Invarianz/Unveränderlichkeit der Haltung der Revolutionäre zum Krieg

Entnommen aus der Nummer 44, September 1999, der Publikation Comunismo der Grupo Comunista Internacionalista (Groupe Communiste Internationaliste – Internationalen Kommunistischen Gruppe), die Übersetzung aus dem Spanischen ist von uns. Die GCI-ICG-IKG, wie deren Publikation, verfolgen einige von uns seit Jahren und mit viel Interesse, auch wenn man nicht mit allem einverstanden ist, hier handelt es sich um eine kommunistische Gruppe und deren Publikation. Sie erschien oder erscheint weiterhin auf zwölf Sprachen, in der unter anderem Beiträge zu historischen und gegenwärtigen Fragen erscheinen, sowie auch scharfe und bissige Kritiken die den Reformismus, den Leninismus, generell den Marxismus-Leninismus, die UdSSR und viele andere Belange die wir genauso teilen, angreifen. Hierzulande eine eher unbekannte Gruppe und Publikation, von anderen Ländern wissen wir, dass diese Gruppe und Publikation von Anarchisten und Anarchistinnen mit Interesse verfolgt wird und von den meisten Kommunisten und Kommunistinnen, welche in den Augen der GCI nur Sozialdemokraten sind, gehasst. Hier ein weiterer Beitrag für die Debatte zum Thema Krieg. Wie alle Texte die wir übersetzten und veröffentlichen raten wir allen, genauso wie wir es tun, alles immer mit kritischen Verstand zu hinterfragen.


Invarianz/Unveränderlichkeit der Haltung der Revolutionäre zum Krieg

-Bedeutung der alten Parole des „revolutionären Defätismus“.

* * *

Der Standpunkt der Revolutionäre angesichts des kapitalistischen Krieges ist immer dieselbe: die soziale Revolution dem Krieg entgegenzusetzen, gegen die „eigene“ Bourgeoisie und den „eigenen“ Nationalstaat zu kämpfen. Diese Position wird historisch als revolutionärer Defätismus bezeichnet, weil sie offen verkündet, dass das Proletariat aller Länder gegen den Feind in seinem eigenen Land kämpfen muss, dass es handeln muss, um seine Niederlage zu provozieren, und dass es nur auf diese Weise für die revolutionäre Vereinigung des Weltproletariats handeln kann, nur auf diese Weise wird sich die proletarische Revolution überall entwickeln.

Die Frage von Krieg und Revolution, die Frage der Gegenposition zwischen Krieg und Revolution ist seit den Anfängen der Arbeiterbewegung von zentraler Bedeutung. In Zeiten des Krieges und der Revolution (und die ganze Geschichte zeigt uns die Interaktion zwischen diesen beiden Polen) sehen wir am deutlichsten, wer auf der einen Seite und wer auf der anderen Seite der Barrikade steht; die Position angesichts von Krieg und Revolution war historisch gesehen der Höhepunkt, an dem eine Reihe von Kräften und Parteien, die sich selbst als revolutionär (oder sozialistisch, oder anarchistisch, oder kommunistisch…) bezeichnet hatten, werden von ihrer konterrevolutionären Realität völlig entlarvt1, indem sie behaupten, dass dieser und jener „Krieg gerecht ist“, dass dieses und jenes Land „überfallen wurde“, dass sie „gegen den Krieg sind, aber… unter diesen Umständen…“, dass sie „die Befreiung dieser und jener Nation… gegen diese und jene andere… unterstützen“.

Vom revolutionären Standpunkt aus gesehen gibt es hingegen keine Schlupflöcher, keine Wendungen. Man muss nicht warten, bis der Krieg erklärt wird, um zu sehen, um welche Art von Krieg es sich handelt, man muss nicht über staatliche Geopolitik spekulieren, wie es bourgeoise Intellektuelle oder gebildete Zeitungen (wie Le Monde Diplomatique) tun, man muss nicht die Erklärungen im Namen des Friedens kennen, die beide Gegner abgeben werden, um zu wissen, wer der „Aggressor“ oder der „Angegriffene“ ist. Wie alle programmatischen Positionen des Kommunismus ist auch die Position der Revolutionäre angesichts eines Krieges zwischen bourgeoisen Staaten (oder nationalistischen Fraktionen, die Autonomie oder Unabhängigkeit beanspruchen) einfach und kategorisch:

– es gibt keine gerechten Kriege zu unterstützen,
– es gibt keine Verteidigungskriege,
– es gibt keine nationalen Befreiungskriege, die nicht innerimperialistisch (und damit imperialistisch) sein können,
– es gibt keine Seite, die für den Frieden und die andere für den Krieg ist,
– es gibt keinen Vertreter der Barbarei und keinen Vertreter der Zivilisation,
– es gibt keine Seite des Krieges, die aggressiver ist als die andere,
– es gibt keine demokratische Seite, die gegen eine diktatorische oder faschistische Seite zu verteidigen wäre… und auch nicht andersherum.

Im Gegenteil, alle diese Formeln werden von der einen oder anderen kapitalistischen Seite/Partei in gleicher Weise benutzt, um für ihren Krieg zu werben2.

Der klassische Standpunkt der Revolutionäre, sich mit aller Kraft gegen jeden Krieg zwischen Nationalstaaten zu wehren, entspringt nicht einer Frage der Vorstellungen darüber, wie wir die Welt gerne hätten, ein gemeinsamer Nenner aller Pazifisten, die immer im Namen des ewigen Friedens auf der einen oder anderen Seite des kapitalistischen Krieges landen und damit ihre Berufung bestätigen, in Wirklichkeit den „Frieden der Gräber“ zu verteidigen. Sie ergibt sich im Gegenteil aus den materiellen Interessen des Proletariats; aus der Tatsache, dass seine allgemeine Gegenposition zum Kapital nicht eine Gegenposition zu dieser oder jener bourgeoisen Fraktion ist, je nach der entwickelten Regierungspolitik, sondern zur gesamten Bourgeoisie, egal welche Politik sie verfolgt. Die praktische Gegenposition zu jedem Krieg zwischen Staaten ist die unvermeidliche Konsequenz der greifbaren Tatsache, dass unsere Interessen den Interessen der Bourgeoisie nicht entgegenstehen, weil sie „faschistisch“ oder „demokratisch“, rechts oder links, national-imperialistisch oder imperialistisch-national sind, sondern schlicht und einfach, weil sie bourgeois sind; der unausweichlichen Wahrheit ausgehend, dass es zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten keine Einheit geben kann, die nicht den Ersteren zugute kommt; dass jede kritische Front oder Unterstützung der einen Seite/Partei gegen die andere der Bourgeoisie gegen das Proletariat nützt.

