Hier gefunden, die Übersetzung ist von uns.
Aufruf an die Gefährten und Gefährtinnen der Aufstände unserer Zeit
- 15. Dezember 2025
In den letzten Jahrzehnten gab es in vielen Teilen der Welt intensive Kämpfe, weit verbreitete Revolten, Aufstände und Momente, die man in einigen Fällen als aufständisch bezeichnen könnte.
Um nur ein paar zu nennen: Argentinien (2001), Griechenland (2008), dann zwischen 2010 und 2013: Tunesien, Ägypten, Syrien, Libyen, Jemen, Slowenien, Türkei, Bosnien, Brasilien; gefolgt von der Welle zwischen 2018 und 2022: Nicaragua, Frankreich, Sudan, Algerien, Guinea, Irak, Hongkong, Libanon, Ecuador, Chile, Kolumbien, Iran, USA, Belarus, Kasachstan, Sri Lanka, Peru; 2024: Kanaky, Bangladesch, Kenia und schließlich 2025 Serbien, Türkei, Nepal, Indonesien, Philippinen, Madagaskar, Marokko, Ecuador, Peru…
Die Welle der Aufstände auf der ganzen Welt stößt immer wieder auf die gleichen Grenzen. Kein Aufstand hat es geschafft, seine Kraft zeitlich und räumlich so weit auszudehnen, dass die Aufständischen nicht gezwungen waren, wieder an die Arbeit zu gehen. Unsere Bewegungen werden verdaut, in einen demokratischen Übergang verwandelt, übernehmen den Staat, schaffen neue Verfassungen. Im Moment ist der Kampf für eine revolutionäre Ausbreitung nicht erfolgreich. Aber dieser Kampf ist da. Für uns ist er sogar eine grundlegende Dynamik unserer Bewegungen.
Diese Revolten gewinnen an Kraft und revolutionärem Potenzial, wenn sie bestehende Strukturen überwinden. Wenn der Kampf außerhalb von Parteien und Gewerkschaften/Syndikate organisiert wird, ohne Vertreter oder Vermittler. Wir, die Autoren dieses Textes, haben das während unserer Teilnahme an der Gelbwesten-Bewegung erlebt. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung sprechen wir hier. Zusammen mit anderen haben wir uns an einem Kampf innerhalb der Bewegung selbst beteiligt. Wir waren auf der Seite, die sagte: „Wir wollen alles für alle“ und sich weigerte, sich in der Politik zu verfangen. Wir haben gesehen, wie diese Ausrichtung die Bewegung und ihre Dynamik gestärkt hat: die des Sieges.
Aber was würde ein Sieg bedeuten?
Es gibt keine revolutionäre Frage, die losgelöst vom Kampf für unsere unmittelbaren Interessen ist. Es gibt keinen Kommunismus oder Anarchie, die Ideale sind, die nichts mit der Bewegung zu tun haben, die das abschaffen will, was uns kaputt macht. Wenn wir über unmittelbare Interessen reden, meinen wir nicht die Mystifizierung von „Kaufkraft“ und Inflation oder Verhandlungen, um Jobs, Unternehmen, die Ökonomie, die Staatskasse oder den sozialen Frieden zu retten. Im Gegenteil, wir meinen, dass wir unsere Zeit nicht mehr damit verschwenden wollen, unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir wollen uns nicht mehr durch Essen, Trinken und Atmen vergiften. Wir wollen nicht mehr an Hunger sterben oder obdachlos sein, nicht mehr durch Kugeln, Bomben oder Schläge an Straßenecken sterben. Wir wollen nicht mehr auf der Flucht ertrinken, nicht mehr mit dem Kopf gegen die Wände staatlicher Gefängnisse schlagen und dort nicht mehr durch Schläge und Folter sterben.
