Gefunden auf edizioni anarchismo, die Übersetzung ist von uns. Wenn man hier eine Kritik am „Rätekommunismus“, was durchaus interessant wäre, sucht, tut man dies leider vergeblich. Denn es handelt sich hier um einen Text der die Hyper-Idealisierung des „Rätekommunismus“, wie ihn die Situationistischen Internationale verstand und verteidigte, kritisiert. Genauso wie jene Strömungen der (radikalen) Linken des Kapitals, also jenen falschen Kritikern des Kapitalismus, die über die Verwaltung des Kapitals diskutieren und es Selbstverwaltung nennen. Eine ganz alte Diskussion eigentlich.
Das zentrale Thema dieser Textsammlung ist daher eigentlich die Kritik an der Vorstellung dass die Verwaltung einer Fabrik (um ein Beispiel zu nennen, eine Fahrradwerkstatt wäre genauso richtig) durch die Arbeiterinnen und Arbeiter selbst, nicht die entfremdete Arbeit abschaffen wird. Das also das eigentliche Problem der Produktion die Produktion selbst sei. Genauso wie eine allgemeine Kritik an der (Lohn-)Arbeit selbst.
Daher handelt es sich nicht um eine allgemeine Kritik am Rätekommunismus. Eigentlich beschäftigen sich die Texte, wie es auch in der Einleitung von Alfredo Maria Bonanno steht, mit der Kritik an der Arbeit: „Vielleicht ist es heute nicht leicht, die rekuperierenden Aspekte des Rätekommunismus zu erkennen, da sich die Arbeitsideologie unter verschiedenen Abkürzungen versteckt, aber dennoch dasselbe Ziel verfolgt, nämlich die Zukunft der Produktion vor jedem möglichen Angriff zu schützen.“.
Einige Worte unserseits zu Thema Rätekommunismus.
Das was als Rätekommunismus in die Geschichte eingegangen ist, hat seinen Grundstein im I. Weltkrieg und mit dem Bruch Seitens einer Gruppe von Revolutionären mit der Sozialdemokratie (oder mit der Sozialistischen Internationale als ganzes), die ihre Interessen am Ende in der Verteidigung der eigenen Nation sah.
Für diese Gruppe von Revolutionären die in mehreren Ländern zu finden war, bedeutete dies die endgültige Niederlage der Sozialdemokratie (sowie deren Gewerkschaften/Syndikate, …). Es wäre an dieser Stelle wichtig zu erinnern dass die anarchistische Bewegung schon lange davor den reformistischen Charakter der Sozialdemokratie (oder sozialistischen Organisationen/Parteien), schon lange davor kritisierte und in dieser Kritik richtig lag.
Für diese Revolutionären war es klar dass der I. Weltkrieg nicht nur ein imperialistischer war, sondern dass dieser nur vom Proletariat selbst durch die Zerschlagung des Kapitalismus (mit all seinen politischen Organisationsformen: Parteien, Gewerkschaften/Syndikate, Parlament, Staat, etc.) beendet werden kann.
Mit dem Ausbruch der russischen Revolution von 1917 kritisierten sie auch, wenn anfangs zaghaft, die spätere Bolschewisierung (die Diktatur der Partei) derselben und legten damit einen sehr wichtigen Baustein in der Kritik am Bolschewismus (Leninismus) nieder.
Es gibt viele Aspekte an dem was später als Rätekommunismus bezeichnet wird, die problematisch, genauso widersprüchlich, sind (die Rolle der Partei, die Rolle der Obmänner in den Fabriken, die Beziehung zur UdSSR), aber anderseits für uns als Anarchistinnen und Anarchisten sehr interessant sind (die Verteidigung der Autonomie und Spontanität der Klasse, Kritik an der Partei-Avantgarde, Kritik an den Syndikalismus, und noch vieles mehr). Diese Debatte ist daher definitiv noch nicht am Ende und ist auch nicht zu Ende. Für einige interessante Kritiken am Rätekommunismus empfehlen wir (La Guerre Sociale) Die Staatsfrage.
Wir werden in den kommenden Tagen zwei Texte veröffentlichen die sich auch diesen Fragen widmen und etwas Licht einbringen, zumindest über das Verhältnis zwischen Anarchismus und Rätekommunismus und was überhaupt Räte sind und welche Funktion sie noch heutzutage zu erfüllen haben könnten.
Yves Le Manach
Kritik des Rätekommunismus und andere Schriften
Veröffentlicht in „Anarchismo” Nr. 57, Juni 1987, S. 14-19
Erste Ausgabe als Buch: November 2013
Provisorische Broschüren Nr. 33
Yves Le Manach
Kritik des Rätekommunismus und andere Schriften
Einleitende Anmerkung zur zweiten Auflage
Insgesamt fügt sich diese Arbeit von Le Manach mit den folgenden Beiträgen in dieser Broschüre zu einer gemeinsamen Vision „gegen” die Arbeit zusammen. Vielleicht ist es heute nicht leicht, die rekuperierenden Aspekte des Rätekommunismus zu erkennen, da sich die Arbeitsideologie unter verschiedenen Abkürzungen versteckt, aber dennoch dasselbe Ziel verfolgt, nämlich die Zukunft der Produktion vor jedem möglichen Angriff zu schützen. Aber wenn man das terminologische Missverständnis ausräumt, wird der Kern der Sache deutlich. Der Produzent, der sich von der Produktion befreit, die ihn überwältigt und belastet, hat nichts zu verlieren als seine Ketten. Jede restaurative Schönrederei, vom breiten Spektrum der Reformisten bis zum planerischen Extremismus des Anarchosyndikalismus, kann diese offensichtliche Tatsache nicht leugnen.
Die anderen Schriften folgen derselben analytischen Linie. Die Arbeit, die darauf abzielt, die Schäden, die der Arbeitismus verursacht hat und weiterhin verursacht, deutlich zu machen, kann nie zu viel sein.
Mit der Vergangenheit zu brechen, das ist das innere Motiv jedes revolutionären Strebens.
Triest, 26. Oktober 2011
Alfredo M. Bonanno
Einleitende Bemerkung zur ersten Ausgabe
Diese Mitte der 1970er Jahre verfasste Analyse hat in gewisser Hinsicht ausgedient. Unter anderem ist heute die Bedeutung der „Automatisierung”, die Le Manach als Alternative zur Arbeit vorschlägt, unklar. Heute wissen wir, dass die neuen Technologien eine „relative” Automatisierung der Produktion ermöglichen, was keineswegs einer Befreiung von der Ausbeutung entspricht. Tatsächlich eröffnen sich vor den verdummten Augen der Proletarier neue Horizonte der Sklaverei. In vielerlei anderer Hinsicht bleibt die Schrift jedoch gültig. In erster Linie wegen ihrer scharfen Kritik am Rätekommunismus – jeglicher Art –, auch wenn der Autor vor allem den situationistischen Rätekommunismus ins Visier nimmt. Letztendlich haben die Situationisten aus vielen Gründen die rätekommunistische Theorie auf die Spitze getrieben und damit, oft ungewollt, ihre Rückständigkeit und ihre Verbundenheit mit den alten Vorstellungen von Produktion und Klassenkampf als Konflikt quantitativer Organisationen aufgezeigt.
Alfredo M. Bonanno
Kritik des Rätekommunismus
Die revolutionäre Kritik der Geschichte muss sich auf die Entwicklung des realen Produktionsprozesses stützen, und zwar ausgehend von der materiellen Produktion des unmittelbaren Lebens, die einerseits von den Produktivkräften und andererseits von den daraus resultierenden Produktionsverhältnissen geprägt ist. Indem sie diese materielle Kritik in ihren Analysen auslassen, hinterlassen die Situationisten nur eine Spur, ein Konzept, eine Idee davon.
Riesel konstruiert so den Begriff „Rat“: „Indem er die groben Fälschungen der Sozialdemokratie, der russischen Bürokratie, des Titoismus und des Ben-Bellismus verwirft und vor allem die Unzulänglichkeiten der bisherigen kurzen praktischen Erfahrungen mit der Macht der Räte anerkennt und sich auf die gleichen Vorstellungen der revolutionären Rätekommunisten stützt“. Auf diese Weise greift Riesel nicht die materiellen Grundlagen der Geschichte an, nicht das dialektische Verhältnis zwischen Produktionsmitteln und Produktionsverhältnissen, sondern nur die ideologischen Vorstellungen, unter denen sich die Geschichte den Menschen darstellt.
Selbst wenn er die Unzulänglichkeiten der praktischen Erfahrungen der Macht der Räte anerkennt, beharrt er auf seinem Irrtum, indem er nicht sieht, dass diese Unzulänglichkeiten nicht denen der Macht der Räte zuzuschreiben sind, sondern denen des vorübergehend in Räten organisierten Proletariats. Die Situationisten irren, wenn sie den rätekommunistischen Moment der Klassenkämpfe als deren Ziel betrachten. Es ist bereits ersichtlich, dass nicht in den Antworten, sondern in den Fragen selbst eine Mystifizierung liegt. Nicht die Räte bestimmen die Bewegung der Negation der Proletarier, sondern umgekehrt die Proletarier, die ausgehend vom realen Prozess der materiellen Produktion des unmittelbaren Lebens über die Mittel ihrer Befreiung entscheiden, die sich im Laufe der Zeit ändern.
Wenn man das Problem richtig formuliert, wird sofort deutlich, dass die Räte in ihren verschiedenen historischen Erscheinungsformen seit ihrer Entstehung unterschiedliche überstrukturelle Motive hatten: Krieg, ökonomische Krise, nationalistischer Kampf. Die Verbindung, die die verschiedenen Erfahrungen der Räte verbindet, ist eine historische Verbindung, sie sind in einer ganz bestimmten Phase der Entwicklung der Produktivkräfte entstanden: in der Zeit der umfassenden Mechanisierung der industriellen Arbeit, der Taylorisierung und der Elektrifizierung. Die Arbeit am Fließband ist mit der Existenz einer neuen Energiequelle verbunden, nämlich der Elektrizität. Nicht Lenin hat den Kommunismus zur Möglichkeit der Elektrifizierung geführt, sondern die Elektrizität selbst hat ihn sozusagen elektrifiziert.
