Russische Anarchistinnen und Anarchisten in der Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts

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Russische Anarchistinnen und Anarchisten in der Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts

In unserer heimischen Geschichtswissenschaft wird die soziale Basis der russischen anarchistischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts traditionell als kleinbourgeois angesehen. In Werken aus der Sowjetzeit kommt dies typischerweise in Meinungen wie der von S. N. Kanyev zum Ausdruck, der schrieb, dass die dominierenden Elemente unter den russischen Anarchistinnen und Anarchisten „die bäuerliche Kleinbourgeoisie … Kleinbauern, Handwerker und ein Teil der Intelligenzija“ waren1. Ähnliche Vorstellungen vom „typischen Anarchisten“ haben sich auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der Befreiung der Geschichtswissenschaft von vielen früheren Dogmen gehalten. So informiert uns beispielsweise die Enzyklopädie „Politische Parteien Russlands”: „Die soziale Basis der anarchistischen Organisationen bestand überwiegend aus Handwerkern und kleinen Arbeitern, obwohl die Bewegung auch Bauern, Arbeiter und die Intelligenz anzog.”2 Paradoxerweise fanden dieselben Autoren, als es darum ging, konkrete Ereignisse und Fakten aus der Geschichte des russischen Anarchismus aufzuarbeiten, unter den Anhängern weder Arbeiterinnen und Arbeiter noch Handwerker und sahen sich gezwungen, ihre Diskussion hauptsächlich auf anarchistische Arbeiterinnen und Arbeiter zu beschränken.

Unserer Meinung nach ist die einzige zuverlässige Methode zur Bestimmung der „sozialen Basis der anarchistischen Organisationen” zu Beginn des letzten Jahrhunderts die mathematische Verwendung von Statistiken, um die Anteile der Mitglieder verschiedener sozialer Schichten zu ermitteln. Der Autor dieses Aufsatzes hat sich mehrere Jahre lang damit beschäftigt, biografische Informationen über die Teilnehmer der anarchistischen Bewegung auf dem Gebiet des Russischen Reiches und der UdSSR aus veröffentlichten und unveröffentlichten (Archiv-)Quellen zu sammeln und zu systematisieren. Das Ergebnis widerlegt die gängigen a priori-Vorstellungen, die bereits in der vorrevolutionären politischen Berichterstattung der Sozialdemokraten ihren Ursprung hatten. Um den Text verständlicher zu machen, haben wir diese Ergebnisse in drei Zeiträume unterteilt: 1) die vorrevolutionäre Zeit vom Beginn der anarchistischen Bewegung in Russland im Jahr 1900 bis 1916, 2) die Revolution und der Bürgerkrieg von 1917 bis 1921 und 3) die Zeit vom Ende des russischen Bürgerkriegs bis zur physischen Vernichtung der letzten russischen Anarchistinnen und Anarchisten Ende der 1930er Jahre.

Für den Zeitraum von 1900 bis 1916 haben wir 2400 Anarchistienn und Anarchisten identifiziert: Für 1593 von ihnen konnten Berufe ermittelt werden. Von dieser Zahl stammte die Mehrheit (59,1 %) aus der Arbeiterklasse (Fabrik-, Transport- und andere Arbeiter). Weitere 72 Personen (4,5 %) gehörten zu den Angestelltenberufen (Post-/Telegrafisten, Geistliche, Verkäufer, Buchhalter, Sanitäter, Lehrer usw.), die sozial nahe am Proletariat angesiedelt waren. Wir möchten besonders betonen, dass die 59 % weder ehemalige Arbeiter, die in den Streitkräften dienten, noch die sogenannten professionellen Revolutionäre umfassen, ebenso wenig wie die Kinder von Arbeitern, die die Grundschule oder die weiterführende Schule besuchten. An einigen Orten ist der Anteil der Fabrikarbeiter oder Transportarbeiter sogar noch höher. In Jekaterinoslaw beispielsweise machten sie etwa 78 % der Mitglieder der örtlichen Anarchistischen Föderation aus. Die häufigsten Berufe unter den anarchistischen Arbeiterinnen und Arbeiter waren Metallarbeiter und Maschinisten (111), Schneider und Näherinnen (47), Drucker (40), Arbeiter in der Lebensmittelindustrie (37), Seeleute der Handelsmarine (35) sowie eine bedeutende Anzahl von Eisenbahnarbeitern, Metallarbeitern, Schuhmachern, Tischlern und Bergleuten.

