(Bakunin) Rousseaus Staatstheorie

Gefunden auf marxists.org, die Übersetzung ist von uns.


(Bakunin) Rousseaus Staatstheorie

Geschrieben: ~1870

Quelle: Bakunin on Anarchism, herausgegeben von Sam Dolgoff. New York: A. A. Knopf, 1972.

…Wir haben gesagt, dass der Mensch nicht nur das individualistischste Wesen auf Erden ist – er ist auch das sozialste. Es war ein großer Fehler von Jean Jacques Rousseau zu denken, dass die primitive Gesellschaft durch eine freie Vereinbarung zwischen Wilden entstanden sei. Aber Jean Jacques ist nicht der Einzige, der dies gesagt hat. Die meisten Juristen und modernen Publizisten, egal ob sie der Schule Kants oder einer anderen individualistischen und liberalen Schule angehören, die weder die Idee einer auf dem göttlichen Recht der Theologen basierenden Gesellschaft noch die Idee einer von der Hegelschen Schule als mehr oder weniger mystische Verwirklichung der objektiven Moral bestimmten Gesellschaft noch das Konzept der Naturalisten von einer primitiven Tiergesellschaft akzeptieren, akzeptieren alle, nolens volens und mangels einer anderen Grundlage, die stillschweigende Vereinbarung oder den Vertrag als ihren Ausgangspunkt.

Nach der Theorie des Gesellschaftsvertrags sind primitive Menschen, die nur in Isolation absolute Freiheit genießen, von Natur aus unsozial. Wenn sie gezwungen sind, sich zu assoziieren, zerstören sie gegenseitig ihre Freiheit. Wenn dieser Kampf ungebremst bleibt, kann er zur gegenseitigen Auslöschung führen. Um sich nicht gegenseitig vollständig zu vernichten, schließen sie einen formellen oder stillschweigenden Vertrag, durch den sie einen Teil ihrer Freiheit aufgeben, um den Rest zu sichern. Dieser Vertrag wird zur Grundlage der Gesellschaft oder vielmehr des Staates, denn wir müssen darauf hinweisen, dass in dieser Theorie kein Platz für die Gesellschaft ist; es gibt nur den Staat, oder besser gesagt, die Gesellschaft wird vollständig vom Staat absorbiert.

Die Gesellschaft ist die natürliche Existenzform der menschlichen Gemeinschaft, unabhängig von jeglichem Vertrag. Sie regelt sich selbst durch Sitten oder traditionelle Gewohnheiten, aber niemals durch Gesetze. Sie entwickelt sich langsam, unter dem Einfluss individueller Initiativen und nicht durch das Denken oder den Willen des Gesetzgebers. Es gibt eine ganze Reihe von Gesetzen, die sie regeln, ohne dass sie sich dessen bewusst ist, aber das sind Naturgesetze, die dem sozialen Körper innewohnen, so wie physikalische Gesetze den materiellen Körpern innewohnen. Die meisten dieser Gesetze sind bis heute unbekannt, dennoch regieren sie die menschliche Gesellschaft seit ihrer Entstehung, unabhängig vom Denken und Willen der Menschen, aus denen sie besteht. Sie dürfen daher nicht mit den politischen und juristischen Gesetzen verwechselt werden, die von einer gesetzgebenden Gewalt verkündet werden und die als logische Folge des ersten, von Menschen bewusst geschlossenen Vertrags gelten.

Der Staat ist keineswegs ein unmittelbares Produkt der Natur. Im Gegensatz zur Gesellschaft geht er nicht dem Erwachen der Vernunft in den Menschen voraus. Die Liberalen sagen, dass der erste Staat durch den freien und rationalen Willen der Menschen geschaffen wurde; die Menschen der Rechten betrachten ihn als Werk Gottes. In beiden Fällen dominiert er die Gesellschaft und neigt dazu, sie vollständig zu absorbieren.

Man könnte entgegnen, dass der Staat, der das öffentliche Wohl oder das gemeinsame Interesse aller vertritt, einen Teil der Freiheit jedes Einzelnen nur einschränkt, um ihm den Rest zu sichern. Aber dieser Rest kann eine Form der Sicherheit sein; er ist niemals Freiheit. Freiheit ist unteilbar; man kann nicht einen Teil davon einschränken, ohne sie vollständig zu zerstören. Dieser kleine Teil, den du einschränkst, ist das Wesen meiner Freiheit; er ist meine gesamte Freiheit. Durch eine natürliche, notwendige und unwiderstehliche Bewegung konzentriert sich meine gesamte Freiheit genau auf den Teil, so klein er auch sein mag, den du einschränkst. Es ist die Geschichte von Blaubarts Frau, die einen ganzen Palast zur Verfügung hatte, mit der vollen und uneingeschränkten Freiheit, überall hineinzugehen, alles zu sehen und anzufassen, außer einer schrecklichen kleinen Kammer, die ihr der souveräne Wille ihres furchtbaren Mannes unter Androhung der Todesstrafe verboten hatte zu öffnen. Nun, sie wandte sich von all dem Prunk des Palastes ab, und ihr ganzes Wesen konzentrierte sich auf die schreckliche kleine Kammer. Sie öffnete diese verbotene Tür, aus gutem Grund, denn ihre Freiheit hing davon ab, während das Betretungsverbot genau diese Freiheit eklatant verletzte. Es ist auch die Geschichte vom Sündenfall Adams und Evas. Das Verbot, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, aus keinem anderen Grund als dem, dass es der Wille des Herrn war, war ein Akt grausamer Willkür seitens des guten Herrn. Hätten unsere ersten Eltern sich daran gehalten, wäre die ganze Menschheit in der demütigendsten Sklaverei gefangen geblieben. Ihr Ungehorsam hat uns befreit und gerettet. In der Sprache der Mythologie war dies der erste Akt menschlicher Freiheit.

Aber, könnte man sagen, könnte der Staat, der demokratische Staat, der auf dem freien Wahlrecht aller seiner Staatsbürger basiert, die Negation ihrer Freiheit sein? Und warum nicht? Das würde ganz von der Mission und der Macht abhängen, die die Staatsbürger dem Staat übertragen haben. Ein republikanischer Staat, der auf dem allgemeinen Wahlrecht basiert, könnte sehr despotisch sein, sogar despotischer als der monarchische Staat, wenn er unter dem Vorwand, den Willen aller zu vertreten, das Gewicht seiner kollektiven Macht auf den Willen und die Bewegungsfreiheit jedes einzelnen seiner Mitglieder ausüben würde.

Nehmen wir aber mal an, man würde sagen, dass der Staat die Freiheit seiner Mitglieder nur dann einschränkt, wenn sie zu Ungerechtigkeit oder Bösem neigen. Er verhindert, dass seine Mitglieder sich gegenseitig umbringen, ausrauben, beleidigen und generell verletzen, während er ihnen die volle Freiheit lässt, Gutes zu tun. Das bringt uns zurück zur Geschichte von Blaubarts Frau oder zur Geschichte von der verbotenen Frucht: Was ist gut? Was ist böse?