Jede Klasse handelt nach ihren Interessen und ihrem grundlegenden Programm. Das Kapital ist nichts anderes als das Kapital, das mit dem Kapital konfrontiert ist, im Kapital selbst ist der Krieg zwischen den Kapitalen enthalten, und gerade deshalb nehmen alle bourgeoisen Fraktionen, unabhängig von ihrem Diskurs, auf die eine oder andere Weise am kommerziellen Krieg und am militärischen Krieg teil, der sich aus der Natur des Wertes ergibt, der gegen andere Werte kämpft um sich zu Verwerten. Ebenso kann das Proletariat nur als Klasse handeln und sich negieren, Kanonenfutter für nationale Kriege zu sein. Es geht nicht um eine Option unter vielen, sondern um seine Existenz als Klasse, um die Tatsache, dass das Proletariat keine partikularen oder regionalen Interessen zu verteidigen hat, die ihm im Gegensatz zu anderen Proletariern entgegenstehen, sondern im Gegenteil, jede Fraktion des Proletariats, wie begrenzt auch immer ihre Klassenaktion gegen das Kapital sein mag, enthält die Globalität, sie drückt die Interessen der Menschheit aus, indem sie sich gegen jeden Krieg stellt.

Es wird uns gesagt werden, dass die Proletarier an vielen nationalen Kriegen teilgenommen und die eine oder andere Seite/Partei unterstützt haben. Das stimmt, aber sie tun es nicht aufgrund ihrer eigenen Interessen, sie tun es gerade aufgrund der ideologischen Vorherrschaft der herrschenden Klasse, sie tun es nicht als Weltklasse, sondern als Kanonenfutter für die Bourgeoisie, sie tun es nicht als revolutionäre Klasse, sondern indem sie sich als Klasse negiert und dem Volk, der Nation anhängen, was die eigentliche Negation des Proletariats ist (das „kein Vaterland hat“). Der bourgeoise Krieg mit massiver und populärer Beteiligung (wie z.B. der so genannte „zweite“ Weltkrieg) ist die direkte Liquidierung des Proletariats, des eigentlichen Subjekts der Revolution zum Nutzen des Kapitals. Abgesehen von den subjektiven Interessen, die jeden Kapitalisten, jede bourgeoise Fraktion zum kommerziellen Krieg und dann zum militärischen Krieg führen, hat das Kapital als Ganzes ein objektives Interesse am Krieg: die Zerstörung des Subjekts der Revolution selbst, das Verschwinden des Kommunismus als Kraft, manchmal für eine lange historische Periode/Zeit.

Angesichts dessen ist die Entwicklung des Proletariats als Klasse Teil des Lebens selbst. In der Tat beginnt unser Kampf schon mit unserer Existenz als Klasse, denn wir befinden uns vom Moment unserer Geburt an in Gegenposition zum Privateigentum, zum Kapital, zum Staat. Deshalb gehen unsere Positionen als organisierte revolutionäre Proletarier nicht von Überlegungen aus, was die Seiten/Parteien im Kampf sagen, sondern von unserem langjährigen Kampf gegen die Ausbeutung, gegen die unmenschlichen Lebensbedingungen, die dieses System auferlegt und die in Kriegen ihren höchsten Grad (an Unmenschlichkeit) erreichen.

Da aber der Krieg das Wesen dieser Gesellschaft ist, da der Kapitalismus ohne periodische Kriege nicht leben kann und sein Lebenszyklus auf der sukzessiven Zerstörung der Produktivkräfte beruht, ist die einzige wirkliche, radikale und tiefgreifende Opposition gegen Kriege die revolutionäre Opposition; nur die soziale Revolution kann die Kriege für immer liquidieren.

Deshalb war der Ruf der Revolutionäre angesichts der Kriege immer der, den imperialistischen Krieg in einen sozialen Krieg für die Weltrevolution zu verwandeln.

Diese Parole allein hat sich jedoch in der Vergangenheit als unzureichend erwiesen. In der Tat bedeutet die wirkliche Gegenposition zum Krieg und zum internationalen Kapital praktisch eine offene Gegenposition zur Bourgeoisie und zum Staat, die auf beiden Seiten für den Krieg rekrutieren. Diese Gegenposition kommt ganz praktisch zum Ausdruck, weil die Bourgeoisie das gesamte terroristische Arsenal ihres Staates einsetzt, um die Einhaltung des Krieges und die Rekrutierung zu erzwingen: Kriegszustand, allgemeine Zensur, allgemeine Mobilisierung, nationalistischer Fanatismus (Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, religiöses Sektierertum), Anschuldigungen gegen Revolutionäre, die gegnerische Seite zu bevorzugen (oft konkrete Anschuldigungen, für dieses oder jenes Land zu spionieren), „Hochverrat an der Nation“ usw.3. Sich unter solchen Umständen gegen den Krieg im Allgemeinen und gegen die Bourgeoisie im Allgemeinen auszusprechen, ohne eine konkrete Aktion gegen die Steigerung der Ausbeutung, die jeder Krieg hervorbringt, ohne einen täglichen Kampf gegen den konkreten Krieg, den der Staat gegen das Proletariat führt, ist eine bloße Propagandaformel und keine revolutionäre Richtung der Aktion. In der Tat ist der bourgeoise Krieg in erster Linie der Krieg des Staates gegen „sein“ Proletariat, d.h. gegen das Proletariat im Lande selbst, um es zu brechen, die revolutionären Minderheiten zu liquidieren und es sanftmütig in den bourgeoisen Krieg zu führen. Das heißt, es ist unabdingbar, unvermeidlich, unaufschiebbar, davon auszugehen, dass „der Feind in unserem eigenen Land ist“, dass es „unsere eigene“ Bourgeoisie, „unser“ Staat ist. Im Kampf des Proletariats, um die Niederlage der „eigenen“ Bourgeoisie, des „eigenen“ Staates herbeizuführen, zeigt sich das Proletariat wirklich internationalistisch solidarisch mit der Weltrevolution. Oder um es unter dem Gesichtspunkt der Globalität zu sagen: die Weltrevolution ist genau die Verallgemeinerung des revolutionären Defätismus des Weltproletariats.

Wir gehen einen Schritt weiter, das Proletariat kann „dieses“ oder jenes Landes4 weder einen Schlag der Klasse gegen „seine“ Bourgeoisie und „seinen“ Staat führen, noch seinen Klassengeschwistern „auf der anderen Seite“, die ebenfalls gegen „ihre“ Bourgeoisie und „ihren“ Staat Krieg führen, die Hand reichen, ohne ein „Verbrechen des Hochverrats“ zu begehen, ohne zur Niederlage „der eigenen Armee“ beizutragen, ohne offen für die Auflösung der Armee „ihres“ Landes zu handeln. Darüber hinaus konkretisiert sich der revolutionäre Defätismus nicht nur in der Verbrüderung an den Fronten mit den Soldaten (Proletariern in Uniform) der „anderen Seite“ (der einzige Aspekt, den der Zentrismus5 zulässt), sondern in konkreten Aktionen zur Vernichtung der „eigenen“ Armee.

