Artikel veröffentlicht auf Freedom, die Übersetzung ist von uns.
Iranische Anarchistinnen und Anarchisten: Der Aufstand ist „echte Selbstorganisation von ganz normalen Leuten“
Welt, 5. Januar
Interview mit Mitgliedern der Anarchist Front, einem Kollektiv, das Infos über Ereignisse im Iran, in Afghanistan und Tadschikistan verbreitet
~ Gabriel Fonten ~
Der Aufstand im Iran geht schon über eine Woche. Es ist nicht nur ein ökonomischer Protest, sondern auch eine praktische Revolte gegen die ganze Logik der Staatsmacht. Die Leute haben die Kontrolle über die Straßen gestört, die Symbole der Repression zerstört und sich gegen Kugeln gewehrt. Das ist genau Anarchie in Aktion: Lähmung der Regierungsmaschinerie von unten, ohne dass sofort eine neue Macht an ihre Stelle treten muss.
Das Regime hat mit direkten Schüssen, Razzien in Krankenhäusern und Massenverhaftungen reagiert, aber die Niederschlagung ist bisher gescheitert. Durch sporadische und flexible Taktiken (Autos anzünden, Kameras zerstören und Versandwege blockieren) wurde die Macht vom Zentrum an den Rand verlagert und ein Raum für echte Selbstverwaltung geschaffen: Massenspenden, Verteidigung von Krankenhäusern und direkte Verbreitung von Infos ohne Zwischenhändler.
Um mehr zu erfahren, haben wir ein paar Fragen an die Anarchist Front geschickt, ein Kollektiv, das Infos über Ereignisse im Iran, in Afghanistan und Tadschikistan verbreitet.
Wie groß ist die Unterstützung für die Streiks in der Bevölkerung?
Die Unterstützung für radikale Streiks und Proteste im Iran ist extrem groß. Von den zweiunddreißig Provinzen des Iran haben sich nur zwei oder drei nicht an diesen Streiks und Protesten beteiligt.
Wie würdest du den aktuellen Generalstreik im Iran beschreiben? Was hat den Streik ausgelöst?
Im Moment finden Streiks und Proteste gleichzeitig statt, und die Lage spitzt sich schnell zu. Was als friedliche Schließung des Großen Basars von Teheran durch Ladenbesitzer begann, wurde nach dem Eingreifen der Sicherheitskräfte gewalttätig. Von dort aus breiteten sich die Proteste schnell auf Städte im ganzen Land aus.
Im Zentrum dieser Unruhen stehen unerträglicher ökonomischer Druck und eine galoppierende Inflation, die das tägliche Leben für große Teile der Gesellschaft unmöglich gemacht haben. Die ersten Streiks gab es bei den Handyverkäufern, ausgelöst durch das Chaos der schwankenden Wechselkurse und die steigenden Kosten für importierte Waren.
Diese Proteste sind komplett spontan und selbst organisiert. Es gibt keine Führung, keine politische Fraktion, die sie leitet, und kein zentrales Kommando, das Befehle erteilt. Das ist Wut, die direkt von der Basis kommt.
Gleichzeitig versucht der Sohn des ehemaligen iranischen Königs erneut, aus der Situation Kapital zu schlagen. Immer wenn es im Iran zu Protesten kommt, beeilt er sich, sie für sich zu beanspruchen. Zwar hat er einige Unterstützer im Land, doch die überwiegende Mehrheit seiner Anhänger lebt im Ausland. Abgesehen von den Royalisten hat die jahrzehntelange Repression durch die Islamische Republik die Möglichkeit, dass andere organisierte Oppositionskräfte im Land entstehen, praktisch zunichte gemacht.
Wie werden die Proteste organisiert und welche Gruppen versuchen, davon zu profitieren?
Diese Welle begann mit der Schließung von Märkten als Reaktion auf den katastrophalen Zusammenbruch des Rial, die extreme Inflation, steigende Steuern und die völlige Unfähigkeit des Regimes, die ökonomische Krise zu bewältigen. Sie verwandelte sich schnell in eine angesammelte Wut gegen die gesamte Machtstruktur. Slogans wie „Tod für Khamenei“ und „Basij, Sepah, ISIS – ihr seid alle gleich“ zeigen, wie tief diese Wut geht.
Die Hauptursachen sind der totale ökonomische Zusammenbruch des Regimes, der auf systemische Korruption, massive Militärausgaben und ausländische Sanktionen zurückzuführen ist. Die Sanktionen sind aber nur ein Vorwand, den das Regime nutzt, um die Repression zu rechtfertigen.