Aus dem Blickwinkel des Systems, das wir gerade anschauen, gab es vor dem Abschluss des Vertrags keine Unterscheidung zwischen Gut und Böse, als jedes Individuum noch tief in der Isolation seiner Freiheit oder seiner absoluten Rechte lebte und keine Rücksicht auf seine Mitmenschen nahm, außer denen, die ihm seine relative Schwäche oder Stärke vorschrieb, also seine eigene Vorsicht und sein Eigeninteresse. Zu dieser Zeit war, immer noch nach derselben Theorie, Egoismus das oberste Gesetz, das einzige Recht. Das Gute wurde durch Erfolg bestimmt, Misserfolg war das einzige Böse, und Gerechtigkeit war lediglich die Weihe des vollendeten Faktums, egal wie schrecklich, grausam oder schändlich es auch sein mochte, genau wie es heute in der politischen Moral der Fall ist, die in Europa vorherrscht.

Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse fängt nach diesem System erst mit dem Abschluss des Gesellschaftsvertrags an. Danach wurde das, was als gemeinsames Interesse anerkannt wurde, als gut erklärt, und alles, was dem widersprach, als böse. Die Vertragspartner, die zu Staatsbürgern wurden und durch eine mehr oder weniger feierliche Verpflichtung gebunden waren, übernahmen damit eine Verpflichtung: ihre privaten Interessen dem Gemeinwohl unterzuordnen, einem Interesse, das untrennbar mit allen anderen verbunden war. Ihre eigenen Rechte wurden vom öffentlichen Recht getrennt, dessen einziger Vertreter, der Staat, damit die Macht bekam, alle illegalen Revolten der Individuen zu unterdrücken, aber auch die Pflicht, jedes seiner Mitglieder bei der Ausübung seiner Rechte zu schützen, sofern diese nicht dem gemeinsamen Recht widersprachen.

Wir wollen nun untersuchen, wie der so konstituierte Staat im Verhältnis zu anderen Staaten, seinen Gleichgestellten, sowie im Verhältnis zu seinen eigenen Untertanen sein sollte. Diese Untersuchung erscheint uns umso interessanter und nützlicher, als der Staat, wie er hier definiert ist, genau der moderne Staat ist, insofern er sich von der religiösen Idee gelöst hat – der säkulare oder atheistische Staat, wie er von modernen Publizisten verkündet wird. Schauen wir also: Worin besteht seine Moral? Es ist der moderne Staat, wie wir gesagt haben, in dem Moment, in dem er sich vom Joch der Kirche befreit hat und damit auch das Joch der universellen oder kosmopolitischen Moral der christlichen Religion abgeschüttelt hat; in dem Moment, in dem er noch nicht von der humanitären Moral oder Idee durchdrungen ist, die er übrigens niemals umsetzen könnte, ohne sich selbst zu zerstören; denn in seiner getrennten Existenz und isolierten Konzentration wäre er zu eng, um die Interessen und damit die Moral der gesamten Menschheit zu umfassen und zu enthalten.

Moderne Staaten haben genau diesen Punkt erreicht. Das Christentum dient ihnen nur als Vorwand oder Phrase oder als Mittel, um die untätige Masse zu täuschen, denn sie verfolgen Ziele, die nichts mit religiösen Gefühlen zu tun haben. Die großen Staatsmänner unserer Zeit, die Palmerstons, die Muravievs, die Cavours, die Bismarcks, die Napoleons, haben herzlich gelacht, wenn die Leute ihre religiösen Äußerungen ernst nahmen. Sie lachten noch mehr, wenn man ihnen humanitäre Gefühle, Überlegungen und Absichten unterstellte, aber sie haben nie den Fehler gemacht, diese Ideen in der Öffentlichkeit als Unsinn abzutun. Was bleibt dann noch übrig, um ihre Moral zu begründen? Das Interesse des Staates und sonst nichts. Aus dieser Sicht, die übrigens mit wenigen Ausnahmen die Sicht der Staatsmänner, der starken Männer aller Zeiten und aller Länder war, sage ich: Was auch immer der Erhaltung, der Größe und der Macht des Staates dient, egal wie sakrilegisch oder moralisch abstoßend es auch erscheinen mag, das ist das Gute. Und umgekehrt ist alles, was den Interessen des Staates entgegensteht, egal wie heilig oder gerecht es sonst sein mag, das Böse. So sieht die weltliche Moral und Praxis jedes Staates aus.

Das Gleiche gilt für den Staat, der auf der Theorie des Gesellschaftsvertrags basiert. Nach diesem Prinzip beginnen das Gute und das Gerechte erst mit dem Vertrag; sie sind in Wirklichkeit nichts anderes als der Inhalt und der Zweck des Vertrags, d. h. das gemeinsame Interesse und das öffentliche Recht aller Individuen, die den Vertrag untereinander geschlossen haben, unter Ausschluss aller, die außerhalb des Vertrags bleiben. Es ist also nichts anderes als die größte Befriedigung des kollektiven Egoismus einer besonderen und begrenzten Assoziation, die, da sie auf dem teilweisen Opfer des individuellen Egoismus jedes ihrer Individuen beruht, die überwiegende Mehrheit der menschlichen Spezies, unabhängig davon, ob sie in einer analogen Organisation organisiert ist oder nicht, als Fremde und natürliche Feinde aus ihrer Mitte verstoßen.

Die Existenz eines souveränen, exkludierenden Staates setzt zwangsläufig die Existenz anderer solcher Staaten voraus und provoziert, falls nötig, deren Bildung, da es ganz natürlich ist, dass sich Individuen, die sich außerhalb dieses Staates befinden und in ihrer Existenz und Freiheit von ihm bedroht sind, ihrerseits gegen ihn assoziieren. So haben wir eine Menschheit, die in eine unbestimmte Anzahl fremder Staaten aufgeteilt ist, die alle feindlich gesinnt sind und sich gegenseitig bedrohen. Es gibt kein gemeinsames Recht, keinen Gesellschaftsvertrag zwischen ihnen; sonst würden sie aufhören, unabhängige Staaten zu sein, und zu Mitgliedern eines großen Staatenbundes werden. Aber wenn dieser große Staat nicht die ganze Menschheit umfassen würde, stünde er anderen großen Staaten gegenüber, die jeweils innerhalb eines Bundes organisiert sind und die gleiche Haltung unvermeidlicher Feindseligkeit einnehmen. Der Krieg würde weiterhin das oberste Gesetz bleiben, eine unvermeidliche Bedingung für das Überleben der Menschheit.

Jeder Staat, ob föderalistisch oder nicht, würde daher danach streben, der mächtigste zu werden. Er muss verschlingen, um nicht verschlungen zu werden, erobern, um nicht erobert zu werden, unterwerfen, um nicht versklavt zu werden, da zwei Mächte, die sich ähnlich und doch fremd sind, nicht ohne gegenseitige Zerstörung koexistieren könnten.

