Libertäre Reflexionen zur nationalen Frage (1880-1918).

Gefunden auf ser historico, die Übersetzung ist von uns.


Libertäre Reflexionen zur nationalen Frage (1880-1918).

Internationalismus als diverse Identität.

Wenn wir die großen Werke des Anarchismus lesen, von Denkern wie Bakunin, Reclus, Malatesta, Gori, Grave, Malato oder Kropotkin, finden wir einen vielfältigen Diskurs zur nationalen Frage, aber mit einem gemeinsamen roten Faden: Jenseits jeglicher nationaler Gefühle, weit darüber hinaus, gab es wichtigere Gemeinsamkeiten, wie die soziale Klasse und/oder das Gefühl der Zugehörigkeit zur Menschheit.

Charles Malato, Gründer der „Ligue Cosmopolite” und sehr aktives Mitglied des Anarchokommunismus in den 1880er Jahren des 19. Jahrhunderts, erklärte, dass „in der Idee des ‚Patriotismus’ ist das positive, reale und unzerstörbare Prinzip das der Solidarität, während der negative Teil diejenigen, die jenseits der Grenze leben, als Feinde oder zumindest als gefährliche Nachbarn erscheinen lässt1. Eine interessante Überlegung, die mit der progressiven oder materialistischen Mentalität der damaligen Zeit im Einklang steht. Anarchisten wie Malato erkannten die Existenz nationaler Gefühle an, lehnten diese jedoch aufgrund ihrer negativen Aspekte ab. Sie wurden in gewisser Weise als Produkt einer sterbenden liberalen Gesellschaft angesehen.

Für das anarchistische revolutionäre Projekt war es notwendig, die Idee des Vaterlandes durch die einer menschlichen Gemeinschaft zu ersetzen, da „es zwei Arten gibt, das Vaterland zu negieren: eine engstirnige, barbarische und zudem unrealisierbare, die die Zerstückelung eines durch Sprache und gemeinsame Bräuche geeinten Landes zum Ziel hätte. Dies wäre eine Rückkehr zum Provinzialismus, zum Mittelalter. Der andere, edel, großzügig, gerecht außerdem (…) ist es, die Föderation der freien Völker zu befürworten, die ein einziges, Vaterland, frei von Rivalen, bilden.“2

Das endgültige Ideal war die Verbrüderung aller Völker der Welt, die nach den von Malato vertretenen Ansätzen die Anerkennung der Existenz von Nationen und Rassen voraussetzte, wie sie damals in wissenschaftlichen und soziologischen Kreisen diskutiert wurde. Er war der Meinung, dass vor der universellen Gemeinschaft zunächst eine „rassische“ Solidarität im Sinne einer Vereinigung der verschiedenen Völker der lateinischen, slawischen, germanischen Rassen usw. bestehen müsse. Nach diesen rassischen Vereinigungen, so argumentierte er, wäre eine weltweite Brüderlichkeit möglich.

Während des Ersten Weltkriegs verbündete sich Malato mit Piotr Kropotkin und anderen Anarchisten, die sich angesichts des Kriegsszenarios gegen den „deutschen Militarismus” aussprachen, was zu heftigen Debatten und internationalen Kontroversen mit anderen anarchistischen Gefährten wie Malatesta, Berkman oder Bewohnern lateinamerikanischer und slawischer Länder führte. Wenn wir jedoch seine internationalistische Konzeption analysieren, die auf einer Theorie basiert, die einen vorherigen Schritt zur universellen Brüderlichkeit verteidigte, die streng auf die verschiedenen „Rassen” beschränkt war, können wir zumindest Malatos Position zu den Konsequenzen einer germanischen Vorherrschaft nach einem Kriegssieg verstehen: Es wäre ein Rückschritt für die Menschheit, denn innerhalb des Germanismus gab es nach Ansicht vieler internationaler Anarchisten einen starken militaristischen und zentralistischen Unterton, der sogar von den meisten Strömungen des deutschen Sozialismus übernommen worden war.

