Gefunden auf proletarios revolucionarios, die Übersetzung ist von uns.
Notizen zu Venezuela 2015
Venezuela 2015: Krise, Proteste, politische innerbourgeoise Auseinandersetzungen und drohender imperialistischer Krieg1
– Venezuela steckt in der Krise, weil der Kapitalismus in der Krise steckt. Genauer gesagt, die weltweite kapitalistische Krise zeigt sich in Venezuela ganz offen, unverblümt und schockierend sichtbar, nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch, sozial, ideologisch und wahrscheinlich auch geopolitisch-militärisch in der Zukunft.
– Die aktuelle Lage in Venezuela zeigt, dass die Regierungen des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts” bei der Bewältigung der kapitalistischen Krise versagt haben. (Man sollte erwähnen, dass die Regierungen Brasiliens und Ecuadors nicht weit davon entfernt sind.) Das Problem ist, dass das Kapital und seine Krise unregierbar sind: Es ist das Kapital, das die Gesellschaft und damit den Staat regiert, nicht umgekehrt. Das Gegenteil zu glauben, ist naiv. Zu versuchen, das zu erreichen, ist reformistisch. Aus der Perspektive des revolutionären Proletariats hingegen werden der Kapitalismus und sein Staat nicht reformiert, sondern zerstört. Der Reformismus oder die Sozialdemokratie sind auch unsere Feinde.
– Regierungen wie die venezolanische sind kapitalistisch und damit Feinde des Proletariats. Tatsächlich kann die Regierung der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) als gute Kapitalistin nichts anderes tun, als die Kosten der kapitalistischen Krise auf die Proletarier abzuwälzen: Versorgungsengpässe oder Mangel2, Inflation, Unterbeschäftigung, Arbeitslosigkeit, Verarmung. Das heißt: Sparmaßnahmen und Elend. Die logische Folge sind neue Straßenproteste gegen solche Lebensbedingungen, wie die von Februar bis April dieses Jahres (und natürlich auch die vom Februar letzten Jahres). Also kann diese Regierung, wie es sich für einen guten Kapitalisten gehört, nicht anders, als solche Proteste zu unterdrücken: die vom Kongress verabschiedeten repressiven „Ausnahmegesetze” (die sogenannte Resolution 008610, die der Polizei erlaubt, Proteste mit scharfer Munition zu unterdrücken), der daraus resultierende Tod einiger junger Demonstranten durch die Polizei3 usw. Auch wenn sie das damit rechtfertigt, dass sie gegen „die destabilisierende und putschistische Rechte, die mit dem US-Imperialismus unter einer Decke steckt” vorgeht und sogar „den Tod dieser Studenten bedauert”, wird doch klar, dass die Regierung von Maduro – wie alle linken Regierungen – kapitalistisch und ein Feind des Proletariats ist. (Auch hier sollte man erwähnen, dass Rousseff und Correa in ihren Ländern im Grunde dasselbe machen.)
– Obwohl unsere Klasse bei den Protesten im letzten Jahr ihre materiellen Bedürfnisse durch direkte Aktionen gegen das Kapital und den Staat (Plünderungen, Barrikaden, Steinwürfe, Angriffe auf Parteizentralen usw.) durchgesetzt hat4; und obwohl sie dieses Jahr wieder auf die Straße gegangen ist, um gegen die Knappheit und „gegen das Regime” zu protestieren5; und obwohl die Not und Repression, unter der sie heute leidet, sie vielleicht dazu bringen könnte, sich von so vielen Jahren „Chavismus” und „sozialen Missionen” abschütteln lässt, ist das Problem, dass das Proletariat in Venezuela – wie in vielen anderen Teilen der Welt – noch schwach ist; das heißt, es schafft es noch nicht, sich neu zu organisieren und mit Autonomie und Kraft zu handeln, mit eigenen Forderungen und Organisationen, als echte soziale Kraft, als Klasse. Aber deshalb sollte man die Möglichkeit einer Explosion proletarischer Wut, die sowohl für die Regierung als auch für die Opposition außer Kontrolle geraten könnte, nicht ausschließen, ebenso wenig wie das Aufkommen eines wilden Proletariats in Venezuela (insbesondere unter den „Studenten” und in den „marginalisierten Kiezen” – siehe unten), gerade wegen der harten Bedingungen, unter denen unsere Klasse dort derzeit lebt. Schließlich stehen überall unsere menschlichen Bedürfnisse als Proletarier, die durch Privateigentum und Geld unbefriedigt oder verweigert werden, in materiellem und totalem Gegensatz zu den Bedürfnissen der Kapitalakkumulation und -verwaltung; sodass der strukturelle und latente Antagonismus zwischen der Kapitalistenklasse und dem Proletariat früher oder später explodieren kann; insbesondere in Krisensituationen, da diese wiederum den „Nährboden” für den Kampf des Proletariats gegen das Kapital und seinen Staat überhitzen können.
