Gefunden auf libcom, die Übersetzung ist von uns. Arya Zahedi schaut sich die Probleme an, die mit der antiimperialistischen Ideologie während der iranischen Revolution verbunden waren, um die Kämpfe gegen das islamische Regime heute zu beleuchten. Eine weitere Kritik an der Ideolgie des Antiimperialismus, oder wie es der Autor selbst sagt: „Wenn der Antiimperialismus Mitte des letzten Jahrhunderts eine gewisse Realität und Gültigkeit als Schritt in Richtung Sozialismus hatte (und ich sage das nur hypothetisch), so erfüllt er heute vor allem eine ideologische Funktion. Diese Ideologie hat sich als reaktionär erwiesen. Die Erfahrung der iranischen Revolution ist das beste historische Beispiel dafür. In unserer heutigen Situation sehen wir das in der Unterstützung, die einige Fraktionen der Linken kleinbourgeoisen Diktatoren und autoritären Regimes allein aufgrund ihrer Haltung gegenüber dem imperialistischen Westen entgegenbringen. Am deutlichsten wird dies in der Unterstützung einiger Elemente nicht nur für die Islamische Republik oder Hugo Chávez, sondern auch für Muammar al-Gaddafi! Marx hat mal gesagt, dass sich die Geschichte „zuerst als Tragödie, dann als Farce“ wiederholt. Wenn die Erfahrung der iranischen Revolution eine Tragödie ist, was sie ja auch ist, dann ist die aktuelle Unterstützung für populistische Regime unter dem Banner des Antiimperialismus eine große Farce.“
Antiimperialismus und die iranische Revolution
Die Frage des Antiimperialismus wurde in der revolutionären Linken viel diskutiert – vor allem während des größten Teils des 20. Jahrhunderts. In jüngerer Zeit ist die Frage des Imperialismus wieder aufgetaucht – im Zusammenhang mit den Kriegen im Irak und in Afghanistan, aber vor allem in Bezug darauf, wie die Linke mit einem Volkskampf in einer Nation umgehen sollte, deren Staat sich als Bastion gegen den Imperialismus, genauer gesagt gegen die Vorherrschaft der USA, sieht.
Als Studenten nach den Wahlen im Juni 2009 in iranischen Städten auf die Straße gingen, war ein Teil der Linken, vor allem in den USA, gespalten oder zumindest verwirrt darüber, wie sie zu diesem Aufstand stehen sollte. Sollte sie eine Bewegung unterstützen, die ein Regime herausfordert, das als Bastion des antiimperialistischen Widerstands gilt?
Die Linke im Iran stand bereits bei den Ereignissen rund um die Revolution von 1979 vor dieser Frage, mit schwerwiegenden Folgen. Um unsere heutige Situation besser einschätzen zu können, sollten wir vielleicht auf die iranische Revolution von 1979 zurückblicken, um die damaligen Grenzen besser zu verstehen. Diese Frage ist nicht nur für die Linke im Iran relevant, sondern auch für die Linke in den USA, sowohl in Bezug auf die Bewegung im Iran als auch auf die Aufstände, die den Nahen Osten und Nordafrika erfassen.
Der Rückblick auf die Revolution von 1979 ist aus vielen Gründen wichtig. Die Revolution wirft viele Fragen und Lehren in Bezug auf Strategie und Taktik für eine revolutionäre Linke auf, aber auch viele Fragen zur Theorie. Der hier vorgestellte Vortrag erhebt keineswegs den Anspruch, alle Gründe für die Unfähigkeit der Linken, nach der Revolution politisch Fuß zu fassen oder einen nennenswerten Widerstand gegen das neue Regime zu leisten, erschöpfend darzulegen. Tatsächlich leisteten viele Widerstand, und jede gegenteilige Behauptung ist eine große Beleidigung für das Andenken derer, die unter der Repression des Regimes ums Leben kamen, sowie derer, die in den Kerkern der Islamischen Republik schmachten mussten und weiterhin schmachten müssen. Bei der Diskussion über eine Revolution ist es schwierig, eine Analyse zu vermeiden, die impliziert: „Ich habe es euch ja gesagt“, was suggeriert, dass die Geschichte vielleicht anders verlaufen wäre, wenn man die richtige Linie verfolgt hätte. Vielleicht wäre das so gewesen, vielleicht auch nicht. Ein ebenso großer Fehler ist es aber zu denken, dass man aus der Geschichte nichts lernen kann. Das beste Verständnis gewinnt man vielleicht in der Spannung zwischen diesen beiden Polen.
In der für die Geschichte so typischen dialektischen Ironie ist eines der Ergebnisse der Ideologie der Islamischen Republik die Erschöpfung der früheren Analyse des Imperialismus. Das heißt aber nicht, dass eine Analyse den Imperialismus nicht berücksichtigen sollte oder dass man davon ausgehen sollte, dass es keinen Imperialismus mehr gibt, und es heißt auch nicht, dass es nicht zu einem Wiederaufleben der alten Sichtweise kommen könnte. Zum Beispiel könnte eine Art militärischer Angriff nationalistische Gefühle verstärken. Jeder externe Druck hilft dabei, diese Weltanschauung zu unterstützen, und bringt die herrschenden Klassen und diejenigen, die sie stürzen wollen, auf die gleiche Seite.