Naziabad
Die Organisation ist weitgehend horizontal und dezentralisiert: über soziale Netzwerke, lokale Aufrufe von Basarhändlern und die organische Ausbreitung der Wut auf der Straße – ohne einen zentralen Anführer oder eine leitende Partei. Genau darin liegt ihre Stärke: echte Selbstorganisation von einfachen Menschen gegen die Herrschaft.
Hierin liegt jedoch auch die Gefahr. Exilierte Oppositionsgruppen – vor allem Royalisten, die mit Reza Pahlavi zusammenarbeiten – sind auf den Plan getreten und versuchen, diesen Volksaufstand zu kapern. Durch Aufrufe aus dem Ausland bringen sie Slogans wie „Lang lebe der Schah“ ins Spiel, um die Proteste in Richtung der Wiederherstellung einer weiteren Erbmonarchie zu lenken – einer Monarchie, die früher das Volk durch die SAVAK und blutige Repression unterdrückt hat und nun versucht, durch diplomatisches Lächeln und leere Versprechungen wieder an die Macht zu kommen.
Neben diesen Gruppen unterstützen auch Anarchistinnen und Anarchisten, Teile der Kommunisten, Teile der Liberalen und Republikaner diese Bewegung und könnten vom Sturz der Islamischen Republik profitieren.
Unterdessen versuchen Teile der Islamischen Republik selbst, diesen Aufstand als interne Reformbewegung darzustellen, um das Regime in abgewandelter Form zu erhalten.
Könnt ihr euch als Kollektiv vorstellen: Woher kommt ihr, was ist euer Ziel, wie seid ihr organisiert?
Die Anarchist Front ist die neueste Form eines Weges, der 2009 begann – ein Weg, der von vielen Höhen und Tiefen geprägt war, von The Voice of Anarchism bis zur Federation of the Era of Anarchism. Heute, mit einer erneuerten Struktur, die erfahrene Gefährten und Gefährtinnen und neue Kräfte zusammenbringt, legen wir erneut den Schwerpunkt auf Selbstorganisation und radikalen Kampf – sowohl bei der Schärfung des politischen Bewusstseins als auch bei der aktiven Förderung und Unterstützung von Kämpfen vor Ort.
Die Anarchist Front gründet sich auf die Prinzipien der Solidarität, des Antiautoritarismus und des unerbittlichen Widerstands gegen alle Formen der Herrschaft. Wir wollen die bestehende Ordnung nicht reformieren, sondern zerstören – damit keine Macht, keine Klasse und keine Grenzen mehr bestehen. Unser Kampf hat seine Wurzeln in den historischen Protesten und Widerständen der Menschen im Iran und in Afghanistan, ist aber gleichzeitig tief mit der globalen anarchistischen Bewegung verbunden.
Obwohl unser Hauptaugenmerk auf dem Iran und Afghanistan liegt, reicht unser Horizont weit über Grenzen hinaus. Wir streben nach einer Welt, in der Freiheit, Gleichheit, Solidarität und echte gegenseitige Hilfe verwirklicht sind – ohne jede Form von Herrschaft oder Ausbeutung. Für uns ist Anarchismus nicht nur eine Theorie, sondern eine Lebensweise, eine Aktion und der Prozess des Aufbaus einer Welt, die frei von Macht, Repression und Lügen ist.
Ein Großteil eurer Berichterstattung konzentriert sich auf Gewalt gegen Frauen. Seht ihr das als Teil des aktuellen Streiks?
Heute sind Frauen, Studierende und Jugendliche aktiv auf den Straßen präsent. Sie bildeten den sozialen Kern der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“. Daher ja – die aktuellen Streiks stehen im Einklang mit den Forderungen der Mahsa-Bewegung und den Kämpfen für Frauenrechte.
Wir glauben, dass diese Bewegung, während sie den Geist von „Frau, Leben, Freiheit“ bewahrt, auch passiveren und konservativeren Teilen der Gesellschaft die Möglichkeit gegeben hat, sich dem kollektiven Kampf gegen die Islamische Republik anzuschließen und sich mit anderen zu vereinen.
Trauerzug für den Demonstranten Ismail Qureshindi
Unser Hauptanliegen – abgesehen von der Konfrontation mit der kriminellen Islamischen Republik, die allein letzte Nacht mehr als sieben Menschen in unserer Region getötet hat – ist die Konfrontation mit royalistischen Strömungen, die die Bewegung infiltriert haben und die Situation ausnutzen. Ihre frauenfeindlichen Tendenzen sind sowohl in ihren Diskursen als auch in ihrer Praxis deutlich zu erkennen.
Wie ist die Lage des Anarchismus im Iran und in Afghanistan, und welchen Herausforderungen sehen sich Aktivisten gegenüber?
