Analyse der aktuellen Krise und Revolte in Kuba aus der radikalkommunistischen Perspektive

Gefunden auf proletarios revolucionarios, die Übersetzung ist von uns. Hier ein weiterer Text, der im Kontext der Revolte in Kuba stattfand.


18. Juli 2021

Analyse der aktuellen Krise und Revolte in Kuba aus der radikalkommunistischen Perspektive

Die Tatsachen und ihre falschen Versionen von der Rechten und der Linken

Durch direkte und spontane Massenaktionen, die von Märschen und selbst einberufenen Vollversammlungen bis zum Umwerfen von Polizeiautos und Plündern von Geschäften reichen, erhebt sich das Proletariat der kubanischen Region auf den Straßen gegen Hunger und staatliche Tyrannei, d.h. gegen die miserablen materiellen Existenzbedingungen, die der Kapitalismus und seine gegenwärtige Krise auferlegt haben, genau wie das Proletariat der kolumbianischen, burmesischen, iranischen und südafrikanischen Region in diesem Jahr und wie das Proletariat der ecuadorianischen, chilenischen, haitianischen, französischen und irakischen Region, unter anderem, vor zwei Jahren.

Mit all ihren Schwächen, Beschränkungen und inneren Widersprüchen (Patriotismus, Interklassismus1, mangelnde revolutionäre Autonomie, Isolation usw.) ist die proletarische Revolte dieser Tage in der kubanischen Region ein weiteres Glied oder eine weitere Episode in der Tendenz zur Neuzusammensetzung der internationalen proletarischen Revolte, die 2018-2019 begonnen hat und durch die Pandemie und die konteraufständische Gesundheitsdiktatur oder präemptive Konterrevolution von 2020-2021 durch alle Staaten dieses Planeten „unterbrochen“ wurde.

Also von vornherein ein antikapitalistisches ABC in dieser Hinsicht: Seit Jahrhunderten sind der Kapitalismus, die Krise, das Proletariat und der Klassenkampf global. Die Unterschiede zwischen den einzelnen historischen Epochen und geografischen Regionen sind nur gradueller und formaler Natur, nicht aber in Bezug auf die grundlegenden Bedingungen, Beziehungen und Kategorien. Diese, vor allem Lohnarbeit und Kapitalakkumulation, haben sich vielmehr im Laufe der Zeit überall verbreitet und vertieft. Sowohl der „kubanische Sozialismus“ als auch die „kapitalistische Restauration in Kuba nach dem Fall der UdSSR“ waren also schon immer Mythen: In Wirklichkeit gab es in Kuba schon immer Kapitalismus und Klassenkampf, aber in einer anderen Form und in einem anderen Ausmaß, genauso wie in der ehemaligen UdSSR und überall auf der Welt. Das Einzige, was sich seit dem Zusammenbruch des Sowjetblocks bis heute wirklich geändert hat, ist die Vorherrschaft des Privatkapitals über das Staatskapital gegenüber dem Proletariat, das heute prekärer ist und ausgebeutet wird.

Die beiden Punkte, die in diesem Teil unserer Analyse folgen, sind daher die beiden Versionen der falschen Dichotomie zwischen der imperialistischen Rechten des Kapitals und der antiimperialistischen Linken des Kapitals, d.h. zwischen den beiden politischen Tentakeln desselben monströsen und gigantischen Kraken, der das weltgeschichtliche kapitalistische System ist:

Auf der einen Seite nutzen die kubanische rechte petite-bourgeoisie und der US-Imperialismus diese sich abzeichnende Konjunktion politisch und medial aus, und zwar auf der materiellen Grundlage der gegenwärtigen ökonomischen, ökologisch-gesundheitlichen und politischen Krise sowie in Ermangelung einer revolutionären historischen Situation und damit einer autonomen revolutionären Führung der aufständischen Massen selbst.