Dieser Artikel versucht zu diskutieren, wie in den Jahren vor der iranischen Revolution objektive und subjektive Faktoren zur Entwicklung einer Ideologie beitrugen, die eine Mischung aus Sozialismus, Nationalismus und religiösen Bildern war und grob als eine Form des Populismus der Dritten Welt beschrieben werden kann. Die These hier ist, dass der Kampf gegen den Imperialismus den politischen Diskurs in den zwei Jahrzehnten vor der Revolution so dominierte, dass er in vielerlei Hinsicht zu einem Hemmnis für den Kampf für den Sozialismus wurde. Der Kampf gegen den Imperialismus wurde in den Jahren vor der Revolution so sehr zum dominierenden Diskurs, dass die Linke, als die Revolution kam, mit neuen Problemen konfrontiert war, denen sie machtlos gegenüberstand. Damit soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass dies die ganze Geschichte ist; es war lediglich ein, wenn auch sehr wichtiger, Teil der Geschichte. Um Val Moghadam zu zitieren: „Es wurde klar, dass zwei strategische Fehler begangen worden waren: nämlich die Vernachlässigung der Frage der Demokratie und die Unterschätzung der Macht des islamischen Klerus. Es ist heute allgemein anerkannt, dass dieser blinde Fleck auf eine übermäßige Betonung des antiimperialistischen Kampfes und eine fast mechanische Anwendung des Dependenzparadigmas zurückzuführen war.“1 Das ist der Ausgangspunkt.
Eine Reihe wichtiger Faktoren kann für den Niedergang der Linken während der Revolution identifiziert werden; die extreme Repression durch das neue Regime, die fast unmittelbar nach seiner Machtübernahme einsetzte, war sicherlich einer davon. Aber Repression allein erklärt nicht viel. Und die Gründung der Islamischen Republik war keine einheitliche Angelegenheit, die über Nacht geschah, sondern ein Prozess, der sowohl die Einbindung als auch die Repression von Elementen der linken Opposition gegen die Diktatur des Schahs umfasste.
Die Ideologie des Antiimperialismus und die besondere Variante des in Iran entwickelten Populismus der Dritten Welt sind Teil dessen, was allgemein als antiimperialistisches Paradigma bezeichnet werden kann. Dieses entwickelte sich in den Jahren vor und während der iranischen Revolution zum vorherrschenden hegemonialen Diskurs. Unabhängig von ihrer Position im politischen Spektrum sahen fast alle politischen Gruppen, die sich am Kampf gegen die Diktatur beteiligten, diesen Kampf in erster Linie durch diese Brille. Unabhängig davon, wie sie den Kampf interpretierten, schufen die politischen Gruppen durch die Fokussierung auf den Antiimperialismus als primären zu lösenden Widerspruch einen vereinigenden Faktor, eine echte hegemoniale Ideologie, die alle Kräfte der Opposition unter einem Dach vereinen und eine Revolte gegen die Diktatur des Schahs auslösen konnte. So war das antiimperialistische Paradigma gleichzeitig eine große Stärke und eine Schwäche der Revolution. Wenn man das berücksichtigt, kann man den Verlauf der Revolution besser verstehen: Anstatt sie als revolutionären Vorstoß zu sehen, auf den eine Konterrevolution mit Repression folgte, als zwei aufeinanderfolgende Momente, kann man sie stattdessen als einen eher gemischten dialektischen Prozess betrachten. Mit anderen Worten: Elemente der Konterrevolution waren in der Revolution selbst enthalten.
Die Debatte über das Verständnis des Imperialismus und den Kampf gegen ihn ist nichts Neues und fand ihren klarsten klassischen Ausdruck in den Debatten zwischen Rosa Luxemburg und W. I. Lenin über die sogenannte „nationale Frage”. Diese Debatten sind immer noch aktuell, und in vielerlei Hinsicht spiegelt sich dies in der gegenwärtigen Verwirrung im Zusammenhang mit den aktuellen Kämpfen in vielen Ländern wider. Eine Rückkehr zu den klassischen theoretischen Debatten ist hier nicht unser Ziel, aber sie sollten erwähnt werden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich eine Ideologie des Antiimperialismus noch nicht entwickelt. Es ist wichtig, zwischen Antiimperialismus, also jeder Vorstellung von Imperialismus und dem Ausdruck des Kampfes dagegen, und dem, was sich zu einer Ideologie entwickelt hat, zu unterscheiden. Mit Ideologie meine ich ihre klassische negative Konzeption, ein theoretisches Verständnis, das die realen Konflikte, die unserer Welt zugrunde liegen (insbesondere den Konflikt zwischen den Klassen), verschleiert oder verdeckt. Wie jede Ideologie mystifiziert sie die Welt und verschleiert die „verborgene” Realität. Die Ideologie des Antiimperialismus, wie sie sich während des größten Teils des 20. Jahrhunderts entwickelt hat und ihren Ausdruck in dem gefunden hat, was als „Dritte-Welt-Populismus” bezeichnet wird, spielt genau diese Rolle und erfüllt diese Funktion. Die klarste Definition dieser Ideologie lässt sich vielleicht am besten mit den Worten von Asef Bayat erklären:
Mit „Dritte-Welt-Populismus“ meine ich hier einen analytischen und ideologischen Rahmen, der eine Mischung aus Nationalismus, Radikalismus, Anti-„Dependencia“, Anti-Industrialismus und in gewisser Weise auch Antikapitalismus darstellt. Diese Perspektive macht für die allgemeine „Unterentwicklung“ der Länder der Dritten Welt ausschließlich deren (ökonomische, politische und insbesondere kulturelle) Abhängigkeit von den westlichen Ländern verantwortlich. Die radikalen Intellektuellen der Dritten Welt in der Nachkriegszeit schienen an dieser ideologischen Perspektive festzuhalten, auch wenn sie sich vielleicht in Bezug auf den Grad ihrer Zustimmung zu den bestimmenden Elementen, d. h. Anti-Industrialismus, Antikapitalismus usw., voneinander unterschieden.2
