Paul Mattick – Karl Kautsky: Von Marx zu Hitler (1939)

Dieser unglaubliche Text von Paul Mattick, der sogar einen auf unsere Zeit ungewollten vorrausschauenden Blick hat, unterstreicht den absolut sozialdemokratischen und daher reformistischen und konterrevolutionären Charakter der radikalen Linken, die nichts anderes sein kann als die radikale Linke des Kapitals. Seine Kritik galt der SPD von Kautsky und Bernstein und erklärt, wieder einmal, warum die Reformierung des Kapitals, also der Reformen/Reformismus selbst, zwar nicht dem Kapitalisten, aber den Kapitals als solchen dient, wie eben dies zur weiteren Expansion des Kapitals führen musst. Dieser Kampf, der die Zerstörung des Kapitals nicht mehr heimsucht, sucht nur noch weitere Einbindung des Proletariats in die kapitalistische Gesellschaft, welche dann am Ende verteidigt werden muss, wie es der Fall beim Ersten Weltkrieg war, sowie in späteren Kriegen und Konflikten.


Paul Mattick – Karl Kautsky: Von Marx zu Hitler (1939)

Im Herbst 1938 starb Karl Kautsky im Alter von 84 Jahren in Amsterdam. Er galt als der wichtigste Theoretiker der marxistischen Arbeiterbewegung nach dem Tod ihrer Begründer und man kann ihn ohne Zweifel als einen ihrer typischsten Vertreter ansehen. Er verkörperte in aller Klarheit sowohl die revolutionären als auch die reaktionären Aspekte dieser Bewegung. Aber während Friedrich Engels am Grab von Marx sagen konnte, daß sein Freund „vor allem Revolutionär war“, wäre es schwierig, dasselbe am Grab seines bekanntesten Schülers zu sagen. „Die Politik und Theorie Kautskys werden stets der Gegenstand kritischer Untersuchung bleiben“, schrieb Friedrich Adler in Erinnerung an Kautsky. „Aber der Charakter Kautskys kann nie einem Zweifel unterliegen, er hat sein ganzes Leben unveränderlich gewirkt „der höchsten Majestät getreu, dem eigenen Gewissen“.“1

Kautskys Bewußtsein entwickelte sich in den Jahren des Aufstiegs der deutschen Sozialdemokratie. Er wurde in Österreich als Sohn eines am Wiener Kaiserlichen Theater angestellten Bühnendekorateurs geboren. Schon 1875, obwohl noch nicht Marxist, schrieb er für deutsche und österreichische Arbeiterzeitungen. 1880 wurde er Mitglied der deutschen Sozialdemokratischen Partei und erst jetzt, sagte er von sich selbst, „begann meine Entwicklung zu konsequentem methodischen Marxismus“.2 Er wurde, wie so viele andere, von Engels` „Anti-Dühring“ inspiriert und in seiner Orientierung von Eduard Bernstein unterstützt, der damals Sekretär des sozialistischen „Millionärs“ Hoechberg war. Seine ersten Arbeiten wurden mit Hoechbergs Hilfe publiziert und in der Arbeiterbewegung fand er als Herausgeber einer Reihe von sozialistischen Publikationen Anerkennung. 1883 gründete er die Zeitschrift „Neue Zeit“, die unter seiner Leitung das wichtigste theoretische Organ der deutschen Sozialdemokratie wurde.

Kautskys literarisches und wissenschaftliches Werk beeindruckt nicht nur durch die Weite seiner Interessen, sondern auch durch seinen Umfang. Selbst eine Auswahlbibliographie seiner Schriften würde viele Seiten füllen. In diesem Werk kommt alles zum Vorschein, was während der letzten sechzig Jahre in der sozialistischen Bewegung scheinbar oder tatsächlich wichtig war. Es zeigt, daß Kautsky in erster Linie Lehrer war und daß er, wegen seines schulmeisterlichen Blicks auf die Gesellschaft, die Rolle als führender Kopf einer Bewegung, deren Ziel darin bestand, die Arbeiter, aber auch die Kapitalisten zu erziehen, gut ausfüllte. Da er als Erzieher mit den theoretischen Aspekten des Marxismus befaßt war, konnte er revolutionärer erscheinen, als es der Bewegung, der er diente, tatsächlich entsprach. Er gab sich als „orthodoxer“ Marxist, der versuchte, das Marxsche Erbe als Schatzmeister zu sichern und die Grundlagen seiner Organisation zu erhalten. Revolutionär war Kautskys Lehre jedoch nur im Verhältnis zur allgemeinen kapitalistischen Ideologie der Vorkriegszeit. Im Gegensatz zu den revolutionären Theorien von Marx und Engels bedeutete sie eine Umkehr zu einfacheren Denkweisen und zu einer weniger komplexen Verarbeitung der widersprüchlichen Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. Doch obwohl er die Schatzkiste des Marxismus bewachte, bekam er nicht alles in den Blick, was sie enthielt.

1862 hatte Marx in einem Brief an Kugelmann seiner Hoffnung Ausdruck gegeben, daß seine nicht gemeinverständlichen Werke, mit denen er die ökonomische Wissenschaft zu revolutionieren suchte, zur rechten Zeit in einer populären Fassung vorgelegt werden würden, eine Aufgabe, von der er annahm, daß sie auf der von Ihm geschaffenen wissenschaftlichen Basis leicht zu bewältigen sei. „Mein Lebenswerk stand 1883 fest“, schrieb Kautsky; „die Propagierung, Popularisierung und, soweit meine Kräfte reichen, Fortführung der wissenschaftlichen Resultate Marxschen Forschens und Denkens.“3 Aber nicht einmal er, der größte Popularisator von Marx, erfüllte dessen Hoffnungen; seine Vereinfachungen erwiesen sich als neue Mystifikationen, aufgrund derer der wahre Charakter der kapitalistischen Gesellschaft nicht verstanden werden konnte. Doch sogar in ihren verwässerten Form blieben Marx` Theorien allen bürgerlichen sozialen und ökonomischen Theorien überlegen und Kautskys Schriften erwiesen sich für hunderttausende klassenbewußte Arbeiter als Kraftquelle. Er gab ihren eigenen Gedanken Ausdruck und dies in einer Sprache, die ihnen näher lag, als die des unabhängigeren Denkers Marx. Obwohl dieser mehr als einmal seine große Begabung für Verständlichkeit und Klarheit unter Beweis gestellt hatte, war er nicht Schulmeister genug, um die Freude an intellektuellen Feinheiten der Propaganda zu opfern.

Als wir darauf hinwiesen, daß Kautsky auch das repräsentierte, was in der alten Arbeiterbewegung reaktionär war, war das in einem ganz spezifischen Sinn gemeint. Die reaktionären Elemente bei Kautsky und in der alten Arbeiterbewegung waren objektiv bedingt und nur über den langen Zeitraum einer Konfrontation mit einer feindlichen Realität entwickelte sich die subjektive Bereitschaft, zu Verteidigern der kapitalistischen Gesellschaft zu werden. Im „Kapital“ weist Marx darauf hin, daß ein „steigender Preis der Arbeit infolge der Akkumulation des Kapitals in der Tat nur (besagt), daß der Umfang und die Wucht der goldenen Kette, die der Lohnarbeiter sich selbst bereits geschmiedet hat, ihre losere Spannung erlauben.“4 Unter den Bedingungen einer wachsenden Formierung des Kapitals führten verbesserte Arbeitsbedingungen und ein Anstieg der Kosten der Arbeit zu einer Umwandlung der Arbeitskämpfe in eine Verstärkung kapitalistischer Expansion. Wie der kapitalistische Wettbewerb dienten die Arbeiterkämpfe als Antrieb für weitere Kapitalakkumulation und verstärkten kapitalistischen „Fortschritt“. Alle Gewinne der Arbeiter wurden durch eine wachsende Ausbeutung kompensiert, die wiederum eine immer schnellere Kapitalexpansion erlaubte.