– Wir zeigen auf die „Studenten” (natürlich die „wenig verdienenden”) und die Marginalisierten als Speerspitze eines möglichen proletarischen Aufstands in Venezuela, weil sie – in unterschiedlicher Form und mit unterschiedlichem Engagement – bei den Protesten der letzten Jahre und Monate in diesem Land dabei und aktiv waren.6 Es sollte noch erwähnt werden, dass sowohl die einen als auch die anderen Teil des Proletariats sind, auch wenn das Kapital sie so einordnet und sie sich selbst noch nicht als Proletariat sehen (deshalb setzen wir beide Begriffe in Anführungszeichen). Die herrschende Klasse sollte also zittern, wenn sie es in der Hitze des Klassenkampfs tun. Das heißt nicht, dass sie die einzigen Gruppen sind, die eine proletarische Revolte in Venezuela anführen können. Potentiell gibt es auch die Arbeitslosen und Unterbeschäftigten oder „Informellen” auf den Straßen, die in Venezuela – und in Lateinamerika im Allgemeinen – in ihrer Armut zahlreich sind7 und die außerdem in marginalisierten Kiezen „leben”8. Ebenso wie die „Indigenen” und „bäuerlichen” Proletarier aus anderen Provinzen, die sich bereits mehrfach mit den Öl-, Bergbau- und Kohleunternehmen und deren Wächter, dem Staat, angelegt haben.9 Und verschiedene andere Sektoren der Arbeiterklasse, die aus Gründen wie Entlassungen, Löhnen, Dienstleistungen usw. protestiert haben.10 Der reale Klassenkampf wird das letzte Wort haben.
– Wir haben gesagt, dass ein proletarischer Aufstand in Venezuela eine Möglichkeit und nichts „Unvermeidliches” ist, weil das zumindest mechanistisch wäre und falsche Erwartungen wecken würde. Außerdem wäre es dumm und unverantwortlich, nicht zu sehen, dass sowohl die Regierung als auch die venezolanische Rechte – wie immer – die Gelegenheit nutzen könnten, um in der aktuellen Situation politisch und sozial viel zu „akkumulieren”. Die Regierung Maduro nutzt nämlich schon die Drohung der USA gegen Venezuela (siehe unten), um ihren Staatsapparat noch mehr abzuschirmen und ihre Krise und den internen Klassenkampf zu verstecken oder in den Hintergrund zu schieben, indem sie zu „Patriotismus”, „Souveränität”, „antiimperialistischer Solidarität” und nebenbei auch zur Opferbereitschaft für „die nationale Ökonomie” aufruft.11 Und die venezolanische Rechte (vertreten durch die sogenannte Mesa de Unidad Democrática-MUD), weil sie offensichtlich vom US-Imperialismus unterstützt wird und weil dieser sie im Falle einer Invasion wieder an die politische Macht bringen würde. (Die regionale und weltweite politische Geschichte zeigt, dass dies so ist, und man sollte sich darüber keine Illusionen machen.) Angesichts dessen stellen wir klar, dass der Bruch und die Proletarische Autonomie, die wir in Venezuela für notwendig und möglich halten, nicht nur außerhalb und gegen die linke Regierung von Maduro oder die „bolivarische” Bourgeoisie, sondern auch außerhalb und gegen die venezolanische rechte Opposition, gegen diese „oligarchische”, veraltete und ultrareaktionäre Bourgeoisie stattfinden würden. Nicht nur außerhalb und gegen diese oder jene Fraktion des Kapital-Staates, sondern außerhalb und gegen den gesamten Kapital-Staat selbst. All das bedeutet und impliziert