Abgesehen von den verschiedenen ideologischen Darstellungen, unter denen uns die Räte präsentiert werden, bleiben sie in Wirklichkeit Gefangene der historisch begrenzten Formen der Arbeitsorganisation. Die Subjektivität der Räte hat sich nicht auf objektiver Basis befreit, sondern ist im Gegenteil deren Gefangene geblieben. Subjektivität muss materiell sein, sonst bleibt sie nur ein Moment des Geistes. Indem sie diese Subjektivität der bolschewistischen Ideologie entgegenstellen wollen, stellen sich die Situationisten auf die gleiche Ebene wie diese, weil sie eine Illusion einer anderen entgegenstellen und dabei die materiellen Voraussetzungen verbergen, von denen man nicht abstrahieren kann. Die Räte sind in erster Linie Fabrikräte und können nichts anderes als reformistische Maßnahmen im Rahmen der Fabrik fordern. Indem man die Türen der Fabriken für Frauen, Jugendliche und die Bewohner des Viertels öffnet, beseitigt man nicht ihren korporativen Aspekt. Im Gegenteil, man entfremdet noch mehr Menschen. Das Problem war nie, die gesamte Bevölkerung in die Produktion einzubeziehen, sondern diejenigen, die noch dort sind, herauszuholen. Mit der Beseitigung des Elends haben die materiellen Projekte der Räte nie etwas anderes beabsichtigt als eine Neuordnung der Arbeit als soziale Funktion: „Wir selbst zu Sklaven ohne Herren zu werden, Sklaven unserer Maschinen, unserer Arbeit, unseres Lebens“.
Die Räte sind nichts anderes als eine historische Form des Widerstands (der Beteiligung) und ein historischer Moment in der Entwicklung der Produktivkräfte. Ihre ideologische Haltung ist nichts anderes als das Bild einer lächerlichen Sehnsucht nach einer Zeit des traurigen und elenden Humanismus. Genauso wenig wie wir einen Menschen nach dem Bild beurteilen, das er von sich selbst hat, können wir eine solche Bewegung nach ihrem Selbstbewusstsein beurteilen. Vielmehr muss dieses Bewusstsein mit dem Konflikt erklärt werden, der zwischen den sozialen Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen besteht. Es ist zu einfach, sich vorzustellen, dass es in der Geschichte nur um die Machtübernahme geht, insbesondere in der Geschichte des Proletariats. Bei der Machtübernahme, die die Proletarier vollziehen müssen, geht es darum, zu wissen, ob die Gesellschaft, die sie übernehmen, automatisierte Produktivkräfte entwickelt hat, wie es in den fortgeschrittensten modernen Staaten der Fall ist, oder ob diese Produktivkräfte nur auf ihrer Vereinigung und Gemeinschaft beruhen (Vereinigung und Gemeinschaft sind hier als Spaltung und egoistisches Interesse zu verstehen). Wenn wir hinschauen, stellen wir immer fest, dass eine Gesellschaftsformation niemals verschwindet, bevor sich alle Produktivkräfte, die sie zu enthalten vermag, entwickelt haben, und dass niemals neue und höhere Verhältnisse an ihre Stelle treten, bevor sich die Bedingungen für diese Verhältnisse im Schoß der alten Gesellschaft selbst entfaltet haben. Es scheint außerdem offensichtlich, dass die Aneignung vom Gegenstand der Aneignung abhängig ist. Die Räte können sich keinesfalls einer Fabrik eines Industriellen bemächtigen, der fragmentierte Arbeit benötigt, ohne dass sie ihrerseits gezwungen sind, sich den Produktionsbedingungen zu unterwerfen. Die Niederlagen der proletarischen Revolutionen bis heute lassen sich nicht anders erklären. Die verschiedenen gewerkschaftlichen/syndikalistischen, bolschewistischen und sozialdemokratischen Apparate sind nicht für diese Niederlagen verantwortlich, wie Riesel meint, sie sind nur ein Ausdruck dieser Niederlagen: derjenige, der nicht sterben kann. Die proletarischen Revolutionen kritisieren sich ständig selbst, verspotten gnadenlos das Zögern, die Schwächen und das Elend ihrer ersten Versuche, sie scheinen ihren Gegner nur zu besiegen, um ihm zu ermöglichen, neue Kräfte aus der Erde zu schöpfen und sich erneut vor ihnen zu erheben, sie weichen ständig vor der unendlichen Größe ihrer eigenen Ziele zurück, bis eine Situation entsteht, die jede Rückkehr unmöglich macht. Auch wenn das Proletariat vor seinen Zielen unversehrt bleibt, schleppt es dennoch seine Fehler, seine verknöcherten Schwächen mit sich. Nach den Genossenschaften, den Gewerkschaften/Syndikaten, den sozialdemokratischen Parteien, den marxistisch-leninistisch-trozkistisch-guevaristisch-maoistischen Parteien wird es die Leiche der Räte mit sich schleppen müssen.
Die konkreten Elemente einer totalen Umwälzung sind einerseits die vorhandenen Produktivkräfte und andererseits die Bildung einer revolutionären Masse. Wenn diese Bedingungen nicht gegeben sind, ist es für die praktische Entwicklung völlig gleichgültig, dass die Idee dieser Umwälzung schon tausendmal geäußert worden ist, wie die Geschichte des Kommunismus beweist. Für die große Masse der Menschen, d. h. für das Proletariat, existieren diese theoretischen Vorstellungen nicht. Für diese Masse müssen sie auch nicht gelöst werden, und wenn sie jemals theoretische Vorstellungen hatten (wie die Arbeiterräte), so sind diese längst durch die Umstände aufgelöst worden. Zeigen wir einander, Gefährten, das Etikett, das sie an ihren Platz verweist.
Anstatt durch die Brille des Rätekommunismus zu schauen, wäre es wichtiger zu zeigen, in welchem Stadium sich die Produktivkräfte befinden, und parallel dazu aufzuzeigen, welche neuen Verhältnisse sie in die alte Gesellschaft hineinziehen und welche Widersprüche sie dort hervorrufen. Ab einem bestimmten Stadium ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch zu den bestehenden Produktionsverhältnissen, zu den Eigentumsverhältnissen, in die sie sich bis dahin verwandelt hatten. Aus Entwicklungsformen werden Hindernisse. Dann beginnt eine Periode der sozialen Revolution. Das Fest beginnt. Aber wenn das Fest vorbei ist, muss man wieder mit der Produktion beginnen. Unter welchen Bedingungen werden wir wieder produzieren? Nicht in einer Gesellschaft, die die Arbeit durch den Reichtum der Technik abgeschafft hat, sondern in einer Gesellschaft, die gestorben ist, weil sie dazu nicht in der Lage war. Doe Bourgeoisie, die ohne ständige Revolutionierung der Produktionsmittel nicht existieren kann, überwindet sich selbst mit den Mitteln, die sie selbst geschaffen hat. Sie schmiedet die Waffen, die sie töten werden.
Das Proletariat wird eine Welt hinter sich haben, die mit der Idee der Automatisierung gestorben ist, und vor sich eine Welt, die materiell automatisiert werden muss. Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Zeit der Umwandlung der ersten in die zweite, und es ist nicht die Verbindung des Wortes „Rat” mit dem Wort „Arbeiter”, die den Entwicklungsgrad der Übergangszeit in Bezug auf die Arbeitsteilung voranbringen wird. Die Abschaffung dieser Arbeitsteilung hängt von einer Vielzahl materieller Voraussetzungen ab, die durch den Willen und den bewaffneten Kampf des Proletariats allein nicht zu verwirklichen sind. Man muss sich klar machen, dass Arbeitsteilung und Privateigentum identische Ausdrücke sind. Jede neue Stufe der Arbeitsteilung bestimmt die Beziehungen der Individuen untereinander in Bezug auf die Arbeitsmittel, die Arbeitsgeräte und die Arbeitsergebnisse. Die Verteilung der Gebrauchsgegenstände ist nichts anderes als die Folge der Produktionsbedingungen.
Die Transformationsphase wird lang genug sein, damit sich neue Machtformen etablieren können. Die Vertreter der neuen Gesetze werden den Arbeitern erzählen, dass sie endlich verwirklicht sind, und deshalb werden sie nicht zögern, nackte Frauen auf die Maschinenbänke zu setzen und die Idee zu verbreiten, dass der Lärm der Maschinen und Presslufthämmer soziale Musik ist. Dieselben werden am Tag nach dem Fest sagen, dass es Zeit für das Proletariat ist, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen (wieder zu produzieren!). Aber ihre Lügen werden durch die Arbeitsteilung materiell entlarvt werden. Wenn die Proletarier sich in ihrer eigenen Negation verwirklichen wollen, dürfen sie nicht das historische Elend übernehmen, sie haben nur eine Forderung, die nicht die Idee der Arbeiterräte in sich enthält: nicht mehr Arbeiter zu sein, nicht mehr zu arbeiten.
Ein Proletariat, das sich nicht im Reichtum der Techniken verwirklichen kann, das noch immer der Arbeitsteilung unterworfen ist und gezwungen ist, als Klasse zu handeln, hat nur einen revolutionären Ausweg: die nihilistische Praxis. Das ist seine einzige Möglichkeit, positiv zu sein, sein Wesen und seine Funktion als Klasse zu konstruieren, indem es sich selbst negiert. Nur unter diesen Bedingungen werden wir die verschiedenen Reformismen vermeiden.
Ich halte es für gefährlich, die Probleme, die sich aus der quasi Unausweichlichkeit einer „Übergangsphase” des Rätekommunismus und der Selbstverwaltung ergeben, in sehr vagen Begriffen wie den folgenden untergehen zu lassen: Kontrolle der Delegierten durch den Reichtum der Techniken, sofortige Steigerung der Lebensfreude, drei oder vier Stunden pro Woche frei gewählte Arbeit, attraktive Erprobung von Dienstleistungen, vorrangige Bereiche, Überwindung von Trennungen durch eine kollektive Politik der Wünsche usw. Man kann genauso gut offen und sofort sagen, dass der rätekommunistische und selbstverwaltete Übergangsstaat immer noch eine Welt der Ökonomie ist, in der die „Arbeitsfreude” immer noch als Maßstab dient und in der der mühsame Charakter, der durch die spielerische Organisation nicht verschleiert wird, für die Definition dieses Maßstabs entscheidend ist. In der Gesellschaft der Räte ist das Recht auf Arbeit ein für alle gleiches Recht, aber dieses gleiche Recht ist ein ungleiches Recht auf ungleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an, da jeder Mensch ein Arbeiter wie jeder andere ist, aber es erkennt stillschweigend die Ungleichheit der individuellen Begabungen und damit die Leistungsfähigkeit als natürliche Privilegien an.
Die Arbeiter können vorübergehend an der Umsetzung einer beliebigen Übergangsphase teilnehmen, insbesondere wenn diese automatisiert ist, um sie anschließend besser zerstören zu können. Der Kommunismus ist empirisch als „plötzlicher” und gleichzeitiger Akt der siegreichen Völker möglich. Dies setzt wiederum die universelle Entwicklung der Produktivkräfte und der universellen Beziehungen voraus, die eng mit dem Kommunismus verbunden sind.