Die russische anarchistische Bewegung war nie in der Lage, Einigkeit in Fragen der Taktik und Organisation zu erzielen. Zur Zeit der Revolution von 1905-1907 sah ein bedeutender Teil der Anarchistinnen und Anarchisten, darunter auch diejenigen, die aus der Arbeiterklasse stammten, ihre Aufgabe darin, den direkten Kampf gegen die zaristische Regierung und die Bourgeoisie zu führen, wobei sie sich auf militante Aktionen konzentrierten und die Beteiligung an jeder „nichtrevolutionären” und „opportunistischen” Bewegung, einschließlich der syndikalistischen Bewegung, ablehnten. Zur gleichen Zeit befürworteten die Anhänger Kropotkins und einige andere anarchistische Ideologen die Organisation von Arbeiter- und Bauernsyndikaten, die sie als „natürliche Organe des direkten Kampfes gegen das Kapital” und als Keimzellen der zukünftigen libertären sozialistischen Gesellschaft betrachteten. Sie sprachen sich auch dafür aus, „den Generalstreik der Entrechteten sowohl in den Städten als auch auf dem Land vorzubereiten, die … die soziale Revolution beginnen könnten”3. Die Verfechter dieser Perspektiven, die sich selbst als „Anarchosyndikalisten” bezeichneten, waren aktive Teilnehmer der organisierten Arbeiterbewegung, zu der auch die Gewerkschaften/Syndikate gehörten. Infolgedessen übten Anarchistinnen und Anarchisten und ihre ideologischen Verbündeten, die „revolutionären Syndikalisten”, in Petersburg einen starken Einfluss auf die Gewerkschaften/Syndikate der Drucker, Schriftsetzer, Elektrotechniker, Lithografen und Metallarbeiter aus. In Moskau arbeiteten Mitglieder der anarchistischen Gruppen „Buntar“ (Aufständische), „Svoboda“ (Freiheit) und „Svobodnaya kommuna“ (Freie Kommune) in der „Gewerkschaft/Syndikat der Metallveredler“ und in den Gewerkschaften/Syndikaten der Bauarbeiter/ Architektur, Klempnerei, Druck und Kraftwerksingenieure; sie führten Streiks der Arbeiter in Elektro- und Gaswerken sowie mehrere Streiks in Gießereien und Maschinenfabriken an. In Charkow ergriffen Anarchistinnen und Anarchisten die Initiative und gründeten die „Gewerkschaft/Syndikat der Arbeiter zur Verteidigung unserer Rechte”; in Riga wurde die „Gewerkschaft/Syndikat der freien Arbeit” gegründet4. Die Beteiligung der Anarchistinnen und Anarchisten an den Gewerkschaften/Syndikate fand auch in Baku, Warschau, Nikolajew, Petrokov (Piotrków) und anderen Städten statt. Die bekannteste anarchosyndikalistische Organisation dieser Zeit war „Registración” [Registración, gewählt und verwaltet von den Seeleuten selbst, leitet seinen Namen von der Tatsache ab, dass es einen Arbeitsaustausch durchführte, indem es die freien Stellen auf allen Schiffen in Odessa besetzte. (Anmerkung des Übersetzers)] aus Odessa und ihr Nachfolger, die Gewerkschaft/Syndikat der Schwarzseesegler, die von 1906 bis 1918 aktiv war und für die Organisation mehrerer Streiks der Seeleute der Handelsmarine und der Hafenarbeiter in den Jahren 1906-1907 verantwortlich war5. In anderen Regionen wurden anarchistische Organisationen häufig gleichzeitig für verschiedene Berufe gegründet und nahmen so die Merkmale von Gewerkschaften/Syndikate an. So bestand beispielsweise der Kern der Anarchistischen Föderation von Jekaterinoslaw im Jahr 1907 aus den anarchokommunistischen Föderationen der Rohrfabrik, der Eisenbahnwerkstätten, der Fabrik von Brjansk und der Interfabrik6; die anarchokommunistische Gruppe von Białystok wurde Ende 1905 zu einer Assozivtion von Textil-, Leder-, Schneider- und Tischlergewerkschaften(-syndikaten) umstrukturiert7; die Föderation von Wilna setzte sich aus Organisationen von Lederarbeitern, Metzgern und Schneidern zusammen8. Die Arbeit unter den Proletariern wurde selbst von Anarchistinnen und Anarchisten, die nicht der Arbeiterklasse angehörten, als äußerst wichtig angesehen. Ein typisches Beispiel war die anarchokommunistische Gruppe „Schwarze Fahne” in Kiew, die sich hauptsächlich aus Studenten zusammensetzte, sich aber auf die Organisation und Propaganda unter den Arbeitern der Fabrik „Arsenal”, den Arbeitern der Lebensmittelindustrie, den Fuhrleuten und den Arbeitern der Zuckerraffinerie konzentrierte9.