Der Staat ist daher die eklatanteste, zynischste und vollständigste Negation der Menschlichkeit. Er zerstört die universelle Solidarität aller Menschen auf der Erde und bringt einige von ihnen nur zu dem Zweck zusammen (A.d.Ü., im Form einer Assoziation), um alle anderen zu vernichten, zu erobern und zu versklaven. Er schützt nur seine eigenen Staatsbürger; er erkennt Menschenrechte, Menschlichkeit und Zivilisation nur innerhalb seiner eigenen Grenzen an. Da er keine Rechte außerhalb seiner selbst anerkennt, maßt er sich logischerweise das Recht an, gegenüber allen fremden Bevölkerungsgruppen, die er nach Belieben ausplündern, ausrotten oder versklaven kann, die grausamste Unmenschlichkeit auszuüben. Wenn es sich ihnen gegenüber großzügig und menschlich zeigt, dann niemals aus Pflichtgefühl, denn es hat keine Pflichten außer gegenüber sich selbst und gegenüber seinen Mitgliedern, die es freiwillig gegründet haben, die es freiwillig weiterführen oder sogar, wie es auf lange Sicht immer der Fall ist, gegenüber denen, die seine Untertanen geworden sind. Da es kein Völkerrecht gibt und es auch nie in sinnvoller und realistischer Weise existieren könnte, ohne das Prinzip der absoluten Souveränität des Staates in seinen Grundfesten zu untergraben, kann der Staat gegenüber ausländischen Bevölkerungsgruppen keine Pflichten haben. Wenn er also ein erobertes Volk human behandelt, wenn er es nur halbwegs ausplündert oder ausrottet, wenn er es nicht auf den niedrigsten Grad der Sklaverei reduziert, dann mag dies ein politischer Akt sein, der von Klugheit oder sogar von reiner Großzügigkeit inspiriert ist, aber er geschieht niemals aus Pflichtgefühl, denn der Staat hat das absolute Recht, über ein erobertes Volk nach Belieben zu verfügen.

Diese eklatante Negation der Menschlichkeit, die das Wesen des Staates ausmacht, ist aus der Sicht des Staates seine höchste Pflicht und seine größte Tugend. Sie trägt den Namen Patriotismus und bildet die gesamte transzendente Moral des Staates. Wir nennen sie transzendente Moral, weil sie in der Regel über das Niveau der menschlichen Moral und Gerechtigkeit, sei es der Gemeinschaft oder des Individuums, hinausgeht und sich aus diesem Grund oft im Widerspruch zu diesen befindet. So wird es normalerweise als Verbrechen angesehen, seinen Mitmenschen zu beleidigen, zu unterdrücken, zu berauben, zu plündern, zu ermorden oder zu versklaven. Im öffentlichen Leben hingegen wird dies aus patriotischer Sicht, wenn es zum größeren Ruhm des Staates, zur Erhaltung oder Ausweitung seiner Macht geschieht, zu einer Pflicht und Tugend. Und diese Tugend, diese Pflicht, sind für jeden patriotischen Staatsbürger obligatorisch; jeder soll sie nicht nur gegenüber Ausländern, sondern auch gegenüber seinen eigenen Mitbürgern, Mitgliedern oder Untertanen des Staates wie er selbst ausüben, wann immer das Wohl des Staates dies erfordert.

Das erklärt, warum die Welt der Politik seit der Entstehung des Staates immer ein Schauplatz für grenzenlose Schurkerei und Banditentum war und immer noch ist, wobei Schurkerei und Banditentum übrigens hoch geschätzt werden, da sie durch Patriotismus, durch die transzendente Moral und das höchste Interesse des Staates geheiligt sind. Das erklärt, warum die gesamte Geschichte der alten und modernen Staaten lediglich eine Abfolge von abscheulichen Verbrechen ist; warum Könige und Minister, früher und heute, aller Zeiten und aller Länder – Staatsmänner, Diplomaten, Bürokraten und Krieger –, wenn man sie vom Standpunkt der einfachen Moral und der menschlichen Gerechtigkeit beurteilt, hundert-, tausendfach ihre Strafe in Form von Zwangsarbeit oder Galgen verdient hätten. Es gibt kein Grauen, keine Grausamkeit, kein Sakrileg oder Meineid, keine Täuschung, keine schändliche Transaktion, keinen zynischen Raub, keine dreiste Plünderung oder schäbige Verrat, die nicht von den Vertretern der Staaten begangen worden sind oder täglich begangen werden, unter keinem anderen Vorwand als diesen dehnbaren Worten, die so bequem und doch so schrecklich sind: „aus Gründen der Staatsräson“.

Das sind echt schlimme Worte, denn sie haben in den offiziellen Reihen und in den herrschenden Klassen der Gesellschaft mehr Leute verdorben und entehrt als das Christentum selbst. Kaum sind diese Worte ausgesprochen, wird alles still und hört auf; Ehrlichkeit, Ehre, Gerechtigkeit, Recht, Mitgefühl selbst hören auf, und mit ihnen auch Logik und gesunder Menschenverstand. Schwarz wird zu Weiß und Weiß zu Schwarz. Die niedrigsten menschlichen Handlungen, die abscheulichsten Verbrechen, die grausamsten Verbrechen werden zu verdienstvollen Taten.

Der große italienische politische Philosoph Machiavelli war der Erste, der diese Worte verwendete, oder zumindest der Erste, der ihnen ihre wahre Bedeutung und die immense Popularität verlieh, die sie auch heute noch unter unseren Herrschern genießen. Als realistischer und positiver Denker, wie es ihn kaum einen zweiten gab, war er der Erste, der erkannte, dass große und mächtige Staaten allein durch Verbrechen gegründet und aufrechterhalten werden können – durch viele große Verbrechen und durch eine radikale Verachtung für alles, was unter dem Namen Ehrlichkeit läuft. Er hat diese Tatsachen mit erschreckender Offenheit geschrieben, erklärt und bewiesen. Und da der Gedanke der Menschlichkeit zu seiner Zeit völlig unbekannt war, da der Gedanke der Brüderlichkeit – nicht menschlicher, sondern religiöser Art –, wie er von der katholischen Kirche gepredigt wurde, zu dieser Zeit, wie schon immer, nichts als eine schockierende Ironie war, die durch die eigenen Aktionen der Kirche bei jedem Schritt widerlegt wurde; da zu seiner Zeit niemand auch nur ahnen konnte, dass es so etwas wie das Recht des Volkes gab, da das Volk immer als träge und unfähige Masse betrachtet worden war, als Fleisch des Staates, das nach Belieben geformt und ausgebeutet werden konnte und zu ewigem Gehorsam verpflichtet war; da es zu seiner Zeit in Italien oder anderswo absolut nichts außer dem Staat gab – Machiavelli schlussfolgerte aus diesen Tatsachen mit viel Logik, dass der Staat das höchste Ziel aller menschlichen Existenz sei, dass man ihm um jeden Preis dienen müsse und dass, da das Interesse des Staates über allem anderen stehe, ein guter Patriot vor keinem Verbrechen zurückschrecken dürfe, um ihm zu dienen. Er befürwortet Verbrechen, er fordert zu Verbrechen auf und macht sie zur unabdingbaren Voraussetzung für politische Intelligenz und wahren Patriotismus. Ob der Staat nun Monarchie oder Republik heißt, Verbrechen werden immer nötig sein, um ihn zu erhalten und zum Erfolg zu bringen. Der Staat wird sicher seine Richtung und sein Ziel ändern, aber sein Wesen bleibt dasselbe: immer die energische, dauerhafte Verletzung von Gerechtigkeit, Mitgefühl und Ehrlichkeit zum Wohle des Staates.