in diesem konkreten Fall, sich nicht am politischen Kampf zwischen Regierung und Opposition zu beteiligen, ihr nicht in die Hände zu spielen, sie zu überflügeln, zu zerschlagen und den Klassenkampf aufzunehmen, um die menschlichen Bedürfnisse über die des Kapitals zu stellen, die eigenen Klassenforderungen durch eigene Kampfstrukturen durchzusetzen. Das könnte dann zu einer Revolte führen und dann dazu, dass man sich der Notwendigkeit bewusst wird, für die soziale oder totale Revolution zu kämpfen; nicht für eine politische, partielle, bourgeoise Revolution (dass die Rechte die politische Macht zurückerobert oder dass die Linke sie behält), und schon gar nicht im imperialistischen Krieg als Kanonenfutter (falls die USA in Venezuela einmarschieren). Sollten in Venezuela militante und aktive revolutionäre Minderheiten existieren oder entstehen – wofür wir bisher noch keine echten und überzeugenden Anzeichen haben –, sollte dies eine ihrer wichtigsten Aufgaben sein. Oder wird das Proletariat in Venezuela – einschließlich seiner radikalen Minderheiten – erst dann reagieren und gegen seine tödlichen Klassenfeinde kämpfen, wenn der Krieg Tausende auf den Straßen und an den Grenzen tötet, nicht mehr nur durch Hunger, sondern durch Schüsse beider Staaten?
– Wir denken auch, dass unsere Klasse in Venezuela außerhalb und gegen die „extremen“ Linken des Kapitals kämpfen muss, die gegen diese Regierung und diese Rechte sind: Marxisten-Leninisten, „Libertäre“ und Pseudokommunisten-Pseudointernationalisten. Die ersten mit ihrem typischen politisierenden-parteiischen (leninistischen) und etatistisch-kapitalistischen (sozialistischen) Vorschlag wie immer, in all seinen Varianten: Stalinisten, Trotzkisten usw. Die zweiten mit ihrem Vorschlag einer falschen Autonomie, „genossenschaftlicher Ökonomie, Selbstverwaltung, direkter und vollversammlungsbasierter Demokratie, Meinungs- und Informationsfreiheit”12, also sozialdemokratischem Verwaltung in einer „libertären” und abgeschwächten Version. Der Teil der „internationalen” kommunistischen Strömung in diesem Land ist mit seinem Vorschlag von „Massenkämpfen” und „Arbeitervollversammlungen”, der nichts anderes als seine pseudoproletarische und pseudorevolutionäre Art ist, seinen unüberwundenen Arbeiterismus, Gewerkschaftswesen/Syndikalismus, Reformismus und Pazifismus zu verschleiern, aus dem gleichen Holz geschnitzt. Ganz zu schweigen von den anderen Pseudokommunisten und Pseudointernationalisten dieses Landes, die immer noch auf die „Basisgewerkschaften/Basissyndikate” und ihre „Mobilisierungskraft” hoffen, denen nur noch fehlt, dass sie aufhören, für „bourgeoisie Fahnen” zu kämpfen, und sich in „Transmissionsriemen der revolutionären Politik” (sic) verwandeln.13 Sie sind nichts weiter als ein „eklektischer Brei” (Engels) zwischen der ersten und dritten Linken des Kapitals, die hier kurz kritisiert werden. Kurz gesagt: Bruch und Autonomie unserer Klasse gegenüber dem System, seinen Verteidigern und seinen falschen Kritikern oder linken Gegnern. Letztendlich überwindet der Kampf des Proletariats immer die linken Organisationen, und die Befreiung der Arbeiter wird das Werk der Arbeiter selbst sein.