Er fährt fort:
Die Implikation dieses Paradigmas für den Kampf gegen die Vorherrschaft des Zentrums ist eine Strategie der nationalen Einheit, d. h. der Einheit aller Klassen in einem bestimmten Land der Dritten Welt, einschließlich der Arbeiter, Bauern, Armen, Studenten, alten und neuen Mittelklassen und der „nationalen Bourgeoisie”. Diese Strategie impliziert, dass die „nationalen” Klassen mit unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Interessen sich zu einer nationalen Allianz gegen den Imperialismus zusammenschließen sollten. Innerhalb eines solchen Bündnisses werden jedoch die politischen und ökonomischen Interessen der untergeordneten Klassen oft zugunsten der dominierenden Klassen kompromittiert und geopfert (z. B. dürfen Arbeiter nicht gegen ihre kapitalistischen „Verbündeten” streiken, oder Intellektuelle dürfen ihre nationalen Regierungsparteien nicht kritisieren usw.). Das einflussreiche Dependenzparadigma ist mitverantwortlich für den Nationalismus und den Populismus der radikalen Intellektuellen und Anführer der Entwicklungsländer.3
Wenn der Antiimperialismus Mitte des letzten Jahrhunderts eine gewisse Realität und Gültigkeit als Schritt in Richtung Sozialismus hatte (und ich sage das nur hypothetisch), so erfüllt er heute vor allem eine ideologische Funktion. Diese Ideologie hat sich als reaktionär erwiesen. Die Erfahrung der iranischen Revolution ist das beste historische Beispiel dafür. In unserer heutigen Situation sehen wir das in der Unterstützung, die einige Fraktionen der Linken kleinbourgeoisen Diktatoren und autoritären Regimes allein aufgrund ihrer Haltung gegenüber dem imperialistischen Westen entgegenbringen.4 Am deutlichsten wird dies in der Unterstützung einiger Elemente nicht nur für die Islamische Republik oder Hugo Chávez, sondern auch für Muammar al-Gaddafi! Marx hat mal gesagt, dass sich die Geschichte „zuerst als Tragödie, dann als Farce“ wiederholt. Wenn die Erfahrung der iranischen Revolution eine Tragödie ist, was sie ja auch ist, dann ist die aktuelle Unterstützung für populistische Regime unter dem Banner des Antiimperialismus eine große Farce.
Wir machen mal eine kurze Pause, um kurz zu erklären, warum die iranische Revolution so wichtig ist, um den Dritte-Welt-Populismus und die Ideologie des Antiimperialismus im Allgemeinen zu verstehen. Die iranische Revolution ist ein Paradebeispiel, weil sie viele der großen Paradoxien der kapitalistischen Moderne widerspiegelt. Allein schon ihr Ausbruch stellte eine Herausforderung für viele Paradigmen dar, die damals über Revolutionen im Allgemeinen galten. Viele dieser Herausforderungen waren nicht das, was man sich vorgestellt oder erwartet hatte, und das ist oft immer noch so.
Fred Halliday hat in einem Vortrag im Februar 2009 die iranische Revolution als „die erste wirklich moderne Revolution” bezeichnet.5 Diese Formulierung mag zwar einige Stirnrunzeln hervorrufen, aber sie enthält ein Körnchen Wahrheit. Für viele stellten die verschiedenen Revolutionen des 20. Jahrhunderts eine Herausforderung für Marx‘ Revolutionstheorien dar. Und diejenigen, die diese Ansicht vertreten, führen oft die iranische Revolution als Beispiel an. Die meisten Revolutionen des 20. Jahrhunderts wurden nicht vom Industrieproletariat angeführt oder durchgeführt, sondern hatten ihre soziale Basis in der Bauernschaft. Ganz im Gegenteil, in der iranischen Revolution spielte die verbliebene Bauernschaft fast keine Rolle.6 Der Todesstoß für die Diktatur wurde durch den Generalstreik von 1978 gegeben, insbesondere durch die Beteiligung der Ölarbeiterinnen und Arbeiter, die das Regime in die Knie zwangen.
Das stellt uns vor ein Paradoxon. Eine Revolution, die in einer Hinsicht sehr modern ist, bringt eine Theokratie an die Macht. Es ist dieses Paradoxon, das meiner Meinung nach die Analysten verwirrt und sowohl die wahre Natur der Revolution als auch die Natur des Staates, den sie hervorgebracht hat, verschleiert. Es wirft eine viel diskutierte Frage über soziale Revolutionen auf, nämlich: Warum bringen Revolutionen autoritäre Regime hervor? Ich glaube aber, dass die Frage komplizierter ist und dass sie selbst das Bild verzerrt. Der orientalistische Schleier beeinflusst uns immer noch, wenn wir diese Revolution betrachten. Der „islamische” Charakter verschleiert weiterhin (kein Wortspiel beabsichtigt) und verdeckt den Charakter der Ereignisse. Die Ideologie, die sich entwickelte, war nicht wegen ihres besonders religiösen Charakters so mächtig, sondern wegen ihres militanten, populistischen und antiimperialistischen Charakters.7
Die Natur der Situation vor der Revolution und das Kräfteverhältnis sowie die theoretischen Imperative der oppositionellen Kräfte trugen zur Entwicklung einer Ideologie bei, die in der iranischen Revolution die Vorherrschaft erlangte. Diese Ideologie wurde von den Gründern der Islamischen Republik aufgegriffen und weitergeführt. Der Punkt ist nicht, dass die Entwicklung dieser Ideologie eine rein bewusste Entscheidung bestimmter Akteure war, sondern dass die historischen Bedingungen einerseits und die theoretischen Erklärungen dieser Situation andererseits in einer dialektischen Beziehung zusammenwirkten, um eine Ideologie hervorzubringen, die sowohl als große mobilisierende Kraft der Revolution als auch als großes Hindernis für ihre Entwicklung in eine emanzipatorischere Richtung diente.
