marxisten die ersten waren, die den Klassenkampf zugunsten politischer Bündnisse aufgegeben haben, und dass bestimmte postkoloniale Gruppen viel mehr stalinistisch-maoistisch als libertär sind).

Mit dem Begriff „Internationalismus“ meinen wir nichts anderes – denn Originalität sollte keine Marotte sein – als die Prinzipien, die die anarchistische Internationale im dritten Punkt der Resolution des Kongresses von Saint Imier von 1872 formuliert hat: „Indem es alle Kompromisse meidet, soll das Proletariat aller Länder, um zur Erfüllung der sozialen Revolution zu kommen, ausserhalb aller bürgerlichen Politik die Solidarität der revolutionären Aktion herstellen.“ Ablehnung politischer Kompromisse, kein Bündnis mit der Bourgeoisie des eigenen Landes, sondern Solidarität in der revolutionären Aktion zwischen den Proletariern aller Länder.

Die Kritik der Gefärtinnen und Gefährten von Panopticon – „Die Klassengesellschaft definiert eine antagonistische Gesellschaft die unversöhnlich ist, ein ökonomisch aufgezwungener Zustand der keine Identität ist und der Populismus vereint (suggeriert diese Vereinigung/Assoziation), die nur als phantastische klassenübergreifende IDENTITÄT (existiert)“ – ist richtig, aber ehrlich gesagt an die falsche Adresse gerichtet. Die theoretische Geschichte von „Vetriolo“ ist seit ihrer Konzeption in diesen Horizont eingebettet. Wenn überhaupt, dann fürchte ich, dass die Gefährtinnen und Gefährten von Panopticon Opfer einer besonderen Wortparanoia sind, eine Paranoia, die wir manchmal in einigen – diesmal marxistischen – Sekten finden, die eine extreme Minderheit darstellen. Man sollte keine Angst haben, die gute Seele von Bordiga zu lästern, weil man das Wort „Volk” oder „populistisch” verwendet hat, man muss den Kontext sehen. Und wir werden den Kontext später besser verstehen.

Andererseits sind es Bakunin und seine Leute, die in dem zitierten Abschnitt den Ausdruck „Land” benutzen, genauso wie Bakunin in vielen Abschnitten vom Volk spricht (oft sogar im Gegensatz zur Klasse, wie sie Marx germanisch als die überlegene sozialdemokratische Fabrikantenklasse versteht). Außerdem sind wir Internationalisten, wir sind keine Kosmopoliten, Postidentitären, A-Nationalisten oder Zugvögel (wenn überhaupt, dann ist auch das eine Abkehr von einer bestimmten extremen Linken des Kapitals, wo Kosmopolitismus immer zur Amerikanisierung des Kosmos wird). Also, Völker, Nationen und Länder gibt es – die Welt ist schön, weil sie vielfältig ist, wie meine Oma immer gesagt hat –, nur sind wir einfach nicht für Volks- und nationale (klassenübergreifende) Fronten, sondern für Solidarität in der revolutionären Aktion zwischen den Proletariern der verschiedenen Völker, Nationen und Länder der Welt.

In der Zwischenzeit hat sich die Geschichte von „Vetriolo” zum Glück weiterentwickelt und ist aus dieser rein anarchistischen Debatte herausgewachsen, wobei sie deren Ergebnisse als Ausgangspunkt genommen hat, um interessantere theoretische, analytische und praktische Fragen anzugehen. Ich gehe ganz schnell auf einige davon ein, nicht weil sie nicht wichtig sind, sondern weil sie uns aus der aktuellen Debatte herausführen. Auf der theoretischen Seite wurde zum Beispiel in vier Ausgaben (von Ausgabe 0 bis Ausgabe 3) versucht, eine anarchistische Theorie des Staates zu entwickeln, wobei der Staat nicht nur als ein einfaches marxistisches Alarmsystem zur Verteidigung der Villa der Herren gesehen wurde, sondern als ein lebendiger Organismus, der aus seiner Klassenfunktion heraus ein eigenes ideologisches, symbolisches Leben, eine eigene Persönlichkeit annahm. Der Staat ist nicht die Macht im Allgemeinen, sondern organisierte politische Macht (unser Kampf ist also ein historischer Kampf gegen einen realen und persönlichen Feind, kein existenzieller Kampf gegen eine metaphysische und daher unbesiegbare Herrschaft). Ebenfalls in den ersten vier Ausgaben hat ein Gefährte eine Gegengeschichte der Linken und ihrer konterrevolutionären Schandtaten skizziert, die innerhalb der von uns vorgeschlagenen Kategorien polemisch neu interpretiert wurde. Außerdem hatten wir eine Reihe von glücklichen polemischen Auseinandersetzungen mit einem Gefährten, der Artikel in einer anderen anarchistischen Zeitung, „i giorni e le notti” (die Tage und Nächte), über die Kategorie des Faschismus-Lega-ismus schrieb (wir waren gegen die Verwendung dieser Kategorie, skeptisch gegenüber der Anklage einer Faschisierung der Gesellschaft, generell Feinde jeder antifaschistischen Front; aber ich greife wirklich zu weit vor, es war eine lange und bereichernde Debatte).

Über drei Ausgaben (2 bis 4, 2018-2020) hinweg haben wir einen intensiven, komplizierten und spannenden Briefwechsel mit Alfredo Cospito aus dem Gefängnis von Ferrara geführt. Ausgehend von der internationalistischen Prämisse hatten wir in mehreren Artikeln die Notwendigkeit des Übergangs vom Internationalismus zur Internationale erarbeitet, also den Aufbau einer spezifischen weltweiten aufständischen Organisation der Unterdrückten. Nach einigen Jahren und Seiten voller Diskussionen haben wir auch Alfredo einbezogen und ihm die entscheidende Frage gestellt: Welche Internationale? Alfredos theoretischer und praktischer Vorschlag ist bekannt – eine informelle Internationale, die durch Aktionen kommuniziert, Feindin des Kapitalismus, aber vor allem der Wissenschaft, nihilistisch und gleichzeitig fähig, den Mythos der rachsüchtigen Anarchie wiederzubeleben – ebenso bekannt sind die Ergebnisse seiner Veröffentlichungen (es erschien ein kleines Buch bei Edizioni Monte Bove, ergänzt durch einen umfangreichen Anhang, der unter anderem die Chronologie aller Aktionen der Federazione Anarchica Informale in Italien enthält) und vor allem sind die gerichtlichen Ergebnisse bekannt, ebenso wie die Entschlossenheit des Staates, den Gefährten nach 41bis zu verlegen, um ihm den Mund zu stopfen.

Aber eine Zeitung wie „Vetriolo” war noch viel mehr; wir haben poetische und künstlerische Beiträge bekommen, wir haben eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, die nur scheinbar unabhängig waren (gegen die Besessenheit von Kohärenz, zur Verteidigung des Konzepts des Insurrektionalismus, über die Natur der Mafia nicht als Zeichen von Rückständigkeit, sondern als Zukunft des Kapitalismus, über die Repression), die in Wirklichkeit Ausdruck desselben redaktionell ausgerichteten Projekts waren, so wie wir im Laufe der Jahre Analysen zur aktuellen Lage veröffentlicht haben, die von denselben Kategorien inspiriert waren, und auch in der letzten Ausgabe haben wir eine klare defätistische und internationalistische Position zum regionalisierten Weltkrieg, der in der Ukraine geführt wird, vertreten.