Neben der Beteiligung an gewerkschaftlichen/syndikalistischen Aktivitäten, Agitation und Propaganda, der Gründung von Arbeiterstudiengruppen usw. – traditionellen Aktionsformen der Arbeiterbewegung – war ein charakteristisches Merkmal der Praxis der Anarchistinnen und Anarchisten und der ihnen ideologisch nahestehenden Sozialrevolutionäre-Maximalisten in den ersten zwölf Jahren des 20. Jahrhunderts der umfassende Einsatz von ökonomischem Terror. Während Streiks planten diese häufig subversive und sabotageartige Aktionen, bei denen sie Ausrüstung und Industriegüter zerstörten. Die bekanntesten Beispiele für diese Praktiken waren die Reihe von Sabotageakten, die die langwierigen Streiks der Schwarzseematrose (November 1906-1907), als mehrere Dampfschiffe von Anarchistinnen und Anarchisten gesprengt wurden und sich die Gesamtverluste der Russischen Dampfschifffahrtsflotte und der Handelsgesellschaft auf über eine Million Rubel beliefen10. Die Streiks wurden häufig von bewaffneten Beschlagnahmungen begleitet, deren Erlös den streikenden Arbeitern in Form von Geld, Lebensmitteln und anderen lebensnotwendigen Gütern zugute kam. Die meisten dieser Aktionen wurden aus Nordwestrussland gemeldet, fanden aber auch in Odessa statt. Die am weitesten verbreitete Form des ökonomischen Terrors waren jedoch Mordanschläge auf Unternehmer, Fabrikmanager und und Streikbrecher. Anarchistinnen und Anarchisten verübten ihren ersten Akt des ökonomischen Terrors im August 1904 in der Ortschaft Krynki im Gouvernement Grodno, als N. Farber, ein anarchistischer Arbeiter aus Bialostok, A. Kagan, den Besitzer einer großen Schuhfabrik, ermordete.11 Der letzte bekannte Vorfall dieser Art in der Geschichte des Anarchismus vor 1917 ereignete sich im Frühjahr 1912, als Mitglieder der wiederbelebten anarchokommunistischen Gruppe von Riga verschiedene Anschläge auf Ingenieure und Vorarbeiter lokaler Fabriken verübten.12 Wir möchten anmerken, dass der ökonomische Terror nicht nur als Druckmittel gegenüber der Unternehmensleitung eingesetzt wurde, sondern auch als Mittel der Rache gegenüber der „feindlichen Klasse”. So ermordete beispielsweise im Mai 1906, nachdem der Streik der Moskauer Transportarbeiter niedergeschlagen worden war, der anarchistische Arbeiter Zuyev den Ingenieur Krebs, den Verwalter des Straßenbahndepots von Miusskiy; und im April 1907 erschossen Anarchisten von Jekaterinoslaw P. Arshinov und V. Babeshko Vasilenko, den Leiter der Eisenbahnwerkstätten von Alexandrowsk, als Vergeltung für die Massenerschießungen von Streikenden13.

Während der Revolution von 1905-1907 sprachen die Parolen und vor allem die Praxis der russischen Anarchistinnen und Anarchisten einen bedeutenden Teil der Arbeiterklasse an, insbesondere deren entschlossenste und radikalste Elemente. Ihre Sichtweise kam beispielsweise in den berühmten Worten von A. N. Matjuschenko, dem Anführer der Revolte auf dem Panzerkreuzer Potemkin, zum Ausdruck: „Je mehr man die Eigentümer schlägt, desto besser sind sie.“ Diese terroristische Praxis führte zu einer verschärften Repression gegen die Teilnehmer der anarchistischen Bewegung. Die alten Anführer und die neue Generation von Anarchistinnen und Anarchisten die am Vorabend des Ersten Weltkriegs auftauchte, zogen die notwendigen Schlussfolgerungen aus den Lektionen, die sie gelernt hatten: In den letzten Jahren der zaristischen Ära beteiligten sich Anarchistinnen und Anarchisten wie zuvor an der revolutionären Arbeiterbewegung, aber der Einsatz von Terror wurde zu einem äußerst seltenen Phänomen.

