(Chile) Über einen Anfang und einen Ende von einem Hungerstreik

(Chile) Über einen Anfang und einen Ende von einem Hungerstreik

Hier mehrere Texte aus Chile zu dem letzten Hungerstreik der vorbei ist.

[Chilenische Gefängnisse] Kommuniqué zum Beginn des Hungerstreiks von Gefangenen des Hochsicherheitsgefängnisses

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Aus dem Hochsicherheitsgefängnis von Santiago de Chile kommunizieren wir den Beginn eines unbefristeten Durst- und Hungerstreiks für die Gewährung der Besuche in einem unumgänglichen Rahmen der Würde.Seit 9 Monate haben wir nicht die Möglichkeit, unsere Liebsten zu sehen oder zu umarmen, aufgrund der Einschränkungen, die von den Behörden unter dem Euphemismus „gefährdete Bevölkerung“ im Zusammenhang mit der Pandemie auferlegt wurden. Während dieser ganzen Zeit haben wir jedoch das Kommen und Gehen von Gendarmen (A.d.Ü.: Chilenische Polizeieinheit) in ihren Häusern gesehen, die ununterbrochenen direkten Kontakt mit uns hatten, ohne wirkliche Schutzmaßnahmen außer den Masken. In der Zeit von Mai bis Juni wurden die sämtliche Gefangene von den Gendarmen angesteckt, die absolutes Schweigen über die Situation bewahrten.

Das Gesundheitssystem im Knast ist nach wie vor sehr mangelhaft. Während dieser ganzen Pandemiezeit wurde uns keine wirkliche oder besondere Kontrolle gegeben. Während dieser ganzen Zeit waren wir das Ziel der Politik der Bestrafung und Isolierung durch den Staat und seine stillen Gesetze der sozialen Kontrolle. Wir vergessen nicht die Änderung des Gesetzesdekrets 321 über die bedingten Freiheiten, das unter Verstoß gegen das internationale Strafrecht angewandt wurde und viele Menschen mit der Komplizenschaft des verrotteten chilenischen Parlaments ins Gefängnis brachte.

Wir wissen, dass es in allen Gefängnissen des Landes zu massiven Ausbrüchen von Covid gekommen ist und dass es mehr Todesfälle durch Kämpfe infolge von Gefängnisstress gegeben hat als durch die Pandemie, mit der wir lernen müssen zu leben, weil sie hier zur Realität geworden ist.
Nichts rechtfertigt die Verlängerung der Isolation außer der politischen Entscheidung einer unfähigen und repressiven Regierung, die das einfachste Volk einem System der Unterdrückung und des Elends unterwirft.

Wir sind es leid, zu sehen, wie die verkommene politische Klasse die Menschen im Gefängnis und ihre Familien vergisst. Wir können nicht weiter auf ihre unmenschlichen Vorschläge für Besuche warten, während die Strände, die Vergnügungsstätten, die Städte alle in dieser neuen Normalität funktionieren.

Deshalb nehmen wir diese Mobilisierung des unbefristeten Durst- und Hungerstreiks an und rufen damit alle Organisationen und Menschen auf, die mit denjenigen solidarisch sind, die Jahre unseres Lebens hinter Gittern verbringen, uns in diesem gerechten Kampf zu begleiten, um zurückzukehren und uns in Würde mit unseren Familien, unseren Lieben und unserer Zuneigung zu umarmen.

Für würdevolle Besuche!
Isolation ist Folter!
Gefangene im Hungerstreik
Hochsicherheitsgefängnis
Santiago Chile
Montag, 30. November 2020.

Anmerkung: Wir betonen, dass an diesem Durst- und Hungerstreikmobilisierung, die heute, Montag, den 30. November, beginnt, der subversive Gefährte Marcelo Villarroel Sepulveda teilnimmt. Erinnern wir uns, dass er im Modul 3H Nord des Hochsicherheitsgefängnisses gefangen gehalten wird.

San Miguel, Gefährtin Monica Caballero und zwei weitere Gefangene treten für Besuche in den Hungerstreik

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Am 7. Dezember 2020 begann die Gefährtin Monica Caballero, die beschuldigt wird, während der Revolte Sprengstoffanschläge gegen die Nachbarschaft der Reichen verübt zu haben, zusammen mit zwei anderen Gefangenen einen Hungerstreik im öffentlichen Modul und forderte die sofortige Zulassung von Besuchern.