– Im Moment herrscht in Venezuela auf nationaler Ebene der falsche innerbourgeoise Konflikt zwischen links und rechts oder zwischen Regierung und Opposition vor; und nachdem Obama im März dieses Jahres die Regierung Venezuelas zur „Bedrohung für die nationale Sicherheit” der USA erklärt hat, auch der falsche innerbürgerliche Konflikt zwischen „souveräner, bolivarischer und antiimperialistischer Regierung” und „Yankee-Imperialismus” auf internationaler Ebene. Warum falsch und warum innerbourgeois? Weil die Geschichte zeigt, dass sowohl die Linke als auch die Rechte, ebenso wie Souveränität und Imperialismus, nichts anderes sind als verschiedene Formen und/oder Wege, den Staat und das Kapital im Allgemeinen auf beiden Ebenen zu verwalten, je nach der internationalen Machtposition der jeweiligen Länder im weltweiten kapitalistischen System. In unserem Fall waren, sind und werden alle sozialistischen, nationalistischen und antiimperialistischen Regierungen kapitalistisch sein (sie haben die kapitalistischen Grundlagen und sozialen Beziehungen nie abgeschafft); sie unterscheiden sich in ihrer Form, aber nicht in ihrem Inhalt von ihren rechten und imperialistischen Rivalen. Ihre Streitigkeiten, einschließlich ihrer Kriege, sind unvermeidlich und notwendig, damit dieses System funktioniert und überlebt: Der Kapitalismus kann ohne Wettbewerb und ohne Krieg nicht existieren oder als solcher bestehen. (Außerdem gab es keinen Krieg zur Verteidigung der nationalen Souveränität und/oder zur nationalen Befreiung, der nicht Teil eines interimperialistischen Krieges war.) Aber diese innerkapitalistischen Konflikte werden nur so lange die Hauptrolle spielen, bis das Proletariat wieder mit Kraft und Autonomie auf der Bildfläche erscheint. Dann würden sich die beiden jetzt verfeindeten bourgeoisen Lager ohne Umschweife und ohne Scheinheiligkeit zu einer einzigen Partei – der Partei der Reaktion und der Demokratie – gegen unsere Klasse zusammenschließen, denn beide sind im Grunde genommen dasselbe: beide sind Kapitalisten und beide sind unsere Feinde. Genau das ist eines der Hauptziele des innerkapitalistischen Krieges und – falls er in Venezuela stattfindet – des imperialistischen Krieges (siehe unten).
– Dieses sich abzeichnende Szenario wäre noch katastrophaler, wenn China und Russland beschließen würden, Venezuela zu unterstützen – sogar militärisch –, nicht aus „ideologischer Affinität” oder „Antiimperialismus”, sondern weil beide aufstrebenden östlichen Mächte starke ökonomische und geostrategische Interessen in diesem Land und in Südamerika im Allgemeinen zu wahren haben. Da die USA in letzter Zeit in anderen Regionen an Boden und Macht verloren haben, kehren sie nun in ihren traditionellen „Hinterhof” zurück, um ihn als „Joker” für ihre Politik der „unipolaren” Vorherrschaft im Niedergang zu nutzen. Dann stünden nicht nur Öl und territoriale Kontrolle auf dem Spiel, sondern auch ein Teil der weltweiten Hegemonie selbst. Libyen, Irak und/oder Ukraine in Venezuela? Vielleicht. Wie dem auch sei, es klingen die Trommeln des imperialistischen Krieges in Südamerika, besser gesagt der militärischen Invasion der USA in das Gebiet des venezolanischen Staates – und nebenbei auch in das Gebiet des kolumbianischen Staates unter dem Vorwand des „Krieges und des Drogenhandels”. Tatsache ist, dass zusammen mit den jüngsten Ereignissen in Brasilien die stillschweigende Kriegsdrohung der USA gegen Venezuela den Eintritt Südamerikas in „die Situation des systemischen Chaos, das die Welt durchlebt” markiert.14 Zweifellos handelt es sich hierbei nicht um ein weiteres isoliertes Ereignis, sondern um ein Ereignis von historischer und internationaler Bedeutung, das die Aufmerksamkeit und Stellungnahme von Revolutionär*innen allerorts verdient, was genau das ist, was in diesem Text beabsichtigt wird.
