Weder Rojigualdas noch Esteladas, für die Unabhängigkeit der Klasse gegen jede Nation!

Hier ein weiterer Text von Grupo Barbaria, es handelt sich um eine Kritik an den Nationalismus, spezifisch gegen den katalanischen, aber qualitativ gegen jeden, was für als sehr wichtig gilt, gerade jetzt, eigentlich seid sehr langem, nur halt immer auf verschiedenen Formen, wo im deutschsprachigem Raum wieder die Liebe zur Nation und zum Volk, seitens einiger sogenannter „Anarchisten und Anarchistinnen“ und der radikalen Linken des Kapitals verkündet werden.


Weder Rojigualdas1 noch Esteladas2, für die Unabhängigkeit der Klasse gegen jede Nation!

Es gibt kein besseres Bild, um den Charakter des sogenannten katalanischen Unabhängigkeitsprozesses (A.d.Ü., Separatismus) zu erklären, als die Wahl von Quim Torra zum Präsidenten der Generalitat3. Die Selbstbestimmung und das freie Wahlrecht haben an ihrer Spitze einen überzeugten Verehrer von Miquel Badia4 (siehe die Huldigung der Brüder Badia seitens Junqueras und Torra), einem der größten Folterer und Mörder des Proletariats im revolutionären Katalonien der 1930er Jahre.

Hierin ist kein Widerspruch zu sehen. Letztendlich hat die Freiheit zu wählen immer die Freiheit bedeutet, dass man von seiner eigenen Bourgeoisie abgeschlachtet wird. Dieser Aspekt der Demokratie hat sich immer als ein unverzichtbares Instrument zur Zerschlagung des Proletariats im Kampf erwiesen. Die Repression und die Massaker unter der Führung von Azaña5 (Casas Viejas, Arnedo, Alt Llobregat, Januar ’336…) bis hin zu den von Badia angeführten parapolizeilichen Kräften der ERC, um bekannte Beispiele zu nennen, machen diese Realität deutlich.

Ein weiteres gutes Bild, um diesen ganzen Prozess zu erklären, ist der Angriff auf das Parlament im Jahr 2011, bei dem Artur Mas per Hubschrauber in den Sitzungssaal kommen musste und nach dem acht Personen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Im Jahr 2015, dem Jahr, in dem der Beginn des Unabhängigkeitsprozesses erklärt wurde, applaudierte die katalanische Bourgeoisie dem Obersten Gerichtshof für seine Entscheidung, die Angeklagten zu Haftstrafen zu verurteilen. Heute, fast drei Jahre später, wird dieselbe Bourgeoisie vom selben Obersten Gerichtshof angeklagt, und es gibt einen Aufschrei, Tausende von Menschen gehen empört auf die Straße, und hier, zwischen Albert Rivera und Anna Gabriel, zwischen Pedro Sánchez und Oriol Junqueras, zwischen Pablo Iglesias und Puigdemont7, weiß man nicht mehr, wer demokratischer ist, noch wer die unantastbare Legalität und die Menschenrechte besser verteidigt. Aber es gibt etwas Offensichtliches und Grundlegendes, nämlich dass der soziale Protest, der 2011 das Parlament in Frage stellte, von einer Bewegung abgelöst wurde, die genau das Gegenteil tat, nämlich das Parlament verteidigte.

Diese beiden Bilder legen die Karten auf den Tisch. Falls wir daran erinnert werden müssen, die katalanische Regierung ist genauso brutal wie die Zentralregierung, wenn es darum geht, uns zu unterdrücken (A.d.Ü., in Form von Repression). Wenn das polizeiliche und gerichtliche Eingreifen des spanischen Staates in diesen Monaten einen ranzigen Geruch nach spanischem Zentralismus hat, wenn die spanische Bourgeoisie das Blut von Hunderttausenden von Proletariern an ihren Händen hat, dann ist auch die katalanische Bourgeoisie nicht unschuldig. Zwischen der katalanischen Bourgeoisie und der spanischen Bourgeoisie gibt es kein kleineres Übel. Wenn wir gegen das uns auferlegte Elend ankämpfen, ist die Unterdrückung der Ersteren ebenso erbittert wie diejenige der Letzteren.