Dieser Streik kommt zu dem hinzu, den sie seit dem 30. November im Hochsicherheitsgefängnis durchführen, wo sich der Gefährte Marcelo Villarroel beteiligt.

Für die sofortige Gewährung von Besuchen!

Zehn Jahre seit dem Massaker im Gefängnis von San Miguel: Erinnerung und Geschichte des Kampfes

Ohne Zweifel gibt es Orte, die Tausende von Geschichten verwahren. Wenn die hohen Mauern der Gefängnisse von den Erfahrungen derer sprechen könnten, die hinter ihnen eingesperrt waren (und sind), würden sie uns vielleicht viele Geschichten erzählen. Sie würden uns Geschichten erzählen, in denen arme Menschen die Hauptdarsteller:innen wären, oder vielleicht würden sie uns von der immensen Sehnsucht nach Freiheit erzählen, die die Herzen derer erfüllt, die die Kerker und Zellen bevölkern.

Leider sind die Gefängnismauern stumme Zeugen der Erfahrungen der Menschen, die hinter ihnen eingesperrt sind. Zu erzählen, was an diesen Orten geschieht, liegt in der Verantwortung derjenigen von uns, die von der Macht entführt werden, und derjenigen von uns, die das gegenwärtige System des Terrors beenden wollen.

Die Geschichte der Gefangenen ist unsere Geschichte und sie kann nicht verloren gehen. In den Gefängnissen herrscht Traurigkeit. Es ist der Meister und Herr. Es ist in der überwiegenden Mehrheit der Leben derer gegenwärtig, die diesen grauen Ort durchqueren. Das San-Miguel-Gefängnis birgt nicht nur Geschichten voller Trauer, sondern auch viele Erfahrungen von Widerstand und Kampf.

Anfang der 1990er-Jahre sperrte das San-Miguel-Gefängnis mehrere politische Gefangene ein. Menschen verschiedener Organisationen füllten die Zellen der Türme bis zu ihrer Verlegung zum C.A.S. im Jahr 1994 – eine Verlegung, gegen die sich die Kämpfenden mit Waffen wehrten.

Bei der Durchsuchung der Zellen nach der Konfrontation fanden die Wachen eine Browning 7,65mm-Pistole mit sieben Patronen im Magazin; einen italienischen Trident 38-Revolver; eine Dachmaur-Pistole mit 15 Patronen; eine Llama 7,65mm; einen braunen Beutel mit 13 Kugeln; einen weiteren Lederbeutel mit 18 weiteren Kugeln; ein Handy der Marke NEX und drei selbstgemachte Sprengsätze1.

Bei der Konfrontation wurden mehrere Gefängniswärter sowie einige Häftlinge verletzt, darunter Mauricio Hernández Norambuena. Der Kommandant Ramiro erzählt die Geschichte auf folgende Weise: „Ich wurde in dem Handgemenge verwundet. Ich war noch nie zuvor angeschossen worden, und es war im Gefängnis, wo ich zum ersten Mal angeschossen wurde“2.

Dasselbe Ereignis erzählte Ricardo Palma Salamanca in einem Interview, das am 27. Januar 2019 in Paris geführt wurde: „Inmitten der Konfrontation haben sie zwei Menschen erschossen. Ich war auch bewaffnet, wurde aber nicht von einer Kugel getroffen.“

Die Waffen, die im Widerstand gegen die Versetzung zum C.A.S. eingesetzt wurden, waren ursprünglich für eine Flucht gedacht. Mauricio Hernández erzählt die Geschichte wie folgt: „Es gelang uns, verschiedene Waffen in das Gefängnis von San Miguel zu bringen, und wir entwarfen mit Hilfe von außen einen wirklich interessanten Fluchtplan. Leute von Mapu-Lautaro3 und der MIR4 waren daran beteiligt. Die Idee war, in einer großen Gruppe zu fliehen. Draußen gab es Unterstützung von ungefähr 15 oder 20 Kämpfenden. Es gab genügend Waffen. Aber dieser Plan scheiterte.“

„Die ganze Operation war organisiert. Diejenigen, die draußen waren, sollten ein Haus übernehmen, das eine Mauer hinter dem Gefängnis hatte, die sie zur Explosion bringen wollten. Wir mussten durch ein Tor gehen und dort hinausgehen. Ein paar Tage bevor wir die Flucht durchführten, wurden wir zum C.A.S. transferiert. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Waffen, die wir für die Flucht zusammengetragen hatten, benutzt, um dem Transfer zu widerstehen“5.