Historisch gesehen unterscheiden sich die Revolutionäre auch hier von den Zentristen, indem sie zur unabhängigen Organisation der Soldaten gegen die Offiziere aufrufen, indem sie die direkte Aktion der Sabotage der Armee anführen, indem sie die Parole verbreiten, auf die „eigenen Offiziere“ zu schießen (und dies mit aller Kraft durchführen), indem sie die auf den „ausländischen Feind“ gerichteten Waffen gegen die „Offiziere“ des Vaterlandes wenden.

In der Tat hat die Erfahrung von Krieg und Revolution, und insbesondere die konkrete Erfahrung des so genannten „Ersten Weltkriegs“, deutlich gemacht, dass die Losung des revolutionären Kampfes gegen den bourgeoisen Krieg völlig unzureichend und praktisch zentristisch ist, wenn sie nicht von praktischer Konkretheit begleitet wird, d.h. von offenem Kampf gegen die „eigene“ Bourgeoisie, für die Niederlage des „eigenen“ Staates, denn in allen Fällen impliziert der „Krieg gegen den Fremden“ zunächst einen „Krieg gegen das Proletariat“ dieses Landes. In der Tat, wenn man praktisch mit einer allgemeinen Mobilisierung konfrontiert ist, die von einer Bourgeoisie und einem konkreten Nationalstaat angeführt wird, zu sagen, dass man „gegen die gesamte Bourgeoisie gleichermaßen“ kämpft, oder nur die Parole des „revolutionären Kampfes gegen den Krieg“ zu erheben, ohne konkret für die Niederlage des „eigenen“ Landes zu handeln, bedeutet, Propagandismus6 zu betreibenund dem Chauvinismus in die Hände zu spielen. Während dieses Krieges hat sich das gesamte Zentrum der Zweiten Internationale ausgesprochen (in Opposition zum rechten Flügel, der sich für die „Verteidigung des Vaterlandes“ aussprach) die Revolution gegen den Krieg entgegenzusetzen und radikale Slogans wie „Krieg gegen den Krieg“ lanciert, sich aber gleichzeitig gegen revolutionäre defätistische Slogans gewehrt, weil es meinte (wie die Generäle der Armee!), dass dies dem nationalen Feind zugute käme und Slogans wie „weder Sieg, noch Niederlage“ aufstellte.

Es darf nicht vergessen werden, dass sich keine bourgeoise Fraktion jemals für den Krieg ausspricht, sondern alle behaupten, für den Frieden zu kämpfen: selbst die Generäle wissen, dass der Frieden nur eine grundlegende Waffe des Krieges ist. Als Sozialdemokraten wie E. David für die Kriegskredite stimmten7, taten sie dies nicht im Namen des Krieges, sondern im Namen des Friedens und um eine „Niederlage zu verhindern“. E. David begründete sein Votum wie folgt: Der Sinn für unsere Abstimmung am 4. August ist folgender: nicht für den Krieg, sondern gegen die Niederlage“. Es ist klar, dass angesichts des Krieges, der im Krieg zwischen dem Proletariat und „seinem“ Staat konkret wird, sowohl diese klassische Position des bourgeoisen Sozialismus als auch die des „weder Sieg noch Niederlage“ das Proletariat desorganisiert und dazu beiträgt, es zur Schlachtbank zu führen.

Lenin schloss sich in diesem Punkt der „internationalen kommunistischen Linken“ an, die sich der dominierenden zentristischen Position der internationalen Konferenzen (von Kiental, von Zimmerwald) entgegenstellte. Im Gegensatz zum individuellen Fetischismus und trotz aller Kritik, die wir an Lenin geübt haben, haben wir keine Skrupel, ihn in jenen Jahren zu zitieren, in denen er tatsächlich mit der Kritik der Revolutionäre übereinstimmte, als er in der Praxis gegen den sozialdemokratischen Zentrismus kämpfte:

Der revolutionäre Kampf gegen den Krieg“ ist einer von den hohlen und inhaltslosen Ausrufen, auf die sich die Helden der II. Internationale so meisterhaft verstehen, wenn darunter nicht revolutionäre Aktionen gegen die eigene Regierung und während des Kriegs verstanden werden sollen. Schon ein klein wenig Nachdenken reicht hin, das einsehen zu lassen. Revolutionäre Aktionen gegen die eigene Regierung während des Kriegs bedeuten aber unstreitig und unzweifelhaft nicht nur den Wunsch nach einer Niederlage, sondern auch die tatsächliche Förderung einer solchen Niederlage…… Revolution während des Kriegs ist Bürgerkrieg, aber die Umwandlung des Kriegs der Regierungen in den Bürgerkrieg wird einerseits durch militärische Misserfolge (durch die „Niederlage“) der Regierungen erleichtert; anderseits ist es faktisch unmöglich, eine solche Umwandlung anzustreben, ohne gerade damit die Niederlage zu fördern.….. Vor der „Losung“ der Niederlage bekreuzigen sich die Chauvinisten (samt dem OK und der Fraktion Tschcheïdse) eben darum, weil diese Losung einzig und allein die konsequente Aufforderung zu revolutionären Aktionen gegen die eigene Regierung während des Kriegs bedeutet. Ohne solche Aktionen aber sind Millionen von höchst revolutionären Phrasen über den Krieg gegen den „Krieg und die Bedingungen usw.“ keinen halben Groschen wert.…. Die Gegner der Niederlage-Losung haben einfach vor sich selber Angst, wenn sie die sonnenklare Tatsache nicht offen ins Auge fassen wollen: dass zwischen revolutionärer Agitation gegen die Regierung und Förderung ihrer Niederlage ein untrennbarer Zusammenhang besteht.…. Wer für die Losung „Weder Siege noch Niederlagen“ eintritt, der ist ein bewusster oder unbewusster Chauvinist, der ist bestenfalls ein versöhnlicher Kleinbürger, auf jeden Fall aber ein Feind der proletarischen Politik, ein Anhänger der jetzigen Regierungen, der jetzigen herrschenden Klassen.8