Ja, Machiavelli hat Recht. Nach dreieinhalb Jahrhunderten Erfahrung, die zu seiner eigenen Erfahrung hinzukommen, können wir daran nicht mehr zweifeln. Ja, das lehrt uns die gesamte Geschichte: Während die kleinen Staaten nur aufgrund ihrer Schwäche tugendhaft sind, erhalten sich die mächtigen Staaten allein durch Verbrechen. Aber unsere Schlussfolgerung wird aus einem ganz einfachen Grund eine ganz andere sein als seine. Wir sind die Kinder der Revolution, und von ihr haben wir die Religion der Menschlichkeit geerbt, die wir auf den Trümmern der Religion der Göttlichkeit errichten müssen. Wir glauben an die Rechte des Menschen, an die Würde und die notwendige Emanzipation der menschlichen Spezies. Wir glauben an die Freiheit und Brüderlichkeit der Menschen, gegründet auf Gerechtigkeit. Mit einem Wort, wir glauben an den Triumph der Menschlichkeit auf Erden. Aber dieser Triumph, den wir mit all unserer Sehnsucht herbeisehnen, den wir mit all unseren vereinten Kräften beschleunigen wollen – da er seinem Wesen nach die Negation des Verbrechens ist, das seinerseits die Negation der Menschheit ist –, dieser Triumph kann nicht erreicht werden, solange das Verbrechen nicht aufhört, das zu sein, was es heute mehr oder weniger überall ist, nämlich die eigentliche Grundlage der politischen Existenz der Nationen, die von den Ideen des Staates absorbiert und beherrscht werden. Und da es jetzt bewiesen ist, dass kein Staat existieren kann, ohne Verbrechen zu begehen oder zumindest zu erwägen und zu planen, selbst wenn seine Ohnmacht ihn daran hindert, Verbrechen zu begehen, kommen wir heute zu dem Schluss, dass es absolut notwendig ist, die Staaten zu zerstören. Oder, wenn es so entschieden wird, ihre radikale und vollständige Umgestaltung, damit sie aufhören, von oben nach unten zentralisierte und organisierte Mächte zu sein, durch Gewalt oder durch die Autorität eines bestimmten Prinzips, und damit sie anerkennen – mit absoluter Freiheit für alle Parteien, sich zu vereinen oder nicht zu vereinen, und mit der Freiheit für jede dieser Parteien, eine Vereinigung jederzeit zu verlassen, selbst wenn sie freiwillig eingegangen wurde –, von unten nach oben, gemäß den tatsächlichen Bedürfnissen und den natürlichen Tendenzen der Parteien, durch die freie Föderation von Individuen, Assoziationen, Gemeinden, Bezirken, Provinzen und Nationen innerhalb der Menschheit.

Zu diesen Schlussfolgerungen führt uns zwangsläufig die Untersuchung der Außenbeziehungen, die die sogenannten freien Staaten zu anderen Staaten unterhalten. Betrachten wir nun die Beziehungen, die der Staat unterhält, der auf dem freien Vertrag zwischen seinen eigenen Staatsbürgern oder Untertanen beruht.

Wir haben bereits beobachtet, dass der Staat, indem er die überwiegende Mehrheit der Menschheit aus seiner Mitte ausschließt und diese Mehrheit außerhalb der gegenseitigen Verpflichtungen und Pflichten der Moral, der Gerechtigkeit und des Rechts hält, die Menschlichkeit leugnet und unter dem klangvollen Wort Patriotismus allen seinen Untertanen Ungerechtigkeit und Grausamkeit als höchste Pflicht auferlegt. Er schränkt sie ein, verstümmelt sie, tötet die Menschlichkeit in ihnen, damit sie, indem sie aufhören, Menschen zu sein, ausschließlich Staatsbürger sein können – oder besser gesagt, und genauer gesagt, damit sie durch die historische Verbindung und Abfolge von Tatsachen niemals über den Staatsbürger hinaus zur Höhe des Menschseins aufsteigen können.

Wir haben auch gesehen, dass jeder Staat unter Androhung der Zerstörung und aus Angst, von seinen Nachbarstaaten verschlungen zu werden, nach Allmacht streben muss und, sobald er mächtig geworden ist, erobern muss. Wer von Eroberung spricht, spricht von Völkern, die erobert, unterworfen und in irgendeiner Form oder Bezeichnung versklavt wurden. Die Sklaverei ist also die notwendige Folge der bloßen Existenz des Staates.

Die Sklaverei mag ihre Form oder ihren Namen ändern – ihre Essenz bleibt dieselbe. Ihre Essenz lässt sich mit folgenden Worten ausdrücken: Sklave zu sein bedeutet, gezwungen zu sein, für jemand anderen zu arbeiten, genauso wie Herr zu sein bedeutet, von der Arbeit eines anderen zu leben. In der Antike, ebenso wie heute in Asien und Afrika und sogar in einem Teil Amerikas, wurden Sklaven ehrlicherweise als Sklaven bezeichnet. Im Mittelalter wurden sie Leibeigene genannt, heute nennt man sie Lohnabhängige. Die Stellung dieser letzten Gruppe ist mit viel mehr Würde verbunden und weniger hart als die der Sklaven, aber sie sind dennoch durch Hunger sowie durch politische und soziale Institutionen gezwungen, durch ihre eigene extrem harte Arbeit andere Menschen in völliger oder relativer Untätigkeit zu halten. Folglich sind sie Sklaven. Und im Allgemeinen hat es kein Staat, ob alt oder modern, jemals geschafft oder wird es jemals schaffen, ohne die Zwangsarbeit der Massen, seien es Lohnabhängige oder Sklaven, als wichtigste und absolut notwendige Grundlage für die Muße, die Freiheit und die Zivilisation der politischen Klasse, der Staatsbürger, auszukommen. In diesem Punkt können selbst die Vereinigten Staaten von Nordamerika bislang keine Ausnahme bilden.