Es spielt keine Rolle, ob die Übergangsstadien rätekommunistisch sind oder nicht, sie sind dazu bestimmt, abgeschafft zu werden.
In einer höheren Phase der Gesellschaft, wenn die unterwerfende Unterordnung der Individuen unter die Arbeitsteilung verschwunden sein wird, wenn die Arbeit nicht mehr das Mittel zum Leben sein wird, sondern die endlich realisierbare Möglichkeit eines Alltags ohne Leerlaufzeiten; wenn die Quellen des kollektiven Reichtums in Fülle sprudeln werden, erst dann kann der begrenzte Horizont des bourgeoisen Rechts endgültig überwunden werden und die Gesellschaft kann auf ihre Unterwäsche schreiben: „Jeder nach seinen Bedürfnissen, jedem nach seinen Bedürfnissen“. Dieses Motto ist bis heute das unsere, und in diesem Sinne fordern wir die Automatisierung.
Anstatt eher rätekommunistisch als revolutionäre Internationalisten sein zu wollen, anstatt zu verlangen, dass die Delegierten besser kontrolliert werden, und damit letztlich doch dieselbe Musik zu spielen, wäre es besser gewesen, von einer historischen Bewegung auszugehen, die sich vor unseren Augen abspielt, von den realen Bedingungen des bestehenden Klassenkampfs.
Da sie dies nicht getan haben, haben die Situationisten den radikalen Inhalt der Klassenkämpfe unter einem fragmentarischen, begrenzten, vorübergehenden und utopischen Aspekt vergegenständlicht.
Die Arbeiterräte (Diktatur des Proletariats, Übergangsphase, Sozialismus, technisch-funktionale Gesellschaft usw.) sind vielleicht die Form und das Prinzip der Anregung für die nahe Zukunft, aber sie sind als solche nicht das Ziel der menschlichen Entwicklung, die Form der menschlichen Gesellschaft.
Anstatt zu sagen: „Der Reichtum an Telekommunikationstechniken usw. ermöglicht die permanente Kontrolle der Basisdelegierten”, hätte man klarer erkennen müssen, dass Misstrauen gegenüber den Delegierten bedeutet, dass das Delegiertsein Macht darstellt, dass die Möglichkeit eines Alltags ohne Leerlauf trotz allem die „Funktion“ des Delegierten erfordern würde, dass diese Funktion ein Dienst sein wird, dem jeder zu entkommen versuchen wird, dass diese Funktion so schnell wie möglich automatisiert werden muss. Man musste sagen, dass, wenn es eine Basis gibt, der Gipfel nicht weit ist und dass die Klassengesellschaft darunter liegt. Man musste sagen, dass die Basis die Delegierten permanent kontrollieren muss, was angesichts des Reichtums an Techniken bedeutet, dass die technischen Reichtümer arm sind und nur die freiwillige Idee dieser Kontrolle übrig bleibt, eine Idee, die auf nichts beruht.
Anstatt pauschal die Ablehnung jeder Organisation, die nicht direkt vom Proletariat ausgeht, das sich selbst als solches negiert, die realisierbare Möglichkeit eines Alltags ohne Leerlauf, Arbeiterräte, allgemeine Selbstverwaltung zu präsentieren, hätte man präzisieren müssen, dass Selbstverwaltung, auch wenn sie allgemein ist, nichts bedeutet und ein leerer Begriff bleibt, wenn man nicht die Natur der Produktivkräfte definiert. Die allgemeine Selbstverwaltung wird nicht als fähig angesehen, die ökonomischen Kategorien zu überwinden, sondern kann sie im Gegenteil durch die Fortdauer der Arbeitsteilung noch verstärken. Die Selbstverwaltung wird als endgültiges Heilmittel gegen die Widersprüche des Kapitals dargestellt. Die Selbstverwalter vergessen ganz einfach, dass die Verwaltung nicht der wesentliche Widerspruch der kritischen Gesellschaft ist, sondern die natürliche Folge der historischen Knappheit. Es musste präzisiert werden, dass die Arbeiterräte „Arbeiterräte” sind, die historisch und qualitativ mit ihrem „Wesen” als fragmentierte Arbeiter verbunden sind. Arbeiter zu sein bedeutet nämlich nicht, Mensch zu sein, sondern eine soziale Funktion in einem bestimmten und bestimmenden Rahmen zu erfüllen. Nur weil sich die Arbeiter in Räten organisieren, sind sie nicht mehr Arbeiter. Dies zu behaupten, bedeutet, sich auf autonome Kategorien wie Politik oder Philosophie zu berufen. Diese autonomen Realitäten berücksichtigen jedoch in keiner Weise die außerhalb von ihnen existierende materielle Realität, den Stand der Produktivkräfte. Kurz gesagt, es musste deutlich gemacht werden, dass die allgemeine Selbstverwaltung der Arbeiterräte im Widerspruch zur sozialen Organisation der Arbeiter stehen kann, indem sie ihre vergangenen und gegenwärtigen Bedingungen leugnet, im Widerspruch zum Wunsch nach einem Alltag ohne Totzeiten. Es sind nicht die Bourgeois, die uns entfremden. Auch sie sind entfremdet. Selbstverwaltung reicht nicht aus, um ein System zu lösen, das aufgrund der Natur dieser Produktionsmittel eine Arbeitsteilung erfordert, wobei die Trennungen zwischen Bourgeoisie und Proletariat, manueller und intellektueller Arbeit, Stadt und Land, Mann und Frau usw. bestehen bleiben. Die Kategorien des Denkens (Politik, Ökonomie, Philosophie usw.) und ihre Willkür lassen sich nicht überwinden, wenn die materiellen Widersprüche dieselben bleiben. Und natürlich musste man ausgehend von diesen möglichen Widersprüchen klarstellen, dass die Kontrolle der Delegierten über die Anlagen uns nicht vor Stromausfällen schützte. Es musste auch klargestellt werden, dass ein System nicht nur Delegierte braucht, sondern diese auch materiell kontrollieren muss, dass es ein System von Sklaven ist, weil Transparenz Angst und Misstrauen nicht beseitigt hat. Wir weigern uns, uns in einem solchen System aufzulösen, und schon jetzt empfinden wir es als feindlich. Wir fordern, nicht mehr zu arbeiten und Herr über unsere Zeit zu sein. Die Bosse and der Macht aber sollen sich selbst darum kümmern.
Die Proletarier haben nichts mit Ideologien zu tun, die Macht gegen Macht ausspielen und nichts anderes tun, als an der alten Welt teilzunehmen, indem sie deren Kategorien (insbesondere Wettbewerb und Konkurrenz) akzeptieren. Die Realität der Proletarier ist nicht die Verwirklichung dieser Kategorien, sondern ihre Überwindung.
Wenn es eine Theorie der gegenwärtigen Unzufriedenheit geben kann, die auf der Forderung nach Zufriedenheit basiert, kann es keine Theorie der Zukunft geben, ohne dem falschen utopischen Bewusstsein zu entkommen. Unsere Wünsche sind historische Produkte, die in der historischen Realität enthalten sind. Sie auszudrücken und sofort befriedigen zu wollen, ist Ausdruck der Dialektik, die gegen die Entfremdung kämpft. Wir vermitteln unsere Wünsche nicht, indem wir die nahe Zukunft angenehm gestalten. Keine halben Sachen, kein Paradies auf lange Sicht. Wenn die vorläufigen Produktivkräfte keine sofortige Befriedigung zulassen, ist nur die subjektive Praxis, die auf diese Befriedigung abzielt, dialektisch, insofern sie nicht vorgibt, das Elend „selbst zu verwalten”, sondern die Produktionsformen und sozialen Beziehungen, die so zu Hindernissen werden, bis zum Äußersten ihrer Widersprüche treibt. Die einzige Organisation, die wir kennen wollen, ist nicht die rätekommunistische Organisation, sondern die praktische, radikale und organisierte Kritik der Arbeiter, die es satt haben, Arbeiter zu sein, der Intellektuellen, die …, der Bauern, die …, der Kosmonauten, die … usw. Die Organisation ist nichts anderes als die konkrete Basis, auf der sich ein rechtlicher und ökonomischer Überbau erhebt und der bestimmte Formen des sozialen Bewusstseins entsprechen. Die revolutionäre Organisation ist nichts anderes als die Tendenz, die gesamten Bedingungen der materiellen Existenz zu verwirklichen, die im Schoß der alten Gesellschaft, der alten Organisation, enthalten sind. Es ist die soziale Praxis, die durch die vorhandenen Produktivkräfte ermöglicht wird und die die soziale Organisation bestimmt. Ohne die erste könnte die zweite nur ideologischer Natur sein (es spielt keine Rolle, dass die Idee der Umwälzung tausendmal zum Ausdruck gebracht wurde). Die revolutionäre Subjektivität darf sich nicht mit Fragen der Wirksamkeit, des Willens und der Strategie befassen. Subjektivität ist entweder materiell oder sie ist es nicht.
Indem sie die nahe Zukunft auf dem Begriff des Rates aufbauen, ohne die Grundlagen der materiellen Lebensproduktion auf praktische Weise ausgehend von den bereits bestehenden Bedingungen zu definieren, begründen die Situationisten trotz ihrer Absichten einen reinen Rätekommunismus, der zwangsläufig ein Feind der historischen Realität ist. Die Entwicklung der Produktivkräfte ist eine unverzichtbare praktische Vorbedingung, denn ohne sie kehrt die Knappheit zurück und die alte Gesellschaft bleibt bestehen. Wenn aber die Entwicklung der Produktivkräfte vorhanden ist, dann geht es nicht mehr darum, ein doktrinäres System, ein soziales System der Zusammenarbeit, durchzusetzen, sondern darum, die aus dieser Entwicklung hervorgehenden Bewegungen anzuwenden, zu verallgemeinern und zu vereinheitlichen; es geht nicht mehr darum, Organisation zu praktizieren, sondern darum, die Praxis zu organisieren.
Die neue revolutionäre Bewegung, die das Ende der Klassen durch den Reichtum der Techniken fordert, muss sich nicht um das Problem der Organisation in Form von rechtlichen und ökonomischen Überbauten kümmern, da sie sich im Wesentlichen auf die produktive Infrastruktur stützt. Ihr einziges organisatorisches Anliegen muss die unmittelbare und radikale Praxis sein, die bekanntlich unter dem praktischen Aspekt des Vergnügens betrachtet wird. Die Revolutionäre haben nichts anderes getan, als die Welt zu verändern, jetzt geht es darum, sie zu leben.