Für den zweiten untersuchten Zeitraum (1917–1921) haben wir die Biografien von mehr als 2.800 Anarchistinnen und Anarchisten analysiert. Der Beruf konnte für etwa 2.062 von ihnen ermittelt werden, von denen 886 (43,0 %) Arbeiter und 127 (6,2 %) Angestellte in den oben genannten Kategorien waren. Der Rückgang der relativen Zahl der Arbeiter unter Anarchistinnen und Anarchisten lässt sich sowohl durch die Verbreitung anarchistischer Ideen unter den Bauern (der Anteil der anarchistischen Bauern stieg von 8,5 % auf 16,3 %) als auch durch den Rückgang der zahlenmäßigen Stärke der russischen Arbeiterklasse aufgrund des Weltkriegs und der ökonomischen Verwüstung. Die wichtigsten Berufe unter den anarchistischen Arbeitern dieser Zeit waren Metallarbeiter und Maschinisten (87), Eisenbahnarbeiter (45), Metallarbeiter (44) und Arbeiter in der Lebensmittelindustrie (39); geringere Zahlen wurden für andere Berufe wie Seefahrer, Drucker, Bergleute und Elektriker ermittelt.

In diesen Jahren beteiligten sich Anarchistinnen und Anarchisten an/in allen Organisationen der Arbeiterklasse – Sowjets, Gewerkschaften/Syndikate, Fabrikkomitees, Produktions- und Konsumgenossenschaften usw. Den Aufzeichnungen der Allrussischen Gewerkschaftskongresse von 1918-1920 zufolge hatten die Anarchosyndikalisten einen bedeutenden Einfluss auf die Gewerkschaften/Syndikate der Metallarbeiter, Eisenbahner, Textilarbeiter, Seefahrer und Hafenarbeiter, Bäcker, Bergleute und unter den Angestellten des Telegrafen- und Postdienstes. Eine ganze Reihe von Gewerkschaften/Syndikate wurde unter der Führung von Anarchistinnen und Anarchisten betrieben, darunter die Gewerkschaft/Syndikat der Moskauer Bäcker, die Gewerkschaft/Syndikat der Moskauer Chemiker und Parfümeure, die Gewerkschaft/Syndikat der Schwarzseematrose, die Post- und Telegrafengewerkschaft von Petrograd, die Gewerkschaft/Syndikat der Transportarbeiter am Wolga-Fluss, die Gewerkschaft/Syndikat der Metall-, Holz- und anderen Arbeiter von Gulyai-Polye, die Gewerkschaft/Syndikat der Goldminenarbeiter, die nach genossenschaftlichen Prinzipien in Transbaikalien arbeitete, usw. Im Zentralkomitee der Allrussischen Metallarbeitergewerkschaft (VSRM) wurden Anarchistinnen und Anarchisten durch A.K. Gastev und A.Z. Gol’Tsman vertreten. Sie wurden auch in Führungspositionen in den lokalen Zweigstellen der VSRM in den Provinzen Jekaterinoslavskaja, Orloskaja und Charkowskaja sowie im Ural gewählt. Unter den Mitgliedern des Zentralkomitees der Allrussischen Gewerkschaft der Post- und Telegrafenangestellten14 waren auch Anarchistinnen und Anarhisten vertreten.