So diente selbst der Klassenkampf der Arbeiter zwar nicht den Bedürfnissen der individuellen Kapitalisten, aber des Kapitals. Die Siege der Arbeiter wandten sich immer gegen die Sieger. Je mehr die Arbeiter gewannen, um so reicher wurde das Kapital. Die Kluft zwischen Löhnen und Profiten wurde mit jedem Anstieg des Gewinnanteils der Arbeiter größer. Die scheinbar wachsende Bedeutung der Arbeit war tatsächlich eine zunehmende Schwächung ihrer Position im Verhältnis zum Kapital. Die „Erfolge“ der Arbeiter, von Eduard Bernstein als neue Ära des Kapitalismus begrüßt, konnten in diesem Kontext von sozialen Aktionen, nur in einer endgültigen Niederlage der Arbeiterklasse enden, sobald das Kapital von der Expansion in eine Phase der Stagnation geriet. Im Untergang der alten Arbeiterbewegung, einem Anblick, der Kautsky nicht erspart blieb, manifestierten sich die tausende von Niederlagen, die in der Aufschwungphase des Kapitalismus erlitten wurden und obwohl diese Niederlagen als Teilsiege gefeiert wurden, waren sie in der Tat nur Teilniederlagen, wo der Vorteil immer auf Seiten der Bourgeoisie liegt. Obwohl Bernsteins Revisionismus, der den Schein für Wahrheit nahm und von bürgerlichen Empirismus angeregt wurde, von Kautsky zuerst angegriffen wurde, bereitete er die Basis für seinen Erfolg. Denn ohne die nichtrevolutionäre Praxis der alten Arbeiterbewegung, deren Theorien von Bernstein begründet wurden, hätte Kautsky keine Bewegung und materielle Basis gefunden, auf deren Grundlage er sich als wichtiger marxistischer Theoretiker etablieren konnte.

Diese objektive Situation, die, wie wir gesehen haben, die Erfolge der Arbeiterbewegung in ebenso viele Schritte zu ihrer Vernichtung umwandelte, gebar eine nichtrevolutionäre Ideologie, die verstärkt mit der scheinbaren Wirklichkeit harmonierte und die später als Sozialreformismus, Opportunismus, Sozialchauvinismus und sogar als Verrat bezeichnet wurde. Dieser „Verrat“ jedoch tangierte kaum diejenigen, die verraten wurden. Im Gegenteil, die Mehrheit der organisierten Arbeiter begrüßte den Einstellungswechsel in der sozialistischen Bewegung, insofern er mit ihren eigenen Hoffnungen auf einen aufsteigenden Kapitalismus konform ging. Die Massen waren genauso wenig revolutionär wie ihre Führer und beide waren zufrieden mit ihrer Teilhabe am kapitalistischen Fortschritt. Sie organisierten sich nicht nur für einen größeren Anteil am Sozialprodukt, sondern auch für einen stärkeren Einfluß im politischen Bereich. Sie lernten in Begriffen der bürgerlichen Demokratie zu denken; sie fingen an, von sich selbst als Konsumenten zu sprechen; sie wollten an den Errungenschaften von Kultur und Zivilisation teilnehmen. Franz Mehrings „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ endet typischerweise mit einem Kapitel über „Kunst und Proletariat“. Wissenschaft für Arbeiter, Literatur für Arbeiter, Schulen für Arbeiter, Teilnahme an allen Institutionen der kapitalistischen Gesellschaft, dies und nicht mehr war das wirkliche Bedürfnis der Bewegung. Statt das Ende der kapitalistischen Wissenschaft zu fordern; verlangte man nach Wissenschaftlern aus der Arbeiterklasse; statt das kapitalistische Recht abzuschaffen, wünschte man die Ausbildung von Juristen aus der Arbeiterklasse; in der steigenden Zahl von Historikern, Dichtern, Wirtschaftswissenschaftlern, Journalisten, Ärzten und Zahnärzten, sowie Parlamentariern und Gewerkschaftsbürokraten sah man die Sozialisierung der Gesellschaft, die damit immer mehr zu ihrer eigenen Gesellschaft wurde. Das, an dem man zunehmend Anteil hat, wird man bald schon verteidigungswert finden. Bewußt und unbewußt sah die alte Arbeiterbewegung im kapitalistischen Expansionsprozeß ihren eigenen Weg zu größerem Wohlstand und größerer Anerkennung. Je mehr das Kapital florierte, desto besser waren die Arbeitsbedingungen. Zufrieden mit Aktionen in den Grenzen des Kapitalismus, machten die Arbeiterorganisationen die Profitabilität des Kapitalismus nach und nach zu ihrer eigenen Sache. Die nationalen kapitalistischen Rivalitäten wurden nur auf einer verbalen Ebene bekämpft. Obwohl die Bewegung zuerst nur für ein „besseres Vaterland“ kämpfte und später bereit war, das zu verteidigen, was sie schon gewonnen hatte, erreichte sie bald den Punkt, wo sie bereit war, das Vaterland zu verteidigen „so wie es ist“.

Die Toleranz, welche die „Nachfolger“ von Marx gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft an den Tag legten, war nicht einseitig. Die Bourgeoisie selbst hatte in ihrem Kampf gegen die Arbeiterklasse gelernt, „die soziale Frage zu verstehen“. Ihre Interpretation der sozialen Erscheinungen wurde zunehmend materialistisch und bald gab es eine Überschneidung der Ideologien der beiden Weltbilder, was trotz der aktuellen Disharmonien in den Klassenauseinandersetzungen im Rahmen eines aufsteigenden Kapitalismus zu einer wachsenden „Harmonie“ führte. Allerdings waren die „Marxisten“ eher bereit „vom Feind zu lernen“ als die Bourgeoisie. Die revisionistischen Tendenzen hatten sich schon lange vor dem Tod von Engels herauskristallisiert. Dieser und selbst Marx hatten geschwankt und Momente gezeigt, in denen sie vom Erfolg ihrer Bewegung hinweggetragen wurden. Aber was bei ihnen nur eine kurzfristige Modifikation ihres im wesentlichen konsistenten Denkens war, wurde für die Bewegung, die in größerem Gewerkschaftsvermögen und in besseren Wahlergebnissen Fortschritt sah, zum „Glauben“ und zur „Wissenschaft“.

