(Venezuela) KAPITALISMUS DES 21. JAHRHUNDERTS

Gefunden auf oveja negra, die Übersetzung ist von uns.


(Venezuela) KAPITALISMUS DES 21. JAHRHUNDERTS

Als Chávez 1999 in Venezuela die Regierung übernahm, gab es keinen Bruch mit dem kapitalistischen System und daher auch keine tiefgreifende Veränderung der sozialen Verhältnisse in dieser Region. Diese Fortsetzung des Kapitalismus mit seinen patriotischen, caudillistischen, demagogischen und militärischen Zügen unter dem Namen „Sozialismus” war effektiv genug, um das Ölgeschäft in diesem Land auszubauen, weshalb jede Kritik an den sozialen und ökologischen Auswirkungen der Ausbeutung von Kohlenwasserstoffen und Mineralien als „konterrevolutionär” abgetan wurde.

In diesem Sinne wurde zwei Tage vor der Bekanntgabe des Todes des geistigen Führers des kapitalistisch-bolivarischen Prozesses Sabino Romero ermordet, eine Leitfigur im Kampf des Yukpa-Volkes, dessen letzte Provokation die Ankündigung von Chávez war, den Kohleabbau in den von verschiedenen Gemeinschaften bewohnten Gebieten auf 36 Millionen Tonnen pro Jahr zu verdreifachen. Sabino Romero gehörte zu den Gemeinschaften der Indigenen, die sich mobilisierten, um sich gegen die Folgen der Ausweitung des Mega-Bergbaus in der Region, in der sie leben, zu wehren. Ihr Kampf konzentrierte sich auf die Abgrenzung und Eigentumsrechte der indigenen Gebiete, wofür sie verschiedene Mobilisierungen sowohl im Bundesstaat Zulia als auch in Caracas durchführten und dabei verschiedene Kampfmethoden wie direkte Aktionen und die Besetzung von indigenem Land, das sich in den Händen von Viehzüchtern befand, einsetzten1. Wie üblich schieben sich die Bourgeois die Schuld gegenseitig zu: Es sei „die Rechte gewesen”, es sei „die Schuld korrupter Politiker, die noch immer in den Reihen der bolivarischen Revolution stehen”. Aber die Auftragsmörder, die ihn ermordet haben, gehören ebenso wenig wie das Geld und das Öl zur Rechten oder zur Linken. Es ist der kapitalistische Staatsapparat als Totalität, der diese Morde garantiert und aufrechterhält. Ein Mord, der zeigt, dass diese Praktiken schon vor der bolivarischen Revolution gang und gäbe waren. Schon 1995 hat die Nationalgarde die Yukpa Felipe Romero, Carmen Romero und José Vicente Romero ermordet, die des Viehdiebstahls beschuldigt wurden, in einem Vorfall, der als Massaker von Kasmera bekannt ist. Und seit diesem Vorfall gab es immer wieder Morde durch Auftragskiller und Viehzüchter, dazu noch Prügel und Verleumdungskampagnen sowohl von Venezuela als auch von Kolumbien. Was Handel und Repression angeht, hat das Kapital auch kein Vaterland.

Im Gegensatz zur Beerdigung von Sabino Romero – wo die wenigen Fotos, die im Umlauf waren, heimlich vor den Sicherheitskräften gemacht worden sein müssen – stimmen die Massenmedien, wenn ein Unterdrücker stirbt, in einen Chor ein, um uns stundenlang mit dem gleichen Thema zu bombardieren. Und die „öffentliche Meinung” – als vorherrschende Ideologie – fand ihren Widerhall in den sozialen Netzwerken, auf der Straße, unter Bekannten. Klagen und Weinen von den peronistischen Schlägertypen und Patriotismusfanatikern bis hin zu selbsternannten autonomen Gruppen und vielen Feministinnen, die um denjenigen weinen, der den „Vater der Nation” verkörpert: Patriarch, Christ, Staatsmann, allgegenwärtig. Das Schluchzen so vieler, die sich gegen den Putsch von 1976 positionieren, aber wie sich einmal mehr bestätigte, sind ihre Idole Generäle, Kommandanten und Oberste.