Schwieriger zu verstehen war, dass Jean Grave, eine weitere herausragende libertäre Persönlichkeit und enger Freund Kropotkins, sich während des Ersten Weltkriegs als Gegner des Germanismus zeigte, und zwar aufgrund identischer Positionen, die sein Freund, der russische Prinz, oder Malato vertreten hatten: Der Sieg des deutschen Militarismus würde eine Bremse für die positive Entwicklung der Menschheit bedeuten. Grave hatte sich einige Jahre zuvor als eine der kosmopolitischsten Figuren der libertären Bewegung hervorgetan und wurde oft wegen seiner unpatriotischen Ideen und Aktionen verfolgt. Er behauptete damals, dass der Nationalismus eine reine Erfindung der Bourgeoisie sei, mit dem Ziel, die Weltanschauung der Bevölkerung zu kontrollieren. Auch früher zeigte er sich als Gegner des französischen Militarismus und Chauvinismus und betrachtete die Nationen als einen bloßen Zufall der Geschichte.

Eine weitere interessante Persönlichkeit, um diesen interpretativen Reichtum des Nationalen zu betrachten, war der Aragonier Manuel Buenacasa, der uns in „El movimiento obrero español”3 interessante Überlegungen hinterließ, um das Vordringen des Anarchismus auf iberischem Gebiet zu erklären, und, was für uns am attraktivsten ist, einige Andeutungen eines prominenten konföderalen Militanten über seine Vorstellung von Spanien. Er verstand, wie andere Arbeiter auch, dass die spanische „Nation” aus verschiedenen Völkern bestand, von denen jedes seine eigenen Merkmale hatte. In diesem Sinne vertraten andere spanische Persönlichkeiten wie Juan Montseny oder sogar Anselmo Lorenzo ähnliche Positionen, die sich in gewisser Weise auch nicht allzu sehr vom nationalistischen Diskurs bestimmter fortschrittlicher republikanischer Strömungen jener Zeit unterschieden.

Buenacasa glaubte an ein Spanien, das aus einer Vielfalt von Völkern mit eigenen Merkmalen bestand, wobei er die rebellische und kämpferische Natur des andalusischen Arbeitervolkes hervorhob, während er von den Kastiliern, mit Ausnahme von Madrid, La Mancha und Valladolid, ein eher negatives Bild zeichnete, denn er dachte von ihnen, dass sie „grau wie ihre Steppen und Ödlande4 seien, und beschrieb sie als Arbeiter, die nicht nur unter Ausbeutung litten, sondern sich ihr auch unterwarfen.

Von Katalonien und Barcelona hob er ihre Vorreiterrolle bei der Verbreitung fortschrittlicher Ideale für den Rest Spaniens hervor, während er bei den Arbeitern im Norden die Noblesse ihrer Kämpfe hervorhob und über seine Heimat betonte, dass „die aragonesischen Arbeiter mehr sind als einfache Idealisten, die Platon nacheifern”, da „es in Spanien keine sozial bedeutende Tat gegeben hat, die nicht sofort vom aragonesischen Volk unterstützt wurde”. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Buenacasa’s Vorstellung von Spanien in vielerlei Hinsicht plurinational war und auf essentialistischen oder rassistischen Klischees beruhte, einer Tradition, die seit Jahrzehnten von anderen republikanischen Strömungen gepredigt wurde. Dies war jedoch kein Hindernis für die Entwicklung des internationalistischen Ideals, denn wenn diese Strömungen sich durch eine Fähigkeit auszeichneten, dann war es die, einen Großteil früherer Diskurse wiederzuverwenden oder sich über frühere Identitäten hinwegzusetzen, da sie letztendlich an einer internationalen Gemeinschaft interessiert waren und die Völker selbst daher nur Atome eines übergeordneten Ganzen waren. Und Buenacasa dachte letztendlich an die Brüderlichkeit zwischen den Völkern.