Der revolutionäre Anarchismus in der nihilistischen Phase

Der Hauptstrang dieser letzten Analysen, die wir nur unpassend und sehr vereinfacht als politisch aktuell bezeichnen können, führt uns zu den beiden Schriften, gegen die unsere letzten Gesprächspartner polemisiert haben. Anlässlich der ersten Wahl von Trump haben wir eine grobe Hypothese aufgestellt, die meiner Meinung nach auch heute noch ziemlich gut geeignet ist, die Gegenwart zu beschreiben:

Wir stehen vor einer Phase, die wir als „Krise der Globalisierung” bezeichnen, und die sogenannte reaktionäre Welle, die die linksgerichteten Gutmenschen so sehr erschreckt (Trump, Putin, Orban, Zölle, Verhärtung der Märkte, Rassismus und Schließung der Grenzen), ist ein Ausdruck dieser Krise. Diese Krise wird durch neue Technologien ermöglicht, die die Produktion in den entwickelten Volkswirtschaften relativ flexibler machen und damit die Dynamik umkehren, die während der langen Phase der Standortverlagerungen entstanden ist (inzwischen sind auch die einst armen Länder zu reifen kapitalistischen Ländern geworden, die asiatischen Arbeiter haben begonnen, etwas anständigere Löhne zu fordern usw.). Ein Teil des westlichen Kapitalismus hat sich daher dafür entschieden, Investitionen wieder ins eigene Land zu holen, und sich politische Hüllen (wie den Trumpismus) zugelegt, die zu diesem Zweck geeignete Maßnahmen (z. B. Zölle, um ein aktuelles Beispiel zu nennen) ergreifen, während die alte liberale politische Elite entsetzt ist und zum Widerstand aufruft.

Was uns damals wichtig war und was ich auch heute noch betonen möchte, ist, dass die Ausgebeuteten in diesem Konflikt zwischen der souveränistischen und der liberalen Fraktion der Bourgeoisie keine Freunde haben. Noch vor dem Krieg haben wir bereits den revolutionären Defätismus im ideologischen Weltkrieg zwischen Souveränisten und Liberalen vorgeschlagen. Wir haben vorausgesehen, dass die Ausgebeuteten leider extrem verwirrt bleiben würden und dass das allgemeine Klima für die Revolutionäre lange Zeit sehr ungünstig sein würde. Und dass sich die militanten Gegner von den Sirenen der verschiedenen Fraktionen verzaubern lassen würden, wie es leider passiert ist und immer noch passiert. (Siehe Nazionalismoduepuntozero. Zwölf Hypothesen zu Robotik, Globalisierungskrise und „Rückkehr” des Nationalstaates, in „Vetriolo” Nr. 3, Winter 2019; im Folgenden als „die zwölf Hypothesen” bezeichnet).

Das Konzept der „nihilistischen Phase” und das Konzept des „revolutionären Anarchismus” entstehen hier.

Die nihilistische Phase ist der Zustand, in dem sich der Klassenkampf derzeit befindet. Der Klassenkampf verschwindet nicht, sondern wird verdrängt, er ist unbewusst, oft verspottet und verflucht, von seinen eigenen Akteuren verleugnet. Aber deshalb verschwindet er nicht. Der Klassenkampf wird, um eine Parallele zur Psychoanalyse zu ziehen, verdrängt, aber diese Verdrängung kehrt wie eine traumatische Verdrängung zurück und stört weiterhin den Schlaf des sozialen Friedens. Er kehrt als Symptom, als Neurose, als Massenirrationalismus zurück. Sein Hauptmerkmal war jahrelang die symptomatische Form des Massenwiderstands gegen die wissenschaftliche Entwicklung.

Der revolutionäre Anarchismus ist in gewisser Hinsicht eine andere Seite des Problems, in anderer Hinsicht ist er (hoffentlich) die Lösung des Problems. Es handelt sich um einen Ansatz des Anarchismus, bei dem eine strategische Haltung gegenüber sozialen Fragen nicht von vornherein abgelehnt wird. Ein Anarchismus also, der in der Lage ist, zu manövrieren, zu planen und variable Taktiken anzuwenden, um sein Projekt zu verwirklichen. Dies geschieht, wie der Autor des gleichnamigen Artikels treffend zusammengefasst hat, durch den Übergang in unserem Handeln von der Aktion um der Aktion willen zur Aktion im Rahmen einer Strategie. Der revolutionäre Anarchismus ist also sowohl ein Instrument innerhalb der nihilistischen Phase, das das Feuer der Negation anfacht, als auch deren Überwindung, weil er innerhalb der irrationalen Revolte instrumentell mit einem rationalen Projekt eingreift. Daher sollten die beiden Artikel nicht nur als Ergänzung zur theoretischen Geschichte von „Vetriolo” gelesen werden, sondern auch als Ergänzung zueinander.

Ich will nicht pedantisch sein und den Kritikern vorwerfen, „nicht studiert zu haben” – im Gegenteil, ich danke ihnen dafür, dass sie etwas von dem gelesen und kommentiert haben, was wir geschrieben haben. Wenn man diesen Weg jedoch nicht im Auge behält – insbesondere, dass die nihilistische Phase eine der „zwölf Hypothesen” von 2019 war –, kann es zu Missverständnissen kommen.

Zum Beispiel heißt es im anonymen Text „Ein paar kritische Gedanken zu „Die nihilistische Phase”“: „(Es) ist zu sagen, dass Vetriolo nichts Neues sagt, sondern sogar hinter bestimmten theoretischen Überlegungen zurückbleibt, die Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre im Rahmen der radikalen Kritik entstanden sind.” Ehrlich gesagt berührt mich diese Kritik nicht. Erstens, weil ich, wie gesagt, nicht auf Originalität aus bin.

Ich bin nicht daran interessiert, originelle Dinge zu sagen, sondern daran, die Dinge so zu verstehen, wie sie sind. Zweitens, weil ich es als großzügiges Kompliment empfinde, mit radikaler Kritik verglichen zu werden.

Dennoch enthält diese Aussage vor allem ein historisches Missverständnis. Heute haben wir es mit grundlegenden Unterschieden in Bezug auf die Dimension und die politische Verortung des Phänomens zu tun.

Was die Dimensionen angeht, weil das neue überschüssige Proletariat Hunderte von Millionen, vielleicht sogar Milliarden von Menschen umfasst: Was in Gaza passiert, ist (zumindest quantitativ gesehen) viel mehr als ein Aufstand im Ghetto und dessen brutale Repression durch die Polizei. In Bezug auf die politische Lage, weil man zwar mit Worten leugnen kann, dass diese Art von Aufständen, von denen der anonyme Gesprächspartner spricht, in gewisser Weise etwas für eine bestimmte linke Welt zu sagen hatten: Ein Aufstand der Schwarzen, der Stonewall-Aufstand, sagt uns etwas, das die Welt der radikalen Linken im Grunde bereit ist zu hören (bis zu dem Punkt, dass sie sich in eine Linke der Minderheiten verwandelt); das gleiche Zuhören kann diese Linke den Impfgegnern und Wissenschaftsleugnern nicht geben. Die irrationalen Unzufriedenheiten der weißen, heterosexuellen Arbeiterklasse usw. (die im Westen die große Mehrheit der Menschen ausmacht, die sich in der irrationalen Entfaltung des Klassenkampfs unter dem Deckmantel nihilistischer Triebe befinden) werden von bestimmten radikalen universitären Kritikern sogar verachtet und der Zustimmung der Rechten überlassen.

Es gibt auch einen krassen ökonomischen und sozialen Unterschied zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Damals boomte die Ökonomie und die irrationalen Aufstände waren, wie Bonanno es gut auf den Punkt gebracht hat, Aufstände der Ausgegrenzten, die aus dem Wohlstandskreislauf rausgeworfen wurden; heute hingegen schrumpft die Ökonomie und die Ausgegrenzten werden zur Mehrheit, weil die sogenannte Mittelklasse immer mehr proletarisiert wird.