Das sind die inneren Bedingungen, die sich zwangsläufig aus der objektiven Haltung des Staates ergeben, d. h. aus seiner natürlichen, dauerhaften und unvermeidlichen Feindseligkeit gegenüber allen anderen Staaten. Schauen wir uns nun die Bedingungen an, die sich für die Staatsbürger des Staates direkt aus dem freien Vertrag ergeben, durch den sie sich angeblich zu einem Staat konstituiert haben.

Der Staat hat nicht nur die Aufgabe, die Sicherheit seiner Mitglieder gegen Angriffe von außen zu garantieren, sondern er muss sie auch innerhalb seiner eigenen Grenzen verteidigen, einige von ihnen gegen die anderen und jeden von ihnen gegen sich selbst. Denn der Staat – und das ist sein tiefstes Charakteristikum, das jedes Staates wie jeder Theologie – setzt voraus, dass der Mensch im Wesentlichen böse und schlecht ist. In dem Staat, den wir gerade anschauen, fängt das Gute, wie wir gesehen haben, erst mit dem Abschluss des Gesellschaftsvertrags an und ist daher nur das Ergebnis und der Inhalt dieses Vertrags. Das Gute ist nicht das Ergebnis der Freiheit. Im Gegenteil, solange Menschen in ihrer absoluten Individualität isoliert bleiben und ihre volle natürliche Freiheit genießen, der sie keine anderen Grenzen als die der Tatsachen, nicht aber die des Gesetzes anerkennen, folgen sie nur einem einzigen Gesetz, nämlich dem ihres natürlichen Egoismus. Sie beleidigen, misshandeln und berauben sich gegenseitig; sie behindern und verschlingen sich gegenseitig, jeder im Maße seiner Intelligenz, seiner List und seiner materiellen Ressourcen, genau wie es die Staaten untereinander tun. Nach dieser Argumentation bringt die menschliche Freiheit nicht Gutes, sondern Böses hervor; der Mensch ist von Natur aus böse. Wie ist er böse geworden? Das muss die Theologie erklären. Tatsache ist, dass die Kirche bei ihrer Entstehung den Menschen bereits als böse vorfindet und sich vornimmt, ihn gut zu machen, d. h. den natürlichen Menschen in einen Staatsbürger zu verwandeln.

Man könnte jetzt sagen, dass, da der Staat das Ergebnis eines Vertrags ist, den die Leute freiwillig abgeschlossen haben, und da das Gute das Ergebnis des Staates ist, das Gute auch das Ergebnis der Freiheit ist! Diese Schlussfolgerung wäre aber total falsch. Der Staat selbst ist nach dieser Logik nicht das Ergebnis der Freiheit, sondern das Ergebnis der freiwilligen Opferung und Negation der Freiheit. Natürliche Menschen, die völlig frei von Rechtsbewusstsein sind, aber tatsächlich allen Gefahren ausgesetzt sind, die ihre Sicherheit jeden Moment bedrohen, opfern oder verzichten mehr oder weniger auf ihre eigene Freiheit, um diese Sicherheit zu gewährleisten und zu schützen, und in dem Maße, in dem sie Freiheit für Sicherheit geopfert haben und so zu Staatsbürgern geworden sind, werden sie zu Sklaven des Staates. Wir haben also Recht, wenn wir sagen, dass aus Sicht des Staates das Gute nicht aus der Freiheit entsteht, sondern aus der Negation der Freiheit.

Ist es nicht bemerkenswert, dass es so viele Gemeinsamkeiten zwischen der Theologie, der Wissenschaft der Kirche, und der Politik, der Wissenschaft des Staates, gibt; dass zwei Ordnungen von Ideen und Realitäten, die äußerlich so gegensätzlich sind, dennoch dieselbe Überzeugung teilen: dass die menschliche Freiheit zerstört werden muss, wenn die Menschen moralisch sein sollen, wenn sie zu Heiligen (für die Kirche) oder zu tugendhaften Staatsbürgern (für den Staat) werden sollen? Doch diese seltsame Harmonie überrascht uns überhaupt nicht, da wir überzeugt sind und zu beweisen versuchen werden, dass Politik und Theologie zwei Schwestern sind, die aus derselben Quelle stammen und unter verschiedenen Namen dieselben Ziele verfolgen; und dass jeder Staat eine irdische Kirche ist, so wie jede Kirche mit ihrem eigenen Himmel, der Wohnstätte der Seligen und des unsterblichen Gottes, nichts anderes als ein himmlischer Staat ist.

So geht der Staat wie die Kirche von der grundlegenden Annahme aus, dass die Menschen von Natur aus böse sind und dass sie, wenn sie ihrer natürlichen Freiheit überlassen blieben, sich gegenseitig zerfleischen und das Schauspiel einer schrecklichen Anarchie bieten würden, in der die Stärkeren die Schwächeren ausbeuten und schlachten würden – ganz im Gegensatz zu dem, was heute in unseren Musterstaaten geschieht, versteht sich! Der Staat legt das Prinzip fest, dass zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung eine übergeordnete Autorität erforderlich ist; um die Menschen zu leiten und ihre bösen Leidenschaften zu unterdrücken, braucht es eine Führung und eine Zügelung.

. . . Um die Einhaltung der Prinzipien und die Anwendung der Gesetze in jeder menschlichen Gesellschaft zu gewährleisten, muss es an der Spitze des Staates eine wachsame, regulierende und, falls nötig, repressive Macht geben. Es bleibt uns noch herauszufinden, wer diese Macht ausüben sollte und könnte.

Für den Staat, der auf göttlichem Recht und durch das Eingreifen eines beliebigen Gottes gegründet ist, ist die Antwort einfach: Die Männer, die diese Macht ausüben würden, wären in erster Linie die Priester und in zweiter Linie die von den Priestern geweihten weltlichen Autoritäten. Für den Staat, der auf dem freien Gesellschaftsvertrag gegründet ist, wäre die Antwort weitaus schwieriger. In einer reinen Demokratie von Gleichen – die jedoch alle als unfähig anzusehen sind, sich zum Wohle der Allgemeinheit zurückzuhalten, da ihre Freiheit von Natur aus zum Bösen neigt – wer wäre dann der wahre Hüter und Verwalter der Gesetze, der Verteidiger der Gerechtigkeit und der öffentlichen Ordnung gegen die bösen Leidenschaften aller? Mit einem Wort: Wer würde die Aufgaben des Staates erfüllen?

Die Antwort wäre: die besten Staatsbürger, die intelligentesten und tugendhaftesten, diejenigen, die besser als die anderen die gemeinsamen Interessen der Gesellschaft und die Notwendigkeit, die Pflicht jedes Einzelnen verstehen, seine eigenen Interessen dem Gemeinwohl unterzuordnen. Tatsächlich müssen diese Leute sowohl intelligent als auch tugendhaft sein; wären sie intelligent, aber nicht tugendhaft, könnten sie das Gemeinwohl sehr wohl für ihre privaten Interessen nutzen, und wären sie tugendhaft, aber nicht intelligent, würde ihre Aufrichtigkeit nicht ausreichen, um das öffentliche Interesse vor ihren Fehlern zu bewahren. Damit eine Republik nicht untergeht, muss sie also während ihrer gesamten Dauer auf eine kontinuierliche Abfolge vieler Staatsbürger zurückgreifen können, die sowohl Tugendhaftigkeit als auch Intelligenz besitzen.