Deshalb ist ihre Version dieser Massenproteste die dominante Version oder die der dominanten Fraktion der Kapitalistenklasse in den Medien, um öffentlich zu positionieren, dass „der Sozialismus nicht funktioniert“ und dass in Kuba militärisch, politisch, technologisch und „humanitär“ interveniert werden muss, um „Demokratie, Freiheit und sozialen Frieden wiederherzustellen“, genau wie in Haiti oder Syrien.

Auf der anderen Seite konzentrieren sich die kubanische „sozialistische“ Regierung und der linke Flügel des internationalen Kapitals absichtlich nur auf ihren rechten imperialistischen Gegner, um den wirklich existierenden Kapitalismus und Klassenkampf in Kuba zu verbergen und so ihre Macht und ihr Image der Scheinrevolution und des Schein-Sozialismus/Kommunismus zu bewahren, im klassischen stalinistisch-orwellschen Stil, aber in einer lateinamerikanischen Version.

Deshalb disqualifizieren oder verleumden die Díaz-Canel-Regierung und die pro-kubanische Linke diese Massenproteste als „vom Imperialismus angeordnet und gelenkt“, „kalt kalkuliert“, „manipuliert“, „verkauft“, „mit einer interventionistischen Agenda“, „mit einem Putsch- und kolonialistischen Projekt“, „wurmartig“, „Scheißfresser“, „Söldner“, „reaktionär“, „faschistisch“, „konterrevolutionär“, usw. Was in der Tat falsch, absurd, verschwörerisch und zynisch ist.

Deshalb begegnet der kubanische Staat dieser Massenrevolte mit einer Kombination aus polizeilicher und militärischer Repression (trotz der bestehenden „Informationssperre“ oder Kommunikationsbelagerung gab es bei Redaktionsschluss bereits 5 Tote, Dutzende Verletzte und mehr als 150 Festgenommene und Verschwundene) und der Mobilisierung der noch verbliebenen ideologisierten und gefangenen gesellschaftlichen Basis sowie der Zwangsrekrutierung junger Menschen, die sich ihnen anschließen. Sie veranstalten ebenso repressive Gegenmärsche (Polizei in Rot), bei denen sie die gleichen alten patriotischen Slogans rufen und Nationalflaggen und Banner mit Bildern von Fidel Castro tragen, die an den Personenkult im stalinistischen Russland erinnern, sowie öffentliche Erklärungen zu „Antiimperialismus, nationaler Souveränität und Sozialismus“.

Aber Tatsachen sind töricht und egal, wie sehr sich die Herrschenden und ihre Handlanger auch anstrengen, der Massenhunger und die Wut lassen sich nicht verbergen.

Die konjunkturellen Ursachen und ihre Tatsachen

Zum einen ist es die aktuelle Krise der Ökonomie und der Gesundheit; Konkret ist es der durchschlagende Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 11% – der schlimmste in den letzten 3 Jahrzehnten -, in der Handelsbilanz – ein Defizit von 9 Milliarden Dollar, wenn man bedenkt, dass 80% der Konsumgüter importiert werden -, in den Devisen aus dem Tourismus – der zweiten Einkommensquelle für die kubanische Ökonomie und Bevölkerung, nach dem Export von Fachkräften oder „Humankapital“ – und der Produktion und dem Export von Zucker – aufgrund von Treibstoffmangel und Maschinenausfällen – aufgrund der Pandemie und auch aufgrund der Währungs- und Wechselkursreform, die Ende letzten Jahres von der Regierung Díaz-Canel erlassen wurde – genannt „Tarea Ordenamiento“ -, die die Krise nicht bekämpfte, sondern verschlimmerte (das Heilmittel war schlimmer als die Krankheit).