Die nihilistische Phase, von der wir sprechen, findet in einem historischen Kontext statt, in dem die öffentliche Debatte zwischen der souveränistischen und der liberalen Strömung des Kapitals gespalten ist und in dem die Wissenschaft außerdem riesige Fortschritte in Bezug auf den Ausschluss von Arbeitskräften, Kontrolle und Verdummung gemacht hat. Unser anonymer Gesprächspartner wiederholt immer wieder, dass das, was passiert, keine Wende ist, „sondern das Ergebnis jener permanenten Umstrukturierung […], die in den 70er Jahren begonnen hat”; das scheint mir eine sinnlose Präzisierung zu sein, denn jedes historische Phänomen lässt sich auf ein anderes historisches Phänomen der Vergangenheit zurückführen (außerdem enthält sie mindestens ein Missverständnis, da der Gefährte von „Verlagerungen” spricht, während die nihilistische Phase, von der wir sprechen, gerade mit der Krise der Globalisierung beginnt). Aber in den 70er Jahren – Leute, lasst uns mal ehrlich sein – egal, wie sehr ihr euch selbst als hässlich, schmutzig und böse bezeichnet habt, gab es trotzdem eine politische Landschaft, in der die Kommunistische Partei weniger schlimm war als die Christdemokraten und die Christdemokraten weniger schlimm als die Neofaschisten. In der nihilistischen Phase gibt es dagegen keine reformistischen Klassenparteien mehr.

Heute leben wir in einem historischen Kontext, in dem wir, um ein beunruhigendes Beispiel zu nennen, in Bezug auf den Krieg in der Ukraine näher am Programm der Alternative für Deutschland stehen als an dem der Sozialdemokraten. Oder um ein noch erschreckenderes Beispiel zu nennen: Wir leben heute in einer Zeit, in der der größte Streik der letzten Jahre in der nordamerikanischen Automobilindustrie – ein Streik bis zum Äußersten, ein Streik nach dem Schachbrettmuster, der sich über das ganze Gebiet erstreckt und Fabriken betrifft, die wichtige Komponenten herstellen, also eine Wiederentdeckung des alten fordistischen Streiks, aber in einer Dynamik der Verteilung und Aufteilung der Produktion – von einer Gruppe von Arbeiterinnen und Arbeitern geleitet und zum Sieg gegen die Kapitalisten geführt wird, die wenige Monate später, während des Wahlkampfs, ein Komitee mit dem vielsagenden Namen „Worker for Trump” gründen werden. Das ist die nihilistische Phase.

Nihilismus ist eine Methode, keine Sache (und der Populismus ist sein Vater).

Aber es gibt noch einen weiteren Unterschied zwischen dem Vorschlag von „Vetriolo” und dem früherer Theoretiker irrationaler Aufstände: Seit Jahrzehnten finden wir verschiedene, unterschiedliche und in gewisser Weise gegensätzliche theoretische Kontexte wie radikale Kritik, der theoretische Komplex Focault-Agamben, die Postmoderne und ein Großteil des Insurrektionalismus, in gewisser Weise vereint durch die Tatsache, dass sie den Moment des Umsturzes vernachlässigt haben; sie konzentrierten sich auf die kritische Analyse, die Archäologie der Herrschaft, die Dekonstruktion, die Aktion in der Gegenwart (das Motto „hier und jetzt”). Zu Recht erschöpft von Jahrzehnten des Gesangs einer banalisierten Version der Hegel-Marx-Dialektik, haben sie uns mehr oder weniger bewusst in eine Art unendliche Kritik gestürzt. Das heißt, in eine Reihe von Philosophien über die Methode und nie über den Inhalt: die Methode der Dekonstruktion, die der Archäologie der Herrschaft, die des Aufstands.

Nehmen wir das berühmt-berüchtigte Motto Foucaults, wonach „Wo Macht ist, ist auch Widerstand, und […] dennoch, oder gerade deshalb, steht dieser niemals außerhalb der Macht. […] Die Machtverhältnisse können nur in Abhängigkeit von einer Vielzahl von Widerstandspunkten existieren, die in den Machtverhältnissen die Rolle des Gegners, des Ziels, der Stütze, des Vorsprungs für einen Griff spielen» (vgl. Archäologie des Wissens), wird uns klar, dass in dieser Philosophie eine Revolution unmöglich ist: Macht und Widerstand sind zwei transzendentale Schemata jener Art von gigantischem kantischen Ich, das für diese Theorien zum kollektiven Bewusstsein geworden ist, sodass es in diesem philosophischen und politischen Ansatz niemals einen „Sieg“ des Widerstands und die Zerstörung der Macht geben wird, da sie sich gegenseitig bedingen.

Doch selbst wenn wir die erste Ausgabe einer Zeitschrift nehmen, die unsere Geschichte tief geprägt hat, wie „Anarchismo”, können wir darin einen Artikel von Alfredo Bonanno lesen, den man als Präsentation und Programm bezeichnen könnte, in dem unter anderem festgestellt wird: „Die Verwendung der Vernunft, von der man im Zusammenhang mit dem Materialismus sprechen kann, kann im dogmatischen (absolutistischen) Sinne und im kritischen (nicht dialektisch) verwendet werden. Im letzteren Sinne, der uns interessiert, können wir uns als Rationalisten, nicht als Dialektiker, Kritiker, Pluralisten, Voluntaristen bezeichnen; im letzteren Sinne erfasst der (irrationale) Wille den positiven Moment der (rationalen) Vernunft und bestimmt die historische (materielle) Form, ohne durch ein vorgegebenes (dialektisches) Modell dazu gezwungen zu sein» (Vgl. A.M. Bonanno, Crisi economica e possibilità rivoluzionarie, in „Anarchismo” Nr. 1, 1975, S. 4).

Wenn diese Aussagen damals der anarchistischen Bewegung geholfen haben, dem Konformismus einer schlechten Dialektik zu entkommen, müssen wir uns heute paradoxerweise bemühen, dem neokantianischen Konformismus zu entkommen, in den wir zurückgefallen sind. Die Diskussionen in unserem Bereich sind zu oft Lobeshymnen auf die transzendentalen Voraussetzungen der Art und Weise, wie wir auf die Dinge einwirken, ohne jemals über die Sache selbst zu sprechen.

Ich erkläre das anhand konkreter Beispiele: Die organisatorische Hypothese, die im Laufe der Jahre von „Anarchismo” (Basiskerne, Affinitätsgruppen, informelle Organisation) entworfen wurde, kann virtuell für den Kampf in Comiso in den 1980er Jahren nützlich sein, ebenso wie für eine Kampagne, um die NATO zu überzeugen, direkt in der Ukraine zu intervenieren, oder umgekehrt für eine Kampagne zur Unterstützung des revolutionären Defätismus in der Ukraine. Für sich genommen hat dieses Paket keinen Inhalt, es sagt uns nur etwas über die Methodik (die gleichen Einwände kann man natürlich auch gegen die von Cospito in Quale internazionale? vorgeschlagene Organisation vorbringen). Das liegt daran, dass es sich um einen transzendentalen Methodenvorschlag handelt (der auf verschiedene Situationen angewendet werden kann).

Im Gegensatz dazu wird in einer Rede, in der zum Beispiel behauptet wird, dass man bei einem Krieg zwischen kapitalistischen Ländern die Front verlassen und gegen jeden Staat, angefangen beim eigenen, kämpfen muss, um die Niederlage des eigenen Staates in eine revolutionäre Chance zu verwandeln und dann innerhalb dieser Revolution für den Kommunismus in der Ökonomie und die politische Anarchie zu kämpfen, schlägt man einen Diskurs vor, in dem man Wege sieht, um die Realität umzustürzen (die Methode verschwindet nicht, sondern wird genutzt, um die Dinge zu verändern; es ist keine Methode der reinen Vernunft, sondern sie ist mit der Realität verunreinigt).

In dieser Frage stimme ich unserem Kritiker zu und es tut mir leid, wenn ich mich nicht klar genug ausgedrückt habe. Wenn die grundlegende Frage, die er uns stellt, lautet: „Aber sind die Aufstände und die nihilistische Phase, von denen Vetriolo spricht, diese „Leidenschaft der Ausgebeuteten”, einfach eine Massenreaktion auf den techno-totalitären Wandel oder eine radikale Negation einer sozialen Organisation, in der die wissenschaftliche Entwicklung, so allgegenwärtig sie auch in ihren Anwendungen sein mag, ein Mittel und kein Selbstzweck bleibt, der auf die Verwertung und damit auf die Kontrolle und Vorhersehbarkeit jedes Aspekts des Lebens der Proletarier abzielt?” Auch ich würde mich für die zweite Hypothese entscheiden, vorausgesetzt, wir verwechseln unseren Wunsch nicht mit der Realität, d. h. wir suchen nach einem Weg, damit „der Moment der sinnlosen Revolte zum Moment der Auflösung dieser Organisation in ihren Räumen, Zeiten, Mitteln, Ritualen und Mythen wird [wird, leider ist der Konditional hier ein Muss!]”.