Man muss die Bewegung von 1968 richtig interpretieren und klar erkennen, dass die Arbeiter durch die Besetzungsbewegung keine rätekommunistsche Tendenz zum Ausdruck gebracht haben. Sie haben nicht besetzt, sondern sich der Arbeit enthalten. Es waren die Gewerkschaften/Syndikate, die Parteien und ihre direkten Rivalen, die „Gauchisten”1, eine karrierebewusste Arbeiterminderheit (Führungskräfte, Teilnehmer an sozialen Förderprogrammen usw.), usw.), die sich den alten Mythen des Juni 1936 (der ebenfalls der stalinistische Ausdruck des Begriffs der Arbeiterräte war) verschrieben hatten, die Fabriken besetzt, um denen, die sie automatisieren wollten, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Es sind die Besetzungen, die der revolutionären Spezialisierung der Zeit zugrunde liegen, durch die fetischistische Identifizierung der Fabrik als soziales Umfeld von morgen. Nur eine Minderheit besetzte mit dem Ziel, dieses Problem so schnell wie möglich zu lösen. Letztere wollten die Fabrik, ihren Streikkomitee oder ihre Generalvollversammlung nicht mehr, sie wollten bewusst nicht mehr arbeiten und wünschten sich sicherlich die Automatisierung. Die große Mehrheit der anderen (die „Basis”) kam in die Fabrik, und zwar zu Recht, um die vergünstigte Kantine zu nutzen oder um zu erfahren, wann die Arbeit wieder aufgenommen würde. Die restliche Zeit verbrachten sie auf den Pferderennbahnen (als diese wieder geöffnet wurden), auf den Terrassen der Cafés, beim Angeln, bei Besuchen bei Freunden, beim Reparieren ihrer Autos, beim Streichen ihrer Wohnungen und sogar beim Liebesspiel. Was fehlte, war das Bewusstsein für die Möglichkeit der Automatisierung, und das bedeutet, dass die Produktionsmittel mit ihren Möglichkeiten nicht für alle klar erkennbar sind. Während einige Dutzend Idioten die Fabrik besetzten, um sich gegen einige Dutzend andere Idioten zu wehren, die die Arbeit wieder aufnehmen wollten, verbrachte die große Mehrheit ein verlängertes Wochenende in dieser Frühlingsluft. Hätten die jungen Arbeiter, die auf den Barrikaden des Quartier Latin gefeiert haben, die richtige Theorie im Kopf gehabt, wären die Barrikaden in den Vierteln des spektakulären Konsums errichtet worden, und die Polizei hätte die Viertel der Opéra, die großen Boulevards, den Faubourg Saint-Honoré, die Champs-Élysées und die Bereiche in der Nähe der Supermärkte belagern müssen. Nicht das Théâtre de l’Odéon hätte besetzt werden müssen, sondern die Kinosäle in den Arbeitervierteln wie Pigalle, Gobelins und Montparnasse. Nicht nur Fabriken wären besetzt worden, sondern auch Autobahnen, Eisenbahnen, Brücken, Flugplätze, Felder und Wälder usw. Nicht der Raum der Entfremdung (die Fabrik) wäre besetzt worden, sondern die historische Zeit des Genusses (dass der Monat Mai auch ein Monat Juni, ein Monat Juli usw. ist).
Die Situationisten bedienen sich abstrakter Begriffe (Spektakel, allgemeine Selbstverwaltung, Organisation, Klasse, Bewusstsein, Revolution, Geschichte usw.) usw.) und fügen dann, um eine materialistische Haltung einzunehmen, eine Reihe von Bildern hinzu, die die Konzepte selbst in der Geschichte darstellen, d. h. die rätekommunistische Momente, die ihrerseits als die Träger betrachtet werden, während man das Geschwätz getrost den Geschichtsschreibern überlassen kann. Bis heute hat jede historische Konzeption entweder die reale Grundlage der Geschichte völlig außer Acht gelassen oder sie als Nebensache betrachtet, die in keinem Zusammenhang mit dem Verlauf der Geschichte steht. Aus diesem Grund muss Geschichte immer nach einer Norm geschrieben werden, die außerhalb von ihr selbst liegt. Gleichzeitig wurden die materialistischen Elemente der Geschichte eliminiert, und man kann getrost die Zügel des spekulativen Rosses lockern. Wenn die Situationisten materialistisch sind (Kritik des Alltagslebens, Drift, Transparenz usw.), greifen sie nicht auf die Geschichte zurück; wenn sie hingegen die Geschichte berücksichtigen (die Räte), sind sie nicht materialistisch. Die Geschichte der Räte ist in keiner Weise die materielle Geschichte, sondern nur die politische, philosophische, ideologische Geschichte und höchstens die Geschichte der Geschichte, die reine rätekommunistische Idee. Was tatsächlich interessiert, ist nicht die Geschichte der Arbeiterräte, sondern die Arbeiterräte der Geschichte.
Nehmen wir an, eine Epoche stelle sich vor, sie sei von rein „selbstverwaltenden” und „rätekommunistischen” Motiven bestimmt, auch wenn Selbstverwaltung und Räte nur die Formen dieser realen Motive sind, werden Historiker diese Meinung akzeptieren. Die „Vorstellung”, die „Darstellung”, die diese entschlossenen Menschen von ihrer realen Praxis haben, verwandelt sich in die einzig bestimmende und aktive Kraft, die die Praxis dieser Menschen regelt. Aber glaubt unsere Epoche wirklich, nur von Selbstverwaltung und Räten bestimmt zu sein?
Anstatt die organisierten Formen der revolutionären Bewegung in den Vordergrund zu stellen, wäre es besser gewesen, die praktischen und materiellen Manifestationen der Bewegung hervorzuheben. Die Menschen waren ausreichend organisiert, jetzt organisieren wir die Objekte.
Arbeit, wozu?
Diese immer totalitärer werdende Welt, im Osten wie im Westen, will uns die Vorstellung aufzwingen, dass sie die einzig mögliche Realität ist.
Die Inszenierung der Protestaktionen der Arbeiter durch die gewerkschaftliche/syndikalistische Bürokratien, Hand in Hand mit den Arbeitgebern, ist für niemanden mehr ein Geheimnis. Aber wie bei allen öffentlichen Geheimnissen zögert man noch, praktische Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Es ist offensichtlich, dass diese Organisationen, die sich als Träger sozialer Veränderungsbestrebungen bezeichnen, im Wesentlichen zu Kräften der Einordnung und Kanalisierung geworden sind, und das schon seit langer Zeit.
Im Gegensatz zu allen gewerkschaftlichen/syndikalistischen Manifesten, die die Arbeiter zum Kampf für Verträge aufrufen, um unsere Ausbeutung besser zu regulieren, scheint es uns, dass seit mehr als hundert Jahren Frauen und Männer, die durch die Entwicklung des Kapitalismus nach und nach ihrer Menschlichkeit beraubt wurden, rebellieren, nicht um die Lohnarbeit zu verbessern, sondern um sie abzuschaffen.
Die Trennung zwischen den Individuen ist so tief geworden, dass nur noch Arbeit und Geld als gemeinschaftliche Güter erscheinen. Die Kolonisierung des gesamten sozialen Lebens durch Waren und Geld macht uns immer mehr zu Untertanen der wahnwitzigen Anforderungen des gegenwärtigen Systems. Sicherlich kann man Trost in der „Verkürzung der Arbeitszeit” finden und Freude in den seltenen Momenten, in denen uns das Licht durch das Grau unseres Lebens zu dringen scheint… aber wer kann wirklich behaupten, nie die immense Leere dieser sozialen Organisation gespürt und nicht wenigstens einmal den Wunsch verspürt zu haben, alles zu zerstören, um neu anzufangen?
Seit Beginn dieser Vorgeschichte der Menschheit versucht sich die radikale Tendenz, das Leben und die Gesellschaft zu verändern, durchzusetzen. Diejenigen, die keine Privilegien haben, wissen ganz genau, dass sie nichts zu verlieren und alles zu gewinnen haben durch einen sozialen Umbruch, dessen eigentliche Akteure sie wären.
Das Herzstück des Kommunismus ist das Bedürfnis nach menschlicher Gemeinschaft. Die Beschreibungen der Utopisten zeigen bereits das historische Bedürfnis nach Kommunismus und machen ihn zu einer unmittelbaren Notwendigkeit, entsprechend seiner tiefen Natur. Aber der Kommunismus wurde nicht von Denkern erfunden. Es ist das alte Streben nach Überfluss und Gemeinschaft, das in den Sklavenaufständen der Antike ebenso vorhanden war wie in denen der Bauern im Mittelalter.
Die menschliche Gemeinschaft und das Ende des kapitalistischen Unternehmens als Einheit des produktiven Lebens führen zum Ende des Tausches. Die Abschaffung des Geldes, das dem Tausch dient, bedeutet nicht die Rückkehr zur primitiven Form des Tauschhandels. Die Gegenstände zirkulieren nicht in einer Richtung, um im Gegenzug eine Zirkulation anderer Gegenstände in der umgekehrten Richtung zu erhalten. Sie werden direkt nach den Bedürfnissen verteilt, die konzipiert und produziert werden, um die Möglichkeiten produktiverer Aktivitäten im sozialen Sinne zu entwickeln.
Der Kommunismus ist nur dank der vom Kapitalismus bereits geleisteten Vorarbeit möglich. Es geht nicht um die Verteidigung der Proletarier, sondern um die Abschaffung der proletarischen Lebensbedingungen. Er bringt nicht die Arbeiter an die Macht und gleicht nicht das Einkommen der gesamten Bevölkerung an. Er beendet nicht die Lohnsklaverei, den Produktivismus und den Gegensatz zwischen Arbeit und Freizeit. Er ermöglicht die Wiedervereinigung der menschlichen Tätigkeit auf der Grundlage aller technischen und menschlichen Errungenschaften. Der Arbeiter ist nicht mehr an die Fabrik gekettet, der Angestellte ist nicht mehr an seinen Schreibtisch gefesselt. Das Bedürfnis zu handeln unterliegt nicht mehr dem Bedürfnis nach Geld.
Die Zeit ist eine Erfindung der „Menschen”, die unfähig geworden sind zu lieben.
„La Sociale”
[Veröffentlicht in „Anarchismo” Nr. 53-54, September 1986, S. 7]
Eine Welt, die neu geordnet werden muss?
Auf dieser Erde entzieht sich nichts unseren Gedanken und unserem Blick. Weit über unsere Gedanken und unseren Blick hinaus sehen wir eine unbegrenzte Weite neuer Welten. Aber wir haben diese Unbegrenztheit an unsere Dimensionen angepasst, wir haben das, was zunächst über sie hinauszugehen schien, auf unsere Maße reduziert, denn die Rigorosität unserer Denkweise kann nichts berücksichtigen, ohne es zuvor eingegrenzt zu haben.