Das Ergebnis ist, dass es derzeit Arbeitslosigkeit, Mangel und Inflation gibt: Es mangelt an Arbeit, Geld, Lebensmitteln, Medikamenten und grundlegenden Dienstleistungen für die Mehrheit der Bevölkerung in Kuba (wir sagen für die Mehrheit der Bevölkerung, weil die kubanische bürokratisch-militärische Bourgeoisie und ausländische Touristen alle möglichen Privilegien genießen). Wie schon immer unter diesem Regime, aber heute mehr als gestern, mit dem erschwerenden Faktor des Wiederauflebens von Covid-19 (übrigens ein Zeichen für das Versagen des überbewerteten und mystifizierten kubanischen Gesundheitssystems) und seinen äußerst negativen Auswirkungen auf die Gesundheit, die Ökonomie und das tägliche Leben.

Noch konkreter: Im Oktober 2020 überlebten 8 von 10 Kubanern gerade so, 67% der Familien stuften ihre tägliche Nahrung als unzureichend ein, während 6 von 10 Familien nur 5 bis 10 Tage im Monat mit der libreta de abastecimiento (Bezugsbüchlein) mit Lebensmitteln versorgt waren. Nach der „Tarea Ordenamiento“ im Dezember 2020 verschlimmerte sich die Situation: Die Arbeitslosigkeit im öffentlichen Sektor stieg gleichzeitig mit der Proletarisierung und der Ausbeutungsrate („billige Arbeitskräfte“) im privaten Sektor, Dienstleistungen und Waren des Grundnahrungsmittelkorbs stiegen um 500-600% (Strom, Wasser und Medikamente wurden praktisch unbezahlbar), und sowohl die Überweisungen von Familien im Ausland als auch die einheimischen Bankeinlagen wurden vom Staat teilweise und vorübergehend „zurückgehalten“ oder „eingefroren“. Hinzu kommt, dass die Zahl der Infektionsfälle (mehr als 275.000 Menschen) und der Todesfälle (mehr als 1.800 Menschen) aufgrund des Wiederauftretens von Covid-19 auf der Insel gestiegen ist. Es ist auch gut möglich, dass die Fälle von Depressionen und Selbstmord zugenommen haben.

Mit anderen Worten: Es handelt sich um ein soziales Unwohlsein, das sich seit Jahrzehnten tagtäglich aufbaut, sich seit letztem Jahr verschlimmert hat und in diesem Jahr aus den oben genannten Gründen explodiert. Die Mehrheit der Bevölkerung des Landes ist heute hungriger, kränker und verzweifelter als je zuvor.

Deshalb gehen die enteigneten und hungrigen Kubanerinnen und Kubaner heute unter dem Ruf „Lebensmittel, Strom und Impfstoffe“ auf die Straße und protestieren in Massen, wie sie es seit Jahrzehnten nicht mehr getan haben. Man könnte also sagen, dass es sich in diesem Jahr um eine „Hungerrevolte“ handelt, genau wie die, die im Jahr 2008, dem Jahr der Nahrungsmittelkrise, überall auf der Welt ausbrach. Und das alles vor dem Hintergrund der Verwertungskrise, die die aktuelle Krise des Kapitalismus kennzeichnet.

Auf der anderen Seite ist es die politische Krise, genauer gesagt der „Mangel an demokratischen Institutionen“ oder „Volksmacht“, um soziale Forderungen zu kanalisieren und abzufedern. Dabei handelt es sich nicht um einen „Fehler beim Aufbau des Sozialismus“ oder einen „Widerspruch der Revolution“, denn in Kuba gibt es keine solche Revolution, sondern das kubanische Regime ist selbst unter dem politisch-demokratischen Gesichtspunkt der „Regierbarkeit“ und „Hegemonie“ nicht mehr legitim oder tragfähig, wenn nicht sogar durch institutionalisierte Unterdrückung und Lügen (z.B. durch die „Komitees zur Verteidigung der Revolution-CDR Comités de Defesna de la Revolución“).