So zeigt sich der Prozess, der sich im September 2017 anbahnt, deutlich als das, was er schon immer war: eine schreckliche Wiederholung des Kampfes des Proletariats zugunsten der Konkurrenz zwischen zwei Bourgeoisien, der katalanischen und die des spanischen Staates. Die Polarisierung, die wir erleben, kann nicht von dieser Tatsache getrennt werden. Jeder Nationalismus spaltet und trennt die Klasse und ist in diesem Sinne funktional für die Herrschaft des Kapitals. Sie spaltet die Klasse in Patrioten und Charnegos8, in Maulets9 und Botiflers10, Katalanen und Verräter, Konstitutionalisten und Separatisten. Die Kategorien des einen und des anderen sind nicht zufällig, es sind die zwei Seiten der gleichen Medaille. Denn beide Nationalismen – wie alle Nationalismen – bewegen sich mit den Kategorien des Kapitals, sie beanspruchen alle, Demokraten zu sein, Verteidiger der Stimme und des Gesetzes, der populären und nationalen Souveränität. Sie alle reduzieren die menschliche Entscheidung auf die Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht.

Dafür sind die Demokratie und ihre Nationen schließlich da. Letztlich ist die Nation kein eigenständiges Gebilde, das auf den fernen historischen und kulturellen Ursprüngen eines harmonischen Volkes beruht, das leider einem undurchsichtigen Zentralstaat unterworfen ist. Die Nation ist einfach eine der fiktiven Gemeinschaften, die der Kapitalismus braucht, um sich als reale Gemeinschaft des Geldes, als Gemeinschaft von Waren und Menschen durchzusetzen, die für das gute Wachstum des internationalen Kapitals gekauft, benutzt und weggeworfen werden. Nationen erscheinen mit der gewaltsamen Enteignung unserer Lebensgrundlagen und der Auferlegung von Lohnarbeit. Die Nation, die Demokratie, die Staatsbürgerschaft ist die Art und Weise, wie eine Gesellschaft von atomisierten Wesen, die in ständiger Konkurrenz zueinander um einen Hungerlohn, eine stets überhöhte Miete oder einen Parkplatz stehen, reguliert werden kann und im Krieg aller gegen alle ein friedliches Erscheinungsbild bewahrt. Es ist auch die Art und Weise, wie das Proletariat garantiert klein beigibt, wenn der Gürtel enger geschnallt werden muss, wenn die nationale Ökonomie gerettet werden muss oder einfach nur, um eine Kriegsökonomie zu erzwingen und uns als Kanonenfutter zu Gunsten einer Fraktion der internationalen Bourgeoisie gegen eine andere zu benutzen.

Je weiter die Widersprüche des Kapitalismus fortschreiten, je mehr sich seine Kriege, sein Sozialabbau, sein Staatsterrorismus vervielfachen, desto notwendiger wird der Nationalismus als Mittel, um das zu halten, was zerfällt. Von Trump bis Rojava, vom Brexit bis zum Movimento 5 Stelle, von Syriza-ANEL bis zur Ungarischen Bürgerunion, die Nation wird zu einer immer wiederkehrenden Antwort, um die proletarische Wut gegen dieses System des Elends zu sammeln.