Dies war nicht der einzige Fluchtversuch im San-Miguel-Gefängnis. Im Jahr 1997 versuchte eine Gruppe ehemaliger Mitglieder des FPMR6 das Gefängnis durch das Dach zu verlassen, wobei sie ein System aus Seilen und Rollen benutzten, um eine der Straßen zu erreichen, die an das Gefängnis grenzen. Der gescheiterte Fluchtversuch führte zu einem Aufstand, und die teilnehmenden Gefangenen wurden in die Gefängnisse Colina I und Colina II verlegt. Unter ihnen war Jorge Saldivia, der 2012 bei einem Banküberfall getötet wurde.

Die Wände sprechen nicht, aber sie tragen Markierungen, die manchmal schwer auszulöschen sind. Viele Insass:innen sagen, dass in Turm 5 des San-Miguel-Gefängnisses, in dem 81 Gefangene verbrannt wurden, die Flecken der Leichen nie ganz ausgelöscht wurden… die Insass:innen sagen, dass die Spuren aus Öl zu bestehen scheinen und dass, egal wie viel Wachs und Farbe sie auf die Böden und Wände auftragen, sie sich immer von den anderen Teilen des Gefängnisses unterscheiden.

Es gibt viele Anekdoten über Geister und Gespenster in Turm 5, Glauben, Mythen oder Realitäten… aber der Tod der 81 Gefangenen bleibt für die Häftlinge von Turm 5 nicht unbemerkt und sollte für keinen Gefangenen unbemerkt bleiben.

Zehn Jahre seit dem Massaker im San-Miguel-Gefängnis: Aktive und kämpferische Erinnerung!

Bis alle Käfige zerstört sind!

Mónica Caballero Sepúlveda

Anarchistische Gefangene

CHILE: BEENDIGUNG DES HUNGERSTREIKS DER GEFÄHRTIN MONICA CABALLERO

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San-Miguel-Gefängnis. Ende des Hungerstreiks von der Gefährtin Monica und zwei weiteren Gefangenen.

Seit Montag, dem 7. Dezember 2020, befanden sich Monica Caballero und zwei weitere Gefangene aus dem öffentlichen Teil des Gefängnisses von San Miguel in einem Hungerstreik für die sofortige Gewährung von Besuchen unter würdigen Bedingungen. Die Mobilisierung in San Miguel wollte auch den im Hochsicherheitsgefängnis begonnenen Hungerstreik unterstützen, der ebenfalls die Wiederzulassung von Besuchen zum Ziel hatte.

Am 10. Dezember 2020 beschlossen die Gefährtinnen, den Hungerstreik nach einer Anhörung zu beenden, bei der das Gericht die Gendarmerie aufforderte, Antworten darüber zu geben, in welcher Phase der Quarantäne die Besuche akzeptiert werden würden.

In Anbetracht der massiven Anzahl von Streiks und Mobilisierungen für die Gewährung von Besuchen, würden die Gefangenen nicht von der Gendarmerie bestraft werden.

Wir werden unsere Gefährt*innen im Gefängnis wieder in die Arme schließen!

 

1Interviews mit Ricardo Palma in dem Buch „Retorno desde el punto de fuga“ von Tomás García

2„Un paso al frente“ Mauricio Hernández Norambuena

3A.d.Ü., Mapu-Lautaro, oder auch Movimiento Juvenil Lautaro, war eine politisch-militärische marxistisch-leninistische Organisation in Chile die von 1982 bis 1994 aktiv war.

4A.d.Ü., MIR Movimiento de Izquierda Revolucionaria ist eine marxistisch-leninistische Organisation in Chile die 1965 gegründet wurde.

5„Un paso al frente“ Mauricio Hernández Norambuena

6A.d.Ü., FPMR Frente Patriótico Manuel Rodríguez war eine marxistisch-leninistische Guerilla die sich 1983 gründete. Sie bildete sich aus einer Spaltung mit der Kommunistischen Partei Chiles und führte den bewaffneten Kampf bis Ende der 1990er.

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