Diese ideologische Hegemonie entstand nicht aus dem Nichts, sondern wuchs aus einer realen Situation heraus. Eine Geschichte imperialistischer Herrschaft trug zu dieser Entwicklung bei. Das dramatischste Ereignis, das das Bewusstsein der meisten Iraner beeinflusste, war der Staatsstreich von 1953 gegen den nationalistischen Premierminister Mohammad Mossadegh. Um Mossadegh entstand eine Art Mythos, der die wahre Natur dieser Zeit teilweise verschleierte. Es genügt jedoch zu sagen, dass er ein nationalistischer Liberaler war, der die parlamentarische Demokratie unterstützte. Der Kampf zu dieser Zeit drehte sich um die Verstaatlichung des Öls. Mossadegh selbst war kein großer Freund der Arbeiterklasse. Und die Spannungen zwischen ihm, den Gewerkschaften/Syndikaten und der Tudeh-Partei, die die Gewerkschaften/Syndikte dominierte, nahmen zu. Streiks wurden verboten und Gesetze gegen Gewerkschaften/Syndikate erlassen. Der Staatsstreich prägte die Vorstellung der Bevölkerung. Mossadegh wurde in mehrfacher Hinsicht zu einem Symbol. Vor allem symbolisierte Mossadegh den Sturz eines populären Anführers, der als Kämpfer für die Unabhängigkeit des Iran galt und durch die Etablierung des Schahs ersetzt wurde. Die sogenannte „Putschregierung” führte eine Welle der Repression gegen die Opposition im Allgemeinen, aber insbesondere gegen Arbeiter und vor allem gegen die Tudeh-Partei durch.
Dieses traumatische Ereignis prägte das Bewusstsein der Bevölkerung nachhaltig. Es prägte den politischen Diskurs einer ganzen Generation. Wie Hamid Dabashi schreibt: „Der 28-Mordadismus ist das zentrale traumatische Motiv der modernen iranischen Geschichtsschreibung.”8
Auf der politischen Bühne kam plötzlich nicht nur alles, was nach dem 28. Mordad passiert war, sondern auch Dinge, die davor passiert waren, zusammen, um das Phänomen des 28-Mordadismus zu begründen: ausländische Intervention, koloniale Herrschaft, imperiale Arroganz, innenpolitische Tyrannei, ein „Feind“, der immer hinter der nächsten Ecke lauerte, um uns unsere Freiheiten, die bloße Möglichkeit demokratischer Institutionen, zu rauben.9
Die drei politischen und damit ideologischen Kräfte, wenn wir der Klarheit halber abstrahieren wollen, waren Sozialismus, Nationalismus und politischer Islam; alle trugen zur Entwicklung dieser ideologischen Hegemonie bei, die ihren deutlichsten und resonantesten Ausdruck in einer iranischen Form fand, die am besten als Dritte-Welt-Populismus beschrieben werden kann. Dieser Dritte-Welt-Populismus fand wiederum seine stärkste Stimme in der von den Anhängern der Islamischen Republikanischen Partei entwickelten Form. Die militanten Geistlichen gewannen aus verschiedenen Gründen den Kampf um die Hegemonie im Laufe der Revolution. „Die traumatische Erinnerung an den Putsch von 1953 wurde in den entscheidenden Phasen der entstehenden Islamischen Republik wiederbelebt und politisch genutzt, um ihre fragilen Grundlagen zu festigen.“10
Die Weiße Revolution des Schahs, eine Reihe von Reformen, die Anfang der 1960er Jahre begonnen hatte, hatte die traditionellen sozialen Beziehungen, vor allem auf dem Land, dramatisch verändert.
Die Reformen des Schahs bereiteten in vielerlei Hinsicht den Boden für die Revolution. „Die Weiße Revolution der Pahlavi-Dynastie förderte im Wesentlichen die gleichzeitigen Ziele der primitiven Akkumulation und der eigentlichen kapitalistischen Akkumulation.“11 Die dramatischste Maßnahme war die Landreform. Tatsächlich war dies eine Form der bourgeoise Revolution von oben, die den Iran auf die kapitalistische Entwicklung vorbereiten sollte. Sie ebnete den Weg für moderne Agrarunternehmen, vor allem aus den USA, und integrierte den Iran damit weiter in den imperialistischen Kreis. Die großen Landgüter wurden aufgeteilt und unter den Bauern verteilt, die kaum oder gar keine technische Unterstützung bekamen. Dadurch wurde die Landwirtschaft vor allem zu einer „kleinbäuerlichen und petit bourgeoise“12 Produktion. Der Staat bemühte sich dann, die großflächige kapitalistische Agrarproduktion zu fördern. Viele der ehemaligen Bauern verkauften ihr Land und zogen in die Städte. Massen ehemaliger Bauern strömten in die Städte, um Arbeit in den vielen Bau- und Industrieprojekten des Staates zu suchen, während diejenigen, die blieben, als Lohnabhängige für Agrarunternehmen arbeiteten und so zu landwirtschaftlichen Proletariern wurden. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass all dies im Wesentlichen innerhalb eines Jahrzehnts geschah. Die Reihen der Arbeiterklasse wuchsen.
Auch andere Reformen hatten ihre Wirkung. Neue Bildungsinitiativen trugen, obwohl autoritär, zum Aufbau einer modernen Bürokratie bei. Die Ausweitung von Stipendien und Möglichkeiten zum Auslandsstudium trug zur Entstehung einer modernen, gebildeten Mittelklasse bei, von der viele infolgedessen politisiert wurden. Die Emanzipation der Frauen, einschließlich besserer Beschäftigungs- und Bildungsmöglichkeiten, trug ebenfalls zu dieser Modernisierung bei. Das Regime hat nicht verstanden oder unterschätzt, dass all diese Maßnahmen die materielle Grundlage für eine soziale Revolution schufen. Wie bei allen Entwicklungen im Kapitalismus waren die Ergebnisse ungleichmäßig. Mit der zunehmenden Entwicklung des Landes insgesamt vergrößerten sich auch die Klassenunterschiede. Die meisten der neuen Proletarier, die in die Städte strömten, lebten in einer Welt, die weit entfernt war von dem Bild des modernen Teheran, das der Staat in seinen Tourismusbroschüren vermittelte.