Nun wird die Welt, in der wir leben, als die Welt betrachtet, in der der Mensch Fortschritte macht, handelt, arbeitet, eine Welt, die vom Menschen nach seinen Maßstäben geschaffen zu sein scheint. Aber es ist auch wahr, dass der Mensch sie nicht beherrscht.
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird die Kluft zwischen den Menschen und ihrem Leben als soziale Entfremdung bezeichnet. Das Individuum wird fremd und damit machtlos gegenüber seiner Umgebung, gegenüber den Waren, die es produziert, und gegenüber den sozialen Beziehungen, die in Wirklichkeit das Ergebnis seiner eigenen Tätigkeit sind. Marx sah den Ursprung der Entfremdung darin, dass die Arbeiter nicht im Besitz der von ihnen selbst produzierten Waren waren, und daher bestand der Ausweg aus der Entfremdung seiner Meinung nach darin, dass die Arbeiter diese Waren durch die Eroberung der Produktionsmittel zurückeroberten.
Es sollte nicht verwundern, dass die heutigen Theorien über direkte Demokratie, Selbstverwaltung und Selbstverwaltung – Begriffe, die zwar unterschiedliche Ursprünge und Bedeutungen haben, aber unterschiedslos und ungezwungen als Synonyme verwendet werden – weitgehend auf diesem Konzept basieren, natürlich in aktualisierter Form. Ist es nicht die Absicht des Marxismus, diese Welt so zu erobern, wie sie ist?
Wie lautet also die Argumentation der heutigen Befürworter der Selbstverwaltung, derjenigen, die ein politisches Projekt auf der Grundlage einer Verwaltung der Gesellschaft von unten fördern? Alles, was uns umgibt, gehört uns, und doch entgleitet es uns. Es ist, als hätten wir diese Welt geschaffen und andere würden sie genießen. Wenn wir also die Distanz überwinden wollen, die uns von dem trennt, was uns gehört, die unsere Existenz verarmt, und damit die Klassenherrschaft beseitigen wollen, die dafür verantwortlich ist, müssen wir darauf abzielen, unsere Kontrolle sowohl über die unmittelbaren Bedingungen unserer Arbeit und deren Bestimmung als auch über die Art und Weise, wie wir das Zusammenleben insgesamt regeln, zu verstärken. Dies kann nur erreicht werden, wenn man den Menschen (die sich früher mit den Arbeitern identifizierten, einer Kategorie, die heute als zu einschränkend angesehen wird, um berücksichtigt zu werden, und die man deshalb lieber durch die Kategorie der Staatsbürger ersetzt hat) direkt die Macht überträgt, die sozialen Aktivitäten autonom zu verwalten.
Auf diese Weise würde man zu einem System der Organisation dieser Aktivitäten im libertären Sinne gelangen, bei dem die Entscheidungen über deren Durchführung direkt von allen Beteiligten getroffen würden, was zu einer Destrukturierung der staatlichen Ordnung in ein System lokaler Autonomien führen würde. So einfach wie ein Glas Wasser trinken.
Und doch stimmt etwas in diesem vollkommen logischen und harmonischen Schema nicht.
Zunächst einmal kann der Gegensatz zwischen Herrschenden und Beherrschten – um es mit etwas veralteten Begriffen zu sagen, zwischen Herren und Knechten – nicht einfach auf die Konfrontation zwischen denen, die verwalten, und denen, denen die Verwaltung vorenthalten wird, reduziert werden. Wenn man nämlich die radikale Umgestaltung mit einer bloßen Rationalisierung der verschiedenen Aktivitäten und Funktionen nach dem Vorbild der Selbstverwaltung identifiziert – hochtrabend als „allgemeine Selbstverwaltung” bezeichnet –, reduziert man die gesamte „soziale Frage”, das Problem der Herrschaft und der Suche nach Freiheit, auf einen einfachen Streit über die Art und Weise, wie das Bestehende zu regieren ist.
Denjenigen, die heute, nach einer langen Zeit des verlegenen Schweigens, wenn nicht gar der beschämenden Distanzierung von sozialen Konflikten, auf ihrem abgenutzten Sessel herumzappeln und ihr elendes, dieser Existenz würdiges und verdientes Dasein als wunderbare Lehren über die beträchtlichen Möglichkeiten der Anwendung der Selbstverwaltung „hier und jetzt” ausgeben, haben wir nichts zu sagen. Tretet vor, ihr Schwätzer und Heuchler aller Art, mit euren formalen Tricks: Dies ist eure Zeit.
Den anderen, denen, die sich aus Bequemlichkeit oder Opportunismus täuschen lassen, kommt spontan die Frage in den Sinn, was zum Teufel wir in dieser Welt selbst verwalten sollten, abgesehen von der Art und Weise, wie wir sie zerstören können.
Wenn Selbstverwaltung als die Leitung von Organisationen oder Aktivitäten durch diejenigen betrachtet wird, die direkt darin tätig sind, ist es allzu banal, darauf hinzuweisen, dass die einfache Tatsache, dass die Entscheidungsgewalt eine Veränderung erfährt und sich von oben nach unten verlagert, an sich nicht ausreicht, um eine wesentliche Veränderung der betreffenden Organisation oder Aktivität zu gewährleisten. Eine Waffenfabrik kann zwar „selbstverwaltet” sein, bleibt aber dennoch eine Waffenfabrik. Natürlich widersprechen die Befürworter der Selbstverwaltung solchen Beispielen, die sie für zu extrem halten, um ein Urteil darüber fällen zu können. Das mag zwar stimmen, aber das Problem – Waffen oder keine Waffen – bleibt unverändert. Ist es nur die Form der Verwaltung einer Aktivität, die uns daran stört, oder ist es ihre Natur selbst?
Aus welchen Gründen sollten wir uns über die Existenz von selbstverwalteten Fabriken, selbstverwalteten Schulen, selbstverwalteten Irrenanstalten, selbstverwalteten Banken oder was auch immer freuen? Kritisieren wir diese Strukturen nur, weil sie autoritär geführt werden, und freuen uns daher, sobald sie von den direkt Betroffenen übernommen werden, oder kritisieren wir sie, weil sie selbst autoritäre Strukturen sind, Produkt und Quelle von Hierarchie und materieller Ungleichheit, unabhängig davon, wer sie leitet? Wenn alles in die Hände dieser berühmten neuen politischen Klasse von Staatsbürgern überginge, die in der Lage sind, soziale Klassen zu überwinden und zu durchbrechen, würde dies dann vielleicht eine radikale Veränderung einleiten?
Aber nehmen wir einmal an, dass unser höchstes Ziel darin besteht, unsere Kinder auf eine selbstverwaltete Schule zu schicken. Warum sollte die herrschende Klasse uns das zugestehen? Warum sollte sie uns das überlassen, was ihr gehört? Die Antwort, die uns gegeben wird, ist paradox: Gestern war der Staat allmächtig, heute ist er machtlos. Und gerade weil wir eine Zeit durchleben, in der sich die herrschende Klasse als zunehmend unfähig zu regieren erweist, verbreiten sich Ideen der Selbstverwaltung oder Selbstverwaltung so erfolgreich, dank des Zusammenbruchs der alten politischen Klasse, der eine unerwartete Möglichkeit für politische und soziale Experimente geboten hat.
Das bedeutet, dass wir uns keine allzu großen Sorgen machen müssen, auch wenn wir nicht in der Lage waren, eine Revolution zu machen und mit Gewalt das zu erringen, was wir für unser Eigentum halten. Glücklicherweise erweisen sich unsere Feinde als noch unfähiger als wir, ihre Ziele zu verfolgen, und wer weiß, vielleicht werden sie gezwungen sein, uns mit guten Mitteln das zu gewähren, was wir bisher mit schlechten Mitteln nicht erreichen konnten. Natürlich werden sie uns nicht alles gewähren, aber uns, gestärkt durch unsere religiöse Illusion, dass sich die Gesellschaft durch Überzeugung verändern wird und dass Anarchisten die perfekte Menschheit verkörpern, bleibt nichts anderes übrig, als mit gutem Beispiel voranzugehen, um den Virus der allgemeinen Selbstverwaltung zu verbreiten.
Nun steht die Idee einer Selbstverwaltung, die sich nach und nach, Tropfen für Tropfen, durch die Kraft der eigenen Stärke verbreitet, in vollkommenem Einklang mit der Idee einer schrittweisen Befreiung, die nach und nach erreicht werden soll; beide begreifen die Gesellschaft nicht als Ganzes und beide haben natürlich den Vorteil, dass sie eine Revolution überflüssig machen.
Denn schließlich besteht der Sinn der politischen Perspektiven, die ein solches Projekt eröffnet, darin, eine sanfte, beruhigende, friedliche und legale Revolution zu verwirklichen. Wenn alle „Staatsbürger”, die sich mittlerweile der Unfähigkeit der alten Politiker bewusst sind, das Programm der Selbstverwaltung unterstützen würden, würde sich die „Revolution” implizit von selbst vollziehen. Der Soldat würde seine Uniform ablegen, der Industrielle, beeindruckt von der Kompetenz seiner Arbeiter, würde ihnen seine Fabrik schenken, der Minister würde auf seine Privilegien verzichten, um vielleicht das Land zu bestellen, und so weiter. Natürlich ist all dies nicht vorstellbar, aber dennoch löst es unweigerlich, wenn wir mit einem Anschein von Selbstverwaltung konfrontiert werden, einen Mechanismus aus, der uns dazu veranlasst, solchen Ereignissen Bedeutung beizumessen und sie als konkrete Anzeichen dafür zu begrüßen, dass die Herrschaft an Boden verliert. Aber selbst wenn dies wahr wäre, was ist es, das unsere Zustimmung hervorruft? Die Fähigkeit der Basis, ohne die Spitze auszukommen, oder das, was passieren könnte, wenn die Machthaber erkennen, dass sie weitere Versuche der „Selbstverwaltung” nicht mehr tolerieren können?
Denn das viele Gerede über Selbstverwaltung scheint uns eher von ihrer angeblichen Fähigkeit abzuhängen, eine Revolution zu ersetzen. In der Praxis nährt die Überzeugung, dass sich der Staat automatisch auflöst, sobald Individuen in der Lage sind, sich frei und ohne Vermittler zu versammeln, um ihre alltäglichen Probleme anzugehen und zu lösen, viele Hoffnungen auf Selbstverwaltung, als handele es sich um ein Ektoplasma. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, Pläne zu schmieden, ihn durch ein Netzwerk autonomer Strukturen zu ersetzen, die ihn auf lange Sicht jeder Form von Macht berauben können. Steht die langjährige Kontroverse, die seit langem die Befürworter der Zerstörung und die „Erbauer” spaltet, vor einem Wendepunkt?