Dies ist sowohl Ursache als auch Wirkung unserer Schwächen als Proletarier. Die Schwierigkeit, zu erkennen, dass unsere Bedürfnisse und Interessen die gleichen sind wie die des Proletariats in anderen Regionen, ist eines der größten Hindernisse, die uns daran hindern, gegen unsere Ausbeutung zu kämpfen. Um diese Erkenntnis zu verhindern, wird uns manchmal gesagt, dass es sich bei dem, was wir anderswo sehen, um Bauernkämpfe handelt, manchmal sind es Kämpfe der Dritten Welt, manchmal sind es Kämpfe gegen den Imperialismus eines Landes oder die Diktatur eines anderen, manchmal werden sie einfach als Hungeraufstände bezeichnet. In den letzten Jahrzehnten hat unsere Klasse in verschiedenen Territorien des Planeten insurrektionelle Ausbrüche erlebt, aber die Schwierigkeit, sich als dieselbe zu sehen, hat es isoliert, anfällig für die Repression der internationalen Bourgeoisie und rekuperierbar für die Sozialdemokratie gemacht, die immer bereit ist, die nationale Ökonomie zu verteidigen, sobald Ruhe einkehrt. Der Nationalismus erwächst aus dieser Schwierigkeit, sich als internationale Klasse zu erkennen, und verstärkt sie. So wie es keinen Staat gibt, der nicht unser Elend in diesem System reproduziert und verwaltet (egal ob es sich um ein soziales, ein Arbeiter- oder ein konföderales System handelt), so gibt es auch keine Verteidigung der Nation, die nicht zu einem imperialistischen Krieg und Staatsterrorismus führt. Nationale Unabhängigkeit ist immer Unabhängigkeit von der nationalen Bourgeoisie. Die Verteidigung der Nation ist immer die Vorbereitung auf einen Krieg gegen andere Nationen. Nehmen wir zum Beispiel den kurdischen Nationalismus, einen großen Verbündeten der USA beim Massaker am Proletariat in ganz Kurdistan und Syrien.

Das ist etwas, das ein wichtiger Teil des „anarchistischen“ Milieus nicht erkannt hat. Dem Opportunismus zum Opfer gefallen, ist es dem nationalistischen Wirrwarr mit den üblichen und abgedroschenen Argumenten hinterhergelaufen: wir müssen konkret sein, wir müssen eingreifen, es ist eine Dynamik, die überlaufen kann, wir werden mit unseren Fahnen gehen, wir können Einfluss nehmen. Mit anderen Worten, der abgedroschene Possibilismus des kleineren Übels, das „Argument“, dass die Leute auf der Straße sind, ohne sich zu fragen, was sie auf der Straße tun, die Demagogie, dass eine Nichtteilnahme bedeuten würde, im eigenen Elfenbeinturm zu bleiben – als ob man sich nur dieser nationalistischen Strömung anschließen könnte und Kritik an ihr nicht die kohärenteste Aktion wäre. Es spielt keine Rolle, dass die Geschichte unserer Klasse tausendfach das Gegenteil gezeigt hat. Man ging sogar so weit, für den 3. Oktober einen Generalstreik auszurufen und zu unterstützen, der den katalanischen Nationalismus in seinem Kampf gegen die spanische Bourgeoisie und den spanischen Staat endgültig stärken sollte. Sie spielten die traurige Rolle der nützlichen Idioten. Und es ist nicht möglich, kommunistische und anarchistische Positionen so zu vertreten, als wären sie eine Art von Prinzipien, die in einem Vakuum schweben. Unsere Positionen sind keine Reihe hochtrabender Erklärungen, sondern Ausdruck der realen Bewegung unserer Klasse, der Lehren, die wir aus den Prozessen der Revolution und Konterrevolution ziehen können, in denen unsere Klasse versucht hat, das Kapital zu zerstören. Unsere Klasse ist global und hat eine Geschichte, einen historischen Faden und eine Zukunft. Diesen Faden von Vergangenheit und Zukunft zu ignorieren, im Bild der Gegenwart und im reduzierten lokalen Raum zu verharren, ist gleichbedeutend mit Ideologie, mit der Verdammung, immer die gleichen Fehler zu begehen, die unsere Vorfahren begangen haben, mit der Beschränkung, ohne Rücksicht auf den eigenen Willen, Anhängsel des Kapitals zu sein.