– Die „Verletzung der Menschenrechte“ durch diese linke Regierung – welcher Staat tut das nicht? Heuchler! – ist nichts weiter als ein glaubwürdiger Vorwand dafür. Die USA haben schon vor ein paar Jahren ähnliche Ausreden in Bezug auf Libyen und den Irak benutzt – und das auch schon vor einigen Kriegen im 20. Jahrhundert.15 Es ist kein „Mangel an Demokratie” – wie Obama in seiner Rede auf dem letzten Amerika-Gipfel angedeutet hat –, sondern überall ist es die Demokratie selbst, die unterdrückt, inhaftiert, foltert und mordet, denn Demokratie ist in Wirklichkeit die „legale und legitime” Diktatur des Kapitals über das Proletariat. Erinnern wir uns daran, dass die USA unter diesem Vorwand bereits mehrere Kriege in verschiedenen peripheren oder „nicht-westlichen“ Regionen der Welt geführt haben. Will sie es also wegen des Erdöls tun? Klar, wenn man bedenkt, wie viel „schwarzes Gold” Venezuela hat und dass die „Bolibourgeoisie” und Chevron große Ölgeschäfte machen, um den internationalen Ölmarkt in dieser Region zu monopolisieren (wie Marx schon sagte, sind Wettbewerb und Monopol nicht antagonistisch, sondern ergänzen sich, sind zwei Seiten derselben Medaille. Und wie die Bourgeoisie und ihre Ökonomen oft sagen: „Im Geschäft gibt es keine Freunde”). Noch tiefer betrachtet, wenn man bedenkt, dass Öl Energie ist und Energie das Blut der Ökonomie, wäre es also ein lukratives Geschäft an sich und ein Ventil für die aktuelle weltweite kapitalistische Krise. Etwas, das jedoch aufgrund der aktuellen „Ölkrise“16 und all der damit verbundenen Katastrophen und Konflikte in Zukunft „teurer“ und katastrophaler sein wird. Insgesamt ist Öl jedoch noch nicht die Hauptursache für dieses Drama oder die internationalen Spannungen in der Region.
– Die US-amerikanische Bourgeoisie und das Pentagon sind nicht dumm und bleiben auch nicht untätig. Ganz im Gegenteil. Wenn weder eine linke Regierung noch die rechte Opposition in der Lage waren, die kapitalistische Krise (die – wir wiederholen – nicht nur ökonomischer, sondern auch politischer, sozialer und ideologischer Natur ist) in einem wichtigen Teil ihres „Hinterhofs“ zu bewältigen, eine weltweite Krise, die sich in Venezuela so deutlich zeigt und in der für unsere Klasse – die diese Gesellschaft mit ihrer ausgebeuteten Arbeit am Laufen hält und außerdem die Mehrheit der Bevölkerung ausmacht – nur Elend und Repression herrscht, dann besteht auch die „Gefahr”, dass in diesem Land das Proletariat – dieses „Gespenst”, das jede Bourgeoisie so sehr fürchtet – explosionsartig und außer Kontrolle wieder auftaucht, als eine echte, autonome und unbeugsame Kraft. Vielleicht eine mögliche „Hungerrevolte” und gegen den Staat in Venezuela, also gegen die kapitalistische Ordnung, die weltweit ist. Angesichts einer solchen Bedrohung kann die USA nicht anders, als ihre Rolle als Weltpolizei zu spielen: Sie müsste in Venezuela einmarschieren. Und vielleicht würde sie nicht warten, bis eine solche mögliche Revolte passiert, sondern würde es tun, um sie „zu verhindern”. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der imperialistische Krieg – wie immer – geführt wird, um jeden revolutionären Versuch zu zerschlagen und die Macht der Bourgeoisie neu zu polarisieren. Krieg ist immer Krieg gegen das Proletariat. In diesem speziellen Fall geht es darum, die innerbürgerlichen Konflikte zwischen Rechts und Links sowie zwischen Imperialismus und nationaler/regionaler Souveränität mit Gewalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen, um den grundlegenden und realen Widerspruch, den antagonistischen Verhältnis zwischen Bourgeoisie und Proletariat, zu verschleiern und „neutralisieren”. Innerkapitalistischer Krieg und dann imperialistischer Krieg, um den Klassenkampf und die Gefahr von Aufständen und sozialen Revolutionen zu unterdrücken.17 Durch den Krieg versuchen alle Fraktionen und Fassaden des Kapital-Staates (Rechte und Linke, Imperialisten und Antiimperialisten, Faschisten und Antifaschisten usw.), unserer proletarischen Klasse, ihrem wichtigsten und wahren Todfeind, den sozialen und imperialen Frieden der Friedhöfe aufzuzwingen.