Aus einer antikapitalistischen und staatsfeindlichen Perspektive ist die andere konjunkturelle Ursache – mit Elementen einer strukturellen Ursache – dieser Revolte die totalitäre Macht, die die Staatsbourgeoisie über die Mehrheit der Bevölkerung in dem karibischen Konzentrationslager oder tropischen Gulag Kuba ausübt; oder besser gesagt, die kapitalistische und bürokratisch-militärische Diktatur der kubanischen „kommunistischen“ Partei (PCC) der reichen und mächtigen Castro-Familie und der Grupo de Administración Empresarial S. A. (GAESA) anderer Militärs – Eigentümer und Anteilseigner von mehr als der Hälfte der Unternehmen, Gewinne und sogar der „Panama Papers“ dieses Landes – über das Proletariat – das zunehmend prekär, ausgebeutet, entfremdet und unterdrückt wird -, wie zu ihrer Zeit die UdSSR von Lenin und Stalin sowie Maos China (letzteres bis heute, zusammen mit Nordkorea und Venezuela).

Der offensichtliche Unterschied zwischen Kuba und Russland bzw. China besteht darin, dass Kuba Mitte des letzten Jahrhunderts zur neuen kleinen Zuckerrohrkolonie mit einem „charismatischen“ Militärführer an der Spitze jener kapitalistisch-imperialistischen Großmächte Asiens wurde, die sich als „Kommunisten“ tarnten; und dass im Gegensatz zu den letzteren, die heute immer noch Mächte, aber bereits hypermodernisiert sind, das Land in dieser Vergangenheit versteinert oder verrostet geblieben ist, aus der es dennoch sein touristisches Kapital für die europäische und nordamerikanische obere Mittelklasse sowie einen Fetisch nostalgischer emotionaler Anhänglichkeit für die ebenfalls klassengeplagte lateinamerikanische Linke des Kapitals gemacht hat, die den Mythos des „kubanischen Sozialismus“ religiös und mit aller Kraft verteidigt.

Im Gegenteil, das anonyme Proletariat der kubanischen Region hat es satt, so zu leben. Sie haben die Nase voll von so viel Elend und staatlicher Unterdrückung. Deshalb sind sie in diesen Tagen massenhaft auf die Straße gegangen und haben „Nieder mit der Diktatur“ und „Freiheit“ gerufen.

In diesem Sinne handelt es sich nicht mehr nur um eine „Hungerrevolte“, sondern auch um eine politische Revolte, bei der Klasseninstinkt und Spontaneität in Ermangelung einer revolutionären historischen und internationalen Situation leider nicht ausreichen. Das kubanische Proletariat ist auch in Bezug auf den revolutionären Kampf durch den kubanischen Staat unterentwickelt und unterdrückt worden. Aus diesem Grund wird diese Revolte von der rechten und imperialistischen Fraktion des Weltkapitals politisch und medial kapitalisiert, während sie von der linken und antiimperialistischen Fraktion des Weltkapitals selbst physisch und symbolisch unterdrückt wird.

Mit anderen Worten: Das Proletariat, das sich auf der „Insel“ auflehnt, wird buchstäblich isoliert, entwaffnet und in jeder Hinsicht angegriffen. Und wie die Geschichte des Klassenkampfes zeigt, verurteilt die Isolation jeden Aufstand – und jede Revolution – zur Niederlage.

Die strukturellen Ursachen und ihre Tatsachen

Es ist NICHT die „imperialistische Blockade“ – wie die Fanatiker des castrostalinistischen Regimes wiederholen -: Die USA sind der neunte Lieferant von Importwaren auf die Insel. Im Jahr 2019 gibt es 32 große US-Unternehmen (wie Visa, Accor, Mastercard oder Amazon), die in diesem Land investieren. Außerdem treibt Kuba mit 170 Ländern Handel und derzeit werden 40% seiner Exporte von China „unterstützt“.