Damit unser Beitrag wenigstens ein bisschen in diese Richtung geht, müssen wir aber von der Diskussion über die Methode zur Anwendung der Methode übergehen, um die Substanz zu verändern. Andererseits hat unser Kritiker Recht, auch die Wissenschaft ist eine Methode des Kapitals und sicher keine ontologische Kraft, wie beim späten Heidegger (und anscheinend auch beim späten Bonanno von „Negazine“).

Das Gleiche gilt im größeren Rahmen für die Kategorie des Nihilismus und die nihilistische Phase, die wir in dieser historischen Epoche erleben. Nihilismus ist keine Sache, sondern eine Methode. Das wichtigste Beispiel für eine nihilistische Bewegung – die aufgrund ihrer Bedeutung und historischen Suggestivität alle anderen mehr oder weniger inspiriert – finden wir im zaristischen Reich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Ich möchte noch einmal auf diese Geschichte zurückkommen, weil sie mir hilft, auf die Kritik von Panopticon an der Verwendung des Begriffs „Populismus” zu antworten, für die wir in ihrer kritischen Einleitung gerügt wurden. Die Bewegung, von der ich spreche, erstreckt sich über mindestens drei Generationen. Die erste Generation bestand aus jungen Leuten aus gebildeten und europäisierten Schichten, die unter dem Motto „zum Volk gehen” (also die Populisten) in die verlassenen Dörfer strömten, um den Leibeigenen zu erklären, wie es besser wäre, ohne Herren, ohne Zaren zu leben, selbst Eigentümer der Produktionsmittel zu sein und grundlegende Fragen in demokratischen Versammlungen zu entscheiden. Das Ergebnis dieses utopischen Versuchs war, dass ein Großteil dieser jungen Idealisten von den Bauern selbst getötet wurde, gelyncht in Pogromen, die vom Klerus angestiftet wurden, und als Agenten des Teufels gebrandmarkt.

Als Reaktion auf diese Katastrophe entstand der Nihilismus. Jetzt ging es nicht mehr darum, zum Volk zu sprechen, sondern seine nihilistische Wut mit Bomben und Attentaten auszudrücken. Der berühmteste dieser Anschläge war die Ermordung von Zar Alexander II. am 13. März 1881 in Sankt Petersburg. Paradoxerweise erreichten gerade diejenigen, die am wenigsten daran interessiert waren, zum Volk zu sprechen, die größte Zustimmung in der Bevölkerung. Diese Generation wurde größtenteils durch die Repression zerstört, aber sie führte als politische Folge zur Entstehung des revolutionären Sozialismus.

Die russischen revolutionären Sozialisten (die dritte Generation) waren eine terroristische Massenpartei (heute würde ich sie mutatis mutandis mit der Hamas vergleichen), sozialistisch, nicht marxistisch, mit bäuerlicher Basis; mehr als eine Synthese, eine echte Summe aus Populismus und Nihilismus. Ihre Zustimmung war so groß, dass sie nach der Revolution vom März 1917 (der sogenannten Februarrevolution) für ein paar Monate die Macht. Ihre Methode blieb auch nach der Revolution die direkte revolutionäre Aktion und politische Hinrichtungen; aus ihren Reihen ging die Attentäterin hervor, die noch im August 1918 versuchte, Lenin zu ermorden, dem sie vorwarf, die demokratische sozialistische Revolution mit autoritären Mitteln verraten zu haben.

Den Gefährtinnen und Gefährten von Panopticon möchte ich Folgendes sagen. Wir könnten unsere Zeit damit verbringen, anarcho-bordigistische Zeitschriften mit vollkommen kohärenten klassenkämpferischen und internationalistischen Kategorien zu schreiben. Sicherlich wären wir uns in allem einig und könnten diese Publikationen auch gemeinsam herausgeben. Ich bin mir sicher, dass wir dabei jede Menge Spaß hätten, es könnte eine gesündere Alternative zu LSD sein. Aber das würde uns nicht dabei helfen, die Realität auch nur um einen Millimeter zu verändern.

Wenn ich sage, dass wir auf populistische Bewegungen achten müssen, meine ich, wenn man mir eine ebenso gewagte wie großartige historische Parallele erlaubt, dass wir den aktuellen Populismus in Richtung seines Scheiterns treiben sollten, um die Entstehung einer neuen nihilistischen Bewegung zu unterstützen, die Vorbote des revolutionären Sozialismus des 21. Jahrhunderts ist. Meine Oma hat immer gesagt, dass man Brot mit dem Mehl backt, das man hat. Wenn wir die Realität revolutionieren wollen, müssen wir eben von der Realität ausgehen. Im Moment ist Populismus/Nihilismus der irrationale und unbewusste (also unbewusste!) Ausdruck des Klassenkampfs. Die einzige Art und Weise, wie er sich im Westen auf Massenebene ausdrückt.

Wenn man etwas genauer hinschaut, übersieht Panopticon die besondere Situation Italiens im Jahr 2022, als dieser Artikel erschien. Damals hatten wir die Regierung von Mario Draghi, also das große (leider erfolgreiche) konterrevolutionäre Experiment der Regierung der Nationalen Einheit. Man muss verstehen, dass die Regierung der Nationalen Einheit viel mehr war als nur eine große Koalition nach deutschem Vorbild. Sie war nicht nur die Einheit der politischen Parteien im Parlament, sondern umfasste auch Vertreter der Confindustria und der Gewerkschaften/Syndikate, Botschafter, Ökonomen, Wissenschaftler und sogar Generäle der Armee und hatte die Zustimmung der EU, der NATO und des Vatikans. Auch Kräfte außerhalb des Parlaments haben zur Nationalen Einheit beigetragen, indem sie Streiks (im Fall der Gewerkschaften/Syndikate) und Straßenproteste (im Fall der oppositionellen Gruppen) ausgesetzt haben, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Es handelt sich um die Regierung, die den Ausweg aus der Pandemie-Krise bewältigt hat, indem sie Arbeiterinnen und Arbeiter mit Schlagstöcken angegriffen, die Zahl der Arbeitsunfälle verzehnfachte, die in früheren Notstandsgesetzen eingeführte Sperre für Entlassungen aufhob, Italien in den Krieg in der Ukraine führte und Alfredo Cospito in 41bis steckte.

Die Regierung der Nationalen Einheit von Mario Draghi ist etwas, das es verdient, genauer untersucht zu werden, indem man ihr eine spezielle Studie widmet. Ich glaube, dass diese politische Formel in demokratischen Regimes, die sich in einer Krise befinden, wiederholt werden könnte: Tatsächlich versucht die Bourgeoisie von Deutschland über England bis Frankreich zunehmend, ihre Unfähigkeit zu regieren durch Experimente mit erweiterten parlamentarischen Fronten zu lösen; auch wenn die Regierung der Nationalen Einheit einen Schritt weiter geht als diese Formeln, da sie soziale und nicht nur parlamentarische Einheit darstellt, könnte das italienische Modell bald diese Länder inspirieren, und ich habe das Gefühl, dass Deutschland der Spitzenkandidat auf diesem Weg ist.

Im Jahr 2022 gab es die Volksfront bereits, sie war die Regierung des Landes. Sie war nicht nur populär, sondern eine Volksfront der Eliten, der Geistlichen und Wissenschaftler, der Industriellen und Gewerkschafter/Syndikalisten, der Zivilisten und Militärs. Mit dem „Populismus” zu sein, bedeutete für uns also keineswegs, eine nationale Volksfront zu bilden, die es bereits gab und die an der Regierung war, sondern unter den wenigen Weggefährten außerhalb dieser verdammten Front einige Mitstreiter zu suchen. Das war das bisschen Mehl, das wir für unser Brot zur Verfügung hatten.