Es ist anzumerken, dass auch diese Konkretisierung der seit langem bestehenden Position der Revolutionäre, die soziale Revolution dem Krieg entgegenzusetzen, die im revolutionären Defätismus besteht, nicht aus irgendwelchen ideologischen Spekulationen über die Politik dieser oder jener bourgeoisen Fraktion entspringt, sondern aus dem Wesen des Proletariats selbst, aus seinen vitalen Bedürfnissen. In der Tat entspringt der gesamte Kampf des Proletariats, der gesamte programmatische Inhalt der kommunistischen Revolution, dem Kampf gegen die Ausbeutung. Das Natürlichste ist, dass das Proletariat angesichts des Krieges den permanenten Kampf gegen die Ausbeutung (Kampf gegen die „eigenen“ Bosse, gegen die „eigene“ Bourgeoisie, gegen die „eigenen“ Gewerkschaften/Syndikate, gegen die „eigene“ Regierung) nicht nur nicht aufgibt, sondern verschärft, denn Krieg bedeutet immer, dass alle Ausbeutungsbedingungen und generell alle Lebensbedingungen (und Kämpfe) brutal verschärft werden. Es werden dieselben Bourgeois, dieselben Gewerkschafter/Syndikalisten, dieselben Politiker und Machthaber sein, die ausnahmslos versuchen werden, das Proletariat von seinen Lebensbedingungen zu abstrahieren und mehr Opfer, mehr Arbeit für weniger Lohn und viele andere Dinge zu fordern, die von den Ländern oder Umständen abhängen, sondern von der freiwilligen Kollekte für die Front bis zum ministeriellen Erlass, der tagelange Zwangsarbeit vorschreibt, um die Kriegsanstrengungen aufrechtzuerhalten, oder der besagt, dass von nun an ein bestimmter Prozentsatz des Lohns an die „Nation“ geht, um den Krieg zu führen (Saddam Hussein verhängte sogar mehrere Monate Gratisarbeit, um seinen Krieg zu finanzieren! ). Während der Nationalismus unter diesen Umständen das Proletariat angreift, versucht der Zentrismus, den unmittelbaren revolutionären Kampf9 gegen die Teile der Bourgeoisie zu verzögern/verschieben, die direkt Kriegsopfer fordern, wofür sie nicht zögern werden, vage Parolen über die Ablehnung der Revolution gegen den Krieg im Allgemeinen auszusprechen, dass wir dem „feindlichen Land“ nicht in die Hände spielen dürfen, dass der Kampf gegen den Kapitalismus im Allgemeinen keinen revolutionären Defätismus erfordert, weil alle Fraktionen des Kapitals gleich sind10, wie es bei jedem sozialdemokratischen Zentrismus der Fall war. Gerade in den Momenten, in denen jeder unmittelbare Kampf gegen die Ausbeutung den Charakter einer Sabotage der nationalen Kriegsanstrengungen annimmt und der revolutionäre Kampf sogar für die Beschaffung des täglichen Brotes unabdingbar wird, können sich die Positionen des Zentrismus, die einer klassischen Position der bourgeoisen Neutralität ähneln, die durch eine Reihe bombastischer Erklärungen gegen den Krieg und für die Revolution ergänzt wird, als letzte Barriere der konterrevolutionären Eindämmung erweisen.

In allen Kriegsfällen wird die Ausbeutungsrate (Mehrwert des variablen Kapitals) direkt erhöht, während gleichzeitig dem Proletariat eine Verschlechterung aller Existenzbedingungen durch den Krieg selbst, durch Zerstörung, durch Verknappung (und den daraus resultierenden Preisanstieg) aufgezwungen wird, und weil Krieg auch bedeutet, dass Staatsterrorismus eingesetzt wird, um Proletarier zum Sterben und Töten an der Schlachtfront zu treiben.

Deshalb ist die Position, gegen die „eigene“ Bourgeoisie zu kämpfen, für die Niederlage des „eigenen“ (imperialistischen) nationalen Lagers zu kämpfen, nichts, was Revolutionäre erfinden oder von außen in die Bewegung einführen müssen, sondern ergibt sich auch aus der Entwicklung des Kampfes gegen die Ausbeutung selbst, der mit dem Krieg einen qualitativen Sprung macht. Die Trennung zwischen Ökonomie und Politik, die den Proletariern eingeredet wird und die in Friedenszeiten eine gewisse Realität zu haben scheint, wird im Krieg praktisch liquidiert: jede Illusion, die ökonomischen Bedingungen des Proletariats zu verteidigen, ohne Politik zu machen, zerbricht, jede Aktion des Proletariats zur Verteidigung seiner vitalen Interessen wird der Politik „seines“ Staates entgegengesetzt: der „ökonomische“ Kampf des Proletariats in Kriegszeiten ist unmittelbar ein defätistischer Kampf, er ist unmittelbar ein revolutionärer Kampf. Revolutionärer Defätismus ist eine Frage von Leben und Tod für das Proletariat. Jede Aktion, die sich auf proletarische Interessen stützt, führt zur Niederlage „des eigenen Staates“, und wie Lenin den Zentristen entgegenhält, ist jede wirklich revolutionäre Agitation, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen, ein Beitrag zur Niederlage „des eigenen Lagers“.

Wenn uns also im Namen von was auch immer gesagt wird, dass der Kampf gegen die Ausbeutung aufgegeben werden muss oder dass er im Moment nicht der wichtigste Kampf ist, sondern dass der Hauptfeind ein anderer ist (z.B. eine solche Diktatur oder der Faschismus11), dann geht es schlicht und einfach darum, den Kampf des Proletariats zu liquidieren. Schlimmer noch: Da das Proletariat in Kriegszeiten seine elementarsten Lebensbedingungen nicht verteidigen kann, ohne gegen die „eigene“ Bourgeoisie zu kämpfen, ohne offen für die Niederlage der „eigenen“ Regierung einzutreten, setzt es, wenn es dies nicht tut, nicht nur seine elementarsten materiellen Interessen, sondern seine Existenz als Klasse selbst außer Kraft.

Das heißt, dass die Positionen der Revolutionäre zum Krieg in völliger Übereinstimmung mit den allgemeinen Positionen stehen, weil sie sich aus den Interessen des Proletariats selbst ergeben, aus den unmittelbaren und historischen Interessen des Proletariats, die untrennbar sind. Unter keinem Aspekt, unter keinen Umständen kann das Proletariat ein Interesse daran haben, irgendetwas, absolut nichts, im Namen des Krieges gegen den äußeren Feind zu opfern oder in dem Namen, dass, da die Feinde alle gleich sind, das Beste in der Frage des Krieges ist „weder Niederlage noch Sieg“. Wer davon spricht, die eigenen Lebensbedingungen beiseite zu schieben, sich im Namen des Kampfes gegen den Faschismus, gegen den Imperialismus, gegen den äußeren Feind zu opfern, … der verrät die Interessen des Proletariats.