Weder handelt es sich um einen nicht existierenden „degenerierten Arbeiterstaat“ noch um eine „kapitalistische Restauration“ in Kuba seit den 1990er Jahren – wie die Trotzkisten argumentieren -, weil das Kapital – verstanden als unpersönliches und fetischistisches Verhältnis von Produktion und gesellschaftlicher Reproduktion und nicht als einfaches rechtliches oder formales Eigentum an den Produktionsmitteln – nicht wiederhergestellt werden kann, wo es nie ausgerottet wurde, und weil das Einzige, was sich seither wirklich geändert hat, die Vorherrschaft des Privatkapitals über das Staatskapital gegenüber dem zunehmend prekären und ausgebeuteten Proletariat ist.

Was ist es also? Es ist die ökonomische, politische und soziale Krise des unterentwickelten kubanischen Staatskapitalismus [*], der seinerseits vom Weltmarkt abhängig ist. Es ist der Mythos des „kubanischen Sozialismus“, der in Wirklichkeit unter seinem eigenen Gewicht oder aufgrund seiner kapitalistischen Widersprüche und internen Klassenkämpfe zusammenbricht, und zwar nicht erst seit dem Fall der UdSSR, sondern bereits seit 1959 und erst recht heute im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts aufgrund der allgemeinen und multidimensionalen Krise des Weltkapitalismus, die sich konkret in der gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesundheitskrise manifestiert und von immer häufigeren und explosiven proletarischen Protesten und Aufständen begleitet wird, die aber gleichzeitig flüchtig und ohne autonome und kraftvolle revolutionäre Führung der Massen selbst sind, da es keine revolutionäre historische Situation gibt.

Dieser historisch-strukturelle und globale Kontext einer allgemeinen kapitalistischen Katastrophe und eines nicht-revolutionären Klassenkampfes, der von ungleicher Entwicklung, Chaos, Turbulenzen und Unsicherheit geprägt ist, ist die eigentliche Erklärung für die Krisen, Proteste und Revolten der letzten Jahre in allen Ländern der Erde, von denen die aktuelle Revolte in Kuba nur eine weitere Episode ist, wenn auch mit den bereits erwähnten Besonderheiten.

Schlussfolgerungen und grundlegende Perspektiven

Angesichts des gegenwärtigen weltweiten Kontextes der ökonomischen und ökologisch-gesundheitlichen Katastrophe, der präventiven Konterrevolution und der flüchtigen Revolten ohne autonome revolutionäre Führung der Massen, die sich heute am deutlichsten in Ländern wie Kuba manifestiert, ist es sehr wahrscheinlich: dass diese proletarische Revolte gegen Hunger und staatliche Tyrannei weiterhin von der petite-bourgeoisen Rechten dieses Landes, dem US-Imperialismus und seinen internationalen Koryphäen politisch und medial kapitalisiert wird; dass die „sozialistische“ Staatsbourgeoisie sie unter dem Vorwand, sie sei „konterrevolutionär“, weiterhin verleumden und unterdrücken wird, bis sie besiegt ist, auch mit Zustimmung ihrer internationalen linken Koryphäen; und dass die ausgebeuteten und unterdrückten Massen der kubanischen Region weiterhin Hunger, Krankheit, Verzweiflung, Wut, Kampferfahrungen und Lehren aus dem Kampf ansammeln, bis es zu einem neuen Zyklus sozialer Ausbrüche des internationalen Proletariats gegen den Weltkapitalismus kommt (was laut dem IWF selbst wahrscheinlich ab 2022 der Fall sein wird).