Drohungen, Vorladungen, Schläge, Morddrohungen, Inhaftierungen und sexuelle Gewalt sind Realitäten, mit denen Anarchistinnen und Anarchisten in den letzten zwei Jahren und auch schon davor konfrontiert waren.
Allein in den letzten fünf Monaten wurden zwei unserer Gefährten verhaftet und vier weitere vorgeladen. Die Bedingungen im Iran sind für uns extrem gefährlich. Derzeit ist einer unserer direkten Gefährten von der Anarchist Front, Afshin Heyratian, im Evin-Gefängnis inhaftiert. Andere anarchistische Gefährtinnen und Gefährten sind in Gefängnissen in der Provinz Yazd inhaftiert.
Wir hoffen, dass wir durch unseren Kampf unsere Gefährten und Gefährtinnen befreien und sichere Bedingungen für uns selbst schaffen können.
Siehst du die Gefahr einer ausländischen Intervention im Iran? Was wäre das Ergebnis?
Wie bereits erwähnt, sind Royalisten und Anhänger von Reza Pahlavi stark von westlichen Mächten abhängig. Zusammen mit anderen Teilen der Opposition haben sie Bedingungen geschaffen, unter denen westliche Regierungen – unter dem Deckmantel, dem iranischen Volk zu helfen – offen über militärische Angriffe oder Medieninterventionen im Iran diskutieren.
Trump und Netanjahu haben den Iran wiederholt mit militärischen Aktionen bedroht, insbesondere in Zeiten aktiver Proteste.
Wir nutzen diese Gelegenheit, um unsere absolute und bedingungslose Ablehnung jeglicher militärischer Besetzung oder ausländischer Intervention westlicher Staaten im Iran – auf jeder Ebene und in jeder Form – zu bekunden.
So wie wir während des zwölftägigen Iran-Israel-Konflikts in den Bereichen Berichterstattung, gegenseitige Hilfe und Widerstand innerhalb des Iran präsent waren, betonen wir, dass wir im Falle einer ausländischen Intervention sowohl den Willen als auch die Bereitschaft haben, uns dieser entgegenzustellen.
Wir sind eine lokale Kraft, die sich aus horizontalen und vielfältigen Netzwerken von Anarchistinnen und Anarchisten zusammensetzt, die zuvor innerhalb der Föderation der Ära des Anarchismus organisiert waren. Wir sind keine primär militaristische Gruppe. Je nach den zukünftigen Entwicklungen können wir jedoch neue Positionen einnehmen und uns entsprechend vorbereiten.
Wir sehen die iranische Gesellschaft insgesamt nicht als begierig nach einer ausländischen Intervention an.
Wie können Menschen im Ausland sich über die Ereignisse im Iran und in Afghanistan auf dem Laufenden halten?
Wir bieten Echtzeitberichterstattung und Organisation auf Persisch. Unsere Reporter stehen in direktem Kontakt und sind physisch in den großen iranischen Städten präsent. Am Ende jedes Tages veröffentlicht die Nachrichten- und Journalismusplattform der Anarchistinnen und Anarchisten einen umfassenden Tagesbericht auf Persisch.
Darüber hinaus veröffentlichen wir täglich Nachrichten auf Italienisch, Spanisch (Argentinien), Arabisch, Englisch und gelegentlich auf Deutsch und Schwedisch. Es gibt auch eine Plattform für Gefähtinnen und Gefährten aus nicht-persischsprachigen Ländern, einschließlich einer internationalen Koordinierungsgruppe. Wir bekommen Berichte aus der ganzen Welt und agieren als anarchistische politische Kraft, die während der anhaltenden Krisen Solidarität und Unterstützung bietet.
Was Afghanistan und Tadschikistan betrifft: Unsere Gefähtinnen und Gefährten sind in Afghanistan präsent, und wir haben auch Gefähtinnen und Gefährten in Tadschikistan. Ähnlich wie im Iran engagieren wir uns in diesen Regionen sowohl in der Nachrichtenarbeit als auch in praktischen Aktionen.
Unsere letzte Forderung ist das anhaltende Bewusstsein freier Menschen aller Richtungen auf der ganzen Welt. Wir bitten sie, ihre Augen nicht von den spezifischen Bedingungen im Nahen Osten und Nordafrika – insbesondere im Iran und in Afghanistan – abzuwenden und sich gegen falsche Informationen, irreführende Narrative und große Erzählungen zu wehren, die die Gesellschaft, ihre Dynamik und ihre Forderungen aus der politischen Analyse ausblenden.
Wir rufen auch zu Solidarität und gegenseitiger Zusammenarbeit auf.