Ja, wir wollen all das und noch viel mehr, weil wir ein kollektives, sensibles und beziehungsorientiertes Leben genießen wollen. Wir wollen nicht mehr um unser Leben gebracht werden. Wir wollen endlich handeln können, frei in einer neuen Welt leben können. Der Kapitalismus hat für nichts davon eine Lösung. Und wir haben keine Möglichkeit, dies zu erreichen, außer durch eine Weltrevolution, die Abschaffung des Staates, des Geldes, der Arbeit, der Familie, der sozialen Klassen und der gesamten kapitalistischen sozialen Beziehungen. Das ist der Anfang einer Antwort auf die Frage, was für uns „Sieg“ bedeutet.
Wir suchen noch nach den Wegen zum Sieg
Diese Wege werden überall dort gesucht, wo Bewegungen mehr als eine Ausschreitung, mehr als ein wilder Streik sind. Sie haben dann nichts mit einem gewerkschaftlichen/syndikalitischen Marsch oder irgendeiner Art von Wahlkartell zu tun. Selbstorganisation, direkte Aktion, Ablehnung von Forderungen und Verhandlungen. Angriff auf die Ökonomie (durch Zerstörung von Unternehmen und Infrastruktur), Ablehnung der Aussicht auf Selbstverwaltung und Angriff auf Symbole des Staates (Besetzung und/oder Zerstörung von Machtzentren usw.).
All diese Dynamiken suchen den Weg zum Sieg, aber sie haben nicht zu einer sozialen Revolution geführt, zumindest noch nicht. Die revolutionäre Tendenz innerhalb der Bewegungen bleibt eine Minderheit. Diese Tendenz sucht nach sich selbst und gewinnt an Boden, indem sie sich allen reformistischen Kräften, die die sozialen Kämpfe durchdringen, sowie den repressiven Kräften der Staaten entgegenstellt.
An dieser Kombination aus Repression und Integration in den Staat, die vom linken Flügel des Kapitals gefördert wird, scheitern unsere Bewegungen derzeit. Und wir haben gesehen, wie mit dem Umschwung ein Teil der Kraft der Bewegung in demokratischen Degagismus, den Glauben an einen Regimewechsel zur „Beendigung der Korruption”, Staatsbürgerismus1, Wahlillusionen (Staatsbürgerinitiativen, Verfassungsänderungen, vorgezogene Wahlen usw.) oder sogar in Umverteilungsforderungen (Lohnerhöhungen oder Steuerrücknahmen) oder Kritik an Kräften der Repression (Polizeireform usw.) kanalisiert wird.
Gegenwärtige Bewegungen scheinen, wenn sie eine gewisse Größe erreichen, von zwei Phasen und zwei gegensätzlichen Kräften geprägt zu sein: einer kurzen Aufwärtsphase, in der sie an Stärke gewinnen, dann erreichen sie eine Grenze und die Niederlage beginnt, einerseits durch politische Kooptation und andererseits durch Repression: Integration des Randbereichs der Bewegung, der integriert werden kann, und Repression des Randbereichs der Bewegung, der den Kampf fortsetzen will.
Wir müssen zugeben, dass alle Aufstände der heutigen Zeit an eine Art „gläserne Decke” gestoßen sind. Dieser Bericht aus Chile zeigt, wovon wir reden: „Die Behörden haben es total versäumt, Ordnung oder Normalität durchzusetzen, während wir, die Aufständischen, es noch nicht geschafft haben, sie komplett zu stürzen.” In diesen Momenten der Unsicherheit nutzt der Staat die Situation aus, um sich neu zu organisieren und die Kontrolle zurückzugewinnen, um einen revolutionären Wandel zu verhindern.
Die Revolten der aktuellen Zeit finden jedoch in allen Regionen der Welt statt und haben bestimmte Praktiken gemeinsam. Innerhalb dieser Revolten suchen viele von uns nach Wegen zum Sieg. Die Frage der Revolution ist für uns aktuell. Sie ist eine unmittelbare Notwendigkeit.