– Nun würde die USA einen imperialistischen Krieg gegen Venezuela nicht nur wegen der Gefahr eines wilden Proletariats in diesem Land führen, sondern auch, weil sie bereits ein potenzielles Proletariat „zu Hause” hat: die seit August letzten Jahres in Ferguson entfesselte Bewegung, die Ende letzten Jahres zu Protesten in etwa 200 US-Städten führte, und zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen die entflammte Revolte in Baltimore. Das heißt, die USA würden dies auch tun, um den Krieg gegen das Proletariat, das auf ihrem eigenen Territorium lebt und kämpft, zu stärken und zu gewinnen: zum Beispiel, indem sie junge Proletarier – Schwarze, Latinos und Weiße – in die Reihen der Armee aufnehmen, damit sie in anderen Ländern töten und sterben, und so vermeiden, dass sie als „Faulenzer” und „Randalierer” auf den Straßen herumlungern. Was paradoxerweise zu einem Bumerang werden könnte, wofür es bereits einige Anzeichen oder Hinweise gibt.18 Dies ist ein weiterer Grund, warum die internationalen Beziehungen zwischen Venezuela und den USA sowie die interne Situation beider Länder heute so wichtig sind, um die konkrete historische Dialektik zwischen Klassenkampf und imperialistischem Krieg zu zeigen.
– Aus genau diesem Grund ist das einzige, was den von den USA angeführten imperialistischen Krieg in praktisch der ganzen Welt stoppen und umkehren kann, das Proletariat nicht nur der Länder, die sich im Krieg befinden – real oder potenziell –, sondern das Proletariat aller Länder und aller Regionen, aller „Farben” oder „Rassen”, das als eine einzige weltweite und historische Kraft gegen einen einzigen Feind auftritt: das weltweite Kapital-Staat. Der einzige Weg, Krieg und Kapitalismus wirklich und endgültig zu beenden, ist die weltweite proletarische Revolution. Dafür ist es aber zuerst mal wichtig, dass unsere Klasse sich als das versteht, was sie ist, als Proletariat, als Klasse, die dem Kapital antagonistisch gegenübersteht; dass sie ihre vom Kapital aufgezwungenen Trennungen (nationale, rassische, geschlechtliche, ideologische usw.) überwindet; dass sie sich ihr historisches Programm wieder zu eigen macht und dafür kämpft, es durchzusetzen; dass sie für ihre eigenen Forderungen mit ihren eigenen Formen der Assoziation und Methoden des Klassenkampfs kämpft; dass sie akzeptiert, dass sie kein Vaterland hat, und den proletarischen Internationalismus praktiziert, indem sie gegen „ihre eigenen“ Bourgeoisien und Nationalstaaten sowie gegen jeden Nationalismus und Regionalismus (ideologische und identitäre Altlasten, die in Lateinamerika so tief verwurzelt sind) kämpft; dass sie dem imperialistischen Krieg den revolutionären Defätismus19 entgegensetzt und ihn in einen revolutionären und weltweiten Klassenkrieg verwandelt. Es braucht ein revolutionäres Subjekt. Aber dieses entsteht nur in der Hitze des Klassenkampfs selbst und, wie die Geschichte zeigt, nach vielen Niederlagen. Wie viele Niederlagen werden noch nötig sein, proletarische Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt?