Kommunismus ist nicht die Vergesellschaftung von Unterhosen und Socken, sondern „jedem nach seinem Bedarf”.

Zurück zum Nihilismus par excellence, dem russischen. Die russischen Sozialrevolutionäre waren im Grunde genommen, trotz ihres Namens und trotz ihrer Praktiken (was die gängige Meinung der Aufständischen angeht, dass Praktiken allein ausreichen, um die Spreu vom Weizen zu trennen, so ist das leider nicht der Fall), Reformisten. Das waren sie am Anfang und das waren sie auch am Ende. Schlimmer noch, am Ende waren sie Verräter: Nachdem sie die Macht übernommen hatten, führten sie den Krieg an der Seite der Entente-Mächte weiter, erschöpften das Land und trieben es in eine neue Revolution.

Was bedeutet das alles? Es bedeutet, dass die nihilistische Methode allein nicht ausreicht. Wir müssen verstehen, was unser Ziel ist. Damit sind wir endlich bei der Frage des Kommunismus angelangt.

Um die Diskussion fortzusetzen, greife ich nun auf die Kritik zurück, die wir von Juan Sorroche in seinen drei wertvollen Artikeln erhalten haben. Im ersten davon schreibt Juan, dass „im anarchistischen-ökonomischen Individualismus“ sowohl das Produkt als auch die Arbeitsmittel beim Individuum bleiben und nur dieses entscheidet, ob es sie mit denen, die sich in Affinitätsgruppen zusammenschließen, teilt, sodass „der Produzent alles ohne Zwischenhändler verwaltet“, im Gegensatz zum Kommunismus: „Der anarchistische Individualismus steht im Gegensatz zum Kommunismus und sieht in ihm eine autoritäre Gefahr”.

Fairerweise muss man sagen, dass der anarchistische Kommunismus schon immer auf dem Konzept der Freiwilligkeit beruhte. Seit der Ersten Internationale ist von anarchistischer Seite immer von einer freiwilligen Assoziation der Produzenten die Rede. Und auch heute noch, nach Jahrhunderten, heißt es in der italienischen Version der Hymne „Die Internationale“ (die allgemein als Lied der kommunistischen und sozialistischen Parteien gilt) im zweiten Teil „Brüder alle, und wenn wir wollen, in der Familie der Arbeit“.

Freiwilligkeit ist also die Grundlage jedes echten Kommunismus. Wenn sie durch Zwangskollektivierungen (wie in der Sowjetunion) überwunden wurde, erlosch jeder Rest kommunistischer Ökonomie und es kam wieder zu den Dynamiken des Kapitalismus: Lohn, Regierung der Arbeitskraft, Arbeitsschichten, Enteignung des Mehrwerts usw.

Aber ich will Juans Kritik nicht mit einer formalen Präzisierung umgehen (auch wenn in diesem Thema die Form mehr denn je die Substanz ist!). Kommen wir zum Kern der Sache. Was bedeutet Kommunismus? Kommunistisch ist eine Ökonomie, in der die Menschen nach ihren Möglichkeiten produzieren und nach ihren Bedürfnissen erhalten. Wieder müssen wir Mittel und Zweck unterscheiden: Selbst das kollektive Eigentum ist in dieser Definition ein Mittel, der Zweck ist, dass jeder nach seinen Bedürfnissen bekommt. Selbst autoritäre Kommunisten wie Marx und Engels sagen im Manifest, dass es eine Verleumdung ist, Kommunisten wollten die Abschaffung des Privateigentums; in Wahrheit wollen sie einfach nur die Abschaffung der kapitalistischen Privateigentumsverhältnisse.

Einfach gesagt, ist Kommunismus keine Hippie-Kommune, in der alles allen gehört, sogar Unterhosen und Socken (die wahrscheinlich dreckig sind, weil niemand Lust hat zu arbeiten). Kommunismus ist nicht, dass eine Freundin zu mir nach Hause kommt, sich ein Buch ausleiht, das mir meine Oma geschenkt hat, und es dann an einen Gefangenen schickt (du hattest mir doch gesagt, dass du mir ein anderes klauen würdest, ich warte immer noch darauf). Kommunismus bedeutet, dass die Druckerei und die Wäschefabrik das produzieren, was gebraucht wird, und die Leute nehmen sich das, was ihnen gefällt, was sie brauchen … und was ihnen passt. Und natürlich gibt es keine Gefängnisse mehr. Damit jeder das Buch hat, das er will, die Unterhosen, die ihm passen, und die Socken, die nicht stinken, muss natürlich jeder nach seinen Möglichkeiten in der Druckerei arbeiten, Unterhosen verteilen oder Socken waschen.

Die kommunistische Ökonomie ist die natürlichste, sie findet schon immer in der Fortpflanzung der Spezies statt: Ein Neugeborenes hat nur Bedürfnisse und bekommt nur, und so weiter in den nächsten Generationen, die „Rückgabe” passiert nicht mal im gleichen Raum-Zeit-Kontinuum. Aber die kommunistische Ökonomie ist auch die menschlichste, die höchste ethische Stufe, die die ökonomische Kultur der Menschheit erreicht hat (eine Anmerkung für Panopticon: In meinem Artikel meinte ich mit „Kultur” alles, was nicht Natur ist, daher richtete sich die Polemik gegen Primitivismen, denn meiner Meinung nach werden wir weiterhin Waschmaschinen und Druckereien brauchen, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, um beim obigen Beispiel zu bleiben; vielleicht gibt es einen Fehler in der Übersetzung, denn in diesem Punkt habt ihr mich völlig missverstanden).

Vergleichen wir nun diese wirklich menschliche Art des Zusammenlebens mit dem Vorschlag einer individualistischen anarchistischen Ökonomie, den Juan in Anlehnung an E. Armand gemacht hat. Dazu werde ich eine dieser verhassten Kategorien verwenden, mit denen sich Aktivisten heutzutage den Mund vollstopfen, die ihrerseits vom kulturellen Müll der nordamerikanischen Universitäten gefüttert werden: die Kategorie des „Abilismus”. Eine Kategorie übrigens, die in den letzten Jahren verwendet wurde, um die freiheitsfeindlichen Gesetze in Zeiten von Covid-19 zu rechtfertigen. Denn Angst vor dem Tod zu haben ist gesund, aus Angst vor dem Tod aufzuhören zu leben ist krankhaft, aber zu verlangen, dass alle aus Angst vor dem Tod aufhören zu leben, ist abscheulich. Eine wirklich stalinistische Vorgehensweise, man könnte sagen, eine erzwungene Kollektivierung der Gesundheitsprobleme einiger weniger zum Nachteil der Freiheit aller. Das zeigt, was ich am Anfang gesagt habe, nämlich dass die Erzählungen über neue, nicht klassenbezogene Unterdrückung viel mehr aus dem alten stalinistisch-maoistischen Verrat am Klassenkampf stammen als aus libertären Positionen (mit den damit verbundenen Begriffen Dekolonialisierung, Befreiungsfronten… national/tierisch/sexuell/etc.).

Aber lassen wir das alles beiseite und nehmen wir die Kategorie des Ableismus als gegeben hin, damit wir auch von den jungen Aktivisten von heute verstanden werden. In einer kommunistischen Ökonomie, in der jeder nach seinen Bedürfnissen das erhält was er/sie braucht, bekommen auch diejenigen, die (aufgrund ihres Alters, ihrer Veranlagung oder einer Behinderung) nicht die Möglichkeit haben, das zum Leben Notwendige zu produzieren, dennoch das was sie brauchen. Streng genommen wird es auch keine Behinderung mehr geben, weil jeder der Gemeinschaft etwas geben kann, und zwar nicht unbedingt auf materieller Ebene (er kann Geschichten erzählen, uns ein Lächeln schenken, Ratschläge geben, einen kulturellen Beitrag leisten usw.). Deshalb ist es nur die Klassenfrage, die am deutlichsten ins Auge fällt und somit auch die anderen Unterdrückungen löst: In diesem Fall verschwindet einfach die dichotomische Trennlinie rund um die Behinderung, weil im Kommunismus jeder in der Lage ist, das zu geben, was er geben kann, und jeder nach seinen Bedürfnissen erhält, nicht nach seinen Fähigkeiten (die gleiche Argumentation gilt auch für andere Unterdrückungen).