Im Gegenteil, der Kampf unserer Klasse hatte schon immer einen antinationalen Charakter, weil er gezwungen ist, mit der Illusion zu brechen, dass es etwas gibt, das uns mit denen verbindet, die direkt von unserer Ausbeutung profitieren, und weil wir im Prozess des Kampfes diejenigen als Klassenbrüder anerkennen, die gegen dieselben Feinde und für dieselben Bedürfnisse kämpfen. Das Proletariat hat keine Heimat, denn es ist überall eine Ware. Gegen unsere Ausbeutung zu kämpfen bedeutet, gegen jeden Staat, jede Nation und alle ihre Vertreter zu kämpfen, als weltweite Klasse gegen einen Kapitalismus zu kämpfen, der notwendigerweise weltweit ist. Deshalb ist es so wichtig, die historische Losung des Proletariats zu verteidigen, seinen revolutionären Defätismus, dass der Feind in unserem eigenen Land und unsere eigene Bourgeoisie ist. Indem wir gegen „unsere Bourgeoisie“ kämpfen, kämpfen wir gegen alle Bourgeoisien, gegen jeden Staat, gegen jede Nation.

So können wir kämpfenden Proletarier auf die Forderung nach katalanischer Unabhängigkeit nur eine Antwort geben, dieselbe Antwort, die wir in jeder Region, in jeder Epoche geben mussten: die Unabhängigkeit der Klasse für die Abschaffung des Kapitals und des Staates auf globaler Ebene.


1A.d.Ü., rojigualda ist die nationale Fahne des spanischen Staates.

2A.d.Ü., estelada ist die nationale Fahne Kataloniens die dient als ein Symbol der Unabhängigkeit Kataloniens und wird von den Unabhängigkeitsbefürwortern verwendet.

3A.d.Ü., katalanische Regierung.

4A.d.Ü., die Geschwister Miquel und Josep Badia i Capell waren zwei katalanische Nationalisten, Mitglieder der Partei Estat Català, in der einige Bewunderer des italienischen Faschismus aktiv waren. Die Geschwister, wie die Partei der sie angehörten, verteidigten nicht nur die Interessen der katalanischen Bourgeoisie indem sie Streiks niederschlugen, sondern waren in ihrer späteren Funktion in den Sicherheitsbehörden ab 1933, bekannt für die Repression und Folter gegenüber Anarchistinnen und Anarchisten und erlangten damit große Berühmtheit, bis sie am 28. April 1936 von einer Aktionsgruppe der FAI abgeknallt wurden.

5A.d.Ü., Manuel Azaña war während der II.Republik im spanischen Staat Präsident.

6A.d.Ü., die hier aufgelisteten zeitlichen und Namen von Ortschaften sind mit Aufständen des Proletariats verbunden, die alle von den republikanischen und demokratischen Kräften Spaniens zerschlagen und ermordet wurden.

7A.d.Ü., bei den hier aufgelisteten Namen, handelt es sich um Politiker und einer Politikerin im spanischen Staat.

8A.d.Ü., Charnego ist die rassistische Beleidigung aller Menschen in Katalonien die keine katalanischen Vorfahren haben, meistens an jenen angewendet die aus Andalusien stammen, sprich der Mehrheit des Proletariats in Katalonien.

9A.d.Ü., Maulets war eine linke nationalistische Organisation in Katalonien die für die Unabhängigkeit sich einsetzte, im Jahr 2012 gründete sie mit anderen Organisationen die Organisation Arran. Neulich spaltete sich ein Teil und gründete die leninistische Organisation Horitzó Socialista.

10A.d.Ü., Botifler ist der katalanische Begriff der bei all jenen verwendet die als Verräter und Verräterinnen für die Unabhängigkeit, also der katalanischen Sache, gelten.

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