Aber für diejenigen unter uns, die sich bemühen, die Realität ohne ideologische oder mystifizierende Scheuklappen zu sehen, hat diese spontane proletarische Revolte zumindest das Verdienst, im 21. Jahrhundert den Mythos des „kubanischen Sozialismus“ und dessen ideologische Grundlage, den Marxismus-Leninismus, zu zerstören, denn in Wirklichkeit sind sie nichts anderes als Kapitalismus bzw. „radikale“ Sozialdemokratie. Mit einem Wort: Sie sind nicht die Revolution, sie sind die Konterrevolution. Das politisch-militärisch-unternehmerische Regime der kubanischen „Kommunistischen“ Partei und ihrer Holdinggesellschaft GAESA verteidigt keine Revolution. Es verteidigt die kapitalistische Konterrevolution und ihre Diktatur über das Proletariat in dieser Region. Sie ist die linke, etatistische und antiimperialistische Fraktion des Weltkapitals in der Karibik. Diejenigen, die dieses Regime verteidigen, sind daher genauso konterrevolutionär, auch wenn sie das Gegenteil glauben und behaupten.

Um es noch deutlicher zu machen und um sich nicht den groben und böswilligen Falschdarstellungen sowohl der Rechten als auch der Linken des Kapitals auszuliefern: Die Ursache für die aktuelle Krise und den Aufstand in Kuba ist NICHT, dass „der Sozialismus nicht funktioniert“, und es ist NICHT „die imperialistische Blockade“ der USA. Angesichts so vieler Fake News und Analysen von beiden Seiten, die typisch für die falsche Links/Rechts-Dichotomie sind, ist es an der Zeit, das autonome antikapitalistische ABC in dieser Hinsicht zu betonen: Was in Kuba existiert, ist NICHT Sozialismus oder Kommunismus, es ist reiner und harter Kapitalismus; genauer gesagt, es ist ein unterentwickelter Staatskapitalismus, der in untergeordneter und abhängiger Weise am Weltmarkt teilnimmt, und der heute in der Krise ist, weil der historische und internationale Kapitalismus in der Krise ist.

Warum ist er in der Krise? Weil es keinen „Sozialismus in einem Land“ geben kann, da der Kapitalismus global ist. Weil die Verstaatlichung oder Nationalisierung von Landwirtschaft, Industrie, Handel und Banken nicht dasselbe ist wie die reale – nicht nur formale oder rechtliche – Abschaffung des Privateigentums an den Produktions-, Verteilungs- und Konsumtionsmitteln. Und vor allem, weil es im Kommunismus keine Warenproduktion, keine Lohnarbeit, keine Mehrwertschöpfung, kein Wertgesetz, keinen Markt, keinen Wettbewerb, keine Unternehmen, keine Kapitalakkumulation, kein Geld, keine sozialen Klassen, keinen Staat, kein Patriarchat, keine Mafia, keine Korruption, keine Prostitution und keine nationalen Grenzen gibt. Im Gegenteil, all diese Begriffe existieren in Kuba nicht als abstrakte Kategorien, sondern als ganz konkrete, alltägliche Realitäten. Ja, in Kuba gibt es soziale Klassen: Ausbeuter und Ausgebeutete, Unterdrücker und Unterdrückte, Ausgrenzer und Ausgegrenzte. Deshalb gibt es in Kuba einen Klassenkampf, ein unwiderlegbarer Beweis dafür sind die Proteste der proletarischen Massen aller Sektoren, Geschlechter, „Rassen“ und Generationen gegen den als „sozialistisch“ getarnten kapitalistischen Staat in diesem Land in den letzten Tagen.

Letztendlich ist das System, das in Wirklichkeit nicht mehr funktioniert, der Kapitalismus, egal in welcher Version, Form oder Verkleidung. Er überlebt jedoch inmitten seiner Zersetzung, weil es an revolutionären Bedingungen und Situationen fehlt, die nur die strukturellen Widersprüche des Kapitalismus selbst und die realen Klassenkämpfe im Prozess hervorbringen können – die materielle und spontane Massenphänomene sind, die zudem mehrere Generationen dauern – und nicht das Bewusstsein, die Ideologie, die Propaganda, der Wille und der politische Aktivismus einiger linker und ultralinker Organisationen und Personen.