Gleichzeitig nutzte das Regime die enormen Öleinnahmen, um die Industrialisierung zu finanzieren, und eine Politik der Importsubstitution führte zu einer schnellen Expansion des verarbeitenden Gewerbes und zum Wachstum der städtischen Industriearbeiterschaft. Die staatliche Politik begünstigte die groß angelegte, kapitalintensive Industrie, während gleichzeitig die Bevorzugung der Städte und die Vernachlässigung des ländlichen Raums zur Vertreibung einer großen Zahl von Bauern führte. Sowohl „Push“- als auch „Pull“-Faktoren – sowie eine regelrechte Bevölkerungsexplosion – trugen somit zur massiven Landflucht in den 1960er und 1970er Jahren und zur Entstehung einer Gruppe verarmter Semiproletarier in den Großstädten, insbesondere in Teheran, bei.13
Die kapitalistische Entwicklung war in der Tat staatlich geprägt. Und parallel zum Aufbau dieser modernen Infrastruktur entwickelte sich auch der Apparat der Repression des Staates. Das Militär, aber vor allem der innere Sicherheitsapparat, wurden technisch immer besser und konnten immer mehr Informationen sammeln. Es entstand eine Gesellschaft, in der moderne Klassenkräfte in einem immer repressiveren Umfeld an die Macht kamen.
Am wichtigsten ist es, sich vor Augen zu halten, dass die Hauptformen der Revolution denen ähnelten, die man normalerweise mit modernen Formen des politischen Massenkampfs verbindet. Straßendemonstrationen, die zu den größten in der Geschichte zählen, Streiks und Fabrikbesetzungen waren die Hauptformen des Kampfes im Verlauf der Revolution. Die Akteure der iranischen Revolution gehörten also zu den modernen Klassen: Studenten, Arbeiterinnen und Arbeiter, Beamte, Schriftsteller/Journalisten usw. Elemente der traditionellen Gesellschaft beteiligten sich zwar, aber ihre Rolle kann auf den ersten Blick ziemlich irreführend sein. Zu diesen Elementen gehörten die Geistlichen und die Bazaaris, also die traditionelle Kaufmannsschicht. Oberflächlich betrachtet mögen sie als Überbleibsel der Vergangenheit angesehen werden, aber sie wurden schon sehr früh in das kapitalistische System integriert. Dies zeigt sich an ihren Formen des politischen Kampfes, die eine sehr moderne Form annahmen. Eine angemessene Diskussion über die Rolle des Basars im ökonomischen und politischen Leben des modernen Iran würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, muss aber dennoch angesprochen werden. Die Basarhändler ähneln dem, was man als nationale Bourgeoisie bezeichnen könnte. Wie der Klerus genießen sie historisch gesehen eine gewisse Autonomie gegenüber dem Staat und sind zu politischen Aktionen übergegangen, wenn diese Autonomie bedroht war. Aber diese Klasse ist weder ökonomisch noch politisch homogen. Dies gilt sowohl für die Zeit vor als auch nach der Revolution.14
Mit seinem Wachstum und seiner zunehmenden Stärke begann der Pahlavi-Staat, seine Kontrolle über diesen Sektor sowie über den Klerus auszuüben. Der Staat begann, dem Basar Vorschriften aufzuerlegen, wie zum Beispiel Devisenbeschränkungen. Außerdem machte er dem Basar durch den Bau moderner Einzelhandelsgeschäfte und Einkaufszentren kommerziell Konkurrenz. Wie bei allen anderen dominierenden sozialen Klassen, einschließlich Landbesitzern und Geistlichen (diese drei Gruppen überschneiden sich oft), verfolgte der Staat eine Politik der Einbindung und Dominanz. Diejenigen, die sich auf das Projekt einlassen konnten, wurden miteinbezogen und profitierten oft von dieser Beziehung, aber der Staat war immer darauf bedacht, seine Überlegenheit zu zeigen. Mitte der 1970er Jahre wurde die steigende Inflation, die vor allem auf den Zufluss von Petrodollars in die Ökonomie zurückzuführen war, dem Basar angelastet. Dies waren nur einige der Faktoren, die zur Entstehung der Opposition gegen den Basar beitrugen. Dies verstärkte die Kritik, dass der Staat „westliche” Geschäftsinteressen auf Kosten des nationalen Marktes begünstige. Die Opposition der nationalen Bourgeoisie verstärkte die antiimperialistische Dimension der Opposition nur noch.
Die Geistlichkeit hatte eine ähnlich komplizierte Beziehung zum neuen Staat. Sie ist keineswegs ein homogenes Element. Einige Geistliche profitierten von ihrer Beziehung zum Pahlavi-Staat. Zu diesen Vorteilen gehörten finanzieller und politischer Einfluss. Dies galt jedoch nicht für alle, und ein Großteil der Geistlichkeit begann, ihre schwindende Autonomie sowie den als „antinational” empfundenen Aspekt des Regimes zu verübeln.
Die oppositionellen Stimmen aus verschiedenen Teilen der iranischen Gesellschaft entwickelten zunehmend eine ähnliche „nationale” oder „volksnahe” Haltung, die für nationale Unabhängigkeit gegenüber dem „Westen” eintrat. Obwohl sich der Staat immer mehr von seiner sozialen Basis entfremdete und die Opposition immer mehr an Einheit gewann, wurde nicht immer verstanden, dass die Interessen dieser verschiedenen Kräfte nicht identisch waren. Der antiimperialistische Charakter der Opposition verschleierte diese Realität.