Nach 1910 fand sich die deutsche Sozialdemokratie in drei wesentliche Gruppen gespalten. Da waren die Reformisten, die offen den deutschen Imperialismus bejahten; da war die „Linke“, für die Namen wie Luxemburg, Liebknecht, Mehring und Pannekoek standen; und da war das Zentrum, das traditionellen Wegen zu folgen versuchte, allerdings nur in der Theorie, denn in der Praxis konnte die gesamte deutsche Sozialdemokratie nur das tun, was möglich war, d. h. was Bernstein wollte. Bernstein zu widersprechen konnte nur darauf hinauslaufen, der gesamten sozialdemokratischen Praxis zu widersprechen. Die „Linke“ als solche gewann erst in dem Moment eine Bedeutung, als sie die Sozialdemokratie als Teil der kapitalistischen Gesellschaft anzugreifen begann. Die Differenzen zwischen den beiden oppositionellen Gruppen konnten nicht ideologisch gelöst werden; sie wurden gelöst, als der Terror der Noske-Truppen im Jahre 1919 zur Ermordung von Mitgliedern der Spartakusgruppe führte. Mit dem Ausbruch des Krieges fand sich die „Linke“ in kapitalistischen Gefängnissen und die „Rechte“ im kaiserlichen Generalstab wieder. Das „Zentrum“, geführt von Kautsky, entledigte sich aller Probleme der sozialistischen Bewegung, indem es erklärte, daß weder die Sozialdemokratie noch ihre Internationale in Kriegszeiten funktionieren könnten, da beide wesentlich Instrumente des Friedens seien. „Der welthistorische Appell des Kommunistischen Manifests“, schrieb Rosa Luxemburg, „erfährt eine wesentliche Ergänzung und lautet nun nach Kautskys Korrektur: Proletarier aller Länder, vereinigt euch im Frieden und schneidet euch die Gurgel ab im Kriege!“5 Der Krieg und seine Folgen zerstörten die Legende von Kautskys marxistischer „Orthodoxie“. Sogar sein leidenschaftlichster Schüler, Lenin, sah sich gezwungen, sich vom Meister abzuwenden. Im Oktober 1914 mußte er zugeben, daß im Hinblick auf Kautsky Rosa Luxemburg Recht gehabt hatte. In einem Brief an Schlapnikow schrieb er: „Rosa Luxemburg hatte Recht, als sie bereits vor langer Zeit schrieb, Kautsky sei die „Servilität des Theoretikers“ eigen, einfacher gesagt, die Kriecherei vor der Mehrheit der Partei, vor dem Opportunismus. Es gibt jetzt für die ideologische Selbständigkeit des Proletariats nichts Schädlicheres und Gefährlicheres auf der Welt als diese schmutzige Selbstzufriedenheit und diese abscheuliche Heuchelei Kautskys, der alles vertuschen und verkleistern will, der das erwachte Gewissen der Arbeiter mit Sophismen und pseudowissenschaftlichen Tiraden beruhigen möchte.“6

Was Kautsky von dem allgemeinen Trend der Intellektuellen unterschied, die sich um die Arbeiterbewegung sammelten, sobald diese gesellschaftsfähig wurde, und die allzu eifrig bemüht waren, die Klassenkollaboration zu fördern, war die größere Liebe zur Theorie, eine Liebe, die sich weigerte, Theorie an der Aktualität zu messen, wie die Liebe einer Mutter, die ihr Kind davor behütet, der Realität des Lebens zu früh in die Augen zu schauen. Nur als Theoretiker konnte Kautsky Revolutionär bleiben; nur zu gerne überließ er die praktischen Dinge der Bewegung anderen. Wie auch immer, er betrog sich jedoch selber. In der Rolle eines bloßen Theoretikers hörte er auf, ein revolutionärer Theoretiker zu sein, richtiger noch, er konnte kein Revolutionär werden. Sobald die Grundlagen für eine wirkliche Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus nach dem Krieg gegeben waren, brachen seine Theorien zusammen, weil sie in der Praxis bereits von der Bewegung, die sie zu repräsentieren schienen, getrennt waren.

Obwohl Kautsky zu dem übertrieben enthusiastischen Chauvinismus seiner Partei in Opposition stand, obwohl er zögerte, sich wie Ebert, Scheidemann und Hindenburg am Krieg zu erfreuen, obwohl er nicht für eine bedingungslose Zustimmung zu den Kriegskrediten votierte, war er bis zu seinem Ende gezwungen, die Legende seiner marxistischen Orthodoxie selbst zu zerstören, die er sich mit seiner dreißigjährigen schriftstellerischen Tätigkeit erarbeitet hatte. Er, der im Jahre 1902 angekündigt hatte7, daß eine Zeit der proletarischen Kämpfe um die Staatsmacht angebrochen sei, erklärte solche Versuche für schieren Unsinn, als Arbeiter ihn Ernst nahmen. Er, der so vehement gegen den Ministerialismus von Millerand und Jaure`s in Frankreich gekämpft hatte, begrüßte zwanzig Jahre später die Koalitionspolitik der deutschen Sozialdemokratie mit den Argumenten seiner früheren Gegner. Er, der sich bereits 1909 mit dem „Weg zur Macht“ befaßte, träumte nach dem Krieg von einem kapitalistischen Ultra-Imperialismus als einem Weg zum Weltfrieden und verbrachte den Rest seines Lebens damit, seine Vergangenheit neu zu interpretieren, um seine Ideologie der Klassenkollaboration zu rechtfertigen. „Im Verlauf seiner Klassenkämpfe“, schrieb er in seinem letzten Werk, „(ist es dem Proletariat beschieden, daß es) immer mehr zum Vorkämpfer wird für eine Erneuerung der Menschheit, an der im steigendem Grade auch nicht proletarische Schichten der Gesellschaft ein dringendes, brennendes Interesse haben. Das bedeutet nicht etwa einen Verrat an der Idee des Klassenkampfes. Diese Erkenntnis habe ich schon angesprochen zu einer Zeit, wo es noch keinen Bolschewismus gab, z.B. in der Artikelserie der „Neuen Zeit“ über „Klasseninteresse, Sonderinteresse, Gemeininteresse“ (1903, XXI, 2) wo ich zu dem Ergebnis kam, der proletarische Klassenkampf lehne die Solidarität der Klassen ab, erkenne aber die Solidarität der Menschen an.“8

Tatsächlich ist es nicht möglich, Kautsky als „Renegaten“ zu betrachten. Nur ein totales Missverstehen der Theorie und Praxis der sozialdemokratischen Bewegung und von Kautskys Aktivitäten konnten zu solch einer Sichtweise führen. Kautsky war bestrebt, ein guter Diener des Marxismus zu sein; Engels und Marx zu gefallen, schien tatsächlich seine Lebensaufgabe zu sein. Er bezeichnete letzteren in typisch sozialdemokratischer und philisterhafter Manier immer als „großen Meister“, als „Olympier“ als „Donnergott“ etc. Er fühlte sich extrem geehrt, weil Marx ihn „keineswegs so unnahbar (empfing) wie Goethe seinen jungen Kollegen“ Heine.9 Er muß sich selbst geschworen haben, Engels nicht zu enttäuschen, als dieser ihn und Bernstein als „vertrauenswürdige Vertreter der marxistischen Theorie zu betrachten begann, und fast sein ganzes Leben lang war er der eifrigste Verteidiger „der Schrift“. Er ist völlig ehrlich, wenn er sich bei Engels beklagt, „daß fast alle Gebildeten der Partei… für Kolonien (schwärmen), für den nationalen Gedanken, Wiedererweckung des germanischen Altertums, für vertrauensvolles Entgegenkommen gegenüber der Regierung, Ersetzung des Klassenkampfes durch die Macht der „Gerechtigkeit“, Abneigung gegen den Materialismus und die materialistische Geschichtsauffassung -Marxistische Dogmen, wie sie es nennen“.10 Er wandte sich gegen sie, um das zu verteidigen, was seine Idole begründet hatten. Als guter Schulmeister war er auch ein guter Schüler.