Die radikale kommunistische Perspektive, die in dieser Analyse der aktuellen Situation enthalten ist, ist das Produkt nicht einiger brillanter und wahnhafter Köpfe, sondern des weltgeschichtlichen Klassenkampfes selbst und unserer konkreten Lebens- und Kampfsituation. In diesem Rahmen stehen wir staatsfeindlichen und internationalistischen Kommunistinnen und Kommunisten auf der Seite der Ausgebeuteten und Unterdrückten, die ohne Vertreter oder Vermittler und unabhängig von ihrer Nationalität um ihr Leben kämpfen, denn wir Proletarier haben kein Heimatland. In der Tat ist eine der konterrevolutionärsten Parolen, die es geben kann, die Parole „Vaterland oder Tod“, die von der derzeitigen linken kubanischen Regierung und ihren unkritischen Anhängern dort und überall automatisch wiederholt wird. Andererseits sind wir gegen alle Formen des Kapitalismus und der Staates-Nation, einschließlich des „sozialistischen Staates“, der in Wirklichkeit ein Staatskapitalismus ist, der selbst vom Weltmarkt bestimmt wird. Deshalb sind wir sowohl gegen die Rechte als auch gegen die Linke des Kapitals, denn beide sind keine Gegensätze, sondern komplementäre und sich abwechselnde Konkurrenten bei der Verwaltung des kapitalistischen Staates und der kapitalistischen Ökonomie. Im kubanischen Fall ist die Linke des Kapitals im Staat eine politisch-militärisch-unternehmerische Bürokratie, die das Proletariat ausbeutet oder ihm den Mehrwert entzieht, es überwacht und brutal unterdrückt, saftige Geschäfte mit transnationalen Konzernen macht und blutige Diktaturen in anderen Ländern sowohl links als auch rechts unterstützt hat.

Kurz gesagt, wir sind gegen den Kapitalismus, seine rechten Verteidiger und seine falschen linken Kritiker. Gleichzeitig sind wir für proletarische Autonomie, die sich in direkter Aktion und Massenselbstorganisation ausdrückt, für den revolutionären Bruch und die kommunistische Weltrevolution. Denn die Emanzipation der Arbeiter wird das Werk der Arbeiter selbst sein oder sie wird nicht sein. Weil es ohne einen Bruch mit den falschen Kritiken und falschen Alternativen zum Kapitalismus keine Revolution geben wird. Und weil die Revolution entweder marktfeindlich, staatsfeindlich und international sein wird oder sie wird nicht sein.

Deshalb sind wir im gegenwärtigen historischen und weltweiten Kontext, der immer noch konterrevolutionär ist, überall für proletarische Proteste und Revolten gegen die miserablen materiellen Existenzbedingungen unserer Klasse und gegen alle Regierungen des Kapitals, wie die derzeitige Revolte in Kuba, trotz aller Schwächen, Einschränkungen und Widersprüche. Denn die beste „Ausbildungsschule“ für das Proletariat ist der Klassenkampf selbst, und dieser wiederum ist der einzige Weg, um revolutionäre Krisen und Keime des Kommunismus und der Anarchie hervorzubringen. Wir sind vor allem für die Kämpfe, die Keime und Tendenzen der Klassenautonomie und des Bruchs mit den kapitalistischen Verhältnissen und vor allem mit ihrer eigenen Situation als ausgebeutete und unterdrückte Klasse zeigen. Diese Keime lassen sich in den Revolten der letzten Jahre erkennen. Ohne aufzuhören, ihnen gegenüber objektiv und kritisch zu sein. Mit der Perspektive, dass sich die Widersprüche und sozialen Konflikte verschärfen, dass sich das Kräfteverhältnis umkehrt, dass die globale proletarische Revolte zurückkehrt und dass sie sich selbst kritisiert und überwindet, so dass sie zu einer internationalen sozialen – nicht politischen, sozialen – Revolution wird.