Abschließend müssen wir auf einen letzten Einwand antworten, mit dem die defätistische Position der Revolutionäre immer bekämpft wurde. Es liegt auf der Hand, dass die gesamte Konterrevolution eine nationale Niederlage mit dem Sieg der gegnerischen nationalen Seite/Partei gleichgesetzt wird, und auf der Grundlage dieses Arguments haben die Zentristen Parolen wie „weder Sieg noch Niederlage“ verbreitet. Aber es ist klar, dass diese Position ausschließlich im nationalen Rahmen (und nicht in dem der Klassen) angesiedelt ist und dass sie im Krieg nur nationale Triumphe sieht und nicht die revolutionäre Liquidierung der Armee, den proletarischen Aufstand usw. Auch wenn diese Position als links oder extrem links verkleidet wird, handelt es sich um dieselbe militaristische und imperialistische Argumentation der Generäle, die den Krieg führen: Für sie ist es logisch, dass das revolutionäre Proletariat ein echter „nationaler Verräter“ ist, der „den Feind des Vaterlandes begünstigt“. Die Realität ist, dass je mehr sich die Niederlage der nationalen Armee beschleunigt und je mehr Aufstände der Truppen und aufständische Meutereien stattfinden, je mehr Verbrüderung an den Fronten stattfindet, desto mehr wird auch die gegnerische nationale Armee geschwächt und es ist historisch nachweisbar, dass es die Offiziere der „eigenen“ Armee sind, die sich mit denen der gegnerischen Seite zusammentun, um gegen die proletarische Bewegung zu kämpfen. Das ist ganz normal, denn die aufständische Zersetzung des Staates geht immer über den streng nationalen Rahmen hinaus, und wenn das Proletariat wirklich „seine eigene Bourgeoisie“, „seine eigene Armee“, „seinen eigenen Staat“ angreift, dann greift es gerade die gesamte Bourgeoisie, alle bourgeoise Armeen, den gesamten weltweiten Staat, kurz das weltweite Kapital an. Nicht umsonst sehen wir in der gesamten kapitalistischen Geschichte, dass angesichts dieses Prozesses des allgemeinen Defätismus die gesamte Weltbourgeoisie dazu neigt, sich zu vereinigen, Vereinbarungen gegen die Desertion in beiden Lagern zu treffen und die Hochburgen der Aufständischen gemeinsam anzugreifen. Es ist daher unvermeidlich, dass die Konfrontation von Klasse gegen Klasse in den Vordergrund tritt.

Oder besser gesagt, um auf das zurückzukommen, was wir vorhin gesagt haben: die revolutionäre Niederlage ist der beste Weg, den imperialistischen Krieg international in einen revolutionären Bürgerkrieg, den Krieg zwischen Nationen oder Fraktionen des Kapitals in eine soziale Revolution zu verwandeln.

Je mehr die Niederlage und Desorganisation des „eigenen“ Staates bekräftigt wird, desto unfähiger wird dieser Staat sein, revolutionäre Aktionen zu unterdrücken, und desto leichter wird es sein, revolutionäre Aktionen, die gemeinsam mit dem Proletariat des anderen Lagers durchgeführt werden, zu kommunizieren und zu zentralisieren. Der Kampf „gegen die eigene Bourgeoisie“ und gegen den „eigenen“ Staat erreicht also seine höchste Stufe, wenn auf beiden Seiten der bourgeoisen Front Agitation und direkte Aktion die revolutionäre Desorganisation und Niederlage aller Armeen provozieren und die revolutionäre Aktion des Proletariats gegen sie gestärkt wird.

Natürlich ist in vielen Fällen der revolutionäre Defätismus in einem Lager viel stärker als im anderen Lager, was im Allgemeinen darauf zurückzuführen ist, weil die politisch-militärische Zermürbung der Armee des einen Lagers größer ist als im anderen oder/und auf die revolutionäre Aktion selbst, auf die Organisation der Soldaten, auf die Entscheidung der Sektoren der Avantgarde des Proletariats (A.d.Ü., zurückzuführen ist). Aus bourgeoiser Sicht wird dies auch genutzt, um zu behaupten, dass das gegnerische nationale Lager dadurch begünstigt wird. Die Stärke des revolutionären Defätismus in einem Lager ermöglicht jedoch ein noch entschlosseneres Vorgehen, um den revolutionären Defätismus im gegnerischen Lager durch dieselben Mechanismen zu entwickeln und zu stärken, die in „unserem“ Lager zu Ergebnissen führen. Eine koordinierte Aktion mit den Internationalisten des anderen Lagers wird eine viel wirksamere defätistische Propaganda ermöglichen, die Aufrufe zur Desertion „im anderen Lager“ werden viel mehr Kraft haben und von den Soldaten des anderen Lagers besser verstanden werden.

In der Tat dürfen wir keinen Augenblick vergessen, dass die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen revolutionären sozialen Krieg durch die Verallgemeinerung des revolutionären Defätismus ermöglicht wird, was wiederum Agitation und direkte Aktionen in allen Lagern erfordert, die von den Sektoren der Avantgarde des Proletariats genutzt werden müssen, um die Aktionen über die Frontlinien hinweg zu koordinieren, die die internationale Bourgeoisie zu erzwingen versucht. Gerade in dem Lager, in dem der revolutionäre Defätismus am allgemeinsten und tiefsten ist, werden sich die Minderheiten der Avantgarde mit der größten Fähigkeit wiederfinden, den revolutionären Defätismus auch im „gegnerischen Lager“ zu entwickeln. Es liegt auf der Hand, dass dort, wo der revolutionäre Defätismus schwach ist, wo die Unterdrückung erfolgreich ist usw., die größte internationalistische Hilfe von den Gefährten kommen wird, denen es im „anderen Lager“ gelingt, die revolutionäre Niederlage zu erzwingen. Wie wir bereits sagten, wird die beste Hilfe von den Gefährten des „anderen Lagers“ aus der revolutionären Niederlage „ihrer“ Armee kommen, die in dem Maße, in dem ihnen dies gelingt, eine größere Fähigkeit erlangen wird, zur Verbrüderung an den Fronten, zur Desertion, zur Organisation des Kampfes für die Verallgemeinerung des Defätismus aller bourgeoisen Armeen aufzurufen.

Der revolutionäre Defätismus ist seinem Inhalt nach allgemein und niemals national, weshalb er sich zwar in den verschiedenen Ländern oder bourgeoisen Lagern auf unterschiedlichen Ebenen äußert, aber sobald er in einem Land oder Lager konkret wird, unweigerlich dazu neigt, sich auf die anderen zu verallgemeinern. Dieser historische Determinismus wird logischerweise von der proletarischen Avantgarde übernommen und gelenkt, die versuchen wird, ihre defätistischen Bemühungen (Propaganda, Aktionen, Sabotage…) genau an den Orten und „Lagern“ des imperialistischen Krieges zu konzentrieren, wo der Defätismus weniger stark ist, um dem Proletariat „dieses Lagers“ zu zeigen, dass sie mit revolutionärem Defätismus nichts zu verlieren, aber eine Welt zu gewinnen haben.

