Der Krieg beginnt hier

Gefunden auf Finimondo, die Übersetzung ist von uns.

Der Krieg beginnt hier

Seit Wochen gibt es Ankündigungen und Anzeichen dafür, dass es bald Wirklichkeit wird, und nun ist der Krieg ausgebrochen. Ein neuer Krieg, dieses Mal vor den Toren Europas. Ein maßgeschneidertes Narrativ ist bereits in den Köpfen und auf den Lippen vieler: Es ist Putins Schuld. Aus der eine einfache Formel hervorgeht: Da Russland – auf der Seite des Bösen steht, können seine Feinde und Gegner ausschließlich auf der Seite des Guten stehen. Der Meinungsbildungs- und Produktionsbetrieb der modernen Kommunikation ist keineswegs eine ästhetische oder spirituelle Tätigkeit, sondern hat ein rein praktisches Ziel: bestimmte Gesinnungen und Verhaltensweisen hervorzubringen und andere zu verbannen. In diesem speziellen Fall zielt das große Narrativ, mit der wir den ganzen Tag gefüttert werden, unter anderem darauf ab, die gesamte Bevölkerung hinter der Möglichkeit einer Intervention der französischen Armee und einer direkten militärischen Konfrontation (die im Moment unwahrscheinlich ist) zu versammeln und das vielfältige Engagement des französischen Staates und seiner Verbündeten in diesem neuen Krieg als gerechte Sache darzustellen. Von lobenswerten Absichten beseelt, scheinen die Interessen von Kapitalisten und Staaten plötzlich mit denen aller übereinzustimmen. Man muss sich jedoch das Offensichtliche vor Augen halten: Die Ursache des Krieges, der die Ukraine gerade zerfleischt, liegt wie alle seine Vorgänger, in der Existenz von den Staaten selbst. Historisch gesehen ist der Staat durch militärische Gewalt entstanden; er hat sich durch den Einsatz militärischer Gewalt entwickeltund er muss sich logischerweise immer auf militärische Gewalt stützen, um seine Macht zu erhalten und auszuweiten, sei es in Russland oder in einem Mitgliedsland der NATO. Wenn man davon ausgeht, dass Menschen (zivile oder militärische), die auf beiden Seiten der Front sterben, zu zwei verschiedenen Arten von Aas gehören, so unterscheidensie sich in Wirklichkeit nur druch die Farbe ihrer jeweiligen Flaggen – ihr Wesen ist dasselbe: ob russisch oder ukrainisch, der Staat ist immer noch organisierte Unterdrückung zugunsten einer privilegierten Minderheit.

Als vor einem Jahrhundert das Gemetzel des Ersten Weltkriegs Millionen von Menschenleben forderte und fast die gesamte untergegangene Arbeiter- und Revolutionsbewegung in ihre kriegerische Logik hineinzog, die eigentlich hätte argumentieren müssen, dass die Proletarier aufgrund ähnlicher Ausbeutungsbedingungen unabhängig von ihrem Herkunftsland demselben Lager angehören, erinnerten sich einige internationalistische Anarchisten daran: „Die Aufgabe der Anarchisten ist es, in der gegenwärtigen Tragödie, an welchem Ort und in welcher Situation sie sich auch befinden mögen, weiterhin zu verkünden, dass es nur einen Befreiungskrieg gibt: den, der in jedem Land von den Unterdrückten gegen die Unterdrücker, von den Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter geführt wird. Unsere Aufgabe ist es, die Sklaven dazu zu bringen, sich gegen ihre Herren aufzulehnen. Die anarchistische Aktion und Propaganda muss unermüdlich und beharrlich darauf abzielen, die verschiedenen Staaten zu schwächen und zu zerschlagen, den Geist der Revolte zu kultivieren und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung und Armeen zu schüren“. Der totale Krieg, der alle Lebensbereiche und alle Teile der Gesellschaft mobilisiert, kann nur durch die direkte Aktion der Proletarier selbst gestoppt werden, durch ihren Ungehorsam am Arbeitsplatz und an der Front, durch die Einstellung der Produktion, den Ungehorsam gegenüber den Vorgesetzten, die Entwaffnung, die Meuterei, die Unterbrechung der Kriegsmobilisierung, die Desertion, den Aufstand. Kurz gesagt, die gesamte Organisation des Lebens rund um den Staat und seine kriegsbedingten Erfordernisse mussten aufgelöst und ins Chaos gestürzt werden.