Aber diese Bedingung kann nicht einfach oder immer erfüllt werden. In der Geschichte jedes Landes sind die Epochen, die eine große Gruppe herausragender Männer vorweisen können, außergewöhnlich und über die Jahrhunderte hinweg berühmt. Normalerweise sind es innerhalb der Machtbereiche die Unbedeutenden, die Mittelmäßigen, die dominieren, und oft, wie wir in der Geschichte gesehen haben, triumphieren Laster und blutige Gewalt. Wir können daher zu dem Schluss kommen, dass, wenn es wahr wäre, wie die Theorie des sogenannten rationalen oder liberalen Staates klar postuliert, dass der Erhalt und die Beständigkeit jeder politischen Gesellschaft von einer Abfolge von Menschen abhängt, die sich sowohl durch ihre Intelligenz als auch durch ihre Tugendhaftigkeit auszeichnen, es keine der heute existierenden Gesellschaften gäbe, die nicht schon längst aufgehört hätte zu existieren. Wenn wir zu dieser Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit, noch diejenigen hinzufügen würden, die sich aus der besonderen Demoralisierung ergeben, die mit der Macht einhergeht, die außergewöhnlichen Versuchungen, denen alle Menschen ausgesetzt sind, die Macht in ihren Händen halten, die Ambitionen, Rivalitäten, Eifersüchteleien, die gigantische Habgier, von der insbesondere diejenigen in den höchsten Positionen Tag und Nacht heimgesucht werden und gegen die weder Intelligenz noch Tugend, insbesondere die höchst verletzliche Tugend des isolierten Menschen, ankommen können, ist es ein Wunder, dass es überhaupt so viele Gesellschaften gibt. Aber lassen wir das beiseite.

Nehmen wir mal an, dass es in einer perfekten Gesellschaft immer genug kluge und gute Leute gibt, die die wichtigsten Aufgaben im Staat würdig erfüllen können. Wer würde sie finden, auswählen und ihnen die Macht geben? Würden sie selbst, weil sie wissen, wie klug und gut sie sind, die Macht einfach an sich reißen? Dies taten zwei Weise des antiken Griechenlands, Kleobulos und Periander; trotz ihrer vermeintlich großen Weisheit gaben ihnen die Griechen den verhassten Namen „Tyrannen”. Aber auf welche Weise würden solche Menschen die Macht ergreifen? Durch Überredung oder vielleicht durch Gewalt? Wenn sie Überredung einsetzten, könnten wir anmerken, dass derjenige am besten überreden kann, der selbst überredet ist, und die besten Menschen sind genau diejenigen, die am wenigsten von ihrem eigenen Wert überredet sind. Selbst wenn sie sich dessen bewusst sind, finden sie es normalerweise widerwärtig, ihre Ansprüche anderen aufzudrängen, während böse und mittelmäßige Menschen, die immer mit sich selbst zufrieden sind, keine Abneigung verspüren, sich selbst zu verherrlichen. Aber nehmen wir einmal an, dass der Wunsch, ihrem Land zu dienen, die natürliche Bescheidenheit wahrhaft würdiger Männer überwunden und sie dazu veranlasst hätte, sich als Kandidaten für die Wahl durch ihre Staatsbürger anzubieten. Würde das Volk diese unbedingt gegenüber ehrgeizigen, redegewandten, cleveren Intriganten bevorzugen? Wenn sie andererseits Gewalt anwenden wollten, müssten sie zunächst über eine Streitmacht verfügen, die in der Lage ist, den Widerstand einer ganzen Partei zu überwinden. Sie würden ihre Macht durch einen Bürgerkrieg erlangen, der mit einer unzufriedenen Oppositionspartei enden würde, die zwar besiegt, aber immer noch feindselig wäre. Um sich durchzusetzen, müssten die Sieger weiterhin Gewalt anwenden. Demnach wäre die freie Gesellschaft zu einem despotischen Staat geworden, der auf Gewalt gegründet ist und durch Gewalt aufrechterhalten wird, in dem man vielleicht viele Dinge finden könnte, die der Zustimmung würdig sind – aber niemals Freiheit.

Wenn wir an der Fiktion eines freien Staates festhalten wollen, der aus einem Gesellschaftsvertrag hervorgegangen ist, müssen wir davon ausgehen, dass die Mehrheit seiner Staatsbürger die nötige Umsicht, das nötige Urteilsvermögen und den nötigen Gerechtigkeitssinn hatte, um die würdigsten und fähigsten Männer zu wählen und sie an die Spitze ihrer Regierung zu stellen. Aber wenn ein Volk diese Eigenschaften nicht nur einmal und durch Zufall, sondern zu jeder Zeit während seines Bestehens, bei allen Wahlen, die es zu treffen hatte, gezeigt hätte, würde das dann nicht bedeuten, dass das Volk selbst als Masse einen so hohen Grad an Moral und Kultur erreicht hätte, dass es weder eine Regierung noch einen Staat mehr nötig hätte? Ein solches Volk würde kein sinnloses Dasein fristen und all seinen Instinkten freien Lauf lassen; aus seinem Leben würden sich spontan und natürlich Gerechtigkeit und öffentliche Ordnung entwickeln. Der Staat würde in ihm aufhören, die Vorsehung, der Beschützer, der Erzieher, der Regulierer der Gesellschaft zu sein. Da er auf alle seine Befugnisse der repressiven Gewalt verzichtete und in die ihm von Proudhon zugewiesene untergeordnete Position sank, würde er sich in ein reines Geschäftsbüro verwandeln, eine Art zentrale Buchhaltungsstelle im Dienste der Gesellschaft.

Zweifellos wäre eine solche politische Organisation, oder besser gesagt, eine solche Reduzierung der politischen Aktionen zugunsten der Freiheit des sozialen Lebens, ein großer Gewinn für die Gesellschaft, aber sie würde die hartnäckigen Verfechter des Staates keineswegs zufriedenstellen. Für sie ist der Staat als Fürsorger, als Lenker des sozialen Lebens, als Verteiler der Gerechtigkeit und als Regulierer der öffentlichen Ordnung eine Notwendigkeit. Mit anderen Worten: Ob sie es zugeben oder nicht, ob sie sich Republikaner, Demokraten oder sogar Sozialisten nennen, sie müssen immer ein mehr oder weniger unwissendes, unreifes, inkompetentes Volk oder, um es ganz offen zu sagen, eine Art Gesindel haben, das sie regieren können. Dies würde es ihnen ermöglichen, ohne ihrem hohen Altruismus und ihrer Bescheidenheit Gewalt anzutun, die höchsten Ämter für sich selbst zu behalten, um sich natürlich immer dem Gemeinwohl zu widmen. Als privilegierte Hüter der menschlichen Herde, stark in ihrer tugendhaften Hingabe und ihrer überlegenen Intelligenz, würden sie, während sie das Volk zu seinem eigenen Wohl und Wohlergehen antreiben und anspornen, in der Lage sein, diese Herde zu ihrem eigenen Vorteil ein wenig diskret zu schröpfen.