Bei allen großen revolutionären Erfahrungen ist dieses unvermeidliche Phänomen der Verallgemeinerung des revolutionären Defätismus beobachtet worden12. Im Gegensatz zu allen defensiven oder neutralistischen Argumenten (der Zentristen) ist ein Land, in dem der revolutionäre Defätismus die Oberhand gewonnen hat, keineswegs leichter zu beherrschen oder einzunehmen, sondern es ist ein enormes Risiko für die Bourgeoisie der gegnerischen Seite, den innerbourgeoisen Krieg aufrechtzuerhalten. Von der Pariser Kommune bis zur proletarischen Revolution in Russland 1917 zeigt sich, dass die „gegnerische nationale Armee“ angesichts der aufständischen Bewegung des Proletariats gelähmt war und eine starke Tendenz zur Verbrüderung und zu Truppenbewegungen gegen die „eigene“ Bourgeoisie aufwies. Als die deutsche Bourgeoisie 18/19 dieses Gesetz missachten und den imperialistischen Krieg gegen das aufständische Russland fortsetzen wollte, stellte sie schnell fest, dass der revolutionäre Defätismus in Deutschland selbst dank der „Ansteckung“ und der revolutionär-defätistischen Aktion der Kommunisten beider Lager ungewöhnlich stark wurde: Das Ergebnis war der proletarische Aufstand auch in Deutschland (obwohl er später niedergeschlagen wurde). Auch die ehemaligen Verbündeten Russlands erklärten dem revolutionären Russland wegen „Nichteinhaltung früherer diplomatischer und militärischer Vereinbarungen“ den Krieg, und fast ein dutzend Armeen versuchten, die aufständische Bewegung in diesem Land zu zerschlagen. Aber auch hier war der revolutionäre Defätismus in all diesen Armeen weit verbreitet, und die Organisation von Arbeitern und Soldaten sowie die Verbrüderung, die Erschießung von Offizieren, die Besetzung von Schiffen durch revoltierende Matrosen und von Kasernen durch die Truppen waren in den französischen, belgischen und britischen Streitkräften sehr wichtig… Der revolutionäre Defätismus war in allen Ländern, die am Krieg teilgenommen hatten, allgemein, ebenso wie die Welle des weltweiten proletarischen Aufstands im Jahr 1919, und zwar in einem Maße, dass die klarsten Bourgeois verstanden, dass es nicht möglich ist, den Aufstand und den revolutionären Defätismus zu bekämpfen, indem man mehr Soldaten, mehr Armeen schickt, denn diese zerfallen angesichts des aufständischen Proletariats immer schneller und heftiger. Diese Wahrheit wurde von Winston Churchill zum Ausdruck gebracht, als er sagte, dass der Versuch, einen Aufstand mit Hilfe der Armee zu stoppen, dem Versuch gleichkommt, eine Flut mit einem Besen aufzuhalten.

Mit anderen Worten: der revolutionäre Defätismus darf niemals als eine Frage von Ländern oder Nationen verstanden werden, sondern als eine allgemeine Gegenposition des Proletariats gegen das Kapital. In der Tat haben wir bis heute ohne weitere Erläuterungen von „unserer“ Bourgeoisie, „unserem“ Staat usw. gesprochen, und wie alle unsere Leser wissen, hat unsere Fraktion von Anfang an immer bekräftigt, dass der Staat weltweit ist, dass das Kapital weltweit ist. Vom Standpunkt des revolutionären Defätismus kann man, wenn man gegen die „eigene“ Bourgeoisie oder den „eigenen“ Staat vorgeht, auf keinen Fall glauben, dass es sich um eine Frage der Nationalität der Bourgeoisie oder der Regierung handelt, wie unsere Feinde, die versuchen, den unveränderlichen Inhalt unserer Positionen zu verdrehen, uns glauben machen wollen. Wir sind es leid zu wiederholen, dass das Proletariat gegen die gesamte Bourgeoisie und gegen alle Regierungen kämpfen muss. Es geht darum, den Kampf gegen die direkten Bosse und die direkten Unterdrücker zu bekräftigen, aber als Teil des weltweiten Kampfes des Proletariats gegen die weltweite Bourgeoisie. Das Proletariat kann nicht durch irgendwelche Mittelsmänner kämpfen, deshalb ist der Kampf gegen das Kapital immer ein Kampf gegen die direkte Ausbeutung und die direkte staatliche Repression. Sie ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Deshalb kann der Parlamentarismus dem Proletariat niemals dienen, denn das Proletariat kann seine Interessen nur durch seine eigene direkte Aktion durchsetzen. Es ist dieser Kampf gegen Ausbeutung und direkte Unterdrückung, der die Grundlage der weltweiten Kapitalakkumulation und des Weltstaates selbst angreift. Oder anders ausgedrückt: das zentrale Merkmal des Kampfes des Proletariats ist die organische Zentralität seiner direkten Aktion gegen das Kapital, wodurch (im Gegensatz zum Kampf des Kapitals) selbst wenn dieser Kampf in einem einzelnen Viertel, Industriebezirk oder einer Stadt stattfindet, er die Gesamtheit umfasst und unabhängig vom Bewusstsein der unmittelbaren Protagonisten die allgemeinen organischen Interessen des Proletariats als Ganzes repräsentiert.

Die zentralen Bestimmungen des Kampfes der Bourgeoisie und des Proletariats sind vollkommen entgegengesetzt. Wie allgemein der Kampf einer bourgeoisen Fraktion13 auch sein mag, er beinhaltet immer egoistische und partikuläre Interessen, denn die Verwertung greift andere Verwertungsprozesse mit widersprüchlichen Interessen an. Deshalb ist ihre Einheit im Grunde eine demokratische Einheit, ein instabiles Bündnis, das aus der Vereinigung gegensätzlicher Interessen entsteht und immer wieder zerbricht. Die verschiedenen Niveaus der bourgeoisen Vereinheitlichung sind immer Vereinheitlichung gegenüber anderen, und alle werden produziert, um dem Konkurrenten (oder militärischen Feind) besser gegenübertreten zu können. Das Proletariat hingegen bekräftigt, so eigen/eigenartig ein konkreter Kampf auch sein mag, bestätigt dieses sein organisches Wesen als Gesamtheit gegen das Kapital als Ganzes.