Ein Krieg zwischen Staaten braucht immer sozialen Frieden und die Aufrufe zur Einheit und nationalen Solidarität, die von allen Seiten kommen, haben nichts anderes zum Ziel, als einen internen Waffenstillstand in einem Kontext zu erzwingen, in dem es leider schon keine Konflikte mehr gibt. Geopolitische Analysen und raffinierte Berechnungen nützen nichts, um den Krieg abzulehnen: Dies kann nur geschehen, indem man die innere Front, die sich Tag für Tag bildet, aufbricht, die nationale Einheit untergräbt, sich der Militarisierung der Gesellschaft und einer Sprache widersetzt, die nicht aus der heutigen Zeit stammt („Krieg gegen den Terrorismus“, „Krieg gegen das Virus“ . …), indem wir laut sagen, dass wir die kriegerische Einstellung weder der EU- und NATO-Mitgliedsländer, noch Putins Russlands teilen und offen zum Defätismus aufrufen: Es geht darum, den Krieg zwischen den Staaten in einen Krieg gegen die Staaten zu verwandeln.

Wie könnte dann eine Praxis aussehen, die mit der von Anarchisten vertretenen internationalistischen und antimilitaristischen Perspektive vereinbar ist? Wie kann man „solidarisch“ mit denjenigen sein, die sich in Russland und der Ukraine dem Krieg und ihrem eigenen Staat widersetzen und sich dabei dem Tod, der Inhaftierung und der Folter aussetzen? Unter anderem, indem man in dem Gebiet, in dem man lebt, „seinen“ Staat, „seine“ Anführer und Industriellen, „seinen“ Patriotismus, „seine“ Ökonomie und „seinen“ Militarismus angreift. Denn auch wenn natürlich nicht ihre Verteidiger und Unterstützer unter den direkten Folgen der Machtspiele zwischen den Staaten und der Machtkämpfe zu leiden haben, sondern die Menschen, die in den Gebieten der militärischen Konfrontation leben, in Reichweite von Kugeln, Bomben und Zerstörung, so geht es doch darum, das Sicherheitsgefühl der Herrschaft selbst zu untergraben. Und da eine der ökonomischen Folgen des Krieges die Verteuerung von Energie, Treibstoff und Rohstoffen und damit aller Konsumgüter istund da die Akzeptanz dieser Verteuerung bereits als Kriegsanstrengung dargestellt wird, geht es mehr denn je darum, die Ökonomie und den normalen Ablauf von Ausbeutung, Produktion und Konsum zu schädigen.

Jeder Krieg braucht einen Berg von Waffen, Maschinen und militärischer Ausrüstung, die in scheinbar banalen Fabriken von Arbeitern, die jeden Morgen aufstehen und ihrer normalen Arbeit nachgehen, hergestellt werden. Gegen den Krieg muss man versuchen, alles zu stoppen. Blockaden und Sabotage an der todesbringenden Forschung in den Laboren und Universitäten, Blockaden und Sabotage der todesbringenden Fabriken, Blockaden und Sabotage der Kommunikation und dessen Zugangs, sowie des Datenaustauschs, Blockaden und Sabotage der todesbringenden Logistik, die die Bewegungen und den Transport von Waffen, Munition, Fahrzeugen und Kriegsmaterial auf dem Land-, Luft- und Seeweg ermöglicht. Das Ballett der Heuchler, all jener Politiker, Experten, Ökonomen und Journalisten, die jeden Monat die Unterzeichnung eines neuen Maxi-Auschreibens über den Verkauf von Waffen und Militärfahrzeugen an einen anderen Staat beglückwünschen und bejubeln, während sie erst jetzt zu entdecken scheinen, dass der Krieg haufenweise Tote produziert – denn überraschenderweise töten Kugeln und Granaten! – all dies ist zumindest für eines bezeichnend: Kriege und Militarisierung werden hier produziert, sie werden hier vorbereitet und geplant, sie bringen vor allem hier fruchtbare Gewinne ein (wie die Rekordgewinne des Unternehmens Dassault Aviation für das Jahr 2021 oder der Anstieg der Börsenaktien von Thalès um mehr als 30 % in einem Kontext allgemeiner Schrumpfung meisterhaft belegen). In Anbetracht all dessen geht es, kurz gesagt, darum, den Krieg im eigenen Land zu führen.