Engels verstand diese frühe „Degeneration“ der Bewegung nur zu gut. In der Antwort auf Kautskys Klagen stellte er fest, daß „die bürgerliche kapitalistische Entwicklung sich stärker (bewiesen) hat als der revolutionäre Gegendruck; zur neuer Erhebung gegen die kapitalistische Produktion bedarf es eines neuen, gewaltigen Anstoßes, etwa der Entthronung Englands von der bisherigen Weltmarktherrschaft, oder einer besonderen revolutionären Gelegenheit in Frankreich“.11 Aber weder das eine, noch das andere Ereignis trat ein. Die Sozialisten warteten nicht länger auf die Revolution. Bernstein wartete statt dessen auf Engels Tod, um nicht den Mann zu enttäuschen, dem er so viel verdankte, bevor er erklärte, daß „das Ziel nichts bedeutet und die Bewegung alles“. Es ist richtig, daß Engels während seiner letzten Lebensjahre die reformistischen Kräfte gestärkt hatte. Was in seinem Fall jedoch nur als individuelle Schwäche in bestimmten Standpunkten verstanden werden kann, wurde von seinen Epigonen als Ursprung ihrer Stärke angesehen. Immer wieder kehrten Marx und Engels zur kompromisslosen Haltung des „Kommunistischen Manifests“ und des „Kapitals“ zurück, z.B. in der „Kritik des Gothaer Programms“, dessen Veröffentlichung verzögert wurde, um die Kompromissler in der Bewegung nicht zu beunruhigen. Seine Veröffentlichung war erst nach einer Auseinandersetzung mit der Parteibürokratie möglich, was Engels zu der Bemerkung veranlasste, dass „es in der That ein brillianter Gedanke (ist), die deutsche sozialistische Wissenschaft, nach ihrer Befreiung vom bismarckschen Sozialistengesetz, unter ein neues, von den sozialdemokratischen Parteibehörden selbst zu fabrizierendes und auszuführendes Sozialistengesetz zu stellen“.12

Kautsky verteidigte einen bereits geschwächten Marxismus. Der radikale, revolutionäre antikapitalistische Marxismus war von der kapitalistischen Entwicklung besiegt worden. In einer Rede zum Kongreß der Internationalen Arbeiterassoziation 1872 in Den Haag hatte Marx selbst erklärt: „Der Arbeiter muß eines Tages die politische Gewalt ergreifen, um die neue Organisation der Arbeit aufzubauen… Aber wir haben nicht behauptet, daß die Wege, um zu diesem Ziel zu ge-langen, überall dieselben seien… und wir leugnen nicht, daß es Länder gibt, wie Amerika, England, und wenn mir eure Institutionen besser bekannt wären, würde ich vielleicht noch Holland hinzufügen, wo die Arbeiter auf friedlichem Wege zu ihrem Ziel gelangen können.“13 Diese Bemerkung erlaubte sogar den Revisionisten, sich selbst zu Marxisten zu erklären und das einzige Argument, daß Kautsky gegen sie vorbringen konnte, war, z.B. während des sozialdemokratischen Parteitages 1898 in Stuttgart, die Ablehnung der Annahme, daß der von den Revisionisten für England und Amerika behauptete fortschreitende Prozeß der Demokratisierung und Sozialisierung auch für Deutschland gültig sei. Er wiederholte Marx Position hinsichtlich der Möglichkeit eines friedvolleren Wandels der Gesellschaft in einigen Ländern und fügte dieser Bemerkung nur hinzu, daß auch er sich einen „Sieg… ohne Katastrophe… wünsche“.14 Allerdings bezweifelte er solch eine Möglichkeit.

Es ist verständlich, daß es auf der Basis eines solchen Denkens für Kautsky nur folgerichtig war, nach dem Krieg anzunehmen, daß aufgrund einer möglichen schnelleren Entwicklung der demokratischen Institutionen in Deutschland und Rußland in diesen Ländern auch ein friedlicherer Weg zum Sozialismus realisiert werden könnte. Der friedliche Weg erschien ihm der sicherere, da dieser mehr seinem Wunsch nach der „Solidarität der Menschen“ entsprach, zu der er beizutragen suchte. Die sozialistischen Intellektuellen wollten die Freundlichkeit erwidern, mit denen die Bourgeoisie sie zu behandeln gelernt hatte. Schließlich sind wir alle Gentleman! Das ruhige kleinbürgerliche Leben der Intelligenz, abgesichert von einer mächtigen sozialistischen Bewegung, hatte dazu geführt, daß sie den ethischen und kulturellen Aspekten der Dinge Wichtigkeit beimaßen. Kautsky haßte die Methoden des Bolschewismus nicht weniger stark, als dies die Weißgardisten taten, obwohl er, im Gegensatz zu diesen, mit den Zielen des Bolschewismus übereinstimmte. Hinter der Erscheinung der proletarischen Revolution sahen die Führer der sozialistischen Bewegung mit Recht ein Chaos, in dem ihre eigene Stellung nicht weniger gefährdet wäre als die der eigentlichen Bourgeoisie. Ihre Abscheu vor „Unordnung“ war nichts anderes als Ausdruck der Verteidigung ihrer eigenen materiellen, sozialen und intellektuellen Stellung. Der Sozialismus sollte sich unter legalen, nicht unter illegalen Bedingungen entwickeln, denn unter diesen Voraussetzungen würden die bestehenden Organisationen und ihre Führer weiterhin die Bewegung dominieren. Und ihre erfolgreiche Störung der drohenden proletarischen Revolution zeigte, daß nicht nur die „Fortschritte“ der Arbeiter im ökonomischen Bereich sich gegen diese selbst wandten, sondern auch die „Erfolge“ im politischen Bereich sich als Waffen gegen ihre Emanzipation erwiesen. Das stärkste Bollwerk gegen eine radikale Lösung der sozialen Frage war die Sozialdemokratie, deren Wachstum die Arbeiter als Maßstab ihrer eigenen wachsenden Macht zu sehen gelernt hatten.

Nichts zeigt den revolutionären Charakter von Marx´ Theorien deutlicher als die Schwierigkeit, sie in nichtrevolutionären Zeiten zu verteidigen. Es gab ein Körnchen Wahrheit in Kautskys Feststellung, daß die sozialistische Bewegung in Kriegszeiten nicht funktionieren könne, da Kriegszeiten zeitweise nichtrevolutionäre Situationen mit sich bringen. Der Revolutionär wird isoliert und sieht sich zeitweise besiegt. Er muß warten, bis sich die Situation ändert, bis die subjektive Bereitschaft, am Krieg teilzunehemen, von der objektiven Unmöglichkeit, diese subjektive Bereitschaft umzusetzen, zerrüttet ist. Ein Revolutionär muß von Zeit zu Zeit „außerhalb der Welt“ stehen. Zu glauben, daß eine revolutionäre Praxis, die ihren unabhängigen Ausdruck in unabhängigen Aktionen der Arbeiter findet, zu jeder Zeit möglich ist, heißt nichts anderes, als demokratischen Illusionen zum Opfer zu fallen. Aber es ist schwieriger, „außerhalb dieser Welt“ zu stehen, denn niemand kann wissen, wann sich die Dinge ändern und niemand wünscht zurückzubleiben, wenn die Änderungen ihren Lauf nehmen. Widerspruchsfreiheit existiert nur in der Theorie. Man kann nicht sagen, daß Marx´ Theorien widersprüchlich waren; man kann jedoch sagen, daß Marx selbst nicht von Widersprüchen frei war, d.h., daß auch er einer sich ändernden Wirklichkeit Achtung erweisen und, um überhaupt reagieren zu können, in nichtrevolutionären Zeiten auf eine nichtrevolutionäre Weise reagieren mußte. Seine Theorien konzentrierten sich auf die wesentlichen Aspekte des Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat, aber seine Praxis änderte sich schrittweise, indem er sich mit den Problemen beschäftigte, so wie sie sich ergaben, Probleme die nicht immer mit Hilfe von Grundprinzipien gelöst werden konnten. Da der Marxismus während der Aufschwungphase des Kapitalismus nicht stumm bleiben wollte, konnte er sich nur in einer Weise äußern, die einer Theorie widersprach, die aus der Erkenntnis eines realen und immer existierenden Klassenkampfes resultierte. Die Theorie eines immerwährenden Klassenkampfes ist nicht gerechtfertigter, als das bürgerliche Konzept des Fortschritts. Es gibt keinen Automatismus der Aufwärtsentwicklung; statt dessen gibt es Schlachten mit wechselnden Glück; es gibt einen Stillstand in den Kämpfen und die endgültige Niederlage. Die große Zahl der Arbeiter, die in den Zeiten, als die Geschichte den Kapitalismus begünstigte, in Opposition zum mächtigen kapitalistischen Staat standen, repräsentiert nicht den Riesen, auf dessen Rücken die kapitalistischen Parasiten ruhen, sondern eher den Bullen, der dorthin zu gehen hat, wohin ihn sein Nasenring zwingt. Während der nichtrevolutionären Periode des aufsteigenden Kapitalismus konnte der revolutionäre Marxismus nur als Ideologie existieren, der einer ihm gänzlich gegensätzlichen Praxis diente. Dieser Ideologie wiederum wurden durch die aktuellen Ereignisse Grenzen gesetzt. Als reine Ideologie mußte sie in dem Moment aufhören zu existieren, in dem große soziale Umwälzungen einen Wechsel von einer indirekten zu einer direkten Klassenkollaboration für kapitalistische Zwecke verlangte.