– Das Problem ist, dass uns als Menschheit und als Planet immer weniger Zeit für die soziale und weltweite Revolution bleibt, da der Kapitalismus einen solchen Grad an Fortschritt und damit an allgemeiner und globaler Katastrophe (Wirtschaftskrise, ökologische Krise, Kriege, weltweites systemisches Chaos usw.) erreicht hat, dass er uns beide in den nächsten Jahrzehnten zu vernichten droht. Anscheinend wird der Krieg diesmal auch uns Proletarier auf dieser Seite des Ozeans treffen, nicht nur in Venezuela, sondern auch die Nachbarländer würden irgendwie involviert sein, und auch wir Proletarier, die wir dort leben, würden vom Blut unserer in diesem potenziellen Krieg massakrierten Klassenbrüder bespritzt werden. Deshalb rufen wir diesmal aus Südamerika: „Proletarier aller Länder: Vereint euch! Letzter Aufruf.“
– Vielleicht greifen wir den Ereignissen etwas vor, aber selbst wenn es nicht dazu kommen sollte, also wenn die USA nicht in Venezuela einmarschieren, würden wir es trotzdem rufen und werden es auch weiterhin rufen, denn heute – wie immer – befinden wir uns, wie man es auch dreht und wendet, im Krieg. Das Kapital und sein Staat waren, sind und werden immer im permanenten Krieg gegen unsere Klasse stehen, um uns ausgebeutet und beherrscht, gespalten und schwach, als Klasse ausgelöscht und zerstört zu halten. Um unser Leben zu verteidigen und zurückzugewinnen, ist es also an der Zeit, dass wir Proletarier den Klassenkampf aufnehmen und ihn ihnen liefern. Überall. Und bis zum Ende… Oder – so fragen wir uns – wird das Proletariat in Venezuela, einschließlich seiner radikalen Minderheiten, erst dann reagieren und gegen seine tödlichen Klassenfeinde kämpfen, wenn der Krieg Tausende von ihnen auf den Straßen und an den Grenzen tötet, nicht mehr nur durch Hunger, sondern durch Schüsse beider Staaten? Wir hoffen nicht. Wir hoffen, dass es früher reagiert. Wie auch immer, wir sagen auch, dass wir uns im Klassenkampf befinden und dass wir ihn früher oder später aufnehmen müssen…
Proletarier, die in Venezuela und überall leben:
Weder Regierung, noch Opposition, noch Invasion!
Keine Opfer für irgendeine Nation!
Gegen den innerkapitalistischen und imperialistischen Krieg:
Autonomer, antikapitalistischer, antistaatlicher und internationalistischer Klassenkampf!
Weltweite proletarische Revolution oder Tod!
Proletarios Revolucionarios
Quito, April-Mai 2015
1Wir bringen hier nur ein paar Notizen oder Anmerkungen zu dieser Situation, weil es sich um eine sich verändernde, widersprüchliche und noch im Entstehen begriffene Realität handelt. Trotzdem versuchen wir, über das Unmittelbare und Lokale hinauszugehen und unsere Analyse langfristig und global zu betrachten. Dabei versuchen wir, verschiedene Ebenen der Konkretheit und Abstraktion zusammenzufassen. Wir veröffentlichen sie, um die internationale revolutionäre Diskussion über Venezuela anzuregen und damit sie mit den sich entwickelnden Ereignissen verglichen werden können. [Wir möchten auch erwähnen, dass dieser Text – nach Überarbeitung und Bearbeitung – in einer der nächsten Ausgaben von Ellos no pueden parar la revuelta (Sie können den Aufstand nicht aufhalten) veröffentlicht wird.
2Tatsächlich muss man heute in Venezuela lange Schlangen stehen, um Grundnahrungsmittel zu kaufen, was zu einem täglichen Drama geworden ist. Es wäre nicht überraschend, wenn es irgendwann zu Plünderungen käme.
3Siehe http://www.bbc.co.uk/mundo/noticias/2015/02/150225_venezuela_estudiantes_muertes_kluivert_dp
4Siehe El mito de la izquierda se cae de maduro und Apuntes sobre Venezuela 2014 in Nr. 1 dieser Publikation. [Wir meinen Ellos no pueden parar la revuelta]
5Ohne die ideologische Last zu ignorieren, die das mit sich bringt, also den Einfluss der vorherrschenden Ideologie und der rechten Opposition bei diesen Protesten. Das ist natürlich eine Schwäche unserer Klasse, die wir kritisieren und überwinden müssen.
