Der Internationalismus vor dem Abgrund, 1917-1924.

Gefunden auf ser historico, die Übersetzung ist von uns.


Der Internationalismus vor dem Abgrund, 1917-1924.

Der Aufstieg und die Etablierung der Nationalismen waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts offensichtlich, obwohl sie Diskurse hervorbrachten und nährten, die zu einer klassenübergreifenden Haltung (Interklassismus) neigten und normalerweise im Gegensatz zu Arbeiterbewegung und Sozialismus standen. Im Laufe der Jahrzehnte taten sie jedoch ihr Werk und besiegten heimtückisch diese miteinander in Konflikt stehenden Identitäten, die die Gültigkeit der Welt der Staaten-Nation negierten.

Die Erziehung der Massen, die aufkommende Medienpropaganda, imperialistische Reden, die wachsende Popularität des mit dem Sport verbundenen Nationalismus1 und andere banale Formen der Nationalisierung sowie die Verbreitung einer Massengesellschaft oder die Perfektionierung derselben nationalistischen Reden begünstigten, dass in dieser Bevölkerung mit einer schwachen patriotischen-staatsbürgerlischen Identität, oder sich als Teil einer der Bourgeoisie antagonistischen Klasse fühlten, oder sogar unter denen, die rechtmäßig aus der Staatsbürgerschaft ausgeschlossen worden waren, eine unaufhaltsame Durchdringung des nationalen Bewusstseins.

Dieser Aspekt wurde bereits 1893 vom katalanischen Anarchisten Pere Esteve intuitiv erfasst, als er nach seinem Aufenthalt in Kuba, das damals noch eine spanische Provinz war, feststellte:

„Die Kämpfe der Arbeiterbewegung und die anarchistischen Prinzipien schafften es, Kubaner und Spanier ohne den geringsten Groll unter einem Dach zu vereinen. Die alten und schädlichen Ressentiments wurden erstickt (…) Aber leider war dies in den privaten Beziehungen nicht der Fall. In ihnen zeigte sich, dass das Feuer der Vaterlandsliebe noch nicht ganz erloschen war. Unter der Asche glühte noch immer ein mächtiger Rest (…) In vertraulichen Gesprächen sowie in den Beziehungen zwischen Kubanern und Spaniern (außerhalb unserer Organisationen natürlich) waren Rivalitäten, Ressentiments und Spuren der gegenseitigen Wahrnehmung als Eroberte oder Eroberer zu spüren. (…) Für den Spanier ist der Kubaner, allgemein gesprochen, ein minderwertiges Wesen, ein Degenerierter; für den Kubaner ist der Spanier ein brutaler, vulgärer, barbarischer Mensch”2.

Diese Reflexionen spiegeln einerseits den Konflikt zwischen internationalistischen Organisationen und den Einflüssen verschiedener Nationalismen innerhalb der Bevölkerung wider, andererseits aber auch, dass im Laufe der Jahrzehnte die Nationalisierung der Massen eine Tatsache war, sehr zum Missfallen der politischen Bewegungen selbst, die die Überwindung dieser Art von Bewusstsein propagierten.

Wir dürfen einen weiteren grundlegenden Aspekt nicht vergessen, der mittelfristig die internationalistische Bewegung selbst schwächen wird, nämlich die vollständige Akzeptanz des Nationalen durch den Marxismus, denn wie Michael Billig in seinem interessanten Werk „Banaler Nationalismus” betonte:

„In seinem triumphalen Vormarsch hat der Nationalismus seine ideologischen Rivalen hinweggefegt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sagten die Marxisten das Ende der nationalen Spaltungen voraus: Der bevorstehende Zusammenbruch des Kapitalismus würde eine Welt mit universellem Klassenbewusstsein herbeiführen, in der sich die Arbeiterklassen der verschiedenen Staaten vereinen würden. (…) Im anschließenden Kampf zur Verteidigung der Revolution gegen Angriffe von außen erweiterten die Bolschewiki tatsächlich die Grenzen des alten Russischen Reiches (…) Daher repräsentierte die bolschewistische Regierung von Anfang an einen Staat-Nation in einer Welt von Staaten-Nation”3.