Doch die Selbstverwaltung des Bestehenden lässt keineswegs das Verschwinden des Staates erwarten, sondern eher seine Stärkung. Nach der Institutionalisierung einer ganzen Reihe kollektiver Praktiken – durch die ursprünglich eine radikale Forderung zum Ausdruck gebracht wurde – wird den aus dieser Bewegung hervorgegangenen Assoziationen lediglich die Bewältigung der Auswirkungen der Widersprüche übertragen, die der Staat nicht mehr bewältigen konnte (die Kunst, sich durchzuschlagen, um zu überleben, soziale Integration, kulturelle Animation…). Sobald er von den „Nebenaspekten” befreit ist, kann er sich besser dem Wesentlichen widmen. Anstatt zu verschwinden, wird der Staat also gestärkt, da er über beträchtliche Unterstützung innerhalb einer „Zivilgesellschaft” verfügt, die sich in eine „Bürgergesellschaft” verwandelt hat.
Es ist seltsam, dass gerade die Verfechter des Realismus vergessen, dass die Selbstverwaltung der eigenen Fabrik, der eigenen Schule, der eigenen Arbeit niemals die Entfremdung beseitigt hat, ganz zu schweigen von der Autorität.
Natürlich versuchen einige, dieses Scheitern damit zu rechtfertigen, dass die bisherigen Erfahrungen mit Selbstverwaltung immer in besonderen Situationen, sozusagen in Krisensituationen, gemacht wurden. Aber diese Erklärung erweist sich als unzureichend, je mehr sich die Natur unserer Unterdrückung offenbart, und geht tiefer als die simplen ökonomischen Kategorien, die Gewerkschaftern/Syndikalisten, Marxisten und verschiedenen vermeintlichen Selbstverwaltern so am Herzen liegen.
Im Übrigen möchten wir nicht den Eindruck erwecken, dass das, was uns an der Hypothese der Selbstverwaltung nicht überzeugt, nur ein übermäßiger Glaube an die „erhabene Methode” ist. Als wollten wir um jeden Preis mit Gewalt enteignen, was wir vielleicht aus Gnade erhalten könnten. Die Frage ist eine andere: Warum sollten wir uns diese Welt zurückholen? Was ist an diesem Dasein lebenswert?
Im Gegensatz zu den „Selbstverwaltern” empfinden wir diese Welt nicht als unsere eigene. Wir glauben nicht, dass unsere täglichen Aktivitäten Antworten auf natürliche Bedingungen sind, Antworten, die sich einfach außerhalb unserer Kontrolle befinden; wir selbst sind die Urheber dieser Bedingungen. Durch unsere täglichen Handlungen reproduzieren sich die Beziehungen, die Kultur, die Ethik dieser Gesellschaft sowie ihre soziale Form. Zur Arbeit zu gehen, um sein Bankkonto aufzubessern, liegt nicht in der Natur des Menschen, so wie es in der Natur der Biene liegt, Honig zu sammeln. Autobahnen, Waren und Computer existieren nicht als Vertreter des unausweichlichen menschlichen Schicksals, das man nur in die Hände nehmen muss, um es genießen zu können.
„Wir werden die Welt erben“, sagten die spanischen Anarchisten während der Revolution. Wahrscheinlich haben sie gerade deshalb, weil sie diese Welt erben wollten, neue Banknoten geprägt und sind ins Parlament eingezogen. Aber wir haben die Welt nicht frei nach unserem Belieben geschaffen, sondern waren gezwungen, dies auf eine bestimmte Art und Weise zu tun. Die Welt, wie sie ist, ist also nicht auf den Menschen zugeschnitten – wie alle Apologeten des Bestehenden behaupten –, sondern auf einen bestimmten Typ Mensch, der Angst vor der Macht hat.
Das Ausarbeiten von Projekten für ein alternatives Leben, Projekte, die, um glaubwürdig zu sein, sich eindeutig auf das stützen müssen, was man kennt, was bereits existiert, kann immer nur der Herrschaft nützen, die so ihren Fortbestand sichert. Außerdem ist es natürlich ein hervorragendes Mittel gegen die Unruhe derer, die sich lieber mit der mageren Befriedigung dieser wenigen aufgesammelten Krümel zufrieden geben.
Diese Überlegungen werden den konkreten Utopisten, die fest in dieser Welt verwurzelt sind, sicherlich unverständlich sein. Da wir uns weigern, sie zu erben, haben wir nichts Konkretes in der Hand und wissen am Ende sicherlich nicht genau, was wir wollen, da wir nie die Erfahrung gemacht haben. Eines wissen wir jedoch. Die Welt, in der wir leben, ist vor allem die Welt, in der wir sterben, in der unsere Träume und Wünsche zugrunde gehen. Und es ist nicht möglich, diese beiden Welten miteinander in Einklang zu bringen. Während uns die erste Welt zugänglich ist, sobald wir erkennen, dass wir zu ihr gehören, bedeutet die zweite Welt für uns Feindseligkeit, einen Konflikt, dem wir uns nicht entziehen können. Das Einzige, was wir hier und jetzt selbst bestimmen können, ist die Zerstörung von allem, was existiert.
Wir leben in einer miserablen Welt. Niemand kann auf die Idee kommen, diejenigen zu kritisieren, die verständlicherweise danach streben, so unabhängig wie möglich zu leben. Aber man sollte uns hier und jetzt nicht den Realismus des geringeren Übels als Freiheit verkaufen. Die Vorstellung, dass eine Form der Entscheidung die höchste Befriedigung des Freiheitsdrangs darstellt, ist eine Aberration. Wie kann man so begriffsstutzig sein, den Geschmack der Freiheit mit dem einer biologisch angebauten und fair gehandelten Orange zu verwechseln?
Maria Zibardi
[Veröffentlicht in „Anarchismo” Nr. 74, September 1994, S. 38-44]
Wer hat Ned Ludd getötet?
Eine Geschichte der Maschinenstürmerei zu Beginn des Kapitalismus
von John Zerzan, Paula Zerzan
Ursprünglich erschien dieser Text in Fifth Estate # 271, April 1976
Das Argument, dass die Einführung des Kapitalismus zu einer Verbesserung des Lebensstandards der Arbeiter geführt habe, wurde bereits zuvor widerlegt, wird aber in diesen beiden Grafiken anschaulich dargestellt. Vor der Dominanz der kapitalistischen Ökonomie und der Gründung der ersten Fabriken in England wurde die Produktion in kleinen Werkstätten und Häusern durchgeführt, die von einem Meisterhandwerker geleitet wurden, der mehrere Lehrlinge und Helfer beschäftigte. Links ist eine typische Einrichtung aus dem 18. Jahrhundert (1740) zu sehen, in der mit Fuß- und Kurbelantrieb betriebene Drehbänke verwendet wurden. Große Fenster waren die einzige Lichtquelle und regulierten die Arbeitszeit.
In den letzten anderthalb Jahrhunderten hat der moderne industrielle Kapitalismus die Autonomie und Authentizität der Arbeiter am Produktionsort zunehmend untergraben und damit die Lebensqualität verschlechtert. Bevor diese immer entfremdetere Ordnung jedoch wirklich in Gang kommen konnte, wurde sie Anfang des 19. Jahrhunderts von den „Maschinenstürmern” oder Ludditen heftig angefochten. Was folgt, ist die sowohl von der „Linken” als auch von der Rechten unterdrückte „geheime Geschichte” dieses tödlichen Kampfes und seines Vermächtnisses.
* * *
In England, der ersten Industrienation, entstand ausgehend von der Textilindustrie, dem wichtigsten Unternehmenszweig des Kapitals, eine weit verbreitete revolutionäre Bewegung (zwischen 1810 und 1820), die als Luddismus bekannt wurde. Die Herausforderung durch die Aufstände der Ludditen – und ihre Niederlage – war für den weiteren Verlauf der modernen Gesellschaft von großer Bedeutung.
Maschinenstürmerei, eine der wichtigsten Waffen, gab es natürlich schon vor dieser Zeit; der Historiker Frank Darvall bezeichnete sie zutreffend als „immerwährend” während des gesamten 18. Jahrhunderts, in guten wie in schlechten Zeiten. Und sie war sicherlich nicht auf Textilarbeiter oder England beschränkt. Landarbeiter, Bergleute, Müller und viele andere beteiligten sich an der Zerstörung von Maschinen, oft entgegen dem, was man allgemein als ihre eigenen „ökonomischen nteressen” bezeichnen würde.
Ähnlich verhielten sich die Arbeiter von Eurpen und Aachen, die die wichtige Cockerill-Fabrik zerstörten, die Spinner von Schmollen und Crimmitschau, die die Mühlen dieser Städte dem Erdboden gleichmachten, und unzählige andere zu Beginn der industriellen Revolution.
Dennoch waren es die englischen Textilarbeiter – Stricker, Weber, Spinner, Scherer, Schermen und dergleichen –, die eine Bewegung initiierten, die „in ihrer puren aufständischen Wut in der englischen Geschichte selten so weit verbreitet war”, wie E.P. Thompson schrieb, was wahrscheinlich eine Untertreibung ist. Obwohl sie allgemein als blinder, unorganisierter, reaktionärer, begrenzter und wirkungsloser Aufstand charakterisiert wurde, war diese „instinktive“ Revolte gegen die neue ökonomische Ordnung eine Zeit lang sehr erfolgreich und hatte revolutionäre Ziele.
Am stärksten war sie in den weiter entwickelten Gebieten, insbesondere im Zentrum und Norden des Landes. Die Times vom 11. Februar 1812 beschrieb sie als „das Auftreten eines offenen Krieges“ in England. Vize-Leutnant Wood schrieb am 17. Juni 1812 an Fitzwilliam in der Regierung, dass „mit Ausnahme der Orte, die von Soldaten besetzt waren, das Land praktisch im Besitz der Gesetzlosen war“.
Die Ludditen waren in der zweiten Dekade des Jahrhunderts tatsächlich mehrfach nicht zu stoppen und entwickelten eine sehr hohe Moral und Selbstbewusstsein. Wie Cole und Postgate es ausdrückten: „Die Ludditen waren zweifellos nicht aufzuhalten. Die Truppen rannten hilflos hin und her, verwirrt durch das Schweigen und die stillschweigende Duldung der Arbeiter.”