6Siehe: http://internacional.elpais.com/internacional/2015/02/25/actualidad/1424896229_453165.html , http://www.eluniversal.com/nacional-y-politica/protestas-en-venezuela/ , http://www.lapatilla.com/site/secciones/protestas-en-venezuela/
7Siehe http://periodicoellibertario.blogspot.com/2015/04/sobre-empleo-desempleo-y-condiciones.html. Hier muss gesagt werden, dass wir den Ansatz der genannten Quelle nicht teilen, sondern nur einige (Gegen-)Infos herausgreifen, die sie veröffentlicht.
8Siehe http://periodicoellibertario.blogspot.com/2015/04/dos-cronicas-para-contribuir-al-balance.html. Hier muss man noch sagen, dass es in diesen Vierteln motorisierte parapolizeiliche Banden gibt, sowohl von der linken Regierung als auch von der rechten Opposition, die auf den Straßen patrouillieren, die Bewohner einschüchtern und sogar repressiv gegen sie vorgehen.
9Siehe http://periodicoellibertario.blogspot.com/search/label/luchas%20ind%C3%ADgenas%20en%20Venezuela
10Siehe http://periodicoellibertario.blogspot.com/search/label/luchas%20de%20los%20trabajadores%20Venezuela
11Nebenbei bemerkt kritisieren wir alle lateinamerikanischen Linken, die diese bourgeoise Position teilen, und bekräftigen die Aussage einiger Gefährten: Antiimperialismus? Internationalismus!
12Sieh „El Libertario” Nr. 75: http://www.mediafire.com/view/yg7fafyckwh8gus/libertario75_web.pdf
13Siehe „El Partido Comunista” Nr. 3: http://international-communist-party.org/Espanol/ElPartid/ElPar003.htm#HistoriaDeLosSindicatos
14Siehe http://www.jornada.unam.mx/2015/03/20/opinion/021a2pol
15Vergessen wir nicht, dass in diesem Sinne der Krieg schon immer einer der fiesen Mechanismen des globalen Kapitalismus war, um seine Krise zu bewältigen und zu überwinden, indem er die Wertsteigerung und Akkumulation von Kapital durch die Rüstungsindustrie (die „politische Ökonomie des Krieges”) und die Zerstörung überschüssiger Infrastruktur und des Proletariats – natürlich für das Kapital – wiederbelebte. Krise und Krieg sind untrennbar miteinander verbunden und zeigen, dass der Kapitalismus ein System des Todes ist.
16Diese Krise ist übrigens nicht nur eine Preiskrise oder eine Krise aufgrund des internationalen Wettbewerbs um den Preis, sondern im Grunde genommen eine Krise der Wertsteigerung dieser für die kapitalistische Wirtschaft so wichtigen Energie-Rohstoffware namens Erdöl. Sie ist daher ein Symptom der globalen kapitalistischen Krise.
17Das ist zum Beispiel Mitte der 1990er Jahre im ehemaligen Jugoslawien passiert und vor allem im Irak, sowohl in diesem Jahrzehnt als auch im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Ganz zu schweigen von dem zweiten und ersten „Weltkrieg”. Heute ist das nicht anders: Palästina, Syrien und die Ukraine sind Beispiele dafür. Die Natur des kapitalistischen und imperialistischen Krieges ist unveränderlich. Die revolutionäre Position dagegen auch. (Siehe Anmerkung 19.)
18Siehe Ferguson-EE.UU.: guerra de clases con forma racial en “las entrañas de la bestia” in derselben Zeitschrift (Text noch unveröffentlicht).
19Siehe „Unveränderlichkeit der Position der Revolutionäre gegenüber dem Krieg – Bedeutung der alten Parole des revolutionären Defätismus” in Kommunismus Nr. 44: Gegen den kapitalistischen Krieg und Frieden: http://gci-icg.org/spanish/44.pdf. In dem Artikel über die Ukraine, der in Nr. 2 dieser Publikation veröffentlicht wurde, wurde ebenfalls kurz darauf eingegangen. (A.d.Ü., auch auf unseren Blog: Invarianz/Unveränderlichkeit der Haltung der Revolutionäre zum Krieg)