Jede logische und geradlinige Staatstheorie basiert im Wesentlichen auf dem Prinzip der Autorität, d. h. der eminent theologischen, metaphysischen und politischen Idee, dass die Massen, die immer unfähig sind, sich selbst zu regieren, sich jederzeit dem wohltätigen Joch einer Weisheit und Gerechtigkeit unterwerfen müssen, die ihnen auf die eine oder andere Weise von oben auferlegt wird. Auferlegt im Namen wessen und durch wen? Autorität, die von den Massen als solche anerkannt und respektiert wird, kann nur aus drei Quellen stammen: Gewalt, Religion oder die Aktion einer überlegenen Intelligenz. Da wir über die Theorie des Staates diskutieren, die auf dem freien Vertrag basiert, müssen wir die Diskussion über jene Staaten, die auf der doppelten Autorität von Religion und Gewalt beruhen, verschieben und uns vorerst auf die Autorität konzentrieren, die auf einer überlegenen Intelligenz basiert, die, wie wir wissen, immer von Minderheiten vertreten wird.

Was sehen wir wirklich in allen Staaten der Vergangenheit und Gegenwart, selbst in denen mit den demokratischsten Institutionen, wie den Vereinigten Staaten von Amerika und der Schweiz? Die tatsächliche Selbstverwaltung der Massen bleibt trotz der Behauptung, dass das Volk die gesamte Macht innehat, meist eine Fiktion. Tatsächlich sind es immer Minderheiten, die regieren. In den Vereinigten Staaten waren bis zum letzten Bürgerkrieg und teilweise sogar bis heute, auch innerhalb der Partei des derzeitigen Amtsinhabers, Präsident Andrew Johnson, diese herrschenden Minderheiten die sogenannten Demokraten, die weiterhin die Sklaverei und die grausame Oligarchie der Plantagenbesitzer im Süden befürworteten, Demagogen ohne Glauben und Gewissen, die in der Lage waren, alles ihrer Gier und ihrem bösartigen Ehrgeiz zu opfern. Sie waren es, die durch ihre abscheulichen Aktionen und ihren Einfluss, den sie fast fünfzig Jahre lang praktisch unangefochten ausübten, maßgeblich zur Korruption der politischen Moral in Nordamerika beigetragen haben.

Derzeit stellt eine wirklich intelligente, großzügige Minderheit – aber immer noch eine Minderheit – die Republikanische Partei, ihre schädliche Politik erfolgreich in Frage. Hoffen wir, dass ihr Triumph vollständig sein wird; hoffen wir das um der ganzen Menschheit willen. Aber egal, wie aufrichtig diese Partei der Freiheit auch sein mag, egal, wie großartig und großzügig ihre Prinzipien auch sein mögen, wir können nicht hoffen, dass sie nach der Machtübernahme ihre exklusive Position als herrschende Minderheit aufgibt und sich unter das Volk mischt, damit die Selbstverwaltung des Volkes endlich Wirklichkeit wird. Dazu wäre eine Revolution nötig, die in vielerlei Hinsicht tiefgreifender wäre als alle Revolutionen, die bisher die antike Welt und die Moderne erschüttert haben.

In der Schweiz ist die Regierung trotz all der demokratischen Revolutionen, die dort stattgefunden haben, immer noch in den Händen der Wohlhabenden, der Mittelklasse, der wenigen Privilegierten, die reich, wohlhabend und gebildet sind. Die Souveränität des Volkes – ein Begriff, den wir übrigens hassen, da jede Souveränität für uns abscheulich ist – die Regierung der Massen durch sich selbst, ist auch hier eine Fiktion. Das Volk ist zwar rechtlich souverän, aber nicht in der Praxis; da es notwendigerweise mit seiner täglichen Arbeit beschäftigt ist, die ihm keine Freizeit lässt, und da es, wenn nicht völlig unwissend, so doch zumindest in seiner Bildung der Mittelklasse weit unterlegen ist, ist gezwungen, seine angebliche Souveränität in den Händen der Mittelklasse zu belassen. Der einzige Vorteil, den es aus dieser Situation zieht, sowohl in der Schweiz als auch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, besteht darin, dass die ehrgeizigen Minderheiten, die nach politischer Macht streben, diese nur erlangen können, indem sie das Volk umwerben, seinen flüchtigen Leidenschaften, die manchmal ziemlich bösartig sein können, nachgeben und es in den meisten Fällen täuschen.

Niemand soll denken, dass wir mit unserer Kritik an der demokratischen Regierung unsere Vorliebe für die Monarchie zeigen. Wir sind fest davon überzeugt, dass die unvollkommenste Republik tausendmal besser ist als die aufgeklärteste Monarchie. In einer Republik gibt es zumindest kurze Zeiträume, in denen das Volk zwar ständig ausgebeutet, aber nicht unterdrückt wird; in Monarchien ist die Unterdrückung konstant. Das demokratische Regime führt die Massen auch allmählich zur Teilnahme am öffentlichen Leben heran – etwas, was die Monarchie niemals tut. Trotzdem müssen wir, obwohl wir die Republik bevorzugen, anerkennen und verkünden, dass es, egal welche Regierungsform es gibt, immer eine klassenbeschränkte Regierung und die unvermeidliche Ausbeutung der Mehrheit durch die Minderheit geben wird, solange die menschliche Gesellschaft aufgrund der erblichen Ungleichheit von Berufen, Reichtum, Bildung und Rechten in verschiedene Klassen geteilt ist.

Der Staat ist nichts anderes als diese Herrschaft und diese Ausbeutung, gut reguliert und systematisiert. Wir werden versuchen, dies zu beweisen, indem wir die Folgen der Herrschaft der Massen durch eine Minderheit untersuchen, die so intelligent und engagiert ist, wie man es sich nur wünschen kann, in einem idealen Staat, der auf einem freien Vertrag basiert.

Sobald die Bedingungen des Vertrags akzeptiert sind, müssen sie nur noch umgesetzt werden. Nehmen wir an, ein Volk erkennt seine Unfähigkeit zu regieren, verfügt aber dennoch über genügend Urteilsvermögen, um die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten seinen besten Staatsbürgern anzuvertrauen. Zunächst werden diese Individuen nicht wegen ihrer offiziellen Position geschätzt, sondern wegen ihrer guten Eigenschaften. Sie wurden vom Volk gewählt, weil sie die intelligentesten, fähigsten, weisesten, mutigsten und engagiertesten unter ihnen sind. Da sie aus der Masse des Volkes stammen, in der alle angeblich gleich sind, bilden sie noch keine eigene Klasse, sondern eine Gruppe von Menschen, die nur aufgrund ihrer natürlichen Begabung privilegiert sind und gerade deshalb vom Volk für die Wahl ausgewählt wurden. Ihre Zahl ist zwangsläufig sehr begrenzt, denn zu allen Zeiten und in allen Nationen ist die Zahl der Menschen, die mit so bemerkenswerten Eigenschaften ausgestattet sind, dass sie automatisch den einhelligen Respekt einer Nation genießen, wie die Erfahrung lehrt, sehr gering. Um keine schlechte Wahl zu treffen, ist das Volk daher gezwungen, seine Herrscher aus dieser Gruppe auszuwählen.