Wenn wir also von „unserem“ Staat, „unserer“ Bourgeoisie sprechen, meinen wir nicht die Bourgeoisie und den Staat dieser Nation14, sondern schlicht und ergreifend die Bourgeoisie, die uns direkt ausbeutet, die Unterdrücker, die uns direkt unterdrücken, die Priester und/oder Gewerkschafter/Syndikate die wir vor uns haben, die uns ins Schlachthaus des Krieges führen wollen, kurz gesagt, die Tentakel des Weltstaates, die uns erdrücken und die wir abschneiden müssen, um das allgemeine Kräfteverhältnis gegen das internationale kapitalistische Monster zu verbessern.

Wenn zu irgendeinem Zeitpunkt, um die Ordnung des Kapitals wiederherzustellen, die direkten Bosse, mit denen wir konfrontiert sind, durch andere ersetzt werden oder die nationale Regierung um Hilfe aus dem Ausland bittet, um zu unterdrücken, wird der revolutionäre Defätismus weiterhin in vollem Umfang gegen diese neuen Bosse und direkten Unterdrücker angewandt werden, unabhängig von ihrer Nationalität, auf die gleiche Weise und aus den gleichen Gründen wie gegen die alten Bosse und die alte Regierung. Dies ist angesichts des gesamten bourgeoisen und imperialistischen Problems der nationalen Befreiung äußerst wichtig, da der Kampf gegen die lokale Bourgeoisie oft in den Kampf gegen die „imperiale“ Bourgeoisie umgelenkt wird15 und in vielen Fällen der Kampf zwischen den nationalen Fraktionen versucht, sich gegen den Klassenkampf durchzusetzen. Die komplizierteste Situation, die entstehen kann, ist, wenn die lokale Bourgeoisie, die vom „eigenen“ Proletariat völlig überwältigt ist und in ihrer Opposition bourgeoise Sektoren hat, die „antiimperialistische“ Reden halten, um die Hilfe der „Imperialisten“ bittet, um das aufständische Proletariat zu unterdrücken, oder wenn die bourgeoise Fraktion, die behauptet, „antiimperialistisch“ zu sein, sich militärisch gegen die anderen durchsetzt. In solchen Fällen geht es darum, das Proletariat zwischen zwei imperialistische Mächte zu drängen und so den sozialen Kampf, den es führt, in einen imperialistischen Krieg zu verwandeln. Aber auch in dieser Situation haben wir es nicht mit etwas Neuem zu tun, sondern mit dem klassischen imperialistischen Krieg gegen das Proletariat, der wie alle imperialistischen Kriege in Form von Nationalflaggen getarnt ist16. Natürlich ändert sich die Position der Revolutionäre angesichts dieses Krieges keineswegs, sondern im Gegenteil: der revolutionäre Defätismus zeigt seine volle Angemessenheit und wird weiterhin in seiner Gesamtheit sowohl gegen die „Befreier der Nation“, die behaupten, antiimperialistisch zu sein, als auch gegen die militärische Gewalt der „imperialen Macht“, die versucht, die Ordnung wiederherzustellen, angewandt.

Das heißt, dass sich der revolutionäre Kampf zur Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen sozialen Krieg gegen die „eigene“ Bourgeoisie in absolut allen Fällen im revolutionären Defätismus konkretisiert, d.h. im Kampf gegen den Feind „im eigenen Land“, gegen denjenigen, der im Namen des Weltkapitals direkt „unsere“ direkte Ausbeutung, „unsere“ direkte Unterdrückung übernimmt. Die Stärke des Proletariats, sich dem Kapital entgegenzustellen, hängt gerade von seiner Fähigkeit ab, sich dem Kampf gegen die verschiedenen bourgeoisen Fraktionen, gegen die verschiedenen Formen der Beherrschung, die das Kapital versucht, anzupassen.

In diesem Sinne haben die Revolutionäre angesichts jedes bourgeoisen Krieges die gleiche Losung des revolutionären Defätismus erhoben, werden sie erheben und werden sie immer erheben.

Heute wie gestern:

Der Feind ist in „unserem“ Land! Es ist „unsere“ Bourgeoisie!

Richten wir die Waffen, gegen diejenige die wollen dass wir sie gegen Ausländer richten, gegen „unseren eigenen“ Staat!

Verwandeln wir den innerbourgeoisen Krieg in einen revolutionären Krieg!

Lasst uns den Krieg zwischen den Staaten in einen Krieg der Zerstörung aller Staaten verwandeln!


1Die Tatsache, dass sich die offizielle europäische Sozialdemokratie 1914 auf die Seite des nationalen Krieges stellte, ist nur eine Bestätigung ihres konterrevolutionären Charakters, den viele revolutionäre Militante immer angeprangert hatten. Insbesondere die deutsche Sozialdemokratie hingegen hatte bereits die imperialistische Militäraktion des „eigenen“ Staates unterstützt. Aber die Tatsache, dass 1914 der imperialistische und bourgeoise Charakter der sozialistischen Parteien völlig entlarvt wurde, führt oft zu der (von zahllosen zentristischen Gruppen und Parteien aufrechterhaltenen) Mystifikation, dass die Sozialdemokratie erst 1914 den Charakter einer proletarischen Organisation aufgegeben habe.

2Hier geht es nur darum, unsere Positionen ohne Argumente oder Erklärungen zu bekräftigen. Wer unsere Erklärung wissen will, warum z.B. jeder nationale Befreiungskrieg ein imperialistischer Krieg ist, warum Frieden ein Teil des Krieges ist oder warum wir jede Unterstützung einer demokratischen Seite gegen eine diktatorische oder faschistische ablehnen, sollte andere Ausgaben unserer zentralen Zeitschrift Comunismo lesen, die über unseren Postfach bestellt werden können. Für die verfügbaren Materialien und ihre Aufteilung in den verschiedenen Ausgaben dieser Zeitschrift empfehlen wir Ihnen, die ZUSAMMENFASSUNGEN zu konsultieren.

3In diesem „usw.“ sind die Staaten so weit gegangen, dass sie ganze Regionen bombardiert haben, in denen sich Deserteure versammelten (siehe unsere verschiedenen Texte über den Klassenkampf im Irak), bis hin zur Zerstörung ganzer Städte und Dörfer wegen der mangelnden Kriegsbeteiligung.

4Es ist programmatisch immer richtiger, das (Welt-)Proletariat in diesem oder jenem Land zu verstehen, aber manchmal ist es angesichts der herrschenden Sprache eine zu schwere Formulierung. Es ist äußerst wichtig, im Folgenden nie aus den Augen zu verlieren, dass wir, egal welche Formulierung wir zu verwenden gezwungen sind, uns immer auf das Weltproletariat in dieser oder jener Region oder diesem Land beziehen.