Marx entwickelte seine Theorien in revolutionären Zeiten. Als fortgeschrittenster bürgerlicher Revolutionär war er der dem Proletariat am nächsten stehende. Die Niederlage der Bourgeoisie als revolutionäre Klasse und ihr Erfolg im Rahmen der Konterrevolution brachten Marx zu der Überzeugung, daß die moderne revolutionäre Klasse nur die Arbeiterklasse sein kann und er entwickelte die sozioökonomische Theorie ihrer Revolution. Wie viele seiner Zeitgenossen unterschätzte er die Stärke und Flexibilität des Kapitalismus und erwartete allzu bald das Ende der bürgerlichen Gesellschaft. Zwei Alternativen stellten sich ihm: Er konnte sich entweder außerhalb der aktuellen Entwicklung stellen und sich auf ein praxisfernes radikales Denken zurückziehen oder unter den gegebenen Umständen an den aktuellen Kämpfen teilnehmen und die revolutionären Theorien für „bessere Zeiten“ aufheben. Diese letzte Alternative wurde umgesetzt in das „richtige Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis“ und Niederlage oder Erfolg proletarischer Aktivitäten wurde damit wieder einmal das Ergebnis von „richtiger“ oder „falscher“ Taktik, der Frage der richtigen Organisation und der korrekten Führung. Es war nicht so sehr Marx`frühe Verbindung mit der bürgerlichen Revolution, die zur weiteren Entwicklung des jakobinischen Aspekts in der Arbeiterbewegung, die seinen Namen trug, führte, sondern die aufgrund der nichtrevolutionären Zeiten nichtrevolutionäre Praxis dieser Bewegung.

Der Marxismus von Kautsky war somit ein rein ideologischer Marxismus und dazu verurteilt, im Laufe der Zeit in idealistische Strukturen zurückzufallen. Kautskys „Orthodoxie“ war in Wahrheit nichts anderes als die künstliche Bewahrung von Ideen, die der aktuellen Praxis widersprachen und somit letztlich zum Rückzug gezwungen waren, da die Realität immer stärker ist als die Ideologie. Eine wirkliche marxistische „Orthodoxie“ könnte nur bei einer Wiederkehr wirklich revolutionärer Situationen Sinn machen, wobei eine solche „Orthodoxie“ nicht eine solche der „Worte“ wäre, sondern eine solche, die sich auf die Prinzipien des Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat unter Berücksichtigung neuer und veränderter Aspekte beziehen würde. Der Rückzug der Theorie vor der Praxis kann mit außerordentlicher Klarheit anhand von Kautskys Schriften nachvollzogen werden.

Die vielen von Kautsky geschriebenen Bücher und Artikel befassen sich mit fast allen sozialen Problemen und darüber hinaus mit spezifischen Fragen der Arbeiterbewegung. Allerdings können seine Schriften in die Bereiche Ökonomie, Geschichte und Philosophie unterteilt werden. Im Bereich der politischen Ökonomie läßt sich zu seinem Beitrag nicht viel sagen. Er war der Popularisator des ersten Bandes von Marx` „Kapital“ und der Herausgeber von Marx` „Theorien über den Mehrwert“, die zwischen 1904 und 1910 veröffentlicht wurden. Seine Popularisierungen von Marx` ökonomischen Theorien unterscheiden sich nicht von den allgemein akzeptierten Interpretationen ökonomischer Erscheinungen in der sozialistischen Bewegung, die Revisionisten eingeschlossen. Tatsächlich wurden Teile seines berühmten Buches „Die ökonomischen Theorien von Marx“ von Eduard Bernstein geschrieben. An der hitzigen Diskussion, die um die Jahrhundertwende um die Bedeutung von Marx` Theorien im zweiten und dritten Band des „Kapital“ geführt wurden, hatte Kautsky kaum Anteil. Für ihn enthielt der erste Band des Kapital alles, was für die Arbeiter und ihre Bewegung wichtig war. Er handelte vom Produktionsprozess, der Fabrik und der Ausbeutung und enthielt alles, was dazu diente, eine Arbeiterbewegung gegen den Kapitalismus zu unterstützen. Die beiden anderen Bände, die sich detaillierter mit kapitalistischen Krisen- und Zusammenbruchstendenzen befassen, bezogen sich nicht auf die unmittelbare Realität und stießen nicht nur bei Kautsky, sondern auch bei allen anderen Theoretikern während der Aufschwungphase des Kapitalismus auf wenig Interesse. In einer 1886 geschriebenen Besprechung des zweiten Bandes des „Kapital“ vertrat Kautsky die Auffassung, daß dieser Band für die Arbeiter von geringerem Interesse sei, da er sich vorwiegend mit dem Problem der Realisierung des Mehrwerts beschäftigt, was eigentlich eher die Kapitalisten angehe. Als Bernstein im Zusammenhang mit seinem Angriff auf Marx`ökonomische Theorien dessen Zusammenbruchstheorie zurückwies, verteidigte Kautsky den Marxismus, indem er einfach leugnete, daß Marx jemals eine eigene Theorie hinsichtlich des objektiven Endes des Kapitalismus entwickelt habe und darauf hinwies, daß ein solches Konzept eine reine Erfindung Bernsteins sei. Schwierigkeiten und Widersprüche glaubte er in der Zirkulationssphäre zu finden. Der Konsum könne nicht so schnell wachsen wie die Produktion und eine permanente Überproduktion würde die Einführung des Sozialismus politisch notwendig machen. Gegen Tugan-Baranowskys Theorie einer ungehemmten kapitalistischen Entwicklung, die von der Tatsache ausging, daß das Kapital sich eigene Märkte schafft und sich entwickelnde Disproportionalitäten überwinden kann, eine Theorie, welche die gesamte reformistische Bewegung beeinflusste, erklärte er mit seiner Unterkonsumtionstheorie die Unausweichlichkeit kapitalistischer Krisen15, die schließlich die subjektiven Bedingungen für eine Umwandlung des Kapitalismus in den Sozialismus schaffen würden, 25 Jahre später gab er allerdings öffentlich zu, daß er sich in seiner Einschätzung der ökonomischen Möglichkeiten des Kapitalismus geirrt hatte, der ihm jetzt, „rein ökonomisch betrachtet weit lebenskräftiger erscheint, als vor einem halben Jahrhundert.16