Darüber hinaus zeigen Zeitungsberichte, Briefe und Flugblätter, dass die Rebellion als erklärtes Ziel galt; so hieß es beispielsweise in einem in Leeds verteilten Flugblatt: „Alle Adligen und Tyrannen müssen gestürzt werden.“ Sowohl in Yorkshire als auch in Lancashire gab es bereits 1812 zahlreiche Hinweise auf explizite allgemeine revolutionäre Vorbereitungen.
Schlechte Arbeit
Eine immense Menge an Eigentum wurde zerstört, darunter eine große Anzahl von Textilmaschinen, die für die Herstellung minderwertiger Waren umgebaut worden waren. Tatsächlich erhielt die Bewegung ihren Namen von dem jungen Ned Ludd, der, anstatt die vorgeschriebene Schufterei zu verrichten, mit einem Vorschlaghammer auf die Maschinen einschlug. Dieses Beharren auf der Kontrolle der Produktionsprozesse oder deren Vernichtung beflügelte die Fantasie der Bevölkerung und verschaffte den Ludditen nahezu einstimmige Unterstützung.
Der obige Druck zeigt eine amerikanische Maschinenwerkstatt nach über hundert Jahren kapitalistischen „Fortschritts” (1872) und die erste Verwendung einer Kohlebogenlampe, um Nachtarbeit zu ermöglichen (während die Chefs die Arbeiter bei der Produktion beaufsichtigten). Kohlebögen sind gefährlich für die Augen und geben giftige Dämpfe ab, aber die Anforderungen der Produktion waren wichtiger als die Gesundheit oder Sicherheit der Arbeiter. Die überfüllten Fabriken des aufstrebenden Kapitalismus waren das Todeshaus für Generationen von Arbeitern, denen die Grundlage des kapitalistischen Reichtums aus ihrem Leben gepresst wurde.
Hobsbawm erklärte, dass es „in allen Teilen der Bevölkerung eine überwältigende Sympathie für Maschinenstürmer” gab, ein Zustand, der laut Churchill bis 1813 „das völlige Fehlen von Mitteln zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung offenbart hatte”. Das Zerstören von Maschinen war 1812 zu einem Kapitalverbrechen erklärt worden, und es mussten immer mehr Truppen entsandt werden, bis zu einer Zahl, die die Gesamtstärke von Wellingtons Truppen gegen Napoleon überstieg.
Die Armee war jedoch nicht nur sehr dünn verteilt, sondern erwies sich aufgrund ihrer eigenen Sympathien und der Anwesenheit vieler eingezogener Ludditen in ihren Reihen oft als unzuverlässig. Ebenso konnte man sich nicht auf die örtlichen Richter und Polizeibeamten verlassen, und ein massives Spionagesystem erwies sich angesichts der tatsächlichen Solidarität der Bevölkerung als unwirksam.
Wie zu erwarten war, diente die freiwillige Miliz, wie im Watch and Ward Act beschrieben, laut den Hammonds nur dazu, „die am stärksten Unzufriedenen zu bewaffnen“, sodass ein modernes professionelles Polizeisystem eingerichtet werden musste.
Eine Intervention dieser Art konnte jedoch kaum ausreichend sein, insbesondere angesichts der Tatsache, dass der Luddismus von Ereignis zu Ereignis immer revolutionärer zu werden schien. Cole und Postgate beschrieben die Ludditen nach 1815 als radikaler als ihre Vorgänger und unterstellten ihnen von diesem Zeitpunkt an, dass sie „sich gegen das Fabriksystem als Ganzes stellten”. Thompson stellte außerdem fest, dass noch 1819 der Weg für einen erfolgreichen allgemeinen Aufstand offen war.
Gewerkschaften/Syndikate absorbieren Autonomie
Gegen das, was Mathias als „den Versuch, die neue Gesellschaft zu zerstören“ bezeichnete, war eine Waffe erforderlich, die viel näher am Ort der Produktion angesiedelt war, nämlich die Förderung der Akzeptanz der grundlegenden Ordnung in Form des Gewerkschaftswesens/Syndikalismus/Trade Unionism. Obwohl klar ist, dass die Förderung des Gewerkschaftswesens/Syndikalismus/Trade Unionism ebenso eine Folge des Luddismus war wie die Schaffung der modernen Polizei, muss man sich auch bewusst machen, dass es bereits vor den Aufständen der Ludditen eine lange Tradition des Gewerkschaftswesens/Syndikalismus/Trade Unionism unter den Textilarbeitern und anderen gab.
Daher kann, wie Morton und Tate fast als Einzige hervorheben, die Maschinenzerstörung dieser Zeit nicht als verzweifelter Ausbruch von Arbeitern angesehen werden, die keinen anderen Ausweg hatten.
Trotz der Combination Acts, die zwischen 1799 und 1824 ein nicht durchgesetztes Verbot von Gewerkschaften/Syndikate darstellten, entstand der Luddismus nicht in einem Vakuum, sondern war eine Zeit lang erfolgreich im Widerstand gegen die Weigerung des umfangreichen gewerkschaftlichen/syndikalistischen Apparat, Kompromisse mit dem Kapital einzugehen. Tatsächlich bestand die Wahl zwischen beiden Optionen, und die Gewerkschaften/Syndikate wurden zugunsten der direkten Organisation der Arbeiter und ihrer radikalen Ziele beiseite geschoben.
In der fraglichen Zeit war es ganz klar, dass der Gewerkschaftswesen/Syndikalismus/Unionism als etwas grundlegend anderes als der Luddismus angesehen und als solches gefördert wurde, in der Hoffnung, die Autonomie der Ludditen zu absorbieren. Im Gegensatz zu den Combination Acts wurden Gewerkschaften/Syndikate beispielsweise vor Gericht oft als legal angesehen, und wenn Gewerkschafter/Syndikalisten strafrechtlich verfolgt wurden, erhielten sie in der Regel nur leichte Strafen oder gar keine, während die Ludditen in der Regel gehängt wurden.
Einige Parlamentsmitglieder machten offen die Eigentümer für die sozialen Unruhen verantwortlich, weil sie den Ausweg über die Gewerkschaften/Syndikate nicht voll ausgeschöpft hätten. Das soll nicht heißen, dass die Ziele und die Kontrolle der Gewerkschaften/Syndikate so klar und ausgeprägt waren, wie sie es heute für alle sind, aber die unverzichtbare Rolle der Gewerkschaften/Syndikate gegenüber dem Kapital wurde deutlich, beleuchtet durch die aktuelle Krise und die empfundene Notwendigkeit von Verbündeten bei der Befriedung der Arbeiter.
Mitglieder des Parlaments in den Grafschaften der Midlands drängten Gravenor Henson, den Vorsitzenden der Framework Knitters Union, den Luddismus zu bekämpfen – als ob dies notwendig gewesen wäre. Seine Methode zur Förderung der Zurückhaltung war natürlich sein unermüdliches Eintreten für die Ausweitung der gewerkschaftlichen/syndikalistischen Macht. Der Framework Knitters Committee of the Union gab laut Churchs Studie über Nottingham „den Arbeitern konkrete Anweisungen, keine Webstühle zu beschädigen”. Und die Nottingham Union, der wichtigste Versuch einer allgemeinen industriellen Gewerkschaft/Syndikat, stellte sich ebenfalls gegen den Luddismus und wandte niemals Gewalt an.
Wenn Gewerkschaften/Syndikate auch kaum Verbündete der Ludditen waren, so kann man doch sagen, dass sie insofern die nächste Stufe nach dem Luddismus darstellten, als der Gewerkschaftswesen/Syndikalismus/Unioninsm durch die von den Gewerkschaften/Syndikaten herbeigeführten Spaltungen, Verwirrungen und Ablenkungen der Energien eine entscheidende Rolle bei dessen Niederlage spielte. Sie „ersetzte“ den Luddismus in derselben Weise, wie sie die Fabrikanten vor den Spottrufen der Kinder auf den Straßen, vor der direkten Macht der Produzenten rettete.
So hatte die vollständige Anerkennung der Gewerkschaften/Syndikate bei der Aufhebung der Combination Acts in den Jahren 1824 und 1825 „eine mäßigende Wirkung auf die Unzufriedenheit der Bevölkerung“, wie Darvall es ausdrückte. Die von Place und Hume angeführten Bemühungen zur Aufhebung wurden übrigens problemlos von einem unreformierten Parlament verabschiedet, mit vielen Pro-Aufhebungs-Aussagen sowohl von Arbeitgebern als auch von Gewerkschaftern/Syndikalisten und nur wenigen Reaktionären, die sich dagegen aussprachen.
Während die konservativen Argumente von Place und Hume eine Vorhersage von weniger Streiks nach der Aufhebung beinhalteten, verstanden viele Arbeitgeber die kathartische, friedensstiftende Rolle von Streiks und waren nicht sonderlich beunruhigt über die Welle von Streiks, die mit der Aufhebung einherging. Die Aufhebungsgesetze beschränkten die Gewerkschaften/Syndikate natürlich offiziell auf ihre traditionellen Anliegen in Bezug auf Löhne und Arbeitszeiten, was bis heute in Form der allgegenwärtigen „Managementrechte“-Klauseln in Tarifverträgen nachwirkt.
Die Kampagne einiger Arbeitgeber gegen die Gewerkschaften/Syndikate Mitte der 1830er Jahre unterstrich in gewisser Weise nur die zentrale Rolle der Gewerkschaften/Syndikate: Die Kampagne war nur möglich, weil die Gewerkschaften/Syndikate so erfolgreich gegen die Radikalität der unvermittelten Arbeiter in der vorangegangenen Periode vorgegangen waren. Daher hatte Lecky später im Jahrhundert völlig Recht, als er urteilte, dass „es kaum Zweifel daran gibt, dass die größten, reichsten und am besten organisierten Gewerkschaften viel dazu beigetragen haben, Arbeitskonflikte zu verringern”, so wie auch die Webbs im 19. Jahrhundert einräumten, dass es viel mehr Arbeiteraufstände gab, bevor der Gewerkschaftswesen/Syndikalismus/Unionism zur Regel wurde.
Aber um auf die Ludditen zurückzukommen: Wir finden nur sehr wenige Berichte aus erster Hand und eine fast geheime Tradition, vor allem weil sie sich durch ihre Taten und nicht durch Ideologie profilierten. Und worum ging es eigentlich wirklich? Stearns, der den Kommentatoren vielleicht am nächsten kommt, schrieb: „Die Ludditen entwickelten eine Doktrin, die auf den vermuteten Vorzügen manueller Methoden beruhte.“ Er bezeichnet sie in seiner Herablassung fast als „rückständige Schufte“, doch darin liegt sicherlich ein Körnchen Wahrheit.