Eine Revolution, in der alles, was existiert, aufbegehrt und kommuniziert wird, um der gegenwärtigen kapitalistischen Katastrophe Einhalt zu gebieten und ein lebenswertes Leben für alle Menschen überall zu schaffen, auch in der kubanischen Region. Revolution, die auf der Grundlage der Abschaffung von Lohnarbeit und Warentausch die Abschaffung der Gesellschaft der Klassen, Geschlechter, „Rassen“ und Nationalitäten herbeiführt. An ihre Stelle treten neue, vielfältige, nicht-kommodifizierte und nicht-hierarchische soziale Beziehungen zwischen frei assoziierten Individuen ohne Trennungen oder Grenzen jeglicher Art, die im Gleichgewicht mit der Natur stehen.

In der Zwischenzeit werden sich der Kapitalismus und der Klassenkampf auf dem ganzen Planeten ungleichmäßig und katastrophal weiterentwickeln, bis die Menschheit keine andere Wahl mehr hat als den Kommunismus oder die Auslöschung. Und davor wird nichts und niemand sicher sein. Das heutige Kuba ist nur eine weitere kritische Episode in diesem laufenden weltgeschichtlichen Drama. Proletarios Cabreados (Wütende Proletarier) Quito, Juli 2021


[*] An dieser Stelle muss klargestellt werden, dass „Staatskapitalismus“ ein Ausdruck ist, der von einigen Teilen der historischen kommunistischen Linken geprägt und verwendet wird, um den kapitalistischen Charakter der „kommunistischen Länder“ wie der UdSSR anzuprangern, die sowohl von der Rechten als auch von der Linken des Kapitals fälschlicherweise als solche bezeichnet werden, da der Kapitalismus weltweit ist und folglich der Kommunismus nur weltweit sein kann; und vor allem, weil in diesen Ländern die grundlegenden kapitalistischen Verhältnisse und Kategorien (Wert, Markt, Unternehmen, Lohnarbeit, Kapitalakkumulation, Geld, soziale Klassen, Staat, Ideologie…) nie ausgelöscht wurden, sondern blieben intakt und entwickelten sich weiter. In Wirklichkeit sind Kapital und Staat untrennbar miteinander verbunden: In dieser Gesellschaft kann der Staat nur der Staat des Kapitals sein, denn er ist die Zusammenfassung oder institutionelle Spitze der grundlegenden kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse, die ihrerseits diese Verhältnisse mit Gewalt und anderen Herrschaftsapparaten verwaltet, auch wenn er unterschiedliche Formen, Grade und Verwalter annimmt, wie in diesem Fall eine selbsternannte „kommunistische“ oder „sozialistische“ Bürokratie auf der Grundlage des Staatseigentums an den Mitteln der Warenproduktion und des Mehrwerts. Aus kommunistischer Sicht ist es daher streng genommen richtig, von Kapitalismus im engeren Sinne des Wortes zu sprechen und nicht von Staatskapitalismus. In diesem Artikel verwenden wir diesen unpräzisen Ausdruck jedoch wegen seiner oben erwähnten spezifischen historischen Aufladung sowie um die kommunistische Kritik an allen Arten von Staat zu betonen. Außerdem sind viele Leser mit diesen Begriffen und Debatten nicht vertraut.

Die gleiche zugrunde liegende Logik gilt übrigens auch für den ebenso falschen Ausdruck „Neoliberalismus“ oder „Kapitalismus der freien Marktwirtschaft“, der stattdessen von der anti-neoliberalen und neokeynesianischen Sozialdemokratie verwendet und missbraucht wird, während in Wirklichkeit „die unsichtbare Hand des Marktes“ nicht ohne „die eiserne Faust des Staates“ funktionieren kann und umgekehrt. Ein weiteres Beispiel für die falsche Links-Rechts-Dichotomie, die die kommunistische Perspektive kritisiert und aufbricht, indem sie bekräftigt, dass der Kommunismus die lebendige Gegenposition und Abschaffung/Aufhebung sowohl des Marktes als auch des Staates ist.


1A.d.Ü., klassenübergreifend

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