5A.d.Ü., der Zentrismus ist die Haltung, oder Position, wenn man zwischen der Revolution und dem Reformismus pendelt. Der Zentrismus plädiert für eine Revolution in der Zukunft, aber drängt in der Gegenwart, zu reformistischen Praxen.

6Das ist im Grunde dieselbe idealistische Position wie die derjenigen, die sagen, man dürfe nicht für unmittelbare Forderungen kämpfen, weil das reformistisch sei, und man müsse für die Revolution kämpfen, als ob die Reformisten die unmittelbaren Interessen des Proletariats befriedigen könnten, als ob der Kampf für die soziale Revolution anders als durch die Verallgemeinerung aller unmittelbaren Forderungen entstehen und gestärkt werden könnte, als ob die Revolution selbst etwas anderes wäre als das immer unmittelbarere Bedürfnis des Proletariats als Ganzes!

7Die berühmte Abstimmung der Sozialdemokraten für die Kriegskredite, um das so viel Rumgegackert wurde, ist nur der symbolische Teil einer allgemeinen Aktion der Sozialdemokratie, um das Proletariat zu brechen und es zur Schlachtbank zu führen. Die Mystifizierung besteht darin, zu glauben, dass diese Abstimmung kriegsentscheidend war, obwohl sie nichts anderes war als die parlamentarische Formalisierung einer viel allgemeineren Aktion, die jahrzehntelang von der Sozialdemokratie domestiziert wurde, damit die Proletarier zustimmen, im Interesse der bourgeoisen Oberherren zu töten und getötet zu werden. Allerdings müssen wir hinzufügen, dass die Sozialdemokraten selbst diese Abstimmung immer mystifiziert haben, so dass es interessant ist, sie zu zitieren, wenn sie es zu rechtfertigen versuchen.

8Lenin in „Über die Niederlage der Regierung selbst im imperialistischen Krieg“, Sotsial-Demokrat, Nr. 43 – 26. Juli 1915.

9Unsere Grupe hat immer die sozialdemokratische Trennung zwischen ökonomischen und politischem Kampf, zwischen unmittelbarem Kampf und historischem Kampf verurteilt, die immer zur Schaffung von Zwischenprogrammen oder Brücken führt. Dies ist natürlich allgemein gültig, aber gerade in Kriegszeiten und der damit verbundenen nationalen Anstrengung und Mobilisierung wird unsere Behauptung gesellschaftlich deutlicher und unmittelbar akzeptabel. In einer solchen Zeit greift nämlich jeder ökonomische Kampf des Proletariats die nationale Kriegsanstrengung an, jeder unmittelbare Kampf gegen die Ausbeutung nimmt den Charakter eines Krieges gegen den Staat an, und der autonome Kampf des Proletariats ist unmittelbar ein revolutionärer Kampf.

10Es ist natürlich richtig, dass alle Fraktionen des Kapitals gleichermaßen Feinde des Proletariats sind. Das Problem ist, dass dieses Argument unter diesen Umständen dazu dient, den einzig möglichen Kampf zu lähmen: den konkreten Kampf gegen die Bourgeoisie und den Staat, der die nationalen Kriegsanstrengungen ausbeutet, beherrscht und aufzwingt. Außerdem ist dies der einzige Weg für das Proletariat, seine eigene Macht zu entwickeln und gleichzeitig gegen die Bourgeoisie des gegnerischen Lagers und gegen das gesamte Kapital im Allgemeinen zu kämpfen, was, wie wir sehen werden, mit der revolutionären Niederlage „seiner Armee“ und der Verallgemeinerung des Aufstandes konkretisiert wird.

11Das Schreckgespenst des Faschismus ist eine Konstante der Konterrevolution, die die Menschheit seit den 1920er Jahren mit Hunderten von Millionen Toten bezahlt hat (darunter die 60 Millionen Toten des so genannten Zweiten Weltkriegs). Erinnern wir uns daran, dass es dem (republikanischen) Staat mit dem Schreckgespenst des Faschismus gelang, das Proletariat in Spanien 1936/37 zu liquidieren und zu entwaffnen, was das letzte revolutionäre Hindernis für den Krieg darstellte, den das Weltkapital erzwingen musste und den es schließlich auch durchsetzen konnte.

12Und umgekehrt: wenn der revolutionäre Defätismus nirgendwo durchgesetzt wird und das Proletariat der Nation, der Volksfront, dem Faschismus und dem Antifaschismus unterworfen ist, wie es zum Beispiel während des so genannten „zweiten“ Weltkriegs der Fall war, entwickelt sich der nationale Imperialismus an allen Fronten und in allen Bereichen und die Verallgemeinerung des Massakers ist total. In solchen Fällen zerstört der Krieg alles, was das Kapital braucht, um einen neuen Expansionszyklus auf der Grundlage der Leichenberge toter „Arbeiter“, die ihre Nationalflagge umarmen, neu zu starten.

13Und der Yankee-Staat ist nicht der erste in der Geschichte der bourgeoisen Gesellschaftsformation, der für sich in Anspruch nimmt, die allgemeinen Interessen des Weltkapitals zu verkörpern! Seit den Anfängen des Kapitalismus haben verschiedene bourgeoise Mächte und Bündnisse (vom Vatikan selbst bis zu den Indischen Kompanien oder der Seemacht des Britischen Empire) versucht, eine einheitliche und feste Ordnung zu schaffen. Aber diese Einheit bekommt immer Risse und zerstört damit alle Theorien des Weltmonopols und des Ultraimperialismus, die so viele Anhänger im Lager der Bourgeoisie im Allgemeinen und der Sozialdemokratie im Besonderen hatten und haben.

14Darüber hinaus fällt die Nation, wie wir in den folgenden Texten gesehen haben, nie mit der Strukturierung der Bourgeoisie in Staaten zusammen.

15Es darf nicht vergessen werden, dass die lokale Bourgeoisie ebenfalls Imperialisten sind.

16Wir nutzen diese Gelegenheit, um zu betonen, dass diese Art von Kriegen des Kapitals entgegen allen Mythen über „nationale Befreiung“ nicht charakteristisch für „koloniale“, „arme“ oder „unterentwickelte Länder“ sind, wie die „bourgeoise Linke“ behauptet, sondern für die ganze Welt, und es ist immer noch im alten Europa, dass es mehr „nationale Kriege“ gab und geben wird, solange der Kapitalismus andauert. Sie gehören auch nicht der Vergangenheit des Kapitals oder einer Phase desselben an, sondern sind ein Produkt der Entwicklung des Kapitals selbst und werden so lange bestehen, wie dieses Gesellschaftssystem existiert.

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