Nehmen wir jetzt den individualistischen anarchistischen ökonomischen Vorschlag. Wo jeder für sich selbst produziert und sich bei Bedarf zusammenschließt. Ein Behinderter, ein Kind, ein älterer Mensch stirbt in dieser Ökonomie einfach. Oder er muss sich auf Almosen beschränken, muss auf die Gaben von Individuen hoffen, die egoistisch Freude am Geben haben. Man kann nicht das Recht haben, allen unsympathisch zu sein, keine Freunde zu haben. Oder vielleicht werden, um diese humanitäre Katastrophe zu vermeiden, zwangsläufig Institutionen wiederentstehen: zum Beispiel eine Gruppe von Gefährtinnen und Gefährten, die Sozialleistungen für soziale Probleme fordern, die sich selbst zu Sozialarbeitern machen und damit den Staat und das Finanzamt nachbilden. Natürlich werden alle viel mehr arbeiten, denn die Zusammenarbeit reduziert bekanntlich die Arbeitszeit. Und außerdem – da niemand in der Lage ist, alles zu produzieren – müsste man nach der Arbeit auf den Markt gehen, um Produkte zu tauschen, über ihren Wert zu streiten, kurz gesagt, man würde wieder zu Sklaven der Tyrannei von Angebot und Nachfrage werden.

Ich finde diesen Vorschlag total bescheuert; mehr noch, ich glaube, dass dies bereits die Barbarei ist, in der wir heute leben. Der ökonomische Individualismus existiert bereits, er heißt Kapitalismus. Außerdem würde auch dieser utopische Kapitalismus, in dem es keine Angestellten gibt, nur fünf Minuten lang funktionieren, denn wer nicht überleben kann, muss sich bald an den verkaufen, der ihm etwas anbietet.

Malatesta hatte also völlig Recht: Der einzige Weg, Individualismus zu erreichen, einen echt anarchistischen Individualismus, in dem jedes Individuum die in einer historischen Epoche verfügbaren Mittel hat, um sich zu verwirklichen, ist nur innerhalb einer kommunistischen Ökonomie möglich.

Das heißt, Juan hat Recht: Ja, wir brauchen den Kommunismus zusammen mit dem Individualismus, aber wir müssen die Dynamik dieser Gemeinschaft präzisieren: Es ist die vorläufige Verwirklichung der Bedürfnisse aller, die die daraus resultierende freie individuelle Entwicklung ermöglicht. Einfach gesagt, ist es nicht nötig, das ganze produktive Leben zu vergesellschaften, denn diese Praxis an sich ist nur ein Mittel; wichtig ist, dass jeder das hat, was er braucht; um dieses hochethische Ziel zu erreichen, kann man meiner Meinung nach auch verschiedene Wege gehen: Familienunternehmen und Genossenschaften, Kommunen und Vergesellschaftungen, aber auch die individuellen Produktionsmittel, die Juan am besten gefallen, finde ich super. Ich würde mich nicht dogmatisch auf diese Mittel versteifen, die nur Instrumente sind. Es versteht sich jedoch von selbst, dass das Ziel die Befriedigung der Bedürfnisse jedes Individuums sein muss. Wenn sich einige dieser Instrumente als Hindernis für die Verwirklichung des Ziels erweisen, müssen die Revolutionäre die nötige Macht haben, um sie aus dem Weg zu räumen.

Die Folter geht weiter (mit einem Exkurs in mittelalterliche Philosophie)

Um auch den letzten verbliebenen Leser zu vertreiben, mache ich jetzt einen kleinen Abstecher in die mittelalterliche Philosophie. Das Thema ist echt interessant: die Essenztheorie. Seit einiger Zeit ist es in politisch korrekten Kreisen angesagt, jemanden als „Essentialisten” zu bezeichnen, ähnlich wie man im Mittelalter jemanden als Epikureer bezeichnete, was ein Synonym für Arschloch war. Diese Herabwürdigung des Wesens verdanken wir dem existentialistischen Motto von Sartre: Die Existenz kommt vor dem Wesen.

Müssen wir uns also Sorgen machen, wenn man uns als „Essentialisten” bezeichnet?

Das kommt drauf an. Was es drauf ankommt, kann uns die mittelalterliche Philosophie helfen zu verstehen. In der heftigen Auseinandersetzung zwischen Thomisten und Franziskanern gegen Ende des 13. Jahrhunderts – insbesondere in den Personen von Egidio Romano und Enrico di Gand – wurden die Themen Wesen und Substanz reichlich diskutiert und wie eine Keule zwischen den beiden Fraktionen eingesetzt.

Die Position der Neuplatoniker, der Franziskaner, der Augustiner, kurz gesagt von Heinrich von Gent, ist, dass es zwischen Wesen und Substanz einen Unterschied/eine Identität gibt. Das heißt, dass Gott die Wesen ewig denkt und sie mit seinem Willen absichtlich ins Dasein ruft, das heißt, er schenkt einigen von ihnen für eine gewisse Zeit das Sein, füllt sie mit Substanz. Der Verweis geht natürlich auf Platon zurück: Die Essenzen sind die Ideen (mit dem Zusatz, dass diese von Gott ewig gedacht werden), und die Schöpfung sind die Essenzen, die absichtlich mit Substanz ausgestattet sind.

Die Antwort der Thomisten hingegen, vertreten durch Egidio Romano, lautet, dass zwischen Wesen und Substanz eine reale Identität besteht. Das heißt, dass sie nicht ewig von Gott gedacht, sondern radikal aus dem Nichts geschaffen werden (wobei sie den platonischen Essentialisten vorwerfen, den Kreationismus zu leugnen); und dass die Dinge, wenn sie schließlich geschaffen sind, sofort aus Wesen und Existenz bestehen. Wesen und Substanz sind Synonyme. Hier wird auf einen reformierten Aristoteles verwiesen.

Warum all diese Nerverei? Weil ich, ich muss es gestehen, es nicht mehr aushalte, im Schatten zu leben, ich muss mich outen… ja, ich bin ein Essentialist. Und wenn ich dafür in der Mensa wie Fantozzi gekreuzigt, von den befristeten Assistenzprofessoren verprügelt und von den Aktivisten der „Cancel Culture” mit Hashtags beworfen werde, dann sei es so. Das Problem ist, dass diese kleinen Professoren die Dinge verdrehen, um alle, die nicht so denken wie sie, in denselben Topf zu werfen (Reduzierst du die Realität auf den Klassenkampf? Dann wirst du des Klassenessentialismus bezichtigt. Willst du die Natur verteidigen? Dann wirst du des Bioessentialismus beschuldigt, usw., usw.).

Also lass uns das klarstellen.

Ich bin kein platonischer oder augustinischer Essentialist und schon gar kein franziskanischer. Ich bin Essentialist im materialistischen Sinne des Wortes: Für mich ist das Wesen der Dinge nicht ihre geheimnisvolle, verborgene Wahrheit, sondern ihre Substanz.