So waren die „plurinationalen” Positionen von Buenacasa oder Malato, ebenso wie andere offen staatenlose und kosmopolitische Positionen, wie die von Paolo Schicchi oder Jean Grave vor dem Ersten Weltkrieg, mit den Diskursen der Arbeiterorganisationen vereinbar, die dem revolutionären Syndikalismus und Anarchosyndikalismus nahestanden, von deren Entstehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, da alle diese Positionen trotz ihrer Vielfalt zumindest internationalistisch waren.

Im revolutionären Programm der CNT vom 16. Juli 1917, mitten im Kontext des internationalen Krieges und der sozialen und politischen Krise in Spanien, wurde im vierten Punkt bekräftigt, dass „Ausländern die gleichen Rechte wie den Einheimischen gewährt werden sollten, damit der Mensch überall eine Heimat findet und damit ein logisches Gefühl der kosmopolitischen Brüderlichkeit nach und nach das der ausschließlichen Nationalität ersetzt5. In diesem Sinne wurde nach Beendigung des internationalen Krieges in einem Leitartikel der Zeitung „Solidaridad Obrera” festgestellt, dass „Fragen der Sprache, der mütterlichen Gefühle oder der Heimat, der Religionen oder Bräuche, die früher im Vordergrund der politischen Freiheiten der Völker standen (…) heute in den Hintergrund getreten sind und nur noch diejenigen interessieren, die sich mit dem Studium eines bestimmten Aspekts der vielfältigen Facetten des Lebens beschäftigen und sich von den Strömungen des Fortschritts entfernen, ohne zu erkennen, dass sich alles weiterentwickelt, und an Ideen festhalten, die in den Hintergrund treten6.

Für den Sprecher der CNT in Katalonien war die nationale Frage ein zweitrangiges Thema, sie wurde als etwas angesehen, das existierte, das bis zu einem gewissen Grad verständlich war, aber ein Ergebnis der Vergangenheit, da sie der Meinung waren, dass „Autonomie ja, Unabhängigkeit auch, aber zuerst die des Individuums, woraus sich dann automatisch alles andere ergibt”7. Für einen Großteil des Anarchismus war die Idee der Heimat ein Anachronismus, der zum Verschwinden verurteilt war. Man konnte sie spüren oder auch nicht, man konnte sogar Theorien wie die von Buenacasa über von Natur aus unterwürfige Proletarier in kastilischen Gebieten vertreten, aber der von den einen und anderen gepredigte Internationalismus verbannte die Idee der Heimat letztendlich immer in die Erinnerungstruhe.

Auf internationaler Ebene kämpften auch andere Arbeiterorganisationen für die Überwindung des Patriotismus, wie beispielsweise die IWW in den Vereinigten Staaten und anderen Teilen der Welt, die sich durch ihre Ablehnung des Krieges von 1914-1918 und ihre Solidarität mit den revolutionären Arbeitern Russlands hervorgetan haben. Diese Praxis, zusammen mit anderen Faktoren ihrer Geschichte, erklärt das Auftreten des ersten Red Scare in den Vereinigten Staaten und die sogenannten Palmer Raids, aber das ändert nichts daran, dass die IWW seit ihrer Gründung in Chicago im Jahr 1905 eine offen internationalistische Organisation war. Dies lässt sich anhand ihrer Statuten nachweisen, in denen ein vielfältiges und inklusives Konzept der Arbeiterklasse mit Minderheiten zum Ausdruck kommt, wenn es heißt, dass niemand aufgrund seiner Rasse, seines Geschlechts, seiner persönlichen Überzeugungen oder seiner nationalen Herkunft aus der IWW ausgeschlossen werden darf, die der Ansicht war, dass sich das Proletariat in einer „One Big Union” zusammenschließen sollte, einer internationalistischen Organisation, die den Keim für die zukünftige sozialistische Gesellschaft bilden sollte.