Ein bedeutender Teil der anarchistischen Bewegung betrachtete die Gewerkschaften/ Syndikat als eine „veraltete Form” der Arbeiterbewegung, im Gegensatz zu den Fabrikkomitees (fabzabkoms). Anarchistinnen und Anarchisten verschiedener Tendenzen sahen in diesen in Russland neuartigen Organen das Instrument, mit dem sie dem Proletariat die Errichtung einer „echten Arbeiterkontrolle” ermöglichen könnten, gefolgt von der Selbstverwaltung der Produktion und Verteilung, was schließlich zur Neuordnung des gesamten ökonomischen Lebens des Landes auf der Grundlage eines staatenlosen Sozialismus führen sollte. Mit dieser Perspektive nahmen anarchistische Delegierte an den Konferenzen der Fabzabkoms von Petrograd und Umgebung im Juni-Dezember 1917 am Ersten Allrussischen Fabzabkom-Kongress im Oktober 1917 und am Ersten Allrussischen Gewerkschaftskongress im Januar 1918 teil. Zu den bekanntesten Aktivisten der anarchistischen Bewegung, die in den Fabzabkoms arbeiteten und diese sogar leiteten, gehörten K.V. Akashev und G.P. Maksimov (Petrograd), V.P. Bekrenyev und M.S. Khodunov (Moskau), M.A. Petrovsky (Odessa), Yu. Rotenberg (Charkow), I.P. Zhuk (Schlüsselburg), B. K. Shatilo (Kuzbass) und andere Aktivisten. Der Anarchosyndikalist V.S. Shatov aus Petrograd wurde Ende 1917 in den allrussischen Exekutivausschuss der Fabzabkoms gewählt.15

Ende 1917 – Anfang 1918, als das alte Staatssystem zerfiel und das neue, der bolschewistische Staat, noch im Entstehen begriffen war, gingen Anarchistinnen und Anarchisten zur sogenannten Sozialisierung der Unternehmen über, d. h. zum Übergang zur vollständigen Kontrolle durch die Arbeiterkollektive. Aus Sicht der Anarchistinnen und Anarchisten selbst war dies nur der erste Schritt, auf den die Umgestaltung aller Regionen und schließlich des ganzen Landes folgen sollte. Die Sozialisierung wurde als direkte Umsetzung eines der wichtigsten Slogans der Oktoberrevolution verstanden: „Die Fabriken den Arbeitern”. Die Umsetzung dieses Programms stieß jedoch bereits auf Widerstand seitens der sowjetischen Behörden, deren ökonomische Politik sich auf ein System der Arbeiterkontrolle beschränkte und später auf die vollständige Verstaatlichung der gesamten Ökonomie reduziert wurde. Trotz des Widerstands hatte die anarchistische Bewegung die Unterstützung von Arbeiterkollektiven und führte die Vergesellschaftung der Schwarzmeer-Handelsflotte (zusammen mit den Häfen von Odessa und ihren Werften), der Fabriken der Zementindustrie und des Maschinenbaus, der Unternehmen im Dienstleistungssektor (Cafés, Restaurants, Hotels) in der Oblas [Verwaltungsabteilung zwei Stufen unterhalb der nationalen Ebene (Anmerkung des Übersetzers)] von Kubano-Chernomorskaya, Minen im Becken von Cheremkhovskaya (Gouvernement Irkustk) und einzelne Unternehmen in anderen Regionen, darunter einige große wie die Pulverfabrik von Schlüsselburg16.

Diese Experimente zur Sozialisierung der Ökonomie hielten nicht lange an. Im Frühjahr/Sommer 1918 fanden sich Anarchistinnen und Anarchistin in der Ukraine, Sibirien, dem Ural und den Regionen Wolga und Kuban-Tschernomorskaja wieder im Untergrund, die alle von Interventionisten und der Weißen Garde besetzt waren. Zur gleichen Zeit begannen die sowjetischen Behörden, die anarchistische Bewegugng zu verfolgen. Trotzdem sah eine Fraktion von Anarchistinnen und Anarchisten die Bolschewiki weiterhin als Verbündete im Kampf gegen das bourgeoise System an und blieb in ihren Positionen in den Organen des Sowjetstaates. Andere erhoben sich gegen das bolschewistische Regime, unter anderem durch die Teilnahme an ökonomischen Streiks (Petrograd, Bryansk, Tula, Rjasan usw.)17 und die Gründung illegaler Gewerkschaften/Syndikate wie beispielsweise der „Föderation der Arbeiter der Lebensmittelindustrie”, die Anfang 1920 in Moskau von Anarchistinnen/Anarchisten und Sozialrevolutionären-Maximalisten organisiert wurde. Schließlich beteiligten sich viele Anarchistinnen und Anarchisten an offenen bewaffneten Kämpfen gegen den Bolschewismus, vor allem in den Reihen der aufständischen Machnowisten-Bewegung. Wichtige Rollen in dieser Bewegung spielten prominente Aktivisten der russischen Arbeiterbewegung wie P.A. Arschinow, der Mitglied des Zentralkomitees der Allrussischen Textilarbeitergewerkschaft war, und P.A. Rybin, der im Territorialbüro der Metallarbeitergewerkschaft Südrusslands tätig war.