Mit anderen Worten: Eine Bewegung, die dem Aufbau einer Nation scheinbar ablehnend gegenüberstand, wie es der Marxismus war, setzte diesen Prozess schließlich fort und perfektionierte ihn, wodurch die internationalistischen Identitäten geschwächt wurden.

Was den sowjetischen Fall betrifft, so ist es eine Tatsache, dass unzählige anarchistische Aktivisten Sympathie für die Russische Revolution zeigten, bis zu dem Punkt, dass junge Anarchisten wie Manuel Buenacasa in Spanien Artikel in Solidaridad Obrera schrieben, in denen sie sich mit der sowjetischen Revolution solidarisierten, oder dass historische libertäre Intellektuelle wie Augustin Hamon den Marxismus umarmten, ebenso wie Lucy Parsons, eine der historischen Mythen der amerikanischen Bewegung.

Wie lässt sich diese Idylle der anarchistischen Militanz mit dem sowjetischen Marxismus erklären? Dieses Thema muss noch eingehend behandelt werden, aber es war mehr als offensichtlich, da es zahlreiche Hinweise auf einen Übertritt anarchistischer Militanter zum Marxismus gibt. Der anarchistische, jüdische und polnische Meishka Schulmeister, der an den Revolutionen von 1905 und 1917 teilgenommen hatte, stellte bei seiner Ankunft in New York im Jahr 1923 diese Entwicklung fest, die für ihn völlig unerklärlich und bedauerlich war, so dass er nicht mehr „an der Bewegung teilnehmen konnte. Viele meiner ehemaligen Gefährten waren Bolschewiki geworden, sie waren bereit, alles für die Revolution zu tun, sie waren schlimmer als die Bolschewiki selbst! Ich hatte den Glauben an den Anarchismus, an die Arbeiter, an die Menschheit im Allgemeinen verloren (…) Wie sollte es jemals zu einer freien Gesellschaft kommen, wenn die Menschen sich so schlecht benehmen konnten? Die Menschen sollten menschlicher sein. Aber das sind sie nicht. Sie haben keine Fortschritte gemacht, sie sind rückwärts gegangen”4.

Tatsächlich schlossen sich zwischen 1917 und der Gründung der anarchosyndikalistischen IAA in Berlin im Jahr 1922 oder bis zum endgültigen Nein der IWW zur Roten Gewerkschafts-Internationale schlossen sich viele libertäre Organisationen, wie die CNT selbst, vorübergehend der sowjetischen Initiative an, sodass es in diesen Jahren de facto eine Strömung innerhalb des Anarchismus mit klaren bolschewistischen Sympathien gab, die letztendlich dazu führte, dass militante Libertäre sich dafür entschieden, den Marxismus der III. Internationale zu unterstützen.

Wie im Falle Spaniens bekannt ist5, zeigten führende Anarchisten starke Sympathien für die Russische Revolution, während ein Teil dieses Milieus schließlich die libertäre Militanz zugunsten des Marxismus aufgab.