Als Individuum war der gemeinsame Feind Mohammed Reza Schah Pahlavi. Auf Klassenebene war der Feind die „Kompradorenbourgeoisie“, also eine Bourgeoisie, die von Kapital und Macht aus den Zentren des Weltkapitalismus abhängig war und als deren Verlängerung in den peripheren Ländern fungierte.15
Die Linke war theoretisch im Wesentlichen entwaffnet durch die Tatsache, dass sie mit einer neuen Staatsformation konfrontiert war, die sowohl antiimperialistisch als auch reaktionär war. Sie war gezwungen, zu beweisen, dass die Islamische Republik tatsächlich immer noch mit dem Imperialismus verbunden und nicht wirklich revolutionär war. Auf der anderen Seite war die Linke entweder gezwungen, das Regime voll und ganz zu unterstützen, wie im Fall der Tudeh-Partei, oder „kritische Unterstützung” bis zur sozialistischen Revolution anzubieten, wie es einige der trotzkistischen Organisationen taten. Ich will damit nicht sagen, dass es absolut keine linken Organisationen gab, die eine andere Analyse anboten, denn die gab es durchaus. Aber wichtiger ist, was den Einfluss auf die Straße hatte. Die Ideologie des Antiimperialismus war in der Tat der vorherrschende Diskurs auf der Straße, und das ist letztendlich viel bedeutender als eine korrekte Analyse durch eine kleine Anzahl linker Sekten. Die meisten linken Gruppen haben sich die Finger wund geredet und versucht (wenn sie kritisch waren), zu zeigen, dass das islamische Regime immer noch eine Marionette des Imperialismus ist; die unkritischen Unterstützer haben versucht zu beweisen, dass das Regime wegen seiner antiimperialistischen Haltung revolutionär und fortschrittlich ist. Dieses Gespenst von 1953 oder die Fahne seiner antiimperialistischen Referenzen zeigte sich am spektakulärsten bei der Besetzung der amerikanischen Botschaft im Jahr 1979. Das war ein großer Propagandaerfolg für das neue Regime.
Springen wir nun in die Gegenwart. Der jüngste Ausbruch von Widerstand seit den Wahlen im Juni 2009 ist Ausdruck vieler Entwicklungen seit der Revolution. Nach dem Ende des Krieges mit dem Irak im Jahr 1988 begann eine Phase des Wiederaufbaus. Im Mittelpunkt stand dabei eine Politik der ökonomischen Liberalisierung. Die radikal-populistische Rhetorik wurde vorübergehend zugunsten eines pragmatischeren Ansatzes zurückgenommen, der die Privatisierung als Entwicklungsstrategie bevorzugte. Dies schuf erneut eine soziale Basis, die sich später zu einer antagonistischen Kraft innerhalb der Republik entwickeln sollte. Es gab einen ökonomischen Boom, der viele Millionäre hervorbrachte, aber auch eine Generation gebildeter Jugendlicher, die erwachsen wurden und sich erneut politisierten. Dies bedeutete nicht nur, dass eine ganze Generation junger Arbeiterinnen und Arbeiter in die Industrie eintrat, deren Berufsaussichten immer unsicherer wurden, sondern auch, dass eine neue moderne und technische Arbeitskraft entstand. Während der Amtszeit des liberal-reformistischen Präsidenten Muhammad Khatami traten drei soziale Bewegungen in Erscheinung, die sich als einflussreich erwiesen haben: die Studentenbewegung, die Frauenbewegung und die Arbeiterbewegung.16
Die Phase der (sehr) relativen politischen Liberalisierung bot die Möglichkeit für eine offenere Organisierung. Die Grenzen der neuen Liberalisierung wurden getestet, und der Staat zeigte während der Studentenausschreitungen von 1999, wo er stand. Die organisierte Arbeiterschaft trat seit 2004 in Erscheinung, als streikende Kupferarbeiter in Khatoonabad von der örtlichen Gendarmerie angegriffen wurden.17 Seitdem gab es eine Reihe militanter Streikaktionen sowie Koordinierungs- und Organisationsbemühungen zwischen verschiedenen Sektoren der Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich als Klasse zusammenschlossen. Am bekanntesten war vielleicht der Kampf der städtischen Verkehrsarbeiterinnen und Arbeiter, vor allem der Busfahrer, deren Aktionen und Organisationsbemühungen auf harte Repression stießen.18 Aber auch unter den Automobilarbeitern im Iran Khodro-Werk, dem größten Automobilwerk der Region, gab es militante Aktivitäten, die bis heute andauern. Ein weiterer wichtiger Sektor sind die Lehrer an öffentlichen Schulen. Ihnen gelang es 2004, während eines Streiks wegen ausbleibender Löhne eine große Anzahl von Schulen zu schließen.19
Die Industrieproletarier machen etwa 7,520 der rund 70 Millionen Menschen im Iran aus. Darin nicht enthalten sind viele der technischen und Dienstleistungsberufe oder „Angestelltenberufe”, die einen großen Teil der iranischen Erwerbsbevölkerung ausmachen. Dies muss mit einer Arbeitslosenquote von 20 % (konservative Schätzung) berücksichtigt werden. Unter Berücksichtigung eines sich wandelnden Proletariats können wir sehen, dass es eine Kraft gibt, die viel größer ist als 10 % der Bevölkerung. Wir sind, ähnlich wie hier in den USA, mit einer jungen, hochqualifizierten und technisch versierten Belegschaft konfrontiert. Aber wenn diese Kraft die Universität verlässt und in die Reihen des Proletariats eintritt, gibt es keine Perspektiven. Es gibt mehr Arbeiterinnen und Arbeiter als Arbeitsplätze. Dies gilt nicht nur für den „Angestelltensektor”, sondern auch für Arbeiterinnen und Arbeiter, wenn auch aus anderen Gründen. Unabhängig davon erwartet einen Großteil der Bevölkerung eine prekäre Lage. Die Situation einer 19-Jährigen in Teheran ähnelt in vielerlei Hinsicht der ihrer Altersgenossin in Athen, Kairo oder Paris. Und wir sehen, wie es zu Explosionen kommt. Die so weit verbreitete Entfremdung lässt sich nicht durch emotionale Rhetorik über nationale Unabhängigkeit unterdrücken.