Der Kern der Frage, abgesehen von Details wie der Repräsentativität, ist, was mit solchen Prozessen verfolgt wird. Wenn der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts” nur Demokratie, Markt und Nationalismus stärken will, muss man sich fragen, warum man ihn als Revolution betrachtet, wenn er doch nur die widerlichen Werte bekräftigt, mit denen wir jeden Tag zu tun haben. Sowohl Correa und seine „Bürgerrevolution” als auch Chávez und die „bolivarische Revolution” (in einem Land, in dem der soziale Zerfall im letzten Jahr zu etwa 21.000 Todesfällen durch Mord geführt hat) zeigen nur, dass der Kapitalismus ein gütiges und populäres Image annimmt, aber dennoch nicht sein tödliches Wesen aufgibt.

Wir wollen hier kein Handbuch über Revolutionen schreiben, sondern hinterfragen diese Prozesse, weil sie nur die Normalität am Laufen halten. Was ist revolutionär an Geschenken vom Staat, wenn die Wirtschaft gerade gut läuft, oder daran, dass man auf das Wort des Führers wartet, um zu wissen, was zu tun ist? Wem macht es Angst, die Nationalhymne lauter zu singen? Inwiefern unterscheidet uns das von den Bourgeois?

Die Kategorie „Sozialismus des 21. Jahrhunderts” versucht, sich als Neuheit zu präsentieren, während sie dieselben Fälschungen beibehält, die die Sozialdemokratie in den vergangenen Jahrhunderten gemacht hat. Gleichzeitig hat der Chavismus geschickt den so beliebten Begriff „Poder Popular” (Volksmacht) genutzt und sogar ein Ministerium mit diesem Namen geschaffen, um seine revolutionäre Karikatur besser zu verschleiern, gestützt auf die Idee derjenigen, die behaupten, dass dieses Konzept kämpferisch sei.

Es wird immer wieder betont, dass Chávez oder ein anderer Führer uns Lateinamerikanern unsere Würde zurückgeben wird. aber wir brauchen weder Führer noch diese Würde als Staatsbürger, Arbeiter, Ausgebeutete und Unterdrückte, wir müssen aufhören, dies zu sein, auf globaler Ebene, fernab von jeglichem Provinzialismus. Weiter links wird betont, dass diese Caudillos nur das Ergebnis einer größeren sozialen Bewegung sind, das sichtbare Gesicht, aber diese Bewegungen dienen nur als Polster, um die von diesem oder jenem Regierenden verwalteten Zwänge des Kapitals abzufedern und aufrechtzuerhalten.

Wenn wir solche Prozesse weiterhin unterstützen, unterschätzen wir uns als Ausgebeutete, unterschätzen wir unsere Fähigkeit zur Veränderung und sperren wir die revolutionäre Vorstellungskraft in bourgeoise Formen, was bedeutet, dass wir diese miserablen sozialen Verhältnisse aufrechterhalten, wobei sich die Misere nicht nur auf den ökonomischen Aspekt bezieht.

Kein Ausgebeuteter auf der Welt sollte den Tod seiner Regierenden betrauern. Wenn dies geschieht, dann nur wegen der verkehrten Logik, die dieses System am Laufen hält. Denn diejenigen, die in der Verwaltung eines Staates sitzen, sind nichts anderes als gegen unsere eigenen Interessen, egal was ihre ideologischen Glaubensbekenntnisse sagen. In den sozialen Prozessen, die das Proletariat zu einem revolutionären Subjekt machen, ist seine Identifikation mit Anführern sozialistischer Rhetorik nichts anderes als ein Zeichen der Schwäche, eine Grenze, zu deren Überwindung wir beitragen müssen. Denn eine revolutionäre Bewegung mit realistischen Siegchancen kann nur auf der Grundlage einer radikalen Infragestellung und Bekämpfung aller Mystifizierungen und aller Vergötterungen aufgebaut werden2.

Der Wandel hin zu einer neuen Welt wird unser eigenes Werk sein und nicht das Ergebnis der Klarheit oder Wohltätigkeit eines Militärs, Präsidenten, Priesters oder anderen Vertreters der Bourgeoisie. Trotz der Lügen, trotz der Anführer.


1“Capitalismo energético: Autor material e intelectual del asesinato de Sabino”, Periódico El Libertario (Venezuela). [Text lesen]

2Auszug aus dem Blog El Radical Libre (Chile) [Text lesen]

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