Der dritte Abschnitt unserer Periodisierung der anarchistischen Bewegung umfasst die Jahre 1922 bis zum Ende der 1930er Jahre. Von den etwa 1.100 Anarchistinnen und Anarchisten, die wir aus dieser Zeit kennen, haben wir den Beruf von 543 ermittelt. Unter ihnen finden wir nur 156 Arbeiter (28,8 %); es ist derzeit nicht möglich, genauere Angaben zu den vertretenen Berufen zu machen.

Die Studien zur Geschichte des russischen Anarchismus in den 1920er und 1930er Jahren sind rar und fragmentarisch. Es gibt jedoch Informationen über einige anarchistische Gruppen aus dieser Zeit, darunter auch anarchistische Gruppen aus der Arbeiterklasse. Die illegalen Gruppen und Kreise, die sich sowohl aus Veteranen der Bewegung als auch aus Vertretern der neuen Generation von Anarchokommunisten und Gewerkschaftern/Syndikalist nzusammensetzten, waren vor allem in Moskau, Leningrad, Charkow, Odessa und Jekaterinoslaw (Dnepropetrowsk) aktiv. In diesen historischen Zentren der Bewegung gab es Anfang der 1930er Jahre anhaltende Unruhen in verschiedenen Bevölkerungsschichten, darunter auch unter den Arbeitern. Es gab Versuche, illegale Literatur zu veröffentlichen, und es kam zu Streiks für wirtschaftliche Forderungen18. Verschiedenen Quellen zufolge war eine der letzten illegalen anarchistischen Gruppen 1937 unter den Arbeitern der Traktorenfabrik in Stalingrad aktiv.

Verfasst von Anatoly Viktorovich Dubovik


Dieser Artikel wurde auf der Internationalen Wissenschaftlich-Praktischen Konferenz zum Thema „Die Arbeiterbewegung und die Linke gegen Autoritarismus und Totalitarismus: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsperspektiven” (Moskau, 3.-4. November 2011) vorgestellt.

Anatoly Viktorovich Dubovik, seit 1989 anarchistischer Aktivist, hat zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte des Anarchismus verfasst.


1S. N. Kanev, Oktyabr’skaya revolyutsiya i krakh anarkhizma [Die Oktoberrevolution und der Untergang des Anarchismus] (Moskau, 1974), S. 29.

2V. V. Kriven’kiy, Anarkhisty. // Politicheskiye partii Rossii. Konets XIX – pervaya tret’ XX veka. [Anarchisten. // Politische Parteien Russlands. Ende des 19. Jahrhunderts – erstes Drittel des 20. Jahrhunderts] (Moskau: ROSSPEN, 1996), S. 31.

3Rezolyutsii Londonskikh s”yezdov anarkhistov-kommunistov 1904 i 1906 gg. [Beschlüsse des anarchokommunistischen Kongresses von London 1904 und 1906] // Anarkhisty. Dokumenty i materialy. Band 1. 1883-1916 gg. [Anarchisten. Dokumente und Materialien. Band 1. 1883-1916.] (Moskau: ROSSPEN, 1998), S. 68, 167-170.

4V. V. Kriven’kiy, Anarkhisty-sindikalisty. [Anarchosyndikalisten.] // Politicheskiye partii Rossii. Konets XIX – pervaya tret’ XX veka. [Politische Parteien Russlands. Ende des 19. Jahrhunderts – erstes Drittel des 20. Jahrhunderts] (Moskau: ROSSPEN, 1996), S. 38-39; Al’manakh. Sbornik po istorii anarkhicheskogo dvizheniya v Ros-sii. T. 1. [Almanach. Eine Sammlung von Artikeln zur Geschichte der anarchistischen Bewegung in Russland. Band 1.] (Paris, 1909), S. 55-57, 60-61; B. I. Gorev, Apolitichnyye i antiparlamentskiye gruppy (anarkhisty, maksimal-isty, makhayevtsy) [Unpolitische und antiparlamentarische Gruppen (Anarchisten, Maximalisten und Machnowisten)] // Ob-shchestvennoye dvizheniye v Rossii v nachale KHKH veka. T. 3. Kn. 5. [Soziale Bewegungen in Russland zu Beginn des Jahrhunderts. Band 3. Buch 5.] (St. Petersburg, 1914), S. 23.