Hier haben wir also eine Gesellschaft, die bereits in zwei Kategorien, wenn auch noch nicht in zwei Klassen, unterteilt ist. Die eine besteht aus der überwiegenden Mehrheit der Staatsbürger, die sich freiwillig der Herrschaft der von ihnen gewählten Vertreter unterwerfen; die andere besteht aus einer kleinen Gruppe von Männern, die mit außergewöhnlichen Eigenschaften ausgestattet sind, vom Volk als außergewöhnlich anerkannt und akzeptiert werden und von ihm mit der Aufgabe der Regierung betraut sind. Da diese Leute von der Wahl durch das Volk abhängig sind, können sie zunächst nur durch die Eigenschaften, die sie für die Wahl empfohlen haben, von der Masse der Staatsbürger unterschieden werden, und sie sind natürlich die nützlichsten und engagiertesten Staatsbürger von allen. Sie beanspruchen noch keine Privilegien oder Sonderrechte, außer dem, nach dem Willen des Volkes die besonderen Aufgaben zu erfüllen, mit denen sie betraut wurden. Außerdem unterscheiden sie sich in ihrer Lebensweise oder ihrem Lebensunterhalt in keiner Weise von anderen Menschen, so dass unter allen weiterhin vollkommene Gleichheit herrscht. Kann diese Gleichheit auf Dauer aufrechterhalten werden? Wir behaupten, dass dies nicht möglich ist, was leicht zu beweisen ist.

Nichts ist für die persönliche Moral des Menschen so gefährlich wie die Gewohnheit, zu befehlen. Selbst die besten Menschen, die intelligentesten, selbstlosesten, großzügigsten und reinsten, werden in diesem Bestreben immer und unweigerlich korrumpiert. Zwei Gefühle, die mit der Ausübung von Macht einhergehen, führen unweigerlich zu dieser Demoralisierung: Verachtung für die Massen und, für den Machthaber, ein übertriebenes Selbstwertgefühl.

„Die Massen haben, indem sie ihre eigene Unfähigkeit, sich selbst zu regieren, eingestanden haben, mich zu ihrem Oberhaupt gewählt. Damit haben sie klar ihre eigene Unterlegenheit und meine Überlegenheit verkündet. In dieser großen Menschenmenge, unter denen ich kaum jemanden finde, der mir gleich ist, bin ich allein in der Lage, die öffentlichen Angelegenheiten zu verwalten. Das Volk braucht mich; es kommt ohne meine Dienste nicht aus, während ich mir selbst genüge. Sie müssen mir daher zu ihrem eigenen Wohl gehorchen, und ich, indem ich mich herablasse, ihnen Befehle zu erteilen, schaffe ihr Glück und Wohlergehen.“ Das reicht aus, um jedem den Kopf zu verdrehen, das Herz zu verderben und ihn mit Stolz erfüllen, nicht wahr? So werden Macht und die Gewohnheit, Befehle zu erteilen, zu einer Quelle intellektueller und moralischer Verirrung, selbst für die intelligentesten und tugendhaftesten Menschen.

Die gesamte menschliche Moral – und wir werden später versuchen, die absolute Wahrheit dieses Prinzips zu beweisen, dessen Entwicklung, Erklärung und weitestgehende Anwendung den eigentlichen Gegenstand dieses Aufsatzes bilden – die gesamte kollektive und individuelle Moral beruht im Wesentlichen auf der Achtung der Menschheit. Was verstehen wir unter Achtung der Menschheit? Wir meinen die Anerkennung der Menschenrechte und der Menschenwürde in jedem Menschen, unabhängig von seiner Rasse, Hautfarbe, seinem intellektuellen Entwicklungsstand oder sogar seiner Moral. Aber wenn dieser Mensch dumm, böse oder verachtenswert ist, kann ich ihn dann respektieren? Natürlich ist es mir unmöglich, seine Niedertracht, seine Dummheit und seine Brutalität zu respektieren; sie sind mir zuwider und erregen meine Empörung. Wenn nötig, werde ich die stärksten Maßnahmen gegen ihn ergreifen und sogar so weit gehen, ihn zu töten, wenn ich keine andere Möglichkeit habe, mein Leben, meine Rechte und alles, was mir lieb und teuer ist, zu verteidigen. Aber selbst inmitten des heftigsten und bittersten, sogar tödlichen Kampfes zwischen uns muss ich seine Menschlichkeit respektieren. Meine eigene Würde als Mensch hängt davon ab. Wenn er selbst jedoch diese Würde in anderen nicht anerkennt, müssen wir sie dann in ihm anerkennen? Wenn er eine Art wildes Tier ist oder, wie es manchmal vorkommt, schlimmer als ein Tier, würden wir dann nicht, indem wir seine Menschlichkeit anerkennen, eine reine Fiktion unterstützen? Nein, denn unabhängig davon, wie sehr er intellektuell und moralisch verkommen sein mag, wenn er organisch gesehen weder ein Idiot noch ein Verrückter ist – in diesem Fall sollte er eher als Kranker denn als Verbrecher behandelt werden –, wenn er im Vollbesitz seiner Sinne und der Intelligenz ist, die ihm die Natur geschenkt hat, dann existiert seine Menschlichkeit, egal wie monströs seine Abweichungen auch sein mögen, dennoch wirklich. Sie existiert als lebenslange potenzielle Fähigkeit, sich seiner Menschlichkeit bewusst zu werden, selbst wenn es kaum eine Möglichkeit für eine radikale Veränderung der sozialen Bedingungen gibt, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist.

Man nehme den intelligentesten Affen mit der besten Veranlagung; selbst wenn man ihn in die beste, humanste Umgebung versetzt, wird man niemals einen Menschen aus ihm machen können. Man nehme den hartgesottensten Verbrecher oder den Menschen mit dem geringsten Verstand, vorausgesetzt, dass keiner von beiden eine organische Läsion hat, die Idiotie oder Wahnsinn verursacht; die Kriminalität des einen und das Versagen des anderen, ein Bewusstsein für seine Menschlichkeit und seine menschlichen Pflichten zu entwickeln, ist weder ihre Schuld noch liegt es an ihrer Natur; es ist ausschließlich das Ergebnis des sozialen Umfelds, in dem sie geboren und aufgewachsen sind.

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