Die theoretischen Unklarheiten und Widersprüche, die Kautsky in ökonomischen Fragen zeigte17, fanden ihren Höhepunkt in der Akzeptanz der einstmals zurückgewiesenen Ansichten von Tugan-Baranowsky. Dies war nur ein Spiegel seiner wechselnden allgemeinen Einstellung gegenüber bürgerlichem Denken und der kapitalistischen Gesellschaft. In seinem Buch „Die materialistische Geschichtsauffassung“ das er als Quintessenz seiner Lebensarbeit betrachtete und das sich auf nahezu zweitausend Seiten mit der Entwicklung der Natur, der Gesellschaft und des Staates beschäftigt, offenbart er nicht nur seine pedantischen Darstellungsweisen und sein umfassendes Wissen von Theorien und Fakten, sondern auch seine vielen Mißverständnisse im Hinblick auf den Marxismus und seinen endgültigen Bruch mit der marxistischen Wissenschaft. Hier erklärt er offen, daß „zeitweise Revisionen des Marxismus unvermeidlich (sind)“.18 Hier akzeptiert er jetzt alles, wogegen er sein ganzes Leben scheinbar angekämpft hatte. Er ist nun nicht länger nur an der Interpretation des Marxismus interessiert, sondern auch bereit, Verantwortung für seine eigenen Gedanken zu übernehmen, indem er sein Hauptwerk als seine eigene, von Marx und Engels zwar nicht sich völlig abwendende, aber von ihnen unabhängige Geschichtsauffassung präsentiert. Seine Meister, so behauptet er jetzt, hatten ein zu enges Konzept von materialistischer Geschichtsauffassung, da sie die Einflüsse der Natur in der Geschichte zu sehr vernachlässigten. Indem er sich nicht auf Hegel, sondern auf Darwin beruft, trachtet er danach, „das Gebiet der materialistischen Geschichtsauffassung so weit auszudehnen, daß es sich mit der Biologie berührt(e)“.19 Aber seine Erweiterung des historischen Materialismus erweist sich als schlichte Rückkehr zur Position des revolutionären Bürgertums, die Marx mit seiner Zurückweisung von Feuerbach überwunden hatte. Auf der Basis dieses naturalistischen Materialismus übernimmt Kautsky zwangsläufig, wie die bürgerlichen Philosophen vor ihm, ein idealistisches Konzept der sozialen Entwicklung, daß im Hinblick auf den Staat offen und vollständig die alten bürgerlichen Anschauungen, denen zufolge die Geschichte der Menschheit die Geschichte der Staaten sei, vertritt. Indem er beim bürgerlichen Staat endet, hält Kautsky fest, daß „der Kampf der Waffen für die Austragung von Klassenkonflikten keinen Raum mehr (findet). Sie werden in friedlicher Weise durch Propaganda und Abstimmung entschieden“.20

Obwohl wir an dieser Stelle Kautskys umfangreiches Buch unmöglich im Detail vorstellen können, müssen wir festhalten, daß es durchgängig den zweifelhaften Charakter von Kautskys „Marxismus“ aufzeigt.21 Seine Verbindungen zur Arbeiterbewegung waren, im Rückblick betrachtet, nie mehr als die Teilnahme an einer Art bürgerlicher Sozialarbeit. Ohne Zweifel hat er die wahre Position von Marx und Engels nie verstanden oder sich zumindest nie träumen lassen, daß Theorien eine unmittelbare Beziehung zur Realität haben können. Dieser scheinbar ernsthafte Marxschüler hat Marx nie wirklich ernst genommen. Wie viele fromme Priester, deren praktisches Engagement im Gegensatz zu ihren Lehren steht, war er sich wahrscheinlich der Dualität seines eigenen Denkens und Handelns nicht einmal bewusst. Zweifellos wäre er in Wirklichkeit gerne der Bürger gewesen, von dem Marx einmal sagte, er sei „Kapitalist nur im Interesse des Proletariats“. Aber sogar dies würde er ablehnen, wenn es nicht auf bürgerlich-demokratische Weise geschehen würde. Kautsky „verwirft die bolschewistische Melodie, die sein Gehör beleidigt“, schrieb Trotzki, aber er sucht nicht nach einer anderen. Die Lösung ist einfach: Der alte Tanzbär weigert sich überhaupt, auf dem Instrument der Revolution zu spielen.“22

Indem er am Ende seines Lebens erkennt, daß die von ihm erhofften Reformen des Kapitalismus auf demokratische und friedliche Weise nicht realisiert werden können, wandte sich Kautsky gegen seine eigene praktische Politik und so wie er früher der Befürworter einer marxistischen Ideologie war, die, gänzlich getrennt von der Realität, nur ihren Gegnern dienen konnte, wurde er jetzt zum Befürworter der bürgerlichen laissez-faire-Ideologie, die ebenso weit von den aktuellen Verhältnissen der sich entwickelnden faschistischen kapitalistischen Gesellschaft entfernt ist und dieser Gesellschaft ebenso dient wie seine marxistische Ideologie der demokratischen Phase des Kapitalismus gedient hatte. „Man liebt es heute“, schrieb er in seinem letzten Werk, „vom Liberalismus und seiner Ökonomie wegwerfend zu sprechen, und doch ist deren Theorie, die Quesnay, Adam Smith und Ricardo begründeten, in keiner Weise überwunden. Karl Marx selbst hat sie im Grunde anerkannt und weiter entwickelt. Marx hat nie bestritten, daß die liberalen Freiheiten der Warenproduktion für die Entwicklung der Warenproduktion den besten Boden bilden. Er unterschied sich von den Klassikern der bürgerlichen Ökonomie allerdings dadurch, daß sie die Warenproduktion von Privatproduzenten für die einzig mögliche Form der Produktion hielten. Er dagegen anerkannte, daß daß die höchste Form der Warenproduktion, durch ihre eigene Entwicklung Bedingungen für eine ihr überlegene Produktion schaffe, die der gesellschaftlichen Produktion, in der die Gesellschaft, identisch mit der Gesamtheit der Arbeiter, über die heute im kapitalistischen Privateigentum befindlichen Produktionsmittel verfügt und sie nicht zu Zwecken des Profits, sondern zur Deckung des Bedarfs der Gesellschaft anwendet. Diese, die sozialistische Produktionsweise unterliegt eigenen Gesetzen, die in vielem von den Gesetzen der Warenproduktion abweichen. Aber wo und solange die Warenproduktion besteht, wird sie am besten gedeihen, wenn in ihr die eigentümlichen Gesetze beachtet werden, die bereits in der Ära des aufkommenden Liberalismus entdeckt wurden.“23

Diese Ideen sind sehr überraschend für einen Mann, der Marx` „Theorien über den Mehrwert“ herausgegeben hatte, ein Buch, das erschöpfend bewies, „daß Marx und Engels zu keiner Zeit ihres Lebens der oberflächlichen Meinung gehuldigt haben, daß sich der neue Inhalt ihrer sozialistischen und kommunistischen Theorie als bloße ideologische Konsequenz aus der stockbürgerlichen Theorie der Quesnay, Smith und Ricardo ableiten ließe“.24 Diese Stellungnahme zu Kautsky verweist auf eine notwendige Einschränkung unserer obigen Feststellung, er sei ein hervorragender Schüler von Marx und Engels gewesen. Er war es nämlich nur in dem Ausmaß, in dem der Marxismus in seine eigene beschränkte Auffassung von sozialer Entwicklung und kapitalistischer Entwicklung eingepaßt werden konnte. Für Kautsky ist die „sozialistische Gesellschaft“ oder die logische Konsequenz der kapitalistischen Warenproduktion in Wahrheit nur ein staatskapitalistisches System. Als er einst Marx`Wertkonzept als Gesetz sozialistischer Ökonomie mißverstand, daß nur bewußt anzuwenden sei, anstatt es den „blinden“ Gesetzen des Marktes zu überlassen, wies Engels ihn darauf hin, daß Wert für Marx eine streng historische Kategorie sei und daß weder vor noch nach dem Kapitalismus eine Warenproduktion existiere, die sich nur der Form nach von der des Kapitalismus unterscheide.25 Und wie in seinem Werk „Die ökonomischen Theorien von Karl Marx“ (1887), in dem er Wert ebenfalls als historische Kategorie ansah, nachzulesen ist, akzeptierte Kautsky Engels`Feststellung. Später jedoch integrierte er, in Reaktion auf bürgerliche Kritik an sozialistischen ökonomischen Theorien, in seinem Buch „Die proletarische Revolution und ihr Programm“ (1922) das Wertkonzept, die Markt- und Geldökonomie und die Warenproduktion wieder in sein Schema einer sozialistischen Gesellschaft. Was einst historisch war, wird ewig; Engels hatte umsonst geredet. Kautsky war dahin zurückgekehrt, wo er hergekommen war, zum Kleinbürgertum, das mit gleicher Intensität sowohl die Kontrolle durch die Monopole als auch den Sozialismus haßt und einerseits rein quantitative gesellschaftliche Änderungen, eine erweiterte Reproduktion im Rahmen des Status Quo, einen besseren und stärkeren Kapitalismus und eine bessere und umfassendere Demokratie erhofft, andererseits einen im Faschismus gipfelnden oder in Kommunismus übergehenden Kapitalismus fürchtet.