Diese Kritik an den Essenzen und Substanzen, auf die sich das zeitgenössische schwache Denken so sehr beruft, kommt übrigens aus einer älteren Tradition, die mit dem vorherrschenden Denken nicht nur vereinbar, sondern meiner Meinung nach sogar wesentlich – ist. In seinem Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme greift Galileo Galilei die natürlichen Substanzen gnadenlos an. Der große Wissenschaftler sagt, dass „wir entweder durch Spekulation versuchen wollen, das wahre und innere Wesen der natürlichen Substanzen zu ergründen, oder uns damit zufrieden geben wollen, einige ihrer Eigenschaften kennenzulernen”. Aber das Wissen über das Wesen der natürlichen Substanzen wird sowohl „bei den uns nahestehenden elementaren Substanzen als auch bei den weit entfernten und himmlischen” für unmöglich erklärt, während es im Gegenteil, wenn wir „uns mit der Erkenntnis einiger Eigenschaften begnügen wollen, mir nicht unmöglich erscheint, diese auch bei den von uns weit entfernten Körpern zu erlangen, nicht weniger als bei den uns nahestehenden”. Wir sollten also nicht nach dem Wesen der Natur suchen, sondern uns damit zufrieden geben, „ihren Ort, ihre Bewegung, ihre Gestalt und ihre Größe“ zu untersuchen. (Vgl. Opere, Band V, S. 187).

Kurz gesagt, für die moderne Wissenschaft müssen wir darauf verzichten, das Wesen der Dinge zu erkennen, und uns damit zufrieden geben, oberflächliche quantitative Kriterien über die Dinge zu kennen. Das ist eine zutiefst antimaterialistische Haltung, ich bezeichne die moderne Wissenschaft als „wissenschaftlichen Antimaterialismus”; es ist kein Zufall, dass der Höhepunkt der modernen Wissenschaft die Kernenergie ist, ein wahrer Horror gegen die Materie bis hin zu ihren heiligsten und unantastbarsten Elementen (dem Atom des Demokrit).

Die Kritik an der qualitativen Erkennbarkeit von Substanzen ist also ein grundlegender Gedanke der modernen Wissenschaft. Ein gewisser Anti-Essentialismus der zeitgenössischen Bewegungen passt gut zu diesem vorherrschenden Gedanken.

Ich glaube, dass es bei Juan ein Missverständnis dieser Art gibt. Juan scheint alles andere als ein Essentialist zu sein (ich könnte mich irren, aber sein nicht-systemischer Anarchismus, wie er ihn selbst definiert, hinterlässt offenbar den Eindruck einer Andersartigkeit gegenüber dem Metaphysischen, Substanziellen, Systematischen, Essentialen). Er scheint uns manchmal zu sagen – verzeih mir die Vereinfachung –, dass es unter den anarchistischen Kommunisten auch sehr gute individualistische Gefährtinnen, Gefährten und Reformisten gibt. Aber das haben wir nie in Frage gestellt! Wir sagen, dass eine bestimmte theoretische Position (Gleichgültigkeit gegenüber der Analyse der Realität, Verachtung des Klassenkampfs, Abscheu vor jeder Form des strategischen Denkens, intellektueller und bibliothekarischer Individualismus, Rückzug des eigenen Engagements auf ausschließlich interne Probleme der Bewegung) im Wesentlichen zu Reformismus und Aufgeben führt.

Es geht nicht darum, einem „Mehrheitskriterium” zu folgen, wie Juan schreibt (außerdem ist die Mehrheit der Gefährtinnen und Gefährten heute alles andere als anarcho-kommunistisch-aufständisch, wenn überhaupt!), sondern darum, aus unserer Sicht, die natürlich völlig diskutabel ist, den reformistischen Charakter bestimmter Positionen zu betonen. Dass sie im Wesentlichen reformistisch sind – jenseits von Einzelfällen, jenseits des quantitativen Kriteriums; es spielt keine Rolle, ob sie mehrheitlich sind oder nicht, die Kritik geht tiefer, der Kern dieser Positionen ist reformistisch.

Kommen wir also zurück zu Armand. Das Problem hier ist nicht, dass Armand sowohl coole als auch reformistische Dinge gesagt hat. Die Frage ist, dass der Autor des Artikels „Der revolutionäre Anarchismus gegen das Aufgeben” behauptet, dass das reformistische Ergebnis in gewisser Weise wesentlich ist, dass es sich aus den theoretischen Prämissen seines Denkens ergibt und dass es den Kern von Armands Denken bildet.

Juan schreibt:

„E. Armand macht es echt klar: Wie wir im obigen Satz sehen, schließt er weder den Revolutionär noch den „Attentat“ und den „einzelnen Attentäter“ noch den „illegalistischen Trick“ noch irgendein Mittel oder Methode, auch wenn es gewalttätig ist, wie Aufstände und Revolutionen, aus, die zur Perspektive des anarchistischen Individualismus passen. Klar, ja! Er schließt auch Pazifismus und „passiven Widerstand“ als „revolutionäre Taktiken“ mit ein. Und er glaubt auch an friedliche Revolutionen; ich denke, er zieht sie vor, zusammen mit dem Abstentionismus. Mit dem Edukationismus, dass jede Individualität ein freies und autonomes Bewusstsein entwickelt und so bewusst ist, dass sie eine allgemeine Revolution der verschränkten Arme angeht, und dass der Staat und jeder Autoritarismus angesichts dessen noch unfähiger sein wird, damit umzugehen. Aber Vorsicht! Denn er schließt all diese Dinge in die Perspektive des anarchistischen Individualismus ein. Natürlich hat er seine Vorlieben, wie wir alle.

Eigentlich sagen wir fast das Gleiche. Was im Artikel von „Vetriolo” zusätzlich betont wird, ist, dass pazifistische, pädagogische Positionen usw. wesentlich sind, dass sie den innersten Kern einer bestimmten Art des Individualismus ausmachen. Aber vielleicht ist es gerade der Ausdruck „Individualismus”, der uns in die Irre führt.

Wir mögen den Individualismus. Denn im Grunde kann man echten Individualismus nur in einer Ökonomie erreichen, in der jeder nach seinen Bedürfnissen hat, außerdem sind direkte individuelle Aktionen und Propaganda durch Taten seit jeher Praktiken der anarchistischen Kommunisten. Kurz gesagt, wie Malatesta sagte, sind alle Anarchistinnen und Anarchisten kommunistisch und individualistisch.

Unser eigentliches polemisches Ziel war (und bleibt) der Widerstand gegen den heutigen Edukationismus, gegen diejenigen, die sich für zu individualistisch halten, um von Revolution zu sprechen (und dialektisch gesehen am Ende reformistisch sind).

Stirner, Vater des Syndikalismus

Juan schreibt in seinem jüngsten Beitrag über Resignation und klassenübergreifende (interklassistische) Kapitulation: „Ist das nur bei der Entwicklung des anarchistischen Individualismus passiert und passiert es nur dort?“ Ist es nicht so, dass ein großer Teil der Resignation „nicht vor allem aus dem revolutionären anarchistischen Kommunismus kommt?“ „Oder aus dem Anarchosyndikalismus, der auch größtenteils revolutionär-kommunistisch ist?“

Den Kern der Frage habe ich im vorigen Absatz angesprochen: Wir sagen nicht, dass alle Kommunisten Revolutionäre und alle Individualisten Reformisten sind, wir sagen, dass die grundlegenden Entwicklungslinien bestimmter Positionen im Wesentlichen reformistisch sind. Hier möchte ich auf etwas eingehen, das auf den ersten Blick wie ein Detail erscheint. Der Anarchosyndikalismus ist laut Juan größtenteils kommunistisch. Das mag wie ein Detail erscheinen, aber ich denke, dass wir durch die Auseinandersetzung mit diesem Thema die Frage des Individualismus, des Stirner’schen Egoismus und des sogenannten voluntaristischen Kommunismus von Malatesta besser beleuchten können. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass der revolutionäre Syndikalismus im Allgemeinen (nicht nur der anarchistische, ich denke zum Beispiel an Sorel) eine direkte Ableitung des Denkens von Max Stirner ist und wenig mit Kommunismus zu tun hat.

Was ist eine Gewerkschaft/Syndikat denn anderes als eine stirnerianische Vereinigung von Egoisten? Die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Gewerkschaft/Syndikat schließen sich als Individuen zusammen, fordern von der Gewerkschaft/Syndikat konkrete ökonomsiche Verbesserungen und kündigen ihre Mitgliedschaft, wenn diese ihren Interessen zuwiderläuft. Genau das ist die organisatorische Fluidität Stirners. Die Gewerkschaft/Syndikat ist zwangsläufig auf Anpassung und Kompromisse mit dem Arbeitgeber ausgerichtet, weil sie dem egoistischen Individuum, das ihr beitritt, einen greifbaren Vorteil bieten muss.