Auch in Italien waren diese internationalistischen Ansätze auf dem Gründungskongress der Unione Sindacale Italiana (USI) im November 1912 in Modena deutlich zu erkennen. Diese anarchosyndikalistische Organisation war zwar nicht die vorherrschende Arbeiterorganisation in Italien, hatte aber regelmäßig mehr als 200.000 Mitglieder und blieb vor dem Krieg mit recht bedeutenden Zahlen bestehen sowie aktiv in den revolutionären Bewegungen, die sich in Italien bis zum Aufstieg des Faschismus entwickelten. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es innerhalb der gemäßigteren CGIL anarchosyndikalistische Strömungen gab und dass es in Italien über den Gewerkschaftswesen/Syndikalismus hinaus noch eine starke anarchistische Vereinigungstradition gab. Tatsächlich war der Anarchismus, obwohl er zahlenmäßig bereits hinter dem Marxismus zurückblieb, auch während des Ersten Weltkriegs eine Bewegung mit starken sozialen Wurzeln im Land.

Zurück zur USI: Auf ihrem Gründungskongress und vor dem Hintergrund eines möglichen Weltkrieges verteidigte sie, dass „das Proletariat die Pflicht hat, sich um jeden Preis und mit allen Mitteln gegen das brüderliche Gemetzel zu wehren, in das man es opfern will, um Interessen zu dienen, die nur die feindliche Klasse betreffen”8. Tatsächlich hatte die Opposition gegen den Militarismus in Italien innerhalb der Arbeiterbewegung bereits zu Konflikten mit dem italienischen Staat-Nation geführt, wie zum Beispiel dem Generalstreik gegen den Krieg in Libyen am 27. September 1911 oder anderen Konflikten wie dem antimilitaristischen Aufstand im Juni 1914, bekannt als „Settimana rossa” (Rote Woche), der uns den damaligen Klassenantagonismus und hinter den Barrikaden auf den Straßen den Wunsch eines Teils der proletarischen Jugend, nicht für ein vermeintliches italienisches Vaterland zu sterben, bereit war.

Der Internationalismus als Identitätsbewusstsein war vielfältig und fand zumindest bis zum großen Krieg von 1914-1918 zahlreiche Anhänger unter den westlichen populären Klassen. Der Große Krieg bedeutete jedoch auch den Beginn des Niedergangs dieses Bewusstseins: die Kontroversen zwischen den Internationalisten, die fortschreitende Festigung der Nationalisierungsprozesse oder die Tatsache, dass diese nach dem Sieg der Bolschewiki in Russland mit mehr oder weniger Begeisterung etwas so Nationalisierendes wie die Schaffung und Festigung eines neuen Staates-Nation unternahmen, in einer Welt, die sich nach dem Krieg endgültig nach diesen Parametern richtete, dienen dazu, die derzeitige Vorherrschaft des Nationalismus und den in vielerlei Hinsicht stattfindenden Zerfall jener alten Arbeiter- und Sozialistenideale, die sich für die universelle Brüderlichkeit einsetzten, zu verstehen.


1Carlos Malato, Filosofía del Anarquismo. Madrid & Gijón, Ediciones Júcar, 1978, S. 13.

2Ebenda, S. 31.

3Manuel Buenacasa, El movimiento obrero español. Historia y crítica, 1886-1926, Paris, Familie und Freunde des Autors, 1966.

4Ebenda, S. 117.

5Comité Obrero. Programa revolucionario de la CNT, de julio de 1917, Antonio Bar, La CNT en los años rojos. Del sindicalismo revolucionario al anarcosindicalismo (1910-1926), Madrid, Akal, 1981 S. 794-796.

6„Editorial”, Solidaridad Obrera, 19.11.1918, S. 1.

7Ebenda.

8Ugo Fedelli. „Breve storia dell’Unione Sindacale Italiana”. In: Volontà, Nr. 9-10-11, 1957. [Webversion abgerufen am 20.08.2015]. http://usistoriaememoria.blogspot.it/p/ugo-fedeli-breve-storia-dellunione.html?m=1

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