Die Aufrechterhaltung der liberalen Warenproduktion und ihres politischen Ausdrucks wurden von Kautsky der „Ökonomie“ des Faschismus vorgezogen, weil dieses System ihm eine lange Zeit der Berühmtheit und nur eine kurze Zeit der Not beschert hatte. So wie er die bürgerliche Demokratie mit marxistischer Phraseologie verteidigt hatte, so verschleierte er die faschistische Realität mit demokratischer Phraseologie. Indem er ihre Gedanken auf die Vergangenheit, statt auf die Zukunft lenkte, verhinderte er bei seinen Nachfolgern eine mentale Ausrichtung auf revolutionäre Aktionen. Der Mann, der kurz vor seinem Tod von dem sich ausbreitenden Faschismus von Berlin nach Wien, von Wien nach Prag und von Prag nach Amsterdam vertrieben wurde, veröffentlichte 1937 ein Buch, daß in aller Deutlichkeit zeigt, daß, wenn ein ehemaliger „Marxist“ ein materialistisches Konzept sozialer Entwicklung durch ein idealistisches ersetzt, er zweifellos früher oder später jene theoretische Grenzlinie erreicht, wo Idealismus in Schwachsinn umschlägt.26 Es gibt eine in Deutschland kursierende Geschichte, der zufolge Hindenburg, als er eine Parade nationalsozialistischer Sturmtruppen beobachtete, sich zu einem neben ihm stehenden General wandte und zu ihm bemerkte: „Ich wußte nicht, daß wir so viele russische Gefangene gemacht haben.“ Auch Kautsky ist mit seinem letzten Buch geistig immer noch in Tannenberg. Sein Buch enthält eine gewissenhafte Beschreibung der von Sozialisten und ihren Vorläufern vom fünfzehnten Jahrhundert bis zur Jetztzeit der Kriegsfrage gegenüber eingenommenen verschiedenen Haltungen. Es zeigt, wenn auch nicht für Kautsky, wie unsinnig Marxismus werden kann, wenn er proletarische und bürgerliche Nöte und Bedürfnisse zusammenwirft.

Kautsky schrieb sein letztes Buch, um herauszufinden, „welche Haltung (die Sozialisten und Demokraten aller Länder) einnehmen werden, wenn es zum Krieg kommt, trotz unseres Widerstrebens“. Allerdings, so fuhr er fort: „Eine bestimmte Antwort läßt sich wohl nicht im Vorhinein geben, ehe nicht der Krieg da ist und wir deutlich sehen, wer ihn herbeigeführt hat, zu welchen Zwecken er geführt wird.“ Er tritt dafür ein, daß „eine der Hauptaufgaben in einem möglichen Krieg für die Sozialisten in der Erhaltung ihrer Einigkeit bestehen (wird), damit die sozialistischen Parteien aus ihm geschlossen hervorgehen und in der Lage sind, seine Früchte dort einzuheimsen, wo er zum Zusammenbruch eines volksfeindlichen Regimes führt. Im Jahre 1914 ging diese Einigkeit verloren. Daran leiden wir bis heute. Aber diesmal liegen die Dinge bisher wenigstens einfacher, klarer als damals, der Gegensatz zwischen demokratischen und antidemokratischen Staaten ist viel stärker aus geprägt. Da dürfen wir erwarten, daß, wenn es wirklich nochmals zu dem entsetzlichen Unheil eines Weltkrieges kommen sollte, die Sozialisten alle auf der gleichen Seite stehen werden, auf der der Demokratie.“27 Seit der Erfahrung des letzten Krieges und der seitherigen Geschichte gibt es weder eine Notwendigkeit nach dem schwarzen Schaf zu suchen, das für den Krieg verantwortlich ist, noch ist es länger ein Geheimnis, warum Kriege geführt werden. Solche Fragen zu stellen ist jedoch keine Dummheit, wie man glauben könnte. Hinter dieser scheinbaren Naivität versteckt sich die Absicht, dem Kapitalismus in der einen Form zu dienen, indem man ihn in einer anderen Form bekämpft. Sie dient dazu, die Arbeiter auf den kommenden Krieg vorzubereiten und sich dafür das Recht einzuhandeln, sich in Arbeiterorganisationen zusammenzuschließen, an Wahlen teilzunehmen und sich in Verbänden zu sammeln, die sowohl dem Kapital als auch den kapitalistischen Arbeiterorganisationen dienlich sind. Es ist die alte Politik von Kautsky, im Austausch für Millionen tote Arbeiter in den kommenden kapitalistischen Schlachten Konzessionen von der Bourgeoisie zu fordern. So wie die kapitalistischen Kriege, unabhängig von den politischen Differenzen der teilnehmenden Staaten und der unterschiedlichen benutzten Schlagworte, nur Kriege für kapitalistische Profite und gegen die Arbeiterklasse sein können, so schließen sie ebenfalls die Möglichkeit einer Wahl zwischen einer bedingungslosen oder einer an Bedingungen geknüpfte Teilnahme am Krieg für die Arbeiter aus. Eher werden der Krieg und sogar die Vorkriegszeit sowohl in faschistischen wie in nichtfaschistischen Ländern durch eine allgemeine und umfassende Militärdiktatur gekennzeichnet sein. Der Krieg wird die letzten Unterschiede zwischen demokratischen und antidemokratischen Nationen zum Verschwinden bringen. Und die Arbeiter werden Hitler dienen wie sie dem Kaiser gedient haben, sie werden Roosevelt dienen wie sie Wilson gedient haben und sie werden für Stalin sterben wie sie für den Zaren gestorben sind.