Wenn Juan dabei an die CNT denkt, was angesichts der Bedeutung dieses historischen Ereignisses legitim ist, kann uns das natürlich in die Irre führen. Die komplexe Organisation CNT-FAI war nämlich gerade wegen ihres Erfolgs mehr als nur eine einfache anarchosyndikalistische Organisation. In ihren besten Zeiten war sie das kollektive Subjekt des Aufstands, in der Sprache der revolutionären Marxisten könnte man sagen, dass sie „die Partei der Revolution” war, dann wurde sie zu einem politischen Subjekt, das sich der Volksfront gegen die faschistische Gefahr anschloss, dann gab sie dem Frontismus und dem Interklassismus nach und verriet schließlich die Revolution und die anarchistischen Prinzipien selbst (indem sie zum Beispiel Ministerposten annahm).

Wenn wir uns aber nach Italien umsehen, sehen wir, wie zum Beispiel die Unione Sindacale Italiana schon durch ihren Namen „Unione” (Union) an Stirners Organisationsvorschlag erinnert. Das ist nicht nur eine Vermutung: Individualisten waren die meisten der ersten Generation italienischer Anarchosyndikalisten wie Alceste de Ambris, Filippo Corridoni, Michele Bianchi und Tullio Masotti, die alle wegen ihrer unglücklichen interventionistischen Positionen während des Ersten Weltkriegs ausgeschlossen wurden (einige von ihnen wurden Faschisten, de Ambris ist bekannt für seinen verfassungsrechtlichen Beitrag zum Abenteuer D’Annunzios in Fiume). Erst mit der Generation von Borghi und Meschi wird die USI wieder eine konsequent internationalistische Position einnehmen und während des „roten Bienniums” die Hauptrolle in Sachen Konflikte spielen.

Wenn wir jetzt das Kapitel lesen, das Stirner in seinem Werk „Der Einzige und sein Eigentum” der Arbeiterfrage widmet, können wir Automatismen erkennen, die, obwohl sie „ante litteram” sind, alle Merkmale des revolutionären Syndikalismus aufweisen. Laut Stirner würden die Arbeiter, wenn sie sich ihrer egoistischen Bedürfnisse wirklich bewusst wären, die Ausbeutung zerstören und es gäbe keine Herren mehr. Das widerlegt nicht nur die marxistische Verleumdung Stirners als bourgeoiser Denker, sondern zeigt uns gleichzeitig, wie sehr Stirner der Vater einer bestimmten Art des Syndikalismus ist: die Idee, dass das unmittelbare egoistische Bewusstsein allein schon Grund genug für die Emanzipation ist. Im revolutionären Syndikalismus führt diese Idee zu der Schlussfolgerung, dass die unmittelbare Organisation, die auf egoistischen Bedürfnissen basiert (minimale Organisation mit möglichst wenig Struktur), kurz gesagt, die anarchistische Gewerkschaft/Syndikat, allein ausreicht, um die Revolution auszulösen.

Malatesta hat, wie man weiß, an diesem Vorurteil gezweifelt. Die egoistische gewerkschaftliche/syndikalistische Organisation hätte nicht zur Revolution geführt, sondern zu einer Anpassung an Klassenlinien, die auf der Kategorie, dem Territorium, dem einzelnen Betrieb und dem einzelnen Unternehmen basieren. Für Malatesta war die Gewerkschaft/Syndikat bekanntlich notwendig, aber nicht ausreichend. Der gewerkschaftlichen/syndikalistischen Organisationen (die den egoistischen, individualistischen Bedürfnissen der Arbeiterinnen und Arbeiter entspricht) muss die aufständische Organisation der anarchistischen Kommunisten zur Seite gestellt werden (der sogenannte organisatorische Dualismus): Letztere basiert nicht auf egoistischen Bedürfnissen, sondern auf Idealen, auf dem Willen ihrer Teilnehmer. Das heißt, auf der Tatsache, dass die Gefährtinnen und Gefährten, die ihr angehören, von einer Spannung beseelt sind, die über ihren Egoismus hinausgeht, einer Spannung, die sie zu Opfern, zum Ertragen von Hunger, Gefängnis und Tod führt. Kurz gesagt, es gibt die Organisation der Notwendigkeit (Gewerkschaft/Syndikat) und es gibt die Organisation des Willens (Malatesta nannte sie, man stelle sich vor, Partei).

Bekanntlich wird ein orthodoxer Stirnerianer auf diese Argumente entgegnen, dass auch diese Leidenschaften egoistische Leidenschaften sind; jeder, der etwas tut, auch derjenige, der sich opfert, lehrt uns Stirner, tut dies in Wirklichkeit für sich selbst. Wenn dies abstrakt gesehen wahr ist, ist es jedoch auch sinnlos, dies zu behaupten. Auch der Carabinieri, der Priester oder der Sexualstraftäter in der Via Togliatti, der seinen Bademantel öffnet und den Passanten seine Geschlechtsteile zeigt, sind im Sinne Stirners egoistisch. Das sind wir alle. Die Entdeckung dieser Wahrheit bringt uns keinen Schritt weiter in Richtung einer endlich freien Gesellschaft, in der es weder Priester noch Carabinieri gibt und in der auch der Perversling aus der Via Togliatti endlich nach seinen Bedürfnissen versorgt wird.

Der anarchistische Kommunismus Malatestas, der alles andere als marxistisch ist, ist also im besten Sinne des Wortes eine idealistische Bewegung. Er mobilisiert die Gefährtinnen und Gefährten, die ihn beleben, in gewisser Weise zu einer Leidenschaft, die über die egoistischen materiellen Verhältnisse des Individuums hinausgeht. In diesem Sinne ist er aufständisch, weil er auf den Umsturz ausgerichtet ist. In diesem speziellen Sinne ist er voluntaristisch, er organisiert die Individuen nicht nach ihren Verhältnissen, sondern nach ihrer Überzeugung. Und er ist der einzige, der aus Prinzip nicht durch reformistische Tendenzen korrumpiert werden kann (da er per Definition klassenbezogen ist).

Juan schreibt zum Beispiel, dass „das Konzept des Aktions-Anarchismus die Gegenmittel zum Reformismus in sich trägt”. Meiner Meinung nach läuft der Gefährte hier, obwohl er wiederholt das Gegenteil behauptet, erneut Gefahr, die Methode über das Ziel zu stellen. Aktion, um was zu tun? Um ökonomischen Individualismus oder um ökonomischen Kommunismus zu schaffen? Um einen gewerkschaftlichen/syndikalistischen Streit zu gewinnen oder um die Macht des Arbeitgebers zu stürzen? Um die NATO davon zu überzeugen, Atombomben auf Moskau zu werfen, oder um die NATO zu zerstören? Kurz gesagt: Ist die Aktion kommunistisch oder individualistisch, internationalistisch oder interventionistisch? Wenn Juan einen Ratschlag für die theoretisch-praktische Ausarbeitung annimmt, die er gerade entwickelt, sollte er meiner Meinung nach seinen Vorschlag mit teleologischen Inhalten (was unser Ziel ist) füllen.

Es reicht nicht mehr aus, uns anhand dessen zu definieren, was wir tun, die Geschichte ist wieder zu schnell vorangeschritten, wir müssen uns anhand der Welt definieren, die wir wollen. Für mich sollte der revolutionäre Anarchismus klassenbezogen, internationalistisch und aufständisch sein, d. h. auf ein Ideal, eine Lesart der Gegenwart und eine Methode ausgerichtet sein. Keines dieser Dinge allein reicht aus.

emmeffe


1A.d.Ü., gemeint ist das Bilden einer Front mit anderen politischen Gruppen/Organisationen usw.

Dieser Beitrag wurde unter Klassenkrieg/Sozialer Krieg, Kritik Staat, Kapital und Krise, Texte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.