5D. Novomirskiy, Anarkhicheskoye dvizheniye v Odesse. [Die anarchistische Bewegung in Odessa.] //Mikhailu Bakuninu. 1876-1926: Ocherki istorii anarkhicheskogo dvizheniya v Rossii. [Für Michail Bakunin. 1876-1916: Skizzen zur Geschichte der anarchistischen Bewegung in Russland] (Moskau: Golos truda[Die Stimme der Arbeit], 1926), S. 246-278; V. Savchenko, Anarkhisty-terroristy v Odesse (1905-1913). [Anarchistischer Terrorismus in Odessa (1905–1913).] (Odessa: Optimum, 2006), S. 120–123, 186–188, 190–193; A. Sukhov, Odesskiy port v 1906 godu. Vospominaniya agitatora. [Der Hafen von Odessa im Jahr 1906. Erinnerungen eines Agitators.] // Kandal’nyy zvon. [Das Klirren der Fesseln.] Izdaniye Odesskogo otdeleniya Vsesoyuznogo ob-shchestva byvshikh politkatorzhan i ssyl’noposelentsev. [Eine Veröffentlichung der Odessa-Abteilung der Allrussischen Gesellschaft ehemaliger politischer Gefangener und Verbannter.] (1926, Nr. 5), S. 15-29.

6Anarkhisty. Dokumenty i materialy. Band 2. 1917–1935. [Anarchisten. Dokumente und Materialien. Band 2. 1917–1935.] (Moskau: ROSSPEN, 1998), S. 642–643.

7Al’manakh. Sbornik po istorii anarkhicheskogo dvizheniya v Rossii. T. 1., S. 19.

8Anarkhizm. Iz dokladnoy zapiski Departamenta Politsii v 1909 g. [Anarchismus. Aus den Berichten der Polizeibehörde von 1909] // Chernaya Zvezda [Schwarzer Stern], (Moskau, 1995).

9Anarkhisty. Dokumenty i materialy. Band 2. 1917-1935., S. 316-317, 641; V. Savchenko,Anarkhisty-terroristy v Odesse (1905-1913). (Odessa: Optimum, 2006), S. 120-121, 130-131.

10Anarkhisty. Dokumenty i materialy. Band 2. 1917-1935., S. 316-317, 641; V. Savchenko,Anarkhisty-terroristy v Odesse (1905-1913). (Odessa: Optimum, 2006), S. 120-121, 130-131.

11Anarkhisty. Dokumenty i materialy. Band 2. 1917-1935., S. 128-130.

12Siehe die Biographien von V. Ya. Krevin und anderen russischen Anarchisten in: Politicheskaya katorga i ssylka. Biograficheskiy spravochnik chlenov Obshchestva politkatorzhan i ssyl’noposelentsev. 

13Al’manakh. Sbornik po istorii anarkhicheskogo dvizheniya v Rossii. T. 1., S. 63; P. Arshinov,Dva pobe-ga. Iz vospominaniy anarkhista. 1906-1909 gg. [Zwei Fluchten. Aus den Erinnerungen eines Anarchisten. 1906-1909.] (Paris: Eine Veröffentlichung von Dielo truda [Die Arbeiterfrage], 1925), S. 18–21.

14– 14. V. V. Kriven’kiy, Anarkhisty-sindikalisty. // Politicheskiye partii Rossii. Konets XIX – pervaya tret’ XX veka., S. 38-39; P. Avrich, Russkiye anarkhisty. 1905-1917. [Die russischen Anarchisten. 1905-1917. (Moskau: ZAO Tsetnrpoligraf, 2006), S. 154, 175; O. M. Movchan, O. P. Reínt, Mízhpartíyna polítichna bo-rot’ba u profspílkovomu rusí Ukraí ̈ni (1917-1922) [Der interne politische Kampf in der ukrainischen Gewerkschaftsbewegung (1917-1922)] // Ukraí ̈ns’kiy ístorichniy zhurnal [Zeitschrift für ukrainische Geschichte] (Kiew, 1995), Nr. 5, S. 11; G. P. Maksimov, Sindikalisty v russkiy revolyutsii.[Gewerkschafter in der Russischen Revolution] o. J., o. S.; V. Savchenko, Anarkhisty-terroristy v Odesse (1905-1913), S. 200-201; A. A. Shtyrbul, Anarkhistskoye dvizheniye v Sibiri v pervoy chetverti 20 v.: Antigosudarstvennyy bunt i negosudar-stvennaya samoorganizatsiya trudyashchikhsya: Teoriya i praktika. [Die anarchistische Bewegung in Sibirien im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts: Antistaatliche Rebellion und nichtstaatliche Selbstorganisation der Arbeiterklasse: Theorie und Praxis.] (Omsk: Izd-vo OPU, 1996), Teil 1, S. 146-147; Politicheskiye deyateli Rossii. 1917. Biograficheskiy slovar’.[Politische Aktivisten Russlands. 1917. Biografisches Wörterbuch.] (Moskau: BRE, 1993), S. 404; Anarkhisty. Dokumenty i materialy. Band 2. 1917–1935., S. 39–41, 264–265.