Im Falle Argentiniens zeigt uns Roberto Pittaluga, der die Rezeption der revolutionären Nachrichten aus Russland in anarchistischen Kreisen in diesen Breitengraden untersucht hat, erneut die Vielfalt der Tendenzen, die im Anarchismus im Zuge der revolutionären Ereignisse im ehemaligen Zarenreich auftraten. Wie in anderen Teilen der Welt tauchten auch hier Anarchisten auf, die sich schließlich dem Marxismus zuwandten, und tatsächlich behauptet er, dass zwischen 1917 und 1919 „alle wichtigen politischen Vertreter des Anarchismus in der einen oder anderen Form die russische Revolution unterstützten, auch wenn diese Reaktionen unterirdisch weiterhin Meinungsverschiedenheiten bewahrten6. Tatsächlich behielt eine so bedeutende Zeitung wie La Protesta bis 1921 ihre Sympathie für Russland bei und unterstützte sogar theoretisch Konzepte wie die „Übergangsdiktatur des Proletariats”7, was zu doktrinären Debatten über dieses Thema im Umfeld der Zeitung La Antorcha führte, die als eine der ersten vor der Russischen Revolution warnte und sich ihr widersetzte. Laut Pittaluga kam es erst 1924 erneut zu Dissonanzen zwischen dem argentinischen Anarchismus im weiteren Sinne und dem Marxismus.

Eine mögliche Erklärung für die Faszination der anarchistischen Militanz gegenüber der sowjetischen Revolution war, abgesehen von der begeisternden Kraft eines revolutionären Projekts, das sich zum ersten Mal in der Geschichte in Zeit und Raum verankerte, die von den Bolschewiki angewandte aufständische Methodologie. Die Oktoberrevolution selbst oder der Spartakusaufstand in Deutschland sind Beispiele für einen aufständischen Marxismus, der für viele junge und nicht mehr ganz so junge Anarchisten jener Zeit interessant war. Letztendlich hatte der mit der II. Internationale verbundene Marxismus aus historischer Perspektive mehr als 20 Jahre lang parlamentarische und in der Regel friedliche Wege verteidigt, während der Anarchismus in fast allen seinen Strömungen weiterhin auf gewaltsame Aufstände setzte.

Dieser alternative Marxismus zur II. Internationale, der den aufständischen Weg befürwortete, wurde von vielen Anarchisten aufgrund seiner Mittel als sympathisch angesehen, da er die strategischen Konzepte bekräftigte, die sie bis dahin vertreten hatten. So lässt sich der militante Wechsel zu marxistischen Formeln unter anderem durch die Strategie der Bolschewiki, verbunden mit dem internationalen Vertrauensvotum für diejenigen, die behaupteten, ein sozialistisches Paradies zu schaffen, sowie durch die Entwicklung des nationalen Bewusstseins erklären. Die Kritik am Bolschewismus und die Mängel der russischen Erfahrung wurden von der internationalen anarchistischen Bewegung erst spät wahrgenommen und bekannt.

Über Initiativen wie die anarchistische Revolution in der Ukraine und ihre Niederschlagung durch Weißgardisten, ukrainische Nationalisten und Bolschewiki oder die Repression in Russland gegen kommunistische, sozialrevolutionäre oder anarchistische Minderheiten war zwischen 1917 und den ersten Jahren des folgenden Jahrzehnts nicht viel bekannt, was dazu führte, dass die ersten Kritiken am sowjetischen Modell erst spät im weltweiten Proletariat bekannt wurden. Tatsächlich verließ die CNT die Rote Gewerkschafts-Internationale erst, als die Informationen von Ángel Pestaña8 und Gastón Leval auf der Iberischen Halbinsel bekannt wurden, was zum Rückzug der anarchosyndikalistischen Zentrale aus dem Einflussbereich Moskaus führte.

Als der internationale Anarchismus reagierte, war er weltweit stark verfolgt oder vollständig in die Klandestinität gedrängt, in einigen Regionen durch interne Machtkämpfe gespalten, während er gegenüber einem Marxismus, der die ersten theoretischen Schritte in Richtung einer kommunistischen Gesellschaft unternahm, rapide an Militanz verlor. Als 1922 in Berlin die neue anarchosyndikalistische IAA gegründet wurde, war die wichtigste Organisation, aus der sie bestand, die CNT, die zu diesem Zeitpunkt außerhalb der spanischen Legalität stand, während die IWW angesichts dieser Situation zwar der Ansicht war, dass es nicht angebracht sei, sich der Roten Gewerkschafts-Internationale in Moskau9 anzunähern, da diese lediglich ein Sprachrohr der Bolschewiki war, und obwohl sie den Kongress in Berlin vorangetrieben hatte und freundschaftliche Beziehungen zur neuen Internationale unterhielt, behielt sie ihre eigene Unabhängigkeit und ihre internen Kämpfe bei.