Schließlich, und das mag im gegenwärtigen Kriegsklima überraschen, ist es unmöglich, eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Kriegs- und Friedenszeiten zu treffen, unter anderem deshalb, weil eine der Säulen des Militarismus heute und seit etwa einem Jahrhundert die duale Forschung ist, die darauf abzielt, „gleichzeitig den zivilen Nutzen der Verteidigungsforschung zu maximieren und den Verteidungsapparat in die Lage zu versetzen, von den Fortschritten in der zivilen Forschung zu profitieren“, wie der, für das Programm Nr. 191 für Duale Forschung zuständige Rüstungs-Generaldelegierte in der Haushaltserklärung 2022im ausdrücklich erklärte. . Dies beweisen u.a. die Vielzahl der elektronischen Gegenstände, die unser tägliches Leben durchdringen. Wenn dies zumindest diejenigen zum Schweigen bringen könnte, die immer noch an die Bedeutung der Rolle von Wissenschaft und technologischer Forschung für den „menschlichen Fortschritt“ glauben, oder sie zumindest davon überzeugen könnte, dass sie nicht neutral ist, würden wir eine weitere Schlussfolgerung ziehen, die wir allen, denen der Kampf gegen den Krieg am Herzen liegt, nahe legen möchten: In Kriegs- wie in Friedenszeiten ist es notwendig, über die Protagonisten, die Interessen und die Strukturen nachzudenken, die, indem sie sich überschneiden, den Krieg in der Praxis möglich machen, und nach den Rädern dieser Industrie zu suchen, um zu versuchen, uns selbst die Werkzeuge in die Hand zu geben, um die Kriegsmaschine zu sabotieren. Auch wenn sie von großen Konzernen verkörpert wird (wie Nexter, Panhard Defense und Arquus für die Landwirtschaft, EADS, SAFRAN und Dassault für die Luftfahrt, Thales und Sagem für die Elektronik, Naval Group für die Schifffahrt und MBDA für Raketen), stützt sich die Militärindustrie auch auf Tausende von kleinen Unternehmen, die ebenso wichtig und viel leichter zugänglich sind. Dabei ist zu bedenken, dass die Produktion von Rüstungsgütern und Kriegsmaschinerie, von Verteidigungs- und Sicherheitssystemen, von Überwachungs- und Kontrollsystemen, die zur Führung von Kriegen eingesetzt werden, dieselben sind, die hier den Arm der Unterdrückung aufrichten.

Frieden wird ein leeres Wort bleiben, solange wir nicht alle Staaten und ihre Grenzen zerstört haben, solange die Interessen derer, die sich an Ausbeutung und Krieg bereichern, derer, die sie gewollt haben, derer, die siestudieren, derer, die sie fördern, derer, die sie finanzieren, derer, die sie vorbereiten, mit anderen Worten all derer, die von nah und fern mit ihnen kollaborieren.. Unabhängig von der jeweiligen Nationalität sind sie es, die wir als unsere Feinde anerkennen, denn sie werden immer Feinde der Freiheit sein.

[anarchie!, Nr. 23, März 2022].

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