Aktion über Ideologie
Der Angriff der Ludditen wurde jedoch nicht durch die Einführung neuer Maschinen ausgelöst, wie gemeinhin angenommen wird, denn dafür gibt es keine Belege aus den Jahren 1811 und 1812, als der Luddismus eigentlich begann. Vielmehr richtete sich die Zerstörung gegen die neuen schäbigen Methoden, die für die vorhandenen Maschinen vorgeschrieben wurden.
Es handelte sich nicht um einen Angriff auf die Produktion aus ökonomischen Gründen, sondern vor allem um die gewaltsame Reaktion der Textilarbeiter (zu denen sich bald auch andere gesellten) auf die versuchte Herabwürdigung in Form von minderwertiger Arbeit; minderwertige Waren – vor allem hastig zusammengesetzte „Cut-ups“ – waren das eigentliche Problem.
Die Offensiven der Ludditen fielen zwar in der Regel mit Zeiten des ökonomischen Abschwungs zusammen, aber das lag daran, dass die Arbeitgeber diese Zeiten oft nutzten, um neue Produktionsmethoden einzuführen. Es stimmt aber auch, dass nicht alle Zeiten der Not zum Luddismus führten, denn der Luddismus trat auch in Gebieten auf, die nicht besonders von der Krise betroffen waren. Leicestershire beispielsweise war am wenigsten von den schweren Zeiten betroffen und produzierte Wollwaren von höchster Qualität. Leicestershire war ein starkes Zentrum des Luddismus.
Sich zu fragen, was an einer Bewegung so radikal war, die „nur” die Einstellung betrügerischer Arbeit zu fordern schien, bedeutet, die innere Wahrheit der damals von allen Seiten getroffenen gültigen Annahme über den Zusammenhang zwischen Maschinenstürmerei und Aufruhr zu übersehen. Als ob der Kampf des Produzenten um die Integrität seines Arbeitslebens geführt werden könnte, ohne den gesamten Kapitalismus in Frage zu stellen. Die Forderung nach der Beendigung betrügerischer Arbeit wird zwangsläufig zu einer Katastrophe, zu einem Kampf um alles oder nichts, soweit sie verfolgt wird; sie führt direkt zum Kern der kapitalistischen Beziehung und ihrer Dynamik.
Ludditenorganisation
Ein weiteres Element des Ludditenphänomens, das im Allgemeinen mit Herablassung behandelt wird, indem man es ganz ignoriert, ist der organisatorische Aspekt. Wie wir alle wissen, schlugen die Ludditen wild und blind um sich, während die Gewerkschaften/Syndikate die einzige organisierte Form für die Arbeiter darstellen.
Tatsächlich organisierten sich die Ludditen jedoch lokal und sogar auf föderaler Ebene, unter Einbeziehung von Arbeitern aller Berufe, mit einer erstaunlichen Koordination. Sie mieden eine entfremdende Struktur, ihre Organisation war ohne Zentrum und existierte weitgehend als „unausgesprochener Kodex”; es handelte sich um eine nicht manipulative, gemeinschaftliche Organisation, die sich selbst vertraute.
All dies war natürlich wesentlich für die Tiefe des Luddismus, für die Anziehungskraft an seinen Wurzeln. In der Praxis „konnten weder die Aktivitäten der Magistrate noch große militärische Verstärkungen die Ludditen abschrecken. Jeder Angriff zeugte von Planung und Methodik”, erklärte Thompson, der auch ihre „hervorragende Sicherheit und Kommunikation” lobte.
Ein Armeeoffizier in Yorkshire erkannte, dass sie „ein außergewöhnliches Maß an Zusammenhalt und Organisation” besaßen. William Cobbett schrieb 1812 in einem Bericht an die Regierung: „Und genau dieser Umstand wird das Ministerium am meisten verwirren. Sie können keine Anstifter finden. Es ist eine Bewegung des Volkes selbst.“
Trotz Cobbetts frustrierten Kommentaren kam den Behörden jedoch die Führung der Ludditen zu Hilfe. Ihre Bewegung war nicht vollständig egalitär, obwohl dieses Element vielleicht näher an der Wahrheit lag als ihre Einschätzung, wie viel in ihrer Reichweite lag und wie knapp es ihnen entging. Natürlich ging die „politische Raffinesse“ mit der Zeit am effektivsten von den Anführern aus, genauso wie sich in einigen Fällen aus ihren Reihen Kader der Gewerkschaften/Syndikate entwickelten.
In den „vorpolitischen” Tagen der Ludditen – die sich nun auch in unseren „postpolitischen” Tagen entwickeln – hassten die Menschen ihre Herrscher offen. Sie jubelten über Pitts Tod im Jahr 1806 und noch mehr über die Ermordung Percevals im Jahr 1812. Diese Feierlichkeiten zum Tod von Premierministern zeugten von der Schwäche der Vermittlung zwischen Herrschern und Beherrschten, vom Mangel an Integration zwischen beiden.
Die politische Emanzipation der Arbeiter war sicherlich weniger wichtig als ihre industrielle Emanzipation oder Integration via Gewerkschaften/Syndikate; aus diesem Grund verlief sie langsamer. Dennoch ist es wahr, dass die intensiven Bemühungen, die Bevölkerung für legale Aktivitäten zu interessieren, nämlich die Bemühungen, die Wählerbasis des Parlaments zu verbreitern, ein starkes Mittel zur Befriedung waren.
Cobbett, der von vielen als der mächtigste Pamphletist der englischen Geschichte bezeichnet wird, veranlasste viele Menschen, sich den Hampden Clubs anzuschließen, um eine Wahlreform zu erreichen, und war laut Davis auch für seine „offene Verurteilung der Ludditen” bekannt.
Die schädlichen Auswirkungen dieser spaltenden Reformkampagne lassen sich teilweise ermessen, wenn man frühere robuste Demonstrationen der Wut gegen die Regierung wie die Gordon Riots (1780) und die Mob-Angriffe auf den König in London (1795) mit Massakern und Fiaskos wie den „Aufständen” von Pentridge und Peterloo vergleicht.
Arbeit und Gewerkschaftswesen/Syndikalismus/Unionism
Um jedoch zum Schluss auf grundlegendere Mechanismen zurückzukommen, stehen wir erneut vor dem Problem der Arbeit und des Gewerkschaftswesens/Syndikalismus/Unionism. Letzteres wurde, wie man zugeben muss, durch die effektive Trennung der Arbeiter von der Kontrolle über die Produktionsmittel dauerhaft etabliert – und natürlich trug das Gewerkschaftswesens/Syndikalismus/Unionism selbst, wie wir gesehen haben, entscheidend zu dieser Trennung bei.
Einige, darunter sicherlich auch die Marxisten, sehen diese Niederlage und ihre Form, den Sieg des Fabriksystems, als ein unvermeidliches und wünschenswertes Ergebnis, obwohl selbst sie zugeben müssen, dass die Ausführung der Arbeit auch heute noch einen wesentlichen Teil der Leitung des industriellen Betriebs ausmacht. Ein Jahrhundert nach Marx sah Galbraith die Garantie für das System der Produktivität gegenüber der Kreativität in der grundsätzlichen Verzichtserklärung der Gewerkschaften/Syndikate auf jegliche Ansprüche in Bezug auf die Arbeit selbst.
Aber Arbeit ist, wie alle Ideologen spüren, ein Bereich, der für Fälschungen verschlossen ist. Arbeitsaktivitäten sind der Kern, unempfindlich gegenüber dem Eindringen von Ideologie und ihren Formen, wie Vermittlung und Repräsentation. Daher ignorieren Ideologen den unaufhörlichen universellen Kampf der Ludditen um die Kontrolle über die Produktionsprozesse. Daher ist der Klassenkampf für den Produzenten etwas ganz anderes als für den Ideologen.
In der frühen gewerkschaftlichen/syndikalistischen Bewegung gab es ein hohes Maß an Demokratie. Weit verbreitet war beispielsweise die Praxis, Delegierte nach dem Rotationsprinzip oder durch Los zu bestimmen. Was jedoch nicht legitim demokratisiert werden kann, ist die tatsächliche Niederlage, die dem Sieg der Gewerkschaften/Syndikate zugrunde liegt und sie zu einer Organisation der Komplizenschaft, zu einer Verhöhnung der Gemeinschaft macht. Die Form auf dieser Ebene kann den Gewerkschaftswesen/Syndikalismus/Unionism, den Vermittler der Akzeptanz und Aufrechterhaltung einer grotesken Welt, nicht verschleiern.
Die marxistische Quantifizierung erhebt die Stundenleistung über die Schöpfung als das höchste Gut, während Linke ebenfalls die wahre Geschichte der Ludditen (das Ende der direkten Macht der Produzenten) ignorieren und es so unglaublicherweise schaffen, Gewerkschaften/Syndikate als das einzige zu befürworten, was „ungeschulte” Arbeiter haben können.
Der Opportunismus und Elitismus aller Internationalen, ja sogar die Geschichte des Linkstums (A.d.Ü., leftism), sieht ihr Produkt schließlich im Faschismus, wenn die angesammelten ideologischen Beschränkungen ihr Ergebnis bringen. Wenn der Faschismus erfolgreich an die Arbeiter appellieren kann, als Beseitigung von Hemmungen, als „Sozialismus der Aktion“ usw. – als revolutionär –, sollte klar gemacht werden, wie viel mit den Ludditen begraben wurde und was für eine schreckliche Anti-Geschichte begonnen wurde.
Es gibt diejenigen, die die wachsende Krise von heute erneut als „Zeitalter des Übergangs“ bezeichnen – in der Hoffnung, dass sich alles zu einem weiteren Sieg über die Ludditen wenden wird. Wir sehen heute die gleiche Notwendigkeit, Arbeitsdisziplin durchzusetzen wie in der früheren Zeit, und gleichzeitig das gleiche Bewusstsein der Bevölkerung für die Bedeutung von „Fortschritt“.
Aber möglicherweise können wir jetzt alle unsere Feinde umso klarer erkennen, sodass diesmal der Übergang in den Händen der Schöpfer liegen kann.
Ausgewählte Bibliografie
Popular Disturbances and Public Order in Regency England, Frank Darvall
The English Common People, 17441946, G.D.H. Cole und Raymond Postgate
The Risings of the Luddites, Frank Peel
History of Trade Unionism, Sidney und Beatrice Webb
The Making of the English Working Class, E.P. Thompson
The Skilled Labourer, John und Barbara Hammond.
[Veröffentlicht in „Anarchismo” Nr. 73, Mai 1994, S. 17-22]
1 A.d.Ü., Linkstum