Eines der dramatischen Ergebnisse ist, dass das Paradigma des Antiimperialismus, vor allem das, was Dabashi als Paradigma des „28-Mordadismus“ bezeichnet, sich tatsächlich erschöpft hat. Eine ganze Generation, die während oder nach der Revolution von 1979 geboren wurde, ist in einer Islamischen Republik aufgewachsen, die Selbstversorgung, Unabhängigkeit und einen „antiwestlichen“ Diskurs aus allen Kanälen predigt. Das Thema der nationalen Unabhängigkeit, das ihre Eltern oder noch mehr ihre Großeltern beschäftigt hat, scheint ein Relikt der Vergangenheit zu sein, und seine einzige ideologische Funktion besteht heute darin, die echten Widersprüche zu verdecken, die das tägliche Leben der Menschen beeinflussen. Das gilt nicht nur für junge, gebildete Studenten und intellektuelle Arbeiterinnen und Arbeiter, sondern auch für die industrielle Arbeiterklasse, die für jede soziale Revolution wichtig ist. Die Erfahrungen, vor allem derjenigen, die während der Revolution als militante Arbeiterinnen und Arbeiter aktiv waren, haben ihnen wertvolle Lektionen erteilt. Ihre Unfähigkeit, das zu akzeptieren, was heute lächerlich ist und sich für sie gestern als tragisch erwiesen hat, untergräbt nicht nur den Populismus von Ahmadinedschad. Es ist auch ein Impfstoff gegen die Appelle der liberalen Reformkandidatinnen und -kandidaten der Opposition. Die Arbeiterklasse im Iran ist heute, vor allem seit 2004, immer aktiver und militanter geworden, und Streiks, Sitzstreiks, Demos und Besetzungen sind an der Tagesordnung.21
Aber einige militante Arbeiterinnen und Arbeiter halten immer noch einen gewissen Abstand zu den liberalen Reformern der Opposition. Liegt das daran, dass sie zum Populismus von Ahmadinedschad neigen? Ganz und gar nicht. Wie wir in vielen Kommuniqués der militanten Arbeitergewerkschaften und -syndiate vor und nach der Wahl gesehen haben, unterstützen sie keinen Kandidaten, aber gleichzeitig unterstützen sie den Kampf für Demokratie. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wenn die Arbeiterklasse sich nicht in eines der beiden Lager stürzt, dann nicht trotz ihres Klassenbewusstseins, sondern genau wegen ihres Klassenbewusstseins. Die Arbeiterklasse, vor allem die Arbeiterinnen und Arbeiter, die während der Revolution aktiv waren, hat aus der Vergangenheit gelernt. Sie hat die Tragödie der Revolution erlebt, genauso wie die Versuche der Reformisten, das Volk für sich zu gewinnen. „Die Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 markieren eine epistemische Erschöpfung des 28-Mordadismus, als das Paradigma endlich bis zum Überdruss konjugiert wurde.“22 Wie bereits zu Beginn dieses Aufsatzes erwähnt, ist es wichtig, zwischen einer Analyse des Imperialismus und dem Kampf gegen ihn einerseits und der Ideologie des Antiimperialismus andererseits zu unterscheiden, die eine besondere historische Erscheinungsform darstellt. Diese Kritik soll nicht bedeuten, dass es so etwas wie Imperialismus nicht gibt oder dass er einer vergangenen Ära des Kapitalismus angehört. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass diese Ideologie wiederbelebt werden könnte. Aber sie beeinflusst unser Verständnis des Imperialismus, genauer gesagt des globalen Kapitalismus (ein redundanter Begriff, da Kapital schon immer global war, aber es ist wichtig, seinen globalen Charakter immer wieder zu betonen), sowie des Charakters des Kampfes gegen ihn. Was ist also das Ergebnis des Todes dieser Ideologie? Die wichtigste Folge der Ablehnung der ideologischen Fesseln des Antiimperialismus ist, dass er positiv überwunden wird. Aber wie immer ist diese Überwindung nur eine Möglichkeit. Das Ende der antiimperialistischen Ideologie, in diesem Fall das „Ende des 28-Mordadismus”, bietet einen möglichen Raum, eine Öffnung, durch die ein neues Verständnis der Situation sowie ein neues Verständnis der revolutionären Subjektivität möglich wird. Die jüngsten Aufstände sind das deutlichste historische Beispiel für die potenzielle Überwindung der Binärität zwischen Ost und West, zwischen uns und unserem Anderen (unabhängig davon, ob dieses „Andere” die islamische Welt, der Iran oder Kuba ist oder ob es der „Westen” ist, wie auch immer wir diesen Begriff interpretieren mögen). Es ist dieser negative Raum, durch den ein neues Positives geschaffen werden kann, das jedoch nicht abgeschlossen ist, sondern sich immer in einem Prozess der Entstehung und Schöpfung befindet. In diesem Raum bieten uns neue Konzepte revolutionärer Subjektivität etwas Neues, durch das ein neues Universelles geschaffen werden kann – eines, das das Produkt des kollektiven menschlichen Kampfes ist, die Antithese zum Universalismus der kapitalistischen Moderne. „Das Ende des 28-Mordadismus bedeutet natürlich nicht das Ende imperialistischer Eingriffe in das historische Schicksal der Nationen. Es bedeutet einfach, dass es jetzt ein neues, gleichberechtigtes Spielfeld gibt, auf dem man in postkolonialen Begriffen denken und handeln kann.“23
Die iranische Revolution und die antiimperialistische Ideologie, die mit ihrem Aufstieg und Niedergang einherging, waren aus der Perspektive der proletarischen Revolution in der Tat eine Tragödie; eine solche Ideologie heute zu vertreten, ist in der Tat lächerlich. Sie ist nicht mehr revolutionär, wie wir zu zeigen versucht haben (und es ist zweifelhaft, ob sie es jemals war); heute dient sie nur noch der Reaktion. Sie bewirkt nichts anderes, als Arbeiterinnen und Arbeiter, Studenten und Frauenorganisationen in eine illusorische Harmonie mit denen zu bringen, die ihre Unterdrückung und Ausbeutung aufrechterhalten. Wenn diese ideologische Position einst ein emanzipatorisches Potenzial hatte, so ist sie heute nichts weniger als utopisch und reaktionär.