15V. Savchenko, Anarkhisty-terroristy v Odesse (1905–1913)., S. 214–215. V. Degot’, Pod znamenem bol’shevizma. Zapiski podpol’shchika. [Unter dem Banner des Bolschewismus. Notizen eines Aktivisten im Untergrund.], Izdatel’stvo Vsesoyuznogo obshchestva politkatorzhan i ssyl’noposelentsev. [Eine Veröffentlichung der Gesellschaft aller politischen Gefangenen und Verbannten.] (Moskau, 1933), S. 232, 255; A. I. Kozlov, Vo imya revoly-utsii. [Im Namen der Revolution.] (Rostow, 1985), S. 104-107; ; G. P. Maksimov, Sindikalisty v russkiy revolyutsii., n. d., n. p.; A. A. Shtyrbul, Anarkhistskoye dvizheniye v Sibiri v pervoy chetverti 20 v., Teil 1, S. 183-186.

16Siehe z. B. Grazhdanskaya voyna i voyennaya interventsiya v SSSR [Der Bürgerkrieg und die militärische Intervention in der UdSSR] (Moskau, 1983), S. 34; Goneniya na anarkhizm v Sovetskoy Rossii. [Die Verfolgung des Anarchismus in Sowjetrussland] (Berlin, 1922), S. 50.

17A. Razumov, Pamyati yunosti Lidii Chukovskoy [Erinnerungen an die Jugend von Lidiya Chukovskaya] //Zvezda (Sankt Petersburg, 1999, Nr. 9), S. 117-136; Unknown Anarchists: Nicholas Lazarevitch // Kate Sharpley Library Bulletin (London, 1997, Nr. 11); Sobstvennoruchnyye pokazaniya Belasha Viktora Fedorovicha. [Die Geständnisse von Viktor Fedorovich Belash], aus dem Buch: L. D. Yarutskiy, Majnó i Majnóvtsy. [Majnó und die Majnovisten] (Mariupol, 1995). V. A. Savchenko, Anarkhistskoye podpol’ye v Odesse v 20-30-ye gg. XX veka. [ Die Untergrundanarchisten in Odessa in den 1920er- und 1930er-Jahren] // Yugo-Zapad. Odessika (Odessa, 2009). № 7, S. 108-135; A. V. Dubovik, K istorii anarkhicheskogo dvizheniya v Ukraine (1922-1938). [Zur Geschichte der anarchistischen Bewegung in der Ukraine (1922-1938).] // Yugo-Zapad. Odessika (Odessa, 2011), Nr. 7, S. 182-198; D. I. Rublev, Istoriya odnoy listovki i sud’ba anarkhista Varshavskogo (iz istorii anarkhistskogo soprotivleniya totalitarizmu). [Die Geschichte einer Broschüre und das Schicksal des Anarchisten Warshavskiy (Aus der Geschichte des anarchistischen Widerstands gegen den Totalitarismus) // 30. Oktober, Nr. 66, 2006; Materialien der Gruppe „Soprotivleniye rossiyskikh sotsialistov i anarkhistov posle oktyabrya 1917 g.” [„Widerstand russischer Sozialisten und Anarchisten nach dem Oktober 1917”] im NIPTS „Memorial” [Wissenschaftliches Informations- und Bildungszentrum „Memorial”] (Moskau).

18Sobstvennoruchnyye pokazaniya Belasha Viktora Fedorovicha, aus dem Buch: L. D. Yarutskiy, Majnó i Majnóvtsy. [Majnó und die Majnóvtsy] (Mariupol, 1995)

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