All dies führte dazu, dass die internationale anarchistische und anarchosyndikalistische Reorganisation, die die klassischen internationalistischen Prinzipien fortsetzte, auf ein sehr ungünstiges Umfeld stieß.

Wenn wir nun die Entwicklung des Nationalismus, die internationale Schwäche des Anarchismus in vielen bis dahin sehr präsenten Breitengraden sowie die Entwicklung eines operativen Marxismus unter dem Blickwinkel der Staaten-Nation hinzufügen, können wir zu dem Schluss kommen, dass die internationalistischen und kosmopolitischen Ideen in eine Krise gerieten, was im konkreten Fall Spaniens die Existenz bestimmter nationalistischer Diskurse in der CNT der 1930er Jahre erklären kann, das Zögern historischer Anarchisten wie Ángel Pestaña und seiner Partido Sindicalista gegenüber dem Parlamentarismus sowie das Auftauchen anarchistischer Minister während des spanischen Bürgerkriegs, die zwar theoretisch der Ansicht waren, dass der Staat die Nation schmiedete, in ihrer Praxis jedoch nichts anderes taten, als nationale Politik zu betreiben und als nationalisierende Akteure zu agieren.


1A.d.Ü., (1898 Albert Libertad) Das Volk amüsiert sich

2Pedro Esteve, A los anarquistas de España y Cuba. Memoria de la Conferencia Anarquista Internacional celebrada en Chicago en septiembre de 1893, Paterson, veröffentlicht in El Despertar, 1900. S.78-80. http://bdh-rd.bne.es/viewer.vm?id=0000115965&page=1

3Pedro Esteve, A los anarquistas de España y Cuba. Memoria de la Conferencia Anarquista Internacional celebrada en Chicago en septiembre de 1893, Paterson, veröffentlicht in El Despertar, 1900, S.48

4Paul Avrich, “Meishka Schulmeister”. In: Anarquistas de Bialystok, 1903-1908, Barcelona-Manresa, Furia Apátrida & Edicions Anomia, 2009, S. 164.

5Obwohl es sich um einen Anhang handelt und zahlreiche Zitate enthält, die uns eine Vielzahl von transkribierten Primärdokumenten bieten, ist die Lektüre von Antonio Bar dennoch empfehlenswert, um die Positionen des spanischen Anarchosyndikalismus in diesen Jahren zu verstehen: Antonio Bar, La C.N.T. en los años rojos. Del sindicalismo Revolucionario al anarcosindicalismo (1910-1926), Madrid, Akal, 1981.

6Roberto Pittaluga, De profetas a demonios: Recepciones anarquistas de la Revolución Rusa (Argentina 1917-1924). Sociohistórica, 11-12, 2002, S. 76.

7Ebenda, S. 85.

8Als Quelle ist neben dem Bericht über seinen Aufenthalt in der UdSSR auch sein Werk Setenta días en Rusia. Lo que yo vi, eine Chronik mit Eindrücken von seinem Aufenthalt in Russland, in der seine Wandlung von anfänglichem Optimismus zu Enttäuschung über die Erfahrungen mit der russischen Revolution spürbar wird, siehe: Ángel Pestaña, Setenta días en Rusia. Lo que yo vi, Barcelona: Cosmos, 1924.

9Sicherlich spielte auch der Verlust von Mitgliedern der IWW zugunsten kommunistischer Organisationen, die der Sowjetunion wohlgesonnen waren, eine Rolle, was in diesen Jahren geschah.

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