Kautsky fühlte sich von der faschistischen Realität nicht beunruhigt, da für ihn die Demokratie die natürliche Form des Kapitalismus war. Die neue Situation war nur eine Krankheit, eine zeitweilige Unzulänglichkeit, dem Kapitalismus aber eigentlich fremd. Er glaubte wirklich an einen Krieg für die Demokratie, der es dem Kapitalismus erlauben würde, auf seinem vorgegebenen Weg zu einer wirklichen Gemeinschaft voranzuschreiten. Und seine Voraussagen von 1937 beinhalteten Sätze wie die folgenden: „Es ist die Zeit gekommen, wo man endlich daran gehen kann, den Krieg als Mittel der Ausfechtung der politischen Konflikte zwischen Staaten vollständig zu beseitigen.“28 Oder: „Das erobernde Vorgehen der Japaner in China, der Italiener in Abessinien ist ein letzter Nachhall einer verschwindenden Zeit, des Zeitalters des Imperialismus. Weitere Eroberungskriege dieser Art sind kaum noch zu erwarten.“29 Es gibt hunderte von ähnlichen Sätzen in Kautskys Buch und manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß seine ganze Welt aus nicht mehr als den vier Wänden seiner Bibliothek bestand, in welche die neuesten Werke zur Gegenwartsgeschichte einzuordnen er vernachlässigte. Kautsky ist überzeugt, daß, auch ohne Krieg, der Faschismus besiegt werden wird, der Aufstieg der Demokratie sich fortsetzen und die Zeit für eine friedliche Entwicklung zum Sozialismus wiederkommen wird, wie in der Zeit vor dem Faschismus. Die grundlegende Schwäche des Faschismus erklärt er mit der Bemerkung, daß „gerade durch diesen rein persönlichen Charakter solche Diktatur die zeitlich auf ein Menschenleben begrenzte Dauer (bekundete).30 Er glaubte, daß es nach dem Faschismus eine Rückkehr zum „normalen“ Leben auf der Basis einer wachsenden allgemeinen sozialistischen Demokratie geben würde, welche die in der großen Zeit der sozialdemokratischen Koalitionspolitik begonnenen Reformen fortsetzen könnte. Heute allerdings ist es offensichtlich, daß die einzig objektiv mögliche kapitalistische Reform die faschistische Reform ist. Und tatsächlich wurde mittlerweile der größere Teil des Sozialisierungsprogramms der Sozialdemokratie, daß sie nie in die Praxis umzusetzen wagte, von den Faschisten realisiert. Ebenso wie die Forderungen der deutschen Bourgeoisie nicht 1848 erfüllt wurden, sondern in der folgenden Periode der Konterrevolution, so wurde auch das Reformprogramm der Sozialdemokratie, das sie während ihrer eigenen Regierungszeit nicht realisieren konnte, von Hitler in die Praxis umgesetzt. So erfüllte, um nur einige Beispiele zu nennen, nicht die Sozialdemokratie, sondern Hitler den von den Sozialisten lange gehegten Wunsch nach dem Anschluss Österreichs; nicht die Sozialdemokratie, sondern der Faschismus verwirklichte die gewünschte staatliche Kontrolle von Industrie und Banken; nicht die Sozialdemokratie sondern Hitler erklärte den Ersten Mai zum gesetzlichen Feiertag. Ein sorgfältiger analytischer Vergleich dessen, was die Sozialisten tatsächlich zu tun wünschten, aber nie taten, mit der aktuellen Politik seit 1933, wird jedem objektiven Beobachter zeigen, daß Hitler nichts anderes realisierte als das Programm der Sozialdemokraten, aber ohne die Sozialisten. Wie Hitler standen die Sozialdemokratie und Kautsky sowohl in Opposition zum Bolschewismus als auch zum Kommunismus. Gerade ein umfassendes staatskapitalistische System wie das russische wurde von beiden zugunsten einer bloßen staatlichen Kontrolle abgelehnt. Und was zur Realisierung eines solchen Programms nötig ist, wurde von den Sozialisten nicht gewagt, aber von den Faschisten umgesetzt. Der Antifaschismus von Kautsky illustriert nicht mehr als die Tatsache, daß, ebenso wie er sich einst nicht vorstellen konnte, daß marxistische Theorie durch marxistische Praxis zu ergänzen sei, er später nicht in Betracht zog, daß eine kapitalistische Reformpolitik eine kapitalistische Reformpraxis erfordert, als die sich schließlich die Praxis der Faschisten erwies. Aus dem Leben von Kautsky können die Arbeiter lernen, daß der Kampf gegen den Faschismus notwendigerweise den Kampf gegen die bürgerliche Demokratie, den Kampf gegen Kautskyanismus mit einschließt. Das Leben von Kautsky kann, in aller Wahrheit und ohne böse Absicht, in den Worten zusammengefaßt werden: Von Marx zu Hitler.


Dieser Text erschien zuerst ohne Quellenangabe in: Living Marxism, 7 Juni/1939 (4. Jg.), S. 193-207 und wurde wieder abgedruckt in Paul Mattick, Anti-Bolshevik Communism, London 1978, S. 1-17. Die Angaben wurden zum Teil ergänzt; die Anmerkungen 13 und 14 wurden hinzugefügt.


1Friedrich Adler, Karl Kautsky, in: Der sozialistische Kampf/La lutte socialiste, Paris, 12/5. November 1938, S. 271.

2Karl Kautsky, Aus der Frühzeit des Marxismus. Engels Briefwechsel mit Kautsky. Herausgegeben von Karl Kautsky, Prag 1935, S. 20.

3Ebd., S. 93

4Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch 1: Der Produktionsprozeß des Kapitals, in Marx Engels Werke (MEW) 23, S. 646.

5Rosa Luxemburg, Der Wiederaufbau der Internationale, in: Die Internationale. Zeitschrift für Theorie und Praxis des Marxismus, 1/April 1915, S. 8; jetzt in: Dies., Gesammelte Werke, Band 4, Berlin 1974, S. 25.

6W. I. Lenin, Briefe, Band IV. August 1914-Oktober 1917, Berlin 1967, S. 19.

7Karl Kautsky, Die soziale Revolution, I. Sozialreform und soziale Revolution, Berlin 1902, II. Am Tag nach der sozialen Revolution, Berlin 1902.

8Karl Kautsky, Sozialisten und Krieg. Ein Beitrag zur Ideengeschichte des Sozialismus von den Hussiten bis zum Völkerbund, Prag 1937, S. 673.

9Karl Kautsky, Aus der Frühzeit des Marxismus, a.a.O., S. 50.

10Ebd. S. 112.

11Ebd. S. 155.

12Ebd. S. 257.

13Karl Marx, Rede über den Haager Kongreß, in: MEW 18, S. 160.

14Karl Kautsky in: Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands . Abgehalten zu Stuttgart vom 3. bis 8. Oktober 1898, Berlin 1898, Berlin 1898, S. 129.

15Karl Kautsky, Krisentheorien, 5. Die Veränderung im Charakter der Krisen, in: Die Neue Zeit, 20. Jg. (1901/02), 5/1902, S. 133 ff.

16Karl Kautsky, Die materialistische Geschichtsauffassung, 2 Bände, Berlin 1927, Band 2, S. 623.

17Die Beschränktheiten von Kautskys ökonomischen Theorien und ihre Veränderungen im Laufe seiner Tätigkeiten sind von Henryk Grossmann in seinem Buch „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“ (Leipzig 1929, Neuauflage: Frankfurt am Main, 1970), das dem Interesse des Lesers empfohlen sei, hervorragend beschrieben und analysiert worden.)

18Karl Kautsky, Die materialistische Geschichtsauffassung, Band 2, a.a.O., S. 630.

19Ebd. S. 630.

20Ebd. S. 431/432

21Der Leser sei auf Karl Korschs ausführliche Kritik an Kautskys Werk verwiesen: „Die materialistische Geschichtsauffassung. Eine Auseinnandersetzung mit Karl Kautsky“, Leipzig 1929 (Neuauflage: Frankfurt am Main 1971).

22Leo Trotzki, Terrorismus und Kommunismus . Anti-Kautsky (1920), in Leo Trotzki,Terrorismus und Kommunismus. Anti-Kautsky/Karl Kautsky, Von der Demokratie zur Staatssklaverei. Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Hans-Jürgen Mende, Berlin 1920, S. 171.

23Karl Kautsky, Sozialisten und Krieg, a.a.O., S. 665

24Karl Korsch, Karl Marx, Frankfurt/Wien 1967, S. 61; Siehe auch Engels` „Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe von Karl Marx`Schrift „Das Elend der Philosophie“ (1884) in MEW 3, S. 175-187 und sein „Vorwort zum zweiten Band des „Kapital““ aus dem Jahre Jahre 1885, in: MEW 24, S. 7-26.

25Karl Kautsky, Aus der Frühzeit des Marxismus, a.a.O., S. 145

26Karl Kautsky, Sozialisten und Krieg, a.a.O.

27Ebd., S. VII/VIII.

28Ebd., S. 116.

29Ebd., S. 656.

30Ebd., S. 646.

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