In dieser Perspektive wollen wir den Austausch von Erfahrungen, Kämpfen und strategischen Überlegungen fördern – kurz gesagt, die globale Debatte über unsere Aufstände verstärken. Dazu möchten wir euch einladen, an einem Prozess von Kreuzinterviews teilzunehmen. Das bedeutet, dass wir öffentlich oder privat zwischen unseren Gruppen eine Diskussion beginnen, und zwar anhand einer Reihe von Fragen, die wir gemeinsam festlegen, sowie anhand ihrer Antworten und der Fragen, die sie wiederum aufwerfen. Wir möchten hier zunächst einige Fragen vorschlagen, wissen aber, dass diese nicht alles abdecken können, was wir diskutieren müssen. Deshalb bitten wir nicht nur um Antworten, sondern auch um neue Fragen, die wir dann wiederum zu beantworten versuchen werden. Die folgende Liste ist nur ein erster Versuch, zu dem wir euch einladen, beizutragen.
Erste Fragen:
- Die aktuellen Aufstände konnten die Produktion nicht genug stören, um die Ökonomie zu destabilisieren. Und nach einer Weile müssen die Leute wieder arbeiten gehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, was eine der größten Einschränkungen ist, mit denen die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich konfrontiert war. Wie hat sich das bei euch ausgewirkt? Kam die Frage auf, die Arbeit anzugreifen? Und wenn ja, wie? Durch Streiks, also innerhalb des Arbeitsplatzes, oder durch Blockaden und Sabotage, also von außen? Oder auf andere Weise?
- In diesem Zusammenhang: Hat die Bewegung die Frage nach ihren eigenen materiellen Existenzmitteln ohne Arbeit, ohne Eigentum, ohne Austausch gestellt?
- Welche Beziehungen hatte die Bewegung zu politischen Parteien und Gewerkschaften/Syndikaten? Was sind ihre Stärken? Waren disruptive Praktiken möglich?
- Die Überwindung lokaler Dynamiken und die Koordination während der Offensivphase werden schnell zu einer Notwendigkeit für die Bewegung. Welche Erfahrungen habt ihr in dieser Hinsicht gemacht? Welche Versuche wurden unternommen?
- Oftmals treten Parteien, Gewerkschaften/Syndikate und andere Formen der Führung gerade dann wieder in den Vordergrund, um die Kontrolle zu übernehmen, wenn Koordinationsstrukturen der Bewegung aufgebaut werden. Was haltet ihr von dieser Dynamik? Wie können wir dem vorbeugen?
- Social-Media-Administratoren können schnell eine Führungsrolle übernehmen, weil sie wichtige Konten kontrollieren, über die in den letzten Jahren Bewegungen ins Leben gerufen wurden (Instagram, Facebook, Snapchat, TikTok usw.). War das auch für dich ein wichtiges Thema? Und hat die Bewegung irgendwelche Maßnahmen ergriffen, um das zu verhindern?
- Das Gespenst von Krieg und Bürgerkrieg, militärische Repression und die Beziehungen zur Armee sind wichtige Themen für unsere Bewegungen. Welche Erfahrungen hast du in dieser Hinsicht gemacht?
- Solidarität angesichts von Repression ist für das Leben der Bewegung unerlässlich. Wie hat das bei dir funktioniert?
- Schließlich stellen wir uns die folgenden Fragen zu Bewegungen zwischen zwei verschiedenen Perioden des Kampfes:
- Haben die jüngsten Bewegungen von den Erfahrungen früherer Bewegungen profitiert? Wenn ja, in welcher Weise?
- Was bleibt, wenn Bewegungen abklingen? Welche Verbindungen, Räume, Strukturen und Praktiken bleiben bestehen? Findest du, dass wir dazu beitragen sollten, sie zu erhalten, und wenn ja, wie?
- Welche Initiativen und Aktivitäten sind deiner Meinung nach außerhalb dieser Bewegungen, außerhalb von Perioden des Kampfes möglich und relevant, um die revolutionäre Perspektive am Leben zu erhalten?
1A.d.Ü., wir haben eine ganze Sammlung an Texten die sich kritisch mit diese Thematik befassen: Kritik an der Staatsbürgerschaft (Ideologie).