1Val Moghadam, „Socialism or Anti-imperialism? The Left and Revolution in Iran” New Left Review (1987)
2Assef Bayat, „Shariati and Marx: A Critique of an ‚Islamic’ Critique of Marxism” Alif. Ausgabe 10 , S. 16 (1990)
3Ebenda, S. 17
4Der deutlichste Ausdruck dieser Farce war kürzlich, als Präsident Ahmadinedschad nach New York kam, um an einer Sitzung der Vereinten Nationen teilzunehmen, und sich dort mit einer Reihe von „Linken“ traf, damit diese ihre Solidarität bekunden konnten. Siehe „US-Progressives Meet with Ahmadinejad” (US-Progressiven treffen sich mit Ahmadinedschad). http://www.fightbacknews.org/2010/9/23/us-progressives-meet-iranian-president-mahmoud-ahmadinejad. Seitdem gab es weitere Beispiele für diese Farce, wie zum Beispiel ihre Unterstützung für das Gaddafi-Regime.
5Siehe „The Islamic Republic of Iran After 30 Years” (Die Islamische Republik Iran nach 30 Jahren), ein Vortrag an der London School of Economics, 23. Februar 2009.
6Die große Ausnahme bildete die Landbesetzung und die Bildung eines Bauernrats in der Region Turkoman Sahra, der während der Gründung der Islamischen Republik schnell wieder aufgelöst wurde. Dies war in der Tat einer der ersten wichtigen Konflikte zwischen der Linken und dem neuen Regime sowie innerhalb der Linken selbst. Siehe Maziar Behrooz, Rebels With a Cause: The Failure of the Left in Iran. I.B. Tauris, 2000. S. 109
7Die beste Analyse der ideologischen Dimension der Islamischen Republik findest du bei Ervand Abrahamian, Khomeinism: Essays on the Islamic Republic.
8Hamid Dabashi, Iran, the Green Movement and the USA: The Fox and the Paradox, S. 92
9Ebenda, S. 93
10Ebenda, S. 94
11Moghadam, S. 10
12Ebenda, S. 11
13Ebenda, S. 11
14„Wenn die Fließbandarbeit oder die Kohlemine der historisch ideale Ort für die Förderung des proletarischen Klassenbewusstseins ist – wo die Arbeiter dicht gedrängt sind, ständig miteinander reden und durch materielle Notwendigkeit gezwungen sind, ein enges Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln –, dann ist der Basar das Äquivalent für die Kleinbourgeoisie… Aber der Basar geht über die Grenzen dieser Klassenkategorie hinaus.“ Shora Esmailian und Andreas Malm, Iran on the Brink: Rising Arbeiterinnen und Arbeiter & Threats of War. 2007, Pluto Press. S. 28
15Ebenda, S. 26
16Man sollte erwähnen, dass sich diese drei Bewegungen überschneiden und nicht so einfach voneinander getrennt werden können, vor allem in der Zeit nach den Wahlen im Juni 2009.
17Iran in the Brink, S. 71
18Ihr Gewerkschafts-Anführer Mansoor Ossanlou sitzt gerade im Evin-Gefängnis.
19Ein Drittel aller Lehrer hat am Streik teilgenommen. Siehe Esmailian, Malm, S. 74-77. Die Aktionen bei Iran Khodro begannen ebenfalls 2004 und dauern bis heute an. Dieses Werk wird als „Detroit des Nahen Ostens” bezeichnet, und seine Arbeiterinnen und Arbeiter sind für ihre Militanz und ihr Klassenbewusstsein bekannt, was jedoch durch Taktiken wie befristete Verträge und Entlassungsdrohungen sowie durch offene Repressionen konterkariert wird. Während der Proteste im Juni 2009 haben die Arbeiterinnen und Arbeiter aus Protest gegen die Repression und aus Solidarität mit der Volksbewegung eine Arbeitsverlangsamung organisiert. http://narcosphere.narconews.com/thefield/iran-khodro-auto-workers-begin-work-slowdown-protest-regime
20International Labour Organization. Statistik aus dem Jahr 2008 http://amar.sci.org.ir/Detail.aspx?Ln=E&no=98515&S=TP
21Für den umfassendsten Bericht über die Aktivitäten der Arbeiterinnen und Arbeiter im Iran unter der Islamischen Republik, vor allem seit dem Wiederaufbau nach dem Krieg, siehe Shora Esmailian und Andreas Malm, Iran on the Brink: Rising Workers & Threats of War. 2007, Pluto Press. Seit der Veröffentlichung ist viel passiert, wie die Wahlen im Juni 2009, aber das macht das Buch nicht weniger zu einer guten Quelle für Infos über die Arbeiterbewegung.
22Dabashi., S. 94
23Ebenda, S. 98